LESEN IST SILBER, SCHREIBEN IST GOLD

Nr. 300

Einblick im Rückspiegel

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Kreuzgang Havelberg

Niemand weiß, was wirklich vor sich geht, auch die nicht, die wollen, dass du nicht weißt, was vor sich geht. Aber du bist im Vorteil, denn du kannst dein Smartphone wegwerfen, aber sie können ihre Macht nicht wegwerfen, an der sie kleben wie der Junkie an der Spritze. Das stimmt natürlich nur, wenn diejenigen, die an der Macht kleben, auch wirklich wissen, was vor sich geht. Kein Politiker weiß, was wirklich vor sich geht. Politik ist eher wie russisches Roulette, vielleicht ohne Tote, aber da fallen uns schon all die erschossenen und angeschossenen Politiker ein. Vielleicht reden so viele Politiker so viel Unsinn, um eben nicht erschossen zu werden. Der Unsinn und der unsinnige Tod sollten uns aber nicht dazu verleiten, Politik insgesamt zu verdammen oder, was heute eher üblich ist, mit Unflat zu bewerfen. Aber war es denn besser, die Politiker wie Kaiser Wilhelm und Wilhelm Pieck, mit Flat zu bewerfen, zu bejubeln, an den Straßen zu stehen und betrunken Mützen in die Luft zu werfen vor lauter vorgetäuschter Freude? Als Kim Il Sung, der Großvater des jetzigen nordkoreanischen Diktators, der gerade den karikierten und kleinkarierten amerikanischen Präsidenten vorführt, unter frenetischem gefakten Beifall durch Ostberlin kutschiert wurde, fragte ein neben mir stehendes Mädchen: Und wer war eigentlich Kim der erste Sung? Und an dieser Anekdote kann man sehen, wovon ein Teil der Politiker träumt: demokratisch gewählt, aber dann nur noch geliebt zu werden. Wer nicht liebt, wird erschossen. Der ganze Kim-Clan ist natürlich von niemandem gewählt worden. Der andere, bessere Weg ist freilich beschwerlich: immer wieder neu zu überlegen, was gut und vielleicht sogar richtig ist, aber dafür immer wieder aufs neue beschimpft zu werden.

Politik und das Leben sind ein ständiges Auf und Ab. Auf die Demokratie folgt die Autokratie, aber erfreulicherweise auf dieser wieder die Demokratie. Demokratie darf man sich ebenso wenig vollständig oder perfekt vorstellen, wie die Autokratie ist. Wer in einem Land gelebt hat, das mit einer perfekten Mauer umbaut war, weiß, wie wenig perfekt sie war, denn er kennt mindestens ein, wenn nicht zwei Dutzend Leute, die sie überwanden. Schließlich brach sie zusammen, denn keine Mauer steht hundert Jahre. Die perfekte Diktatur, und davon war die DDR zum Glück meilenweit entfernt, dagegen scheitert an sich selbst: Wer Recht und Gesetz zum alleinigen Kompass machen will, wird zwangläufig zum Verbrecher. Wer dagegen die Freiheit zum alleinigen Maßstab macht, wird schlimmstenfalls Chaot.

Jeder Mensch glaubt und muss glauben, dass seine Sicht richtig ist. Wäre er vom Gegenteil überzeugt, könnte er sich gleich von der Bosporusbrücke stürzen, die genau aus diesem Grund für Fußgänger verboten ist. Die unvermeidliche Falschheit dieser aus der eigenen Sicht richtigen Meinung wird nur dadurch überlebensfähig, dass wir in Gruppen leben. Allerdings übertragen wir unsere Selbstbewusstsein auch sofort auf die Gruppe, der wir angehören, in die wir meist sogar hineingeboren sind. Wir sind meist Mann oder Frau, wir sind zumeist an einem Ort geboren, der in einem Land liegt oder lag. Aber da geht es schon los: viele von uns kennen das Haus in der Berliner Brunnenstraße, an dem steht, dass ebendieses Haus einst in einem anderen Land stand und dass der menschliche Glaube oder Wille tatsächlich Berge und Häuser versetzen kann. Noch heute, fast dreißig Jahre nach dem Verschwinden dieses Landes, diskutieren viele Menschen die Differenzen ihrer Herkunft, glauben, dass sie es leichter oder schwerer als andere hatten. Jeder bemerkt sofort, dass der Spruch, der an diesem Haus steht, auf der Verwechslung von Land und Staat beruht, dass also Nation ein Konstrukt ist und keine natürliche Kontinuität. Das gleiche gilt für das Geschlecht, wenn auch beim Geschlecht der Mainstream wesentlich größer ist, gegen 100% strebt, um so schwerer war es für die winzigen Minderheiten.

Der Spiegel, in den wir sehen, ist nicht nur schief und schmutzig, er ist auch Speicher und Wirkfaktor. Wir sehen in dem Spiegel nicht die Welt, sondern wie wir die Welt sehen wollen und müssen. Das Wort Müssen weist schon wieder auf einen möglichen Demiurgen hin, das ist der von Hegel erfundene Weltgeist in Menschengestalt, aber so ist es nicht gemeint. Wir müssen die Welt so sehen, weil unsere Sehinstrumente aus der Vergangenheit stammen, aus unserer Vergangenheit. Was immer richtig war, wie sollte es falsch sein?, fragen sich so viele Menschen. ‚Richtig‘ und ‚falsch‘ ist falsch oder jedenfalls nicht richtig.

Und damit sind wir beim dritten und vorletzten Gedanken, der diesen oder dieses BLOG bisher bestimmte: wir widersprechen hier der gängigen und weitverbreiteten Ansicht der Monokausalität, die uns vorgaukelt, dass ein Ereignis nur einen Grund haben könnte, das überhaupt ein Fakt ein Fakt sei, ohne Beiwerk. Und nebenbei gesagt beruht auf dieser merkwürdigen und längst überholten Ansicht auch die Meinung, dass man Fakten schaffen könne. Kürzer gesagt: die Frage WARUM ist unsinnig, weil sie niemand beantworten kann, weil zu ihrer Beantwortung mindestens die gesamte Weltgeschichte notwendig ist, wie der große Schiller seinen Studenten, wahrscheinlich vergeblich, in der Antrittsvorlesung zur Universalgeschichte wortgewaltig und bilderreich zu vermitteln versuchte. Jeder Anlass hat tausend Folgen und jeder Fakt tausend Gründe. Man kann viel berechnen, aber eben nicht alles.

Und deswegen, und das ist der letzte Baustein der letzten sechs Jahre dieses BLOGs, ist es immer besser zu produzieren als zu konsumieren. Natürlich muss man lesen, es ist nach wie vor die Hauptquelle differenzierter Gedanken. Wenn man eine Fernsehdokumentation oder gar eine Talkshow sieht, bemerkt man den Unterschied, beide sind didaktisch aufbereitet, wenn nicht propagandistisch verzerrt. der Politiker in der Talkshow sagt nicht seine Meinung, wenn er überhaupt eine hat, sondern er sagt Sachen, von denen er glaubt, dass die Zuschauer ‚draußen im Lande‘ es so hören wollen. Nichts neues ist es festzustellen, dass ihm seine Wiederwahl wichtiger ist als jede mögliche Problemlösung. In einem Buch dagegen ist der propagandistische Faktor möglicherweise geringer, der merkantile Faktor, die Verkaufszahl tritt zwar hinzu, etwa so, dass man beim Arzt auch nie weiß, ob er die Therapie vorschlägt, um uns zu heilen oder um sich selbst zu sanieren, aber der Leser ist mit dem Buch alleine und kann über jede einzelne Zeile nicht nur nachdenken, sondern sie auch schrittweise und über einen langen Zeitraum in sein eigenes Bewusstsein einfühlen. Letztendlich sind wir von Büchern geprägt, auch von denen, die unsere Lehrer oder Großeltern lasen.

Natürlich muss man lesen, aber schreiben ist besser, denn man arbeitet an seinem eigenen Skript.

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