WUT, WÜRDE ODER WELTHERRSCHAFT

 

Nr. 276

Wir sehnen uns schon vom Mutterschoß an nach Dogmen.

We are dogma-prone from our mother’s wombs.

Simon Foucher, Dissertation sur la recherche de la vérité, 1673

 

In drei Bereichen unseres Lebens versuchte mein voriger blog zu zeigen, dass es besser ist, immer wieder neu zu lernen statt sich nach vorgegebenen und damit immer überlebten Regeln zu richten: unser Verhältnis zu Geschlechterrollen, unser Verhältnis zur Natur und zum autoritären oder vernetzten Staat. Das brachte mir sehr viele, teils wütende Kommentare auf der österreichischen Plattform Fisch und Fleisch ein. Gleichzeitig gab es in der vorigen Woche dort einen Aufruf, die oft krasse Polemik zwischen links und rechts zu mäßigen. Ich antworte also auf einen der Kommentare und leiste damit gerne meinen Beitrag zur Entpolemisierung.

 

Wir sehnen uns nach Dogmen, obwohl wir wissen, dass sie ahistorisch sind. Der Unterschied zur Freiheit, nach der wir uns ebenso vergeblich sehnen, ist, dass Dogmen uns vom Denken befreien sollen, Freiheit uns aber nur durch Denken erreichbar ist.

Die sprichwörtliche Flut der Informationen, die Inflation der Texte führt dazu, dass Texte oft nur noch gescannt werden, überflogen statt gelesen, referiert statt nachgedacht. Mancher liest nur noch die Referate der Referate der Referate. Statt offen zu sein für neue Argumente, die man durchdenken, annehmen oder ablehnen kann, wird ein Text nur noch daraufhin betrachtet, ob sich altbekannte ‚gegnerische‘ Zitate finden, wahrscheinlich auch umgekehrt, ob sich altbekannte ‚eigene‘ Zitate in genügender Menge finden, um den Text als einen eigenen anerkennen zu können. Aber Texte, Argumente und Länder gehören uns nicht. Die Stadt Mumbai gehört weder den vierzig Leoparden, die in ihr leben, noch den zwanzig Millionen Menschen. Der Begriff der Alphatiere war aus der Beobachtung von domestizierten Wölfen gefunden worden. Wahrscheinlich hat die Populärwissenschaft (‚Tierdokus‘) ihn deshalb bis heute verwendet, weil er dem Wunschdenken vieler Menschen entspricht, die Natur möge genauso funktionieren wie wir. Die Stadt Königsberg/Kaliningrad, ein weiteres Beispiel,  gehört weder den Pruzzen noch den Russen noch den Deutschen. Die meisten Menschen wissen schon lange nicht mehr, nach welchem König die Stadt einst benannt wurde, wer der Pruzzen sind und wer Kalinin war.

Der Aberglaube, dass man auf die Welt kommt, die man dann besitzt, ist mit dem Landbesitz und dem Geld verbunden. Das sind beides späte Konstrukte, und sie sind keineswegs nur erfolgreich. Der Finanzkapitalismus wird zum Beispiel von linken wie rechten Gruppen scharf attackiert, ohne dass sie beachten, dass der Kapitalismus nur eine Methode ist, die Wirtschaft zu bündeln. Da alles historisch ist, gibt es, anders als in der materiellen Welt, immer auch eine Gleichzeitigkeit. Also können wir auf die eindeutigen Nachteile des Kapitalismus nur verzichten, wenn wir auch seine nicht weniger eindeutigen Vorteile aus unserem Leben bannen. Statt mit Schaum vor dem Mund Forderungen an andere zu stellen, sollten wir lieber aufhören, pro Jahr 37 kg Plastikmüll zu produzieren und 50 kg Schweinefleisch zu verbrauchen. Der Fleischverzehr geht tatsächlich schon zurück, es gibt in Deutschland knapp 10 Millionen Vegetarier. Statt sich nun zu freuen, dass es eine weitere Gruppe von Menschen gibt, die aus einem anderen Grund als die Massentierhaltung auf Schweinefleisch verzichten, wird diese Richtung insgesamt als ein Nachgeben gegenüber der vermeintlichen Islamisierung gesehen. Lächerlicher kann man nicht argumentieren.

Krieg wird von vielen als naturgegeben angesehen. Damit wird die Natur als ahistorisch qualifiziert. Evolution ist aber nicht die Beschreibung einer Aufwärtsentwicklung, sondern einer oft schmerzlichen Entwicklung, bei der genauso viele Pflanzen- und Tierarten aussterben wie entstehen. Leben ist ein Prozess und kein Baugerüst. Aber selbst für das Baugerüst bedarf es keines Sturms, um es über kurz oder lang umzustürzen und in seine Elemente zurückzuverwandeln. Weltherrschaft ist ein historisches Konstrukt aus der Zeit der Nationen, die ebenfalls ein Kind des achtzehnten Jahrhunderts sind. Die zeitweilige Auflösung dieses Strebens nach Weltherrschaft haben ausgerechnet zwei Besitzer damals weltgrößter Konzerne praktiziert: der Antisemit Ford und der Jude Rathenau. Rathenau wollte kein Jude sein, aber das kann man sich nicht aussuchen, Ford wollte keine Juden haben, aber das kann man sich nicht aussuchen. Heute kann man sich nicht aussuchen, ob der Wohnungsnachbar Muslim oder Afrikaner ist, und es spricht auch nichts dagegen. Rathenau hat Deutschland nach dem verheerenden, auch von seinen Kriegszielen her falschen ersten Weltkrieg in die Reihe der gleichberechtigten Nationen zurückgeführt. Sein Modell des Exports führte einerseits zu Wohlstand, andererseits zur Globalisierung. Wer also Globalisierung ablehnt, sollte nicht ihre Abschaffung fordern, die unmöglich ist, sondern nach Niger auswandern. Niger ist außerdem ein gutes Beispiel für die Historizität und Sinnlosigkeit von Grenzen.

Noch nie wurde also in einem Text von mir die Forderung nach Weltherrschaft gestellt. Weder glaube ich, dass sie Deutschland oder den USA oder irgendeinem anderen Land zustünde, noch befürchte ich, dass die Inder oder die Chinesen oder die Afrikaner sie an sich reißen würden. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie man aus dem Satz ’sehen wir in den Afrikanern lieber die Brüder und Schwestern, von denen wir seit Jahrhunderten reden‘ einen Anspruch auf Weltherrschaft von irgendjemandem herauslesen kann. Ich schreibe nicht von Weltherrschaft, sondern von Würde. Mit Wut zernichten wir unsere eigene Würde, mit Weltherrschaft die der anderen. Es ist möglich und wünschenswert, dass die Geschwindigkeit der Innovationen so hoch bleibt, wie sie derzeit ist. Das könnte bedeuten, dass in den nächsten dreißig Jahren weltweit Arbeitsplätze entstehen, von denen wir jetzt noch genauso wenig erahnen, wie vor dreißig Jahren das Smartphone. Zum Beispiel könnte der Abbau seltener Erden, die für die rasant wachsende Elektronik unverzichtbar sind, vermenschlicht werden. Das historische Beispiel dafür ist der Steinkohlenbergbau im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts. Seine Vermenschlichung brauchte mehr als 150 Jahre. Setzt man jetzt die Geschwindigkeitserhöhung für Innovationen der letzten Jahrzehnte an, so ist das Ziel der Menschenwürde keineswegs utopisch. Betrachtet man gleichzeitig die Veränderung unseres Fokus, die Anerkennung unserer Verantwortung, so sieht man, wie rasant auch der Hunger, die Pest und der Krieg zurückgedrängt wurden. Nicht das Denken und der Optimismus sind unrealistisch, sondern das ahistorische Festhalten an Regeln und Voraussagen. Wir irren immer, wenn wir eine alte und historische Kategorie in die Zukunft zu übertragen versuchen: Karl Marx wollte mit einer Klasse gewinnen, die es gar nicht mehr gibt, Adolf Hitler wollte gar mit einer Rasse gewinnen, die es nicht geben kann. Soviel zu links und rechts. Immer wenn wir glauben, die Ordnung gefunden zu haben, wird sie vom Freiheitstraum zerbrochen.

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LERNEN IST BESSER ALS REGELN

 

wer die Sagen hat das Sagen

Nr. 275

Eines der bitterbösen Zornthemen der neuen Rechten ist der von ihnen so genannte Genderwahn. Absichtlich wird die Erkenntnis einfach umgedreht: es geht nicht um Anerkennung und Integration von Phänomenen, die es schon immer gab, sondern umgekehrt: neue Probleme entstünden durch falschen Sexualkundeunterricht und eben jenen Genderwahn der linksgrünsversifften 68er Gutmenschen.

Nicht das oft unermessliche Leid der Erniedrigten und Beleidigten steht bei den Ordnungsfanatikern im Zentrum, sondern die Ordnung, die Regel. Verfolgt wird die Ausnahme. Auch frühere Generationen sind nicht entschuldigt, denn das Gebot der Nächstenliebe ist älter als dreitausend Jahre, seit zweitausend Jahren Bestandteil von Sonntagspredigten, Schulunterricht und Staatsreligion, aber schwer zu verinnerlichen, denn jede geduldete Ausnahme von der Regel wurde als existenziell bedrohlich gefunden. Früher wurden Söhne, bevor sie geboren waren, schon in die Wirtschaft hineingedacht. Wurde eine Tochter geboren, war man enttäuscht und begann, Heiratschancen zu berechnen. Wurde aber ein Hermaphrodit geboren, und das alte deutsche Wort Zwitter zeigt, dass es das schon immer gegeben hat, dann war man entsetzt bis zur Mordbereitschaft. Das war die gute alte Zeit, gelebtes Christentum. Man glaubte an die soziale Epidemik abweichenden Verhaltens, obwohl der empirische Befund ein anderer war. Tatsächlich hat eine Variation keine Auswirkungen auf die Mehrheit. Die normative Kraft des Faktischen verändert nicht die Mehrheitsverhältnisse, schon deshalb nicht, weil auch das Narrative eine normative Kraft hat. Körperliche, psychosomatische oder psychische Besonderheiten wurden verheimlicht, verurteilt oder sogar verfolgt. Wir lehnen heute körperliche Strafen bis hin zur Todesstrafe ab, insofern sind die ehemals verfolgten Phänomene überhaupt nicht mehr wichtig. Aber für die Betroffenen ist jetzt endlich die Zeit des offenen Lebens angebrochen. Niemand muss sich mehr verstecken, jeder, jede und jedes kann sich outen und Respekt der Mehrheit einfordern. Die Glotzerei auf den Straßen hat aufgehört, Schwulenklatschen gehört der Vergangenheit, kein Wohnungsvermieter oder Hotelbesitzer interessiert sich für das Intimleben. Eltern sind allerdings immer noch überfordert, indem sie antizipierend das an ihren Kindern verstehen und eventuell auffangen müssen, was diese selbst noch nicht benennen und erklären können. Die Normalität der Gleichheit und Gleichberechtigung zieht endlich in Europa ein. Genug Hexen mussten über die Jahrhunderte sterben.

Mensch und Raubtier hätten nicht gemeinsam Platz in der Natur, das Böse müsste weichen. Sogar in der Großstadt können gefährliche Tiere mit dem Menschen zusammen leben, wenn dieser nicht glaubt, dass er der Herr sei. Wieder ist es die Hierarchie der Norm oder die Norm der Hierarchie, die glauben macht, dass sie die natürliche Ordnung sei. Tatsächlich aber gibt es in der Natur keine Hierarchie und in der menschlichen Gesellschaft auch nur in der vordemokratischen und patriarchalischen Zeit. Weder hat es sie im Matriarchat noch in der Zeit der Jäger und Sammlerinnen gegeben. Aus der historischen Ordnung der gleichberechtigten und gleich innovativen Jäger und Sammlerinnen wurde mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit und dem damit ermöglichten Bevölkerungszuwachs die Sorge um die Kinder zur Hemmung der Gleichberechtigung. Das sind alles verschiedene historische Lebensmuster, keinesfalls gibt es nur eines, weder zeitlich noch räumlich. Auch heute gibt es parallele Lebensweisen. Die Lebensweise erschien nur solange homogen, wie Zeit und Raum der Erkenntnis eng begrenzt waren. Der vermeintliche Fortschrittsvorteil der 1000 Jahre europäisch-christlicher Kultur ist teuer erkauft mit Mord, Totschlag, Kolonialismus, Umweltzerstörung. Wie oft muss man das eigentlich noch sagen? Wolf und Bär wurden ausgerottet, weil sie als Konkurrenten in der als Jagdgebiet des Menschen aufgefassten Natur erschienen. Der Preis dafür ist ein fortwährendes Ungleichgewicht, eine Überpopulation an Rehen und Wildschweinen. Gleichzeitig wurden durch die Monokulturen weitere Tierarten fast gänzlich vertrieben: der Feldhase, einst Symbol der Fruchtbarkeit, Feldhamster und Siebenschläfer als Metapher der Vorsorge und Vorratswirtschaft. Mag manch einer den starken Rückgang der Insekten und Vögel als undramatisch empfinden, der Wolf steht uns, wir haben es hier schon mehrfach beschrieben, besonders nahe. Er ist das erste domestizierte Tier. Wir haben ihn als Teil unserer Natur adaptiert. Gleichzeitig ist er uns aber Symbol des Bösen, des Raubs, der Grausamkeit. Diese Ambivalenz müssen und können wir mit neuem Verständnis auflösen. In Mumbai, ehemals Bombay, das ist eine ziemlich große Stadt in Indien mit über 20 Millionen Einwohnern, 28.000 pro Quadratkilometer, leben 40 Leoparden, und nicht nur im Sanjyi-Gandhi-Nationalpark, der fünfzigmal so groß ist wie der Berliner Tiergarten. Die stark verkürzte Begründung für dieses nicht immer harmonische, aber doch auch natürliche Zusammenleben ist in einer Religion zu finden, die nicht den Menschen an die Spitze einer Hierarchie setzt. Damit ist die Einsicht gewonnen, dass sich nicht der Leopard, sondern der Mensch ändern muss. Davon sind die Jäger der Ueckermünder Heide, einem der dünnstbesiedelten Gebiete  der Welt (25/km2), meilenweit entfernt. Die Feindschaft entstand in Zeiten der Not, sie sollte die Zeiten des Wohlstands nicht überdauern.

Wenn also Not herrscht, ist Autokratie verständlich, aber nicht hilfreich. Hierarchie ist historisch  erklärbar, aber nicht begründbar. Warum klammern sich zehn Prozent der heutigen Menschen an Denk- und Herrschaftsmodelle der Vergangenheit? Autokratie ist immer im Angebot, weil es immer Politiker gibt, die den schnellen Weg zu einer sonst nicht üblichen Machtfülle suchen und finden. Erst mit dieser Machtfülle wird Bereicherung und Korruption sinnvoll. Weiterhin gibt es immer eine Asymmetrie zwischen den Generationen. Die junge Generation beherrscht die innovativen Methoden, aber es mangelt ihr an Inhalt und Sinn, die Alten dagegen haben Sinn und Inhalt in Überfülle. Statt nun, wie soeben das Dreikönigsgymnasium in Köln, die Schüler des Leistungskurses Informatik (12. Klasse) zu Managern zu schicken, die ein erhebliches Defizit ihres Methodenkatalogs entdecken und mit ihren jugendlichen Mentoren überwinden können. Sie bremsen an denselben Stellen wie die dümmsten und reaktionärsten AfD-Propagandisten: sie glauben, dass der Schaden, das Niemals-100%-Sein, die Überfremdung und Dekulturisierung stärker sind als der Nutzen und die Innovation. Wir erleben einen gewaltigen Umbruch, die von Nietzsche vorausgesagte Umwertung aller Werte. Aber das wird kein – und war noch nie ein – Austausch mit einer beliebigen anderen, bereits vorhandenen Kultur. Jeder, der hierher kommt, lernt Deutsch und hört die Glocken läuten. Aber neben der Sprache gibt es weitere Kommunikationsmöglichkeiten, das Bild, das Symbol, den Film, das Narrativ. Wer die Sagen hat hat das Sagen. Insofern ist, und das scheint mir ganz natürlich, die Jugend erst einmal im Vorteil. Das ist das einzige, was immer schon so war. Sodann wird es aber auch Verschiebungen räumlicher Art geben. China überholt uns alle, was den Ausstoß an Industrieprodukten betrifft. Umweltmäßig befindet es sich im Liverpoolkapitalismus. Indien geht den besseren Weg über Bildung für alle, dieser ist aber naturgemäß länger und schwieriger. Das größte Potential sehe ich in Afrika. Zunächst erschreckend ist in Afrika der Bevölkerungszuwachs, Afrika wird 2050 zwei Milliarden Einwohner haben, davon die Hälfte unter 17 Jahren. Jeder sieht die Bedrohung, die davon auszugehen scheint, kaum einer sieht die Chance. In 32 Jahren wird sich die Welt, die Weltwirtschaft, die Informationstechnologie und das Umweltverhalten der Menschen so krass verändern, dass die dann alten Menschen in den Industrienationen deutlich im Nachteil sein werden. In Afrika und weltweit werden Arbeitsplätze entstehen, von denen heute keiner etwas ahnt, so wie vor zehn Jahren (vor zehn Jahren!) keiner die universelle und komplexe Bedeutung des Smartphones voraussagen konnte. Kumulativ wächst also nicht nur die Zahl der Personen, sondern auch ihr Geist, ihr Potential. Schon heute ist es falsch, sich unter Afrikanern – und Indern, Chinesen – ausgemergelte Analphabeten vorzustellen. Sehen wir in ihnen lieber die Brüder und Schwestern, von denen wir bisher schon so viel geredet haben.

Wolf und Mensch können wir uns aufgrund unseres bisherigen sowohl dichotomischen als auch aggressiven Weltbildes besser vereint vorstellen. Aber vielleicht schaffen wir es, die heute vorherrschende Kultur durch eine Teiresias-Kultur zu ersetzen: Teiresias war sowohl Mann als auch Frau, blind und Seher, sterblich und unsterblich.

DEN WEG SUCHEN – NICHT DEN STOCK

 

Nr. 274

Dreizehnter Hauptsatz

Seid nicht wie die Blinden

die den Stock suchen

aber nicht den Weg        Stordeur

 

 Als vor fünfzig Jahren die erste Singleschallplatte der Beatles erschien (Love Me Do, 5. Oktober 1962), stand an den Telefonzellen der Spruch: Fasse dich kurz. Ganze Industrien verdienen heute daran, dass wir uns lang fassen und kein Mensch würde sich jetzt noch das Wort verbieten lassen, das endlos lange, oft sinnlose Gespräch. Gerade der Titel dieser Schallplatte im Gegensatz zu den späteren Songs der Beatles zeigt, wie sehr sich verrechnet hätte, wer aus diesem banalen Englisch (lieb mich, tu es!) den Schluss gezogen hätte, dass der Inhalt hinter dem Medium zurückbleiben könnte. Die Angst, dass es morgen schlechter sein könnte als heute, ist einerseits eine Kriegserfahrung, andrerseits pessimistisch-neidische Rechthaberei und insofern jeweils Generationskonflikt. Zwar geht das Niveau der Botschaften mit der Zunahme der Menge tatsächlich zurück, aber nicht auf das Level des reinen Mediums, wie Marshall MacLuhan meinte. Er betrachtete auch vorwiegend das dümmste Medium, das Fernsehen, bei dem sich obrigkeitliche oder elitäre Auswahl und Wahrheitsanspruch mit dem Massenkonsum auf kommerzieller Basis verbindet. Nicht abzusehen sind dagegen die Folgen, wenn eine Milliarde Menschen bei Facebook kommunizieren. Zwar hat wahrscheinlich keiner von ihnen eine Botschaft, die alle betreffen könnte, aber die letzten verbliebenen Diktatoren dürfen schon ein mal in Vorangst ihres Absturzes zittern. Es entsteht nicht nur eine neue Struktur der Mitteilung, sondern auch eine neue Kultur. Es wird sich erweisen, dass die Beobachtung von Watzlawick, dass man nicht nicht kommunizieren kann, eine Prophezeiung war, vielleicht sogar eine sich selbst erfüllende. Dagegen spricht, dass es nicht absehbar ist, wieviel vom technischen Fortschritt verwerflicher Kommerz und wieviel auf der anderen Seite erfreuliche Innovation ist. Und weil wir das nur im Einzelfall wissen können, können wir die Verwerflichkeit nicht auf alle Produkte projizieren. Wir neigen immer dazu, einen Teufel zu suchen, und sei es im Detail. Tatsächlich sind wir auch mit schnellster Technik nicht in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. In dieser neuen Mitteilungskultur, die sich zu neunundneunzig Prozent mit sich selbst befassen wird, können neue kulturelle Leuchttürme entstehen.

Demokratie und Pluralismus werden aber verhindern, dass es zu einer neuen Monokultur alter oder neuer Wahrheiten kommt. Je komplizierter und komplexer die Abbildung, desto größer die Wahrscheinlichkeit der Unschärfe. So gesehen ist ein Gemälde genauer als das gesamte Wikipedia-System zusammen. Das ist das Paradoxon der neuen Welt. ‚Das ist nur noch nicht erforscht,‘ war der Leitspruch des neunzehnten Jahrhunderts. Das zwanzigste Jahrhundert überraschte uns dann mit den überflüssigsten Dingen: dem Pappbecher und der Atombombe (Jean-Luc Goddard). Auch bei ihnen konnte man nicht absehen, wohin sie die Menschheit führen würden: In einen ziemlich umfassenden Frieden und in das tiefe Nachdenken über unser dilemmatisches Verhältnis zur Natur. Das Problem der Entsorgung von Plastikbechern und nuklearen Brennstäben wird uns dazu führen, dass wir nichts mehr herstellen, was dann entsorgt werden müsste. Die Entsorgung wird wieder durch die Vorsorge ersetzt werden.

Die neue Schule,  die neue Orientierung  und die neue Sorge um den Menschen lässt sich modellhaft zeigen am Schicksal eines blinden Jungen aus Californien [Daniel Kish, Spiegel 22/2004], der seine Eltern bat, ihm ein Fahrrad zu schenken. Der Aufschrei seiner Eltern glich dem Widerstand des alten Europa gegen eine Bildungsreform: Lehrer, die mit dem Röhrenradio aufgewachsen sind, schreiben Formeln und Merksätze mit Kreide an Tafeln; ihnen gegenüber sitzen dreißig Schüler mit Smartphones, mit denen sie sich unterhalten. Blinde Jungen können nicht Fahrrad fahren, sagten die Eltern. Kish ist heute weltweit gesuchter Mobilitätstrainer, dessen Echomethode so einleuchtend wie befremdlich ist. Wir glauben nicht an eine Orientierung außerhalb des Normalen. Andererseits glauben wir, dass man ohne die normale Orientierung – Verkehrsschilder, ewige Wahrheiten, Formeln, Dichotomie, Hierarchie – nicht existieren kann. Die Überbetonung der neuen Instrumente gegenüber den alten Wahrheiten liegt an deren rasanter, revolutionärer Entwicklung, die weder ihre Nutzer noch ihre Kritiker wirklich verstehen können,  und an dem kumulierenden Versagen der alten Systeme. Die herkömmliche Schule macht aus sehenden Kindern blinde, die statt zu sehen Regeln abtasten und dafür mit Zuckerstückchen belohnt oder mit dem Entzug von Zuckerstückchen bestraft werden. Dabei ist ein ‚aggiornamento‘ (Johannes XXIII., 11. Oktober 1962) nicht möglich, es wird immer bei einem gewissen Anachronismus oder Generationenkonflikt bleiben. Eine Gesellschaft kann ebensowenig ihre Sozialleistungen gegenüber dem Markt optimieren (Pareto-Optimierung). Unsere aus dem neunzehnten Jahrhundert geprägte Vorstellung von Gleichgewicht, Gerechtigkeit und Optimierung ist überholt. Gleichwohl versprechen Politker in Hoffnung auf ein unaufgeklärtes Wählervolk immer wieder die Lösung der Probleme. Man kann Probleme immer nur auf Kosten anderer Probleme lösen. Die Welt ist nicht dichotomisch, sondern dilemmatisch.

Die Natur des Menschen scheint aber auf Harmonie abzuzielen. Deshalb arbeiten wir seit dem Neolithikum nicht nur an der Rationalisierung von Jagd und Sammeln und der Mobilität, sondern auch an der Herstellung einer immer perfekteren Traumwelt. Sie benutzt die gleichen Instrumente wie die Jagd und die Mobiltät. Deshalb vielleicht erscheint es der jungen Generation so, dass man sich, um zu überleben, nur der Instrumente bedienen muss. Und das ist ja auch so, zumal die Instrumente von den Älteren konstruiert und bereitgestellt wurden. Allerdings bleibt gleichzeitig ungelöst die Teilnahme am Markt für ein Siebtel der Weltbevölkerung und mehr als die Hälfte der eigenen Bevölkerung. Aus diesem Grund leben wir nicht im Paradies, sondern in einer Welt, in der es soziale Unterschiede weniger durch die Geburt als vielmehr durch Bildung und Aktivität gibt. Insofern ist den heute Jungen durchaus zu raten, mehr als die Instrumente den eigenen Kopf zu benutzen, Kreativität vor die Orientierung zu stellen, einen eignen Beitrag vorzubereiten, sei er nun eine Marktlücke, eine technische Innovation oder ein neuer Traum in der immer größer werdenden Traumfabrik. Diese Sicht ist übrigens schon vor zweihundert Jahren von Wilhelm Freiherrn von Humboldt in Anlehnung an Moses Mendelssohn zum Ideal der Bildung erhoben worden: je entschiedener der Mensch seine Individualität ausprägt, desto mehr nähert er sich der Vollkommenheit.  Man könnte dies als Berliner Konfession zum neuen Bildungsideal ausrufen. Dabei stört uns nicht im geringsten, dass die bayrischen Grundschüler ‚besser zuhören‘. In Berlin gibt es die befriedigendere Aufgabe: glückliche Menschen sind nicht interessant [kraftklub].

Der Stock, den man statt des Weges sucht, ist übrigens auch ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, hergestellt von autoritären Erwachsenen mit ihren Röhrenradios, in denen die Hierarchien toben.