DER WÄRE 1933 MITMARSCHIERT (2)

 

Nr. 307

Die Rechten wollen nicht mehr Rechte sein, die Linken nicht mehr Linke. Die Reichstagsmetaphern haben ausgedient. Zwei Linien scheinen sich zu kreuzen, deren Wirkung wir noch nicht ganz verstehen: auf der einen Seite haben Bildung, Demokratie, Wohlstand und Freiheit zu einer Individualisierung geführt, die früher und für manche heute noch nicht vorstellbar war und ist; auf der anderen Seite gibt es ein Überangebot von meist überflüssigen Informationen, so dass sich zwar jeder ein Urteil bilden könnte, aber wir alle sind gehindert durch unsere wachsende Inkompetenz.

Als Information oder Nachricht werden viertelstündlich auch Absichtserklärungen von Hinterbänklern der Parlamente verbreitet. Minderheiten, rechts und links der immer wieder beschworenen Mitte der Gesellschaft, werden überdurchschnittlich oft zitiert. Wir wissen genau, was Gauland und Wagenknecht gestern gesagt haben, aber wir verstehen immer weniger, dass Politik ein äußerst kompliziertes Geflecht von Versuchen und Kompromissen ist. Trump gibt mit seinem fortwährenden Getwittere sogar bessere Einblicke in dieses Kontinuum von Widersprüchlichkeiten als mancher seriöse Politiker, der noch alte Vorstellungen von Diskretion hat. Auf der anderen Seite müssen die Bilder eines betrunkenen Kommissionspräsidenten der EU für deren Schwächen herhalten.

Die ganze Menschheitsgeschichte hindurch, also lange vor rechts und links, zeigen sich zwei Tendenzen, die deshalb auch in den alten Schriften stehen: dass nämlich jegliches seine Zeit hätte und dass uns die Übel, die wir haben, leichter zu ertragen sind als die unbekannten kommenden. Formuliert haben das der weise König Salomo, in der Antike wurde das Buch Kohelet, Sammler, genannt, der andere Sammler ist Shakespeare in seiner Tragödie über den Zauderer, im berühmten Monolog. Die andere Seite der Vergänglichkeit ist jenes: Turn! Turn! Turn! To everything there is a season. Dieses Zitat ist aus dem Lied eines Linken und meint sicher die Aufforderung, die Welt zu verändern. Dass diese Veränderungen keine Verbesserungen waren, wissen wir heute. Aber bei dieser Kritik wird leicht übersehen, dass jenes turn, turn, turn einfach auch eine Beschreibung der Welt ist: alles ändert sich. Unsere Interpretation will dagegen, dass vieles so bleibt wie es ist. das beschreibt Shakespeare im Hamlet und das ist wohl der Grund, warum das Drama seit vierhundert Jahren auf der Bühne und das Zitat in aller Munde ist. Wie eine Illustration dazu wirkt das eigenartige Verhalten der Politiker, die sowohl die Ausreise als auch die Einreise verhindern wollen. Alles soll so bleiben. Die Menschen aber gehen den Veränderungen der Natur, der Kultur, der Politik, des Marktes nach und verändern sich mit ihnen. Das kann man mit Beharren, aber auch mit Wandern. Als Millionen Deutsche oder Iren ihr Land verließen, gab es hilflose Versuche der Politik, dies zu verhindern. Als Millionen Deutsche 1945 ihre Heimat verließen, gab es hilflose Versuche, ihre Ankunft genau in dieser Stadt oder in diesem Dorf zu verhindern. Der Vorwurf: ihr seid Zigeuner, geht dahin zurück, woher ihr kamt. Allerdings griff hier die Politik moderierend ein. Die Industrialisierung wurde als grundstürzende Veränderung verstanden, Millionen Menschen wurden heimatlos und zogen in die Städte. Grenzen verschoben sich, Völker wurden zwangsumgesiedelt. Aber am Rand des Geschehens steht immer eine kleine Gruppe mit einem Deutschlandhütchen auf dem Kopf oder einem roten Fähnchen in der Hand und ruft STOP. Im Raum kann man anhalten und sogar rückwärts fahren, in der Zeit geht das nicht. Obwohl fast nichts gestern besser war als heute, inzwischen gibt es eine schöne Buchserie dazu, sehnen wir uns nach einem scheinbar sicheren Gestern. Weil es nicht so schön ist zu altern, sehnt man sich nach seiner Jugend zurück, nicht weil man deren Unsicherheit und Unfreiheit plötzlich höher schätzt. In Russland sehnen sich viele Menschen nach der Sowjetunion, nicht weil sie plötzlich wieder nach Lebensmitteln anstehen wollen, sondern weil sie sie besser kannten. Es gibt Menschen, die von der DDR träumen, weil sie die Wundräder nicht verstehen. Andererseits gibt es erstaunlich viele Menschen, welche noch im hohen Alter nach vorne sehen und keinesfalls die Stillstandspartei oder die Zwangsfortschrittsparteien wählen. Erstaunlich viele Menschen verstehen, dass die Welt täglich komplexer und damit weniger evident wird. Das hindert die anderen vielen nicht, es umgekehrt zu sehen.

Die Welt ist nicht logisch, alle Versuche, sie in ein Schema des Verstandes allein zu zwängen, sind gescheitert. Allen voran ist es Hegel gewesen, der das Werden mit Fortschritt und das Unverständliche mit dem Mangel des Verstandes erklärte. Aber kaum war Hegel ein ‚toter Hund‘, wurde schon im sächsischen Dorf Röcken der kleine Nietzsche geboren, der schon als Schüler die Welt in Erstaunen versetzte: „Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn, der Telegraph sind Prämissen, deren tausendjährige Konklusion noch niemand zu ziehen gewagt hat.“ Nicht Reiche währen tausend Jahre, sondern unabsehbare Konklusionen, und deshalb lohnt es, den alten weisen König Salomo immer wieder zu lesen, Shakespeare ist uns ohnehin nah.

Wer die Welt anhalten will, hat schon verloren. Überall werden solche Parteien gewählt, weil viele Menschen an die einfachen Lösungen glauben wollen. Aus ihrem täglichen Leben wissen sie es besser, aber sie versuchen es zum wiederholten Mal: vielleicht ist der US-Imperialismus schuld, oder Rothschild oder Rotfront, die Immigranten oder die Auswanderer, die Politiker oder die politikverdrossenen Wähler, die Kirche oder die Ungläubigen, der Werteverlust oder die Konservativen.

Die Frage ist falsch gestellt. Es ist niemand schuld. Und wenn jemand schuld wäre, würde seine Erschießung auch nichts am Lauf der Welt ändern. Obwohl Tuchatschewski erschossen wurde, hat Russland im zweiten Weltkrieg gewonnen, obwohl Rathenau erschossen wurde, ist Deutschland Exportweltmeister geworden, obwohl Martin Luther King und Kennedy erschossen wurden, wurde ein Afroamerikaner Präsident der USA. Die Schuldfrage ist die personalisierte Warumfrage. Auch sie kann man nicht beantworten. Wir wissen meist noch nicht einmal, was gestern war, aber diskutieren die Steinzeit. Das Gedächtnis ist exorbitant, aber selektiv. Der amerikanische Präsident, der die falscheste und nationalistischste These aufgestellt hat, vergaß gestern, wie die amerikanische Flagge aussieht. Das ist auch nicht schlimm, denn eine Fahne ist ein Stückchen Tuch, das morgen verweht und vergangen sein wird.

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DER WÄRE 1933 MITMARSCHIERT

Nr. 306

Dass ich 1933 mitmarschiert wäre, leiteten rechte Kommentartoren allein aus der Tatsache ab, dass ich die Systemmedien zitierte. Wer 1933 die auch damals schon Systemmedien genannten konservativen und linken Zeitungen zitierte, ist gerade nicht mitmarschiert. Die gesamte Weimarer Republik mit ihrem Versuch der Freiheit und der Demokratie ist von den Nationalsozialisten, damals schon Nazis als Ableitung von Sozis genannt, als ‚Systemzeit‘ diskreditiert worden. Damals wie heute suggerierte man, dass dieses System die Nation verraten hätte. Auch heute bringen rechte Kommentatoren gefälschte Zitate von vorwiegend grünen Spitzenpolitikern, in denen diese angeblich die Abschaffung Deutschlands fordern. Damals waren vor allem die Juden als Feinde beliebt, auch solche Menschen, die gar keine Juden im religiösen Sinn sein wollten. Niemand hat sich sein Volk und seine Familie ausgesucht, trotzdem wird immer wieder die Herkunft als Wesensmerkmal missbraucht. Die meisten Juden der Zeit zwischen den Weltkriegen lebten als bettelarme und verachtete Minderheit in den Ghettos (’schtetln‘) Osteuropas. Die meisten Juden hießen nicht Einstein, Rathenau, Mendelssohn oder Rothschild. Einstein, Rathenau, Mendelssohn und Rothschild hätten auf die Frage nach ihrer Herkunft geantwortet: Deutsche aus Deutschland. In der Welt werden sie als berühmte und bedeutende Deutsche wahrgenommen. Von Einstein gibt es einen berühmten Antwortbrief an seine Geburtsstadt Ulm, als sie die Adolf-Hitler-Straße in Albert-Einstein-Straße umbenennen wollten. Außer Physiker war Einstein wohl auch Zyniker, und das aus gutem Grund. Rathenau, das habe ich schon ein dutzend Mal geschrieben, hat nicht nur nicht Deutschland vernichten wollen oder sogar vernichtet, sondern gerettet. Von ihm stammt die Idee, dass Export jeden Krieg und jeden Handelskrieg ersetzen kann. Er wurde trotzdem von Rechtsextremisten erschossen. Der Aberglaube, dass die Herkunft, also Nation, Religion oder Hautfarbe, ein wesentliches Kriterium sei, ist übrigens nur mit Gewalt durchsetzbar und letztendlich nicht durchsetzbar. Wo Menschen aufeinandertreffen, lieben sie sich und wollen zusammenleben. Rassisten dagegen müssen erst eine Bedrohung konstruieren, dann Mauern und Konzentrationslager bauen und Schießbefehle ausgeben. Wer schon einmal in einem Land mit Rassismus oder mit einer Mauer gelebt hat, weiß, dass diese Methoden äußerst unzuverlässig sind. Evolution, Markt und Leben beruhen mehr auf Chaos und Zufall als auf einer nachvollziehbaren oder voraussagbaren Vernunft: and there but for fortune may go you or I, heißt es in einem berühmten Song von Phil Ochs.

Aber die heutigen Nazis wollen keine Nazis und auch keine Antisemiten sein. Sie haben gerade jene Lektion verinnerlicht, die sie am meisten oder am zweitmeisten verabscheuen, je nachdem, wie weit rechts sie stehen. Diese Lektion, die übrigens in West und Ost sehr, sehr ähnlich war, lautete, dass Nationalsozialismus und  Weltkrieg als Option und Herkunft ausfallen müssen. Die Wehrmacht hat keine Leistungen, sondern nur Schandtaten vollbracht, vielleicht gab es einzelne Soldaten, die im Einzelfall als Menschen aufgetreten sind. Man kann sich genauso wenig hinter einem Befehl verstecken wie hinter der Tatsache, dass man beispielsweise als Sklave geboren wurde. Es gibt immer den bitteren Ausweg des selbstgewählten Todes. Natürlich muss man auch für die vielen Menschen Verständnis haben, die diese harte Alternative nicht gewählt haben, schon deswegen, weil sie unsere Vorfahren waren. Aber wir müssen und dürfen ihre Taten nicht rückwirkend billigen. Das ist die Lektion.

Und diese Lektion wird gleichzeitig verinnerlicht und bekämpft. Jetzt bin plötzlich ich der Nazi, weil ich – angeblich – systemkonform bin. Ich bin mit Seehofer oder Dobrindt nicht konform, noch nicht einmal mit Lindner und Wagenknecht. Nazi ist das allgemein anerkannte Schimpfwort. Während Linke, Liberale, Grüne oder Versiffte als Gutmenschen beschimpft werden dürfen, verbittet man sich nicht nur die ‚Nazikeule‘, sondern benutzt sie statt dessen lieber selbst. In diesen Zusammenhang gehört auch, dass man als Antisemit beschimpft wird, wenn man Muslime verteidigt. Der Antisemitismus ist nun wahrlich nicht von den Muslimen hier eingeschleppt worden, und ich kenne sehr viele Muslime, die alle keine Antisemiten sind.  Wäre man Zyniker, könnte man sogar schreiben, es war nicht nötig, hier den Antisemitismus einzuführen, von Martin Luther über Richard Wagner und Heinrich Himmler bis Ken Jebsen haben wir – leider – genügend eigene Leute.

Obwohl man sich über rechtsextreme Kommentare genauso wie über die weiter anhaltende, aber völlig überflüssige mediale Aufmerksamkeit für die AfD ärgert, ist unsere Zeit nicht mit der Weimarer Republik zu vergleichen. Es gibt Rechte, aber sie werden nicht durchkommen. Es wird gar zu gerne vergessen, dass Hitler und die Seinen nicht gesiegt haben. Sie haben einen maximalen Schaden angerichtet, ja, aber gesiegt haben sie nicht. Seit Heinrich Himmler deutscher Innenminister war, gibt es schwarze Deutsche, ich sage das, weil es Menschen gibt, die das bedauern, ich gehöre nicht zu denen, aber es ist so. Als ich neulich schrieb, dass Südafrika durch seinen Versöhnungsprozess ein Vorbild für die Abschaffung des Rassismus und der Apartheid sei, meinte ich das Wirken von Nelson Mandela und der Versöhnungskommission, schrieben mir rechte Kommentatoren, dass in Südafrika weiße Farmer ermordet würden. Sie konnten das allerdings nicht mit seriösen Quellen belegen. Es gab nur eine einzige rechte Quelle. In Zimbabwe dagegen hat der greise und absurde Diktator Mugabe, den sein nicht besserer Stellvertreter gestürzt hat, zum Mord an weißen Farmern aufgerufen, und die Befolgung dieses Aufrufs hat Zimbabwe wirtschaftlich noch mehr geschwächt, davon abgesehen, dass es keinen Grund gibt, Menschen zu töten. Der KuKluxKlan hat nicht gesiegt. Die Türkei ist keine Nation geworden. Es tut bitter weh, die Türkei in diesen Zusammenhang stellen zu müssen, aber Erdoğan war es, der den Konflikt mit den Kurden erneut instrumentalisiert hat, um seine Macht zu festigen, die er jetzt durch die nicht mehr steuerbare Inflation möglicherweise verspielen wird.

Wir haben die Teilnahme unserer Vorfahren an einem unvorstellbar grässlichen und grausamen Genozid diskutiert, erörtert, verdenkmalt. Wir haben möglicherweise die Demokratie etwas übergestülpt bekommen, aber man vergisst bei dieser Sicht leicht die Anfangszeit der Demokratie in der Weimarer Republik. Das Kaiserreich war bestimmt nicht demokratisch, aber es gab Demokraten, zum Beispiel Sozialdemokraten, so viele, dass sie nicht nur eine große politische Kraft waren, sondern mit Konsum- und Wohnungsbaugenossenschaften, Mandolinengruppe und Arbeitersportbund eine dauerhafte und bis heute wirkende Subkultur begründeten. Die Gleichberechtigung der Frauen ist ebenfalls eine demokratische Errungenschaft. Die rechten Argumente gegen die Ehe für alle sind nichts als dürftig und rückwärtsgewandt, eine satte Mehrheit der Menschen in Europa ist dafür. Was soll das auch für eine Ideologie und spätere Herrschaft sein, wenn sie wieder auf Segregation, Aussperrung, Diskriminierung, Mauerbau und Lagerhaft beruht? Den AfD-Fraktionen (Büros gibt es wohl noch nicht?) würde ich gerne meine Losung verkaufen: WENN ES MORGEN EIN PROBLEM GIBT, HABEN WIR EINE LÖSUNG VON GESTERN.

Wenn man lange genug in einer rechten Kommentarspalte mitdiskutiert, hat man mehr zustimmende Likes als Beschimpfungen. Nach Argumenten sucht man ohnehin vergebens. Den meisten Rechten scheint nicht klar zu sein, dass sie in der von ihren Führern geführten Diktatur verboten wären.

EIN MUSTERBILD AN TREUE UND/ODER LIEBE

Als ich Kind war, war er schon ein alter Mann und hatte das seltsamst beständige Leben hinter sich: er hat viele, viele Jahrzehnte in der gleichen Wohnung verbracht, obwohl sich alles um ihn herum veränderte. Die Straße änderte ihren Namen. Der Staat verkam, der die Straßen benannte. Er war ein mittlerer Beamter bei der Deutschen Reichsbahn, aber sein Beruf interessierte ihn nicht weiter, als dass er ihm das Geld brachte, das er zum Unterhalt seiner wahrlich großen Wohnung benötigte. Er lebte allein in fünf riesigen Zimmern.

Als ich Kind war, war ich besonders fasziniert vom Hintereingang in der Küche mit eigenem Treppenhaus für die Dienstboten, wenn es auch schon keine Dienstboten mehr gab. An seinem großen Schreibtisch im Herrenzimmer saß er und blätterte in wirklich wertvollen Zeitschriften, wir würden heute eher Magazine dazu sagen. Er war ein Bildungsbürger, dem es an wirklicher Bildung fehlte. Er hatte kein Abitur, und darunter litt er auch ein Leben lang. Das Abitur war in seiner Jugend ein elitärer Freifahrtschein, ohne den er sich ausgeschlossen fühlte. Er lebte in seiner Bilder- und Artikelwelt, deren Fremdwörter und komplizierte Gedanken er mit Bleistift am Rand übersetzte. Das war die Welt der Lebensreformer, der Gesundheitsapostel, der Vegetarier und der Arier. Hitler, erklärte er mir immer wieder, kann so schlecht nicht gewesen sein, denn er war Vegetarier. Vegetarier erkennen das Leid der Tiere, sie gestehen den Tieren als Kreaturen die gleichen Empfindungen zu wie uns Menschen. Wer die Tränen der Tiere trocknet, so Onkel Robert, kann nicht wirklich böse sein. Etwas anderes ist es, was aus einer guten Idee gemacht wird. Sobald diese Idee in der Hierarchie des Volkes nach unten fällt, wird sie wieder roh wie alles, was dort unten gedacht und gemacht wird. Sieh dir die rohen Menschen an, welche Papier auf die Straße werfen, ihren Rotz auf das Pflaster schnäuzen oder sogar Wände bemalen. Voller Verachtung zeigte er mir den Abfall des rohen Volkes. Dann gingen wir in den Stadtpark und er schwärmte vom Fürsten, der gleichzeitig ein Landschaftsarchitekt und Schöngeist war, ein Weltreisender und Goethefreund, der sich sogar eine schwarze Frau aus fernen Ländern in Afrika mitgebracht hatte. Aber, so sagte Onkel Robert, das Schwarze kann hier nicht leben, zu fremd und zu entartet sei es. Sie hätte sich dann deswegen das Leben genommen. Mit diesen Gedanken und Gefühlen gingen wir durch die vom Krieg zerstörte Stadt, und Onkel Robert erklärte mir nicht, wie die Stadt heute ist, sondern wie ideal und schön sie früher war. Das schöne Kino Weltspiegel war nur eine, das Staatstheater drei Querstraßen entfernt. Ich war noch sehr klein, aber durch ihn wusste ich schon, was Jugendstil ist, der Stil, in dem er immer noch zeichnete. Erst spät hatte er die passende Frau für seine große Wohnung gefunden. Sie spielte Gitarre und war selbstverständlich auch Vegetarierin. Sie arbeitete bei der Post, aber ihr Beruf interessierte sie nicht sehr. Als ich Kind war, waren Berufe für mich überhaupt nicht wichtig. Die Menschen, mit denen ich zusammenlebte, nannten Beruf Pflichterfüllung. Das war wohl nichts Lästiges, aber Enthusiastisches schon gar nicht.

Nach dem Krieg kamen zwei Schwestern der angeheirateten Großtante aus Schlesien, auch sie waren bei der Post und teilten sich ein Zimmer der großen Wohnung. Ein weiteres Zimmer war an zwei nicht näher bezeichnete Damen untervermietet, sie wurden immer nur ‚die Damen‘ genannt, auf die man Rücksicht zu nehmen hatte. Wenn ich zu Besuch war, wurden im Wohnzimmer zwei megaschwere Sessel zusammengeschoben, auf denen ich schlief.
Ich habe später das Archiv von Onkel Robert geerbt, all die schönen historischen Jugendstilmagazine, in denen die vegetarische, nudistische, lebensreformerische, auch arische Lebensweise hergeleitet und heruntergebetet wurde. Er war also Nazi gewesen. Wenn er mit mir durch seine Heimatstadt ging, war er den neuen Machthabern, selbst den Russen gegenüber nicht unfreundlich. Er war ein Opportunist gewesen und hat alle Systeme und Frauen seiner Umgebung überlebt. Zum Schluss saß er mit tränenden, immer entzündeten Augen an seinem mächtigen Schreibtisch und zählte homöopathische Kügelchen und dachte an Rudolf Steiner, den er auch verehrt hatte.

Seine biografische Mission hatte aber darin bestanden, jedem in unserer Familie, dessen Lebenszeit sich mit der seinen überschnitt und solange sie sich überschnitt, akribisch und mit der Präzision eines astronomischen Kalenders die liebevollsten Geburtstagsgrüße zukommen zu lassen. Dabei hatte er sich im Laufe der vielen Jahrzehnte seines segensreichen Wirkens einen Stil angeeignet, der gleichzeitig gehoben bis schwülstig und launig bis heiter war. Er bestand aus vorgefertigten Textbausteinen derart, dass der Jubilar ‚im Kreise seiner Lieben‘, das war gleichzeitig ein Zitat, die schönen Stunden genießen solle, ohne den Ernst des Lebens zu vergessen. Noch viele Jahre sollten ihm, dem Jubilar, beschieden sein und er, andererseits, solle für seine Lieben das bleiben, was er auch schon bisher war. Er schrieb so, als würde er sich selber zitieren. Es klang immer geschäftsbriefmäßig gekünstelt, aber in der Familie galt das als Begabung. Zu so genannten runden Geburtstagen schrieb er, allerdings nur für sehr nahe Verwandte, lange gereimte Biografien. Er zeichnete dazu passend die Lebensstationen. Auf Familientreffen, später, stellen wir alle immer wieder fest, wie sehr uns diese Treue und Präzision gefiel, wie sehr sie uns geprägt hat. Jeder von uns fühlte sich gemeint. Jeder dachte, nur er würde mit dieser Liebe der Geburtstagsbriefe, Gedichte und Zeichnungen bedacht worden sein. Kein Jahr verging, in dem nicht pünktlich zum Geburtstag jener eigenartig gestanzte, aber doch wieder Liebe und Wärme ausstrahlende Text, mit breiter Feder geschrieben, mit einer durchaus eigenständigen, keineswegs genormten Schrift, eintraf.

Er hatte Memoiren geschrieben, die nur wenige Seiten umfassten und fast nichts sagten, er hatte unter seiner Mittelmäßigkeit gelitten. Aber er hat in uns allen ein Lebenswerk hinterlassen, das uns zeigte, wie man für andere Menschen, auf andere Menschen hin leben kann. Natürlich würden wir, bei genauerer Betrachtung, das Formale seiner Treue eher kritisieren. Wir kritisieren schon den Begriff der Treue als einer sekundären äußeren Eigenschaft, der der Inhalt fehlt. Und trotzdem, statt über die so genannte Schnelllebigkeit zu jammern, über die Unverbindlichkeit der Konsumära, über die Herrschaft des Geldes und der viel zu vielen Dinge, über die Inflationen der Unflätigkeiten, sollten wir uns lieber einen kleinen Vorrat an Geburtstagspostkarten zulegen, und jedem, den wir mögen, in jedem Jahr, das wir gemeinsam erleben dürfen, eine davon schicken.

in memoriam Robert Wendt *18.8.1888 †3.6.1981 zum 130. Geburtstag

EINE KIRCHE IN DEUTSCHLAND

 

 

Nr. 305

 

Auf dem höchsten Punkt von Berlin, zugegeben, dass der nicht sehr hoch ist, steht eine weithin strahlende Kirche. Sie ist ausnahmsweise nicht nach Osten ausgerichtet. Wenn man näher kommt, sieht man, dass das mächtige und schöne Symbol sich in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet, eine Schande für die Kirchengemeinde, den Kirchenverbund und vor allem auch für die Stadt ist. Das Schicksal dieses Gebäudes ist so sehr mit Deutschland verknüpft, dass es hier erzählt werden soll.

Für die preußischen Könige und deutschen Kaiser waren Kriege genauso natürlich und gottgegeben wie ihre eigene Existenz. Sie hatten Rousseau nicht gelesen und hielten ihn vielleicht sogar für einen Ketzer. Wilhelm I., der letzte preußische König und erste deutsche Kaiser hatte schon als Prinz (‚Kartätschenprinz‘) einen schlechten Ruf. Das Kneipenlied ‚Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder habn…‘ meint ihn. Nach der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sehnten sich die Menschen nach Demokratie, Freiheit und Menschenwürde. Und obwohl diese Sehnsucht keine Gewalttaten rechtfertigt, gab es in Europa damals viele Terrorakte gegen selbstherrliche Monarchen. Wilhelm I. spendete immer dann Geld, wenn er solch einem Attentat lebend entkommen war oder weil seine Armeen in einem der Kriege gegen Österreich, Dänemark und Frankreich gewonnen hatten. Schon allein diese Verknüpfung von Krieg und Kirche ist unerträglich. Aber der verstärkte Kirchenbau hatte noch andere Quellen, vor allem den enormen Bevölkerungszuwachs. Berlin wurde erst jetzt zu einer Millionenstadt. Die damalige Staatskirche glaubte allerdings auch, dass die Armut dieser neuen Bevölkerung durch ihren Mangel an Glauben entstanden sei. So schrieb es Johann Hinrich Wichern in seinem berühmten Manifest, das fast zeitgleich mit dem noch berühmteren von Karl Marx erschien. Der schlug allerdings vor, den Kapitalismus durch eine Revolution zu stürzen. Etwa zu dem Zeitpunkt, als diese Kirche gebaut wurde, las man in Europa Nietzsche, um ihn gründlichst falsch zu verstehen: denn er erörterte, dass die christliche Moral sich von innen ausgehöhlt hätte, dass es zu einer Umwertung aller Werte kommen würde und dass wir einer neuen Kultur bedürfen.

In diesem Bauboom, der auch Kirchen umfasste, strebte ein junger Architekt nach oben, und es gelang ihm auch binnen kürzester Zeit sowohl ins Stadtbild als auch ins Lexikon zu gelangen: August Orth. In dieser, seiner ersten Kirche entwickelte er eine  höchst erstaunliche Theorie und Praxis des Tons und des Lichts, aber auch der Unterbringung von sehr vielen Menschen auf engstem Raum. Damit ist er ein Fortsetzer der besten Schinkel- und Stüler-Traditionen in Berlin und Brandenburg. Äußerlich wurde die Kirche, entgegen dem Glaubensgrundsatz der Ostausrichtung, in die neu entstandenen Sichtachsen der Berliner Mitte gestellt. Ihre neoromanischen Formen, ihr hoher und offener Turm und die grazile Wucht ihres Schiffs versprechen, was sie im Inneren auch halten: akustische und optische Transparenz. Die vollständig umlaufende Empore bietet vielen Menschen Platz, lässt aber erstaunlich viel Raum für das von allen Seiten eindringende Licht. So gesehen ist die Kirche eine architektonische Umsetzung des Satzes: ‚und die Klarheit des Herrn umleuchtete sie…‘ Die Akustik ist auf die frei stehende Kanzel ausgerichtet. Der zentrale Punkt des protestantischen Gottesdienstes ist die Predigt. Erst wir suchen eine konzertgerechte Akustik, aber die entsteht erst, so wollte es der Baumeister, wenn alle 1.500 Plätze besetzt sind.

Die Pracht dieser Kirche konnte nicht lange strahlen. Im ersten Weltkrieg ließ der Enkel des Kirchengründers, Kaiser Wilhelm II., die Glocken und die Orgelpfeifen nicht nur dieser Kirche einschmelzen. Die Monarchen und Militärs und Pfarrer zeigten ihren wahren Glauben. Nietzsche hatte gewarnt und mancher junge Soldat nahm die Warnung mit in sein Grab in Tannenberg oder Verdun.

1933 geschah der Kirche ein Wunder: ein junger Pfarrer übernahm den Konfirmandenunterricht, nachdem ein alter, wir können annehmen autoritärer Geistlicher bis zum körperlichen Zusammenbruch gescheitert war. Der junge Bonhoeffer kümmerte sich liebevoll um immerhin fünfzig Konfirmanden, die einfach nur Zuwendung haben wollten und nicht das autoritäre Gehabe einer Amtskirche und ihres zunehmend unfähigen Personals. Aber das Wunder ist nicht verstanden worden. Man ließ Bonhoeffer nicht nur wieder gehen, sondern man ließ ihn in die Fangarme des Nationalsozialismus laufen. Statt damals auf ihn zu hören und zu sehen, überließ man ihn seinen Mördern. Heute, wo es zu spät ist, wird er kultisch verehrt. Aber immer noch nicht verstanden ist sein Wirken in dieser Kirche: wer Menschen helfen will, muss sich ihnen zuwenden.

Der zweite Weltkrieg zerstörte diese Kirche weitgehend. Andere Bauten August Orths sind unwiederbringlich verloren: der Görlitzer Bahnhof, die Dankeskirche auf dem Weddingplatz (auch sie ein Votivbau wie der Name sagt), die Himmelfahrtskirche am Humboldthain, die Emmauskirche, die teilweise erhalten ist. Seine schönen Bauten sind Opfer der Falschheit ihrer Begründer geworden. Obwohl Orth schon zu Lebzeiten ein berühmter Architekt war, soll er nicht immer große Aufträge gehabt haben. Seine Verbindung mit dem Eisenbahnmagnaten Bethel Henry Strousberg, dem Auftraggeber des Görlitzer Bahnhofs, verdankt Orth sein Interesse für die Bahn, und wir verdanken Orth die geniale Idee der Ringbahn in Berlin, die er in einem Buch, in dem er seine Idee entwickelt, noch Zentralbahn nennt. Das Nahverkehrssystem von Berlin war hundert Jahre lang ein Vorbild für die Welt. Ein zweites Buch von ihm befasst sich mit der Akustik großer Räume und man kann annehmen, dass es Scharoun*, der in seiner unfassbaren Raumfantasie ein direkter Orth-Erbe ist, und andere bedeutende Architekten gelesen haben.

Seit dem zweiten Weltkrieg ist aus dem architektonischen Kleinod eine Kummerkammer geworden. Die Schäden wurden nur notdürftig ausgebessert. Der große Raum wurde nicht mehr gebraucht. Das Erbe wurde verschleudert, das Alibi dazu lieferte der ungeliebte Staat. Das ging vierzig Jahre so. Aber dann passierte wieder ein Wunder. gerade auch** von dieser Kirche und ihrer jungen Gemeinde gingen Signale zum  Sturz des ungeliebten Staates aus. In den Gemeinderäumen dieser Kirche war die vom Staat verfolgte Umweltbibliothek, in der Kirche selbst gab es einen Überfall der Staatssicherheit, der durch Skinhead-Neonazi-Verkleidung allzu durchsichtig verfremdet worden war.

Aber auch dieses Signal wurde nicht gehört. Weitere dreißig Jahre mussten vergehen, bis ein Bürgerverein das wahre Potenzial dieses wertvollen und symbolträchtigen Hauses verstand. Nun soll die Kirche endlich aufwändig restauriert und mit einer Zukunftsorgel ausgestattet werden. Das wird eine historische Genugtuung und ein architektonisch-akustisches Glanzlicht der Weltstadt Berlin.

 

 

 

* Philharmonie Berlin, Theater Wolfsburg

**wie auch von der Gethsemanekirche, ebenfalls ein Bau von August Orth, und der Samariterkirche in Friedrichshain

FORTUNE

 

Nr. 304

Warum glauben wir so ungern an den Zufall und denken uns einen anthropomorphen Gott aus, um nur nicht mit der Natur und dem Zufall allein zu sein? Der Gipfel der Vermenschlichung ist der Spruch ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘. Selbst das Glück wird hier in ein formbares Ding in den Händen des Menschen verwandelt. Es ist leider auch ein Spruch der Segregation, denn er trennt die Glücklichen von den Unglücklichen, denen er die Schuld an ihrem Unglück zuweist. Er ist die Ideologie, die Glückliche so oft zu Geizigen und Hartherzigen macht. Oft schicken sie dem ersten falschen einen zweiten falschen Spruch nach: ‚Mir hat auch keiner etwas geschenkt.‘ Nichts ist unwahrer als dieser dumme Spruch.

Das es tatsächlich wahrscheinlich umgekehrt ist, will ich an einem Beispiel erzählen. In der vorigen Woche lernte ich einen zwanzigjährigen jungen Mann kennen, der 2015 im Migrationssommer nach Deutschland gekommen war. Er kann sehr gut Deutsch, teilweise im hiesigen Dialekt, hat neben seinem ersten Deutschkurs gleich begonnen, auf 400-€-Basis zu arbeiten. Jetzt macht er eine Ausbildung zum Zerspaner, zu der er mit seinem teilweise selbst geschraubten Auto, einem älteren, tiefergelegten VW-Golf fährt. Er wohnt mit seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind in einem Neubaublock aus der DDR.

Auf den ersten Blick scheint er seines Glückes Schmied gewesen zu sein. Genauer betrachtet, verfügt er aber über Talente und Fähigkeiten, die ihm geholfen haben, die er aber auch beharrlich ausgebaut hat. Er hat schneller als andere die Situation eines Flüchtlings in Deutschland erkannt: zwar könnte man sich eine ganze Weile mit Sozialhilfe über Wasser halten, aber das ist eben nicht sehr effektiv. Viele Flüchtlinge wussten nicht, dass sie hier Geld und ein Quartier erhalten. Sie haben sich ihren ersten Aufenthalt so vorgestellt, wie ihren Weg durch Europa: man verhungert zwar nicht, aber man muss sich durchschlagen, auch einmal draußen schlafen. Alles Heil wird in die Zukunft verlegt. Unser Junge dagegen hat sein Heil offensichtlich sofort in der Gegenwart verortet. Zudem hat er intensiv und schnell die Sprache gelernt. Das haben zwar auch andere, aber er hat mit dem B1-Niveau, das man für eine Ausbildung braucht, gleichzeitig die Alltagstauglichkeit erworben.

Jeder Mensch braucht eine gute Mischung von Intelligenz und Bildung. Manchmal oder für einzelne Situationen reicht auch etwas, das wir gern Herzensbildung nennen, eine emotionale Fähigkeit, das Wesen eines anderen zu erfassen. Immer wieder begegnen uns Menschen, die ohne Abitur das richtige tun. Immer wieder begegnen uns Menschen, die mit Bildung ausgleichen können, was ihnen an Intelligenz oder Herzensbild fehlt.

                                                                  SKILLS

                            CONSTANCY                                        FORTUNE

Aber mit diesen Fähigkeiten allein kann man auch gut scheitern. Wir brauchen auch das, was der Wolf in Selma Lagerlöfs schönem und großem Buch Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen‘ hat: Beharrungsvermögen. Er läuft hundert Kilometer hinter dem Schlitten des entkräfteten, halb erfrorenen und fast ganz entmutigten Mannes her, und hofft, ja, weiß, dass dieser aufgeben wird. Aber der Mann besinnt sich nach hundert Kilometern auf eine Fähigkeit, mit der er den Wolf überlistet. Lesen Sie es selbst nach! Dieses Beharrungsvermögen wird oft als Fleiß in die Kiste der Sekundärtugenden gepackt. ‚Ohne Fleiß kein Preis‘, heißt es dann. Aber Fleiß alleine kann Sisyphos nicht aus seiner misslichen Lage befreien. Vielmehr darf er nicht in einer Lebensweise glücklich werden (so Albert Camus in seinem berühmten Essay), die keinen Ausweg kennt. Freiheit und Beharrung dürfen sich nicht ausschließen, das unterscheidet auch Beharrung und Fleiß voneinander. Ein NEIN zu reiner Sklavenarbeit muss immer noch möglich sein, selbst wenn man warten muss, bis der Sklavenhalter aufgibt (so Bertolt Brecht in seiner berühmten Anekdote).

Das ist alles rational. Wir müssen aber nun, so schwer es uns auch fällt, in den irrationalen Bereich wechseln. Folgen wir unserem kurdischen Jungen in den Stadtpark. Dort hat er sein Glück gefunden. Unsere rationale Betrachtungsweise sagt uns, dass er eben zusätzliches Glück hatte. Beziehen wir dagegen dieses Glück als Faktor seines und unseres Lebens ein, so wird klar, dass Glück nicht nur Ergebnis, sondern auch Bedingung ist. Es hätte einen ebenso talentierten und beharrlichen  Menschen geben können, der nicht das Glück hatte, im Stadtpark sein Mädchen küssen zu dürfen, dann wäre er auch nicht so erfolgreich gewesen. Glück schmälert nicht den Erfolg, sondern entlastet die nicht so erfolgreichen. Zum Schmieden gehören auch nicht nur das Eisen und das Feuer und der Amboss und der Hammer und der Schmied. Viele Schmiede sind verbrannt oder vom Hammer getroffen worden.

Vielmehr benötigen alle Menschen immer alle drei Faktoren des Erfolgs: skills, constancy und fortune. Man sollte sie sich auch nicht als eine statische Maske vorstellen, sondern als eine bewegliche Navigation. Die Menschen unterscheiden sich nicht so sehr nach ihrer Herkunft oder ihrem Nomadentum, sondern sie haben mal mehr, mal weniger Glück und Erfolg, weniger oder mehr Fähigkeiten oder Beharrlichkeit. Wenn Segregation Entmischung heißt, waren wir vorher zusammen. Lasst uns zusammen bleiben! Die Schilder in den amerikanischen oder südafrikanischen Parks sind abgeschraubt. Jetzt müssen wir nur noch die Bretter von den Stirnen nehmen.

MENSCHENMÄKELEI

 

Nr. 201

Wir haben beide uns unser Volk nicht auserlesen, lässt Lessing seinen Nathan aus dem Berliner Nikolaiviertel sagen, und setzt damit die erste Antirassismusformel. Die zweite stammt von einem Mathematiker, Cavallo-Sforza, und sie besagt, dass die Unterschiede zwischen zwei Gruppen immer kleiner sind als die innerhalb einer Gruppe.

Aber Menschenmäkelei gibt es nicht nur zwischen Völkern, sondern auch zwischen den Geschlechtern, den Alters- und sozialen Gruppen. Rassen- oder Klassenhass sind also nur bestimmte historische Erscheinungsformen oder auch nur Namen der einen und selben, oft auch organisierten Menschenmäkelei.

Übrigens lässt Lessing im in seinem Nathan nicht nur gewöhnliche Vertreter ihrer Völker oder Religionen aufeinandertreffen: Nathan haben die Christen die Frau und sieben Söhne verbrannt, ein Schicksal von Hiobsausmaßen, wie es erst in Joseph Roths Roman ‚Hiob‘ wieder erscheint, der Tempelherr kommt mit einem Kreuzfahrerheer, verliebt sich in ein jüdisches Mädchen und ist der Neffe des muslimischen Sultans, der Kurde und nicht Araber ist, was auch heute noch zu mancher Mäkelei und manchem Mord Anlass gibt, der das Christenheer (’so widerspricht sich Gott in seinen Werken nicht‘) zwar auch militärisch schlägt, seinen größten Sieg aber mit Geld erringt, das ihm im Drama Nathan besorgt, in der Wirklichkeit wohl aber vorhanden war. Auch die Nebenfiguren sind voller wunderbarer Widersprüche: der Patriarch ist ein Fundamentalist, der keine Einwände gelten lässt: ‚tut nichts, der Jude wird verbrannt‘, Daja, die einfältige Christin dient dem reichen Juden, des Klosterbruders einfacher Glaube wird schamlos missbraucht, und der Finanzminister des Sultans spielt lieber Schach.

Aber wenn wir uns einfach umsehen, dann finden wir alle diese widersprüchlichen Menschen innerhalb unseres Horizonts. Denn die Globalisierung trägt nicht nur zu Verschärfung der Ansichten bei, sondern schärft auch unsern Nathanblick. Die Menschen sind sich ähnlicher, als wir alle annehmen. Die Biologen sprechen schon lange von, ich glaube, 99,98% Übereinstimmung. Und je mehr man Menschen aus der ganzen Welt beobachten kann, sei es durch Reisen, Flucht oder Fernsehen, desto mehr wird man auch deren Übereinstimmung sehen und desto stärker wird diese Übereinstimmung zunehmen.

Der hohe Grad der wachsenden Übereinstimmung und der und die Sinnlosigkeit der Menschenmäkelei sollten uns zu der Überlegung führen, dass man sich Menschen nicht aussuchen kann und dass sie auch nicht ausgesucht werden und ausgesucht worden sind.  Der Garant, dass das Leben weitergeht, ist die pure Quantität. Erst aus den tausend Bedingungen, aus denen ein Mensch steht, ergibt sich seine manchmal besondere Qualität. Der große Bach sah vielleicht seine Mitmenschen oft müßig (sitzen, streiten, schreiben) und sagte deshalb, eine von seinen tausend Bedingungen hervorhebend, dass er einfach fleißig gewesen sei und dass, wer eben so fleißig sei, es eben soweit bringen werde. Der große Shakespeare wiederum fand, dass wir alle übereinstimmend wie ein unperfekter Akteur auf Bühne stehen, alle. Und der große Michelangelo hat seine Wirbelsäule genauso bei der Arbeit verbogen wie die von ihm geliebten Marmorarbeiter in Carrara.

Diese tausend Bedingungen sind ein Wechselspiel von Zufall und Freiheit. Aber man darf nicht vergessen, dass selbst die einfache Stubenfliege, musca domestica, manchmal, wenn sie an einem Fenster Gefangene ihres falschen Weltbildes ist, mehr Energie für die Freiheit, für den freien Willen, für die Durchsetzung dieser einen, bitter notwendigen Bedingung aufwenden muss, als sie tatsächlich zur Verfügung hat. Das Ergebnis ist, dass sie tot auf dem Fensterbrett zur barocken Metapher der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit verkommt.

Die Partnersuche wird von vielen Menschen als ein ganz aktiver Prozess verstanden. Selbst in Ländern oder Zeiten, in denen ein Pulk dicker Tanten die passende Braut nach einer Bedingungstabelle aussuchte, platzt der Bräutigam vor Stolz über seine Wahl. Niemand, der gerade eine Braut oder einen Bräutigam gefunden hat, zweifelt an der Wahl. Aber jeder kennt auch den schönen mathematischen Satz des Sokrates: ob du heiratest oder nicht, später wirst du es bereuen.

Bei allen anderen Menschen ist der Zufall, der sie zu uns brachte, klarer erkennbar, bei Kollegen, bei Urlaubsbekanntschaften sogar signifikant, der alte Mann in den Bergen, das junge Mädchen am Brunnen, sie alle sind das Mosaik oder das Paradigma der Menschenbegegnung. An der Bosheit der Tyrannen kann man ebenfalls das harte Wirken des Zufalls sehen: der böse König Herodes musste alle Knaben seines, wenn auch nicht großen, Landes töten lassen, um den einen, der durch Flucht ausgewichen war, nicht zu treffen. Demografisch spielt das, mögen die Zahlenfetischisten unter uns nörgeln, genauso wenig eine Rolle wie die fehlenden jungen Männer in dem ebenfalls kleinen Land Eritrea, nur moralisch sind solche Diktatoren unhaltbar, Herodes und Yesaias Afewerki.

Und trotzdem muss man nicht Fatalist werden oder die Welt als ein Abbild bloßer Zahlenverhältnisse sehen. Vielmehr ist es umgekehrt, die Zahlenverhältnisse sind die immer schlechten Abbilder der Welt. Schopenhauer war wohl ein großer Skeptiker und Pessimist, aber von ihm stammt der fast umwerfende Gedanke, dass wohl jeder Junge einen Käfer zertreten, aber kein Professor einen Käfer erschaffen kann. Das erste Wunder, das als unmittelbare Folge aus diesem Satz folgt, ist, dass heute weit weniger Knaben Käfer zertreten als früher. Wir sind für das Wunder sensibilisiert. Die Bildung ähnelt sich übrigens auch weltweit und nimmt bekanntlich zu, wie auch die Kunst selbst für Analphabeten immer erreichbarer und allgegenwärtiger wird. Immer mehr Menschen werden aus anerzogener Rücksicht Vegetarier.

Das zweite Wunder, das aus dem Satz des großen Skeptikers folgt, ist, dass Käfer und Mensch sich nur in einer Richtung begegnen können. Weil die Zeit irreversibel ist, ist das Leben unteilbar. Was uns begegnet ist nicht nur Zufall, sondern eben auch immer Wunder. Es stirbt nicht nur ein Käfer, sondern es vergeht ein Wunder für immer. Und was zurecht für Käfer gilt, fragen wir in gut lessingscher Manier, sollte nicht für unsere Mitmenschen gelten? Fragen wir uns nicht ständig, woher wir kommen, sondern freuen wir uns auf das gemeinsame Stück Weg.

Mit der Menschenmäkelei dagegen ist es wie mit dem Zorn: sie verbrauchen mehr Energie als die Freude einbringt, sie sind also nicht nur für andere, sondern auch für uns ein Desaster. Statt immer wieder zu überlegen, was wir an anderen ablehnen oder gar verbieten könnten, sollten wir lieber viel öfter sagen: Dich schickt der Himmel. Das ist mathematisch und moralisch exakt.

MENSCHEN KANN MAN NICHT WÄHLEN

 

Nr. 168

 

Dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann, dürfte allen bekannt sein. Man ist hineingeworfen in ein Elternhaus, und daraus sind ganz sicher die Begriffe von Schicksal, Vorbestimmtheit, aber auch Geborgenheit und behüteter Wege entstanden. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, sich einen anderen Vater, weil er im Familienverband oft die fragile Rolle hat, oder eine andere Mutter zu wünschen, weil dieser Wunsch der Selbstverneinung gleichkommt. Es ist so, als wollte man seine Eltern umbringen, bevor man selbst gezeugt wurde. Man muss sich selbst anzunehmen lernen.

Die Kinder wurden früher so lange geprügelt oder gedemütigt, bis sie so wurden so zu sein vorgaben, wie es die Eltern als Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft wollten. Sicher hat es immer schon Eltern gegeben, die sich dem Mainstream widersetzt hatten und bei ihren Kindern alle Fünfe gerade sein ließen. Das wird immer eine Minderheit gewesen sein, genauso wie die traumatisierende Erziehung durch die Schwarze Pädagogik Ausnahme blieb. Gewalt wird heute in der Erziehung mehrheitlich abgelehnt, und langsam dämmert uns, wie sehr wir von anderen Menschen lernen können. In Afrika gibt es das schöne Bonmot, dass man zur Erziehung eines Kindes immer ein ganzes Dorf braucht. Das will sagen, selbst die besten Eltern sind Versager, weil das wahre oder wirkliche Wesen eines Menschen nicht erkennbar ist. Das Wesentliche kann nur erahnt werden. Keinen Menschen, noch nicht einmal uns selbst, können wir genau kennen. Es bleibt immer ein Lernen, und auch deswegen ist lernen immer besser als regeln. Als bestes Instrument der Erkenntnis erweist sich die Liebe oder wenigstens die Empathie.

Daraus folgt, dass man sich seine Kinder auch nicht aussuchen kann. Sie suchen sich selbst ihren Weg. Aber auch das Suchen muss man erst einmal finden. Mit jedem Fund entfernen sich die Kinder von den Eltern, aber nur um sie dann ganz wiederzufinden. Bis auf wenige Ausnahmen ist es uns nicht gegeben, uns weit von unseren Ursprüngen zu entfernen. Wir bleiben immer der Apfel, wenn wir vom Apfelbaum stammen, selbst wenn wir ihn oder uns reformieren, deformieren, programmieren, revolutionieren, zur Mutation oder Konversion zwingen oder bringen.

Genauso evident ist die Zufälligkeit von Nachbarn, Kollegen, sogar Freunden und Geliebten, die mathematisch und von ihrem Ergebnis her gesehen mit der Vorbestimmtheit zusammenfällt: wir können sie uns nicht aussuchen. Erkenntnisse kann man drehen und wenden, um einige kommt man nicht herum, im Gegenteil, sie breiten sich über die Dinge aus, die nicht voraussehbar war: zunächst hielt man die Antipoden für Ungeheuer, dann entdeckte man durch den berühmten Apfel die Gravitation, schließlich die Massenanziehung und dann die Äquivalenz von Masse und Energie. Einstein ist viel berühmter als seine Lehre. Und so ist es auch mit der Erkenntnis über den Menschen: zunächst ging man von einer universellen, generalisierten aus, doch je tiefer wir eindrangen, umso mehr erkannten wir, das wir nicht erkennen können. Wir waren oder sind füreinander bestimmt, sagen zwei Liebende, und das heißt doch nichts anderes, als dass es gestimmt hat. Über die Ursache sagt das nichts. Auf die Verwandtschaft von Bestimmung und Stimmung hat schon Shakespeare hingewiesen, von dem auch die mathematischste alles Liebesdefinitionen und Weisheiten über den Menschen stammt, die sicher nicht zufällig in seiner größten und schönsten Liebestragödie steht: the more I give the more I have [Romeo and Juliet II2] .

Da das Skript nicht erkennbar ist, müssen wir uns mit den Narrativen behelfen. Und all die Narrative der ältesten und entferntesten, aber auch der nahen und nächsten  Kulturen sagen eigentlich nur zweierlei: geben ist besser als nehmen, tu einem anderen nur an, was du dir selbst antust. Das setzt die mögliche Anonymität des anderen voraus und es lässt Raum für Transzendenz, denn das andere kann auch gut ein höheres sein, der Lenker aller Dinge, wie es in der Barockdichtung und im Koran so schön heißt. Jedoch: ein Narrativ ist endlich, die Natur dagegen ist unendlich, auch die Natur des Menschen.

Wir müssen in der und mit der Natur leben, die wir vorfinden. Alle Rechthaberei führt uns nur ins Leere. Alle Menschenmäkelei – und auch dieses Wort ist ein barockes Zitat – ist sinnlose Menschenfeindschaft. Ein Menschenfeind ist immer auch ein Feind von sich selbst, ein Opfer also, kein fröhlicher Sucher. Das Leben besteht aus suchen. Allerdings sollten wir keine Antworten suchen, sondern nur Fragen. Allerdings sollten wir nicht die Welt infrage stellen oder unsere Mitmenschen, sondern uns selbst und unsern Weg. Mit den Navigationsgeräten, vom Kompass bis zum Tomtom, ist uns eine schöne Metapher für das Irregehn gegeben. Wir gehen notwendig in die Irre, aber das Lächeln eines Mitmenschen kann uns in unserer Sackgasse trösten. Wer mir ein Wort beibringt, dem diene ich tausend Jahre [Ali ibn Abi Talib]. Das ist ein dem Apfelbaum ganz ähnlicher Gedanke. Der Apfelbaum mag sogar von Unwissenden und Irrenden gefällt worden sein, aber längst hatte der Geschmack der Äpfel Mensch und Tier erfreut, hatte die Kerne die Botschaft des Apfelbaums in alle Welt getragen.

Immer wieder hört man. Der ist schlecht, jener böse, dieser versteht mich nicht, der ist unwissend und rachsüchtig. Immer wieder muss man dagegen andenken: ich will das Gute, warum tue ich es nicht, ich war böse, lass mich das nächste mal besser sein, lass mich so reden, dass man mich versteht, lass uns Wissen verbreiten wie Apfelkerne, lass uns Rache auch nur als Ahnung ablehnen und wieder ablehnen. All diese wunderschönen Metaphern oder Wahrheiten – wer weiß es? – von der engen Pforte und dem schmalen Weg, von dem Pfad, der schmal wie ein Haar und scharf wie ein Messer ist, aber allein zum Guten führt, alle anderen fallen siebzig Jahre tief, lasst sie uns endlich beherzigen und glauben. Der Glaube an Gott ist immer auch der Glaube an Menschen. Der Glaube an Menschen ist immer auch der Glaube an Gott. Das ist der Kern.