JEDE KETCHUPFLASCHE HAT EINEN NAMEN…

 

 

Nr. 329

 

Über ‚CAPERNAUM‘ von Nadine Labaki

 

…und ein Herstellungs- und ein Verfallsdatum, nur illegale Flüchtlinge nicht, sagt der Menschenhändler auf einem Beiruter Markt, der zum Schein und zur Geldwäsche einen Marktstand betreibt und den Menschenfreund spielt. Der Film wiederum spielt mit der Realität. Die Slums von Beirut kommen dem Zuschauer wie in einem Dokumentarfilm ganz nahe. Und deshalb wirkt der unglaublichste fiktive Fakt ebenfalls realistisch: dass der kleine Zain seine Eltern verklagt, so wie alle Kinder in den Slums und auf den Flüchtlingsbooten uns, die Erwachsenen dieser Zeit, verklagen müssten, weil wir der Verantwortung, die wir uns entweder durch sie, die Kinder, oder durch unser luxuriöses Leben auf geladen haben, nicht gerecht werden. Aber auch die Eltern des ungeheuer starken Zain sind Opfer ihrer Unbildung, ihrer Abhängigkeit, ihrer Mutlosigkeit und ihres Fatalismus. Dieses ganze Leben handelt nur von Müll und Leid. Alle Gegenstände, die man sieht, stammen aus und kommen wieder in den Müll. Nichts ist etwas wert. Es gibt keine Werte. Und da das Leben ebenso wenig wert ist, ist die zweite Komponente, das Leid, noch stärker als der Müll. Und trotzdem geht es um Fürsorge und Zuversicht.

Kapernaum – in verschiedenen Schreibweisen – ist sowohl eine biblische als auch eine historische Stadt. Yesus hat mehrfach in ihr gelebt und gelehrt, allerdings nicht in der vor hundertfünfzig Jahren ausgegrabenen Synagoge, sondern in ihrem Vorgängerbau. Mehrere seiner Jünger stammten von hier. Einst wurde Yesus von einem römischen Hauptmann gebeten, dessen Knecht zu heilen. Und da er nicht glaubte, dass Yesus dafür in sein Haus kommen musste, das der Hauptmann als zu klein und niedrig empfand, wurde er von Yesus vor dem versammelten Volk für seinen Glauben gelobt. Kapernaum versank 746 in einem Erdbeben in der Wüste. Vielleicht hat es dann so ausgesehen, wie die Slums von Beirut heute. Der Glaube des Hauptmanns an Heilung und seine Fürsorge ließen ihn zum allgegenwärtigen und noch verständlichen Symbol werden.

Der erste Mensch, um den sich der schon mit der Arbeit im Laden des Vermieters überforderte Zain kümmert, ist seine Schwester Sahar. Sie mag die Lakritze des Vermieters uns Arbeitgebers Assad, aber Zain ahnt, dass sie an ihn verkauft werden soll. Was er nicht ahnt, ist, dass er sie nie wiedersehen wird. Erst als er den Kampf um seine Lieblingsschwester verliert, verlässt er die Bretterbude ohne Betten und ohne Liebe. Die schöne Äthiopierin Rahil, die so gerne Tigest hieße und für gefälschte Papiere spart, vertraut ihm ihren kleinen, nirgendwo registrierten Sohn Yonas an, um den er sich bis zur Verzweiflung sorgt. Zain ist ein ungeheuer durchsetzungsfähiger Junge. Er besorgt ein Skateboard, auf das er einen Topf montiert, in dem er den ungeheuer folgsamen hochempathischen kleinen Yonas durch die Slums und Märkte navigiert. Ein syrisches Flüchtlingsmädchen gibt ihm marktwirtschaftliche Tipps und vor allem eine Zukunftsperspektive: in Schweden, sagt sie, haben die Kinder eigene Zimmer, wo die Erwachsenen anklopfen müssen. Zain verkauft zunächst den Hausrat, der im Gegensatz zu dem seiner Eltern, wenigstens verwertbarer Müll ist. Leider verkauft er auch wieder das aus Schmerztabletten gewonnene Rauschwasser, was ihn der Gewalt der Halbstarken unterliegen lässt. Man vergisst, wie der Richter in der Rahmenhandlung, ständig das Alter des kleinen Zain.

Die ganze Zeit überlegt man als Beiwohner dieser Tragödie, die aber immer wieder durch das Lächeln des Schützlings Yonas aufgehellt wird, den Zain wider allen Anschein stets als seinen Bruder ausgibt, welches Leid das größte ist: der Verlust der Schwester, das Aufbegehren gegen die verantwortungslosen Eltern, die Überforderung mit Yonas, die Verhaftung von Rahil, der Mutter des Yonas, der Verlust des Geldes, der endliche Verkauf des Yonas an den Menschenhändler, der Mordversuch an Assad, der für den Tod der Schwester verantwortlich ist, das Gefängnis in Beirut, die Zeugenaussage der Eltern vor Gericht. Es ist eine Kette von Leid und Müll und Tod.

Im Gefängnis, dessen Zustände für uns nicht erzählbar sind, tritt eine christliche Gruppe auf, die hilflos, geradezu albern wirkt, aber als sie eine christliche Schnulze singt, wirkt plötzlich die Kraft der Musik. Nach der Liebe ist die Kunst die zweite große Kraft. Die Musik des Films – von Khaled Mouzanar, das ist der Ehemann von Nadine Labaki – ist eine bezaubernde Mischung aus orientalischem und elektronischem Mirakel. Man vergisst sie streckenweise, genauso wie man vergisst, dass man nicht in einem Dokumentarfilm sitzt.

‚Capernaum‘ erzählt eine große Geschichte mit großen Mitteln. Die Unmittelbarkeit erinnert an Iñarritus ‚BABEL‘, aber es geht um etwas anders. Es geht darum, dass wir übersehen, dass in dem Müll und Leid und Tod der Slums der großen Städte, die nach dem Vorbild der europäischen und nordamerikanischen großen Städte gewachsen sind, nur dass in ihnen statt Industrie nichts als falsche Hoffnung blüht, dass in diesen Slums die Grundwerte der Menschheit weiter gültig blieben, entgegen dem Anschein, der einerseits durch Menschenhändler und andere Kriminelle, andererseits durch den repressiven Staat entsteht. Der Staat ist aber gleichzeitig auch der Bewahrer ebendieser Werte. Ein pensionierter Richter, der in der Spencer-Tracy-gleichen Rolle (‚Das Urteil von Nürnberg‘) die Hilflosigkeit des Staates, der Gesellschaft und ihrer Institutionen, aber auch ihre Funktion als Korrektiv und Katalysator zeigt. Nadine Labaki, die Filmemacherin, spielt sich selbst, sie ist die Anwältin, die zu einer Nebenrolle verdammt ist.

Tolstoi schon stellte die Frage, was aus dem Intelligenz- und Moralpotential all der Menschen wird, die nicht in die von ihm gegründete Schule gehen konnten. Wir müssen uns fragen, warum wir die Kraft dieser Kinder aus dem Müll vergeuden, statt sie zu schützen und zu nützen. Die Zukunft der Menschheit wird nicht Industrie mit Menschenhand sein. Damit die großen Städte, die anscheinend nicht verhinderbar sind, zu Städten der Hoffnung werden, brauchen wir verschenkbare Bildung, nicht verschenkte. Die trostlosen Eltern der Kinderschar in diesem Film überlegen kurz, ob sie dem Wunsch Zains nicht nachgeben sollten und ihn zur Schule schicken. Ihr einziges Motiv ist aber, dass er dort kostenlose Schulkleidung und Lebensmittel bekommt. Den Wert bedruckten Papiers können sie nicht erkennen, weil sie es weder haben, noch lesen könnten, wenn sie es hätten.

Libanon ist ein religiös und politisch zerrissenes Land. Aber schon in der Antike hatte es eine Scharnierfunktion zwischen Orient und Okzident. Es hat großartige Dichter hervorgebracht, die hierzulande niemand kennt. Labaki lässt einige ihrer Protagonisten so sprechen, wie unser Klischee von Dichtung im Orient geht. Aber vielleicht ist das gerade der Realismus?

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DAS PARADOX DER NÄCHSTENLIEBE

 

Nr. 328

Wer einem Menschen oder einem Tier oder einer Pflanze etwas Gutes tut, muss damit leben, dass die Welt dadurch besser wird, obwohl er oder sie das gar nicht gewollt hat. Das gleiche gilt leider auch für das Böse, das aber wunderbarerweise niemals dauerhaft gewinnt. Mit dem Guten ist es so wie mit dem Bäcker von Adam Smith: obwohl er bäckt, damit er satt wird, werden auch wir satt. Trotzdem steckt in diesem Vorgang Planung, Arbeit, Mühe und Zuversicht. Nicht jeder Bäcker wird reich. Insgesamt geht von der Tätigkeit der Bäcker und Dönerläden ein Grundvertrauen aus, dass wir nicht verhungern können. Uns scheint es so, als dass eine unsichtbare Hand, auch dies eine Metapher von Adam Smith, dafür sorgt, dass wir nicht nur nicht verhungern, sondern an Döner und Croissants unser Wohlgefallen haben. Der Staatsrechtler Georg Jellinek, dessen Bruder übrigens einem urdeutschen Symbol den Namen gab: Mercedes, nannte dies die normative Kraft des Faktischen. Wir tun wiederholt  etwas, und dann erscheint es uns als Norm. Das ist leicht zu verstehen.

Aber was machen wir mit dem Bösen oder mit den Bösen? Die platteste Lösung ist eine Losung, die oft an Wände geschrieben wird und wie ein Menetekel wirkt: NAZIS RAUS. Das hört sich gut an, ist aber nicht nur falsch, sondern eine Nazilösung. Denn der Faschismus beruht auf Segregation und auf dem Glauben an Segregation. Eine bestimmte Menschengruppe, so will der Segregationsglaube glauben machen, ist schuld am Elend. Diese Menschengruppe befindet sich wahlweise außen oder sie ist zwar innen, aber fremd. Und so funktioniert auch der Graffitospruch NAZS RAUS. Er unterstellt, dass die Nazis andere Menschen sind, die man wegschicken, im schlimmsten Fall internieren kann. Tatsächlich sind die Nazis aber unsere Kinder, Eltern, Brüder, Schwestern, Nachbarn. Man kann sich Menschen nicht aussuchen. Natürlich kann nicht jeder Mensch mit allen seinen Mitmenschen gut klarkommen, aber wenn man vorn vornherein ganze Gruppen ausschließt, dann kann das nicht gut sein.

Die zweite Lösung, die oft angeboten wird, ist das von Karl Popper stammende Paradoxon der Toleranz. Das wird oft so verstanden, dass man gegen Intoleranten letztlich nicht mehr tolerant sein kann, weil sie die Basis der Toleranz zerstören wollen. Dieser Vorschlag unterstellt, ebenso wie jede Segregation, dass die Grenzen zwischen den Menschengruppen starr und unveränderbar sind, was selbst bei der Hautfarbe, aber ganz offensichtlich bei politischen Ansichten nicht stimmt. Popper meinte übrigens, dass sein Paradoxon nur dann griffe, wenn es keine Argumente mehr gäbe. Wer zum Molotowcocktail statt zum Wort greift, für den gilt selbstverständlich das Strafgesetzbuch als Minimum der Ethik, wie es Georg Jellinek formulierte. Würden wir also die heute Intoleranten aufgeben, so hätten wir und sie keine Chance, sie in das Lager der Toleranten hinüberzuziehen.

Vor ein paar Tagen hatte einer dieser Schlaumeier neunzigsten Geburtstag und sein Satz ‚Optimismus ist nur ein Mangel an Information‘ geisterte durch das Netz. Wenn Optimismus Mangel an Information ist, dann ist Pessimismus aber offensichtlicher Mangel an Glauben, Mut, Zuversicht, Realismus (denn da niemand in die Zukunft sehen kann, muss man auch für morgen nicht mehr befürchten als für gestern), Poesie, Solidarität, Menschenkenntnis, Geschichtsbewusstsein, Charisma, Fiktion und Magie. Ohne Information kann man leben, wenn auch vielleicht nicht die Welt verbessern, aber nicht ohne Zuversicht.

Nicht jeder Mensch wird zu jedem Zeitpunkt tolerant und optimistisch sein können. Aber aus diesem menschlichen Makel (Philip Roth) kann man keine Theorie gewinnen, dieser Fakt sollte nicht willkürlich zur Norm erhoben werden. Der Makel ist ja – im Gegenteil – nur ein Merkmal unter vielen, auf den sich der Mensch selbst gern fokussiert und auf den er gern von anderen fokussiert wird. So gesehen ist Intoleranz immer ein Mangel an Zuversicht, die aber, im Gegenteil zu Informationen, nicht immer leicht zu beschaffen ist. Das Leben ist nicht so rational, wie wir es uns wünschen. Demzufolge ist es auch nicht so leicht änderbar, wie uns manchmal scheinen will. Aber es ist auch nicht unveränderbar. Man muss nicht alles so hinnehmen, wie es gegeben wird. Das Leben unserer westlich-nördlichen Gesellschaften ist in den letzten zweihundert Jahren immer mehr in die Richtung von Wohlstand, Demokratie, Freiheit, Zufriedenheit gegangen. Trotzdem kann jeder einzelne Faktor immer wieder in die Krise geraten. Je ärmer die Menschen waren, desto sicherer konnten sie davon ausgehen, dass es sich nicht so schnell verändern wird. Je reicher die Menschen sind, desto mehr Unsicherheit akkumuliert und setzt sich wie Schimmel auf das Geld im Keller. Die hysterische Angst vor dem Verlust des Bargelds ist die Angst vor dem Verlust des Wohlstands. Das Organ oder das Attribut der Angst ist die Intoleranz. Es schwindet scheinbar nicht nur der Glaube an Gott, sondern mit ihm auch der Glaube an die Solidarität. Aber wer will übrigens wissen, woran wir nördlich-westlichen Menschen glauben? Und wer weiß, woran die südlich-östlichen Menschen glauben? Wenn all die Befürchtungen über verloren gegangene Werte stimmen würden, müsste das Leben deutlich schlechter werden. Aber es wird, zum Glück für uns alle und auch durch unsere kollektiven Anstrengungen, leichter und schöner.

Würden wir uns Wale, Wölfe und Elefanten, statt sie zu töten oder jedenfalls töten zu wollen, genauer ansehen, dann wüssten wir, woher unsere Empathie stammt. Sie ist das Fundament jeglichen Zusammenlebens, und Leben ist immer Zusammenleben. Zusammenleben ist immer Makel, Böses, Gutes, Empathie, Nächstenliebe, Paradox der Nächstenliebe. Dieses Zusammenleben geht nur mit Toleranz, man muss sich aushalten, wir können uns nicht gegenseitig aussuchen oder gar ausschließen. Auch Eremiten konnten nur überleben, weil sie toleriert wurden.

RACHE MIT REINHEITSGEBOT

Nr. 327

Um ein einziges WARUM zu beantworten, schreibt Schiller, brauchte man die gesamte Weltgeschichte. Das ist vom einzelnen zu viel verlangt. Wie wäre es, wenn wir stattdessen wenigstens das zwanzigste Jahrhundert im Auge behielten? Alle Versuche nach Reinheit, Rache und Autarkie sind kläglich gescheitert. Aber ein Teil der Menschheit glaubt weder an das Scheitern, obwohl es offensichtlich vor uns ausgebreitet daliegt, noch an den Gegenentwurf, der auch gerade in diesem schrecklichen Jahrhundert großen Auftrieb erhielt. Sozialromantiker gelten immer noch nicht als realistische Option, obwohl sie mehr und vor allem bessere Wirklichkeiten geschaffen haben als alle Ordnungsfanatiker zusammen.

Wenn man mehr landwirtschaftliche Produkte ernten will, hat man zwei fundamentale Möglichkeiten: entweder man erweitert die Fläche oder man verbessert die Bodenqualität. So erschien es auch den Staaten bis zum ersten Weltkrieg. Als Deutschland mit der Erweiterungsoption scheiterte, griff die von zwei – wie man damals linksseitig sagte – kapitalistischen Hyänen ausgedachte Variante: mehr und besser produzieren und der eigenen Bevölkerung so viel Geld bezahlen, dass sie am Wohlstand partizipieren kann. Zwischen den beiden unsinnigen und höchst überflüssigen Kriegen zogen verlachte, aber yesusähnliche Wanderprediger* durch Europa, die vom einfachen Leben und von Nachhaltigkeit schwärmten, und die uns, wenn wir auf sie gehört hätten, den zweiten Weltkrieg und die Wegwerfgesellschaft erspart hätten. Nach dem noch verheerenderen zweiten Weltkrieg fand der stellvertretende US-amerikanische Finanzminister George C. Marshall die nachhaltige Variante, den ehemaligen und durchaus bösartigen Feind statt durch Rache zu zerstören, beim Wiederaufstehen zu helfen, eine Lösung, die aus der Bibel sein könnte. In Indien siegte, fast unbemerkt in der so genannten zivilisierten Welt, die Zivilisation: Mahatma Gandhi hatte Tolstoi, den man als einen Gipfelpunkt der Sozialromantik ansehen kann, gelesen und auf eine faszinierende orientalisch- dramatische und gleichzeitig indisch-weisheitliche Weise verwirklicht. Er hatte eine Million freiheitsliebende Inder auf die Gleise und gleichzeitig die Frage gestellt, ob der britische Lokführer den menschenverachtenden Befehl seiner ordnungsfanatischen Macht befolgend weiterfahren oder aber auf den Ruf seines menschlichen Herzens hören und anhalten würde. Jeder weiß, wie es ausging, aber wir haben es sozusagen noch nicht auf die eiserne Tafel der ewigen Guttaten geschrieben: Eine Ordnung ist immer von Menschen gemacht und deshalb zeitweilig. Wer eine Ordnung verteidigt und sich dabei auf Gott oder die Natur beruft, ist falsch beraten. Allein das Wort Evolution sagt schon alles, aber Vorsicht, auch die Evolutionstheorie ist nur ein Gedankengebäude. Dass also das Gute ohne Gewalt durchsetzbar ist, zeigte sich in der Verdrängung der imperialen Macht Großbritannien aus Indien, das demnächst eine größere Volkswirtschaft haben wird als sein ehemaliges Mutterland. Mutterland ist ein Euphemismus. Aber auch im Land gab es zur göttlichen oder natürlichen Ordnung erklärte Ungleichheiten. Wir haben es schon mehrfach betont: der Rassismus wurde nur erfunden, um den seit 1444 wachsenden Sklavenhandel mit dem Christentum kompatibel zu machen. Trotzdem glaubten in Montgomery in Alabama sowohl der Bürgermeister als auch der Busunternehmer, dass es eine menschliche Rangordnung gäbe. Als Rosa Parks, eine zierliche Frau mit Brille, auf dem für hellhäutige Menschen reservierten Platz regelwidrig sitzenblieb, glaubten sie, dass die Weltordnung mit der Polizei schnell wieder herstellbar sei. Eine Ordnung, die sich einerseits für richtig und ewig hält, andererseits aber mit Tränengas und Wasserwerfern durchgesetzt werden muss, scheint mir brüchiger als brüchig und falscher als falsch. Das Ideal, das auch dem nächsten Sozialromantiker vorschwebte, und das in jeder Demokratie verwirklicht wird, ist natürlich, dass jeder freiwillig und ohne Strafen an dem teilnehmen kann und auch tatsächlich teilnimmt, was allen und damit ihm und ihr dient, der Gesellschaftsvertrag eben. Konservativ sein ist die eine Sache. Wenn man aber die alte Ordnung, vor dem Gesellschaftsvertrag und vor der Abschaffung des Rassismus und der Eroberungskriege, wiederherstellen will, dann ist das restaurativ. Die schwerste Erkenntnis für alle Menschen, gleichgültig was sie sonst denken und tun, ist wohl, dass etwas vorbei ist. Es nützt nichts, sich darüber zu grämen, was vorbei ist, ist vorbei, dem kann man weder helfen noch aufhelfen.

Bis zu diesem Punkt gehen durchaus sehr viele Menschen mit. Niemand will Gewalt, sagen sie, da hast du recht, sagen sie, niemandem hilft sie, sie ist hässlich, erfolglos und böse. Aber, sagen diese Menschen, es gibt Ausnahmen. Es gibt Feinde mit einer qualitativ anderen Kultur. Es könnte einen Angriff auf meine Familie geben, soll ich dann wehrlos zusehen? Politiker sprechen sogar von einer wehrhaften Demokratie. Ein grüner Spitzenpolitiker sagte neulich, in einem konkreten Fall müsse der Rechtsstaat mit seiner gesamten Härte zuschlagen. Die Rechten, ob nun konservativ oder restaurativ, meinen dagegen, dass der Rechtsstaat zu milde sei. Der Rechtsstaat ist weder hart noch milde. Er gibt uns nur die Möglichkeit, jedem Unrecht mit richterlicher Hilfe nachgehen zu können. Gerechtigkeit ist keine Tatsache, sondern ein Heilsversprechen und ein Trost. Nur durch den Rechtsstaat kann man Rache, die stets das Leid vergrößert, umgehen. Dass man trotzdem an Rache denkt und vielleicht sogar glaubt, ist ein Relikt der Steinzeit. Als Probe für die Wehrhaftigkeit und auf der anderen Seite für die hilflose Dummheit der Pazifisten wird gern der Vergleich von Yesus aus dem Matthäus-Evangelium genommen, dass man, statt zurückzuschlagen, dem Angreifer die andere Wange hinhalten soll. In der Diktatur, in der ich aufgewachsen bin, wurde dieses Zitat sogar als Beweis für die Unfähigkeit des Christentums, soziale Probleme zu lösen, missbraucht. Doch die Unfähigkeit des Christentums besteht gerade darin, die Kraft dieses Satzes und der Feindesliebe nicht erkannt zu haben. Wenn man die Stärke hat, seine Feinde zu lieben, hat man keine Feinde und braucht man keine Stärke mehr. Aber das ist natürlich schwer. Zu fragen, wie wörtlich man solche Metaphern nehmen soll, ist geradezu infantil. Statt also auf die Kraft dieser Sätze zu vertrauen und solche charismatischen Führer wie Tolstoi**, Gandhi, Schweitzer, Luther King zu fördern, hat man sich lieber in die düstere und verstaubte Ecke als Staatskirche verzogen und als Dank die Waffen gesegnet.

Obwohl das alles ganz klar aussieht und mit Händen zu greifen ist, hält die Menschheit auf ihrer Migration durch das Leben immer wieder inne und fragt sich, ob es nicht doch besser wäre, mit ewigen Regeln unterzugehen statt den beschwerlichen Weg des ewigen Lernens zu suchen.

*zum Beispiel Gusto Gräser aus Siebenbürgen

**Tolstoi, der christlichste unten den großen Dichtern, wurde exkommuniziert