LOKSCHUPPEN

Nr. 299

Nicht zu toppen ist der Bahnhof von Halbe. Zunächst denkt man an maurischen Stil, aber dann sieht man, dass es eindeutig Tudor-Gotik ist, in der er bröckelt. Denn, wieviel Mühe sich unsere Vorfahren auch immer gegeben haben, wir wissen sie oft nicht zu schätzen. Die Reichspost, von der Familie Thurn uns Taxis gekauft, und die Reichsbahn, beide mit der Reichseinigung von 1871 entstanden, waren einst nicht nur kommunikative Unternehmungen, sondern auch der Ausfluss eines paternalen Staates. Was man heute Service nennt, war einst die Fürsorge des monarchischen Staates für seine zwar Untertanen genannten, aber doch streng und gut behandelten Bürger. Die Unterdrückungsmechanismen dieses Staates sollen hier nicht verniedlicht werden, es geht nur um die Gebäude.

Das ganze große Land wurde mit einem Netz von Post-, Bahnhofs-, Forst- und Schulgebäuden, leider auch Kasernen überzogen. Während die Kasernen wegen ihrer oft gigantischen Ausdehnung gut umgenutzt werden können, die Schulen noch bestehen, verfallen die Bahnhöfe und Postgebäude.

Die Mobilität ist von einem kollektiven und klassifizierten Spaß zum Individualverkehr heruntergesunken. Die Autobahnen, die kongenial die Eisenbahnen imitierten, haben den Wettlauf gewonnen. Zwar gibt es immer noch bedeutenden Güterverkehr auf der Schiene, aber der Personenverkehr ist zum Kummerkasten der Nation verkommen. Statt seine gigantischen Ausmaße zu beachten, wird jede Verspätung so gezählt und multipliziert, als hinge von ihr das weitere Leben der Reisenden ab.

Obwohl die Post täglich siebzig Millionen Briefe befördert, beklagen Verbraucherschützer den Verlust von siebzigtausend Briefen pro Tag, was die Post als absurd bezeichnet, und wir alle beklagen, dass wir keine Briefe mehr erhalten, sondern nur noch Rechnungen, Mahnungen und Strafbefehle. Der Grund dafür liegt aber eindeutig darin, dass wir keine Briefe mehr schreiben. Unsere falsche Optimalvorstellung geht davon aus, dass alles so bleibt wie früher, aber auch gleichzeitig so wird wie morgen. Wir wollen Briefe erhalten, obwohl wir selbst keine mehr schreiben. Wir wollen keine Mahnungen, obwohl wir die Rechnungen nicht bezahlen. Wir regen uns über Fahrpreis- und Portoerhöhungen auf, obwohl wir mit dem Auto fahren und telefonieren statt Briefe zu schreiben. Das Unbehagen an der Kultur ist vielmehr ein Unbehagen an der Innovation. Wir trauen, mangels Ganoven, uns selbst nicht über den Weg. Die Zeitungen berichten, mangels Ganoven, von abgerissenen Zweigen in Pfaffenhofen und der Rettung einer Katze aus dem siebenten Stockwerk eines Hauses in Bochum. Das mag aber alles unter ‚gefühlte Temperatur‘ gezählt werden, die, damit wir nicht selber fühlen müssen, auf unserem Telefon angezeigt wird.

Tatsache ist aber der Verfall der schönen Gebäude aus der zweiten Hälfte des neunzehnten und ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. So wie die Errichtung dieser Gebäude, lange bevor Lord Keynes Gedanken wirkmächtig wurden, ein Beispiel für antizyklische Investitionen waren, könnten sie es erneut werden. Statt die schwarze Null im Staatshaushalt wie das Goldene Kalb zu feiern, sollten zügig entschuldet und investiert werden. Regulierend kann der Staat aber auch eingreifen, indem er statt ständig Papphäuschen für prosperierende Discounter zu genehmigen, Altimmobilien anpreist und ausweist.

Mit dem Satz ‚Der Hauptbahnhof von Osnabrück sieht aus wie ein Zitat der Kalenderhane-Moschee in Istanbul.‘ kann man nicht nur Deutschtürken und Rechtsradikale erschrecken, er zeigt auch, wie gelungene Kontinuität aussehen kann. Denn die genannte, eher kleine Moschee war vor 1453 eine Kirche gewesen und Mehmed II. soll sie persönlich und ausdrücklich zur Moschee mit Suppenküche für die Armen bestimmt haben. Umnutzung kann also den Wertewandel begleiten, es ist dabei gleichgültig, ob es vielleicht umgekehrt ist. Etwas bewahren, sagen wir an die Adresse des Konservatismus gerichtet, kann ja nicht heißen, seine Bewegung aufzuhalten. Die Bewegung anhalten heißt töten. Eine lohnende Aufgabe für Konservatismus und Nationalismus wäre es also, diese beiden Gefühlsrichtungen aus ihrer provinziellen Enge zu befreien. die Beschränkung auf sich selbst kann nie Vorteile für sich selbst bringen. Wenn man aber gleichzeitig bewahrt und ehemals der Kommunikation dienende Gebäude einer neuen Bestimmung zuführt, nützt man sich und gleichzeitig anderen. Statt also in Angst zu vergehen, dass ‚Umvolkungen‘ und ‚Islamisierungen‘ stattfinden, sollte man seinen Mut zusammennehmen und Vereine zur Rettung autochthonen Kulturguts gründen, Wettbewerbe ausschreiben,  Schulklassen begeistern. Tun ist immer besser als lamentieren.

Als Übungsaufgaben kann man damit beginnen, einer sechsten Klasse im Rahmen des Musikunterrichts die Nachhaltigkeit einer Orgel gegenüber einem Keyboard oder einem Smartphone zu erklären, ohne aber diese zu verteufeln. In einem nächsten Schritt könnte man einen Briefklub in der ortsansässigen Grundschule gründen. Briefe gehören zu den fundamentalen Kulturtechniken. Sodann kann man einen Verein zur Umwertung örtlichen Post oder des Bahnhofs gründen. Während sich für die Post immer Wohnungen als Umwidmung anbieten und meist kein Problem bereiten, muss über den Bahnhof, schon wegen seiner oft exklusiven Lage, besonders wenn die Bahnlinie noch intakt ist, lange nachgedacht werden. Der lokale Raumbedarf ist meist gut abschätzbar. Viele Orte in Europa benötigen nicht zwei Kulturhäuser oder noch nicht einmal einen Jugendklub. Aber auswärtige Investoren kennen die Vorzüge der speziellen Immobilie nicht. So gibt es Bahnhöfe von außerordentlich schöner Architektur, von besonderer Lage, mit niedrigem Kaufpreis, großen Räumen. All das kann der Verein durch Veranstaltungen, Broschüren, Bücher, Filme und Webseiten bekanntmachen.

Allen Utopien wird immer wieder Realitätsverweigerung unterstellt, jedoch vergessen die selbst ernannten Realisten, dass alle Realität aus der Utopie geboren wurde und dann erst den Umständen angepasst wird: am Anfang war das Wort. Aber das Wort, die Idee ist nicht identisch mit einem omnipotenten Demiurgen. Deshalb wir zum Schluss auf den Gebäudetyp verwiesen, der am schwersten integrier- und umdeutbar ist. Seine Lage hat er mit dem Bahnhof gemeinsam, von dem ihn aber die fehlende humane Dimension  trennt. Von vornherein ist er wegen seiner Herkunft gemieden. Die industrielle Revolution – das ist seine Herkunft – wird sogar von vielen Kulturkritikern als der Sündenfall, als Keimzelle des Untergangs angesehen, ohne dabei zu beachten, dass dieser Sündenfall gleichzeitig der Ursprung von Wohlstand und Freiheit ist. Die menschlichen Verhältnisse sind immer ambivalent, was dazu geführt hat, dass wir in bipolaren Krankheiten versinken und dichotomischen Paradigmen anhängen. Das Gebäude, mit dem wir den Schatten jedes Segregationismus ablegen könnten, wenn wir in der Lage wären, es in die moderne Welt zu integrieren, obwohl es von seiner Zweckbestimmung her nicht mehr gebraucht und von vielen noch nicht einmal mehr erkannt wird, ist der Lokomotivschuppen.

 

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OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT

 

Nr. 298

Die Episoden können sich nicht schnell genug in Anekdoten verwandeln. Die Erzähler bleiben zurück, nicht weil die Ereignisse schneller und tiefer würden, sondern weil alles sofort und weltweit berichtet wird. Nicht die Welt ist aus den Fugen, sondern alles Ungefügte ist im Moment des Geschehens schon auf den Monitoren der Welt, dann einen Tag in einer schnellen und weitgehend unreflektierten Diskussion, aber dann wird schon die nächste Episode gesendet. Die Welt, wir Menschen und unsere Ereignisse werden zu einer TV-Serie des lieben Gottes, Folge 5962. Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen, sondern wir haben keine Zeit, mit den guten Geistern zu sprechen oder auch nur auf sie zu hören. Als noch ein einziger Philosoph aus Königsberg seine Kommentare zum Weltgeschehen sandte HANDLE SO, DASS NICHT NUR DAS GUTE GESCHIEHT, SONDERN ANDERE SICH NACH DIR RICHTEN KÖNNEN, hatte man fünfzig Jahre Zeit, diese Botschaft zu bedenken und für sich anzunehmen oder abzulehnen. Keinesfalls haben früher alle Menschen alle Botschaften blindlings angenommen. Der Widerstreit der Botschaften ist so alt, dass unsere Vorväter ihn sogar in den Gründungsmythos der Welt aufgenommen haben: Gott machte zwei Brüder, einer sesshaft, der andere nomadisch, einer Ackerbauer, der andere Viehzüchter, einer sanftmütig, der andere jähzornig, einer nachdenkend, der andere handelnd, einer nach den Maximen handelnd, der andere sie durchbrechend, und dann schlägt der eine den anderen tot. Und als wäre das noch nicht genug Schaden entwickelt der Mörder eine Theorie des Mordes, nach der Mord zur Leitkultur gehört, nach der es genügt, sich um sich zu kümmern und nach der es  erlaubt sei, sich zu schütteln und zu fragen: SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN? Und im Jubel über diese Unverfrorenheit, diese Schnoddrigkeit, diese vermeintliche Freiheit von Moral und Ketten, hört er die Antwort nicht, die im Weltall widerhallt: oui, yes, ya.

Diese Schnelligkeit der Nachrichten, die eigentlich nur übermittelte Episoden sind, verringert auch die notwendige Distanz zu den Mitmenschen. Wem ich helfen will und muss oder wen ich lieben will oder muss, zu dem brauche ich Nähe. Wen oder was ich verstehen will, zu dem brauche ich auch Distanz. Respekt als Sonderform dieser Distanz reicht von soldatischer oder höfischer Unterwerfung bis zu einem Aspekt der eigenen Würde. Der Begriff der Würde ist wie der Begriff des Souveräns sozusagen umgedreht worden, von einer auserwählten Elite, für die sie früher nur galten, auf alle Menschen übertragen. Ein einzelner Herrscher herrschte souverän, er musste niemanden fragen, wenn er für sich und für alle entschied. Heute muss sozusagen das Volk niemanden fragen. Es entscheidet, von wem es regiert werden will. Dieser Vorgang, dass ein ganzes Volk sich eine Ordnung und eine Regierung gibt, ist derart kompliziert, dass er ohne ständiges Stolpern nicht zu meistern ist. Die Würde wurde früher durch Insignien, sichtbare Kennzeichen meist der Macht und erblicher oder elitärer Stellungen ausgedrückt. In der Umkehrung heißt es nun, dass die Würde jedes Menschen unantastbar sei. Für die universelle Verbreitung dieser komplexen Botschaft und dieses umfänglichen Imperativs reichen natürlich siebzig Jahre nicht aus. Immer wieder gab es lange Kainsperioden, waren Kainsmale die Epauletten der Macht. Der Krieg wurde zur Natur des Menschen erklärt. Der Wolf, der Babies aufgezogen, Städte gegründet und der beste Gefährte des Menschen und der Hüter seiner Brüder wurde, wurde zu Symbol, zum Emblem der Grausamkeit, Mordlust und Falschheit gemacht, wenn er nämlich im Schafspelz daherkam. Dass wir Menschen Schafe züchten, um sie zu ermorden und nicht weniger zu fressen als der Wolf, wird vergessen und verdrängt. Die heutige Massentierhaltung der westlichen Leitkultur ist weitaus grausamer als alles, was Wölfe je Vegetariern antun konnten. Dieselbe westliche Leitkultur konstatiert bei den Afrikanern ungenügenden Respekt vor der Kreatur. In dem Wort ‚Kreatur‘ begegnen sich religiöser Sozialdarwinismus, Unterordnungsfantasien und Segregationswahn, und die Würde der Wesen in schöpferischen Prozessen. Wir sagen heute, dass die Kreatur kein niederes Tier ist, weil es keine niederen Tiere gibt, die Ameise, die schon paradigmatisch in der Bibel und im Koran erwähnt wird, ist nicht schlechter eingefügt als der Mensch, sondern eben Produkt, Schöpfung eines höheren Willens, ob er nun anthropomorpher Gott, hegelscher Weltgeist oder Evolution heißt, ist.

Die heutigen Insignienträger sind nicht mehr omnipotent, allmächtig, sondern omnipräsent, immer da. Wir blicken auf unser Smartphone und sehen Bundeskanzlerin Merkel und ihre Widersacher. Dieser falsche Fokus, auf den einst Richard Milhous Nixon, der tricky Dick genannt wurde, zum eigenen Nutzen mit der brillanten Formulierung der ’schweigenden Mehrheit‘ hinwies, derselbe Nixon, der auch die Ausnutzung der Wohlfahrt durch die Armen erfand, dieser falsche Fokus führt dazu, dass alle Nichtereignisse ausgeblendet werden. Es passiert nur das, was auf den Monitoren zu sehen ist. Das ist keine allzu neue Erkenntnis. Aber: wir sehen also die Bundeskanzlerin und ihre Widersacher, aber wir sehen nicht ihre Befürworter und wir sehen nicht uns. Aber: wir hängen zum Schluss von Kreaturen ab, die wir machten. Damit sind nicht, wie in Goethes FAUST unsere Kinder gemeint, sondern unsere Produkte. Der Mangel an Respekt folgt aus der mangelnden Distanz, diese wieder, weil das Ereignis zu wenig reflektiert, statt dessen vom nächsten Ereignis eingeholt wird. Reflexionen reduzieren sich allzu oft auf einen einzigen Satz.

So ist es möglich, dass eine Opposition, die sich national und sozial glaubt, in völliger Verkehrung der Verhältnisse ständig mit Obszönitäten und Absurditäten das eigene Land und dessen Würdenträger beschimpft und beschmutzt. Denn, obwohl die Würde jetzt bei jedem Menschen zuhause ist, gibt es in einer repräsentativen Demokratie trotzdem noch die herausgehobene Würde. Ständig präsent ist nur, wer ständig repräsentiert. Allerdings wird kaum ein Unterschied zwischen Fußballstar, Rockstar, TV-Star und Politstar gemacht. Die Leuchtkraft jener Sterne hat demzufolge eine geringe Halbwertzeit: wer kennt noch Richard M. Nixon?

Der französische Präsident Emmanuel Macron war vor ein paar Tagen bei einer Gedenkveranstaltung. Ein Junge, offensichtlich links, langhaarig und respektlos, begrüßte ihn nicht unfreundlich, aber flapsig: CA VA MANU?, was geht, Mann? Und Macron, der sowohl seine Würde als auch seine Insignien zurecht in Gefahr sah, antwortete dem Jungen sinngemäß etwa so: Das ist hier eine Zeremonie und du benimmst dich gefälligst so, wie man sich hier benimmt. Und zu mir sagst du gefälligst MONSIEUR LE PRESIDENT. Und die Antwort des Jungen ist es, die uns allen, allen voran aber diesen rechten und linken, nationalistischen, nationalbolschewistischen, segregationistischen, verlogenen und populistischen Widersachern fehlt. Die Antwort, die wir mit unserer Würde nicht so gerne vereinbaren wollen, die uns zu konservativ, zu respektvoll, zu unterwürfig, zu undemokratisch, zu unmodern erschiene, die uns aber fehlt, zu der wir uns erneut aufschwingen müssen, lautete:

OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT.  

I AM A WOMAN

 

Nr. 297

Ein Schulaufsatz gegen den Feminismus

Wir standen in Brüssel in dem kleinen, aber sehr schönen Museum* für politische Plakate vor demselben Poster: Kevin Jones** war begeistert, ich war maßlos enttäuscht. Denn da stand: I AM A MAN. Ich weiß natürlich, dass das heißt ICH BIN EIN MENSCH. Aber ich frage mich, ob das heute noch richtig ist. Ich frage mich, ob sich nicht alle Emanzipationsbewegungen gegenseitig durchkreuzen und dann auslöschen. Am besten wird das deutlich in einem so schönen, so grausamen Satz WOMAN IS THE NIGGER OF THE WORLD. Jeder weiß, dass Yoko Ono den Satz 1968 in einem Interview gesagt hat, John Lennon hat daraus einen Song gemacht, aber übriggeblieben ist eben dieser Satz. John Lennon wurde zum Feministen, vielleicht zum ersten, und dann wurde er erschossen. Aber wer bleibt übrig, wenn man diesen Satz zuende denkt: irgendein blöder alter weißer Mann. Ich will den Satz und schon gar nicht John Lennon diskreditieren. Ohne sie gäbe es die weiteren Überlegungen nicht, und ein anderer Satz von John Lennon steht bei mir gleich neben den Yesus-Sätzen: ALL YOU NEED IS LOVE. Ich will vielmehr sagen, dass fünfzig Jahre nach dem Satz klar ist, dass ihn jemand geschrieben hat, der keine Frau und kein Afrikaner war. Frauen waren noch nie eine Minderheit, Menschen mit außereuropäischer Hautfarbe auch nicht. Also sind sie zu etwas Minderwertigem gemacht worden, weil die das taten, jemanden unter sich brauchten. Man konstruiert eine Hierarchie, indem man sich jemanden unterstellt. Man fühlt sich als Vorgesetzter. Und weil ich am rechten Rand die Hunde bellen höre, sage ich gleich dazu: auch Wölfe leben in Familienverbänden. Die Beobachtung mit den Alphatieren war falsch und ist von gestern. Den Sturz zweier vermeintlicher Alphatiere kann man auch gerade aktuell beobachten: Merkel und Seehofer beschädigen sich selbst, die Demokratie, Deutschland, dem sie ewige Treue geschworen haben, Europa und die Würde des Menschen. Und dann sieht man: es waren gar keine Alphatiere. Es gibt keine Hierarchie, außer in der Notfallaufnahmeim Krankenhaus und in der Bundeswehr, aber die gibt es auch nicht mehr lange.

Der Satz von Yoko Ono und John Lennon soll auf einen Vorgänger von James Connolly zurückgehen. Das ist ein irischer Intellektueller, der mit elf Jahren die Schule verließ und mit vierzehn Jahren in die verhasste britische Armee eintrat, denn eigentlich wollte er Irland emanzipieren. Jetzt sieht man wieder meine These bestätigt, dass sich die Emanzipationsbewegungen gegenseitig auslöschen: Nordirland tritt gezwungenerweise aus der EU und das emanzipierte Irland weigert sich – und das ist selten geworden – einen Zaun zu bauen. Selbst Dänemark baut jetzt einen Zaun, wenn auch nur gegen infizierte Wildschweine. Ich dagegen erinnere an einen weiteren großen Satz TEAR DOWN THIS WALL. Connolly schrieb, und darauf bezogen sich Lennon und Ono, dass der weibliche Arbeiter der Sklave des Sklaven sei.  Seneca, das ist der geistige Onkel von Yesus, berichtet von einem Sklaven, der als Gladiator sterben sollte. Er rammte sich, statt sich in der Arena zum Gespött blöder alter weißer Männer zu machen, die Fäkalienstange in den Rachen, so dass er selbstbestimmt starb. Seneca, der selbst Sklaven besaß, wie auch Jefferson, der Humboldt kannte, der ein Sklavereigegner war wie Rousseau, hat den Grund gelegt für Rousseaus Befreiungstheorie: es gibt keine Sklaven. Sklave ist man – so weh dieser Gedanke auch tut – immer freiwillig. Man tauscht seine Freiheit gegen die Versorgung. Was man nicht tauschen kann ist die Freiheit gegen das Leben, denn da Leben hat man schon von seinen Eltern und von der Natur oder von Gott. Der Mensch, schreibt Rousseau, und jeder Schüler träumt von solch einem schönen ersten Satz, ist frei geboren, doch liegt er überall in Ketten. Und ein Teil dieser Ketten, behaupte ich, sind die Etiketten. Wir kleben uns eine Marke auf, halten uns für besser und glauben an die Hierarchie des Guten: du bist gut, ich bin besser. Der Streit zwischen Mann und Frau ist genauso albern wie der zwischen weiß und schwarz – Kevin, ich verspreche, ich sage niemals, niemals mehr Schwarzer zu dir, denn ich brauche keinen. Das schlimme für uns Menschen ist nur, dass sich auch so große Institutionen wie die Religionsgemeinschaften am Wettlauf um die so genannte Wahrheit beteiligt haben und weiter beteiligen. Die anderen werden als Heiden, Ungläubige, Rebellen oder Verlierer getötet, obwohl das Gebot aller Religionen lautet, dass du und ich nicht töten sollen. Gut, wir beide werden es auch nie tun, aber wie kann man das Tötungsverbot im Namen dessen aufheben, der es angeblich erlassen hat? Ich vielmehr glaube, dass es ein Gebot der Natur, die das Leben und den Tod hervorgebracht hat, ist. Am linken Rand murren jetzt die Maulesel: werdet endlich Vegetarier. James Connolly wurde übrigens an einen Stuhl gebunden hingerichtet, weil er aufgrund seiner Verletzungen nicht mehr stehen konnte, Jesse Washington***, der Name ist Programm, wurde aufgehängt und angezündet, und weil er sich, schon brennend den Strick abreißen wollte, wurden ihm die Hände abgehackt. So sieht es aus, wenn Rechthaber zeigen wollen, dass sie rechthaben. Die beiden waren übrigens unschuldig, aber wer darf Schuldige so behandeln?

Wir Frauen sollten nicht auf einer Quote bestehen. Wer gut ist, wird sich durchsetzen. Macht muss man nicht lernen, wenn man nicht verlieren will.  Wir Frauen sollten nicht auf der stets besonderen Nennung bestehen. Was gibt es für einen besseren Titel als Mensch? Auch die nachträgliche Korrektur historischer Irrtümer bringt uns keinen Schritt voran. Schiller schrieb – aus heutiger Sicht fälschlich -, dass alle Menschen Brüder werden sollten, er, der mit zwei Schwestern einvernehmlich lebte. Ich glaube sonst nicht an die Realisierbarkeit von Dreiecksverhältnissen, aber Schiller hat sein Dreieck gelebt. Und ausgerechnet ihm soll man einen der besten Sätze korrigieren? In der Bibel steht, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind, aber bei Schiller ist es eine fortwährende Aufgabe. Wir werden nur dann Schwestern und Brüder, wenn wir dieses ständige disliken vermeiden, wenn wir über unsere Schatten der Hässlichkeit zu springen lernen. Diese Hässlichkeit kommt vom Hass, und jene Lieblichkeit kommt nur von der Liebe. Jetzt schreibe ich einmal wie Yesus oder wie seine Schwester: reicht euch die Hände und reißt eure Etiketten ab. Reißt die Zäune nieder, tear down this wall of hate. Wer von Zäunen träumt, wird beschränkt sein bis ans Ende seiner Tage.

 

*MiMO, Quai de Hainaut, Bruxelles

**fiktiver Schüler des vorigen (Nr.296) Aufsatzes

***erstes Waco-Massaker 15. Mai 1916

 

I AM A MAN

Nr. 296

Ein Schulaufsatz

Ich hasse Museen, aber es gibt schlimmeres als Brüssel. An Amsterdam oder Prag oder Lloret de Mar kommt Brüssel nicht heran. Mich hat schon gewundert, dass es nicht die reiche Protzhauptstadt Europas ist. Das hatte ich erwartet. Unser Hotel stand in einem Stadtteil, den man mit Neukölln vergleichen kann, Molenbeek, der kam schon in den Nachrichten. Aber, im Gegensatz zu den Nachrichten bin ich sicher: da wohnen ganz normale Leute, ordentlich angezogene Menschen, die morgens ihre Kinder zur Schule bringen.

Wir haben das ganz gewöhnliche Touristenprogramm gemacht: du kannst fahren, wohin du willst, einen Superlativ gibt es überall. Das will ich nicht erzählen. Aber in einem Museum, ich hasse Museen, war ein Bild von einer Tür. Nur dass die Leute nicht die Tür geöffnet haben, sondern sie haben sie ausgesägt oder die Tür hat sich selber ausgesägt, genau in der Form ihres Körpers. Wenn du immer wieder das gleiche machst, gewöhnt sich die Umwelt daran, Trampelpfade entstehen, Datenspuren, verletzte Menschen, all das hinterlässt du auf deinem Lebensweg. Aber ich dachte, als ich das Bild sah: warum machen wir nicht einfach die Tür auf, die uns geschlossen erscheint. Ich weiß: einfach! Einfach ist nichts. Wenn jemand dir eine einfache Lösung verspricht, ist er entweder ein Genie oder ein Populist. Populist hieß früher im alten Griechenland Demagoge. Da hast du die beiden Seiten: erst schaut er dem Volks aufs Mauls, dann versucht er, es zu verführen. Das geht immer gegen die eigenen Interessen, denn wenn du die anderen ignorierst, schadest du dir selbst, andersherum gesagt: nur wenn du anderen hilfst, hilfst du dir immer selbst, weil sich das Gesamtsystem verbessert und wir zum Schluss alle besser dastehen.

Ich habe vorher auch gedacht, dass die EU wie ein Krake ist, die ihre langen Saugrüssel in alle Systeme, Länder und Städte steckt. Aber jetzt denke ich, dass sie mehr wie ein altes Haus ist, in dem die Menschen die Türen öffnen, neugierig sind, sich gegenseitig helfen. Aber dabei passieren eben Fehler. Jeder kennt die Geschichte mit der Gurke. Aber keiner denkt darüber nach, dass er kein Geld mehr umtauschen muss und dass er überall mit gleich wenig Geld telefonieren kann. Das muss den Konzernen richtig weh tun, wenn sie uns an jeder Grenze mitteilen müssen, dass es im nächsten Land nicht mehr kostet als im vorigen oder dass rauchen schädlich ist. Der Glaube an die Konzerne ist wie jeder Glaube ein Aberglaube. Damit will ich nicht sagen, dass man nichts glauben soll, sondern dass man nicht glauben soll, dass es einen richtigen Glauben gibt. Natürlich haben die Konzerne Macht, aber sie verschwindet auch wieder, wie jede Macht. Macht ist vergänglich, nur das macht sie erträglich, das ist doch tröstlich, oder?

In Brüssel können sie alle zwei Sprachen, aber meistens auch noch Englisch oder Deutsch. Das hat mich darauf gebracht, und wieder wartete in einem Museum – ich hasse Museen – die Bestätigung, dass wir nicht der sind, von dem wir glauben, dass wir es sind, und schon gar nicht der, von dem, die anderen glauben, dass wir es sind. Natürlich kann jeder BITTE und DANKE in verschiedenen Sprachen sagen. Aber sage einmal auf englisch: DAS HAT MICH DARAUF GEBRACHT, DASS WIR NICHT DER SIND, VON DEM WIR GLAUBEN, DASS WIR ES SIND, UND SCHON GAR NICHT DER, VON DEM DIE ANDEREN GLAUBEN, DASS WIR ES SIND. In uns steckt also nicht nur eine guter Kern oder des Pudels Kern, wie es in einem alten Buch heißt, das leider in der Schule nicht mehr gelesen wird – God be thanked for books, they are the voices of the distant an the dead  – sondern auch ein anderer. In jedem Mann steckte eine Frau. In jeder Frau steckt aber auch ein Mann, und zwar in jeder Beziehung, in jedem Schwarzen steckt ein Weißer, in jedem Weißen ein Schwarzer, mindestens aber der, den er braucht, um sich besser zu fühlen. Natürlich ist nicht jeder Mensch böse, ich behaupte sogar, dass kein Mensch böse ist, weil das Böse einfach die Summe aller falschen Entscheidungen ist. EINFACH. Aber wir tragen eben auch die Summen all des Unsinns mit uns umher, den Schatten des Sinns, die Ahnung des Guten, die Hoffnung auf die Zukunft. Man kann es auch an den Nomaden erklären. Die werden verachtet. Immer wenn einer dazukommt, sagen die anderen: hat er kein Haus? Das betrifft nicht nur die Fremden. Auch als 1945 die Deutschen auf der Flucht waren – es ist schwer vorstellbar und wenn es nicht so traurig wäre, müsste man sogar ein bisschen lachen – wurden sie von den anderen Deutschen nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Zigeuner beschimpft. Wenn man also Zigeuner sagt, meint man gar nicht die Sinti und Roma, die betteln oder Musik machen, sondern man meint den Nomaden in sich, den man bekämpft, weil man das Haus, den Wohlstand, das Establishment als Ideal empfindet. Wenn jemand das Wandern – nicht das Wandern durch den Main-Taunus-Kreis – als Ideal empfindet, wird er abgelehnt. Selbst der Song DAS WANDERN IST DES MÜLLERS LUST singt davon. Der Müller ist immer der andere. Wir müssen gar nicht selbst die Ablehnung empfinden, es reicht, wenn wir in der Erziehung gut aufgepasst haben. Da kommen die Vorurteile her. Andererseits gibt es ohne Vorurteile keine Urteile, die wiederum das Fundament der Erstarrung als Vorurteil, Orthodoxie, Rassismus und so weiter sind. Wenn du eine Sache hundertneunundsechzigmillionen Mal vergrößerst, erstarrt sie. Orthodoxie sollte man umtaufen in Orthotoxie, denn unbezweifelbar wirkt jemand, der sich für richtig hält, wie Gift.

Wenn es keine Rassen gibt, kann es auch keinen Rassismus geben. Aber wie bringen wir das dem Rest der Welt bei, denen, die nicht in Brüssel oder Berlin wohnen?  Wenn man – nach wie vor – von ‚Vernichtung der Juden‘ spricht, meint man dann, dass einen Juden umzubringen etwas anderes ist, als einen Menschen zu ermorden? Ja, man meint es, ohne es vielleicht zu wollen. Die Verbrechen sind so abscheulich, dass wir vor Schreck die Sprache der Täter übernehmen, statt uns in die Opfer hineinzufühlen. Die Opfer waren Menschen, einfach Mitmenschen, nicht Indianer, Neger, Schwarze, Juden, Armenier, Zigeuner. Wenn wir uns angewöhnen würden, ‚Menschen‘ zu  denken und auch zu sagen, dann müssten wir nicht ständig aufpassen, dass wir das richtige Wort verwenden. Ist Zigeuner korrekt oder ist er ein Sinto oder ein Rom? Er ist ein Mensch. Es ist niemandem erlaubt, einen Mitmenschen zu töten, egal was der von sich denkt oder ich von ihm. Warum muss ich die Getöteten nachträglich noch mit einem Etikett versehen? Warum heißt es immer von einem Täter – auch wenn er Polizist ist: er tötete unschuldige Menschen? Darf man denn schuldige Menschen töten?

Man fährt in eine andere Stadt und kommt mit vielen Fragen zurück. In dem letzten Museum – ich hasse Museen – waren politische Plakate. Unseren Lehrern fiel bei jedem Plakat ein Stück ihrer Vergangenheit ein. Mir gefiel am besten das Plakat I AM A MAN.  

IF YOU CALL ME A NEGRO YOU NEED ONE.

 

Die Zitate sind von Martin Luther King und James Baldwin.

SCHERBEN BRINGEN GLÜCK

 

Nr. 295

Die Inflation der Dinge erst lässt uns mit der Trauer hadern. Wir wollen und müssen über Verluste nicht mehr traurig sein. Jedes Ding ist ersetzbar, wenngleich manches nur mit Ratenzahlung. Auch die Bindung an Tiere und Menschen lässt mit wachsenden Möglichkeiten nach. Der Tod bleibt der Tod, aber auch er lässt meistens auf sich warten. In den Pflegeheimen dämmern Menschen vor sich hin. Pflege ist von einer barmherzigen Handlung zu einer abrechenbaren Leistung geworden. Der Vorteil der Abrechenbarkeit ist deren Einklagbarkeit. Was sich wirtschaftlich durch Verträge definiert, ist auch immer ein Rechtsgegenstand.

Aber woher wissen wir, wie die Barmherzigkeit organisiert war? Wenn wir die verschiedenen Franziskanerorden als jahrhundertelange Träger der Barmherzigkeit ansehen, dann lebten die Mitglieder dieser Orden zwar in relativer Armut, aber sie erwirtschafteten sehr wohl einen Gewinn aus der Barmherzigkeit,  der sich heute noch in ihren großen erhaltenen Bauten zeigt. Es scheint auch, dass das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter – heute würde man wahrscheinlich eher Samaritaner sagen – nicht einen allgemeinen Mangel an Barmherzigkeit, sondern eine Überbürokratisierung derselben kritisieren soll.  Denn alle die Menschen, die an dem verletzten und ausgeraubten Kaufmann vorbeigingen, wären auch nach damaliger Vorstellung zu Hilfeleistung verpflichtet gewesen. Die Inflation an Bedarf führt vielleicht immer zu einer Kommerzialisierung der Hilfeleistung. Daraus folgt ein Mangel an Trauer. Dieser wiederum wird durch anonyme Bestattungen aufgefangen: Wo es keinen Ort der Trauer gibt, muss man auch nicht trauern.

Die Dinge dagegen sind in unserem Teil der Welt schon seit über hundert Jahren im Überfluss vorhanden. Davor wurde jedes einzelne verlorene oder zerstörte Teil betrauert. Wir haben schon einmal das Märchen der Brüder Grimm zitiert, das von einem Großvater erzählt, dem die irdene Schüssel und der Platz am Tisch vorenthalten wurden, weil er solch einen Tremor hatte, dass er nach Meinung seiner hartherzigen Kinder einen Pflegeplatz erhalten musste. Erst der Enkel entdeckt die Illoyalität, die sich hinter dieser Bestrafung des Alt- und Schwachwerdens verbirgt. Zu bedauern wäre eine Gesellschaft, der die Enkel ausgehen. Beinahe könnte man an eine Fügung des Himmels denken, als in Paris vor ein paar Tagen ein kleiner verlassener Junge an einer Balkonbrüstung hing, weil er einen Weg in die Freiheit suchte, und von einem illegalen Einwanderer, Mamoudou Gassama aus Mali, in einem wahrhaft heroischen, athletischen und akrobatischen Akt der Barmherzigkeit in letzter Sekunde gerettet wurde. Es muss nur der richtige Enkel zu Stelle sein, wenn erstarrte Gesellschaften versagen.

Nicht überall auf der Welt ist die Verachtung der Dinge aus ihrer inflationären Unmenge so groß wie bei uns. In vielen Megastädten gibt es Slums auf den Müllhalden. Dort wird Müll in mühsamer und ekliger Handarbeit recycelt. Lima, Lagos und Lahore sind Beispiele, in denen Millionen Menschen mehr vegetieren als leben. Die Welt ist aber nicht aus den Fugen, sondern sie kann nicht in den Fugen, nicht im Gleichgeweicht sein. Die Summe aller Ungleichgewichte kann kein Gleichgewicht werden. Harmonie, das ideale Gleichgewicht, ist neben dem Wunder das einzige, das keine Inflation hat. Das Streben nach immer mehr Dingen und  Glücksgefühlen erzeugt ein immer tieferes Unbehagen.

Zum Beispiel fühlen sich in einer immer sicherer werdenden Welt so viele Menschen verunsichert. Der Diebstahl eines Apfels oder eines Fahrrades war vor 150 oder 100 Jahren eine Katastrophe. Äpfel werden heute aus Neuseeland importiert, das Fahrrad erlebt eine Renaissance ungeahnten Ausmaßes, es ist praktisch allgegenwärtig. Die Verbrechen nehmen ab, aber die Angst nimmt zu. Der Wohlstand nimmt zu, aber mit ihm auch die Unzufriedenheit. Der Neid war, wie sich jetzt zeigt, nicht an die Armut gekoppelt.  Wieder so eine Umkehrung der Tatsachen ist es aber zu glauben, dass die Solidarität mit der Armut gepaart und demzufolge früher größer war. Die Solidarität ist heute in Wohlfahrtsstaaten organisiert, deshalb heißen sie so und wir geben – gern? – vierzig und mehr Prozent  unserer Einkommen an die Gemeinschaft ab. Sowohl der Appell als auch die Gabe ist institutionalisiert. Nur sind die Institutionen heute andere als damals, als die Franziskaner für die Barmherzigkeit bettelten und große, schöne Kirchen bauten.

Scherben bringen natürlich kein Glück, und Glück bricht auch nicht so leicht wie Glas.  Eher bringen Scherben Unglück, wenn man barfuß in sie tritt. Mit solchen Sprüchen trösteten sich vielmehr unsere Vorfahren, wenn ihnen Unglück widerfuhr. Sie sahen in dem Unglück des Verlustes den Boten des künftigen Glücks. Auch damals wussten die Menschen schon von der Sinusförmigkeit des Lebens, vielleicht sogar aller Prozesse, aller Bewegung. Denn auch das Wasser sucht sich seinen Weg nicht geradlinig. sondern in Kaskaden und Mäandern, benannt nach dem ersten Fluss, der so beschrieben wurde: der altgriechische Mäandros, türkisch Menderes, in Kleinasien. In der Türkei ist es zudem ein äußerst sinnträchtiger Personenname. In dieser Sinuosität den Sinn des Lebens zu entdecken, ist schwer. Vielmehr kann man die umgekehrte Wahrnehmung daran erklären: statt unten im Tal froh zu sein, dass es bald aufwärts geht, jammern wir gern, dass und wie weit wir unten sind. Statt oben ängstlich die Talfahrt zu erwarten, triumphieren wir blind auf dem Gipfel, der eben nicht nur der Gipfel des Glücks, sondern der Ausblick in das Tal ist. Die barocke Sprache mit ihrem Jammertal und himmlischen Freudenstrahl traf das schon nicht schlecht. Man muss trotzdem lernen, mit Verlust zu leben, aber den Verlust auch als Verlust zu empfinden und nicht aus der Inflationsmasse immer wieder neu zu substituieren. Ein Substitut, ein Ersatz, kann helfen, aber eigentlich auch nur hinwegtäuschen. Denn das ursprüngliche Ding, das ursprüngliche Tier, der ursprüngliche Mensch hatte eine Geschichte (history und story), die mit ihm verschwindet, wenn wir sie nicht in Fiktion verwandeln und weitererzählen. Der einzige Trost ist die Trauer.