WER OHNE SÜNDE IST, WERFE DEN ERSTEN STEIN.*

 

Nr. 260

[Erster Hauptsatz]

Wenn jeder die Schuld bei sich suchen würde, wären die Täter schnell gefunden. Selbstverständlich ist man nicht an allem schuld, aber an viel mehr, als man anzunehmen bereit ist. Ob wir es glauben oder nicht: wir sind die Wähler der Regierung oder die Nichtwähler der anderen Regierung, wir sind die Konsumenten, wir sind auch die Produzenten. Wir sind auch die Produzenten jenes Mülls, den wir nicht vor unserer Haustür verbrennen lassen wollen. Wir sind auch die Kinder jener Eltern und die Eltern jener Kinder, deren Heim wir nicht in unserer Straße haben wollen, weil andernfalls der Wert unsrer Häuser sinkt. Es ist uns nicht klar, dass der Wert unserer Häuser unsere Kinder sind. Der Grund, dass auf der einen Seite Bausubstanz verkommt, um auf der anderen Seite Papphäuser und grauingraue Sichtbetonfassaden zu bauen, sind wir.

Geld kann doch nur immer wieder versuchen, die Welt zu regieren, weil wir uns nicht regieren wollen. Auch Dinge eignen sich, geliebt zu werden und uns dominieren zu wollen. An Hitler mag auch unsere schlechte Erziehung schuld gewesen sein, aber haben wir uns ihr widersetzt?

Zu denken, dass die anderen schuld sind, ist nicht nur leichter zu ertragen, sondern immer auch Konsens mit den anderen, die ja wieder andere meinen. Auch hier ist es so: der Zeitgeist sind wir selbst, deshalb heißt er ja auch so.

Wenn es jetzt so scheint, dass die Botschaft zweitausend Jahre lang nicht gehört wurde, so ist dieser Eindruck doppelt falsch. Einmal ist die Kohärenz christlichen Denkens höchstens anderthalbtausend Jahre alt, wahrscheinlich denken die Menschen aber erst seit der Reformation und der Verbreitung gedruckter Bibeln und Kommentare über einzelne Sätze nach. Zum anderen, und das wird noch viel mehr und leichter übersehen, hat sich ganz viel geändert. Zwar gab es in Europa zwei dreißigjährige Kriege, aber sie sind auch eher die Ausnahme gewesen. Gleich nach dem zweiten Krieg (1914-1945) fand aber das Wunder einer krieg- und gewaltlosen Befreiung eines riesigen Volkes unter einem jesusanalogen Führer statt. Europa hat sich endlich, ohne die Herrschaft einer Staatskirche, auf seine Wurzeln als christliches Abendland besonnen. Seine Anziehung, sicher mehr aus wirtschaftlichen als politischen Gründen, ist so groß, dass die eigenen unaufgeklärten Bevölkerungen Angst vor Überfremdung haben. Dahinter steckt vielleicht die alte Angst vor dem Hunger und dem Krieg.

Die Frage ist doch, was mit Sünde gemeint sein kann, wenn man den engen kirchlich-theologischen Kontext einmal unbeachtet lässt. Ist es tatsächlich die Einhaltung von historischen Regelwerken? Immer schon gab es biologistische Ansätze, die freilich auch die Natur auf enge Formeln herunter gezoomt haben. Wer Evolution mit Konkurrenz und Mord und Totschlag gleichsetzt, kann Solidarität, Empathie und Kindchenschema nicht erkennen. Letztlich liegt in solchem Ansatz wieder nur die alte Schuldzuweisung: in mir ist das Gute, aber das Böse ist draußen. der Wolf ist böse und das Rotkäppchen ist schutzbedürftig. Gerade am alten Feind des Menschen, am Wolf, kann man zeigen, dass ‚Feind‘ ein inneres, kein äußeres Problem ist. Feind ist nur ein anderes Wort für Angst. und weil wir alle Angst haben, ist der Wolf der beste Gefährte des Menschen geworden, seine Eürde allerdings wird nicht durch seinen Nutzen gefährdet, sondern durch sein überaufmerksames und dankbares – hündisches – Wesen. Viele Menschenkinder sind schon von Wölfen aufgezogen worden, darunter auch legendäre.

Und weil wir alle Angst vor uns selbst haben, wollen wir richten, wenn jemand im Moment schlechter gehandelt hat als wir oder wenn er, anders als wir, dabei ertappt wurde, die Regeln nicht eingehalten zu haben. Aber wir alle halten die Regeln nicht ein, deshalb überholen sich Regeln auch regelmäßig. Sie sind historisch.

Wer die zurzeit geltenden Regeln nicht einhält, bestraft sich selbst. Die erste Strafe ist, dass er nicht erfolgreich handeln kann. Die Ehebrecherin (steinigen!) widerspricht der von ihr selbst oder ihrer Familie getroffenen Auswahl genetischer Folgerichtigkeit. Allerdings kann der Ehebruch auch eine Korrektur dieser Folge sein. Dann würde durch die Ermordung der Untäterin die Zukunft der Familie und der Gruppe gefährdet. Der Dieb, als zweites Beispiel, schädigt befreundete oder sogar verwandte Familien oder Gruppen und damit, gemäß dem Allmende-Dilemma, sich selbst. Aber zweitens leben die Untäter mit einem schlechten Gewissen, ohne Erfolgsfreude, zunehmend geächtet. Die Untat selbst ist die Strafe. Es bedarf keiner weiteren Strafe, Schon deshalb nicht, weil sie kein Mensch verhängen kann und darf.

Die Angst, dass in der Welt, die nach diesem Satz gestaltet würde, die Mörder frei herumlaufen könnten und Wiederholungstäter ohne Ende sein könnten, ist ganz überflüssig. Natürlich können wir in einer durch Strafen und Amtsanmaßung (jedes Amt ist eine Anmaßung) geschädigten Welt nicht mit einer Amnestie für Mörder und Kinderschänder anfangen. Wir können gar nicht mit Amnesie anfangen, sondern im Gegenteil, wir müssen uns erinnern, woran wir schuld sind. Wir müssen lernen, dass es das Böse wahrscheinlich nicht als Substanz, als Erbmasse, genetischen Fluch  oder dergleichen gibt. Wer das glaubt, ist mit dem Fingerzeigen und Steine werfen gut beraten. Das böse ist die Unterlassung des guten, die Summe der Fehlentscheidungen. wir müssen also versuchen Prävention mit Wiedergutmachung zu koppeln. Wir dürfen nicht von unserem Nachbarn verlangen, dass er das Richtige tut. Wir müssen zunehmend von uns verlangen, dass wir weniger unterlassen: nachdenken und vielleicht noch mehr empathisch handeln. Als Wort, als Begriff der Psychologie mag Empathie relativ neu sein, als Gefühl ist es so alt wie die Menschheit. Wir sollten ab sofort nur noch an uns selbst appellieren. Durch Rache erhöht sich die Summe des Bösen, der falschen Entscheidungen, des Leids. Weil es aber Untaten gibt, kann es keine Gerechtigkeit geben. Wir müssen also Gerechtigkeit als das erkennen, was sie wahrscheinlich ist, ein Ideal, das durch unser Handeln stückweise, allerdings auch nur asymptotisch verwirklicht werden kann. Dazu können uns Religion, Philosophie und Kunst ermutigen. Den Mut müssen wir dann aber selbst entwickeln und anwenden. Noch im kommenden Jahrzwanzigst werden wir, möglicherweise durch kritische Situationen im Iran, in Israel und in Nordkorea, die Atomwaffen abschaffen. Das wird ein gewaltiger Meilenstein zur Abschaffung der Gewalt sein. In Verwirklichung des schönen und großen Satzes wurde in den weitaus meisten Ländern der Welt die Todesstrafe abgeschafft, in der Folge sank die Anzahl der Morde. Wenn die Waffen abgeschafft werden, wird es weiniger Kriege geben. Vielleicht nennen wir diese schöne Initiative nach dem Yesus-Satz ‚Das Jesse Washington Projekt‘.

 

Yohannes 8,7

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1967.2

 

Nr. 259

Damals, 1967, gab es in beiden Deutschlands ritualisierte und ideologisierte Klassenfahrten. Die westdeutschen Realschüler und Gymnasiasten fuhren nach Berlin, Ost und West, die ostdeutschen Schüler, wir, fuhren nach Weimar. Aber fuhren wir wirklich nach Weimar? Mussten wir nicht auch im Goethehaus und Frauenplan an Buchenwald denken? Auf jeden Fall sollten wir daran denken. Diese Art Ritual unterstellt, dass sich sozusagen jedermann für oder gegen Buchenwald entscheiden konnte. Aber war es nicht vielmehr so, ohne unsere Vorfahren entschuldigen zu wollen, dass der Staat von einer Partei usurpiert worden war und, was Filbinger* später bestritt, das Unrecht plötzlich zum Recht geworden war? Meinte nicht Filbinger sich verstecken zu können hinter dem, was alle dachten? Aber dachten sie es auch 1967 noch? Wir wohnten oben auf dem Ettersberg in einer Jugendherberge, die keine war, sondern sie befahl schon wieder, wie Jugend sich wo zu benehmen und was sie zu denken hätte. Auch ohne diese harschen Anweisungen wäre niemand von uns auf die Idee gekommen, jemanden ermorden oder auch nur  diskriminieren zu wollen. In unserem Englischbuch stand das Gedicht, sein Autor war gerade in New York gestorben, I TOO AM AMERICA THEY SEND ME TO EAT IN THE KITCHEN WHEN COMPANY COMES, aber bei uns im Osten gab es keine Schwarzen, niemand war da, den man hätte diskriminieren können, um es dann zu unterlassen, aber wir jedenfalls wollten es auch gar nicht. Wenn man das Radio einschaltete, waren eher wir es, die diskriminiert wurden, einerseits als Deutsche allesamt, andererseits als moskauhörige Ostdeutsche, aber dann auch wieder als amerikagesteuerte Westdeutsche. Aber wir haben nicht sehr politisch gedacht. Wir hatten einen Politiklehrer, der uns erzählte, was sie alle taten, übrigens auch Filbinger, dass der Krieg sie politisch gemacht hätte. Mich hat der Krieg nicht politisch gemacht. Als wir Kind waren, haben die Einarmigen und Einbeinigen zum Krieg aufgerufen durch ihr Schweigen. Sie haben wieder Autorität um der Autorität willen und Waffen gegen vermeintliche Feinde  gutgeheißen. Selbst die Waffe als Metapher war allgegenwärtig. In Lehnitz drohte der Dichter, der Vater des Meisterspions und des Meisterregisseurs, ehe er sich erschoss: Kunst ist Waffe, und wir schrieben fleißig Aufsätze darüber.

Wir haben uns auch auf dieser Klassenfahrt mehr um Sex und Songs und Seele gekümmert als um Buchenwald und Kalten Krieg. Unsere Gitarre wurde aber eingeschlossen. Wir sollten trauern um das, was unsere Vorfahren angerichtet oder erduldet hatten. In Goethes Haus sollten wir lernen, dass schon Goethe im Faust den Kommunismus vorausgesehen hat: als freies Volk auf freiem Grund zu stehen…

Am 3. Dezember waren wir im Weimarer Theater und hörten das in dieser Saison vierte Sinfoniekonzert der Weimarischen Staatskapelle, in der schon Bach und Hummel und Liszt gespielt hatten. Man gab Corellis Weihnachtskonzert, Haydns Sinfonie Nr. 86 und, warum ich das überhaupt erzähle, Ottorino Respighis ‚Fontane di Roma‘ und ‚Feste Romane‘. Respighi war schon lange tot, als wir ihn in Ostdeutschland hörten, was einem Wunder gleichkommt, er hätte unser Urgroßvater sein können, aber seine Musik klang in unseren Ohren absolut modern, so wie Picasso hundert Jahre lang als der Inbegriff der Modernität und Abstraktion galt. In der Schule hörten wir in schlechten Aufnahmen auf einem Tonbandgerät namens Smaragd Musik von Hanns Eisler und Schostakowitsch. Das ist neoklassisch. Respighi dagegen hat in seinen Römischen Festen nicht nur den Osterchoral nachgeahmt, sondern auch die Karussellmusik, den Straßenverkehr, den Zirkus und den Karneval dargestellt. Im gleichen Jahr wie Gershwin seinen Amerikaner durch Paris laufen ließ, erlebte man Rom mit Fahrradklingeln und Autohupen, aber eben auch Posaunenchorälen. Sowohl dem Weimarischen Programmverfasser als auch einigen Mitschülern war das zu laut und zu vordergründig. Dabei gibt Musik immer die Welt wieder, wie sie ist. Viel zu wenig lernt man in der Schule, wie die Welt ist, also auch die Sprache der Musik, die Sprache  der Lyrik, die Sprache des Films. Vielmehr erscheint es so, als ob man lernt, wie es sein sollte oder könnte. Für mich dagegen war gerade diese Musik Programm, ein Fenster wurde aufgestoßen, Musik bildet doch die Welt ab, erfuhr ich. Als ich dann viel später das erste Mal in Rom war, habe ich genau diese Musik in Erinnerung an das denkwürdige Konzert in Weimar aus der Phase der Hochpubertät in meinem inneren Ohr gehört.

Liebe Zeitgenossinnen und Zeitgenossen,

 

als wir damals gemeinsam in unserer doppelten Echoblase saßen, in der Schule wie im Staat gefangen,  haben wir vielleicht über Ländergrenzen nachgedacht, aber nicht über Horizonte. Es war die Welt von gestern, in der wir aufwuchsen, es ist die Welt von morgen, in der wir alt werden. Auf der Straße zwischen Velten und Oranienburg überholte ich mit meinem Fahrrad, Baujahr 1928, ein Dreiradauto ‚Tempo Hanseat‘, Baujahr 1928, das Eisblöcke für Eisschränke transportierte. Mein jüngster Sohn, gerade war er doch noch Baby, erklärt mir die Probleme von KI und gutartigen bots und Astroturfing. Dagegen war Russisch weit weniger Chinesisch.   

Jetzt erst, wo wir täglich unser Schlüsselbund suchen, wird uns klarer, worin dieser verschlüsselte Lebenskreislauf besteht. Wer nur Geld angesammelt hat, steht vor dem Nichts, wer gar nichts gesammelt hat, ebenfalls. Vor einiger Zeit haben wir hier in dieser kleinen Stadt gelernt: edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Ab morgen wird zum ersten Mal eine Partei im Bundestag sitzen, die nicht hilfreich ist. Aber sind Parteien überhaupt edel und gut? Vor fünfzig Jahren haben wir vom Bundestag noch nicht einmal geträumt, von der Volkskammer bestimmt auch nicht.

Viele glauben, dass früher alles besser war. Aber heute sind wir alle viel politischer und gebildeter. Wir haben unseren Horizont über Hohen Neuendorf hinausschieben können. Wir haben ein paar Bücher mehr gelesen als ‚Wie der Stahl gehärtet wurde‘ oder ‚Die Väter‘ von Bredel. Wir haben eine tatsächliche Revolution erlebt, obwohl wir das Wort nicht mehr benutzen mögen, und damit meine ich nicht den Zusammenbruch der DDR, sondern den Aufbruch der Technik in den Minimalismus.

1967 war keine Weggabel. Der ständige Vergleich des Lebens mit Wegen und Weggabelungen stimmt nicht. Man merkt es gar nicht, wenn sich der Weg des Lebens gabelt. Man merkt vorher noch nicht einmal einen Abgrund. Man verabschiedet sich unter der S-Bahn-Brücke und sieht sich nie wieder und will nichts mehr voneinander wissen. Oder man hört etwas, um es sein ganzes Leben lang weiter und wieder zu hören, und man redet auf Klassentreffen mit genau den gleichen Menschen, mit denen man schon damals gesprochen hat. Oder man heiratet sich von der Schulbank weg und bleibt für immer zusammen, bis zur Gnadenhochzeit oder zum Gnadenschuss. Das Leben ist eher wie ein Fluss, ewig gleich und immer anders. Mäander und Sinus sind sinnverwandt. Deswegen gibt es auch in allen Völkern und Staaten die gleichen Typen, die Versager und die Vorsager, die Reichen und die Erfolgreichen, und diejenigen, die im Lotto des Lebens immer die Null gezogen haben.

An all dem kann man auch schön sehen, wie unwichtig dann doch wieder Politik ist, denn selbst Staatshymnen und Staatssysteme, die sich für unverzichtbar und zukunftweisend halten, verschwinden sang- und klanglos. Zwar hinterlassen sie Erinnerungsspuren, aber viel interessanter ist es, dass sich andere Kulturen – wie fastfood und Copyshop und Steuererklärung – fast lautlos über das brüchige Gebilde von Konsumkaufhallen, Kinderkrippen und Kulturhäusern, das sich für ewig hielt, schoben. Merkwürdig ist auch, dass sowohl Luther als auch Lenin, beide hatten 1967 und haben jetzt Jahrestag, ihren jeweiligen Anhängern einschärften: wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Zum Glück hat sich niemand länger daran gehalten, als es der staatliche Zwang gewährleisten konnte. Mit dem Zwang verschwindet auch immer der Wahn.

Deswegen hat, wer das Ende des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs östlich der Elbe erlebte, doch auch einen kleinen Vorteil: ewig und alternativlos, weiß er aus Erfahrung, ist nichts. Die S-Bahn fährt wieder. Das Haltlose verschwindet ebenso leise wie das Ewige, das Gestrige oder das Morgige. Was bleibt, ist die Musik, ist die Liebe, die Kunst und Ingenieurskunst, Geologie und Rechtskunde, die Medizin und die Landwirtschaft, also alles das, was wir unser Leben lang gemacht und getan haben. 

 Ich hoffe, ihr habt  eure Zeit genossen.

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  • baden-württembergischer Ministerpräsident, der mit Schimpf und Schande zurücktreten musste, nachdem bekannt wurde, dass er noch nach Ende des Krieges Todesurteile gegen Deserteure gefällt und vollzogen hatte und  das nachträglich zu Recht erklären wollte

1967.1

 

Nr. 258

Vor fünfzig Jahren war das Jahr 1967, und alle diejenigen, die glauben, dass die Welt gerade jetzt aus den Fugen ist, sollten sich dieses Jahr ansehen. Hamlet glaubt wie so viele Menschen, dass ausgerechnet er all dieses Chaos nicht nur erlebt, sondern ordnen soll. Und da wird der bittere Zynismus offenbar: die Welt kann nicht aus den Fugen geraten, weil sie nie in den Fugen war. Die Welt ist kein Haus, und selbst wenn sie eines wäre, würde sie das Chaos beherbergen.

Was wir damals nicht wissen konnten, war, dass Stanley Milgram sein berühmtes Kleine-Welt-Phänomen in diesem Jahr entdeckt und begründet hat. Die Idee dazu hatte der ungarische Schriftsteller Frigyes Karinthy schon 1929, aber Milgram hat es experimentell bestätigt: Die Welt ist so klein, dass sechs kommunikative Schritte ausreichen, um einmal die Welt zu umrunden. Jeder kennt jeden. Alle Menschen wären Schwestern. Wir saßen unterdessen in einem ohnehin sehr kleinen Land, in dem auch jeder jeden kannte. Heute würde man solch ein Gebilde eine Echokammer nennen. Es war eine Echokammer, die sich außerdem in den beiden Sommermonaten auf Usedom oder Rügen einfand. Wir bestätigten uns selbst. Von jenseits unserer Zäune kamen zwar ‚Geschenksendungen keine Handelsware‘, aber keine Informationen, die uns nützen konnten.

In diesem Jahr starb Ilse Koch, deren böse Existenz uns näher ging als dem Westen, wo sie im Gefängnis gesessen hatte. Vielleicht hat ihr Sohn Uwe mit uns zusammen Abitur gemacht. Sie war die Frau des berüchtigten KZ-Kommandanten zuerst von Sachsenhausen und dann von Buchenwald. Er war so korrupt und grausam, dass er selbst für die SS nicht tragbar war. Er wurde 1944 von seinen eigenen Leuten hingerichtet. Nach dem Krieg kam das Gerücht auf, dass seine Frau, nicht weniger verbrecherisch als ihr Mann, sich Lampenschirme aus tätowierter Menschenhaus hat machen lassen. Im Gefängnis bekam sie dann noch diesen Sohn, wahrscheinlich von einem Gefängniswärter. Dieses biografische Detail musste sie allerdings mit Erich Honecker teilen, der aus Dankbarkeit auch eine Gefängniswärterin heiratete. Die DDR verstand sich damals, und wir mit ihr, als antifaschistische Trutzburg. Alle Nazis waren pünktlich zum 8. Mai 1945 gestorben oder emigriert oder eines besseren belehrt.

In diesem Jahr begannen die Studentenunruhen, die zum linken Terror und zur grünen Partei, auf jeden Fall zu mehr Demokratie führten. Der Student Benno Ohnesorg war während der Proteste gegen den Schah von Persien vor der Deutschen Oper, die wir gar nicht kannten, erschossen worden. Unsere Zeitungen brüllten geradezu den Protest heraus. Der Polizist, der den friedlichen Studenten der Literaturwissenschaft erschossen hatte, war ein alter Nazi wie zwei Drittel der Westberliner Polizei. Aber nach der Wiedervereinigung stellte sich heraus, dass er von der Stasi bezahlt war. So klein ist die Welt.

In diesem Jahr lasen wir in unserem Englischbuch das berühmte Gedicht I TOO AM AMERICA von Langston Hughes. Das Gedicht schildert den Traum eines afroamerikanischen Jungen, mit seiner weißen Herrschaft am selben Tisch essen zu können. Das Gedicht wurde eine Ikone, heute steht es in allen amerikanischen Lesebüchern. In einem Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko aus demselben Jahr stirbt ein Nihilist genannter Jugendlicher als er einen Menschen rettet. Jewtuschenko las seine Gedichte manchmal in Fußballstadien. Heute wissen wir, dass das ein kalkuliertes Ventil für das Volk war. Jewtuschenko lässt einen Generationskonflikt politisch ausdeuten, plädiert aber dann dafür, den unangepassten Jugendlichen anzuerkennen, aber erst, nachdem er tot ist. Die Großmächte kämpften natürlich nicht mit Gedichten gegeneinander.

In diesem Jahr, im letzten Drittel des April, starb Adenauer, die Generäle in Griechenland putschten die Regierung hinweg und der VII. Parteitag der SED beschloss die Fünf-Tage–Arbeitswoche. Ich war am meisten beeindruckt vom Tod Adenauers, weil auf allen Westsendern den ganzen Tag klassische Musik zu hören war. Bis heute liebe ich Mozarts Adagio und Fuge c-moll, die ich an diesem Tag zum ersten Mal hörte. Die Fünftagewoche interessierte uns nicht so sehr, weil wir zur Armee mussten und dann studieren wollten. Aus heutiger Sicht war das ein Geschenk in derselben Art, wie Elena Ceaucescu kurz vor Weihnachten 1989 ihrem Mann, dem Diktator, dessen letzte Rede gerade zu kippen beginnt, zuruft: gib ihnen zweihundert mehr. Das waren zwei D-Mark. Zwei Tage später wurden beide erschossen.

In diesem Jahr machten wir das Abitur, vielleicht mit jenem Uwe Koch zusammen, aber die Nordvietnamesen schossen das 2000. US-Flugzeug ab. Wer schon einen Fernseher hatte, konnte zum Abendbrot passend das große Schlachten in Vietnam sehen. In meinem Schulatlas habe ich 1963 die Farbe von Algerien geändert, weil es nun nicht mehr zu Frankreich gehörte. Der Vietnamkrieg zog sich noch acht Jahre hin, aber er war auch der letzte Krieg, von einigen unbedeutenden Bürgerkriegen einmal abgesehen. Die Amerikaner mussten einsehen und haben eingesehen, dass Kriege sinnlos und grausam sind. Sie bezahlen heute noch Entschädigungen. Vietnam ist heute noch eins der ärmsten Länder.

In diesem Jahr im Sommer lernte ich in Ungarn meinen ersten Türken kennen. Es war ein Lastwagenfahrer aus Stuttgart, den ich für einen Bulgaren hielt. Er bezahlte mein in Ostmark umgerechnetes sehr, sehr teures Bier und bot mir an, mich in die Türkei mitzunehmen. Vielleicht wären wir beide zusammen von den Bulgaren erschossen worden. Später musste ich einmal mit hinter dem Kopf verschränkten Armen vor dem Lauf einer Kalaschnikow auf einem Schnellboot der bulgarischen Volksmarine stehend ausharren, was eine sportliche und politische Herausforderung war, denn wenn ich ein Spion gewesen wäre, dann auf der richtigen Seite.

In diesem Jahr passierte noch etwas, das bis zum heutigen Tag wirkt und fortwirkt und uns damals, wenn wir wirklich nachgedacht hätten, eines besseren hätte belehren können, als in unseren Zeitungen stand und auch von den Pfarrerskindern geglaubt wurde, so wie man eben glaubt, was schwarz auf weiß geschrieben steht. Das ist ein anderes berühmtes Ironiezitat. Israel hat im Sechstagekrieg alle seine teils mit russischen Waffen hochgerüsteten Nachbarn besiegt. Die ägyptische Luftwaffe war zum Frühstück bereits zerhackstückt, während der Vater des jetzigen syrischen Diktators verkündete, dass Israel für immer von allen Landkarten mit ebendieser Luftwaffe ausgelöscht werden wird. Niemand wird diesen Krieg verherrlichen wollen. Aber vielleicht hätten wir besser lesen sollen, dann wäre uns die Zeit bis 1989  nicht so lang geworden. Nach der Tat wissen auch die Narren Rat.

In diesem Jahr entdeckte ich erst die linke Welt, als sie schon begann sich zu verabschieden. Tamara Bunke wurde erschossen, dann Che Guveara. Stalins Tochter mit dem religiösen Namen Swetlana Allilujewa flüchtete nach Amerika. In unserer Kleinstwelt wurde im Dezember das Geld umbenannt. Es hieß nun nicht mehr Mark der Deutschen Notenbank, sondern Mark der Deutschen Demokratischen Republik. Jeder von uns sollte einmal nachrechnen, wie oft er in seinem Leben Deutsche Demokratische Republik gesagt und nicht geglaubt hat, dass sie es war. Aber nicht übertreffbar waren die Nachrichtensprecher im Osten.

In diesem Jahr erreichte die Hippiebewegung trotz der weltpolitischen Desaster ihren Höhepunkt, um es auch einmal ironisch zu sagen. Ich war zum Glück mitten in diesem Sommer auf einem Moped namens Schwalbe in der Nähe von Nietzsches Geburtsort Röcken entjungfert worden. Ich hielt dabei ein Buch von Nietzsche in der Hand, das mir ein Zahnarzt aus Schmachtenhagen geliehen hatte. Sonst hätte ich vielleicht die Kälte der beiden folgenden Winter, die ich im Norden bei der NVA verbringen musste, nicht überstanden. Dass ich nicht zur Grenze musste, verdanke ich der Mutter eines Schulfreundes, die mir vor der Musterung zuflüsterte: Sag doch einfach, dass du Westverwandte hast.

In diesem Jahr wäre uns die Zukunft wie ein Gebirgsmassiv erschienen, wie ein Dreitausender in Montenegro, wenn du mit dem Mountainbike unterwegs bist und deine Wasserflasche leer und deine Mitfahrer noch weit unten in Dalmatien, wenn wir darüber nachgedacht hätten. Kein Mensch denkt aber fünfzig Jahre weit, und er tut gut daran.

Aus der heutigen Sicht sind die letzten fünfzig Jahre zwar oft steinig gewesen, aber mehr zäh als hoch, eine leicht hügelige Ebene ohne Ende. Am Straßenrand stehen Ruinen, die aus all den Vergangenheiten auferstanden sind, und Wegweiser in unverständlichen Sprachen. Manche glauben an Verschwörungen, andere an Alternativen, wieder andere folgen den Wegweisen, die sie gefunden haben.

 

vor deinem haus ein stolperstein
hab keine angst und zittre nicht
dann wird dein laufen stolpern sein
ein wind verdeckt das gegenlicht
– nur weil es dir an mut gebricht
und weil du stolperst  – aber nicht

ZEITREISE IN DIE UCKERMARK

 

Über den Roman Vor dem Fest von Saša Stanišić

 

Am besten gefällt mir Frau Schwermuth vom Haus der Heimat. Wenn sie auch mit sich im Unreinen ist, weil sie doppelt soviel wiegt wie ihr Mann, so ist sie doch eine Zentralfigur in dem Dorf, das einmal Stadt war und das so viele offene Geheimnisse hat wie Einwohner. Ihr Sohn Johann, mit dem sie oft schimpft, könnte sogar Vorbild für die ganze regionale Generation werden: ihm geht es nicht um den Nutzen dessen, was er tut, sondern um den Sinn. Er ist Glöcknerlehrling und liebt die drei Glocken der Kirche von Fürstenfelde. Leider hat er noch kein Mädchen gefunden, das ihn so liebt, dass sie ihm seine Jungfräulichkeit nimmt, aber er hat eine Liste der Topfrauen… Ein Roman ist immer eine Zeitreise ins Anachronistische. Das hat Stanišić schon in seinem ersten Buch gezeigt, das zwischen Višegrad und Heidelberg, Vergangenheit und Gegenwart pendelte. Wer aus Višegrad stammt, ist für die Literatur geboren, wer schon einmal da war, weiß, dass man dort auch für das Morden geboren sein kann. Das stand übrigens auch schon in Ivo Andrićs großem Roman. Stanišić ist jedenfalls für die Literatur geboren. Die Sprache des Fürstenfelde-Romans ist eher am Glöcknerlehrling orientiert, bis in die falsche Satzstellung hinein wird auch die Uckermark sprachlich dargestellt, ohne sie zu imitieren oder gar zu parodieren. Hier wird niemand vorgeführt, aber schon nach ein paar Seiten erkennt man unsere Landschaft sprachlich wieder. Den Geburtenschwund erklärt die donauschwäbische, aus dem Banat vertriebene Malerin mit dem Mangel an Gaststätten. Statt dessen trinken die Männer des Dorfes in Ullis Garage und hecheln dort nach strengen Regeln die Geschichte und Geschichten durch. Ich kenne sogar einen Mann, der in seinem Kofferraum sitzt und trinkt. Die nachtblinde Malerin malt jeden Baum und die Erde, jeden Menschen und jedes Haus, die Kirche und die Tore, den Reiz und das Reizlose. Sie malte sogar einen schlafenden Neonazi und den Container für die rumänischen Erntehelfer. Trotzdem wirken ihre Bilder nicht inflationär, ihre Anwesenheit nicht erdrückend. Sie ist der Kommentar für das Dorf und die Landschaft, sie ist das Korrektiv einer allzu engen Gemeinschaft. Sie belebt das Dorf stellvertretend für die vielen Zuwanderer der jüngeren Geschichte, die Slawen, die Deutschen, die Juden, die Franzosen, die Polen, die Deutschen aus den Ostgebieten und dem Banat, die rumänischen Musiker und Erntehelfer und schließlich die Türken und die Asylbewerber in Prenzlau. Sie weiß aber auch: für die starken ist überall Heimat. Die Malerin ist auch ein Selbstporträt von   Stanišić, denn was der unbeholfene Journalist vom Nordkurier über die Malerin schreibt, das gilt auch für ihn, dessen Erinnerungen auch die unseren sind, auch wenn wir von ihnen erst durch sein Buch erfahren.

Es wird die Nacht vor dem Fest beschrieben, und durch diese Konstruktion fehlt dem Buch alles Kirmeshafte und Spektakuläre. Es ist zwar eine besondere Nacht, aber doch auch eine gewöhnliche. Herr Schramm versucht nicht das erste Mal, sich das Leben zu nehmen, denn er hat seine alte Dienstpistole wohl immer im Handschuhfach. Aber ob der Grund für seine Lebensmüdigkeit nun der nichtfunktionierende Zigarettenautomat ist oder die nichtausreichende Rente oder die Missachtung seiner früheren Tätigkeit, weder Anna, die ihn rettet, noch wir, die gespannten Leser, erfahren es. Ditzsche dagegen, den auch seine Vergangenheit als mutmaßlicher Spitzel belastet, tröstet sich mit Hühnerzucht und Zurückgezogenheit, er ist ein Beispiel für neue Vornehmheit. Eine grandiose parodistische Mikrostudie für den Zerfall des Ostblocks, aus dem sowohl Stanišić kommt wie auch die Fürstenfelder und ein Teil der Leser, ist der usbekische General, der die Raketenstellung in einen Gemüsegarten mit Sauna und angeschlossener Folklore verwandelt. Er ist weit überzeugender als die vielen tausend Seiten, die die immer wehleidigen ehemaligen Bürgerrechtler bisher rechthaberisch geschrieben haben. Denn er, der folkloristische General, ist gleichzeitig ein Symbol des Überlebenswillens nicht nur Usbekistans, sondern auch der Uckermark. Feinste Satire ist es auch, dass der Oberstleutnant Schramm bei Poppo von Blankenburg schwarz arbeitet, während das Fräulein von Blankenburg bei ihren Yoga-Übungen vom stummen, also sprichwörtlichen Voyeur begleitet wird.

Es hätte ein Schelmenroman werden können, aber es fehlt der Schelm. Auch eine Entwicklung, etwa des Glöcknerlehrlings, ist nicht zu sehen, er ist schon richtig. Seine Mutter tut das richtige, wenn sie auch mit sich unzufrieden ist. Das Dorf Fürstenfelde ist sich selbst genug, ohne dass es arrogant wäre. Es gibt sie. die Badegäste und Urlauber, aber sie werden nicht hofiert. Der spröde Charme der Uckermark hält sie trotz alledem nicht davon ab, wiederzukommen. Die Zugezogenen haben es schwer, aber auch sie bleiben nicht nur fremd.

Der Heidelberger Deutschlehrer, der das Talent von Saša Stanišić entdeckte, ist zu loben. Keineswegs stören die Migranten den Unterricht, vielmehr beleben sie ihn mit ihrer oft tieferen Einsicht, mit ihrer unkonventionellen Sprache, mit ihrem zunächst Beobachterstatus, der oft erst allmählich in einen angereicherten Insiderstatus übergeht. Eine neue Art von Ironie ergibt sich auch aus den Elementen der Jugendsprache, die in Vor dem Fest beinahe vorherrschend sind, so als wäre das Buch aus der Sicht der flüchtigen einheimischen Jugend geschrieben. Bestärkt werden wir in dieser Ansicht durch die langen rapähnlichen, jedenfalls gereimten Passagen, die aber gleichzeitig auch an Grass und Goethe erinnern. Immerhin! Diese Jugendlichen sind die wahren Migranten, wie zum Beispiel die Töchter des Tischlers, die das Haus ihres gestorbenen Vaters wie Müll beräumen lassen, denen nichts heilig ist, weder die Vergangenheit noch die vergangenen oder dagebliebenen Menschen.

Dieser Roman ist die nichtchronologische Chronik einer dünnbesiedelten, aber dennoch beinahe multikulturellen Region, die in allem, was sie tut oder lässt, grenzwertig ist. Und dennoch hat sie, nach harmlosen Heimatromanen aus dem Vorabendprgramm, auch den Rand von Weltliteratur hervorgebracht. Stanišić hat aber bekannt, dass er sich ein Dorf ausgedacht hat, von dem er dann erfuhr, dass es schon existiert: zwischen den beiden Seen.

Der Glöcknerlehrling Johann Schwermuth kann es in seiner lapidaren, an Rap und Rock geschulten Sprache am besten sagen, worauf es im Leben, in der Literatur und im Fußball ankommt: auf die Überwindung des namenlosen Nichtskönnertums durch die Voranstellung des Könnernamens: in der Fürstenfelder Kirche erklingt eine Grüneberg-Orgel, deren Name die wahre Qualität verbürgt, ein Ronaldo-Freistoß ist auch dann genial, wenn er gar nicht trifft, und ein  Stanišićroman ist ein Gütesiegel der Zukunft.

ZEITREISE AUS DER UCKERMARK

 

Stanišić liest in Fürstenwerder aus seiner Fürstenfeldechronik

 

Die ursprüngliche Idee, so erzählt Stanišić auf eine Frage hin, war ein bosnisches Dorf in der Nähe von Višegrad, in dem die Familie Stanišić seit Jahrhunderten siedelt und der Friedhof voll von ihnen ist. Dieses Dorf stirbt aus, nur noch wenige Menschen wohnen da. Die Häuser sehen aus, als ob ihre Bewohner gleich wieder kommen würden. Aber es zeigt sich: in jedem Dorf befindet sich ein virtuelles Archiv, ein Universum aus Geschichten.  Stanišić sagt, dass er sehr aufgeregt ist, weil ihm das hiesige Publikum vorkommt wie seine Tante aus seinem ersten Roman, deren strengen Blick er eine Stunde lang aushalten musste. Nicht so in Fürstenwerder, hier wird sein zweiter Roman gefeiert. Der freundliche Bäckermeister, der am Gelingen wie am Sauerteig zweifelte, fragt sich nun, ob auch genügend potentielle Touristen das wunderbare Buch lesen. Der Sohn der Leiterin des tatsächlichen Hauses der Heimat fragt sich, ob Frau Schwermuth seine Mutter ist. Aus Warbende, einem Nachbardorf mit Uwe-Johnson-Namen, kam eine Literaturkritikerin, die durch den Abend führt, und sie preist Vor dem Fest als neue, ganz starke Heimatliteratur. Die Buchhandlung von Nils Graf ist übervoll, obwohl man seinen Platz vorbestellen musste, vorher sah man viele Menschen mit einem Buch durch das Dorf, das eine Stadtmauer hat, laufen. Zugezogene und Einheimische lachen und weinen gemeinsam, es gibt Beifall, auch wenn die Szene noch gar nicht zuende ist: Stanišić liest äußerst lebhaft, arbeitet seine Bilder rhetorisch heraus, freut sich mit den Figuren, die alle in Grafs Buchhandlung anwesend sind. Der Dichter lacht: ‚Es ist so, als ob man mit seinem eigenen Buch sprechen würde…‘ Um Sympathien muss er an diesem wunderbaren Frühsommerabend nicht werben. Obwohl fast alle in diesem Raum Fürstenwerder kennen, verstehen auch fast alle, dass man das Buch viel universeller lesen kann und muss. Migration, so kann man aus dem Buch lesen, ist nicht nur die Wanderung der Menschen, sondern auch die Wandlung der Umstände, das Aussterben, das Neuhinzukommen, Steine sammeln und Steine zerstreuen. Eigentlich hat jedes Dorf eine Stadtmauer und jede Stadt einen Dorfkern. Aber dann fängt sie an zu bröckeln, sie wird durchlässig, jedoch das schadet dem Dorf nicht, das sichert vielmehr sein Überleben. In der Verurteilung der drei Tischlertöchter, die ihr Erbe zum Müll machen und es glatt ausschlagen, treffen sich die Dorfbewohner und die Leser ebenso wie in der Achtung vor dem ehemaligen NVA-Offizier, der sich in der Nacht vor dem Fest eben nicht das Leben nimmt, sondern den Zigarettenautomaten erschießt. Stanišić sagt, als er gefragt wird, dass er seine Lieblingsfigur sei, dass sie ausgedacht wäre und dass sein happy end bei den beiden Lektorinnen hart umkämpft werden musste. So gesehen ist das Buch auch ein wunderbarer Ostwestroman: weder der Oberstleutnant noch der Briefträger werden für ihre tatsächliche oder vermeintliche Schuld verurteilt. Sie müssen mit dieser Schuld leben, und sie leben. Dafür ist die rosafarbene Eierbox eine ganz neue Metapher des zweimal eltern- und heimatlos gewordenen Zuckerkranken, der in den Roman eine antike Tragödie hineinblinzeln lässt, die in der Gegenwart dennoch gut ausgeht.

Auch der Glöcknerlehrling Johann Schwermuth ist ein solches Symbol für die Zukunft, um die wir uns ja alle sorgen, die aber nicht so oft so sympathisch, offen und entwicklungsfähig dargestellt wird wie in diesem rappenden Jungen, der ein eben nicht überflüssiges altehrwürdiges Handwerk lernt und gerne ausübt. Hoffentlich werden in der Folge dieses schönes Buches viele automatische Läutewerke abgeschaltet. Vielleicht sollten wir mit den Glöcknerlehrlingen öfter über ihre Verwurzelung reden.

Gestern Abend wurde der Fuchs nur mehrfach lobend erwähnt, nicht gelesen, aber er war in den Gedanken allgegenwärtig. Die Empathie in die uns umgebende Natur, deren Teil wir sind, ist vielleicht eine der stärksten Seiten dieses Romans. In den Nachbarsgesprächen, in den Regionalzeitungen, in unserem Denken herrscht immer noch das alte Vorurteil über die Natur, über den Nutzen und den Schaden, über die Krone der Schöpfung, die der Mensch sein sollte, aber zum Glück nicht wurde, über die Verachtung der Natur, die sich in entsorgten Kühlschränken, überhaupt in Kühlschränken und allen anderen Klimaanlagen zeigt. Beim zweiten und dritten und vierten Lesen werden uns die Sorgen der Füchsin vielleicht verständlicher, näher kommen. Sie muss mit uns leben wie wir mit ihr und sieht uns nicht als Feind. Eher ist sie ein wenig ungläubig, wie wir überleben können, und wir bezweifeln es ja selbst zunehmend. Gerade Füchse sind ein Beispiel des falschen Eingreifens des Menschen, wie auch die Wölfe und die Rehe…

Wenn Vor dem Fest ein ganz neuer Typ von Heimatroman sein sollte, dann ist es auch ein ganz neuer Typ von Naturroman, beiden hängt der Ruf von Kitsch an, und den gibt es in der Fürstenfelder Weltchronik überhaupt nicht. Es hat sich eher angehört, als wäre der verlorene Sohn aus Amerika zurückgekehrt und hätte statt seiner Erlebnisse in der neuen Welt seine Erinnerungen an die alte Welt erzählt. Mit dem ‚wir‘ des Erzähltons ist nicht nur der Sohn in die Dorfgemeinschaft, sondern auch der Leser in den Roman integriert, der Dichter in die Welt. Das alles ist aber so heiter, wenn auch der Fährmann gestorben ist, wie die Welt wäre, wenn wir uns so freundlich begegneten wie die Fürstenfelder in ihrer Chronik. In Bosnien bin ich in einem Dorf in der Nähe von Višegrad hoch oben in den Bergen, wo man sein Auto vorher abstellen muss, weil die Straße unpassierbar wird, von einem alten Mann umarmt worden, einfach so, einfach nur, weil ich da war…

In Grafs Buchhandlung, gestern Abend, hat jeder die schöne Metaphorik einer neuen Sprache verstanden. Die Broschüren und Geschichtsbücher und Häuser der Heimat mögen mal schlechter, mal besser sein, die wahre Geschichte steht in den Geschichten, ob sie nun von den alten Frauen in den Spinnstuben, auf der Drinabrücke in Višegrad oder beim Fährmann in Fürstenfelde in der Nacht vor dem Fest erzählt werden.

 

L’ÉTAT C’EST MOI

 

Nr. 257

Wir wissen nicht, was genau der französische König Ludwig XIV. mit diesem legendären Satz meinte, aber wir haben die wohl allgemeingültige Interpretation, dass er meinte, er sei nicht nur der Souverän, sondern geradezu identisch mit dem Staat. Aber viele Historiker meinen, er hätte den Satz nicht gesagt. Wenn es so ist, würde ein Satz, der zu einem Menschen passt, ihm deshalb zugeschrieben, weil wir wollen, dass er ihn gesagt hätte. Das würde in unser Bild passen. Wir haben also vor den Fakten ein Bild fertig, in das die Fakten passen müssen. Ludwig XIV. war aber nicht nur der Inbegriff des Absolutismus, sondern auch der Kunstförderung. Besser als den falschen Satz sollte man sich vielleicht Merkantilismus, die Förderung des Handels, und den Bau des Schlosses Versailles merken, das dazu beitrug und beiträgt, dass Frankreich damals das reichste Land der Welt und heute das besucherreichste Land ist.

Theoretisch wurde der Absolutismus, die absolute Alleinherrschaft, vor allem in Frankreich abgeschafft, praktisch auch in Preußen, Österreich, Russland und natürlich England, und dann im Rest der Welt. Rousseau erklärte das Volk zum Souverän und den Staat zur Vereinbarung. Das ist mehr als zweihundert Jahre her.

Merkwürdig ist nur, dass so viele Menschen diese Veränderung noch nicht bemerkt haben. Sie scheinen zu glauben, dass Demokratie eine neue Art der Diktatur sei, bei der man zwar wählen kann, aber diese Wahl habe keinen Einfluss auf ihr Leben. Sie gehen lieber auf die Straße und benutzen Trillerpfeifen und Sprechchöre, um zum Ausdruck zu bringen, was sie wollen. Und was sie wollen, scheint direkt dem absolutistischen Staat entnommen: sie wollen, so wie die Menschen damals in Frankreich,  nur eine andere Führung. Unter Führung stellen sie sich jemanden vor, der ihnen Geld gibt. Auch wollen sie sich in der Zeitung lesen.  Als es noch keine Medien gab, hätten sie objektiv sein können, jetzt teilen sie unser Schicksal der Subjektivität. Eine Zeitung  nur für die Trillerpfeifenleute würde sich wohl schlecht verkaufen. Fernsehsender dieser Art gibt es zwar, aber in ihnen dominiert die Unterhaltung. Die Gegenkandidaten der gegenwärtigen Sonnenkönigin, wir bleiben in unserem Vergleich, müssen also Gegenwörter finden: Gerechtigkeit statt Wohlstand. Sicher weiß Schulz aus seiner Zeit als Bürgermeister, dass es keine Gerechtigkeit gibt. So läuft er durch das Land, wie damals durch Würselen, und sagt: Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.  Der FDP-Spitzenkandidat dagegen hat erkannt, worum es wirklich geht: einen gutaussehenden Menschen, der ständig etwas sagt, was man sich aber nicht merken muss. Die Linke Partei dagegen setzt auf eine Ikone, die immer das gleiche sagt, so dass man schon vorher weiß, dass sie auf jede Frage, auch auf die nicht gestellte, die Antwort weiß. Auch sie ist für die Abschaffung des Merkelismus, ist aber auch gegen Schulz. Wahrscheinlich träumt sie auf ihrem Fahrrad vom dritten Führer aus dem Saarland, und das wäre dann sie.  Die Grünen setzen weiter auf Sachthemen, die niemanden interessieren. Man kann ihren Niedergang fast körperlich wahrnehmen. Einzig die Rede Özdemirs im Bundestag, wo er die zornigen Trittin und Fischer (wie lange ist das her) imitiert, wurde kurz bemerkt und überzeugte Frau Martha Kienschwarz, 78, aus Bochum.

Die AfD dagegen ist eine Gruppe von Menschen, in der es plötzlich erlaubt ist, unanständige, ungebräuchliche und auch sogar unerlaubte Wörter zu sagen. Wenn man aber ernsthaft überlegt, wofür oder wogegen sie sind, fällt einem nichts ein. Vom Euro ist schon lange nicht mehr die Rede. Auch Flüchtlinge sind als Thema irgendwie weg. Bleiben nur noch die eigentlichen Nazibegriffe: völkisch, überfremdet, Untergang, Volksverräter, Volksaustausch.

Wir müssen uns endlich neu orientieren. Wir sind der Souverän: in unserem Land wird gemacht, was die Mehrheit von uns will. Wir sind, wie damals König Ludwig, auf Handel und Wandel angewiesen. Wir verdienen damit so gut, dass es fast egal ist, wer hier regiert, mit Ausnahme der AfD. Selbst Frau Wagenknecht droht ja wohl nur mit der Enteignung ihres Fahrradherstellers.

Unsinnig ist es wohl der Nation nachzutrauern, die ein temporäres Konstrukt des achtzehnten Jahrhunderts war, an dessen fast permanenter Umstrukturierung eigentlich nur die Rechten gearbeitet haben. Der erste Staat in Deutschland, der langsam und zögerlich genug die Diskriminierung des Andersseins beendete und auf den überholten Nation- und Ehebegriff langsam, sehr langsam verzichtete, war die Bundesrepublik unter Führung eines steinalten konservativen Mannes.

Die Technik unterliegt einem ungeheuren Innovations- und Geschwindigkeitswahn, unsere Begriffe stolpern mit unerlaubter Langsamkeit hinterher. Schon allein auf die Formulierung ‚Wie kann es sein…‘ fehlt uns die passende Antwort, dass nämlich, wo Menschen aufeinandertreffen, immer alles sein kann. Die Empörung ist schneller als der Fakt und jede Meinung braucht eine Mehrheit, wenn sie Wirklichkeit werden will.

Meine Wahlempfehlung lautet deshalb: erinnern wir uns, dass wir der Staat sind. L’État c’est nous!

indiviDUALITÄT

 

Nr. 256

 

Wohlstand war das Ziel unserer Gesellschaft. Dieses Ziel verloren wir aus den Augen, als wir merkten, welche Freude Wachstum bereitet. Das wurde zum Fortschritt erklärt. Wenn man sich die alte Welt als eine vernebelte Landschaft vorstellte, dann klärte sich der Nebel immer weiter auf. Jedoch warteten wir vergeblich auf die Sonne, denn statt des Nebels verstellten nun Rauchschwaden und Potemkinsche Dörfer unseren Blick.

I

Die Eisenbahn und das Automobil haben uns zwar die Freiheit der Fortbewegung gegeben. Wir sind nicht mehr an den Punkt oder Raum gebunden, an den uns ein blindwütiges Schicksal gestellt hat. Wir alle kennen viele Menschen, die ihr Dorf, ihre Kleinstadt oder aber auch die Großstadt hassten. Sie alle können jederzeit und auch für immer dorthin gehen, wo ihr Traum ist. So gesehen ist fast jeder Traum verwirklichbar. Die deutsche Sprache schenkte den Menschen weltweit das Wort für die Kehrseite der Traumverwirklichung: Heimweh. Wanderungen wurden früher stigmatisiert. Migranten galten als nicht verlässlich. Tatsächlich fehlten sie ja meist in ihrem Herkunftsort. Daran erinnern nicht nur das als Pejorativ benutzte Wort Zigeuner oder die Verfolgung aller Fahrenden (Roma, Sinti, Jenische, Traveller, Juden), sondern auch die ständige Forderung rechter Propagandisten, dass die gegenwärtigen Migranten lieber in ihrer Heimat bleiben sollen und dort kämpfen oder für den Wohlstand arbeiten. Aus der Sicht der Natives wird der Wohlstand aber gerade dadurch behindert, dass es zu viele Menschen gibt. Migration ist so gesehen immer auch ein demografisches Ventil. Die Auswanderung der europäischen Übervölkerung ist erinnerungsmäßig allerdings und leider in den Nebel geraten. Weiter übersehen wir unsere Wallfahrten in den Süden: Jedes Jahr sieht im Sommer die A 9 von oben wir ein endloser Zug von Dieselameisen aus, erst in die eine Richtung, dann in die andere. Während die Eisenbahn die Gesellschaft in drei Klassen abbildete und sie insgesamt auf Räder stellte, hat das Automobil die einzelnen Familien und Einzelpersonen isoliert. Man könnte leicht übertrieben von mentalen Faradayschen Käfigen sprechen. Zudem sind die Autos natürlich auch ein Statussymbol. Der Überfluss an Geld wird gern in solche Luxusgüter transferiert. Wir Deutschen sparen zum Beispiel, indem wir Küchenschwämme, obwohl sie bis zu fünfzig Milliarden Bakterien pro Kubikzentimeter Schwamm beherbergen, immer wieder auswaschen und damit für pathogene Mikroben umso attraktiver machen, kaufen uns aber alle paar Jahre ein neues Auto. Das ist wahrlich keine Leitkultur.

Der Wohlstand führte also tatsächlich zu einer Individualisierung, Vereinzelung, aber auch Sorgenfreiheit, Freizeit, Freiheit und dem Abbau der Menschenmenge. Erfreulicherweise traten auch alle Menschen, langsam und Schritt für Schritt in das Spektrum dieser neuen Betrachtungsweise: erst das Kind, dann die Frau, dann der Schwarze (‚woman is the nigger of the world’*), dann die Schwulen und die Linkshänder. Wieder traten wir aus einem Nebel. Aber wo ist die Sonne?

II

Auf der anderen Seite ist die Vereinzelung des Menschen auch ein Trugschluss. Der Mensch ist auf den Dialog angewiesen. Ohne diesen Dialog verkümmert er, auch wenn er biotisch überleben kann. Wir haben dafür traurige Beispiele in den wilden Kindern, die von fürsorglichen Tieren, oft Wölfen, aufgezogen wurden, aber auch in Kaspar Hauser, der von bösen oder irregeleiteten Menschen isoliert und nur materiell versorgt wurde. Sein Auftauchen und seine Beschreibung durch Anselm Ritter von Feuerbach brachte übrigens einen beträchtlichen Schub der Emanzipation des Individuums. Der Mensch ist eben nicht Eigentum und/oder Kopie der Eltern oder gar des Fürsten. Feuerbach schloss mit diesem Grund die Folter aus dem Rechtsraum aus und die Beachtung der Täterpersönlichkeit ein. Das ist nicht nur die Begründung des modernen – positiven – Rechts, sondern auch ein wesentlicher Beitrag zur Loslösung des Individuums von genetischen, politischen und religiösen Fesseln.

Die Vereinzelung ist auch ein Ausdruck der notwendigen Verzerrung unseres Weltbildes. So bezweckt das Abschließen unserer Haustüren nicht den Abbruch der Kommunikation, sondern den Ausschluss von Dieben. Immer wieder wird die Zunahme oder wenigstens die Konstanz von Wohnungseinbrüchen beklagt. Jeder, der schon einmal bestohlen wurde, weiß, dass es sich um ein traumatisches Erlebnis handelt, das auch lange noch im Traum verarbeitet wird. Materiell dagegen schädigt uns heutige Menschen Diebstahl nicht besonders. Für die meisten in unserem Teil der Welt ist Diebstahl kein existenzieller Eingriff. Der kommunikative Preis, den wir für unsere Sicherheit zu bezahlen bereit sind, ist also zu hoch.

Das Smartphone wird in beide Richtungen überschätzt. Auf der einen Seite ist der kommunikative Gewinn in einer ohnehin nach allen Seiten abgesicherten Welt nicht so hoch. Man muss im deutschen Schilderwald nicht alle paar Minuten Googlemaps einschalten. Aber es gibt Länder, in denen Schilder mit einer Frequenz von fünfzig oder hundert Kilometern stehen. Nach wie vor kann man sich einfach um vierzehn Uhr an einer Kirche verabreden und muss sich nicht alle zwei Minuten versichern, dass man auf dem richtigen Weg ist. Das Smartphone führt uns aber auch nicht in eine schreckliche Isolation, wie es von so vielen Menschen – verzerrt – vorausgesehen wird. Es gibt keinen Jugendlichen, der nicht sofort seine Ohrhörer zieht, wenn er angesprochen wird! Im Gegenteil: dadurch dass sie alle an ihren Smartphones hängen, sind sie nicht nur weltweit vernetzt, sondern auch mit einem großen Teil des Allgemeinwissens. Geschrieben wird heute weitaus mehr als früher.

In der Zeit, als die Bevölkerung eines Dorfes sich auf seiner einzigen Postkarte versammelte, war eine einzige Postkarte oft auch das einzige kommunikative Zeugnis des damaligen Kollektivwesens Mensch. Der heutige Mensch dagegen, so vereinzelt er in seinem Automobil und mit Kopfhörern auch erscheinen mag, ist immer in Verbindung mit seinesgleichen, auf dem Landweg, zur See, in der Luft oder im Äther, wie man früher zu Funkverbindungen sagte. heute sagt man noch nicht einmal mehr Funkverbindung, sondern einfach nur Netz. Das Bild des Netzes kommt aber doch von der Spinne oder vom Fischer. Es beinhaltet nicht nur die Verbindung, sondern auch die Erdung und den Dialog.

III

Es gibt keine dauerhafte Identität. Wir wissen sicher, dass, aber nicht, wer wir sind. Wir sind wie ein Haus, das einmal gebaut, nicht von alleine stehen bleibt. Ein Schiff wechselt nicht nur seine geografische Position ständig, sondern – durch Korrosion oder Kollision – seinen Aggregatzustand. Dieses Schiff, sich selbst überlassen, würde sich nicht nur in seine Einzelteile auflösen, sondern sogar in die Elemente des Periodensystems. So gesehen sind wir zu einem Hundertstel vielleicht Deutscher oder Franzose oder Slawe. Aber die anderen neunundneunzig Hundertstel oder neunhundertneunundneunzig Tausendstel würden zugunsten dieses einen Aspektes vernachlässigt. Jeder Mensch ist auch Links- oder Rechtshänder oder Beidhänder, links oder rechts oder beides, wie Frau Wagenknecht, Mann oder/und Frau, schwarz oder/und weiß, gläubig oder nichtgläubig, intellektuell oder/und emotional. Und/oder so weiter. Die bessere Beschreibung sind die Schnittmengen nach Euler und/oder Venn. Beide waren übrigens beinahe Pfarrer und/oder Mathematiker.

 

 

*John Lennon