FORTUNE

 

Nr. 304

Warum glauben wir so ungern an den Zufall und denken uns einen anthropomorphen Gott aus, um nur nicht mit der Natur und dem Zufall allein zu sein? Der Gipfel der Vermenschlichung ist der Spruch ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘. Selbst das Glück wird hier in ein formbares Ding in den Händen des Menschen verwandelt. Es ist leider auch ein Spruch der Segregation, denn er trennt die Glücklichen von den Unglücklichen, denen er die Schuld an ihrem Unglück zuweist. Er ist die Ideologie, die Glückliche so oft zu Geizigen und Hartherzigen macht. Oft schicken sie dem ersten falschen einen zweiten falschen Spruch nach: ‚Mir hat auch keiner etwas geschenkt.‘ Nichts ist unwahrer als dieser dumme Spruch.

Das es tatsächlich wahrscheinlich umgekehrt ist, will ich an einem Beispiel erzählen. In der vorigen Woche lernte ich einen zwanzigjährigen jungen Mann kennen, der 2015 im Migrationssommer nach Deutschland gekommen war. Er kann sehr gut Deutsch, teilweise im hiesigen Dialekt, hat neben seinem ersten Deutschkurs gleich begonnen, auf 400-€-Basis zu arbeiten. Jetzt macht er eine Ausbildung zum Zerspaner, zu der er mit seinem teilweise selbst geschraubten Auto, einem älteren, tiefergelegten VW-Golf fährt. Er wohnt mit seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind in einem Neubaublock aus der DDR.

Auf den ersten Blick scheint er seines Glückes Schmied gewesen zu sein. Genauer betrachtet, verfügt er aber über Talente und Fähigkeiten, die ihm geholfen haben, die er aber auch beharrlich ausgebaut hat. Er hat schneller als andere die Situation eines Flüchtlings in Deutschland erkannt: zwar könnte man sich eine ganze Weile mit Sozialhilfe über Wasser halten, aber das ist eben nicht sehr effektiv. Viele Flüchtlinge wussten nicht, dass sie hier Geld und ein Quartier erhalten. Sie haben sich ihren ersten Aufenthalt so vorgestellt, wie ihren Weg durch Europa: man verhungert zwar nicht, aber man muss sich durchschlagen, auch einmal draußen schlafen. Alles Heil wird in die Zukunft verlegt. Unser Junge dagegen hat sein Heil offensichtlich sofort in der Gegenwart verortet. Zudem hat er intensiv und schnell die Sprache gelernt. Das haben zwar auch andere, aber er hat mit dem B1-Niveau, das man für eine Ausbildung braucht, gleichzeitig die Alltagstauglichkeit erworben.

Jeder Mensch braucht eine gute Mischung von Intelligenz und Bildung. Manchmal oder für einzelne Situationen reicht auch etwas, das wir gern Herzensbildung nennen, eine emotionale Fähigkeit, das Wesen eines anderen zu erfassen. Immer wieder begegnen uns Menschen, die ohne Abitur das richtige tun. Immer wieder begegnen uns Menschen, die mit Bildung ausgleichen können, was ihnen an Intelligenz oder Herzensbild fehlt.

                                                                  SKILLS

                            CONSTANCY                                        FORTUNE

Aber mit diesen Fähigkeiten allein kann man auch gut scheitern. Wir brauchen auch das, was der Wolf in Selma Lagerlöfs schönem und großem Buch Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen‘ hat: Beharrungsvermögen. Er läuft hundert Kilometer hinter dem Schlitten des entkräfteten, halb erfrorenen und fast ganz entmutigten Mannes her, und hofft, ja, weiß, dass dieser aufgeben wird. Aber der Mann besinnt sich nach hundert Kilometern auf eine Fähigkeit, mit der er den Wolf überlistet. Lesen Sie es selbst nach! Dieses Beharrungsvermögen wird oft als Fleiß in die Kiste der Sekundärtugenden gepackt. ‚Ohne Fleiß kein Preis‘, heißt es dann. Aber Fleiß alleine kann Sisyphos nicht aus seiner misslichen Lage befreien. Vielmehr darf er nicht in einer Lebensweise glücklich werden (so Albert Camus in seinem berühmten Essay), die keinen Ausweg kennt. Freiheit und Beharrung dürfen sich nicht ausschließen, das unterscheidet auch Beharrung und Fleiß voneinander. Ein NEIN zu reiner Sklavenarbeit muss immer noch möglich sein, selbst wenn man warten muss, bis der Sklavenhalter aufgibt (so Bertolt Brecht in seiner berühmten Anekdote).

Das ist alles rational. Wir müssen aber nun, so schwer es uns auch fällt, in den irrationalen Bereich wechseln. Folgen wir unserem kurdischen Jungen in den Stadtpark. Dort hat er sein Glück gefunden. Unsere rationale Betrachtungsweise sagt uns, dass er eben zusätzliches Glück hatte. Beziehen wir dagegen dieses Glück als Faktor seines und unseres Lebens ein, so wird klar, dass Glück nicht nur Ergebnis, sondern auch Bedingung ist. Es hätte einen ebenso talentierten und beharrlichen  Menschen geben können, der nicht das Glück hatte, im Stadtpark sein Mädchen küssen zu dürfen, dann wäre er auch nicht so erfolgreich gewesen. Glück schmälert nicht den Erfolg, sondern entlastet die nicht so erfolgreichen. Zum Schmieden gehören auch nicht nur das Eisen und das Feuer und der Amboss und der Hammer und der Schmied. Viele Schmiede sind verbrannt oder vom Hammer getroffen worden.

Vielmehr benötigen alle Menschen immer alle drei Faktoren des Erfolgs: skills, constancy und fortune. Man sollte sie sich auch nicht als eine statische Maske vorstellen, sondern als eine bewegliche Navigation. Die Menschen unterscheiden sich nicht so sehr nach ihrer Herkunft oder ihrem Nomadentum, sondern sie haben mal mehr, mal weniger Glück und Erfolg, weniger oder mehr Fähigkeiten oder Beharrlichkeit. Wenn Segregation Entmischung heißt, waren wir vorher zusammen. Lasst uns zusammen bleiben! Die Schilder in den amerikanischen oder südafrikanischen Parks sind abgeschraubt. Jetzt müssen wir nur noch die Bretter von den Stirnen nehmen.

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