I AM A MAN

Nr. 296

Ein Schulaufsatz

Ich hasse Museen, aber es gibt schlimmeres als Brüssel. An Amsterdam oder Prag oder Lloret de Mar kommt Brüssel nicht heran. Mich hat schon gewundert, dass es nicht die reiche Protzhauptstadt Europas ist. Das hatte ich erwartet. Unser Hotel stand in einem Stadtteil, den man mit Neukölln vergleichen kann, Molenbeek, der kam schon in den Nachrichten. Aber, im Gegensatz zu den Nachrichten bin ich sicher: da wohnen ganz normale Leute, ordentlich angezogene Menschen, die morgens ihre Kinder zur Schule bringen.

Wir haben das ganz gewöhnliche Touristenprogramm gemacht: du kannst fahren, wohin du willst, einen Superlativ gibt es überall. Das will ich nicht erzählen. Aber in einem Museum, ich hasse Museen, war ein Bild von einer Tür. Nur dass die Leute nicht die Tür geöffnet haben, sondern sie haben sie ausgesägt oder die Tür hat sich selber ausgesägt, genau in der Form ihres Körpers. Wenn du immer wieder das gleiche machst, gewöhnt sich die Umwelt daran, Trampelpfade entstehen, Datenspuren, verletzte Menschen, all das hinterlässt du auf deinem Lebensweg. Aber ich dachte, als ich das Bild sah: warum machen wir nicht einfach die Tür auf, die uns geschlossen erscheint. Ich weiß: einfach! Einfach ist nichts. Wenn jemand dir eine einfache Lösung verspricht, ist er entweder ein Genie oder ein Populist. Populist hieß früher im alten Griechenland Demagoge. Da hast du die beiden Seiten: erst schaut er dem Volks aufs Mauls, dann versucht er, es zu verführen. Das geht immer gegen die eigenen Interessen, denn wenn du die anderen ignorierst, schadest du dir selbst, andersherum gesagt: nur wenn du anderen hilfst, hilfst du dir immer selbst, weil sich das Gesamtsystem verbessert und wir zum Schluss alle besser dastehen.

Ich habe vorher auch gedacht, dass die EU wie ein Krake ist, die ihre langen Saugrüssel in alle Systeme, Länder und Städte steckt. Aber jetzt denke ich, dass sie mehr wie ein altes Haus ist, in dem die Menschen die Türen öffnen, neugierig sind, sich gegenseitig helfen. Aber dabei passieren eben Fehler. Jeder kennt die Geschichte mit der Gurke. Aber keiner denkt darüber nach, dass er kein Geld mehr umtauschen muss und dass er überall mit gleich wenig Geld telefonieren kann. Das muss den Konzernen richtig weh tun, wenn sie uns an jeder Grenze mitteilen müssen, dass es im nächsten Land nicht mehr kostet als im vorigen oder dass rauchen schädlich ist. Der Glaube an die Konzerne ist wie jeder Glaube ein Aberglaube. Damit will ich nicht sagen, dass man nichts glauben soll, sondern dass man nicht glauben soll, dass es einen richtigen Glauben gibt. Natürlich haben die Konzerne Macht, aber sie verschwindet auch wieder, wie jede Macht. Macht ist vergänglich, nur das macht sie erträglich, das ist doch tröstlich, oder?

In Brüssel können sie alle zwei Sprachen, aber meistens auch noch Englisch oder Deutsch. Das hat mich darauf gebracht, und wieder wartete in einem Museum – ich hasse Museen – die Bestätigung, dass wir nicht der sind, von dem wir glauben, dass wir es sind, und schon gar nicht der, von dem, die anderen glauben, dass wir es sind. Natürlich kann jeder BITTE und DANKE in verschiedenen Sprachen sagen. Aber sage einmal auf englisch: DAS HAT MICH DARAUF GEBRACHT, DASS WIR NICHT DER SIND, VON DEM WIR GLAUBEN, DASS WIR ES SIND, UND SCHON GAR NICHT DER, VON DEM DIE ANDEREN GLAUBEN, DASS WIR ES SIND. In uns steckt also nicht nur eine guter Kern oder des Pudels Kern, wie es in einem alten Buch heißt, das leider in der Schule nicht mehr gelesen wird – God be thanked for books, they are the voices of the distant an the dead  – sondern auch ein anderer. In jedem Mann steckte eine Frau. In jeder Frau steckt aber auch ein Mann, und zwar in jeder Beziehung, in jedem Schwarzen steckt ein Weißer, in jedem Weißen ein Schwarzer, mindestens aber der, den er braucht, um sich besser zu fühlen. Natürlich ist nicht jeder Mensch böse, ich behaupte sogar, dass kein Mensch böse ist, weil das Böse einfach die Summe aller falschen Entscheidungen ist. EINFACH. Aber wir tragen eben auch die Summen all des Unsinns mit uns umher, den Schatten des Sinns, die Ahnung des Guten, die Hoffnung auf die Zukunft. Man kann es auch an den Nomaden erklären. Die werden verachtet. Immer wenn einer dazukommt, sagen die anderen: hat er kein Haus? Das betrifft nicht nur die Fremden. Auch als 1945 die Deutschen auf der Flucht waren – es ist schwer vorstellbar und wenn es nicht so traurig wäre, müsste man sogar ein bisschen lachen – wurden sie von den anderen Deutschen nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Zigeuner beschimpft. Wenn man also Zigeuner sagt, meint man gar nicht die Sinti und Roma, die betteln oder Musik machen, sondern man meint den Nomaden in sich, den man bekämpft, weil man das Haus, den Wohlstand, das Establishment als Ideal empfindet. Wenn jemand das Wandern – nicht das Wandern durch den Main-Taunus-Kreis – als Ideal empfindet, wird er abgelehnt. Selbst der Song DAS WANDERN IST DES MÜLLERS LUST singt davon. Der Müller ist immer der andere. Wir müssen gar nicht selbst die Ablehnung empfinden, es reicht, wenn wir in der Erziehung gut aufgepasst haben. Da kommen die Vorurteile her. Andererseits gibt es ohne Vorurteile keine Urteile, die wiederum das Fundament der Erstarrung als Vorurteil, Orthodoxie, Rassismus und so weiter sind. Wenn du eine Sache hundertneunundsechzigmillionen Mal vergrößerst, erstarrt sie. Orthodoxie sollte man umtaufen in Orthotoxie, denn unbezweifelbar wirkt jemand, der sich für richtig hält, wie Gift.

Wenn es keine Rassen gibt, kann es auch keinen Rassismus geben. Aber wie bringen wir das dem Rest der Welt bei, denen, die nicht in Brüssel oder Berlin wohnen?  Wenn man – nach wie vor – von ‚Vernichtung der Juden‘ spricht, meint man dann, dass einen Juden umzubringen etwas anderes ist, als einen Menschen zu ermorden? Ja, man meint es, ohne es vielleicht zu wollen. Die Verbrechen sind so abscheulich, dass wir vor Schreck die Sprache der Täter übernehmen, statt uns in die Opfer hineinzufühlen. Die Opfer waren Menschen, einfach Mitmenschen, nicht Indianer, Neger, Schwarze, Juden, Armenier, Zigeuner. Wenn wir uns angewöhnen würden, ‚Menschen‘ zu  denken und auch zu sagen, dann müssten wir nicht ständig aufpassen, dass wir das richtige Wort verwenden. Ist Zigeuner korrekt oder ist er ein Sinto oder ein Rom? Er ist ein Mensch. Es ist niemandem erlaubt, einen Mitmenschen zu töten, egal was der von sich denkt oder ich von ihm. Warum muss ich die Getöteten nachträglich noch mit einem Etikett versehen? Warum heißt es immer von einem Täter – auch wenn er Polizist ist: er tötete unschuldige Menschen? Darf man denn schuldige Menschen töten?

Man fährt in eine andere Stadt und kommt mit vielen Fragen zurück. In dem letzten Museum – ich hasse Museen – waren politische Plakate. Unseren Lehrern fiel bei jedem Plakat ein Stück ihrer Vergangenheit ein. Mir gefiel am besten das Plakat I AM A MAN.  

IF YOU CALL ME A NEGRO YOU NEED ONE.

 

Die Zitate sind von Martin Luther King und James Baldwin.

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