HEIMAT

 

Nr. 279

Heimat ist ein typisch deutsches, unübersetzbares Wort, so wie Sehnsucht oder Heimweh. Aber haymatlos ist ein türkisches Wort. Das heißt, dass andere Sprachen dieses unübersetzbare, diese mystische gerne übernommen haben. Heimat meint eine Idylle, die aber, wenn sie zerbricht, Splitter von Hass hinterlässt. Solche Idyllen sind immer ahistorisch und tautologisch wie Regelwerke, also weder wahr noch evident.

War es nicht vielmehr so, dass die Menschen, als sie noch mehrheitlich und aus Existenzangst an Orte gebunden waren, den Begriff Heimat als einen Trost gegen die Angst des Existenzverlustes verstanden? Hieß Heimat damals nicht: nicht in den Krieg müssen, nicht vor dem Krieg, vor dem Hunger und vor der Pest fliehen müssen? Hieß es nicht bleiben müssen, aber leben können. Das gleiche Dilemma, aber umgekehrt, durchlebt der moderne flexible und mobile Mensch: er kann besser existieren, wenn er sein Haus verkauft und die besser bezahlte Stelle tausend Kilometer entfernt übernimmt. Tausend Kilometer waren früher die ferne, die unerreichbare Weite, wochenlanges Reisen. Heute ist man nicht nur in ein paar Stunden da, sondern findet dort die gleichen Lebensbedingungen vor wie zuhause. Ist es das, was die Heimatschützer bedauern?

War es nicht vielmehr so, dass die Allmacht des Krieges in Europa zwar vor siebzig Jahren endete, aber die Flucht und Vertreibung den Heimatbegriff mehr besetzten als die neu gewonnene Mobilität? Leider hat diese Flucht und Vertreibung, deren Ausmaß so groß war, dass man von einem Jahrhundert nicht nur des Völkermords, sondern auch der Völkerflucht sprechen muss, gezeigt, dass nicht etwa nur das tatsächlich fremde und exotische Leben abgelehnt wird, sondern auch seinesgleichen, wenn es von fernher kommt. Genauso stellte sich heraus, dass man unter ‚Zigeunern‘ nicht Juden, Sinti, Roma und Jenische meinte, sondern vermeintlich heimatlose Nomaden. Andererseits war Heimatlosigkeit gleichzeitig ein Opferbegriff.

War es nicht vielmehr so, dass Heimat einfach ein volkstümliches Synonym für Konservatismus war, für eine geschichtsvergessene Vergangenheitssucht? In einer ahistorischen Heimat lebte nach dieser Vorstellung ein homogenes, sich immer gleich (‚treu‘) bleibendes Volk. Es wurde, teils mit Absicht, vergessen, dass wir nicht nur in einer Wirklichkeit leben, sondern auch immer in dem Narrativ derselben. Das Narrativ nennen wir dann Ideologie, wenn wir es strikt ablehnen oder aber wenn es uns als das einzig richtige erscheint oder erscheinen soll. Aber wer will das zum Schluss noch unterscheiden können? Lebt man in einer Autokratie, so scheint einem deren Feindbild plausibel, weil wir schon als Individuen lieber an die Schuld der anderen glauben. Lebt man dagegen in einer pluralistischen Gesellschaft, so flüchtet sich der von ihr überforderte oder vernachlässigte Teil gerne in Verschwörungstheorien, die keineswegs neu sind. Geblieben sind uns die Worte und Bilder Sündenbock, Brunnenvergifter und Drahtzieher, die Befürchtung von der Entführung der Kinder und der sexuellen Übergriffe durch fremde hochpotente junge Männer. Mit dem Drahtzieher ist keineswegs der Beruf gemeint, der lange Zeit Spezialwissen und große Geschicklichkeit erforderte und in Altena im Sauerland sein Zentrum hatte. Wir meinen damit den ebenfalls fast ausgestorbenen Marionettenspieler. So viele Menschen können sich nicht in einem System systemloser Zufälle vorstellen. Sie blenden Schicksalsschläge und jahrzehntelange Erfolglosigkeit aus und glauben sich ihres Glückes Schmied.  Ganz sicher kommt diese Vorstellung aus der Kindheit, wo wir wirklich so weitgehend von unseren Eltern abhängen, dass wir unser ganzes Leben von ihnen, die längst tot sind, geführt werden wie Marionetten.

Wer an solch eine Heimat glaubt, der stellt sich eine ahistorische, tautologische Leere vor, die genauso wenig zurückkommt wie das Weihnachten unserer Kinderzeit. Besser ist es, sich das Heimatdorf oder den Herkunftsstadtteil als soziales Biotop vorzustellen, in dem, wie von Darwin beschrieben, alles miteinander vernetzt ist, nicht als Zweck-, sondern als Verhaltensgemeinschaft. Teleologische  Modelle des achtzehnten und utilitaristische des neunzehnten Jahrhunderts mag man als Vorboten der Freiheit begrüßen. Nur in solch einem sozialen Biotop lässt sich das Paradox lösen, dass wir nach Freiheit streben, aber Ordnung brauchen, dass Ordnung aber, je weiter sie Raum und Herrschaft gewinnt, Freiheit geradezu erstickt. Nur in solch einem vernetzten Raum kann sich das Individuum und mit ihm die Kreativität entwickeln, ohne an sozialer Beziehungs- oder gar Hilflosigkeit zugrunde zu gehen. Damit einher geht allerdings ein schleichender Prozess der Atomisierung sowohl der sozialen Beziehungen als auch der Kommunikation. Auf der einen Seite sitzen vereinsamte alte Menschen in Pflegeheimen, auf der anderen Seite gehen junge Menschen unter dem Schirm ihrer Kopfhörermusik durch überfüllte Städte. Während aber die allermeisten jungen Menschen ihre Kopfhörer sofort abnehmen, wenn sie angesprochen werden, können die meisten alten Menschen nicht mehr aus ihrem Pflegeheim entspringen, sie sind zudem Gefangene ihrer Geschichten. Sie leben in einer gedachten Heimat, in der immer Weihnachten ist.

Heimat ist also schwerlich das, was hinter uns liegt. Wir sollten, statt ständig in den verzerrenden seitenverkehrten Rückspiegel zu blicken,  lieber versuchen, unsere Ideale und Träume nicht zu gering anzusetzen und Schritt für Schritt zu verwirklichen. Heimat liegt vorne. Heimat ist das, wo wir hinwollen. Das kann das Dorf unserer Kindheit sein, in dem ein einziger Landwirt zehnmal so viel produziert, wie früher das ganze Dorf mitsamt den städtischen Erntehelfern. Das kann der Jungle der Großstädte sein, in denen immer mehr Menschen Ersatz für einen individuellen Lebenssinn finden. Auch in den armen Ländern finden die Menschen mehr Ersatz als Existenzgrundlage. Allerdings leben wir im Zeitalter der Megastädte. Das lässt sich planmäßig nicht verhindern oder auch nur verändern, genauso wenig wie man homogene Völker schaffen kann, seit achtzig Jahren wissen wir zudem, dass es keine Rassen gibt. Die Zukunft lässt sich nicht voraussehen, deshalb auch nicht planen und gestalten; die Vergangenheit kann man ebenfalls nicht verändern oder verhindern.  Wir müssen mit der Gegenwart leben. Wir müssen den Zufall akzeptieren. Wir müssen das Narrativ als der Wirklichkeit gleichgeartet anerkennen. Wir müssen mit dem Raum auskommen, in den uns das Leben oder sogar unser Wille gestellt hat. Das ist keinesfalls Fatalismus, sondern im Gegenteil eine Freiheit, die ihre Bedingungen mitbedenkt, eine Ordnung, die niemanden einsperrt oder wegschickt, ein Kanon mit unendlich vielen freien Stimmen, die sich alle auf ‚tun‘ reimen.

Das ist alles nicht neu, muss aber immer wieder, in jeder Generation, an jedem Ort, neu gedacht werden. Wiederholung ist zwar die Schwester der Langeweile, aber auch die Mutter der Weisheit.

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