HAUS IM FLUSS. Geschichten aus dem Jahr 1968

Eine Rezension als Gastbeitrag von Dr. Egon Jahn

Die rührende Geschichte vom Verfall eines Hauses, dessen letzte Bewohner mit Kopierstift BITTE KEINE LANGFINGER an die Tür schrieben, aus Angst um den einen schönen Schrank, diese Geschichte hat mit dem Jahr 1968 nichts zu tun. Häuser verfallen immer. Alle Häuser verfallen. Statik ist der Versuch, die Natur auszuhebeln, und die Natur kennt nicht nur den Frühling, sondern auch den Herbst. Herbst wird mit Verfall gleichgesetzt, obwohl er oft so schön ist. Das schönste Gedicht in diesem Bändchen, Nr. 39, sagt uns aber, dass wir alle unseren Herbst erst noch vor uns haben und dann, dann erst wird Winter sein. Im tatsächlichen Winter des Jahres 1968 (Nr. 12) mussten die Soldaten der kleinen Garnison das Städtchen freischaufeln, aber der Autor lässt einen Soldaten rote Phrasen erbrechen und die anderen den Schnee gelb färben. Ganz offensichtlich litt die idyllisch-leere Landschaft unter den Soldaten, die wenige Jahre nach dem letzten Krieg kamen und mit ihren Panzerstraßen (Nr. 11) und Truppenübungsplätzen die Idylle entweihten. Aber die Bewohner bekamen Arbeit und Strom und verdrängten alle negativen Erscheinungen, auch noch nach 1990. 1968 hatte nicht nur einen bitterkalten Winter, sondern auch einen harten Sommer. Der Bundespräsident wurde in Westberlin gewählt, weshalb der Warschauer Pakt ausgedehnte Manöver rund um die geschundene Stadt veranstaltete. Westeuropa war erschüttert von den Studentenunruhen, besonders in Paris, Frankfurt/Main und wieder Westberlin. Und schließlich marschierten die Armeen des Ostblocks in Prag ein, um das demokratische Experiment der tschechischen Kommunisten zu beenden. Und kurz davor ermordete ein Soldat hier in dieser, durch die Fotos des kleinen Büchleins skizzierten Landschaft, in einem Haus direkt an dem kleinen Fluss, eine Frau, die er vorher vergewaltigt hatte, und ihr Kind, das Zeuge des Verbrechens geworden war. Das andere Kind entkam, aber kam nie in seinem Leben wieder auf die Beine, genauso wenig wie sein Vater die Tragödie verarbeiten oder verkraften konnte. Solche Ereignisse wurden in der DDR unter den Teppich gekehrt und die SED-Kreisleitung Ueckermünde wird froh gewesen sein, dass die Bevölkerung wenige Tage später geglaubt hat, an einem Krieg vorbeigeschlittert zu sein. Und der Soldat war auch kein gewöhnlicher Soldat, sondern er hatte sich während seines Grundwehrdienstes zu weiteren fünfundzwanzig Jahren verpflichtet, was ihm den Hohn und Spott der übrigen vielleicht zweitausend Soldaten dieses Kasernenkomplexes eintrug. Vielleicht hat er sich auch nur verpflichtet, um Zugang zu der Waffe zu erhalten, mit der er seine abscheuliche Untat beging? Vielleicht kam ihm die Idee, als er aus den offenen Fenstern heraus bepfiffen und verlacht wurde? Er stolzierte mit seiner nagelneuen Uniform und dem dazu unpassenden niedrigen Dienstgrad jeden Nachmittag über das Oval des Appellplatzes (Nr. 28).

Die Stieleichen, die auch Caspar David Friedrichs Lieblingsmotiv waren – sein Bruder hat in der Gegend des Büchleins Kirchen ausgemalt – stehen zweihundert oder dreihundert Jahre, gerne auch länger. Sie zeigen, dass in all der Vergänglichkeit Ungerechtigkeit herrscht: die Waldameisen über Tage, die Waldarbeiter unten auf dem kleinen Friedhof (Nr. 8), die Frau und das Kind vorzeitig tot, und zu allem Unglück, auf so einem winzigen Stück Erde, später noch einmal ein Unfall während eine kleinen Musikfestivals, die Krüppelkiefern zerbrochen, aber die Stieleichen stehen.

Die Landschaft heißt hier fast modern: Kuhlmorgen, gemeint ist wohl das Feuchtgebiet, das in einer Schleife der Uecker liegt, danach geht der Fluss fast gerade in die kleine Garnisonsstadt. Über dieser Landschaft liegt ein Nebel der Verlassenheit. Der Autor zeigt mit seinen oft tagebuchartigen Texten, dass eben nichts verlassen ist, weder das Verfallende, noch das immer wieder Auferstehende. Es gibt den Specht mit seiner Percussion. Es gibt den jedes Jahr neu den Kranich und den Graureiher (‚in Gegenwart und Gegenlicht‘), Nr.40), übrigens als eines der besten Fotos. Daneben ragt die Schraubzwinge, der jeder Zwang genommen wurde, zerbröselnd in den Raum. Die Sprache und die sprachlichen Bilder sind von spröde-alltäglich bis hin zur Trauer und Hymne alles auslotend, was in solch einen kleinen Raum passt. Es lohnt sich – landschaftlich – nicht, dorthin einen Tagesausflug zu machen. Aber man kann in diesen Texten und Fotos gut erkennen, dass in jeder noch so unscheinbaren Ecke des Kulturlandes Geschichten, oft leider auch als Blutspur, eingegraben sind. Trotzdem strahlt letztlich ein schlichter Optimismus durch die Zeilen: ‚es wandern durch die Wälder / du und das fließende Haus‘ (Nr. 39).

Rochus Stordeur,   HAUS IM FLUSS. Ein Requiem, GRILLE VERLAG Nechlin 2018, 8,50 €

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