ÜBER VORAUSSAGEN

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Nr. 282

Im Zeitalter des Individualismus ist es schwer einzusehen, dass Ritualisierung ein Fortschritt war. Inzwischen gibt es berechtigten Zweifel, dass Fortschritt der richtige Weg sei. Nur wenn man Überdüngung und Massentierhaltung als Preis für den Sieg über den Hunger akzeptieren mag, kann man den Fortschritt loben. Wenn uns die vorausgesagte Umwertung aller Werte zunächst doch überrascht hat, sollten wir sie inzwischen einplanen können. Zu langsam verstehen wir, dass jede Lösung neue Probleme bringt, dass gar, wenn man zu kurz denkt, vieles in die Sackgasse des Dilemmas gerät. In diese Kategorie gehören der Waffenhandel, die intensive Landwirtschaft, das Wachstumsdenken, das forcierte internationale Konkurrenzdenken, die Überbürokratisierung.

Die Ritualisierung zum Beispiel der Jagd oder des Kräutersammelns war der erste, noch nebulöse Schritt zu einer lange Jahrtausende dauernden Rationalisierung. Noch vor wenigen Jahren wurde die Automatisierung von Produktionsprozessen Rationalisierung genannt, obwohl der Mensch durch die Maschine ersetzt wurde. Die Vernunft wurde antizipierend eingesetzt. Trotzdem hört sich das Wort sehr menschlich an, jeder glaubt seine Vernunft sei gemeint. Das ist die erste Einschränkung.

Die zweite ergibt sich durch den Glauben an eine Wahrheit. Man darf nicht müde werden zu erklären, dass Wahrheitz eine hundertprozentiger Übereinstimmung einer Erkenntnis mit der Wirklichkeit wäre. Die kann es natürlich nicht geben. die Wahrheit ist, dass es keine Wahrheit gibt. Also ist da, was für Wahrheit ausgegeben wird, ein ideologisches Konstrukt. Wahrheitsbesitzer sind umgekehrte Verschwörungstheoretiker. Sie glauben und wissen, dass die Welt eines Tages von ihnen beherrscht wird, wenn nur erst ihr ewige Wahrheit von allen erkannt wird. Die Verschwörungstheoretiker befürchten das. Je mehr Menschen und Fortschritt es aber auf der Welt gibt, desto mehr Ideen gibt es auch. Das ist eine Inflation von allem. So wie die Zahl der Dinge zugenommen hat, gibt es auch mehr Philosophen und Philosophien. Sie werden, wegen ihrer großen Anzahl, weitaus weniger wahrgenommen. Hinzukommt die noch größere Anzahl von Esoterikern, die sogar behaupten, das unbeherrschbar gewordene Leben beherrschen zu können, Sie sind eine Sonderabteilung der Wahrheitsbesitzer. Das einzige, was nicht zunimmt, ist die Vorhersehbarkeit der Zukunft (und die Wunder, aber die können wir hier vernachlässigen).

Mit dem vermeintlichen oder sogar behaupteten Besitz der Wahrheit war jede Art der Unterdrückung und Gewalt verbunden. Jeder Krieg ist von der Rechtmäßigkeit der Eroberung oder Verteidigung ausgegangen. Jede gewaltgestützte Verteidigung gibt aber dem Angreifer recht. (Wenn sie dieses Argument empört, sind sie eindeutig ein Opfer der Kriegspartei. [Man soll sich nicht verteidigen dürfen? Doch, man darf sich verteidigen, aber man muss es nicht.]) Die Kriegspartei behauptet zudem, dass Krieg das legitime Mittel aller Menschen, Gesellschaften und Zeiten war und ist. Aber das stimmt nicht. Schlimmstenfalls war es das Mittel eines Drittels der Menschen, denn die Frauen, die Kinder und die Greise haben an diesen Kriegen nicht teilgenommen. Und wir wissen nicht, ob es nicht über jeden Krieg die gleichen Auseinandersetzungen gegeben hat, wie es sie heute über die Flüchtlingsfrage, die Gleichheitsfrage oder die Fortschrittsfrage gibt. Ein sehr kriegerisches Land, Preußen, hat Soldaten dadurch beschafft, dass es ausländischen jungen Männern Alkohol zu trinken gab, sie dann unterschreiben ließ und gewaltsam über die Grenze schleppte. Ein anderes Land, Hessen, verkaufte ganze Regimenter an die Engländer, die sie im Unabhängigkeitskrieg gegen die Amerikaner einsetzten. Während des ersten Weltkrieges starben in den USA zwei junge Kriegsdienstverweigerer, weil man sie im Winter nackt und angekettet draußen erfrieren ließ. Sie weigerten sich, die Uniform anzuziehen. Ihre ganze Gruppe wanderte dann nach Kanada aus. Es waren Hutterer, eine fundamentalistisch lebende, aber nicht missionierende und in keiner Weise gewalttätige Wiedertäufergemeinschaft, die von Land zu Land zog, um dem Krieg und der Gewalt zu entgehen. Das ist der verlogene Konsens der Kriegspartei.

Nach der Umwertung aller Werte, die nicht durch eine Macht oder einen Demiurgen geschah, sondern als neue Summe neuen Denkens erscheint, stehen nun Freiheit und Glück auf Prioritätenliste weit vorn. Ihre Vorteile muss man nicht erläutern. Vor ihren Nachteilen kann man nicht genug warnen. Erst seit der Mensch nicht mehr hungert, kann er nach Freiheit streben. Der grenzenlose Konsumismus, der einerseits das Ergebnis der Massenproduktion ist, andererseits aber das Ideal des Wohlstands und der Freiheit für alle verwirklicht, schädigt und zerstört die gemeinsamen Lebensgrundlagen der Pflanzen, Tiere und Menschen. In den letzten Jahren gab es in Europa deutlich weniger Insekten und Vögel. Die von uns in Massen gehaltenen Nutztiere hinterlassen Millionen Hektoliter Gülle, die neben den von Menschenhand aufgetragenen Phosphaten den Boden nachhaltig schädigen, und erschöpfen – aufgegessen – die übersatten Menschen mit Herzkreislauferkrankungen und Adipositas.

Das Streben nach Glück befreit Minderheiten, was von der rechten Minderheit soeben heftigst bekämpft wird,  und schafft Raum für Individualität. Zeitgleich, aber aus demselben Motiv entstehen riesige chaotische Agglomerationen von Wohnsiedlungen, deren Kollaterale sozusagen massenweise Vereinsamung und Isolation erzeugen. Es ist schon beinahe trivial, von diesem isolierten Untertauchen in riesigen Massen zu schreiben. Im Großraum (Agglomeration) Tokyo leben fast vierzig Millionen Menschen. In Mauretanien (aus dem die Wörter Maure und Mohr kommen) leben auf einer Fläche, die fast dreimal so groß wie Deutschland ist, gerade einmal vier Millionen Menschen. In Mauretanien dürfte der Glückfaktor ziemlich niedrig anzusetzen sein, im Raum Tokyo dagegen sind die Kollateralschäden deutlich höher als an allen vergleichbaren Orten. Allerdings gibt es sehr viele Städte auf der Welt, in denen sich der Mauretanienfaktor mit dem Tokyosyndrom kreuzt, zum Beispiel Lagos, Mexiko oder Sao Paulo.

Faktisch und kategorial gibt es kein Zurück. Unsere Werte eilen den Fakten immer hinterher. Es gibt eine normative Kraft des Faktischen, aber ebenso normativ wirkt das jeweils vorherrschende Narrativ. Aber auch dafür gilt der schöne alte Spruch: der Krug geht solange zu Wasser, bis er bricht. Jedoch auch der Brunnen wird rissig, das Wasser versiegt, der Fluss tritt über die Ufer, das Wasser hat zu wenig Sauerstoff oder zuviel Nährstoffe, der Grundwasserspiegel steigt, obwohl jahrelang sein Sinken vorausgesagt war.

Es gibt eine signifikante Inflation der Menschen, Dinge und Gedanken. Eine Zunahme der Voraussagefähigkeit gibt es offensichtlich nicht. Wunder bleiben selten. Im Lotto kannst du nichts gewinnen, aber mit einem Lächeln gewinnst du alles.

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