DREI WÜNSCHE

Nr. 326

Wir lieben diese selbstgeschaffenen Einschnitte: Mitternacht, Silvester, Zeitenwende. In vielen Märchen gibt es aber auch WÜNSCHEFREI ohne jeden Anlass. Wenn ich also, mit welcher Begründung und zu welchem Anlass auch immer, drei Wünsche frei hätte, dann wären es diese:

1

JOURNALISTINNEN, DIE GESCHICHTEN ERFINDEN, SOLLTEN SIE WEITER ERFINDEN DÜRFEN

In der griechischen Antike wurden angeblich die Überbringer der schlechten Nachrichten getötet. ‚SAGEN, WAS IST‘ hat also schon sehr früh einen deutlich negativen Aspekt gehabt. Und auch damals schon konnte man ja niemals sagen, was ist, sondern immer nur, was man gesehen hat. Vor Troja stand keine Armee, sagte der Bote. Das war sozusagen sein letzter Wunsch. Seitdem hat die Menschheit an der Verbesserung der Verbreitung von Nachrichten gearbeitet. Als zum ersten Mal ein wirklicher Geschwindigkeitssprung in der Nachrichtenübermittlung erreicht worden war, am 24. Mai 1844, war der Satz kein Geheimnis und der Erfinder wusste nicht, ob es überhaupt Sinn machte, dass beispielsweise die Bewohner von Maine wenige Minuten nach dem Brand einer Scheune in Maryland davon Kenntnis hätten. Der erste Satz, der mit Blitzgeschwindigkeit von Washington D.C. nach Baltimore telegraphiert wurde, lautete WAS HAT GOTT GETAN? Er steht in der Bibel, Numeri 23,23. Jeder hätte ihn auch ohne Samuel Morse und seinen Supertelegraphen wissen oder lesen können. Zwischen Adressat und Absender gibt es also eine große Sinndifferenz bei gleichzeitiger Redundanz. Allein der biblische Satz, der in English What hath God wrought?, also nicht getan, sondern gewerkt lautet, bringt es mit und ohne Kontext auf bestimmt 4000 Interpretationsvarianten. Der Kontext handelt übrigens auch vom Informationsgehalt der Trompeten.

Samuel Morse war im Hauptberuf Maler und Professor für Kunstgeschichte. Eines seiner berühmtesten Gemälde heißt ‚Gallery of Louvre‘. Er hat es während einer Choleraepidemie gemalt, als die meisten Einwohner von Paris die Stadt fluchtartig verließen, und es zeigt vierzig der berühmtesten Gemälde des Louvre, in deren Mittelpunkt der Maler selbst steht, dem seine Tochter beim Kopieren hilft. Information ist also Erzählung. Sagen, was ist, heißt also sagen.

Die Leser berühmter oder auch weniger berühmter Zeitungen und Magazine glauben selbstverständlich, dass, was in ihren Blättern steht, auch der Wahrheit entspricht. Demzufolge müsste es zeitgleich mit den Fakten eine genaue Abbildung geben, das ist noch nicht einmal mit hochauflösender Fotografie oder Permanentvideos möglich. Niemand kann sagen, was ist, sondern nur, was er oder sie gesehen hat. Und während wir das, was wir gesehen haben, aufzuzeichnen versuchen, wird es mit unseren Erfahrungen, unserem individuellen Bilder- und Gedankenarchiv abgeglichen. Dann muss es noch emotional und intentional mit dem übereinstimmen, was, wie und wohin wir wollen. Wenn man das alles bedenkt, dann ist es doch klar, dass irgendwann ein Journalist auf die Idee kommt, dass er nicht an den Ort fahren muss, von dem er berichtet, denn gedruckt wird ohnehin nur das, von dem die Redaktion meint, dass es die Leser ebenso sehen werden und sehen wollen. US-amerikanische Bürgerwehren haben schon afroamerikanische Jugendliche getötet, weil die Tüte mit Popcorn, die sie trugen, wie eine Waffe aussah, und das Tempo nach Flucht. Der Spiegelreporter hat von einer völlig blödsinnigen Bürgerwehr berichtet, die mit acht Mann versucht, an der Grenze nach Mexiko illegale Übertritte zu verhindern. Die Grenze ist etwas über dreitausend Kilometer lang. Mehr muss man nicht wissen. Jede weitere Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit den Fakten, die nur Gott wissen kann, wäre Redundanz.

Interessant wäre es zu erfahren, was Samuel Morse für seine größere Leistung hielt: den elektrischen Telegraphen samt seiner eigenen Schrift, von dem die Politiker glaubten, dass er die Welt revolutionieren würde, oder das Gemälde ‚Gallery of Louvre‘, von dem er meinte, dass es jungen Künstlern dienen würde, die nicht nach Europa fahren könnten.

2

MINISTERINNEN, DIE ARMEEN ZERSTÖREN, SOLLTEN SIE WEITER ZERSTÖREN DÜRFEN

Interessant an der Regierung Merkel sind nicht die langweiligen Zwischenjahre, sondern die jähen Wendungen. Die vielleicht schillerndste Wendung war die Abschaffung der Wehrpflicht. Die CDU hatte wie alle konservativen Parteien lange vorgegeben zu glauben, dass die Gesundheit der Nation ausgerechnet von dieser in alten Ritualen erstarrten, mit sexistischen Witzen übersäten, an das Erbe der Wehrmacht sich klammernden und gleichzeitig epigonal den Amerikanern folgenden Männertruppe abhängen würde. Schon Willy Brandt sagte deutlich in diese Richtung: Die Schule der Nation ist die Schule. In Deutschland (und wahrscheinlich auch in vielen anderen Ländern) wurde bestimmt einhundertfünfzig Jahre lang die Frage diskutiert, wieviel dieser Männerkultverein zur Mannwerdung beiträgt. Und Mann hieß nicht Geliebter oder Vater, sondern gehorchendes und funktionierendes Teil einer Vernichtungsmaschine. Es bedurfte zweier Weltkriege und einer Hannah Arendt um zu verstehen, dass das meiste, was in einer Armee gelernt wurde, der eigenen Vernichtung diente, aber erst, nachdem man ein Maximum an Unheil hergestellt hat. Wer das für übertrieben hält, der fahre nach Verdun. Dort liegen eine Million dieser so erzogenen Männer. Sie waren gerade einmal 18 Jahre alt. Und das war vor dem zweiten Krieg.

Trotzdem hielten die links- und rechtselbischen Konservativen in Deutschland an der Wehrpflicht, die erfunden worden war – und die Epoche der Söldnerheere ablöste -, um mit Napoleon sowohl die Fremdherrschaft, die Demokratie und die Freundschaft zu Frankreich abzuwehren, fest. Ein junger Mann, der sich im Osten Deutschlands unter Qualen und mit Gefängnisaufenthalten der Wehrpflicht entzogen hatte, wurde nach der Wiedervereinigung von der Bundeswehr und der mit ihr kooperierenden Justiz erneut ins Gefängnis gebracht. Das war der Tiefpunkt demokratischen Verständnisses: Regeln sind wichtiger als Lernen, vor allem musst du Unterordnung lernen.

Der letzten merkelschen Verteidigungsministerin wird nun vorgeworfen, dass sie den seit Jahrzehnten andauernden Verfall des Werte- und des Techniksystems der Bundeswehr nicht aufhält. Das merkwürdige dabei ist, dass sie ihren eigenen politischen Verfall auch nicht aufhalten kann. Sechzig Jahre nach dem letzten Krieg haben wir die Wehrpflicht abgeschafft. Da sich alle Prozesse beschleunigen, können wir davon ausgehen, dass wir dreißig Jahre nach dem Ende des kalten Krieges bemerken, dass wir keine Feinde mehr haben. Keine Feinde zu haben, bedeutet vor allem, selbst keine Feindschaft zu beginnen und zu pflegen, dann wird einem auch mit Freundlichkeit geantwortet. Von diesem zu einfachen, zu linearen Prozess muss man noch die Irritationen durch die Autokraten abziehen. Insgesamt gesehen aber braucht schon lange nicht mehr jedes Land eine Armee. Dänemark zum Beispiel ist hochgerüstet und gehört der NATO an. Es ist schon vorgekommen, dass ein von Jagdfliegern eskortiertes Transportflugzeug der königlichen Luftwaffe die Dackel der Königin Margarethe II. in deren Urlaubsresidenz Château de Cayx verbrachte. Montenegro, ein weiterer Kleinstaat, so groß wie Düsseldorf, besitzt 61 Panzer, die aber aus Kostengründen stillgelegt sind.

Die Gesamtwelt ist leider nicht feind- und aggressionsfrei. Deshalb muss es – leider auch bewaffnete – UNO-Truppen geben, zu denen die reichen Länder viel beitragen sollten. In einer Übergangszeit kann man auch über eine europäische Eingreiftruppe nachdenken, die von Großbritannien und Frankreich militärisch, von Deutschland finanziell und von den skandinavischen Ländern politisch geführt werden könnte.

Das Hauptargument der Gegenseite lautet, so etwas wäre Sozialromantik. Aber was spricht gegen Sozialromantik, wenn die sogenannten Realisten nur mit meist ziemlich gestrigen Wunschträumen regieren?

Alle großen Politiker waren Sozialromantiker, alle Sozialreformer sowieso. Es ist uns eine übergroße Ehre, zur Partei von Matin Luther King und Albert Schweitzer gehören zu dürfen. Nur die Militärs waren keine Sozialromantiker, aber die haben auch alle verloren. Die Qualität des Schimpfwortes Sozialromantiker ist auf der Ebene von ‚unmännlich‘*. Menschen, so heißt es manchmal, wurden hingeschlachtet wie Vieh. Will man damit sagen, dass Massentierhaltung und das Töten der letzten Elefanten wegen der Elfenbeinfigürchen moralisch höherstehend sei als Krieg? Diese vergleiche und diese Pejorative sind alle von gestern.

Es kann nur eine sinnvolle Schlussfolgerung geben. Die möglicherweise unfähige Ministerin hat recht, die Bundeswehr gehört in den Schrott, sowohl real als auch metaphorisch. Wir schleppen ein Paket aus der Vergangenheit mit uns herum, das nicht gebraucht wird. Man könnte jetzt schon das Geld verteilen – es sind knapp 35 Milliarden € jährlich -, aber das ist müßig. Wir wollen nur darauf verweisen, dass es in Deutschland mehrere Millionen Menschen gibt, deren Lebenssinn einseitig im Konsum besteht. Man könnte einen dritten Bildungsweg installieren und ihn Sozialromantik nennen.

3

LESERINNEN, DIE SICH ZU EINER GRUPPE RECHNEN, SOLLTEN DIE TEXTE DER GEGENSEITE ZUENDE LESEN

Wäre der einzige Impuls Neugier und das einzige Ergebnis Befriedigung der Neugier, so hätte die informationelle Revolution einen überschaubaren Verlauf genommen. Jedoch werden alle Prozesse immer komplexer. Wir sind nicht nur neugierig, sondern auch unsicher. Mit jeder neugierigen Frage verbinden wir – von Kindesbeinen an – auch immer die Rückversicherung zu unserem Herkunftssystem oder sonst einer sicheren Seite. Der Bergsteiger prüft nicht nur seine Sicherungen, hat nicht nur sein Ziel im Sinn, den Gipfel, sondern auch seine Kindheit mit den durch seine Mutter getrockneten Tränen. Wir lesen also in unserem Lieblingsblatt nicht nur, dass eine Scheune in Maryland abrannte, sondern wir wissen dann gleich, dass der Erfinder des Telegraphen meinte, das könnte die Menschen in Maine vielleicht nicht interessieren und dass rochusthal in seiner berühmten Sonntagskolumne schon mehrmals an diesem Beispiel das informationelle Paradoxon heraufbeschwor: wir hören oder lesen von Dingen, die uns nicht tangieren, aber wir können auch nicht darauf verzichten, weil wir überhaupt nicht auf die Dinge verzichten wollen, die wir haben können. Das Beschreiben einer bestimmten Sicht auf den Brand der Scheune in Maryland – Trockenheit, Klimawandel, Unordnung der Forsten, so zitierte Trump** den finnischen Präsidenten, der davon aber nichts wusste, Versicherungsbetrug, Unachtsamkeit, Rauchen im Stroh oder Heu, Rache der Nachbarn, Landstreicher, Profilierungssucht eines freiwilligen Feuerwehrmannes, Funkenflug einer überalterten Dampfmaschine – lässt uns gleich Mitglied der Gruppe von Lesern werden, die derselben Ansicht sind. Es gibt ganz große Gruppen: Zufall – Fügung***, rechts – links, die Menschen sind gleich – die Menschen sind ungleich, Einheimische und Fremde, und es gibt kleine Gruppen.

Schon seit Ewigkeiten versuchen die Menschen, die eigene Gruppe, oft auch an die Herkunft gekoppelt, zur Norm zu erheben. Der große Satiriker Jonathan Swift**** lässt zwei Zwergenvölker Krieg miteinander führen, weil sie sich über die rechte Art das Frühstücksei zu öffnen – am stumpfen oder am spitzen Ende – nicht einigen können. Von dieser Qualität sind auch die Fragen, über die heute gestritten wird. Man muss nun nur noch bedenken – wir drehen die These jetzt um -, dass Streit natürlich auch ein Mittel der Informations- und Mehrheitsbeschaffung ist. Wir reden hier vom verbalen Schlagabtausch, nicht vom Streit, der von Streitkräften, welch törichtes Wort, ausgetragen wird. Schon als kleines Kind mussten wir, infolge von Streit, einsehen, dass unsere Eltern, Lehrer, überhaupt Erwachsene fähig oder unfähig sind.

Infolge der Inflation der Informationsmöglichkeiten hat sich auch das verständliche und grundlegende Streben nach Bestätigung und Gruppenbildung in eine alles ausschließende Sucht verwandelt. Jeder von uns würde eine Parkbank, auf der WHITES ONLY stünde, scharf kritisieren. Aber unter unseren Texten steht, wenn auch mit Geheimtinte: nur für meine rechten [linken] Freunde. Jede Gegenseite liest die Texte auch nicht wirklich – viele Zeitgenossen lesen ohnehin nur noch die Überschriften -, sondern scannen sie auf Stichwörter und Parolen. Kommt zum Beispiel der Name der Bundeskanzlerin in einem Text vor, dann suchen die Kommentatoren in ihrer Karteikiste nach den Beschimpfungen. Erwähne ich meine Heimatregion, dann wird mir das nicht als Heimatbonus angerechnet, sondern als Merkelfreundlichkeit. Das ist schon etwas mehr als merkwürdig.

Mein dritter Wunsch ist also mehr Appell als realistisch: könnten wir bitte wieder dazu übergehen, auch die Texte der Gegenseite bis zum Ende zu lesen und als Kommentare nur Argumente bringen? Auch für die eigenen Texte ist es unverzichtbar, sie immer wieder an den Gegenargumenten zu überprüfen und zu korrigieren. Demokratie lebt nicht nur von Kompromissen, sondern auch von Korrektiven. Wenn wir nicht so sein wollen, wie unsere Gegner, dann sind wir doch auf einem richtigen Weg: zu uns selbst, aber nur unter dem permanenten Vorbehalt des potentiellen Korrektivs.

 

 

 

 

*Schreiben Sie bitte bis zur nächsten Woche einen Essay mit dem Thema ‚UNMÄNNLICH‘, wohlgemerkt ‚unmännlich‘ in einfachen Anführungszeichen. Sie werden nach meiner Schätzung etwa 1000 Seiten brauchen.

**In diesem Punkt erinnert Trump an den Großvater des nordkoreanischen Diktators Kim Yon Un, Kim Il Sung, selbst auch schon Diktator, der seinen universellen Machtanspruch mit seinem universellen Wissen, an dem er unentwegt das ganze Land teilhaben ließ, rechtfertigte.

***Sonderform: the times are out of joint

****Gullivers Reisen

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WEIHNACHTSFRIEDEN CONTRA WEIHNACHTSMARKT

Heute gibt seit langem einmal wieder einen Gastautor: Matthias Gienke, den Pfarrer unserer kleinen Stadt Brüssow in der Uckermark. Wir haben schon viele Projekte gemeinsam ausgeführt, aber noch nie parallel Texte zum gleichen Thema geschrieben. Ich habe seine Predigt erst am Heiligabend  gehört, er hat meinen Text, der schon vorher fertig war, erst am zweiten Weihnachtsfeiertag gelesen.

 

Ihr Lieben am Heilig Abend

Ich sitze mit meiner Tochter im Advent in einem Einkaufszentrum, beim Essen und füttere sie mit dem Essen, das ich dort gekauft habe. Ich höre: Was will er mit dem Kind hier, er nimmt uns den Platz weg, alles ist schon voll genug, so eng. Wir beide werden beschimpft. Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt und Menschen sagen, was wollen die mit den Kinderwagen hier, die sehen doch, dass hier wenig Platz ist.  Ja, mit dem Kinderwagen kann man schon etwas erleben.  Ja, wie oft werden allein Dinge erzählt und behauptet, auch hier in unserer kleinen Stadt und stiften Unfrieden.  Mit dem will ich nichts zu tun haben, ja weißt du nicht, hast du nicht gehört… und dann geht’s los. Ob es stimmt oder nicht ist völlig egal.
Frieden untereinander ist gefährdet. Wir können alle genug Geschichten davon erzählen. Aber die Sehnsucht in uns bleibt nach Frieden. Besonders in der Weihnachtszeit spüren wir dies. Wir bereiten mit so viel Liebe das Weihnachtsfest doch vor, schmücken unsere Stuben, kaufen den Braten ein, kaufen Geschenke und freuen uns, wenn wir mit unseren Lieben zusammen sind.  Weihnachten hält unsere Sehnsucht nach Frieden wach, oder wie Frieden übersetzt heißt, nach Versöhnung. Friede bleibt ein Geheimnis und ihm wohnt ein Zauber inne. Friede ist ein Geschenk und ohne es zu erleben, es zu spüren, wird es in unserem Leben nicht klappen. Wer immer nur den besten Deal für sich herausholen will, der ist weit weg vom Frieden, von der Versöhnung. Aber da sind wir angekommen in unserer Gesellschaft. Es zählt nur der eigene Vorteil.  Wie wunderschön, dass ihr da seid, dass ihr dabei nicht mitmachen wollt, dass wir gemeinsam Weihnachten feiern und mit unserer Sehnsucht uns aufmachen zum Kind der Krippe, denn dort liegt der Frieden der Welt.

  1. Ja, Gottes Friede wird heute Mensch

Die Bibel nimmt kein Blatt vor dem Mund. Sie beschreibt in allen Facetten, dass wir alleine Frieden nicht schaffen. Es ist das erste was passiert, als die Menschen aus dem Paradies geflogen sind, Kain erschlägt seinen Bruder Abel.  Es geht immer so weiter, das ganze Alte Testament – ein Ringen Gottes mit den Menschen, die sich immer mehr auf sich verlassen, als auf ihn. Er, der sich immer wieder erbarmt und gewähren lässt, Jona nach Ninive schickt, damit die Menschen umkehren und sich versöhnen. Er, der sich erbarmt, obwohl die Menschen in der Wüste nichts mit ihm zu tun haben wollen, sogar einen neuen Gott sich bauen, das Goldene Kalb. Die Geschichten wiederholen sich bis heute, denn wir ticken so oft gleich, wie Menschen vor tausenden von Jahren. Frieden ist und bleibt gefährdet. Schließlich hat Gott die Nase voll. Er macht sich selbst auf den Weg. Dann müssen doch die Menschen entdecken, was ihm wichtig ist, wofür sein Herz brennt, dass Friede werde.   So heißt es im Lukasevangelium: »Gottes Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe! Und sein Friede kommt auf die Erde zu den Menschen, denen er sich in Liebe zuwendet!« Gottes Wille ist es Versöhnung zu schenken. Er sieht, wir mühen und mühen uns, aber der eigene Deal ist doch oft wichtiger, er sieht aber unser Herz und unsere Sehnsucht, darum kommt er zu uns.

 

  1. Weihnachten ein Geschenk an dich und mich

Gottes Wunsch und Hoffnung ist ganz einfach. Wir machen uns auch auf zur Krippe, zu Jesus, folgen den Hirten und den Heiligen drei Königen und entdecken Gott in ihm, den Frieden, den er für dich bereithält, für unsere Seelen. Denn das gehört doch zu unserem Leben dazu, dass unsere Seele unruhig ist, wir das Gefühl haben, dass uns etwas fehlt in unserem Leben, ja Gott hat ein Sehnsuchtsgen in uns angelegt. Darum suchen wir doch in unserem Leben und fühlen uns so oft nicht mit uns selbst im Einklang, oder haben Sehnsüchte, die wir niemandem erzählen. Wir machen Dinge und denken später, was hast du für einen Blödsinn gemacht.  Uns allen geht es so. Nicht mit Zwang, will er, dass wir zu ihm kommen. Er will uns hineinnehmen in diese große Liebesbewegung, die an Weihnachten geschieht. Gott spricht dich und mich heute an.  So wie die Freude ansteckt, so steckt der Friede an. So hat Gott sich das gedacht, dass sich ein Feuer in unserem Herzen entfacht, wenn wir dem Kind der Weihnacht begegnen.

  1. Ja, wir wollen dieses Feuer an andere weitergeben, den Frieden

Frieden ist und bleibt gefährdet, weil wir oft den besten Deal für uns herausholen wollen.  In Jesus durchbricht Gott dieses Schema. Im Leben von Jesus wird Gottes Friede sichtbar. Dieser Jesus wird transparent für Gott, wie er auf Außenseiter zugegangen ist, wie er Kranke geheilt hat an Leib und Seele, wie er den Tod durchbrochen hat und uns sichtbar für alle Zeit uns vor Augen geführt hat, dass er Frieden, ja Versöhnung mit uns will. Diesen Frieden dürfen wir in die Welt tragen.  Er öffnet uns die Augen für unser Gegenüber. Die Kraft dieses Weihnachtsfriedens haben Soldaten vor 100 Jahren im ersten Weltkrieg erlebt. Weihnachten 1914 ruhten die Waffen, Belgier und Franzosen reichten Deutschen die Hände. Sie sangen „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Silent night, holy night“. Sie zeigten sich Fotos von ihren Liebsten. In der Nähe des französischen Dorfes Fromelles feierten sie einen Gottesdienst. „Der Herr ist mein Hirte“ sprachen sie, den 23. Psalm, in Deutsch und in Englisch. Das Kind in der Krippe stellt alles auf den Kopf und wir brauchen sein Geschenk an uns nur auszupacken, ein Friede für uns selbst und für andere, den wir nirgends sonst auf dieser Welt finden.  Machen wir uns auf zur Krippe, Kommst du mit?

Amen

 

 

 

WEIHNACHTEN ODER DER BÄCKER VON ADAM SMITH

 

Nr. 325

Alle Jahre wieder rätseln wir, warum Weihnachten so früh, so aufwändig und letztlich weder vernünftig noch sinnvoll noch emotional befriedigend gefeiert wird. Trotz Weihnachten sterben nicht nur mehr Menschen in dieser Zeit des Jahres, sondern es bringen sich auch mehr selbst um. Es wird mehr gegessen, mehr getrunken, mehr gestritten und mehr getrennt, als alle die vielen Geschenke, die die Hermes- und DHL-Boten bringen, wieder gut machen können. Die Kirchen sind am Heiligabend voll, aber das sind sie auch, wenn das Weihnachtsoratorium von Bach oder der Messias von Händel gegeben wird. Diese Art der Kritik an Weihnachten gehört schon seit zweihundert Jahren dazu und ist beinahe selbst Teil des Rituals geworden. Sie hat also gar nichts mit Weihnachten zu tun, sondern mit dem Wohlstand, den wir uns eben anders vorgestellt haben, problemloser, fettlösender, perfekter, ein Wohlstand, der nicht wehtut.

Man könnte eine neue Partei gründen, die AfW, die Alternative für Weihnachten, aber sie wäre – zum Glück – genauso rat-, taten- und erfolglos wie die Alternative für Deutschland. Man kann Alternative sein, aber die bloße Deklaration des Gestern reicht dafür nicht aus. Alternativen gehen von einer Idee oder von Menschenmassen aus. Je individueller zu sein allerdings der Zeitgeist uns vorschreibt, desto schwerer ist es, Menschen für ein Ziel zu gewinnen oder auch nur zu halten. Hinzu kommt – und das war schon immer so -, dass es leichter ist, empört zu sein, als etwas zu tun. Und die für die Empörung passenden Tribünen haben die Internetgiganten Bill Gates, Lord Zuckerberg oder Lawrence Edward Page zur Verfügung gestellt. Man könnte annehmen, dass sie das für uns taten, für unsere demokratische Beteiligung oder unser demokratisches Placebo, für unsere Information oder Desinformation, für unsere Konzentration oder Ablenkung. Aber –  fast möchten wir leider schreiben – es ist so wie mit dem Bäcker von Adam Smith: er bäckt nicht, damit wir, sondern damit er satt wird. Es gibt keinen Versorgungsauftrag. Es gibt keinen Auftrag. Es gibt nur Möglichkeiten.

Für Weihnachten sehe ich zwei Möglichkeiten: Frieden und Kinder.

1

Frieden fängt immer zwischen zwei Menschen an. Es ist leicht, mit einem Friedensplakat auf die Straße zu gehen und zu rufen, dass Wasserwerfer kein Mittel der Demokratie sein dürfen, können und sollen. Das ist zwar richtig, aber Ort und Zeit der Verkündung sind denkbar ungünstig. Der Polizist – der nur seine Pflicht tut, manchmal auch etwas mehr oder etwas weniger, wie wir alle – ist der falsche Adressat. Es ist leicht, anzunehmen, dass am Waffenexport die Waffenexporteure märchenhafte Summen verdienen. Am Export Deutschland machen die Waffen weniger als ein Prozent (etwa 10 Milliarden €) aus. Das sage ich nicht zur Gewissensberuhigung, sondern um die Relation zu richten. Nicht nur der Waffenexport ist falsch und überflüssig, sondern auch die Waffenproduktion. So wie vor wenigen Tagen die letzte Steinkohlenzeche aus wirtschaftlichen Gründen feierlich geschlossen wurde, müsste auch in Kürze das letzte Waffenwerk aus moralischen Gründen seine Pforten schließen. Früher war alles schlechter. Und deshalb sollte Deutschland nicht nur das Sozialamt der Welt werden, sondern das weltweit erste waffenfreie und pazifistische Territorium. Das wäre eine Alternative für Deutschland! Das wäre Weihnachten! Aber das kann man nicht durch Warten, Empören oder Parteigründungen, so sinnvoll sie diesmal auch erschiene, erreichen, sondern nur dadurch, dass jeder seine Partei, seinen Bundestagsabgeordneten, jeden Politiker, jede Initiative, jede Zeitung, jede Facebook- oder Whatsappgruppe mit dieser Forderung überschüttet. Bis auf einige wenige Lobbyisten gibt es niemanden, der für Waffenexporte ist. Für Waffen gibt es viel weniger Argumente als für Steinkohle. Statt dass wir uns über Ereignisse von gestern empören, denn sie sind nicht veränderbar, sollten wir versuchen, endlich alle unsere neuen Mittel zu nutzen, um zu sagen, was wir wollen. Offensichtlich reicht es nicht, alle vier Jahre eine Partei oder eine Person zu wählen. Man muss auch wissen, was man will. Und man kann die ungeahnten neuen kommunikativen Mittel endlich für besseres nutzen, als für Fotos des Mittagessens oder von einem selbst. Wer nur sich als Botschaft hat, sollte schnellstens über sich nachdenken. Es ist nie zu spät.

2

Die Botschaft von Weihnachten ist ja die Geburt eines Kindes, dem eine große Zukunft vorausgesagt wird. Das Kind erscheint als so bedeutend, dass die Eltern fliehen müssen, weil der König einen Kindermord plant und auch tatsächlich ausführt, dass andere Könige von weither, aus dem Jemen und aus Äthiopien etwa, anreisen, um Teil einer Zukunftsoption zu werden. Das Kind ist die Alternative. Aber auch für die Kinder war früher alles schlechter. Im alten Rom wurden überzählige Babys aus dem Fenster geworfen, und noch bis 1871 durfte in Deutschland ein Vater seinen Sohn totschlagen, wenn er ihn züchtigte. Die Emanzipation des Kindes und der Kindheit gibt es erst seit dem neunzehnten Jahrhundert. Und jetzt haben wir in der reichen Hälfte der Welt wenige und in der armen Hälfte viele Kinder. Trotzdem gibt es sowohl in Kenia als auch in Deutschland Lehrermangel. Uns ist sowohl der Sinn – des Lebens wie der Kinder – verloren gegangen, wie auch die Priorität. Für die von uns merkwürdigerweise nicht so hoch geschätzten Steinzeitvölker ist Bildung kein Ressort, sondern tägliche Übung. Das Argument der Arbeitsteilung entfällt, weil wir nicht die Arbeitsteilung aufgeben müssen, um dieses Vorbild zu nutzen, sondern den sinnlosen Umweg über Regeln. Lernen ist besser als regeln. Die Schule ist in der industriellen Welt zu einer eigenständigen – und deshalb notwendigerweise kontraproduktiven Institution geworden. (Genauso wie die Kirche, die sich wundert, dass die Menschen Weihnachten zwar in die Kirche kommen, aber nichts für sich und andere mitnehmen.) Schule und Leben haben sich auseinandergelebt. Die Technische Universität Berlin, die genauso viele Nobelpreisträger hervorgebracht hat wie Harvard, liegt im Ranking der Bildungsstätten auf Platz 192, obwohl vor dem Mathematikgebäude Werner von Siemens steht.

Und auch hier geht es nicht um jammern, hadern, greinen oder rechten, sondern darum, jedem Kind, das wir kennen, ein Maximum an Bildungsoptionen zukommen zu lassen. Fangen wir morgen mit dem Kind an, das uns am nächsten und am fernsten steht. Nehmen wir einfach die Kinder in den Focus, der ihnen gebührt. Nicht den Eltern ist zu danken (denken wir an Adam Smith‘ Bäcker), sondern den Kindern, dass sie keine Kopie von uns sind, dass sie uns vom ersten Tag an neue Perspektiven geben, dass sie unser Erbe sorgsam behandeln und unsere Werke fortführen, falls sie sich nicht im abgebildeten Mittagessen erschöpfen. Der Wohlstand hat unseren Blick auf uns verkleinert, statt ihn zu erweitern. Eine arme Familie vor hundert oder vor zweihundert Jahren (als das Lied STILLE NACHT geschrieben wurde, weil die Orgel defekt war) konnte nicht anders als an sich und das Essen denken. Wir dagegen, die wir unendlich viel Zeit und kommunikative Möglichkeiten haben, rotten die letzten Elefanten, Wale und Wölfe aus, obwohl sie uns ähnlich sind, weil sie angeblich unsere Schafe fressen oder etwas haben, was wir gern hätten oder weil sie uns einfach im Weg sind, wir dagegen tun nichts gegen Waffen und für Bildung, wir dagegen sind mit uns und unserer Welt zufrieden. Und womit wir nicht zufrieden sind, dafür suchen wir Schuldige, und die sind leicht zu finden. Nicht so leicht ist es, sich selbst als den Mitschuldigen zu erkennen und jetzt, in dieser Minute sein Leben zu ändern. Das ist Weihnachten.

DIE LEHREN MEINER GROSSMUTTER

 

Nr. 324

Manchmal wünschen wir uns statt der Realität einen Albtraum. 1968 wurde der Bundespräsident in Westberlin gewählt und die Russen drohten, das mit Gewalt zu verhindern. Die Bundesrepublik war durch innere Kämpfe zerrissen. Zwanzig Jahre später war die gesamte DDR wie von einer Lähmung und einer Schweigestarre befallen. Nichts ging mehr, hätten wir die Lösung gekannt, wäre uns wohler gewesen. Wieder dreißig Jahre später ist die berühmte innere Stabilität unseres Landes auf eine harte Probe gestellt worden. Weltweit, aber vor allem in Europa herrschen plötzlich wieder rechte Trittbrettfahrer, denn keiner von ihnen hat auch nur den Zipfel einer neuen Idee. Sie haben keine Ahnung von einer Lokomotive und besitzen keine Fahrkarte. Ihr Mandat haben sie von Menschen, die einmal mehr hoffen, es könnte doch einfache Antworten geben. Das ist verständlich. Aber warum man dann Politiker wählt, die noch nicht einmal die Frage verstehen, ist himmelschreiend skurril.

Zum vielleicht dutzendsten Mal wird eine der möglichen einfachen Antworten darin gesehen, dass die Menschen eben unterschiedlich sind. Das fängt wieder bei Mann und Frau an: Genderwahn nennen die Minimalantworter den Versuch, sprachliche Gerechtigkeit in eine immer noch patriarchalische Welt zu bringen. Von den beiden Geschlechtern abweichende Menschen hat es schon immer gegeben, nur hatten sie noch nie die Chance auf Anerkennung und freies Leben. Früher, vor dem Genderwahn, wurden sie gedemütigt, geschlagen, gefoltert und getötet. Und es war nicht ein Mangel an Erkenntnis, sondern nur ein Mangel an Bekenntnis zu dem längst vorhandenen Wissen. Diese Bevorzugung des Schwarzweißdenkens, der ideologischen Fiktion (es gibt nur Mann und Frau zum Zwecke des Kindermachens) vor der Wirklichkeit ist außerdem immer als Herrschaftsinstrument gebraucht worden. Mein liebstes Beispiel von unbestimmten und unbestimmbaren, sozusagen nicht definierten Menschen sind die Dioskuren. Sie sind Zwillinge, die  in einer Nacht von zwei verschiedenen Vätern gezeugt wurden, einer war ein Gott, nämlich Zeus, der sich aber in einen Schwan verwandeln musste, um sich der potentiellen Mutter nähern zu können, und der andere war ein gewöhnlicher Mensch, nämlich der Gatte Ledas, Tyndareos. Als der sterbliche der beiden, Castor, starb, wünschte sich auch sein Halbbruder und Zwilling den Tod und die Sterblichkeit, ganz im Gegensatz zu allen anderen Menschen. Zeus belohnte diese vorbildliche Treue mit einem täglichen Wechsel zwischen den beiden Welten. Und das ist die Tatsache, die über jeder ausgedachten binären Norm steht: wir sind immer sowohl das eine als auch das andere. Niemand ist nur Mann, keiner ist deutscher als der andere, schwarz und weiß hat so viele Schattierungen, dass jede Einordnung naturwidrig wäre. Absurd ist die Definitions- und Alleinstellungssucht in der Religion, zumal die drei Monotheismen denselben Gott haben, was sie aber nur widerwillig realisieren. Einer der schönsten Sätze dazu, dessen Herkunft sich aber leider nicht mehr eruieren lässt, aber das passt zu seinem Inhalt, ist: I MET GOD. SHE’S BLACK. Verwendet hat ihn ein jüdischer Atheist* aus New York auf Postern und T-Shirts, aber er betont, dass er ihn nicht gefunden, sondern schon vorgefunden hat. Schon schreien die Fundamentalisten los. In Pakistan wäre ich schon tot. Soweit ich weiß, steht in der Bibel von Gott nur: I AM WHO I AM, noch kürzer geht es nur in türkisch: BEN BENIM (13:9 mit Leerzeichen). Ich bin, der ich bin (20) heißt doch eben nicht, dass Gott von sich glaubt, er sei der oder der oder die oder die. Es kann nur heißen, dass er für Menschen nicht definierbar, sichtbar, gestaltlich, materiell, anthropomorph ist. So wie die Menschen, wenn man sie genauer betrachtet, eben auch nicht definierbar sind. Was heißt definieren? Anhalten, denn das Gegenteil ist doch der Fall: wir sind immer in Bewegung von der Zellteilung bis zur Bewusstseinsspaltung. Selbst auf dem Friedhof sind wir, laut Shakespeares, eben nicht zur Ruhe gebettet, sondern beim Frühstück, aber nicht da, wo wir frühstücken, sondern wo wir gefrühstückt werden.

Wenn also Nation, ‚Rasse‘, Religion und dergleichen nur durch Gewalt ‚rein‘ gehalten werden können, dann können sie keine Merkmale der Identität, sondern nur ideale Definitionen sein, und die sind, wie wir gesehen haben, immer zeitweilig, also fast immer falsch.

Wenn wir uns Deutschland in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zurückvorstellen, dann ist es verständlich, dass man sich nach einer Nation sehnte, wie man sie in Frankreich vermutete, bevor man über den Unterschied von Franken und Galliern, Normannen und Römern nachgedacht hatte. Hoffmann von Fallersleben meinte mit Deutschland den Sprachraum, der damals, bevor die Nationalisten an die Macht kamen, tatsächlich von der Maas bis an die Memel reichte. Man konnte sich damals nicht vorstellen, wie schnell dieses Ideal schwinden und einem neuen Platz machen würde. Es ist absurd zu glauben, dass man auf Dauer in einer globalisierten Welt mit nationalistischen Regenten von der Sorte Trittbrettfahrer leben kann. Vielmehr wird es so kommen, dass die letzten Nationalisten gerade die Bewegung beschleunigen werden, die sie bekämpfen wollen. ‚Rasse‘ ist ein Begriff für gezüchtete Haustiere. Ganz deutlich wird der Zusammenhang, wenn man die Herkunft des Wortes ‚Mulatte‘ aus ‚Maultier‘ realisiert. Der ganze Rassismus ist eine Erfindung des Christentums zur Rechtfertigung des Sklavenhandels. Man hätte, nach christlicher, also damals in Europa vorherrschender Meinung nicht mit Sklaven handeln dürfen, wenn man sie als Menschen angesehen hätte. Also erklärte man sie zu Untermenschen. Wir nehmen bewusst das Wort, mit dem die Nationalsozialisten die Ermordung von Menschen rechtfertigte. In Wellen kommt immer wieder die Ansicht auf, dass es qualitativ verwurzelte Unterschiede zwischen den Menschen gäbe. Im Moment versuchen unverantwortliche Parteien, in Deutschland die AfD, gravierende qualitative kulturelle Unterschiede zu konstruieren, die ein Zusammenleben unmöglich machten. Jeder weiß, dass es fundamentalistische Imame, wie es auch fundamentalistische, zum Beispiel evangelikale, aber auch katholische Pfarrer gibt. Fundamentalistische Rabbiner, die es auch gibt, würden keine Rolle spielen, weil sie viel zu wenige sind, wenn sie nicht immer wieder durch unsägliche Koalitionen an der Regierungsbildung in Israel beteiligt wären.

Wo ist der kulturelle Unterschied? Überall auf der Welt, wo wir als Wanderer hinkommen, trocknet man unsere Strümpfe und bietet uns einen Tee an. Selbst wenn wir, was abscheulich zu finden unser aller Pflicht wäre, mit einem vollklimatisierten Reisebus in einem bitterarmen Dorf ankommen, weil einer unserer Mitreisenden in Not geriet, erfahren wir wunderbarerweise ein Maximum an Zuwendung, Empathie und Hilfe.**

Meine Großmutter erklärte ein schlimmes Ereignis, einen Schicksalsschlag oder einfach Unglück zu einer Prüfung wahlweise des lieben Gottes, des Schicksals oder sogar der Regierung, jedenfalls zu einer Prüfung, die wir zu bestehen hätten. Und das Leben selbst gab ihr recht: wenn nämlich das Unheil überstanden war, kamen nicht nur bessere Zeiten, sondern oft fühlte man sich auch gestärkt oder bestärkt, stärker jedenfalls als zuvor. Krankheit und Krise können die Abwehrkräfte stärken, aber in einem Krieg oder in einem Gefängnis verlieren immer alle.

*Dylan Chenfeld, 2017

**Babel, Film von Alejandro Iñarritu, 2008

POLITIK ALS MARKTGESCHREI

 

Nr. 323

‚Sahra Wagenknecht ist hochintelligent, aber in der falschen Partei.‘ Das ist ein typischer Partysatz, und ich habe ihn tatsächlich auf einer Party gehört. Es wird vielleicht später einmal als ein neues Kennzeichen der Demokratie angesehen werden, dass ein großer Teil der Politik in Talkshows stattfindet, die es live und im Fernsehen gibt, und dass Reden aus dem Bundestag millionenfach in YouTube verbreitet werden. Gleichzeitig sind diese Medien aber auch unter Generalverdacht, dass sie subjektiv sein könnten. Es ist unserer Beobachtung der letzten hundert Jahre wohl entgangen, dass Subjekte nur subjektiv handeln können, Objekte dagegen objektiv, also ohne Beachtung der Subjekte, weshalb vollautomatische Automobile moralisch bedenklich sind.

Diese mediale Komponente der Politik führt wahrscheinlich dazu, dass die rhetorisch begabten Politiker, die sich im Stimmen- und Gedankengewirr durchsetzen können, die für fähig gehalten werden. Früher redete, wer berühmt war, heute wird berühmt, wer redet. Wenn man sich heute die sicher vielen bekannte Rede Ernst Reuters vor dem Reichstag anhört (‚IHR VÖLKER DER WELT, SCHAUT AUF DIESE STADT‘), dann kommt man nicht auf die Idee, dass Reuters Stärke die Rhetorik gewesen wäre. Er schreit eigentlich emotionale Bruchstücke in die Welt hinaus. In Talkshows kommt es nicht auf den Inhalt an, sondern auf die rhetorische Stärke. Es fällt scheinbar noch nicht einmal auf, dass die Politiker immer dasselbe sagen, wichtig scheint uns Zuhörern nur, wer zum Schluss obsiegt. Die Partei, die Wagenknecht gerade spaltet, hat mit ihr schon das zweite rhetorische Großtalent hervorgebracht. Auch Gysi dominierte Talkshows und ganze Säle, er war brillant und charmant, aber nur mit dem Mund. Er hat weder als Berliner Wirtschaftssenator einen Fuß vor die Tür bekommen, noch hat er seine Partei vor Lafontaine und Wagenknecht bewahren können. Auch der Neuanfang 1990 ist gründlichst misslungen: es ging ihm nur darum, das Geld aus den Ruinen der SED zu retten, statt aus ihnen aufzuerstehn, wie es im Volkslied hieß.

Ein zweiter Politikertyp ist der Machtmensch. Als Angela Merkel, ebenfalls 1990, zum ersten Mal als Pressesprecherin des letzten DDR-Regierungschefs zu sehen war, schien es unprofessionell und unsicher, tapsig und geradezu lachhaft. Kein Mensch wäre damals auf die Idee gekommen, dass diese kleine Physikerin – sie sah auch eher wie eine Studentin aus – eine Machtmenschin wäre oder werden könnte. Sicher ist sie auch keine Feministin, aber im Gegensatz zu Margret Thatcher und Indira Gandhi ist sie die erste wirkliche Frau mit einem weiblichen Charisma, weiblichen Beraterinnen und einer ausgesprochen weiblichen Politik. Insofern hat sie für die Frauen mehr getan als alle Suffragetten und Alicen Schwarzer zusammen. Ein Großteil ihrer Politik war Wegbeißen, Aussitzen, Macht- und Rachespiel, das man früher Ranküne nannte, eines der schönen verschwundenen Wörter. Vielleicht war ihre Modernisierung der CDU nichts weiter als die Entsorgung machtgeiler inkompetenter Männer? Während dieser achtzehn Jahre Machpolitik, zunächst in der Partei, dann im Kabinett und schließlich auf dem internationalen Parkett, hat sie Erfahrungen und Kompetenzen angehäuft wie kaum ein anderer Politiker weltweit. Die wirklichen Innovationen waren dagegen eher spontan und emotional: die Abschaltung der Kernkraftwerke, die überfällige Abschaffung der Wehrpflicht, die Ehe für alle, eigentlich ein Miniminderheitenprojekt, und schließlich die Aufnahme von etwa einer Million Flüchtlinge und vor allem ihr berühmter Kommentar dazu WIR SCHAFFEN DAS. Ja, wie denn auch nicht? Ein Land, das den Sozialstaat und das Automobil – in dieser Reihenfolge -, die Schallplatte und das Asprin, das Telefon und die Kernspaltung ge- oder erfunden hat, sollte nicht mit ein paar Flüchtlingen fertig werden? Allein schon die leerstehenden Immobilien und die Steuermehreinnahmen sprachen und sprechen dafür. Aber das hat sie – vermutlich – nicht gedacht, sondern sie hat emotional entschieden, eigentlich eher wie eine Hausmutter oder Patriarchin, die die überbordende Geburtstagsparty ihres halbwüchsigen Sohnes in den Griff zu bekommen versucht: WIR SCHAFFEN DAS. Der Übername ‚Mutti‘ ist ihr dagegen von spöttischen Journalisten gegeben worden, die der Meinung waren, dass sie das eben gerade nicht ist: Mutter der Nation. ‚Mutti‘ ist auch ein typisches DDR-Wort, das nicht verschwindet.

Aber auch den dritten Typen der heutigen Politiker gibt es wirklich: den kompetenten Sachpolitiker, der weiß, was er tut. Aber er meidet das Rampenlicht. Er sitzt in keiner Talkshow und schweigt am Kabinettstisch. Mein Beispiel ist der Entwicklungshilfeminister, der noch dazu aus einer Partei stammt, deren bundespolitische Inkompetenz zum Himmel schreit. Auch landespolitisch darf man sich wundern, ob die Aufhängung falsch interpretierter Kruzifixe Einfluss auf Wahl- oder Politikergebnisse haben wird. Leider reproduzieren sich solche Typen scheinbar selbst und ganz ohne Mutter. Ganz anders Müller, der schon – keiner hat es bemerkt – im zweiten Bundeskabinett sitzt und Gute tut. Er schafft es zum Beispiel an einem Tag, drei afrikanische Länder, darunter hartgesottene Diktaturen, zu bereisen und seine Vorstellungen durchzusetzen. Neben Merkel scheint er der einzige zu sein, der die Bedeutung Afrikas für die Zukunft erkannt hat.

Typologien ändern sich. Max Weber schrieb vor hundert Jahren seinen berühmten Aufsatz (in Wirklichkeit war es eine Rede) über die damaligen Politiker. Nach ihm gibt es den durch Tradition legitimierten Politiker, damit meinte er vor allem die Monarchen, die sich damals gerade aus der Politik verabschiedeten. Der zweite von ihm benannte Typ, der damals geradezu prophetisch wirkte, war der charismatische Volksführer. Leider ist das schöne Wort Charisma durch Hitler und Goebbels, aber auch durch Stalin und Castro beschmutzt worden. Denn eigentlich verband es die Politik mit der Religion, und heute scheint es an evangelikale Prediger und Rock- oder Rapmusiker abgegeben zu sein. Macron verspielt sein Charisma, wohl eher auch einfach Charme, gerade auf den Barrikaden von Paris. Und der dritte Typ bei Max Weber ist der eigentliche heutige Politiker: der durch das Gesetz und die Wahl legitimierte Macht-, Rhetorik- oder Kompetenzmensch. Wir können und wollen nur hoffen, dass diese populistischen Zwischentypen und Inkompetenzchampions, die ihren followern vorspielen, dass es doch einfache Antworten geben könnte, bald wieder von den Bildschirmen und aus den verwirrten Köpfen verschwunden sein werden. Denn letztlich beruht dieser Populismus darauf, dass man die unflätige Sprache der Straße salonfähig zu machen versucht: ‚Vogelschiss‘, ‚Pussy‘, ‚Volksverräter‘. Aber den Migranten wird vorgeworfen, dass sie die Sprache Goethes und Schillers verhunzen würden! Dazu brauchen wir keine Flüchtlinge, das tun schon Gauland und Gesellen.

NACHHALL DES ALTERS

Nr. 322

Als weise galten die Alten, als sie noch in der Minderzahl waren. Kinder störten, solange sie in Massen auftraten und Höfe und Straßen tyrannisierten. Jetzt werden sie hier wie Prinzessinnen und Prinzen behandelt. Der Wert einer Sache steigt mit ihrer Rarheit, aber Kinder und Greise sind natürlich keine Sachen und haben keinen Wert oder Preis, sondern eine Würde[1], und zwar die gleiche. Deshalb wird in Europa seit hundert Jahren die Frage diskutiert: warum es immer weniger Kinder gibt. Da die einfache Antwort, dass mit wachsendem Wohlstand die Kinderzahl sinkt, anscheinend nicht sehr überzeugend ist, wird darüber weitgehend spekuliert. Viele Menschen sind der Meinung, dass die geringe Kinderzahl an der Regierung liegt. Man darf nicht vergessen, dass es in Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert zwei Regierungen gab, die sich in die intimsten Angelegenheiten zu mischen versuchten. Es wird, genau wie beim Autobahnbau, aber nicht das tatsächliche Ergebnis gespeichert, sondern die Legende, Antizipation, die Fiktion. Danach hat Hitler die Autobahnen erfunden und bauen lassen, damit die Arbeitslosigkeit erfolgreich bekämpft und mit dem Ehestandsdarlehen gleich noch die Kinderlosigkeit. In der Zeitung waren Frauen abgebildet, die sechs und mehr Kinder bekommen haben. Sie erhielten einen Orden. Frau Goebbels, die vorher Quandt[2] hieß, brachte am 1. Mai 1945 sechs ihrer sieben Kinder ums Leben. Wer glaubt, dass das ein Einzelfall war, fahre nach Demmin, dort haben sich einen Tag vorher 1000 Frauen mit ihren Kindern umgebracht.

Hannah Arendt, eine der schlauesten Frauen Deutschlands hat vor über fünfzig Jahren schon erkannt, dass nicht blinder Gehorsam der Tod der Demokratie ist, sondern die Unfähigkeit, Fakt und Fiktion[3] zu unterscheiden. Die Kinderzahl ist in Deutschland stetig gesunken, ganz egal, wer gerade regiert und was derjenige versprochen hat. Selbst wenn man die Zahlen nicht kennen würde, könnte man leicht schlussfolgern, dass also in Afrika nach wie vor viele Kinder geboren werden. Und da die Hälfte von ihnen Mädchen sind, ist auch die Zahl der potenziellen Mütter lange Zeit angestiegen. Es wird wenig beachtet, dass die Zahl der Hungernden durch große Anstrengungen ihrer jeweiligen Regierungen und der Vereinten Nationen kontinuierlich sinkt, wie mit ihr die Reproduktionsquote. Trotzdem wird die Bevölkerung in Afrika und einigen Ländern Asiens und Lateinamerikas noch mindestens bis 2050 wachsen. Afrika wird dann zwei Millarden Einwohner haben. Wer einmal auf die Weltkarte der Migration sieht, kann nicht zu der absurden Meinung kommen, dass die Wanderungen der Menschen von Frau Merkel initiiert seien. Frau Merkel hat, und allein das wird sie in die Geschichtsbücher bringen, in einer kritischen Stunde der Weltgeschichte Bürokratie durch Humanität ersetzt. Wählerstimmen hat es ihr schon zur Genüge gebracht.

Unter diesen Voraussetzungen wäre es gut, wenn wir jetzt schon einmal beginnen würden, über die schöne neue Welt in den nächsten Jahrzehnten nachzudenken. Es wird weiter Migration geben, wie hoch die Zäune der Betonköpfe auch sein mögen. Aber auch die Gutwilligen müssen bedenken, dass nur der gute Wille allein noch kein neues Lebens- und Weltmodell hervorbringt. Barmherzigkeit ist immer nur eine kurzfristige Lösung, wenngleich Gutes zu tun immer auch die eigene Gefühlslage verbessert. Insofern hat auch die Barmherzigkeit eine nachhaltige Komponente. Allerdings müssen wir anmerken, dass auch das Böse – die Summe aller falschen Entscheidungen – eine Selbstverstärkung hat.

Es wird nicht die eine Lösung für jedes oder gar alle komplexen Probleme der gegenwärtigen Welt geben können. Die Vorstellung von der Lösung eines Problems hat noch nie die Kollateralschäden mitgedacht. Ein traumatisches Ereignis oder eben auch eine so genannte Problemlösung trifft auf Friktionen, die aus der Physik bekannt sind und die Clausewitz als erster auf soziale Fragen angewandt hat: zwar kann man eine Kutsche ohne Pferde fahren lassen, dann hat man das Heuproblem gelöst, aber tausend neue Probleme geschaffen. Diese neuen Probleme sieht man natürlich nicht an dem Tag, wo die Erfindung aus dem Kopf auf die Straße holpert. Alle gesellschaftlichen Revolutionen waren ergebnislos und haben mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Und alle Innovationen waren keine Re-, sondern Evolutionen.

Zudem kann man nicht von jedem Ereignis einen Nutzen erwarten. Wenn sich auch manch Nutzen erst nach Generationen einstellt, so stellt sich doch nicht für alles ein Nutzen ein. Die Frage nach dem Nutzen ist also nutzlos, und wenn nicht, dann ist die Antwort wieder nur ein Aspekt von tausenden.

Wir werden also weiter damit leben müssen, dass wir immer nur nukleare Lösungsschrittchen finden können, die sich dann mittel- bis langfristig vielleicht zu einem Komplex zusammenschließen. Hier ist so ein Nukleus:

In Europa und in Japan gibt es zunehmend alte Menschen, die auf ein Weiterleben nach dem Tod hoffen. Beide geografischen Gebiete sind auch – neben vielen anderen – Ziel von Migrationsbewegungen. In menschlichen Gesellschaften erhalten die Neuankömmlinge ein Bett, einen Schrank, einen Tisch und einen monatlichen Minimalbetrag zum Überleben. Sie lernen die Sprache des neuen Landes, sie erlernen mühsam die bürokratischen Hürden zu überwinden. Dann versuchen sie langsam selbstständig zu werden. Dazu brauchen sie jetzt ein eigenes Bett, einen eigenen Schrank, einen eigenen Tisch und einen Minijob zum Überleben. Diese beiden Prozesse kann man aufeinander zudriften lassen. Die alten Menschen in den Pflegeheimen und Seniorenresidenzen, die im Gegensatz zu den Asylbewerberheimen nicht am Rande der Stadt liegen, freuen sich, wenn ihre Möbel und Gebrauchsgegenstände nicht wie üblich als Müll entsorgt, sondern in eine weitere Existenz überführt werden. Wenn der Preis der meist neumodernen Möbel auch gering war, so erhalten sie doch durch den Gebrauch einen Wert, wenn nicht eine Würde. Wie in jedem alten Sachzeugen liegt in jedem Schrank eine Geschichte verborgen. In der schönen Stadt Minden in Westfalen hatte es sich vor Jahr und Tag zugetragen[4], dass ein Flüchtling aus Syrien einen solchen Schrank geschenkt bekam. Als er ihn zuhause aufbaute, fand er ein Geheimfach, und darin lagen 30.000 €. Er berief den Familienrat ein und der beriet lang und breit, wahrscheinlich tagelang, wie viele Probleme der Großfamilie mit diesem Geld gelöst werden könnten. Man kann sich das leicht ausmalen. Jedoch machte sich ein Einwand auf den Weg: es wäre unrecht, sich das Geld anzueignen, sowohl im juristischen, moralischen als auch im religiösen Sinne. Aber was ist nicht alles unrecht, was auch den Flüchtlingen hierzulande widerfährt, mag ein Gegenargument versucht worden sein. Endlich aber setzte sich das Gute durch, wir wissen, es fühlt sich gut an, Gutes zu tun, und der Mann ging mit dem Bündel Geld zur Polizei. Der Polizist sagte: Ich bin seit dreißig Jahren Polizist, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Es wurde die Familie ermittelt, der der Schrank gehört hatte. Sie berief den Familienrat ein, der beriet lang und breit, was zu tun sei. Man kann, so wurde gesagt, Flüchtlingen, überhaupt Transferleistungsbeziehern nicht einfach Geld schenken, ohne dass ihnen der Gegenwert von ihren Bezügen gekürzt wird. Man beschloss, dem ehrlichen Finder die Fahrschule zu bezahlen, die eine besondere finanzielle Hürde darstellt, wenn man gerade soviel Geld hat, um nicht zu hungern. Wir hoffen für die deutsche Familie, dass sie es nicht bei der Fahrschule beließ.

Nicht in jedem Schrank stecken tausende Euros, wohl aber Geschichten, Erinnerungen, Wertvorstellungen und Werte. Wenn auf der einen Seite jemand, der am Leben hängt, auch die materiellen Lebenszeichen würdigt, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich diese Sympathie in Empathie des neuen Besitzers verwandelt. Es ist sogar denkbar, dass diese Art von Metamorphose und Metempsychose[5] sich zu einem allgemeinen Altruismus verwandelt. Denn andersherum gefragt: woher kommt der Altruismus und wie hat er es geschafft, all die bösen Zeiten zu überstehen?  Nach einem Zeitalter der Verschwendung, Zerstörung und des egoistischen Individualismus, in den alten Schriften auch Geiz, Neid und Missgunst genannt, werden wir ohne Zweifel in eine Epoche der Nachhaltigkeit und Empathie eintreten.

[1] „Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde.“  Immanuel Kant, Grundlegung zu einer Metaphysik der Sitten, 1785

dort auch: „Es ist nichts in der Welt, ja überhaupt auch außerhalb derselben, was ohne Einschränkung für gut gehalten werden könnte, als allein ein guter Wille.“

[2] Quandt = BMW

[3] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 1951

[4] nach einer wahren Geschichte

[5] Seelenwanderung