DUNKELZIFFER

 

Nr. 312

 

Es ist schon merkwürdig, dass gerade die Statistik, ein Bestandteil der Mathematik einerseits, und andererseits der Versuch, das chaotische Leben in Zahlen zu stecken und damit zu objektivieren, derart in Verruf geraten ist. Als die Statistik als Instrument der Wissenschaft entdeckt wurde, im neunzehnten Jahrhundert, war der Glaube an die Wissenschaft groß, er löste gerade den institutionaliserten religiösen Glauben in seiner absoluten und totalen Form ab. Die Staatskirche brach zusammen. Die Aufklärung, so die Frankfurter Schule, setzte sich selbst an die Stelle der soeben abgelösten Vormünder. Eines ihrer überzeugendsten Mittel war die Statistik. Zahlen, so glaubte man, können nicht lügen. Es überschnitten sich fast das ganze neunzehnte Jahrhundert lang der Glaube an eine Wahrheit und die Wissenschaft. Wir ahnen heute, dass sich die beiden viel wahrscheinlicher ausschließen. Jeder wissenschaftliche Satz ist gleichzeitig Interpretation und Hypothese. ‚Die Erde ist eine Scheibe‘ ist genauso wahr und unwahr wie ‚Die Erde ist keine Scheibe‘.

An diesem Punkt der Erkenntnis wurde die Dunkelziffer erfunden. Sie besagt, dass zwar soundsoviele Menschen dasundas getan oder nicht getan haben, aber dass wir nicht ausschließen können, dass es mehr oder weniger sind. Wir brauchen immer ungefähr ein halbes Jahrhundert, bis wir Neuerungen gedanklicher Art verinnerlichen. Jetzt wissen wir, wenn die Statistik schreibt, dass vierhundert Menschen in Deutschland in einem Jahr ermordet wurden, dann können es auch achthundert sein, die Dunkelziffer. Aber gerade bei Mord und bei Wahlen sind die Zahlen ziemlich genau, weil das auf der einen Seite sensible Bereiche des menschlichen Lebens in einer modernen Demokratie sind, und weil andererseits auch die Instrumente der Zählung in diesem Bereich besonders tauglich sind. So werden in Deutschland 95% aller Tötungsdelikte aufgeklärt, was nur dadurch für verlässliche Zahlen spricht, als man aus der Aufklärungquote auch den Stellenwert ableiten kann, etwa im Gegensatz zu Fahrraddiebstählen. Im deutschen Kaiserreich waren der Besitz und der Verlust von Dingen noch höhere Güter als die Unversehrtheit des Lebens. Die Reste von dieser Haltung findet man im Strafgesetzbuch.

Wir benutzen sonst die Dunkelziffer gern als Dehnungsargument. Wir haben zum Beispiel die Meinung, dass zu viele Menschen nach Europa einwandern. Dann werden wir jede Zahl in dieser Richtung deuten und zur Verstärkung unserer Ansicht eine Dunkelziffer hinzufügen, die uns bestärkt. Dunkelziffer heißt aber gerade, dass wir die tatsächliche Zahl nicht kennen. In einem Land ohne Mauern gibt es illegale Einwanderung, wie es auch illegale Auswanderung, zum Beispiel Steuerflucht, gibt. Um von diesem schwer erfassbaren Sachverhalt abzulenken, wird auf den sichtbaren Teil verwiesen. Der Flüchtling wird in den Mittelpunkt der Argumentation gestellt, und nicht die Migration. Der Flüchtling wird als illegal denunziert und verfolgt. Das war bei der Massenauswanderung der Europäer in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts so, das war in der DDR mit ihrer unseligen, todbringenden und symbolischen Mauer so, und es wird heute auch wieder versucht. Migration ist keine Dunkelziffer, sondern Bestandteil menschlichen Lebens. Wenn man zulässt, dass jedes Argument und jede Zahl durch eine Dunkelziffer unterminiert wird, dann macht man aus jedem Diskurs eine Gummizelle der Argumente. Die Dunkelziffer ist selbst eine Dunkelziffer, sie bringt – oft mit Absicht – die alte Ungenauigkeit und Unsicherheit als Herrschaftsinstrument zurück. Man muss sich Herrschaftsinstrument nicht nur als – unterstelltes – Regierungshandeln vorstellen, sondern neuerdings auch vor allem als Stimmenfang. Obwohl wir offensichtlich in einem eher erfolgreichen Land leben wird mittels der Dunkelziffer sein apokalyptischer Untergang vorausgesagt, entweder durch einen Volksaufstand, der ist in Deutschland eher selten, oder durch feindliche Machtübernahme. Dass wir gar keinen Feind haben, fällt in dieser Argumentation wahrscheinlich unter die Dunkelziffer.

Aber es gibt auch zwei Gegenentwürfe zur Dunkelziffer. Wenn es, wir folgen experimentell der vereinfachten Argumentation, eine Dunkelziffer auch bei Mord und Totschlag und Wahlbetrug gibt, dann muss es auch eine Dunkelziffer der Lebensrettung und der nicht gezählten Wähler – statt der angeblich hinzugefügten – geben. Weitaus mehr Menschen sind bereit, Risiken einzugehen, um Risiken zu minimieren. Ausschließen kann man Risiken bekanntlich nicht. Hinzu kommt dass eine Zahl eben nicht eine Zahl ist, sondern es ist eine Vorstellung, die sich ihren Weg durch die Friktionen des Informationsjungles bahnen musste. Was in der Zeitung steht, ist Interpretation. Was aber die Gegner der Zeitung sagen, ist auch Interpretation. Wenn wir dem SPIEGEL aus gutem Grund misstrauen, dann müssen wir uns fragen, warum wir dann aber plötzlich Herrn M. glauben sollen, der eine Facebookseite betreibt und gestern mit einem Pappschild ‚Merkel muss weg‘ gesehen wurde. Merkel ist nach Ansicht der einen die zweitbeliebteste Politikerin hierzulande, nach anderen Ansichten muss sie schnellstens weg.

Das zweite Gegenargument ist die Hellziffer. Sie wird einfach ignoriert. Der leider zu früh gestorbene schwedische Dunkelzifferforscher Hans Rosling* hat seine berühmte Frage, wieviel Mädchen in Ländern mit niedrigem Einkommen heute die Grundschule absolvieren (20, 40 oder 60%) auch Schimpansen vorgelegt, von denen wir annehmen, dass sie ihre Kreuze zufällig machen. Die Schimpansen kamen wenigstens auf den Mittelwert und schnitten damit besser ab als ihre menschlichen Brüder, die auf den schlechtesten Wert tippten. Und ‚tippten‘ ist das richtige Wort, wir folgen unserem apokalyptisch verseuchten Geist, unserem eingeborenen Pessimismus, unserer epidemischen Denkfaulheit. Wir sind zunehmend nicht bereit, aus dem Fenster zu sehen, auf die Straße zu gehen, ein einigermaßen sachliches Buch zu lesen, dem Diskussionspartner geduldig zuzuhören, mehr als die Überschrift eines Artikels zu lesen. Je mehr Informationen uns zur Verfügung stehen (könnten), desto mehr glauben wir an unerschütterliche Wahrheiten. Da hätten wir doch gleich im Mittelalter bleiben können. Das Gegenteil von Informationsflut und ewiger Wahrheit ist Navigation, wie man schon im Tagebuch von Christoph Kolumbus nachlesen kann. So wie nach der Erfindung des Buchdrucks versuchen auch jetzt Legenden, monokausale Einfachstbegründungen, Imitationsketten und sogar Hoaxes und UrbanLegends den Weg durch die neuen Medien. Die Antike belauert und bedrängt uns überall!

Die Dunkelziffer des Guten ist größer als die des Bösen, weil wir sonst bisher nicht hätten überleben können. Und da das Gute auch in der Hellziffer zunimmt, ist die Gefahr des Untergangs der Welt einschließlich ihrer Teile (zum Beispiel Deutschland) nicht größer als zur Zeit der größten bisher geschriebenen Apokalypse des Johannes aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert.

Die Dunkelziffer des Guten ist größer als die des Bösen.

* Hans Rosling, FACTFULNESS, Ullstein, Berlin 2018

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