DEN WEG SUCHEN – NICHT DEN STOCK

 

Nr. 274

Dreizehnter Hauptsatz

Seid nicht wie die Blinden

die den Stock suchen

aber nicht den Weg        Stordeur

 

 Als vor fünfzig Jahren die erste Singleschallplatte der Beatles erschien (Love Me Do, 5. Oktober 1962), stand an den Telefonzellen der Spruch: Fasse dich kurz. Ganze Industrien verdienen heute daran, dass wir uns lang fassen und kein Mensch würde sich jetzt noch das Wort verbieten lassen, das endlos lange, oft sinnlose Gespräch. Gerade der Titel dieser Schallplatte im Gegensatz zu den späteren Songs der Beatles zeigt, wie sehr sich verrechnet hätte, wer aus diesem banalen Englisch (lieb mich, tu es!) den Schluss gezogen hätte, dass der Inhalt hinter dem Medium zurückbleiben könnte. Die Angst, dass es morgen schlechter sein könnte als heute, ist einerseits eine Kriegserfahrung, andrerseits pessimistisch-neidische Rechthaberei und insofern jeweils Generationskonflikt. Zwar geht das Niveau der Botschaften mit der Zunahme der Menge tatsächlich zurück, aber nicht auf das Level des reinen Mediums, wie Marshall MacLuhan meinte. Er betrachtete auch vorwiegend das dümmste Medium, das Fernsehen, bei dem sich obrigkeitliche oder elitäre Auswahl und Wahrheitsanspruch mit dem Massenkonsum auf kommerzieller Basis verbindet. Nicht abzusehen sind dagegen die Folgen, wenn eine Milliarde Menschen bei Facebook kommunizieren. Zwar hat wahrscheinlich keiner von ihnen eine Botschaft, die alle betreffen könnte, aber die letzten verbliebenen Diktatoren dürfen schon ein mal in Vorangst ihres Absturzes zittern. Es entsteht nicht nur eine neue Struktur der Mitteilung, sondern auch eine neue Kultur. Es wird sich erweisen, dass die Beobachtung von Watzlawick, dass man nicht nicht kommunizieren kann, eine Prophezeiung war, vielleicht sogar eine sich selbst erfüllende. Dagegen spricht, dass es nicht absehbar ist, wieviel vom technischen Fortschritt verwerflicher Kommerz und wieviel auf der anderen Seite erfreuliche Innovation ist. Und weil wir das nur im Einzelfall wissen können, können wir die Verwerflichkeit nicht auf alle Produkte projizieren. Wir neigen immer dazu, einen Teufel zu suchen, und sei es im Detail. Tatsächlich sind wir auch mit schnellster Technik nicht in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu erfassen. In dieser neuen Mitteilungskultur, die sich zu neunundneunzig Prozent mit sich selbst befassen wird, können neue kulturelle Leuchttürme entstehen.

Demokratie und Pluralismus werden aber verhindern, dass es zu einer neuen Monokultur alter oder neuer Wahrheiten kommt. Je komplizierter und komplexer die Abbildung, desto größer die Wahrscheinlichkeit der Unschärfe. So gesehen ist ein Gemälde genauer als das gesamte Wikipedia-System zusammen. Das ist das Paradoxon der neuen Welt. ‚Das ist nur noch nicht erforscht,‘ war der Leitspruch des neunzehnten Jahrhunderts. Das zwanzigste Jahrhundert überraschte uns dann mit den überflüssigsten Dingen: dem Pappbecher und der Atombombe (Jean-Luc Goddard). Auch bei ihnen konnte man nicht absehen, wohin sie die Menschheit führen würden: In einen ziemlich umfassenden Frieden und in das tiefe Nachdenken über unser dilemmatisches Verhältnis zur Natur. Das Problem der Entsorgung von Plastikbechern und nuklearen Brennstäben wird uns dazu führen, dass wir nichts mehr herstellen, was dann entsorgt werden müsste. Die Entsorgung wird wieder durch die Vorsorge ersetzt werden.

Die neue Schule,  die neue Orientierung  und die neue Sorge um den Menschen lässt sich modellhaft zeigen am Schicksal eines blinden Jungen aus Californien [Daniel Kish, Spiegel 22/2004], der seine Eltern bat, ihm ein Fahrrad zu schenken. Der Aufschrei seiner Eltern glich dem Widerstand des alten Europa gegen eine Bildungsreform: Lehrer, die mit dem Röhrenradio aufgewachsen sind, schreiben Formeln und Merksätze mit Kreide an Tafeln; ihnen gegenüber sitzen dreißig Schüler mit Smartphones, mit denen sie sich unterhalten. Blinde Jungen können nicht Fahrrad fahren, sagten die Eltern. Kish ist heute weltweit gesuchter Mobilitätstrainer, dessen Echomethode so einleuchtend wie befremdlich ist. Wir glauben nicht an eine Orientierung außerhalb des Normalen. Andererseits glauben wir, dass man ohne die normale Orientierung – Verkehrsschilder, ewige Wahrheiten, Formeln, Dichotomie, Hierarchie – nicht existieren kann. Die Überbetonung der neuen Instrumente gegenüber den alten Wahrheiten liegt an deren rasanter, revolutionärer Entwicklung, die weder ihre Nutzer noch ihre Kritiker wirklich verstehen können,  und an dem kumulierenden Versagen der alten Systeme. Die herkömmliche Schule macht aus sehenden Kindern blinde, die statt zu sehen Regeln abtasten und dafür mit Zuckerstückchen belohnt oder mit dem Entzug von Zuckerstückchen bestraft werden. Dabei ist ein ‚aggiornamento‘ (Johannes XXIII., 11. Oktober 1962) nicht möglich, es wird immer bei einem gewissen Anachronismus oder Generationenkonflikt bleiben. Eine Gesellschaft kann ebensowenig ihre Sozialleistungen gegenüber dem Markt optimieren (Pareto-Optimierung). Unsere aus dem neunzehnten Jahrhundert geprägte Vorstellung von Gleichgewicht, Gerechtigkeit und Optimierung ist überholt. Gleichwohl versprechen Politker in Hoffnung auf ein unaufgeklärtes Wählervolk immer wieder die Lösung der Probleme. Man kann Probleme immer nur auf Kosten anderer Probleme lösen. Die Welt ist nicht dichotomisch, sondern dilemmatisch.

Die Natur des Menschen scheint aber auf Harmonie abzuzielen. Deshalb arbeiten wir seit dem Neolithikum nicht nur an der Rationalisierung von Jagd und Sammeln und der Mobilität, sondern auch an der Herstellung einer immer perfekteren Traumwelt. Sie benutzt die gleichen Instrumente wie die Jagd und die Mobiltät. Deshalb vielleicht erscheint es der jungen Generation so, dass man sich, um zu überleben, nur der Instrumente bedienen muss. Und das ist ja auch so, zumal die Instrumente von den Älteren konstruiert und bereitgestellt wurden. Allerdings bleibt gleichzeitig ungelöst die Teilnahme am Markt für ein Siebtel der Weltbevölkerung und mehr als die Hälfte der eigenen Bevölkerung. Aus diesem Grund leben wir nicht im Paradies, sondern in einer Welt, in der es soziale Unterschiede weniger durch die Geburt als vielmehr durch Bildung und Aktivität gibt. Insofern ist den heute Jungen durchaus zu raten, mehr als die Instrumente den eigenen Kopf zu benutzen, Kreativität vor die Orientierung zu stellen, einen eignen Beitrag vorzubereiten, sei er nun eine Marktlücke, eine technische Innovation oder ein neuer Traum in der immer größer werdenden Traumfabrik. Diese Sicht ist übrigens schon vor zweihundert Jahren von Wilhelm Freiherrn von Humboldt in Anlehnung an Moses Mendelssohn zum Ideal der Bildung erhoben worden: je entschiedener der Mensch seine Individualität ausprägt, desto mehr nähert er sich der Vollkommenheit.  Man könnte dies als Berliner Konfession zum neuen Bildungsideal ausrufen. Dabei stört uns nicht im geringsten, dass die bayrischen Grundschüler ‚besser zuhören‘. In Berlin gibt es die befriedigendere Aufgabe: glückliche Menschen sind nicht interessant [kraftklub].

Der Stock, den man statt des Weges sucht, ist übrigens auch ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, hergestellt von autoritären Erwachsenen mit ihren Röhrenradios, in denen die Hierarchien toben.

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2 Gedanken zu “DEN WEG SUCHEN – NICHT DEN STOCK

  1. christahartwig schreibt:

    Eine sehr interessante Betrachtung, und was ich besonders schätze, ist, dass bei Dir der Grundton immer Zuversicht ist. – Ich darf das nicht zu oft lesen, sonst werde ich langweilig – oder auch unberlinerisch.

    Gefällt mir

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