HEGEMONIE

Nr. 336

 

Hegemonie scheint vielen Menschen ein genauso natürliches Verhältnis zu sein wie Hierarchie. Nur allzugern wurde die falsche Theorie von den natürlichen Alphatieren aufgenommen, obwohl ihr Autor selbst ihr widersprach. Wir verstehen, was wir gern so sehen wollen, deshalb haben wir diese Reihe auch mit dem semantischen Gefängnis begonnen, in dem wir uns alle befinden.

Neben der Sprache unserer Großeltern ist aber auch der Glaube an überlieferte Strukturen in uns als unerschütterliches Fundament eingegraben. Diese Strukturen überleben, weil sie sich auch bewährt haben. Wie immer wird der Misserfolg einfach ausgeblendet. Seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde in beiden deutschen Teilländern die Abschaffung der Prügelstrafe, im Osten eher als im Westen, diskutiert. Als ein Argument für die Prügelstrafe wurde immer wieder gesagt, dass es ihnen, den vorhergehenden Generationen, auch nicht geschadet hätte. Zwei Weltkriege, sichtbare Trümmer der autoritären Gesellschaft wurden verdrängt, weil man sich nicht vorstellen konnte, dass Autorität anders als mit Strafe oder gar Prügel entstehen kann. Ähnlich wurde bei der Abschaffung der Todesstrafe, diesmal umgekehrt, erst im Westen und erst spät im Osten, argumentiert. Wir können uns die neue Ordnung, selbst wenn sie die bessere, menschlichere, moralischere ist, nicht vorstellen. Wir glauben lieber, manchmal noch jahrzehntelang, dass es eigentlich nur mit der alten Ordnung geht.

Völkerbund und UNO waren und sind die beiden Versuche, die Lösung internationaler Konflikte ohne Hegemonie, ohne Androhung militärischer Gewalt anzugehen. Nach wie vor gibt es Gebiete, die schwer befriedbar sind, deren Konfliktpotential sich rationaler Bewertung eher zu entziehen scheint, wie etwa der Nahe Osten oder Kongo. Dass es auch ausgerechnet die Führungsnationen der westlichen Demokratien waren, die den Grundsatz nichthegemonialer Lösungsversuche immer wieder durchbrachen, ist tragisch, spricht aber nicht gegen den nichthegemonialen Grundsatz. Der britische Indienkonflikt, so heftig und falsch er auch war, endete letztlich friedlich. Indien ist das mit Abstand größte englischsprachige Land geworden. Der Algerienkrieg war grausam und unsinnig, aber heute sind alle Algerier geborene Franzosen, wenn sie es wollen. Der Vietnamkrieg zerriss die eine Nation und vereinte die andere. Die Amerikaner verdanken den Frieden und den auch finanziellen Ausgleich mit Vietnam einem Präsidenten, den die meisten noch nicht einmal mit seinem berühmten Namen kennen, weil er nach Nixons erzwungenem Rücktritt nur zwei Jahre als amtierender Präsident arbeitete, Gerald P. Ford. Der gute Frieden rechtfertigt nicht den bösen Krieg, trotzdem ist die Geschichte in diesen Punkten gut ausgegangen. Trotzdem aber wird auf der anderen Seite immer wieder und immer weiter von den USA als Weltgendarm gesprochen, als jene Macht, die versucht, Demokratie mit den Mitteln von gestern, also mit Hegemonie, durchzusetzen.

Früher wurde immer gern Deutschland als positives Beispiel dafür angeführt. Jedoch war die blutige Autokratie in Deutschland so sehr am Boden zerstört, zusammengebrochen und jede autokratische Ordnung diskreditiert, so dass die auch nur sehr zögerliche Annahme der Demokratie erst ab 1968 wirklich gelang. Im Osten dagegen wurde die neue, nicht so blutige Autokratie extra mit dem Etikett der Demokratie versehen, auf das sich dann immerhin 1989 die Demonstranten berufen konnten. Bekanntlich waren sie erfolgreich. Im Irak oder in Libyen dagegen wurde die Autokratie erst mit dem Sturz der beiden skurrilen und blut- und geldrünstigen Diktatoren beendet, Saddam Hussein und Muammar al Gaddafi. Leider ist in diese beiden Länder weder Frieden noch Demokratie eingekehrt. Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit befindet sich aber ein weiteres, ebenfalls durch Bürgerkriege und Hungersnöte zerrüttetes Land, das zweitgrößte Afrikas, Äthiopien, auf dem Weg des Wirtschaftsaufschwungs, es hat die größte Wachstumsquote der Welt, und auf dem Weg in die Demokratie. Die inneren, oft nationalen Konflikte wurde ohne Anwendung von Hegemonie gelöst. Die Herrschaft der alten Männer wurde sanft gebrochen. Der neue Ministerpräsident setzt nicht auf militärische Stärke, setzt stattdessen auf Bildung und auf die jungen Frauen. Denn Äthiopien hat, wie auch sein kleines Nachbarland Eritrea, mit dem es jetzt sogar einen Friedensvertrag und Grenzübergänge gibt, eine immer noch hohe Geburtenquote.

Die Ablösung eines Paradigmas braucht viel mehr Zeit, als man glaubt und hofft. Hegemonie, die Oberherrschaft über Länder, Völker und Einzelmenschen, sitzt tief als Muster in uns allen. Hierarchie wird sogar von vielen als natürliche Ordnung angesehen. Obwohl jede und jeder das Kindchenschema, das von Konrad Lorenz entdeckt und benannt wurde, kennt und bestätigt findet, wenn er oder vor allem sie in einen beliebigen Kinderwagen schaut, glaubt man an Aggression und Alphatiere mehr als an Liebe, Solidarität, Aufzucht, Erziehung, Gleichberechtigung. Diese Begriffe erscheinen vielen Menschen als zu weich. Aber ungeachtet dessen gibt es auch die Persistenz, das Verharren in Zuständen, nicht weil sie gut, sondern weil sie da sind. Fatal ist weiterhin, dass Hegemonie nicht nur für den Hegemon angenehm ist. Es gibt immer Unterjochte, die das Joch aus Bequemlichkeit lieben. Unmündigkeit ist immer selbst verschuldet.

Einer meiner rechtskonservativen Kontrahenten schrieb neulich zu diesem Satz: ‚Von wem er auch ist, er ist schlicht falsch.‘ Dieser Satz ist von Kant, aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass er seit der Antike zum Grundbestand menschlichen Denkens und vor allem Strebens gehört und von Kant nur gültig formuliert wurde. Jeder Sklave, der seinem Herrn entlief, ist – egal wie es ausging – ein lebendes Exemplar dieses Satzes, der auch von Rousseau, sogar von Seneca sein könnte. Rosa Parks hatte Helfer, es hätte trotzdem auch gut sein können, dass sie ihre berühmte Omnibusfahrt nicht überlebt. Aber sie wusste: Unmündigkeit ist immer selbst verschuldet. Und der beste Omnibus ist die Demokratie: für alle.

Der Paradigmenwechsel ist kein Traum oder keine Illusion, sondern die Wirklichkeit, die sich schon lange vollzieht. Manche starren aber – wie das Kaninchen auf die Schlange – auf die Rückschläge, Verzögerungen und Krisen. Über allen Entwicklungen steht die Sinuskurve als allgemeine Beschreibung und allgegenwärtige Warnung. Die Persistenz eines linearen Fortschrittsbegriffs sollte uns andererseits nicht hindern, an die Wirklichkeit zu glauben, statt an Hirngespinste wie ‚göttlicher Führer‘, ‚heilige Kirche‘, Hierarchie und Hegemonie. Die Wirklichkeit ist der gute Mensch in allen Ländern, der sich nach Freiheit sehnt und sie step by step herbeiredet und herbeischafft.

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