I AM A WOMAN

 

Nr. 297

Ein Schulaufsatz gegen den Feminismus

Wir standen in Brüssel in dem kleinen, aber sehr schönen Museum* für politische Plakate vor demselben Poster: Kevin Jones** war begeistert, ich war maßlos enttäuscht. Denn da stand: I AM A MAN. Ich weiß natürlich, dass das heißt ICH BIN EIN MENSCH. Aber ich frage mich, ob das heute noch richtig ist. Ich frage mich, ob sich nicht alle Emanzipationsbewegungen gegenseitig durchkreuzen und dann auslöschen. Am besten wird das deutlich in einem so schönen, so grausamen Satz WOMAN IS THE NIGGER OF THE WORLD. Jeder weiß, dass Yoko Ono den Satz 1968 in einem Interview gesagt hat, John Lennon hat daraus einen Song gemacht, aber übriggeblieben ist eben dieser Satz. John Lennon wurde zum Feministen, vielleicht zum ersten, und dann wurde er erschossen. Aber wer bleibt übrig, wenn man diesen Satz zuende denkt: irgendein blöder alter weißer Mann. Ich will den Satz und schon gar nicht John Lennon diskreditieren. Ohne sie gäbe es die weiteren Überlegungen nicht, und ein anderer Satz von John Lennon steht bei mir gleich neben den Yesus-Sätzen: ALL YOU NEED IS LOVE. Ich will vielmehr sagen, dass fünfzig Jahre nach dem Satz klar ist, dass ihn jemand geschrieben hat, der keine Frau und kein Afrikaner war. Frauen waren noch nie eine Minderheit, Menschen mit außereuropäischer Hautfarbe auch nicht. Also sind sie zu etwas Minderwertigem gemacht worden, weil die das taten, jemanden unter sich brauchten. Man konstruiert eine Hierarchie, indem man sich jemanden unterstellt. Man fühlt sich als Vorgesetzter. Und weil ich am rechten Rand die Hunde bellen höre, sage ich gleich dazu: auch Wölfe leben in Familienverbänden. Die Beobachtung mit den Alphatieren war falsch und ist von gestern. Den Sturz zweier vermeintlicher Alphatiere kann man auch gerade aktuell beobachten: Merkel und Seehofer beschädigen sich selbst, die Demokratie, Deutschland, dem sie ewige Treue geschworen haben, Europa und die Würde des Menschen. Und dann sieht man: es waren gar keine Alphatiere. Es gibt keine Hierarchie, außer in der Notfallaufnahmeim Krankenhaus und in der Bundeswehr, aber die gibt es auch nicht mehr lange.

Der Satz von Yoko Ono und John Lennon soll auf einen Vorgänger von James Connolly zurückgehen. Das ist ein irischer Intellektueller, der mit elf Jahren die Schule verließ und mit vierzehn Jahren in die verhasste britische Armee eintrat, denn eigentlich wollte er Irland emanzipieren. Jetzt sieht man wieder meine These bestätigt, dass sich die Emanzipationsbewegungen gegenseitig auslöschen: Nordirland tritt gezwungenerweise aus der EU und das emanzipierte Irland weigert sich – und das ist selten geworden – einen Zaun zu bauen. Selbst Dänemark baut jetzt einen Zaun, wenn auch nur gegen infizierte Wildschweine. Ich dagegen erinnere an einen weiteren großen Satz TEAR DOWN THIS WALL. Connolly schrieb, und darauf bezogen sich Lennon und Ono, dass der weibliche Arbeiter der Sklave des Sklaven sei.  Seneca, das ist der geistige Onkel von Yesus, berichtet von einem Sklaven, der als Gladiator sterben sollte. Er rammte sich, statt sich in der Arena zum Gespött blöder alter weißer Männer zu machen, die Fäkalienstange in den Rachen, so dass er selbstbestimmt starb. Seneca, der selbst Sklaven besaß, wie auch Jefferson, der Humboldt kannte, der ein Sklavereigegner war wie Rousseau, hat den Grund gelegt für Rousseaus Befreiungstheorie: es gibt keine Sklaven. Sklave ist man – so weh dieser Gedanke auch tut – immer freiwillig. Man tauscht seine Freiheit gegen die Versorgung. Was man nicht tauschen kann ist die Freiheit gegen das Leben, denn da Leben hat man schon von seinen Eltern und von der Natur oder von Gott. Der Mensch, schreibt Rousseau, und jeder Schüler träumt von solch einem schönen ersten Satz, ist frei geboren, doch liegt er überall in Ketten. Und ein Teil dieser Ketten, behaupte ich, sind die Etiketten. Wir kleben uns eine Marke auf, halten uns für besser und glauben an die Hierarchie des Guten: du bist gut, ich bin besser. Der Streit zwischen Mann und Frau ist genauso albern wie der zwischen weiß und schwarz – Kevin, ich verspreche, ich sage niemals, niemals mehr Schwarzer zu dir, denn ich brauche keinen. Das schlimme für uns Menschen ist nur, dass sich auch so große Institutionen wie die Religionsgemeinschaften am Wettlauf um die so genannte Wahrheit beteiligt haben und weiter beteiligen. Die anderen werden als Heiden, Ungläubige, Rebellen oder Verlierer getötet, obwohl das Gebot aller Religionen lautet, dass du und ich nicht töten sollen. Gut, wir beide werden es auch nie tun, aber wie kann man das Tötungsverbot im Namen dessen aufheben, der es angeblich erlassen hat? Ich vielmehr glaube, dass es ein Gebot der Natur, die das Leben und den Tod hervorgebracht hat, ist. Am linken Rand murren jetzt die Maulesel: werdet endlich Vegetarier. James Connolly wurde übrigens an einen Stuhl gebunden hingerichtet, weil er aufgrund seiner Verletzungen nicht mehr stehen konnte, Jesse Washington***, der Name ist Programm, wurde aufgehängt und angezündet, und weil er sich, schon brennend den Strick abreißen wollte, wurden ihm die Hände abgehackt. So sieht es aus, wenn Rechthaber zeigen wollen, dass sie rechthaben. Die beiden waren übrigens unschuldig, aber wer darf Schuldige so behandeln?

Wir Frauen sollten nicht auf einer Quote bestehen. Wer gut ist, wird sich durchsetzen. Macht muss man nicht lernen, wenn man nicht verlieren will.  Wir Frauen sollten nicht auf der stets besonderen Nennung bestehen. Was gibt es für einen besseren Titel als Mensch? Auch die nachträgliche Korrektur historischer Irrtümer bringt uns keinen Schritt voran. Schiller schrieb – aus heutiger Sicht fälschlich -, dass alle Menschen Brüder werden sollten, er, der mit zwei Schwestern einvernehmlich lebte. Ich glaube sonst nicht an die Realisierbarkeit von Dreiecksverhältnissen, aber Schiller hat sein Dreieck gelebt. Und ausgerechnet ihm soll man einen der besten Sätze korrigieren? In der Bibel steht, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind, aber bei Schiller ist es eine fortwährende Aufgabe. Wir werden nur dann Schwestern und Brüder, wenn wir dieses ständige disliken vermeiden, wenn wir über unsere Schatten der Hässlichkeit zu springen lernen. Diese Hässlichkeit kommt vom Hass, und jene Lieblichkeit kommt nur von der Liebe. Jetzt schreibe ich einmal wie Yesus oder wie seine Schwester: reicht euch die Hände und reißt eure Etiketten ab. Reißt die Zäune nieder, tear down this wall of hate. Wer von Zäunen träumt, wird beschränkt sein bis ans Ende seiner Tage.

 

*MiMO, Quai de Hainaut, Bruxelles

**fiktiver Schüler des vorigen (Nr.296) Aufsatzes

***erstes Waco-Massaker 15. Mai 1916

 

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I AM A MAN

Nr. 296

Ein Schulaufsatz

Ich hasse Museen, aber es gibt schlimmeres als Brüssel. An Amsterdam oder Prag oder Lloret de Mar kommt Brüssel nicht heran. Mich hat schon gewundert, dass es nicht die reiche Protzhauptstadt Europas ist. Das hatte ich erwartet. Unser Hotel stand in einem Stadtteil, den man mit Neukölln vergleichen kann, Molenbeek, der kam schon in den Nachrichten. Aber, im Gegensatz zu den Nachrichten bin ich sicher: da wohnen ganz normale Leute, ordentlich angezogene Menschen, die morgens ihre Kinder zur Schule bringen.

Wir haben das ganz gewöhnliche Touristenprogramm gemacht: du kannst fahren, wohin du willst, einen Superlativ gibt es überall. Das will ich nicht erzählen. Aber in einem Museum, ich hasse Museen, war ein Bild von einer Tür. Nur dass die Leute nicht die Tür geöffnet haben, sondern sie haben sie ausgesägt oder die Tür hat sich selber ausgesägt, genau in der Form ihres Körpers. Wenn du immer wieder das gleiche machst, gewöhnt sich die Umwelt daran, Trampelpfade entstehen, Datenspuren, verletzte Menschen, all das hinterlässt du auf deinem Lebensweg. Aber ich dachte, als ich das Bild sah: warum machen wir nicht einfach die Tür auf, die uns geschlossen erscheint. Ich weiß: einfach! Einfach ist nichts. Wenn jemand dir eine einfache Lösung verspricht, ist er entweder ein Genie oder ein Populist. Populist hieß früher im alten Griechenland Demagoge. Da hast du die beiden Seiten: erst schaut er dem Volks aufs Mauls, dann versucht er, es zu verführen. Das geht immer gegen die eigenen Interessen, denn wenn du die anderen ignorierst, schadest du dir selbst, andersherum gesagt: nur wenn du anderen hilfst, hilfst du dir immer selbst, weil sich das Gesamtsystem verbessert und wir zum Schluss alle besser dastehen.

Ich habe vorher auch gedacht, dass die EU wie ein Krake ist, die ihre langen Saugrüssel in alle Systeme, Länder und Städte steckt. Aber jetzt denke ich, dass sie mehr wie ein altes Haus ist, in dem die Menschen die Türen öffnen, neugierig sind, sich gegenseitig helfen. Aber dabei passieren eben Fehler. Jeder kennt die Geschichte mit der Gurke. Aber keiner denkt darüber nach, dass er kein Geld mehr umtauschen muss und dass er überall mit gleich wenig Geld telefonieren kann. Das muss den Konzernen richtig weh tun, wenn sie uns an jeder Grenze mitteilen müssen, dass es im nächsten Land nicht mehr kostet als im vorigen oder dass rauchen schädlich ist. Der Glaube an die Konzerne ist wie jeder Glaube ein Aberglaube. Damit will ich nicht sagen, dass man nichts glauben soll, sondern dass man nicht glauben soll, dass es einen richtigen Glauben gibt. Natürlich haben die Konzerne Macht, aber sie verschwindet auch wieder, wie jede Macht. Macht ist vergänglich, nur das macht sie erträglich, das ist doch tröstlich, oder?

In Brüssel können sie alle zwei Sprachen, aber meistens auch noch Englisch oder Deutsch. Das hat mich darauf gebracht, und wieder wartete in einem Museum – ich hasse Museen – die Bestätigung, dass wir nicht der sind, von dem wir glauben, dass wir es sind, und schon gar nicht der, von dem, die anderen glauben, dass wir es sind. Natürlich kann jeder BITTE und DANKE in verschiedenen Sprachen sagen. Aber sage einmal auf englisch: DAS HAT MICH DARAUF GEBRACHT, DASS WIR NICHT DER SIND, VON DEM WIR GLAUBEN, DASS WIR ES SIND, UND SCHON GAR NICHT DER, VON DEM DIE ANDEREN GLAUBEN, DASS WIR ES SIND. In uns steckt also nicht nur eine guter Kern oder des Pudels Kern, wie es in einem alten Buch heißt, das leider in der Schule nicht mehr gelesen wird – God be thanked for books, they are the voices of the distant an the dead  – sondern auch ein anderer. In jedem Mann steckte eine Frau. In jeder Frau steckt aber auch ein Mann, und zwar in jeder Beziehung, in jedem Schwarzen steckt ein Weißer, in jedem Weißen ein Schwarzer, mindestens aber der, den er braucht, um sich besser zu fühlen. Natürlich ist nicht jeder Mensch böse, ich behaupte sogar, dass kein Mensch böse ist, weil das Böse einfach die Summe aller falschen Entscheidungen ist. EINFACH. Aber wir tragen eben auch die Summen all des Unsinns mit uns umher, den Schatten des Sinns, die Ahnung des Guten, die Hoffnung auf die Zukunft. Man kann es auch an den Nomaden erklären. Die werden verachtet. Immer wenn einer dazukommt, sagen die anderen: hat er kein Haus? Das betrifft nicht nur die Fremden. Auch als 1945 die Deutschen auf der Flucht waren – es ist schwer vorstellbar und wenn es nicht so traurig wäre, müsste man sogar ein bisschen lachen – wurden sie von den anderen Deutschen nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Zigeuner beschimpft. Wenn man also Zigeuner sagt, meint man gar nicht die Sinti und Roma, die betteln oder Musik machen, sondern man meint den Nomaden in sich, den man bekämpft, weil man das Haus, den Wohlstand, das Establishment als Ideal empfindet. Wenn jemand das Wandern – nicht das Wandern durch den Main-Taunus-Kreis – als Ideal empfindet, wird er abgelehnt. Selbst der Song DAS WANDERN IST DES MÜLLERS LUST singt davon. Der Müller ist immer der andere. Wir müssen gar nicht selbst die Ablehnung empfinden, es reicht, wenn wir in der Erziehung gut aufgepasst haben. Da kommen die Vorurteile her. Andererseits gibt es ohne Vorurteile keine Urteile, die wiederum das Fundament der Erstarrung als Vorurteil, Orthodoxie, Rassismus und so weiter sind. Wenn du eine Sache hundertneunundsechzigmillionen Mal vergrößerst, erstarrt sie. Orthodoxie sollte man umtaufen in Orthotoxie, denn unbezweifelbar wirkt jemand, der sich für richtig hält, wie Gift.

Wenn es keine Rassen gibt, kann es auch keinen Rassismus geben. Aber wie bringen wir das dem Rest der Welt bei, denen, die nicht in Brüssel oder Berlin wohnen?  Wenn man – nach wie vor – von ‚Vernichtung der Juden‘ spricht, meint man dann, dass einen Juden umzubringen etwas anderes ist, als einen Menschen zu ermorden? Ja, man meint es, ohne es vielleicht zu wollen. Die Verbrechen sind so abscheulich, dass wir vor Schreck die Sprache der Täter übernehmen, statt uns in die Opfer hineinzufühlen. Die Opfer waren Menschen, einfach Mitmenschen, nicht Indianer, Neger, Schwarze, Juden, Armenier, Zigeuner. Wenn wir uns angewöhnen würden, ‚Menschen‘ zu  denken und auch zu sagen, dann müssten wir nicht ständig aufpassen, dass wir das richtige Wort verwenden. Ist Zigeuner korrekt oder ist er ein Sinto oder ein Rom? Er ist ein Mensch. Es ist niemandem erlaubt, einen Mitmenschen zu töten, egal was der von sich denkt oder ich von ihm. Warum muss ich die Getöteten nachträglich noch mit einem Etikett versehen? Warum heißt es immer von einem Täter – auch wenn er Polizist ist: er tötete unschuldige Menschen? Darf man denn schuldige Menschen töten?

Man fährt in eine andere Stadt und kommt mit vielen Fragen zurück. In dem letzten Museum – ich hasse Museen – waren politische Plakate. Unseren Lehrern fiel bei jedem Plakat ein Stück ihrer Vergangenheit ein. Mir gefiel am besten das Plakat I AM A MAN.  

IF YOU CALL ME A NEGRO YOU NEED ONE.

 

Die Zitate sind von Martin Luther King und James Baldwin.

SCHERBEN BRINGEN GLÜCK

 

Nr. 295

Die Inflation der Dinge erst lässt uns mit der Trauer hadern. Wir wollen und müssen über Verluste nicht mehr traurig sein. Jedes Ding ist ersetzbar, wenngleich manches nur mit Ratenzahlung. Auch die Bindung an Tiere und Menschen lässt mit wachsenden Möglichkeiten nach. Der Tod bleibt der Tod, aber auch er lässt meistens auf sich warten. In den Pflegeheimen dämmern Menschen vor sich hin. Pflege ist von einer barmherzigen Handlung zu einer abrechenbaren Leistung geworden. Der Vorteil der Abrechenbarkeit ist deren Einklagbarkeit. Was sich wirtschaftlich durch Verträge definiert, ist auch immer ein Rechtsgegenstand.

Aber woher wissen wir, wie die Barmherzigkeit organisiert war? Wenn wir die verschiedenen Franziskanerorden als jahrhundertelange Träger der Barmherzigkeit ansehen, dann lebten die Mitglieder dieser Orden zwar in relativer Armut, aber sie erwirtschafteten sehr wohl einen Gewinn aus der Barmherzigkeit,  der sich heute noch in ihren großen erhaltenen Bauten zeigt. Es scheint auch, dass das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter – heute würde man wahrscheinlich eher Samaritaner sagen – nicht einen allgemeinen Mangel an Barmherzigkeit, sondern eine Überbürokratisierung derselben kritisieren soll.  Denn alle die Menschen, die an dem verletzten und ausgeraubten Kaufmann vorbeigingen, wären auch nach damaliger Vorstellung zu Hilfeleistung verpflichtet gewesen. Die Inflation an Bedarf führt vielleicht immer zu einer Kommerzialisierung der Hilfeleistung. Daraus folgt ein Mangel an Trauer. Dieser wiederum wird durch anonyme Bestattungen aufgefangen: Wo es keinen Ort der Trauer gibt, muss man auch nicht trauern.

Die Dinge dagegen sind in unserem Teil der Welt schon seit über hundert Jahren im Überfluss vorhanden. Davor wurde jedes einzelne verlorene oder zerstörte Teil betrauert. Wir haben schon einmal das Märchen der Brüder Grimm zitiert, das von einem Großvater erzählt, dem die irdene Schüssel und der Platz am Tisch vorenthalten wurden, weil er solch einen Tremor hatte, dass er nach Meinung seiner hartherzigen Kinder einen Pflegeplatz erhalten musste. Erst der Enkel entdeckt die Illoyalität, die sich hinter dieser Bestrafung des Alt- und Schwachwerdens verbirgt. Zu bedauern wäre eine Gesellschaft, der die Enkel ausgehen. Beinahe könnte man an eine Fügung des Himmels denken, als in Paris vor ein paar Tagen ein kleiner verlassener Junge an einer Balkonbrüstung hing, weil er einen Weg in die Freiheit suchte, und von einem illegalen Einwanderer, Mamoudou Gassama aus Mali, in einem wahrhaft heroischen, athletischen und akrobatischen Akt der Barmherzigkeit in letzter Sekunde gerettet wurde. Es muss nur der richtige Enkel zu Stelle sein, wenn erstarrte Gesellschaften versagen.

Nicht überall auf der Welt ist die Verachtung der Dinge aus ihrer inflationären Unmenge so groß wie bei uns. In vielen Megastädten gibt es Slums auf den Müllhalden. Dort wird Müll in mühsamer und ekliger Handarbeit recycelt. Lima, Lagos und Lahore sind Beispiele, in denen Millionen Menschen mehr vegetieren als leben. Die Welt ist aber nicht aus den Fugen, sondern sie kann nicht in den Fugen, nicht im Gleichgeweicht sein. Die Summe aller Ungleichgewichte kann kein Gleichgewicht werden. Harmonie, das ideale Gleichgewicht, ist neben dem Wunder das einzige, das keine Inflation hat. Das Streben nach immer mehr Dingen und  Glücksgefühlen erzeugt ein immer tieferes Unbehagen.

Zum Beispiel fühlen sich in einer immer sicherer werdenden Welt so viele Menschen verunsichert. Der Diebstahl eines Apfels oder eines Fahrrades war vor 150 oder 100 Jahren eine Katastrophe. Äpfel werden heute aus Neuseeland importiert, das Fahrrad erlebt eine Renaissance ungeahnten Ausmaßes, es ist praktisch allgegenwärtig. Die Verbrechen nehmen ab, aber die Angst nimmt zu. Der Wohlstand nimmt zu, aber mit ihm auch die Unzufriedenheit. Der Neid war, wie sich jetzt zeigt, nicht an die Armut gekoppelt.  Wieder so eine Umkehrung der Tatsachen ist es aber zu glauben, dass die Solidarität mit der Armut gepaart und demzufolge früher größer war. Die Solidarität ist heute in Wohlfahrtsstaaten organisiert, deshalb heißen sie so und wir geben – gern? – vierzig und mehr Prozent  unserer Einkommen an die Gemeinschaft ab. Sowohl der Appell als auch die Gabe ist institutionalisiert. Nur sind die Institutionen heute andere als damals, als die Franziskaner für die Barmherzigkeit bettelten und große, schöne Kirchen bauten.

Scherben bringen natürlich kein Glück, und Glück bricht auch nicht so leicht wie Glas.  Eher bringen Scherben Unglück, wenn man barfuß in sie tritt. Mit solchen Sprüchen trösteten sich vielmehr unsere Vorfahren, wenn ihnen Unglück widerfuhr. Sie sahen in dem Unglück des Verlustes den Boten des künftigen Glücks. Auch damals wussten die Menschen schon von der Sinusförmigkeit des Lebens, vielleicht sogar aller Prozesse, aller Bewegung. Denn auch das Wasser sucht sich seinen Weg nicht geradlinig. sondern in Kaskaden und Mäandern, benannt nach dem ersten Fluss, der so beschrieben wurde: der altgriechische Mäandros, türkisch Menderes, in Kleinasien. In der Türkei ist es zudem ein äußerst sinnträchtiger Personenname. In dieser Sinuosität den Sinn des Lebens zu entdecken, ist schwer. Vielmehr kann man die umgekehrte Wahrnehmung daran erklären: statt unten im Tal froh zu sein, dass es bald aufwärts geht, jammern wir gern, dass und wie weit wir unten sind. Statt oben ängstlich die Talfahrt zu erwarten, triumphieren wir blind auf dem Gipfel, der eben nicht nur der Gipfel des Glücks, sondern der Ausblick in das Tal ist. Die barocke Sprache mit ihrem Jammertal und himmlischen Freudenstrahl traf das schon nicht schlecht. Man muss trotzdem lernen, mit Verlust zu leben, aber den Verlust auch als Verlust zu empfinden und nicht aus der Inflationsmasse immer wieder neu zu substituieren. Ein Substitut, ein Ersatz, kann helfen, aber eigentlich auch nur hinwegtäuschen. Denn das ursprüngliche Ding, das ursprüngliche Tier, der ursprüngliche Mensch hatte eine Geschichte (history und story), die mit ihm verschwindet, wenn wir sie nicht in Fiktion verwandeln und weitererzählen. Der einzige Trost ist die Trauer.