KEINE PARTEI, SONDERN HANDELSVEREIN

 

Nr. 263

 

Wir alle wundern uns, dass die AfD kaum über andere Probleme spricht als über Flüchtlinge und Islamisierung. Der FDP-Vorsitzende Lindner vermutet, die AfDisten am Büfett statt an Sachthemen interessiert, viele halten sie für inkompetent. Es gibt immer tausend Gründe. Der Hauptgrund ist aber wohl, dass sie gar keine politische Partei ist.

Sie bedient auf der einen Seite das latente Hasspotential, die Lust zu widersprechen, die neue Möglichkeit, längst vergessen und begraben geglaubtes aus der Versenkung holen und aussprechen zu dürfen. Das Holocaust-Denkmal in Berlin hat drei Millionen Besucher im Jahr, aber es gibt auch Menschen, die es nicht verstehen. Denen spricht die AfD tatsächlich aus dem Herzen. Der Höcke-Satz, dass es kein Volk gäbe, das sich so sichtlich und erfolgreich mit seiner negativen Vergangenheit auseinandersetzt, ist in dem Sinne zu interpretieren. Anlässlich der Wehrmachtsausstellung in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Frage der Leistungen und Verbrechen der Wehrmacht diskutiert. Vielleicht sah damals mancher seinen Großvater diskreditiert. Tatsächlich hat sein Großvater Deutschland diskreditiert, in dem er einen Krieg mitmachte, der bar aller Vernunft war, gegen die Ansicht von Clausewitz, auf den man sich fälschlich berief, dass der Krieg lediglich die Fortsetzung der Politik sei. Was sind das für Nationalisten, die das eigene Volk besudeln, das sich aus der Selbstbesudelung so wunderbar hervorgehoben hat.

Auf der anderen Seite bedient sich die AfD einfach der Demokratie, um Geld zu verdienen. Insofern ist sie keine politische Partei, sondern ein sehr einseitiger und unfairer Handelsverein, Rabattjäger ohne wirklich Konsument oder gar Produzent zu sein. Die AfD-Antwort auf dieses AfD-Verhalten ist einfach: härtere Strafen, man darf das nicht durchgehen lassen, zum Schluss wird unsere gute alte Demokratie nicht nur angezweifelt, sondern autokratisiert. Sie würden, wenn sie ihr Verhalten von außen beurteilen müssten, ganz klar den Rechtsbruch erkennen und vehement bekämpfen. Genauso hat übrigens Goebbels argumentiert, als die echten Nazis den Reichstag (damals noch in Einheit von Inhalt und Form) nach und nach übernahmen: man werde die Demokratie benutzen und von innen aushöhlen.

Aber das ist gerade der Unterschied. Die Demokratie ist für alle da, auch für diejenigen, die sie aushöhlen wollen, denn sie werden damit scheitern. Deshalb ist es merkwürdig, wenn immer davon gesprochen wird, dass falsche Toleranz dies und jenes bewirke. Toleranz ist doch nur das Dulden eines anderen, unabhängig von der selbst zu wählenden Distanz. Toleranz außerhalb einer Rechtsordnung ist heute nicht mehr vorstellbar. Im Rechtsstaat wohnt niemand neben einem Mörder. Unserer Rechts- und Strafverfolgungssystem hat zur dauerhaften und nachhaltigen Senkung der Kriminalität geführt. Deutschland gehört zu den sichersten Ländern der Welt.  Was soll also falsche Toleranz sein?

Es ist die immer gleiche Diskussion, von der nur neu ist, dass sie wieder möglich wurde. Allerdings ist ihre Unmöglichkeit nicht gerade ein Ruhmesblatt für Demokratie und Diskurs, denn wir haben diese Diskussionen auch gerne ausgetreten wie einen beginnenden Waldbrand, ohne selbst zu beachten, dass wir eine hervorragend funktionierende Feuerwehr haben.

Drei Beispiele des gleichen Argumentationstyps sollen das veranschaulichen.

Unter Kinderarmut muss man sich nicht verarmende Kinder bei wohlhabenden Eltern vorstellen, was ein gutes Sujet für ein gesellschaftskritisches Theaterstück wäre, sondern die Kinder der Armen, die nicht so gut ausgestattet sind wie die Kinder der Reichen. Zu beklagen ist eine Ungleichheit in der Gesellschaft doch aber nur, wenn man sie für ungerecht hält. Die beiden hervorstechendsten Errungenschaften unserer Gesellschaft sind aber gerade die Demokratie auf der einen Seite und die mit ihr verbundene soziale Durchlässigkeit auf der anderen Seite. In Deutschland hängt immer noch viel an der Bildungsferne oder Bildungsnähe der Eltern, es ist anscheinend wichtig, was am Abendbrottisch besprochen wird, und trotzdem kann ein Mensch von ganz unten Vorstandsvorsitzender oder  Bundeskanzler werden. Das ist anders als in den USA oder im bildungsverliebten Frankreich. Die Tradition der Berufsbildung, die in Deutschland begründet wurde, ermöglicht diese soziale Mobilität und widerspricht damit dem konventionellen System der Eliteschulen. Diesterwegs Satz, dass Volksbefreiung eben Volksbildung sei, ist somit einerseits moderner als das Lamento über Kinderarmut, andererseits zeigt er die tiefe Verankerung der Demokratie, lange vor ihrer Institutionalisierung.

Die Wut im Netz, die von der AfD geschürt und teilweise ermöglicht wird, ist doch keinesfalls neu. Wieder einmal zeigt sich, dass das Medium keineswegs die Botschaft ist, Wut ist auch gar keine Botschaft, sondern eben gerade die Botschaftslosigkeit. Die Demokratie erzeugt im besten Falle eine soziale Durchlässigkeit, weniger Armut und Rechtsstaatlichkeit. Trotzdem gibt es Menschen, denen es weniger gut gelingt, am gesellschaftlichen Standard und damit am Wohlstand teilzunehmen. Die Frustrationen, die diese Menschen auch als ganz konkrete Demütigungen, zum Beispiel in Ämtern, erleiden, können sich durch die sozialen Medien einfach nur verbreiten, und es ist nicht nötig, die Erkenntnis der Echokammern hier noch einmal ausdrücklich zu erklären. Auch diese Echokammern sind nicht neu, sondern nur größer und effektiver. Aber was ist denn nicht größer und effektiver als früher? Früher war alles schlechter, aber nicht jeder hat alles gewusst. Dazu tragen übrigens bei weitem nicht nur die Medien bei, sondern auch die Freizeit und die Freiheit von Existenzangst. Ein Mensch, der aufgrund seiner mangelnden Ausbildung oder seiner Unterbeschäftigung weniger Beiträge bringt, muss natürlich nicht dankbar sein, dass er trotzdem mehr als satt wird und an großflächigen Bildschirmen das Weltgeschehen verfolgen kann, soweit er es versteht, aber es wundert doch, dass sich seine Frustration nicht in Taten, sondern in Wut entlädt und er dann auch noch AfD wählt. Das Weltgeschehen endet bei ihm oft im Grundsicherungsamt.

Immer wieder wird, um ein härteres Vorgehen gegen Sexualstraftäter oder kriminelle Flüchtlinge zu begründen, mit der Dunkelziffer argumentiert. Diese Dunkelziffer, die in Wirklichkeit keine Ziffer, sondern eine Metapher ist, kennt niemand, der Verteidiger des Rechtsstaates ebenso wenig wie sein schärfster Kritiker. Wir müssen uns also auf die bekannten Delinquenten gleichzeitig konzentrieren und beschränken. Jede Empörung geht ins Leere, wenn sie nicht in Taten, sondern nur in Pessimismus oder gar apokalyptische Wahnvorstellungen übertragen werden kann. Jeder, der für BROT FÜR DIE WELT spendet, tut etwas Gutes und damit richtiges, jeder dagegen, der mit Plakaten auf die Straße geht, auf denen die Verfolgung möglicher und zukünftiger Verbrecher gefordert wird, handelt zumindest irrational. Prävention findet nicht auf der Straße, sondern in der Schule statt, genauso wie Volksbefreiung.

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DRITTER HAUPTSATZ


 

Nr. 262

Ihr führt Krieg?

Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn?

So nehmt doch die Grenzsteine weg –

so habt ihr keine Nachbarn mehr.

 

Friedrich Nietzsche  (173. Geburtstag)

 

Und es ist noch schlimmer: hinterher weiß unsere Erinnerung, dass wir gar nicht schuld waren. Vom Kindergarten bis zum Streit ums Erbe und Erbbegräbnis: es sind immer die anderen. Der Nachbar ist die ideale Projektionsfläche des Bösen. Alles, was anders ist, ist schuldiger und dümmer als wir. Wer fremd ist, weiß den Weg nicht, den wir gerade gingen. Was zählt, ist unser Erfolg, nicht unser Preis.

Dabei ist jeder fremd, der auf die Welt kommt und mancher Preis ist das Leben. Auch der Freund ist der Fremde – zunächst und danach! Wir sind also gut beraten, auf die sanften Stimmen zu hören, auf die Güte und auf den Charakter. Sanfte Sätze und radikale Lösungen schließen sich nicht aus. Die Grenzsteine hinwegzunehmen ist genau so radikal, wie sie zu setzen. Das war die Vorbedingung für Wirtschaft und Gleichberechtigung. Die Gleichberechtigung, die in dem ersten Prozess der Sozialisation der Menschheit als Ergebnis erscheint, wird jetzt als Vorbedingung gebraucht.

Ohne Grenzsteine kann nur leben, wer andere ertragen kann, ohne sie dominieren zu wollen und ohne sich hinter sich selbst zurückzunehmen. Das ist eine Balance, die fast buddhistisch klingt.

 

Die grammatische Form des Satzes, der Imperativ: Nehmt die Grenzsteine weg!, lehrt uns, dass diese Lebensform lernbar ist. Wir sind nicht verurteilt, der Stimme unseres Blutes zu folgen, falls es sie gibt. Wir müssen nicht die Fehler unserer Ahnen ahmen. Unser Profil ist zwar weder beliebig noch so variabel wie die Profile in digitalen Netzwerken, aber doch auch nicht invariabel. Wir sind veränderbar! Die Schule der letzten tausend Jahre hat sich vor allem mit der Weitergabe von so genannten Fakten beholfen. Wo offensichtlich keine Fakten waren, hat man sie erfunden oder die Phänomene in Fakten atomisiert. Die Weitergabe von Weisheit erfordert weitaus mehr Zeit und Liebe. Für sie gibt es nur modellhafte Schulen. In einer autoritären Schule fällt es natürlich schwer zu denken, dass man sich ertragen muss. Es käme also seit Seneca darauf an, die Schule endlich umzukehren, aus einem Abbild der Vergangenheit ein Paradigma der Zukunft zu machen: die Welt ohne Grenzsteine.

All die Abgrenzungen der Vergangenheit, das Abwehren des Fremden zur Sicherung der eigenen Identitäten werden sinnlos, wenn man sich auf der anderen Seite in ein informationelles Atom einer riesigen Datenwelt verwandelt. Allerdings versuchen alle diese Atome Profile zu entwickeln, die kompatibel mit anderen sind. Es kommt darauf an, vorweisbare Freunde zu haben und dadurch möglichst viele likes. Es kann also sein, dass das Ideal der menschlichen Menschheit, die Verbrüderung und Verschwisterung, durch die Informationstechnologien und die Vernetzungen, durch den Drang zur Aktivität in den sozialen Netzwerken befördert, wenn nicht verwirklicht wird. Der analoge Fall dazu ist die Forderung der Romantik nach Poetisierung der Welt, die in der Verfilmung aller Weltbegebenheiten ihre Verwirklichung so weitgehend fand, dass man davon sprechen kannn, dass sehr viele Menschen die Wirklichkeit nur noch durch Filme und Computerspiele zur Kenntnis nehmen. Zwei schöne Ironien am Rande sind, dass Wagners Musik der Vorläufer der Filmmusik ist und dass an die Stelle von Grimms Märchen alle Arten von Fantasyerzählungen getreten sind und dass die Schreibung des eingedeutschten    französischen Wortes sich gerade von selbst anglisiert.

Die möglichen Gegenargumente sind immer dieselben: es wird eine neue Kriminalität befürchtet, die Jagd nach den kostenpflichtigen oder finanziell verwertbaren Anteilen der Profile. Das ist sicher richtig, nur liegt der Grund dafür nicht in den Maschinen und ihren virtuellen Welten, sondern in unserer Gier. Sobald uns jemand etwas anbietet, glauben wir zunächst und kurz, dass es für uns günstig sei. Wir kaufen Dinge, nicht weil wir sie brauchen, sondern weil sie vermeintlich billiger sind als dieselben Dinge wo anders oder als andere Dinge hier. Das mag gut für die Wirtschaft sein, aber wer ist die Wirtschaft, wenn nicht wir? Jedoch haben wir nicht nur eine wirtschaftliche Dimension. Die Kriminalität nimmt ab, aber sie nimmt auch in dem Maß ab, wie die Profilierung der Menschen zunimmt und wie es uns gelingt, das Geld von seinem unverdienten Thron zu stürzen.

Was ist denn die Angst vor der Transparenz anderes als ein überholter Grenzstein? Die Kriminalität wird nur als Vehikel davorgeschoben, um sich nicht zeigen zu müssen. Die Netzwerke dagegen dulden keine blassen Profile. Sie fördern aber auch das bis dahin völlig Unbekannte. Wir wussten nicht, dass der Fußballer ganz in einer Welt der Musik lebt. Wir konnten nicht ahnen, dass der Staatssekretär Sonnenuntergänge und sich mehr  liebt als Politik und Amt, wofür wir ihn jetzt mehr schätzen. Wir sehen – ohne Netzwerk –  den Nachbarn nicht als Poeten oder Fotografen, der er ist, den Schüler nicht als Gläubigen und den Kaufmann nicht als Trauernden. Natürlich gibt es auch Nationalisten und Sexisten, vielleicht auch Fundamentalisten und Rassisten. Aber sie sind im Netz genau wie in der Wirklichkeit eine verschwindend geringe Minderheit. Die Dürftigkeit ihrer Argumente wird unter der Transparenz deutlicher als im lauten Alltag. Netz und Alltag verhalten sich in diesem Punkt wie Regenguss und Reagenzglas. Der Monitor verengt zwar den Blick, aber konzentriert und vertieft ihn auch.

Die Demokratie wird sich durch vielleicht heute noch unbekannte Netzwerke verändern, weniger im Sinne einer schwerfälligen Basisdemokratie oder Graswurzelrevolution, sondern einfach im Sinne der schon immer geforderten und jetzt erst durchsetzbaren Transparenz. Das muss kein neues Demokratiemodell sein, schon gar nicht ein völlig anderes Politikparadigma, sondern einfach nur die sprunghafte Verbesserung des kopflastigen Typs der repräsentativen Demokratie, die so sehr zum verbergen im Namen des Guten, des Volkes, des Fortschritts, der Wirtschaft, ja, Gottes neigte, dass ihre Gegner links und rechts das Verbergen mit der Demokratie populistisch verwechselt haben, weil sie es verwechseln wollten.

Das antinationalistische Bild aus tief nationalistischer Zeit wird zum Aufbruchssignal in die gläserne Zeit, vor der manche noch zittern, die aber unausweichlich ist, weil ihr eine poetische Versuchung vorausweht, der man ebenso wenig widerstehen kann, wie der Freiheitsversuchung, die im Automobil lag. Die Hälfte mag Trug gewesen sein, aber die andere Hälfte, dass wir durch Mobilität die Welt kennenlernten, dass der Verbrennungsmotor, so schädlich-dilemmatisch er auch sein mag, der Motor einer wahren Weltanschauung wurde, die andere Hälfte bringt uns auf den gläsernen Berg der Transparenz, Profilierung und Brüderlichkeit.

THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE

 

Nr. 261

Zweiter Hauptsatz:

THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE shakespeare

Vom Delta-Geben

 

Ein Mann wird von einem halbwüchsigen Jungen durch den Londoner Nebel geführt. Am Ziel angekommen, fragt der Mann nach seiner Schuldigkeit, aber der Junge antwortet: ich bin doch Scout. Natürlich ist das ein Gründungsmythos voller Symbole. Der Mann wurde der erste Pfadfinder in den USA, und der Junge, wir wissen es nicht, bestimmt auch etwas bedeutendes. Warum brauchen wir immer wieder moralische Erneuerungen, neue Mahnungen, das Gute zu tun, und Erklärungen, was das Gute ist? Einmal schleifen sich eingeübte Verhaltensweisen ab, verblassen wie die Dateien, in denen sie gespeichert sind. Und zum anderen bestimmt sich auch immer wieder neu, was gut ist. Galten früher moralische Grundsätze nur regional, wollen wir sie heute global bestätigt sehen. Auch gibt es heute weitaus mehr Menschen als früher, so dass auch die Erreichbarkeit mit traditionellen Inhalten fragwürdig wird. Das gilt aber fast nur für das lange Zeit wachsende Europa. Merkwürdigerweise haben zwei ganz unterschiedliche Denker vorausgesagt, dass die menschliche Gesellschaft sich alle fünfzig Jahre so erneuert, dass die jeweils alten Menschen die Welt nicht mehr verstehen. Der eine ist Goethe, und er schrieb es in einem seiner sympathischsten Bücher, nämlich in ‚Maximen und Reflexionen‘. Es ist dies eine sehr frühe These für eine noch zu entwickelnde mentale Geriatrie: alt werden kann man nicht lernen, man muss es tun. Der zweite Denker ist Kondratieff, der zwar nicht für diese These, aber für seine Gesamttheorie erschossen wurde, weshalb wir diesen fünfzigjährigen Innovationszyklus nach ihm benannt haben. Er hat die kapitalistische Wirtschaft beobachtet und ist auf diesen Abstand der Berge und Täler sinnvollen Wirtschaftens gekommen.

α

Wir wollen das Geben probehalber in vier Kategorien unterteilen. Die erste und einzig negative Kategorie des Gebens ist das Wegnehmenlassen. Rousseaus berühmtes Beispiel, dass, wenn uns die Geldbörse gestohlen wird und wir sie dem Räuber geben, weil uns unser Leben lieb ist, dieselbe Geldbörse unser Besitz bleibt und sich also zeigt, dass es kein Recht des Stärkeren, sondern nur unrechtmäßige Gewaltanwendung gibt, der wir uns auch beugen sollten, dieses berühmte Beispiel ist so einleuchtend wie wirkungslos. Denn viele Menschen glauben sich nicht nur betrogen und bestohlen, sondern sehen sich von Stärkeren umstellt, die ihnen aufzwingen, was Recht und Ordnung zu sein habe. Selbst wer in die Demokratie flieht, glaubt weiter an Polizei und Gewalt. Wer wenig weiß, kann sich das Neue noch nicht einmal analogisch erschließen. Für ihn wird das Leben erst nekrologisch logisch. Da der Dieb meistens zu der Gruppe der Zukurzdenker gehört, ist es unwahrscheinlich, dass er aus seinem Nehmen, unserem Geben, etwas Gutes macht, wenn auch der Spruch ‚unrecht Gut gedeihet nicht‘ andersherum, als Warnung vor dem falschen Nehmen, nicht als Warnung vor dem falschen Geben, gemeint war.

β

Weit verbreitet ist die Ansicht, dass man geben sollte, um nehmen zu können. Eine Hand wäscht die andere, gut, aber was macht der Einarmige? Selbst der anthropomorphe Gott soll nach anthropomorpher Ansicht so handeln: dient man ihm, so dient er uns. Als pragmatischer Grundsatz mag die Maxime taugen, für den Verkehr mit den netten Nachbarn, für die Beantwortung der Frage, wer bezahlt den nächsten Espresso in der Betriebskantine. Aber für das Leben schon eines einzelnen Menschen reicht das Sätzchen nicht aus. Wir erleben, dass es höhere Motive, tiefere Abgründe und demzufolge weitaus kompliziertere Rechnungen gibt. Die Spieltheorie hat viel zum Verständnis des menschlichen Lebens beigetragen. Zwar ist ‚tit for tat‘ (wiedumir, soichdir) ein durchaus auch längerfristiges Erfolgsversprechen, jedenfalls erfolgreicher als Defektion (Schwinden der Kräfte, Ablehnung der Kooperation), aber im wiederholten Gefangenendilemma, wenn ich also weiß, wie der andere entscheidet, nicht tauglich. Überhaupt setzt wiedumir oder β-geben einen Anfang voraus, ist nur Antowrt auf etwas schon vorhandenes, kann also zu wenigstens fünfzig Prozent ‚gut‘ sein. Ein immer beantwortendes Verhalten lässt aber keine Neuerung zu. Irgendjemand muss vom Ulmer Münster oder über den Bosporus fliegen. Nicht jeder von uns kann Albrecht Ludwig Berblinger, der Schneider von Ulm und punktgenauer Zeitgenosse Beethovens, oder Ahmed Celebi sein, aber jeder sollte es sein wollen und können.

γ

Niemand ist frei davon zu schenken, weil er sich ander Freude des Beschenkten freuen will. Davon zeugen schon einmal die vielen Gelegenheiten und Feste, die auf Essen und Schenken beruhen. Freude bereiten heißt in diesem Sinne geben oder schenken. Es ist natürlich und legitim. Man entdeckt auch lange Zeit nicht die Kehrseite, genauso lange will man sie nicht wahrhaben. Aber der Tag kommt, an dem man erkennt, man kann weder einen Menschen mit Geschenken oder anderem Gutsein binden, noch werden diese Geschenke immer weiter die Freude auslösen, die sie beim ersten Mal erzeugten. Das Gute und das Böse lösen bei uns leider auch Gewöhnungsmechanismen aus, ja das Böse ist überhaupt nur durch sie zu ertragen. Und schon ahnt man: auch das Gute ist schwer und letztlich nur durch Gewöhnung zu ertragen. Das mentale Gefälle erscheint uns immer eher als Ungerechtigkeit denn als Ansporn. Wir jammern lieber als zu loben. Alles erscheint uns beklagenswert, auch und gerade das für den Anderen Gute. Wir wollen nicht das Gute an sich kennen, weil wir es lieber bestreiten als es zu befördern.   trotzdem: lasst uns weiter Weihnachten und Bayram Ramazani feiern und uns an den leuchtenden Augen der Beschenkten freuen. Aber lasst uns doch auch endlich aus den stumpfen Augen der Enttäuschten lernen: Es gibt nur eine art des Gebens, die keine Enttäuschung auslöst.

Δ

Der satz the more i give the more i have for both are infinite, den Julia zu Romeo sagt, erweist sich als universell. In der liebe, wie hier offensichtlich gemeint ist, ist seine Wahrheit offensichtlich. Wenngleich jeder Liebende, der zugleich auch noch ehrlich ist, eingestehen wird, dass er nicht genau weiß, ob er nicht etwa liebt, um geliebt zu werden, und dass sein Gegenüber, wenn es genau so denkt, die Differenz auch gar nicht bemerken könnte. Indessen wäre die Liebe nicht transzendent, wenn sie genauso funktionieren würde wie der Konsum. Liebe entsteht durch das Risiko, welches wir eingehen, um den anderen zu gewinnen, aber nur dadurch, dass wir ihn auch verlieren können. Merkwürdigerweise gilt das aber auch in der Wirtschaft. Der Markt ist genauso chaotisch und tragisch wie die Liebe. Am Markt und in der Liebe wird nur derjenige auf Dauer erfolgreich sein, der mehr zu investieren bereit ist als er zu gewinnen hofft. Eine reine Konsumwelt würde sich selbst aufzehren! Den Hunger zu besiegen war ein Ziel der Menschheit, nicht den Konsum oder gar das Geld zum Gott zu machen. Geben ist auch evolutionär das stärkere Prinzip. Der Geber wird geachtet und geliebt, zumindest will man seine Gene weitergeben. Reine Konsumenten sind letztlich Schmarotzer, deren belebende Bedeutung man allerdings auch nicht unterschätzen sollte. Jedoch sind nur Asketen und Stifter wahrlich glücklich.

Wer andere durch den Nebel führt, gerät nicht selbst hinein, sondern heraus. Liebe ist die beste Investition. Investieren ist immer gesünder als profitieren. Man kann das eine schlechterdings nicht ohne das andere.

Ein Delta ist Anfang und Ende. Der Fluss diversifiziert sich und mündet in ein höheres Prinzip. Aber die Pflanzen, Tiere und Menschen gewinnen aus diesem Ende den Anfang, die Fruchtbarkeit. Der Buchstabe dafür ist gleichzeit Bild, Anfang und Ende der Bildersprache und Symbolschrift, die Metapher wird zur wirklichkeit, wo vorher das wahre Leben Metapher wurde.