FRAG NICHT

 

Nr. 268

Siebter Hauptsatz

Ask not what your country can do for you

Ask what you can do for your country   

Kennedy

 

Der zweitberühmteste Satz von Kennedy spricht nicht dafür, dass das Verhältnis der Bürger zum Staat in Amerika sich so sehr von dem der Deutschen unterscheidet. Vielmehr scheint es das Erbe der Aufklärung zu sein, den Staat, dessen Souverän man selber ist, zu lieben und zu überschätzen. (Überschätzt man nicht alles, was man liebt, und unterschätzt man nicht, was man nicht liebt?). Zwar ist die alte Steuerangst uns geblieben, die Angst, die Steuern könnten nur den Regierenden nutzen, und sie wird geschürt, wenn ein großer Tanklaster mit der Aufschrift Bundesbranntweinmonopol als friderizianisches Fossil durch die Straßen rollt, aber auf der anderen Seite wird die vormals plakative Fürsorge mehr oder weniger korrupter und selbstherrlicher Souveräne, nun als wirkliche Fürsorge des Staates wohl angenommen. Dass wir sie weniger den Aufklärern als vielmehr einem scheinbar so unaufgeklärten, will sagen despotischen Kanzler, der das Parlament verachtete, verdanken,  trägt zu ihrer Widersprüchlichkeit bei. Fürsorge ist immer widersprüchlich, weil man viel zu sehr über ihre Motive spekuliert als ihre Segnungen zu schätzen weiß und danach trachtet, ihrem Einfluss zu entfliehen. Das gute soll man immer tun und annehmen, ganz ungeachtet seiner Motive.

Man könnte dieses beschriebene Phänomen auch die uterale Staatsfunktion nennen. Das Elend und der Hunger, die noch bis ins neunzehnte Jahrhundert die bestimmenden gesellschaftlichen Bedingungen waren und in Kennedys Inauguralrede zu den vier Feinden der Menschen gezählt werden, Hunger und Elend sind durch staatliche Fürsorge bekämpfbar und auch erfolgreich bekämpft. Dadurch entsteht jedoch eine neue Bevölkerungsschicht, die ohne den uteralen Schirm des Staates nicht mehr existieren kann. Und es entsteht eine Verwaltungshierarchie, die die ohnehin beschlossenen Wohltaten des Staates wie Gnadenakte vormaliger Souveräne verteilt. Dadurch wird durch die Lösung eines elementaren Problems gerade das alte Staatsverständnis des sich bereichernden, korrupten und selbstherrlichen Führertums am Leben gehalten. Würde dadurch nur der selbstwert der linken Partei gestärkt, so wäre das hinnehmbar, ja sogar durch die Stärkung der Opposition der Demokratie förderlich. Aber es entsteht auch eine subproletarische Schicht, die, da sie noch nicht einmal ihren eigenen Unterhalt sichern kann, ganz auf Konsumtion orientiert ist. Ihre Würde wird also gleich zweifach angegriffen: durch ihre Abhängigkeit von der staatlichen Versorgung wie vom eigenen maßlosen Konsumtionsstreben. Maßlos ist es deshalb, weil die Werbung sich an einen Durchschnitt wendet (Haribo-Effekt), nicht speziell an die Gruppe mit dem wenigsten Geld, die aber weil sie immer noch zuviel Geld und noch mehr Zeit, aber zu wenig Sinn hat, ein Maximum an Werbung aufnehmen kann.

Alle Lösungen sind dilemmatisch. Es muss uns also nicht wundern, dass wir zwar eines der größten Probleme der Menschheit gelöst, nämlich die Teilnahme aller am Markt, aber dabei neue mentale und ökonomische  Probleme geschaffen haben. Es ist auch zu bezweifeln, dass die von uns im Moment favorisierte Lösung langfristig ökonomisch haltbar ist.

Hier nun setzt erstaunlicherweise der frühe Satz kennedys ein. Er bringt jenen Gedanken auf eine formelhafte Prägnanz, der das Denken der Menschen von altersher beschäftigt: das Paradox von nehmen und geben. Eine Gemeinschaft, hier Land genannt, kann nur durch die Aktivität ihrer Mitglieder bestehen. Vielleicht sind alle Paradiesvorstellungen Wunschwahn ewigen Nehmens, Tatsache ist, dass geben weitaus befriedigender als nehmen ist, was auch die alten Schriften schon wissen.

Wo zwei oder drei Menschen zusammen sind, entsteht sofort so etwas wie Gemeinschaftsgeist. Noch jede Religion und Ideologie hat das als nur für sie typisch erklärt. Einzelgänger sind Genies oder Verbrecher.

Wir vermuten hinter jedem Verbrechen Talent, Sinn und Gewinn.

Wir vermuten hinter jedem Talent Verbrechen, Sinn und Gewinn.

Wir vermuten hinter jedem Sinn Verbrechen, Talent und Gewinn.

Wir vermuten hinter jedem Gewinn Verbrechen, Talent und Sinn.

 

Dieser Gemeinschaftsgeist, mag er nun aus der instinktiven Welt herüber gerettet, mag er – im Gegenteil – Frucht der Transzendenz, hier wieder himmlischen oder irdischen Ursprungs sein, dieser Gemeinschaftsgeist ist das Bindemittel der Gemeinschaft. Das ist keine Tautologie, sondern das immer gleiche Paradox: wo gegeben wird, kann auch genommen werden. Der Gemeinschaftsgeist entsteht aus dem Zusammensein und er erhält es auch gleichzeitig. Alle Lebewesen sind ganz selbstverständlich auf diese Kooperation angewiesen. Die Konkurrenz ist übrigens der Komplementär, nicht der Gegner der Kooperation. Wir brauchen das Bindemittel, den Konsumtionsfonds natürlich genauso wie den Katalysator. Er war es auch, der all diese Probleme der Menschheit gelöst hat. Zwar hat es Opfer gegeben, aber die Menschheit hat entgegen aller Voraussagen der sich selbst so nennenden Realisten überlebt.

Auch das reine Nehmen ist in einer als Arbeitsteilung verstandenen Menschenwelt erlaubt: für Kinder und solche Behinderten, die sich nicht selbst erhalten können. Sie sind aber nur von der Frage befreit ‚Was kannst du für dein Land tun?‘, nicht von der Antwort. Die Antwort ist schon gegeben: wer für Behinderte sorgen kann, ist stärker als derjenige, der sich gerade mal selbst behilft. Er stärkt nachweislich nicht nur die Kraft der Gemeinschaft, das wäre schon viel, sondern auch seine eigene. So gesehen sind Behinderte, entgegen ihrer eigenen Sicht, auch ein Katalysator der Gesellschaft.

Für Kinder gilt im Prinzip das gleiche. Allerdings ist hier der stärkende Aspekt mehr auf die Weltsicht gelegt. Wer mit Kindern umgeht, weiß nicht nur mehr vom Leben, er hat auch mehr vom Leben. Nur wer als Erwachsener in der Konsumstionsstarre verharrt, kann Kinder als Last empfinden. Deshalb – das ist eine Nebensicht unserer Betrachtung – deshalb ist es verkehrte Welt, wollte man, und das wollen immer noch zuviele, in der Schule nur die Weltsicht der Erwachsenen auf die Kinder übertragen. Schule ist eine Transformationsinstitution, die genau so der Verjüngung und Dynamisierung der Gesellschaft wie der Erfahrungsübergabe dient. Wir würden einen Riesenschritt vorankommen, wenn es uns gelänge, das den Kindern zu vermitteln: dass sie in der Schule etwas für uns alle tun, nicht Sätze eingetrichtert bekommen!

Etwas für sein Land zu tun, wie es Kennedy in seiner wunderbaren, wenn auch höchst pathetischen Rede gefordert hat, heißt also zum Beispiel Kinder haben und Kindern folgen. Es heißt, in einem unendlichen Geld-, Güter- und Gedankenkreislauf immer mehr zu geben als zu nehmen. Man sollte das wenigstens als Ziel haben und versuchen. Genauso wichtig ist es aber, die eigenen Beiträge nicht zu unterschätzen. Wer zum Schluss mehr für die Menschheit, also den kleinen Kreis, getan hat, kann niemals die rezente Menschheit, schon gar nicht der kleine Kreis, entscheiden. Wenn man auch meist mehr denkt, als man tut, so kann man doch auch viel mehr tun, als man denkt.

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