BEWAHREN

Nr. 313

Früher sagten die Hausfrauen, dass sie den Sommer in den Weckgläsern für die kalten und dunklen Wintertage aufbewahren würden. Und wie sieht es heute aus? Es gibt keine Hausfrauen mehr, die wenigsten Menschen wecken eigenes Obst ein, fast alle kaufen Fertigprodukte, darunter sehr viele von weither importierte, in den Supermärkten. Überhaupt, die Metapher für die Verbrauchs- und Wegwerfgesellschaft, in der wir uns heute befinden, ist der Supermarkt. Gleichzeitig ist er die Verwirklichung des Märchens vom Schlaraffenland und vom süßen Brei, die aber alle schon die Moral enthielten: man kann nicht mehr als essen. Jedes Märchen kehrt sich um, weil nichts bleibt, wie es ist. Obwohl wir hier alle mehr als genug und mehr als nötig essen, jammern die brandenburgischen Bauern, dass von ihren 70.000 Schafen hundert der Wolf gefressen hat, 0,1%. Die Äpfel an den früher gehegten und bewachten Alleen verkommen in diesem Jahr noch mehr, weil es weniger Vögel und weniger Insekten gab. Sie wurden der monokulturellen Landwirtschaft geopfert.

Man kann Gegenstände bewahren, man kann Werte bewahren, Zustände dagegen nicht. Nichts ist flüchtiger als ein Zustand, das haben wir alle im sonst eher überflüssigen Chemieunterricht und in der höchst nötigen Liebe gelernt. Die Gegenstände werden teilweise sogar wertvoller, wenn man sie konserviert, wie man sich auf jedem Kunst- und Antikmarkt und –laden versichern kann. Aber dann verfallen sie dem Rost oder dem Vergessen.

Auch Werte haben die Tendenz zu verfallen. In Europa gab es zwei dreißigjährige Kriege (1618-1648, 1914-1945) und alle Historiker und Dichter dieses Themas sind sich einig, dass die mentalen Zerstörungen am folgenreichsten waren. Die Barockdichter verwendeten die umgestürzte Kirche als Metapher für den Werteverfall. Kinshasa ist auch deshalb die Welthauptstadt der Vergewaltigung*, weil im Kongo der Staatsterror seit dem neunzehnten Jahrhundert wütete. Noch 1960 gab es in Belgien eine Postkarte ‚Souvenir de Leopoldville‘. Wir haben hier schon einmal auf den allerdings nicht kausalen Zusammenhang hingewiesen, dass in Europa Millionen Kinder ermordet wurden, und anschließend  signifikanter Kindermangel und Kinderangst herrschten. Erst jetzt kehrt sich dieses Verhältnis durch die Helikoptereltern und die Flüchtlingsmütter wieder um.

Die Zustände der menschlichen Gesellschaft haben sich in den letzten fünfzig Jahren schneller verändert als üblich, wenn man aber die davor liegenden fünfzig Jahre mit einbezieht, relativiert sich die Zeit und der Abgrund. Denn die Veränderung durch eine auf die Spitze getriebene Wertehierachie war gravierender als die darauf folgende, einfacher gesagt: 1945 brach mehr zusammen als 1990 neu entstand. Darunter sollten wir nicht nur die Völkermorde der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sehen, sondern auch die Vertreibungen und Umsiedlungen, überhaupt die Menschenverachtung. 1945 ist letztmalig das falsche Konzept gescheitert, dass ein Mensch mehr oder weniger wert ist als der andere. Jeder spätere Versuch der Erneuerung oder auch nur Bewahrung steht unter diesem Verdikt des endgültigen Scheiterns.

Der Wert, den es zu bewahren gilt, ist also die Gleichheit aller Menschen, wie sie in Schillers berühmter Ode und Lessings nicht minder berühmten Drama als Ideal über der Menschheit schweben, wie sie aber auch in der Albert Schweitzers ‚Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben‘ Eingang in das neuere philosophische Denken gefunden hat. Schweitzer kombinierte übrigens die denkerische Voraussetzung mit dem christlichen Wert der Barmherzigkeit. Er hat sich damit Kritik von beiden Seiten eingehandelt: von den Christen und den Atheisten, was aber seiner Lehre keinen Abbruch tut.

Der Aberglaube, dass der Staat die Probleme, die seine Bürger haben, lösen kann, wächst aus dem Aberglauben, dass er sie verursacht hat. Die Industrialisierung war ein Kind der Dampfmaschine, die Erfindung des Sozialstaats war dagegen das Auffangen der äußerst harten Folgen der Industrialisierung, was man damals ‚die soziale Frage‘ nannte. Der Wohlstand, der nötig ist, um Freiheit durch Konsum zu erreichen, ist keineswegs durch den Sozialstaat oder gar den Nationalsozialstaat oder den Ostblock erreicht worden, sondern durch Henry Ford und Walter Rathenau und ihre industrielle Massengüterproduktion bei gleichzeitiger angemessener Lohngewährung. Nebenbei: ungeachtet ihrer Herkunft oder ihrer sonstigen Ansichten besaßen sie beide die damals weltgrößten Konzerne, FORD und AEG.

Jeder Staat, der glaubt oder versucht, die Probleme der Menschheit ohne die Menschen zu lösen, wird einfach in sich zusammenbrechen. Der Staat kann lediglich Tendenzen verstärken oder auffangen oder bremsen. Neue Tendenzen sind immer wirtschaftlicher, religiöser, technologischer und eben auch staatlicher Natur. Für jeden einzelnen Bestandteil menschlichen Lebens gibt es jeweils eigene Theorien oder gar Ideologien, die vorgeben, alle Probleme lösen zu können. Obwohl wir gerade ein ausgesprochen technologisches Zeitalter durchleben, setzen dafür nicht empfängliche Menschen weiter auf den Staat oder auf die Wirtschaft oder auf die Religion als allround-Problemlöser. Aber natürlich kann die Technologie auch nur einen Teil der Probleme lösen, indem sie gleichzeitig neue schafft. Hinzu kommt, dass viele Technologien auch Lösungen anbieten, die vorher kein Problem waren, das gilt für den Buchdruck wie für das Automobil oder den Computer, dessen Zukunft offensichtlich im Smartphone und im Roboter liegt. Gleichzeitig wird die Grenze zwischen dem Computer und dem Menschen verblassen.

Je komplexer die Welt und ihre Probleme werden, desto stärker muss die Betonung und Bewahrung der alten, scheinbar unabänderlichen Werte sein: Tötungsverbot, Solidarität, komplexes Denken. Jede Lösung eines Problems erscheint erst hinterher einfach. Wer nach einfachen Lösungen sucht oder sie anspreist, irrt oder wird sich und andere verirren. Nicht leicht wird es werden, unseren großen technologischen und energetischen Anspruch mit der genau so großen Aufgabe der Bewahrung  der Natur und der Würde des Menschen zu vereinbaren. In einigen Punkten ist sicher Minimalismus die Antwort, aber der setzt meist Überdruss voraus. Diogones, der erste Kyniker, soll angeblich beim Anblick eines aus seinen Händen trinkenen Hirtenknaben seinen Becher weggeworfen haben. Aber solche Geschichten sind mehr Appell als Nacherzählung.

Menschlichkeit oder Solidarität ist ein Allgemeingut der Menschheit, aber auf der anderen Seite ist das, was wir bisher als Fortschritt oder Wachstum bezeichnet haben, keineswegs ein linearer oder ununmkehrbarer Prozess. Es gibt nie nur eine Richtung oder eine Antwort. Jede Wahrheit hat die Tendenz sich zu spalten. Nichts ist unteilbar. Vielmehr bezeugen die gegenwärtigen politischen und ideologischen  Auseinandersetzungen, dass alle Bewegungen sinus- oder helixförmig sind. Für die Entdeckung der doublehelix gab es sogar schon den Nobelpreis**.

Bewahren sollten wir uns immer unsere Neugier und Freundlichkeit.

 

*Zitat von Denis Mukwege, Friedensnobelpreisträger 2018

**Crick, Watson und Wilkins 1962

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Ein Gedanke zu “BEWAHREN

  1. Ich wollte liken, aber irgendwas an meinen neuen Einstellungen scheint das zu blockieren. Daher wortwörtlich: Gefällt mir, in dem Sinne, dass schon wieder so viel Wahres drinsteckt. Wie in den vorigen Beiträgen auch. Ich lese hier, immer wieder. Schöne Grüße 🙂

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