ES IST SO BEQUEM UNMÜNDIG ZU SEIN*

 

Nr. 321

Wenn wir uns an jene Stelle unserer Kindheit erinnern, wo wir die Ablehnung der Abhängigkeit von unseren Eltern in Beziehung setzten zur Liebe, die uns mit ihnen verband, dann können wir das gut mit unserer heutigen politischen Lage vergleichen. Vielen Menschen ist klar, dass unser Wohlstand und unsere Freiheit mit Demokratie und Liberalismus zu tun haben. Die Marktwirtschaft ist sozusagen sozialdemokratisch gebändigt, während die Sozialdemokratie markwirtschaftlich und wohlständisch ruhig gestellt wurde. Wo es keine unzufriedenen Arbeiter gibt, bedarf es auch keiner zu Streik, Enteignung und Revolution aufrufenden Sozialdemokratie wie vor hundert Jahren. Aber wie das trotzige Kind, das nachts im Schlafanzug protestierend an der Wohnzimmertür steht, wollen wir unsere Abhängigkeit vom System nicht nur nicht zugeben, sondern auch nicht mehr akzeptieren. Lange Zeit gab es diesen Protest von linksaußen und linksgemäßigt, jetzt gerade gibt es das, manchmal sogar fast gleichlautende Contra von rechts bis rechtsaußen. Beide Kernkompetenzen scheinen aber verloren: der Konservatismus als legitime rechte und der Sozialdemokratismus als angemessene linke Seite, in der Mitte zwischen beiden der freiwillig, aber auch unwillig unmündige Bürger, der sich manchmal um genau dieses generische Maskulinum streitet. Hinzu kommen noch einige erschwerende Faktoren: die weltweite Krise der Demokratie und das Wiedererstarken der Autokratie (Trump, Putin, Duterte, Erdoğan, Bolsonaro, Orban, Kaczynski). Autokraten hat es immer gegeben, aber seit dem Fall der Mauer nicht mehr in Europa, Lukaschenko ist die unbedeutende, lächerliche Ausnahme gewesen; die größte Migrationskrise seit dem zweiten Weltkrieg, das Erstarken und die rasante Zunahme privater Medienkommunikation und schließlich die Künstliche Intelligenz als größter Arbeitnehmer.

Zeitweilig erschien die Aufklärung, auf die wir so stolz sind, als bloßer Ersatz der Religion und des feudalen Autoritarismus. Die Wissenschaft war der neue Heiland. Noch heute stützt sich jeder zweite journalistische Bericht auf meist nicht näher bezeichnete Studien. Vielen Menschen erschien jede wissenschaftliche Aussage der letzten 150 bis 100 Jahre als absolute Wahrheit. Schnippisch gesagt: jeder Depp berief sich ausgerechnet auf Einstein. Das hat durch die Benutzung der Turing-Maschine, die wir heute personal computer nennen, noch erheblich zugenommen. Auf der einen Seite vernetzt sich die Welt immer mehr, auf der anderen Seite verstärkt sich eine Autonomie, die sich Autarkie vorgaukelt. Das Wort hatte eine Hochkonjunktur in der Geopolitik der Nazis, aber auch der Ostblock war eine zeitlang isoliert (‚Röhrenembargo‘) und träumte davon, alleine durchzukommen. Dasselbe Argument wurde früher bejubelt und wird heute bezweifelt und verabscheut: [1989] es ist für Aldi kein Problem über Nacht die gesamte DDR zu versorgen, [2015] es ist für die Bundesrepublik Deutschland kein Problem, eine Million Flüchtlinge mit zu versorgen (WIR SCHAFFEN DAS!). Stellen wir uns einmal vor, Merkel hätte in derselben Rede gesagt: WIR SCHAFFEN DAS NICHT. Wie aber gewisse Maulhelden auf die Idee kommen können, dass die ganze Welt über Deutschland lacht, bleibt deren Rätsel. Der Ruf Deutschlands ist, ich glaube zurecht, 2015 noch einmal gesteigert worden.

Indessen werden die Abhängigkeiten größer. Wir haben schon oft betont, dass Globalisierung nicht nur heißt, dass unser Frühstück reichhaltiger wird, obwohl nichts empfehlenswerter ist, als ein ausgedehntes türkisches** Frühstück.

Das Wort unmündig hat einen ebenso schlechten Klang wie die Ketten, in denen wir liegen. Wir verbinden damit auch immer eine äußere Ursache: die Millionärin wird von ihren Kindern entmündigt, weil die das Geld vorher schon brauchen. Die Ketten, durchaus modern gedacht, sind die ungerechte Arbeitswelt, die Medien, die uns bevormunden, die Politik, die uns korrumpiert. Alles Böse kommt von außen, wir allein haben diesen berühmten guten Kern.

Es ist so schwer einzusehen, dass wir uns selbst in die Lage des unmündigen Kindes gebracht haben, ohne Not, nur aus Faulheit und Bequemlichkeit. Die Medien sind unser Tor zur Welt, aber müssen wir tatsächlich alles wissen? Muss wirklich jeder die gesamte Weltlage immer verstehen? Die Frage wird leichter zu beantworten, wenn man sie anders stellt: können wir die Weltlage verstehen? Wir können sie selbstverständlich nicht verstehen. Der Journalist hat uns gegenüber seine Professionalität in der Recherche, aber vor allem wohl in der Rhetorik. Der Wissenschaftler hat zweifelsfrei das bessere Instrumentarium als wir, aber er bleibt auch oft schwer verständlich. Oft wird aus einem Buch eines seriösen Wissenschaftlers ein einziger Satz und solange zitiert, bis er den einen als festgefügte Wahrheit, den anderen als ausgemachter Unsinn erscheint.

In Europa herrschten lange Zeit ideologische Systeme, die nicht nur die Demokratie beschädigten, sondern auch die Glaubwürdigkeit. Mehr als siebzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus und fast dreißig Jahre nach dem Ende des Ostblocks glauben jetzt plötzlich viele Europäer (viele US-Amerikaner, Brasilianer, Philippinos und Türken ohnehin), dass sie missbraucht, gesteuert, Opfer ihrer eigenen Regierungen, Opfer des internationalen Judentums unter Führung – wahlweise – von Soros oder Rothschild sind. Sie glauben, wenn sie überhaupt Geschichte zur Kenntnis nehmen, dass diese Geschichte manipuliert wird. Genauso wie sich mit den Reproduktionsmedien der Traum der Romantik nach einer Poetisierung des gesamten Lebens erfüllte,  genauso scheinen sich jetzt solche Dystopien zu verwirklichen wie ‚1984‘ oder ‚Brave New World‘ oder ‚Der Mann ohne Eigenschaften‘. Vielleicht haben wir alle keine Eigenschaften mehr, sondern nur noch gesteuerte, wenn nicht manipulierte Konsumbedürfnisse. Sicher tragen die Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten dazu bei, dass der Mensch oberflächlich durchschaubarer wird. Aber zur Zersetzung braucht man eine Staatssicherheit mit den unbegrenzten Möglichkeiten des Bösen, wie es sie im gesamten Ostblock und vorher in den faschistischen Staaten gegeben hat. Wir hatten bis gestern einen Verfassungsschutz, der in der SPD linksradikale Strömungen gesehen haben will. Schade um das schöne Geld: im falschen Koffer abgestellt.

 

*Immanuel Kant, Was ist Aufklärung?

**hier kann jeder das Land eintragen, von dem er meint, dass das Frühstück besser sei als in Deutschland. Ohne die Frühstückslaune verschlechtern zu wollen, muss man aber bemerken, dass es eine ganze Reihe Länder mit schlechterem oder gar ohne Frühstück gibt.

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