BLOWING IN THE WIND

 

Nr.  310

Gut, Gundermann war jünger und fand Zimmermann schon in seinem Liederbuch vor, als er lesen lernte.

Es ist ganz sicher ein glücklicher Umstand, wenn man in eine Emanzipationsbewegung globaler Größe wächst. Zimmermann spielte für die damaligen Größen Woody Guthrie oder Pete Seeger, die uns heute als seine bloßen Vorläufer erscheinen, Mundharmonika, ehe er selbst als großer Künstler wahrgenommen wurde. Von da bis zum Literaturnobelpreis ist es weiter als von Hoyerswerda auf den Olymp. Aber schon 1963 sang Zimmermann vor 500.000 Menschen auf dem Marsch nach Washington, Martin Luther King hielt eine nicht weniger weltwichtige und weltberühmte Rede.

Im Osten lasen wir mehr Brecht als Kafka. Brecht ist sicher ein großer Dichter, aber ein großer Teil seiner Weltdeutung ist Antwort: Wer baute das siebentorige Theben? Was wie eine Frage aussieht, ist weniger als eine Antwort. Es ist vielmehr die rhetorisch und poetische geschickte und schöne Verwirklichung einer Ideologie. In Wirklichkeit ist die Idee des Hauses weitaus bedeutsamer als die Tätigkeit des Maurers und der Maurer selbst. Die Idee der Pyramiden rechtfertigt nicht die Opfer ihres Baus, aber überschattet sie. Die Opfer erhalten nachträglich einen Sinn als Mitträger einer großen Idee, die auch nach zweieinhalbtausend Jahren noch wirksam ist. Besser wäre es natürlich, Ideen ohne Opfer zu verwirklichen, aber das ist wohl noch niemandem gelungen. Brecht war für uns die perfekte Übereinstimmung zwischen größtmöglicher Poesie und hundertprozentiger Übereinstimmung mit dem System. Daran änderte auch sein Gedicht über den 17. Juni nichts, in dem er vorschlug, dass die Regierung sich doch ein anders Volk wählen sollte. In der Zeitung stand an diesem Tag sein unterwürfiger Brief an Walter Ulbricht. Dieser Brecht, dem es um Übereinstimmung ging, wurde Vorbild für uns alle, aber auch für Gundermann und Biermann, der auch später im Westen immer so weiterdichtete. Wir waren Epigonen.

Gegen diese Verherrlichung und Kultur der Antwort dichtete der Mundharmonika spielende Weltstar sein weltberühmtes Lied, in dem nur der Wind die Antwort weiß, wir dagegen noch nicht einmal die Fragen wissen. Nie sind wir Teil einer Bewegung oder Gruppe, die gewinnen kann. Es geht nicht um das Gewinnen. Fast jede Idee verkommt zur Ideologie. Fast jede Ideologie spaltete sich immer wieder auf in neue Gruppen, die alle die eine richtige Antwort haben, die von Wahrheit schwafeln statt Fragen zu stellen. Und: der Wind ist noch weniger als niemand. Sobald wir den Hauch einer Antwort in Händen zu halten glauben, fliegt er weg, vergeht wie Rauch im Wind, wie schon der Barockdichter Johann Matthäus Meyfart dichtete und später Paul Celan in einen grausigen Zusammenhang stellte. Die Aufklärungstraditionslinie der Antwort übersah die kafkaeske Fragestellung: kann es sein, dass jemand, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, in einem Prozess verurteilt wird? Da wo ausnahmsweise die Antwort auf der Hand lag, wollten wir sie nicht wissen. Kafka passte nicht, der Fortschritt widersprach dem Käfer.

Der zweite große Unterschied mag die Isolation Gundermanns sein, die ihn zu einem Opportunismus trieb, der sich hinterher leicht verurteilen lässt. Opportunisten sind wir alle und müssen es auch sein. Aber man muss auch sehen, dass ein isoliertes System, das um sich herum eine Mauer gebaut hat oder baut, zu noch mehr Opportunismus aufruft, weil der Weg versperrt ist. Die amerikanische Gesellschaft, so oft sie auch polarisiert war, bis hin zum Bürgerkrieg, war doch immer, und vielleicht ist das sogar ihr Ideal (gewesen?), offen für die Emanzipation ihrer Teilnehmer. Bis zum Exzess war es in Amerika möglich, Antwortideologien zu betreiben. Man konnte einen Afroamerikaner aufhängen und verbrennen und ihm die Finger abhacken, damit er sich nicht befreien kann und noch Postkarten über diese ungeheuerliche Schandtat verbreiten*. Und man kann immer noch einen afroamerikanischen Jugendlichen erschießen, ohne bestraft zu werden**.  Aber man kann auch seinen Einberufungsbefehl verbrennen und anschließend Präsident werden. Man kann auch mit Protest- und Emanzipationsliedern weltberühmt werden. Der Unterschied der Orte – auch der Epochen – besteht wohl darin, ob man sich Emanzipation als eine Gewährung von Rechten oder eine Eroberung von Pflichten und Rechten vorstellt. Die Mittelalterlichkeit solcher Gewährungsideologie mag sich an dem Beispiel der Ketzerkinder verdeutlichen. Unter emancipatio canonica verstand man im Mittelalter die  Inobhutnahme der Kinder der gekillten Ketzer durch die Klöster. Das gleiche maßte sich aber auch der schweizerische Staat in bezug auf die Kinder der Jenischen an, die DDR in bezug auf die Kinder der Staatsfeinde oder Republikflüchtigen, dies auch die authentischen Wörter. Der ganze platte Antiamerikanismus greift nicht, wenn nicht immer ‚Blowing In The Wind‘ mitgedacht wird, was aber nicht geht, weil er sich dann selber – mitsamt seiner monokausalen Antwort – infrage stellen müsste. ‚Blowing In The Wind‘: that’s America but better, um die kanadische Alternativwerbung zu persiflieren (denn zitieren ist immer auch persiflieren oder camouflieren). Mit seiner Weltmachtstellung wird Amerika auch sein emanzipatorisches Vorbild einbüßen, auch den Übernamen. In hundert Jahren werden wir statt Amerika USA sagen müssen und ein Land meinen, von dem weder Schrecken noch Vorbild ausgehen. Wir müssen uns aber auch nicht vor einer neuen Weltmacht ängstigen. Es gibt keinen Kandidaten. Wir streben nach Emanzipation und nicht nach neuen Herren, und der Anteil von Robert Zimmermann an diesem Streben war größer als gedacht und gewollt.

Es gibt immer weltweit ein oder zwei Dutzend Menschen, die das Automobil oder die Nichtantwort in einem Lied erfinden könnten. Talent haben viele. Jede Coverband hat mehr Talent. Es ist auch nicht so, dass man in Unfreiheit nicht über Freiheit singen könnte. Andererseits können auch Epigonen viel Geld verdienen. Was die Welt voranbringt, ist eben nicht ein bestimmtes Rezept, eine einfache oder komplizierte Antwort, ein Grund, der alles oder nichts erklärt, sondern das Beharren auf der Irrationalität der Dinge und Menschen. Der Traum weiß mehr als dein Gedächtnis. Der Traum ist beharrlicher als jeder Plan. Er lässt sich nicht einsperren oder beseitigen, nicht diskreditieren oder beleidigen. Der Traum ist der Traum ist der Traum…schon Gertrude Stein ist für diesen wunderbaren und grundeinfachen Gedanken verlacht worden, und doch kennt ihn jeder.

Und deshalb hatte es der arme Gundermann mit seinen schönen Zeilen so schwer.

*     Jesse Washington † 1916, erstes Waco-Massaker

**  Trayvon Martin † 2012

Advertisements

MIGRATION IST DAS KIND ALLER PROBLEME

 

Nr.  309

 

Auszuwandern ist ein solch tiefgreifender Entschluss wie Suizid. Auszuwandern ist ein fast irreversibler Entschluss, theoretisch kann man zwar zurück, aber praktisch macht es keiner.

Vor mehr als 150 Jahren gingen hier aus dieser Gegend, in der ich heute schreibe, zwei ganze Dörfer geschlossen nach Amerika. Es gibt für diesen Entschluss nicht nur einen Grund, aber der Hauptgrund war ganz sicher die erwartete wirtschaftliche Verbesserung des Lebens. Der Hauptgrund war die zeitweilige Überbevölkerung Europas. Ideologisch darüber gesetzt war hier eine heute kaum nachzuvollziehende religiöse Frage. Der preußische König wollte die beiden protestantischen Konfessionen, lutherisch und reformiert, vereinigen, und dagegen setzte sich ein Teil der Lutheraner zur Wehr. Aber sie hatten zwei Möglichkeiten: sie gründeten ihre alte Kirche neu, es entstanden die Altlutheraner, oder sie konnten sich der ebenfalls halb organisierten Auswanderung anschließen. Der Staat versuchte, diese Auswanderung durch Verweigerung von Reisepässen oder schikanöse Aufenthalte zu verhindern. Auch die Wehrpflicht wurde dazu missbraucht. Trotz dieser Behinderungen wanderten im neunzehnten Jahrhundert fast vier Millionen Menschen aus allen deutschen Ländern nach Amerika aus.

In einem der beiden Dörfer gab es eine unschlüssige Bäuerin. Einerseits liebte sie ihren Mann, was damals auch nicht unbedingt die Regel war, und konnte seine Gründe zur geplanten Auswanderung gut verstehen. Andererseits konnte sie sich nicht von ihrer Heimat, von ihrem Dorf, von ihrem Hof, von ihren Tieren, von ihrem Hausrat und von allem, was ihr bisher wichtig war, trennen. Insofern ist die Auswanderung tatsächlich unumkehrbar, denn selbst wenn man zurückkäme, wäre nichts mehr so, wie es einmal war. Hinzu kommt die empfundene oder tatsächliche Schande, dass man es nicht geschafft hat, sozusagen hier und dort in der anderen Welt nicht geschafft hat. Die Bäuerin blieb also hier und trennte sich lieber von dem einen geliebten Mann als von den tausend geliebten Gewohnheiten und Gegenständen.  Der Mann ging nach Amerika und war auch erfolgreich, konnte es aber auf Dauer ohne seine Frau nicht aushalten. Eines nachts klopfte er an ihre Tür, die auch einstmals seine Tür gewesen war. Nun aber konnte es die Frau nicht aushalten, ihren geliebten Mann durch eben diese Liebe gehindert zu haben, seine Lebensplane zu verwirklichen. Nach wieder einer Bedenkzeit gingen nun beide nach Amerika und wir wollen hoffen, dass der Mann seinen erfolgreichen Beginn dort hatte sichern können, so dass sie daran anknüpfen konnten. Dieser Teil der Geschichte ist nicht überliefert. Sie zeigt, dass die Probleme der Auswanderung den Menschen bis zur Zerrissenheit belasten können. In jeder Auswanderung liegt der Keim des Todes, des Scheiterns, der Spaltung, des Wahnsinns. Der Erfolg bleibt so lange bloße Hoffnung am Horizont, bis er tatsächlich eintritt. Aber es gibt keine Statistik. Das ist der Grund, warum man früher an ein Jüngstes Gericht geglaubt hat: die Erfolgreichen wollen sich verewigt sehen, und wer in der Fremde erfolgreich war, will, dass es die Heimat weiß.

Man kann Migration also nicht nur von den eventuellen Problemen des Ziellandes her betrachten. Weder kennt jemand alle Ursachen, noch kann man die Folgen auch nur erahnen. Die Vereinigten Staaten schienen lange Zeit englisch geprägt zu sein, in Kanada gab es auch einen bedeutenden französischen Einfluss, auch die Niederlande und Deutschland, Schweden, Irland und Italien haben wichtige Spuren hinterlassen, in jüngster Zeit sind es vor allem Puertorikaner und andere Latinos, die prägend wirken. Aber die bedeutendsten und berühmtesten Amerikaner waren und sind Juden und Afroamerikaner.

Die gesamte heutige Popkultur, die Allgegenwart von Musik und Entertainment,  geht auf einen kleinen schwererziehbaren Jungen* zurück, der im Waisenhaus von New Orleans ein verbeultes Kornett in die Hand gedrückt bekam, um auf Beerdigungen zu spielen. Diese tieftraurige Musik war schon eine Mischung aus dem Rhythmus und der tiefen Frömmigkeit der Baumwollplantagen, dem europäischen, von Bach polyphon gedachten und gemachten Choral und dem türkischen Militärinstrumentarium. Auch die Übermacht der Gitarre in der Popkultur ist nur mit ihrer Migration zu erklären. Ihr Ursprung ist der nahe Osten vorislamischer Zeit. Die andere Seite der heutigen Kultur, die ebenfalls allgegenwärtigen Filme und Geschichten, gehen auf drei jüdische Handschuhmacher** aus Warschau zurück. Die Schallplatte als Urmuster der Aufzeichnung stammt von Emil Berliner aus Hannover, aber auch aus Amerika. All diese Folgen konnte niemand vorhersehen.

Die Entwicklung der eigenen Kinder, die man sich früher als Kopien dachte, liegt in demselben Nebel der Zukunft wie die des Migranten aus dem benachbarten Asylbewerberheim. Natürlich haben wir Einfluss auf die Bedingungen, unter denen sich unsere Kinder entwickeln. Betrachten wir aber die Masse der neuesten Immigranten, dann sehen wir deutlich, dass deren Eltern ganz ähnlich gedacht haben wie wir, bis zu dem Zeitpunkt, als die Familie die Flucht beschloss und finanziell unterfütterte. Viele haben aber auch in den Zwischenländern gearbeitet und so das Geld für die Schlepper verdient. Wir können unseren Kindern, und die fernen Eltern ihren Kindern, gute Fähigkeiten zu vermitteln versuchen, wir können sie zu Beharrlichkeit ermuntern, vielleicht sogar befähigen, aber all die Außenbedingungen, all die unwägbaren Ereignisse auf jedem Lebensweg, die nennen wir weiter Glück oder eben Pech. Der Fleiß und das angenehme Wesen jeder Glücksmarie sollte uns beflügeln, wie uns die Faulheit und das abstoßende Wesen der Pechmarie warnen kann, aber ganz frei von beiden werden wir nie sein können. Der Trost ist nur die Sinustheorie: nach einem Tief kommt mit großer Wahrscheinlichkeit, jedenfalls statistisch gesehen, auch wieder ein Hoch. Niemals kann der Trost sein, dass senile Minister uns versprechen: morgen wird alles besser, wenn wir heute alles verbieten.

* Louis Armstrong      **  Warner Brothers

migration ist das kind aller probleme

FRIKTIONEN

 

Nr. 308

Autobahnen wurden zuerst in Amerika und Deutschland gebaut, damit Automobile unbehindert von langsameren Fahrzeugen, von Kreuzungen oder Ortsdurchfahrten vorwärts kommen. Fährt man nun aber zu Beginn des Hochsommers oder am Montagmorgen auf der A 9 in den Süden oder der A 2 in den Westen, dann wird das eigene Automobil durch unzählbare weitere Automobile behindert. Manchmal sitzen Rentner am Weg und zählen die unzählbaren Vehikel. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: jede Erfindung oder Verbesserung schafft neue Probleme. Das Doppelparadox des Automobils besteht darin, dass es, je weniger Autos es gibt, desto ungerechter zugeht, je mehr Autos es dagegen gibt, desto undurchdringlicher und ungerechter wird der Verkehr. Das ist sogar ein klassisches Dilemma, und je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr kommt man zu dem Schluss, dass das ganze Leben ein Dilemma ist. Und je mehr man über diesen schönen Satz nachdenkt, desto mehr kommt man zu dem Schluss, dass er genau die Mitte bildet zwischen dem philosophischen – ein Problem mit zwei gleich schlechten Lösungen – und dem Alltagsbegriff – ganz allgemein eine ausweglose Lage. Das zweite Paradox: je stärker ein Automobil ist, desto größer ist die Abhängigkeit von ihm. Der zweite Schluss jedoch ist beinahe noch interessanter: sobald wir uns auf einen Weg machen, einen Entschluss verwirklichen, eine Aufgabe lösen, ein Leben leben, stoßen wir auf Schwierigkeiten, die wir vorher nicht kannten und absehen konnten. Umgekehrt heißt dies: dass man ständig Erfahrungen macht, die man dann nie wieder braucht.

Es besteht sogar die Gefahr, dass wir diese Erfahrungen als zusätzliche Behinderung empfinden könnten: Wir gehen einen neuen Weg, wir stoßen auf unvorhersehbare Schwierigkeiten und versuchen, sie mit alten Mitteln zu lösen. Am bittersten empfinden wir diese aufgetürmten Probleme, wenn wir mit anderen Menschen zusammen Probleme oder Aufgaben lösen, mit denen wir uns erfahrungsgemäß gut verstehen, die aber plötzlich nicht mehr mitmachen wollen oder können. Menschen, überhaupt Lebewesen, verfügen nicht nur über rationale, seit dem neunzehnten Jahrhundert weit überschätzte Lösungsalgorithmen, sondern auch über emotionale, tief eingegrabene Spuren. Beide können sich befördern und befeuern, gemeinsam wirken, aber natürlich auch gegenseitig behindern. Der schlimmste Fall einer solchen Behinderung ist die Spaltung, zum Beispiel die Schizophrenie. Andererseits ist jedes Schisma auch eine Konfliktlösung, denn oft genug wird die Spaltung des gegnerischen Schädels als eine Lösung angesehen.

Immer wieder entstehen, ob nun aus Spaltungen oder neuen Ideen, neue Parteien oder Bewegungen. Der Gedanke ihrer Gründung mag gut sein, vor allem gut gemeint, aber sobald sie die ersten Schritte machen, müssen sie zwangläufig stolpern, schlittern und scheitern Sie müssen, ob sie es wollen oder nicht, sich einerseits den Gepflogenheiten, die sie gerade bekämpfen wollten, anpassen, und andererseits einen großen Teil ihrer Ideen und ihrer Energie für den Machterhalt abstellen. Deshalb kann nur Politiker werden, wer Machtmensch ist. Genau das kann ihm später schlecht vorgeworfen werden.  Wir anderen folgen diesen Machtmenschen so sehr, dass wir selbst in der Demokratie alle Leistungen und alle Fehler immer mit einer Person in Verbindung bringen oder die Führungsperson ausdrücklich ausnehmen, wenn es um Fehler geht. Wir haben ein Bild der Welt, die von Menschen gemacht ist, und vergessen, dass  auch das Bild von Menschen gemacht ist.

Ein großer Teil des Risses, der heute durch die Welt geht, ist in Wirklichkeit ein gerissenes Bild. Noch vor hundert Jahren waren  drei Viertel aller Menschen Analphabeten, heute hat die Hälfte der Menschheit ein Smartphone. Nicht mehr der eigene Augenschein und eine überschaubare Ideologie entscheiden über die Glaubhaftigkeit, sondern Dutzende und Aberdutzende atomisierte und sich überschneidende und widersprechende Informationen. Auf der einen Seite gibt es ein Festhalten an archaischen Glaubenssätzen, auf der anderen Seite aber sekundenschnell wechselnde Informationsschnipsel. Die Medien müssen auch dann etwas berichten, wenn gar nichts passiert ist. Wir kehren zu unserem Anfangsgedanken zurück: am Morgen betritt ein missgelaunter Redakteur seine Arbeitsstätte, aber es liegt keine Nachricht vor, er hat auch keine Idee für ein Portrait oder einen Kommentar. Man muss gar nicht behaupten, dass er sich jetzt einen Mord ausdenkt, aber er wird etwas irrelevantes zu etwas relevantem zu machen versuchen. Vielleicht hat er Glück und seine Leser verlangen nur den zwölften Aufguss der Nachrichten von vorgestern. Wir vergessen zu leicht, dass es keine Staatsmedien mehr gibt, sondern dass eine Zeitung oder eine Fernsehsendung eine Ware ist, die verkauft wird. Natürlich gibt es staatsnahe Journalisten, es gibt ja auch staatsnahe Leser.

Diese überproportionale Personalisierung der Politik, die tatsächlich ein fast unentwirrbares Geflecht aus sich oft widersprechenden Kompromissen und nicht die einmalige Leistung eines einmaligen Politikers ist, und diese Monopolisierung eines Informationsmediums, das in Wirklichkeit ein Teppich oder ein Fluss aus vielen unwichtigen, nebensächlichen, redundanten oder vielleicht auch lebenswichtigen Nachrichten, Kommentaren, Bildern, Portraits besteht, sind ein großer Teil unseres Problems.

Wann haben wir das letzte Mal eine für uns lebenswichtige Nachricht gehört? Wann kam in welchem Fernsehsender etwas, das uns bis auf die Grundfesten erschüttert und zu gänzlich neuem Handeln befähigt hat? Nichts ist schädlicher als das Fernsehen, weil es Nähe suggeriert, obwohl es – richtigerweise – Fernsehen heißt und ist. Statt das Misstrauen immer neu zu formulieren, sollte man es einfach abschalten. Andererseits ist es schwer, gegen Gewohnheiten oder gar Süchte anzukommen. Mit diesen Friktionen müssen wir leben.

Der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz hat diesen Friktionsbegriff in dieser Bedeutung in seinem nachgelassenen Werk VOM KRIEGE verwendet. Sein Buch wurde viel gedeutet und viel missgedeutet. Man überlas gerne, dass er eigentlich nur Verteidigungskriege für gewinnbar hielt, man überlas, dass er begründete, dass jeder Krieg aus tausenden Schwierigkeiten besteht und deshalb die Neigung hat, sich von der Politik und von den allgemeinen Regeln zu entfernen, was später totaler Krieg hieß. Es ist ein durch und durch intelligentes und erstaunliches Buch. Clausewitz starb an der Cholera, und viele, die ihn kannten beobachteten, dass er nicht so ungern aus der Welt voller Friktionen ging.

Heute würde dieses große Buch geschrieben sein und wird gelesen für Leute und von Leuten, die lernen wollen, wie man einen Konzern oder ein Produkt in die Weltwirtschaft implantieren kann. Und da lernt man: Wirtschaft ist Chaos, sie folgt keinen Regeln oder jedenfalls nicht sehr lange. Schon allein die Friktionen zu überstehen, braucht es Genie.