FLUCHT AUS DEM SEMANTISCHEN GEFÄNGNIS

Nr. 334

Immer noch nicht vergessen ist die Zeit, in der wir Menschen in monistischen Verhältnissen lebten: der Gutsbesitzer war gleichzeitig Arbeitgeber, Richter, Entjungferer unserer zukünftigen Frau* und Patron der Kirche, in die wir bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit großer Regelmäßigkeit gingen, in der wir getauft, konfirmiert, verheiratet und in die Grube geschickt wurden. Vergessen ist, dass dieses Leben mit einem großen repressiven Aufwand seitens der Eliten ermöglicht wurde. Selbst der Familienvater, der gleichzeitig Opfer und unterster Delegat staatlich-kirchlicher Macht war, konnte seinen renitenten Sohn unter dem Schutz des Gesetzes totschlagen. In Armee, Kirche und Zuchthäusern wurde ebenfalls schlimmstenfalls bis zum Tod geprügelt. Die Menschen wehrten sich nicht oder nur selten, weil ein winziger Teil der Macht bis in die Familie hinein delegiert worden war, weil also die Ächtung bis hinein in den intimen, sensiblen Teil des Lebens wirkte. Der Preis für die monistische Ordnung war hoch. Seit der Aufklärung wird die repressive Durchsetzung der Ordnung schrittweise durch Liebe, Bildung und Demokratie ersetzt. Das war leicht, solange die Erinnerung an die vergangenen – also möglichen – Strafen noch hellwach war. Ein heutiger Steuerbescheid oder die Rechtshilfebelehrung auf einer Ordnungswidrigkeitenfeststellung benutzt dieselbe Sprache, in der einst drastische Strafen bis hin zum Tode verkündet worden waren. Die Elitensprache ist für weite Teile der Bevölkerung nur als Strafensprache erkennbar, selbst wenn sie sich mit der Sprache der Aufklärung kreuzt. So hört man nicht selten, dass Eltern ihre Kinder auffordern, etwas ‚vernünftig‘ zu machen, wenn sie ordentlich oder mit Schadensbegrenzung meinen. Die Vernunft ist also als Begriff bis ganz nach unten gesickert, muss aber dort für Ordnung und Durchsetzung stehen. Die Elitensprache der Gelehrten dagegen drang immer nur über Lehrer vermittelt, also auch stark zeitverzögert ins allgemeine Bewusstsein. So wird Darwin zum Beispiel bis heute nicht selbst gelesen, sondern es ist das am bekanntesten, was gar nicht von ihm ist: surviving of the fittest**. Im Austausch zwischen Wahrheit und Evidenz hat sich letztere wieder einmal durchgesetzt. Wir glauben jetzt zu wissen, was wir schon vorher geglaubt haben.

Dieses Gefangensein in einer Herrschaftssprache wird besonders deutlich in der auch heute noch üblichen Übernahme der Bürokratensprache. Bei der notwendigen Auswahl gleichrangiger Paragrafen einer Verordnung macht das Wort ‚beziehungsweise‘ Sinn. Im täglichen Leben reicht ‚oder‘, aber der Reiz der Partizipation an der Macht oder wenigstens an der Bürokratie ist zu groß, als dass man ihm widerstehen könnte. Die Demokratie hat also die sprachliche Observanz des Repressionszeitalters übernommen. Das kann man am besten an solchen Figuren zeigen, die beiden Zeitaltern angehörten, Adenauer, de Gaulle und Churchill, sie waren Patriarchen in der heraufkommenden Demokratie. Die Spiegelaffäre Adenauers trug stark autoritäre Züge, der Algerienkrieg war ein eindeutiges Relikt der Kolonialepoche, die ihrerseits der komprimierteste Ausdruck von oktroyierter Ordnung war. Für diese krassen Auswüchse des Autoritarismus musste extra das Christentum mit seiner humanistischen Botschaft ausgeschaltet werden.

Die Ausbreitung von fast omnipotenten Kommunikationsmitteln, die jeder und jedem auf der ganzen Welt verfügbar sind, hat nun dazu geführt, dass eine große Menge von Menschen den Boden der gemeinsamen Sprache verlässt. Statt einer überholten Herrschaftssprache wird nun die Sprache der Straße auf politische und allgemeinmenschliche Verhältnisse angewandt. Nun rächt sich, dass die Grundlagen der Liebe, Bildung und Demokratie nicht genügend verbreitet wurden. Zugunsten eines – für die Arbeitswelt ebenfalls notwendigen – mathematisch, naturwissenschaftlichen und ingenieursmäßigen Weltbildes wurde es vernachlässigt, die Notwendigkeit und die Herausbildung der Demokratie in Argumentationsketten von Kant, Rousseau und hannah Arendt zu studieren, unser Verhältnis zur Natur mit Darwin und Konrad Lorenz zu begründen und empathisches Verhalten nicht nur in der Familie zu fördern. So wird in der Schule – jetzt kommt ein triviales Beispiel – nicht nur der Abschreiber bestraft, sondern auch oft derjenige, der abschreiben ließ. Beides ist falsch. Hilfe und Solidarität ist immer ein übergeordnetes Verhalten, dessen Bestrafung den Bestrafer bestraft und seine Autorität zurecht untergräbt. Aber auch das Abschreiben selbst ist nur eine Sonderform des allgemeinen Kopierverhaltens, das auch nicht nur negativ zu sehen ist. Die Kopierfähigkeit von Kunst führte nicht nur zur Kunstpostkarte, sondern auch dazu, dass Musik die allgemeinste und allgegenwärtige Kommunikationsform wurde. Sie hat alle Religionen und Ideologien in den Schatten verwiesen. Dicht gefolgt ist sie von der Literatur in Form von Filmen oder Movies. Beides wird auch von einer Vielzahl von Menschen nicht nur konsumiert, sondern auch selbst gemacht. Wenn wir ganz kurz in unsere gedachte Dorfkirche zurückspringen, so konnten die damaligen Menschen nur konsumieren: die vorgegebene Musik, das zum Herrschaftswort umformatierte Narrativ des Christentums und die Herrschaft selbst, die in der Patronatsloge auch oft anwesend war und sich selbst und den Staat repräsentierte.

Durch den Computer und vor allem durch das Smartphone gelang es der übergroßen Mehrheit der Menschen, dem Gefängnis der Herrschaftssprache zu entkommen. Die Flucht führte keineswegs in Nichts oder in das Vakuum. Versatzstücke der neuen Sprache stammen vor allem aus Filmen und Texten der Musik. Fast ganz unbeachtet ist ein neues Genre der Kunst heraufgezogen, das über eine ganze Generation zu herrschen scheint: Rap. Aus dieser neuen halbaktiven Sprache und Sprachverwendung erwächst die Verachtung der Herrschaftssprache, die aber gleichzeitig die Demokratie mit ausschüttet. Die Elitenverachtung, die in den USA immer mehr als in Europa vorhanden war, hat endlich eine Ausdrucksmöglichkeit gefunden.

Das Ende des kalten Krieges war also nicht der Epochenbruch, sondern die Digitalisierung ist es. Gleichzeitig aber tritt der Mensch deutlich aus dem Arbeitsprozess heraus, bei gleichzeitiger ebenso deutlicher Zunahme der seiner Konsumtion. Alles das ist seit dem zweiten und letzten Weltkrieg immer weltweit zu denken. Die Menschen im Rest der Welt sind keine unmündigen Arbeitssklaven mehr, wie man an den soeben verschobenen Wahlen in Nigeria gut sehen kann. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte wird ein Epochenbruch nicht durch gläubiges oder erstauntes Murmeln, sondern durch Milliarden Kommentare begleitet. Wahrscheinlich sind 99% dieser Kommentare unbrauchbar, aber das war früher, als es noch viel weniger Kommentare gab, auch nicht anders. Wir haben nicht nur das Gesetz der großen Zahl entdeckt, was nur der nüchterne mathematische Ausdruck für mehrere Wunder der Natur ist, sondern wir leben in einer Welt der Megazahlen. Wir sollten immer wieder versuchen, uns den Unsinn oder sogar Antisinn dieser unserer Welt vorzustellen: es gibt täglich eine Milliarde oft sinnloser  Kommentare und es gibt jeden Tag eine Milliarde vollgekackter Plastikwindeln, deren Entsorgung uns bisher vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellt. Epochenumbruch. Ausgerechnet der Sprüchedichter eines Ölgroßkonzerns, nämlich ESSO, hat den Text vorgegeben, den wir statt aller Beschimpfungen, Empörungen und Besserwissereien jeden Tag einmal posten und dann auch beherzigen sollten: ES GIBT VIEL ZU TUN, PACKEN WIRS AN.

*aus Sicht der Frau überließ also ihr zukünftiger Mann der Macht die Hegemonie über die Liebe

**im Einvernehmen von Herbert Spencer als Metapher übernommen

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