ZEITREISE IN DIE UCKERMARK

 

Über den Roman Vor dem Fest von Saša Stanišić

 

Am besten gefällt mir Frau Schwermuth vom Haus der Heimat. Wenn sie auch mit sich im Unreinen ist, weil sie doppelt soviel wiegt wie ihr Mann, so ist sie doch eine Zentralfigur in dem Dorf, das einmal Stadt war und das so viele offene Geheimnisse hat wie Einwohner. Ihr Sohn Johann, mit dem sie oft schimpft, könnte sogar Vorbild für die ganze regionale Generation werden: ihm geht es nicht um den Nutzen dessen, was er tut, sondern um den Sinn. Er ist Glöcknerlehrling und liebt die drei Glocken der Kirche von Fürstenfelde. Leider hat er noch kein Mädchen gefunden, das ihn so liebt, dass sie ihm seine Jungfräulichkeit nimmt, aber er hat eine Liste der Topfrauen… Ein Roman ist immer eine Zeitreise ins Anachronistische. Das hat Stanišić schon in seinem ersten Buch gezeigt, das zwischen Višegrad und Heidelberg, Vergangenheit und Gegenwart pendelte. Wer aus Višegrad stammt, ist für die Literatur geboren, wer schon einmal da war, weiß, dass man dort auch für das Morden geboren sein kann. Das stand übrigens auch schon in Ivo Andrićs großem Roman. Stanišić ist jedenfalls für die Literatur geboren. Die Sprache des Fürstenfelde-Romans ist eher am Glöcknerlehrling orientiert, bis in die falsche Satzstellung hinein wird auch die Uckermark sprachlich dargestellt, ohne sie zu imitieren oder gar zu parodieren. Hier wird niemand vorgeführt, aber schon nach ein paar Seiten erkennt man unsere Landschaft sprachlich wieder. Den Geburtenschwund erklärt die donauschwäbische, aus dem Banat vertriebene Malerin mit dem Mangel an Gaststätten. Statt dessen trinken die Männer des Dorfes in Ullis Garage und hecheln dort nach strengen Regeln die Geschichte und Geschichten durch. Ich kenne sogar einen Mann, der in seinem Kofferraum sitzt und trinkt. Die nachtblinde Malerin malt jeden Baum und die Erde, jeden Menschen und jedes Haus, die Kirche und die Tore, den Reiz und das Reizlose. Sie malte sogar einen schlafenden Neonazi und den Container für die rumänischen Erntehelfer. Trotzdem wirken ihre Bilder nicht inflationär, ihre Anwesenheit nicht erdrückend. Sie ist der Kommentar für das Dorf und die Landschaft, sie ist das Korrektiv einer allzu engen Gemeinschaft. Sie belebt das Dorf stellvertretend für die vielen Zuwanderer der jüngeren Geschichte, die Slawen, die Deutschen, die Juden, die Franzosen, die Polen, die Deutschen aus den Ostgebieten und dem Banat, die rumänischen Musiker und Erntehelfer und schließlich die Türken und die Asylbewerber in Prenzlau. Sie weiß aber auch: für die starken ist überall Heimat. Die Malerin ist auch ein Selbstporträt von   Stanišić, denn was der unbeholfene Journalist vom Nordkurier über die Malerin schreibt, das gilt auch für ihn, dessen Erinnerungen auch die unseren sind, auch wenn wir von ihnen erst durch sein Buch erfahren.

Es wird die Nacht vor dem Fest beschrieben, und durch diese Konstruktion fehlt dem Buch alles Kirmeshafte und Spektakuläre. Es ist zwar eine besondere Nacht, aber doch auch eine gewöhnliche. Herr Schramm versucht nicht das erste Mal, sich das Leben zu nehmen, denn er hat seine alte Dienstpistole wohl immer im Handschuhfach. Aber ob der Grund für seine Lebensmüdigkeit nun der nichtfunktionierende Zigarettenautomat ist oder die nichtausreichende Rente oder die Missachtung seiner früheren Tätigkeit, weder Anna, die ihn rettet, noch wir, die gespannten Leser, erfahren es. Ditzsche dagegen, den auch seine Vergangenheit als mutmaßlicher Spitzel belastet, tröstet sich mit Hühnerzucht und Zurückgezogenheit, er ist ein Beispiel für neue Vornehmheit. Eine grandiose parodistische Mikrostudie für den Zerfall des Ostblocks, aus dem sowohl Stanišić kommt wie auch die Fürstenfelder und ein Teil der Leser, ist der usbekische General, der die Raketenstellung in einen Gemüsegarten mit Sauna und angeschlossener Folklore verwandelt. Er ist weit überzeugender als die vielen tausend Seiten, die die immer wehleidigen ehemaligen Bürgerrechtler bisher rechthaberisch geschrieben haben. Denn er, der folkloristische General, ist gleichzeitig ein Symbol des Überlebenswillens nicht nur Usbekistans, sondern auch der Uckermark. Feinste Satire ist es auch, dass der Oberstleutnant Schramm bei Poppo von Blankenburg schwarz arbeitet, während das Fräulein von Blankenburg bei ihren Yoga-Übungen vom stummen, also sprichwörtlichen Voyeur begleitet wird.

Es hätte ein Schelmenroman werden können, aber es fehlt der Schelm. Auch eine Entwicklung, etwa des Glöcknerlehrlings, ist nicht zu sehen, er ist schon richtig. Seine Mutter tut das richtige, wenn sie auch mit sich unzufrieden ist. Das Dorf Fürstenfelde ist sich selbst genug, ohne dass es arrogant wäre. Es gibt sie. die Badegäste und Urlauber, aber sie werden nicht hofiert. Der spröde Charme der Uckermark hält sie trotz alledem nicht davon ab, wiederzukommen. Die Zugezogenen haben es schwer, aber auch sie bleiben nicht nur fremd.

Der Heidelberger Deutschlehrer, der das Talent von Saša Stanišić entdeckte, ist zu loben. Keineswegs stören die Migranten den Unterricht, vielmehr beleben sie ihn mit ihrer oft tieferen Einsicht, mit ihrer unkonventionellen Sprache, mit ihrem zunächst Beobachterstatus, der oft erst allmählich in einen angereicherten Insiderstatus übergeht. Eine neue Art von Ironie ergibt sich auch aus den Elementen der Jugendsprache, die in Vor dem Fest beinahe vorherrschend sind, so als wäre das Buch aus der Sicht der flüchtigen einheimischen Jugend geschrieben. Bestärkt werden wir in dieser Ansicht durch die langen rapähnlichen, jedenfalls gereimten Passagen, die aber gleichzeitig auch an Grass und Goethe erinnern. Immerhin! Diese Jugendlichen sind die wahren Migranten, wie zum Beispiel die Töchter des Tischlers, die das Haus ihres gestorbenen Vaters wie Müll beräumen lassen, denen nichts heilig ist, weder die Vergangenheit noch die vergangenen oder dagebliebenen Menschen.

Dieser Roman ist die nichtchronologische Chronik einer dünnbesiedelten, aber dennoch beinahe multikulturellen Region, die in allem, was sie tut oder lässt, grenzwertig ist. Und dennoch hat sie, nach harmlosen Heimatromanen aus dem Vorabendprgramm, auch den Rand von Weltliteratur hervorgebracht. Stanišić hat aber bekannt, dass er sich ein Dorf ausgedacht hat, von dem er dann erfuhr, dass es schon existiert: zwischen den beiden Seen.

Der Glöcknerlehrling Johann Schwermuth kann es in seiner lapidaren, an Rap und Rock geschulten Sprache am besten sagen, worauf es im Leben, in der Literatur und im Fußball ankommt: auf die Überwindung des namenlosen Nichtskönnertums durch die Voranstellung des Könnernamens: in der Fürstenfelder Kirche erklingt eine Grüneberg-Orgel, deren Name die wahre Qualität verbürgt, ein Ronaldo-Freistoß ist auch dann genial, wenn er gar nicht trifft, und ein  Stanišićroman ist ein Gütesiegel der Zukunft.

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