DER REISENDE. Eine Rezension*

 

Nr. 284

Um es gleich vorwegzunehmen, der Reisende aus diesem ungeheuer frischen und aktuellen Buch erreicht kein Ziel. Man kann sicher annehmen, dass er in der psychiatrischen Klinik, in der er endlich landet, endet. Auch der sehr junge und höchst originelle Autor hat sein Ziel nicht erreicht. Auf dem Weg von Australien, wo er in einem Lager für enemy aliens interniert war, zurück nach England wurde er von einem deutschen U-Boot versenkt. Nur seine beiden Bücher haben überlebt, wenn auch nur eines von beiden jetzt zum ersten mal in der Muttersprache des Autors erscheint.

Otto Silbermann, der so heißt wie ein typischer deutscher Jude und ein typischer deutscher Orgelbaumeister, ist ein typischer deutscher erfolgreicher Geschäftsmann. Aber in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brechen sein Geschäft und sein Leben plötzlich zusammen. Trotzdem, und das ist schon einmal bemerkenswert, findet er es richtig, was Herschel Grünspan in Paris getan hat. Wie viele deutsche Bürger dieser Zeit kann er nicht glauben, was er sieht. Sein nicht unbeträchtliches Vermögen schmilzt in wenigen Tagen zum Inhalt einer Aktentasche, und es ist nur eine Frage von wenigen weiteren Tagen, dass auch die verschwindet. Das Buch wird immer spannender, je weiter es dem Ende zugeht. Es wird sehr viel über Geld geredet, fast auf jeder Seite, fast immer sehr intelligente Bemerkungen, aber es verliert in dem Maße an Bedeutung, wie es Silbermann aus den Händen schwindet. Geld wird als akkumulierte Zeit gesehen und verliert seinen Wert, je weiter sich der Protagonist von seinem bürgerlichen Leben entfernt.

Die zweite Hauptmetapher ist das Reisen in den Zügen. ‚Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert‘, lässt der Autor seinen Protagonisten sagen, und beide können noch nicht wissen, dass in wenigen Jahren alle europäische Juden mit der Deutschen Reichsbahn in den Tod fahren werden. Zunächst hat er noch konkrete Ziele, er reist seinem ehemaligen Geschäftspartner und Kriegskameraden nach, er lässt sich auf einen bezahlten Grenzübertritt ein. Dann überlässt er sich dem Zufall, und noch einmal, diesmal durch einen jungen Kommunisten, der Geld braucht, um heiraten zu können, stolpert er erfolglos über eine Grenze. Aber zunehmend fährt er scheinbar sinnlos kreuz und quer durch Deutschland, um ein Panorama der verschiedenen Menschentypen zu erleben und der Endstation zu entkommen.

Immer wieder sieht er auf seine sicherlich wertvolle Uhr, obwohl die Zeit parallel zu dem Geld an Bedeutung verliert. Seine Familie entschwindet langsam aus seinem Bewusstsein. Sein Sohn, den er wegen der Erfolglosigkeit fast verachtet, versucht legale Einreisepapiere nach Frankreich oder Belgien zu bekommen. Seine Frau, die nicht jüdischer Herkunft ist, hält zwar theoretisch zu ihm, flieht praktisch jedoch zu ihrem Bruder, der durch einen Besuch Silbermanns, der ihm einst auch finanziell half, nicht kompromittiert werden will.

Die erschreckende Authentizität kommt durch die zeitliche und räumliche Nähe des Verfassers, der das Buch im November und Dezember 1938 in Belgien schrieb. Es liest sich wie ein Tatsachenbericht oder der Beginn einer Autobiografie. Die nicht minder schockierende Aktualität dagegen kommt daher, dass sich die Verhältnisse in dem ach so aufgeklärten Europa scheinbar nicht geändert haben. Die belgischen Beamten aus dem Buch sagen exakt das gleiche wie die bayrischen Beamten in der Wirklichkeit des Jahres 2015: Wir können doch nicht jeden aufnehmen. Aus einer nebulösen Hochrechnung (‚jeder‘) wird eine unmenschliche Ablehnung und Abschiebung des einzelnen. Niemand will sich kompromittieren. Zum Schluss lehnt sogar Silbermann selbst jüdisch aussehende Juden ab. Zum Glück merkt er es zwar noch, aber er kann nicht verhindern, dass bis zum heutigen Tag die Klischees, die Stereotype, der Primat der äußerlichen Merkmale und die Sprache der Täter weiterverwendet werden. Wir glauben letztendlich doch, dass in der gekrümmten Nase, den schwarzen Haaren oder der verbrannten Haut** negative Eigenschaften erkennbar wären. Besonders das Stereotyp von der permanenten sexuellen Übergriffigkeit wird seit dem Mittelalter benutzt. Zwar lag dem vielleicht die Angst um die korrekte Weitergabe ökonomischer Güter, des Erbes, zugrunde, aber wenn man bedenkt, dass selbst Könige sich gegenseitig adoptiert haben, dann wird klar, dass wir tatsächlich die wahre Vaterschaft vor die biologische stellen. Aber selbst wenn es nicht so wäre, rechtfertigt eine sexuelle Handlung keinen Totschlag, wie man im Johannes-Evangelium wunderbar nachlesen kann.

Ideologisch wie faktisch ist eine Flucht also immer zyklisch. Man flieht in die gleichen Zustände, aus denen man soeben entkam. Bei dem Silbermann des Buchs ist es schon deshalb so, weil es ihm nicht gelingt, die Reichsgrenze zu überschreiten. Aber wenn er es geschafft hätte, wäre er in Belgien oder in der Schweiz auf Menschen getroffen, die der Meinung waren, dass man nicht alle aufnehmen könne. In Großbritannien räumte man später ein, dass es ein Fehler war, jüdische Flüchtlinge als enemy aliens zu behandeln. Ulrich Alexander Boschwitz hat den Fehler mit dem Leben bezahlt. In Polen wird gerade über ein unsinniges Gesetz gestritten, nach dem man nicht mehr behaupten darf, dass der polnische Staat diesbezügliche Fehler gemacht habe. In der frühen DDR hat die kommunistische Führung lieber einen Nazi, der erpressbar war, zu Rektor der renommiertesten Universität gemacht als einen international anerkannten Wissenschaftler jüdischer Herkunft***. Das war zu der Zeit, als der Verfasser der Nürnberger Gesetze, Hans Maria Globke, Chef des Bundeskanzleramtes war.

Das erschreckend gleichbleibende Kriterium ist aber nicht nur der Antisemitismus, sondern auch die Xenophobie und die Abschottung, also jegliches ANTI. Kultur schließt aber nur eines aus: nämlich das Ausschließen. Kultur ist die Aufnahme nicht nur des Nächsten oder Feindes, wenn er das wünscht, sondern auch seiner Spezifika. Jede Kultur gehört allen Menschen. Keine Kultur ist elitär gegenüber den anderen. Vorteile von Gebieten und den dort lebenden Menschen sind genauso temporär wie Nachteile. Jahrtausendelang hat Afrika einen klimatischen Vorteil gehabt. Vielleicht kommt bald die Zeit, in der alle mit Freude nach Afrika blicken. Auch China oder der Islam waren schon einmal der kulturelle Mittelpunkt der Welt. Insofern gehören alle drei nach Europa, so wie Europa sich auch einen Platz in den Herzen der anderen geschaffen hat, trotz der vielen Kriege, trotz des Sklavenhandels, trotz der Überheblichkeit.

 

 

*  Ulrich Alexander Boschwitz, Der Reisende (The Man Who Took Trains, The Fugitive, Le fugitif), Klett-Cotta 2018

** daher kommt das Wort Äthiopier, früher Synonym für Afrikaner

*** der Jurist Walter Neye, NSDAP-Mitglied, gegen den Ökonomen und Kommunisten Jürgen Kuczynski, der außerdem Oberstleutnant der US-Army war

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