DRITTER HAUPTSATZ


 

Nr. 262

Ihr führt Krieg?

Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn?

So nehmt doch die Grenzsteine weg –

so habt ihr keine Nachbarn mehr.

 

Friedrich Nietzsche  (173. Geburtstag)

 

Und es ist noch schlimmer: hinterher weiß unsere Erinnerung, dass wir gar nicht schuld waren. Vom Kindergarten bis zum Streit ums Erbe und Erbbegräbnis: es sind immer die anderen. Der Nachbar ist die ideale Projektionsfläche des Bösen. Alles, was anders ist, ist schuldiger und dümmer als wir. Wer fremd ist, weiß den Weg nicht, den wir gerade gingen. Was zählt, ist unser Erfolg, nicht unser Preis.

Dabei ist jeder fremd, der auf die Welt kommt und mancher Preis ist das Leben. Auch der Freund ist der Fremde – zunächst und danach! Wir sind also gut beraten, auf die sanften Stimmen zu hören, auf die Güte und auf den Charakter. Sanfte Sätze und radikale Lösungen schließen sich nicht aus. Die Grenzsteine hinwegzunehmen ist genau so radikal, wie sie zu setzen. Das war die Vorbedingung für Wirtschaft und Gleichberechtigung. Die Gleichberechtigung, die in dem ersten Prozess der Sozialisation der Menschheit als Ergebnis erscheint, wird jetzt als Vorbedingung gebraucht.

Ohne Grenzsteine kann nur leben, wer andere ertragen kann, ohne sie dominieren zu wollen und ohne sich hinter sich selbst zurückzunehmen. Das ist eine Balance, die fast buddhistisch klingt.

 

Die grammatische Form des Satzes, der Imperativ: Nehmt die Grenzsteine weg!, lehrt uns, dass diese Lebensform lernbar ist. Wir sind nicht verurteilt, der Stimme unseres Blutes zu folgen, falls es sie gibt. Wir müssen nicht die Fehler unserer Ahnen ahmen. Unser Profil ist zwar weder beliebig noch so variabel wie die Profile in digitalen Netzwerken, aber doch auch nicht invariabel. Wir sind veränderbar! Die Schule der letzten tausend Jahre hat sich vor allem mit der Weitergabe von so genannten Fakten beholfen. Wo offensichtlich keine Fakten waren, hat man sie erfunden oder die Phänomene in Fakten atomisiert. Die Weitergabe von Weisheit erfordert weitaus mehr Zeit und Liebe. Für sie gibt es nur modellhafte Schulen. In einer autoritären Schule fällt es natürlich schwer zu denken, dass man sich ertragen muss. Es käme also seit Seneca darauf an, die Schule endlich umzukehren, aus einem Abbild der Vergangenheit ein Paradigma der Zukunft zu machen: die Welt ohne Grenzsteine.

All die Abgrenzungen der Vergangenheit, das Abwehren des Fremden zur Sicherung der eigenen Identitäten werden sinnlos, wenn man sich auf der anderen Seite in ein informationelles Atom einer riesigen Datenwelt verwandelt. Allerdings versuchen alle diese Atome Profile zu entwickeln, die kompatibel mit anderen sind. Es kommt darauf an, vorweisbare Freunde zu haben und dadurch möglichst viele likes. Es kann also sein, dass das Ideal der menschlichen Menschheit, die Verbrüderung und Verschwisterung, durch die Informationstechnologien und die Vernetzungen, durch den Drang zur Aktivität in den sozialen Netzwerken befördert, wenn nicht verwirklicht wird. Der analoge Fall dazu ist die Forderung der Romantik nach Poetisierung der Welt, die in der Verfilmung aller Weltbegebenheiten ihre Verwirklichung so weitgehend fand, dass man davon sprechen kannn, dass sehr viele Menschen die Wirklichkeit nur noch durch Filme und Computerspiele zur Kenntnis nehmen. Zwei schöne Ironien am Rande sind, dass Wagners Musik der Vorläufer der Filmmusik ist und dass an die Stelle von Grimms Märchen alle Arten von Fantasyerzählungen getreten sind und dass die Schreibung des eingedeutschten    französischen Wortes sich gerade von selbst anglisiert.

Die möglichen Gegenargumente sind immer dieselben: es wird eine neue Kriminalität befürchtet, die Jagd nach den kostenpflichtigen oder finanziell verwertbaren Anteilen der Profile. Das ist sicher richtig, nur liegt der Grund dafür nicht in den Maschinen und ihren virtuellen Welten, sondern in unserer Gier. Sobald uns jemand etwas anbietet, glauben wir zunächst und kurz, dass es für uns günstig sei. Wir kaufen Dinge, nicht weil wir sie brauchen, sondern weil sie vermeintlich billiger sind als dieselben Dinge wo anders oder als andere Dinge hier. Das mag gut für die Wirtschaft sein, aber wer ist die Wirtschaft, wenn nicht wir? Jedoch haben wir nicht nur eine wirtschaftliche Dimension. Die Kriminalität nimmt ab, aber sie nimmt auch in dem Maß ab, wie die Profilierung der Menschen zunimmt und wie es uns gelingt, das Geld von seinem unverdienten Thron zu stürzen.

Was ist denn die Angst vor der Transparenz anderes als ein überholter Grenzstein? Die Kriminalität wird nur als Vehikel davorgeschoben, um sich nicht zeigen zu müssen. Die Netzwerke dagegen dulden keine blassen Profile. Sie fördern aber auch das bis dahin völlig Unbekannte. Wir wussten nicht, dass der Fußballer ganz in einer Welt der Musik lebt. Wir konnten nicht ahnen, dass der Staatssekretär Sonnenuntergänge und sich mehr  liebt als Politik und Amt, wofür wir ihn jetzt mehr schätzen. Wir sehen – ohne Netzwerk –  den Nachbarn nicht als Poeten oder Fotografen, der er ist, den Schüler nicht als Gläubigen und den Kaufmann nicht als Trauernden. Natürlich gibt es auch Nationalisten und Sexisten, vielleicht auch Fundamentalisten und Rassisten. Aber sie sind im Netz genau wie in der Wirklichkeit eine verschwindend geringe Minderheit. Die Dürftigkeit ihrer Argumente wird unter der Transparenz deutlicher als im lauten Alltag. Netz und Alltag verhalten sich in diesem Punkt wie Regenguss und Reagenzglas. Der Monitor verengt zwar den Blick, aber konzentriert und vertieft ihn auch.

Die Demokratie wird sich durch vielleicht heute noch unbekannte Netzwerke verändern, weniger im Sinne einer schwerfälligen Basisdemokratie oder Graswurzelrevolution, sondern einfach im Sinne der schon immer geforderten und jetzt erst durchsetzbaren Transparenz. Das muss kein neues Demokratiemodell sein, schon gar nicht ein völlig anderes Politikparadigma, sondern einfach nur die sprunghafte Verbesserung des kopflastigen Typs der repräsentativen Demokratie, die so sehr zum verbergen im Namen des Guten, des Volkes, des Fortschritts, der Wirtschaft, ja, Gottes neigte, dass ihre Gegner links und rechts das Verbergen mit der Demokratie populistisch verwechselt haben, weil sie es verwechseln wollten.

Das antinationalistische Bild aus tief nationalistischer Zeit wird zum Aufbruchssignal in die gläserne Zeit, vor der manche noch zittern, die aber unausweichlich ist, weil ihr eine poetische Versuchung vorausweht, der man ebenso wenig widerstehen kann, wie der Freiheitsversuchung, die im Automobil lag. Die Hälfte mag Trug gewesen sein, aber die andere Hälfte, dass wir durch Mobilität die Welt kennenlernten, dass der Verbrennungsmotor, so schädlich-dilemmatisch er auch sein mag, der Motor einer wahren Weltanschauung wurde, die andere Hälfte bringt uns auf den gläsernen Berg der Transparenz, Profilierung und Brüderlichkeit.

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