DAS TRIER SYNDROM

Nr. 342

Wenn unter der Porta Nigra, der durch Ruß und Dreck geschwärzten einst römischen Pforte Schulklassen oder Rentnergruppen stehen, dann gibt es mindestens vier Arten von Geschichten, die entstehen. Zuerst ist natürlich die faktenbasierte Geschichte, so wie es wirklich war, nur dass das niemand weiß. Auch unsere Fakten sind zum größten teil Annahmen, für die viel spricht. Evidenz und Wahrheit halten sich die Waage, und angesichts dieses Stadttors und des kommenden Karfreitags drängt sich die berühmte Frage des römischen Gouverneurs Pontius Pilatus auf: Was ist Wahrheit. Er war schon ein typischer Bürokrat, so wie es sie heute millionenfach gibt, und deren Existenz uns, bei aller Notwendigkeit, auch den Hauch der Verzweiflung eingibt. Ein Bürokrat kennt die Lösung, aber tut nichts dafür oder er kennt die Lösung nicht und tut alles dafür. Zu seiner Verteidigung kann er nicht nur seine Notwendigkeit hervorbringen, sondern auch die Vorliebe der Menschen ihn zum Prügelknaben zu machen, gerade auch am Karfreitag. Dieses Schicksal teilt er mit den Lehren und den Polizisten, neuerdings sogar auch mit Rettungssanitätern und Notärzten.

Die faktenbasierte Geschichte steht im Lexikon, im Reiseführer oder wird von Reiseführern vorgetragen, aber nicht jeder hört zu. Deshalb gibt es daneben die empirische Geschichte, das was jeder empfindet oder denkt – eben erfährt -, ohne dass dabei irgendein Fakt stimmen muss. Zum Beispiel haben wir als Kinder den Weihnachtsmarkt als einen mythischen Ort erfahren, um später festzustellen, dass es ein Ort des billigsten Merkantilismus, aber der überteuerten Preise ist. Überhaupt, wenn wir später an Orte unserer Kindheit zurückkehren, zeigt sich, dass wir ein starkes empirisch gewonnenes Bild haben, das dann mit der Wirklichkeit kollidiert und von ihr überlagert wird oder sie überlagert.

Und drittens schließlich gibt es ein projiziertes Bild, eine Erwartungshaltung, welche schon vorher da ist und nun mit der Wirklichkeit oder mit dem, was wir für die Wirklichkeit halten, abgeglichen wird. Verschiedene Instrumente, zum Beispiel die Idealisierung oder die Verdammung, stehen uns nun zur Verfügung, um die beiden Bilder in Beziehung zu setzen. Schon der preußische Dichter Chamisso spielte mit dem Widerspruch zwischen dem Schatten eines Menschen und dem Menschen selbst.

Das vierte etwas schmuddelige Bild, das wir uns machen, ist das ideologisch geformte, ein Haus sei heilig, ein Volk auserwählt, eine Geschichte wahr und so und nicht anders. Denjenigen Zeitgenossen, die vorrangig diesem letzten Bild folgen, antworten wir mit König Salomo: JEGLICHES HAT SEINE ZEIT.

Nach der Legende wurde Trier 1300 Jahre vor Rom von dem Assyrerkönig Ninus gegründet, tatsächlich (=was wir wissen) kamen nach den Bandkeramikern die Kelten, die eine für sie neue Bildersprache durch die Berührung mit den Etruskern lernten. Die römische Gründung von Trier, 16 vor Christus, ist gut belegt, besonders auch durch erhaltene Bauwerke, deren äußeres uns innere Geschichten eingibt. Dann kamen die Franken, und bis heute sieht man die – durch alle Kriege und Missverständnisse ungetrübte – enge Verwandtschaft zum benachbarten Frankreich oder frankophonen Luxembourg.

Auf der anderen Seite des späteren Reiches fand viel später als in Trier eine Assimilation der verbliebenen Slawen statt, deren Spuren heute noch in jedem zweiten Ortsnamen zu sehen sind. Auch die über lange Zeit stattgehabte Zweiteilung ist mancherorts noch deutlich zu spüren, manche Dörfer haben vor dem Namen den Zusatz Groß- oder Klein-, Neu- oder Alt-, das ist: deutsch oder slawisch, manche Dörfer tragen sogar den Zusatz Wendisch-. Ein krasser Fall von Mehrfachbelegung ist Märkisch Buchholz, das ehemals Wendisch Buchholz hieß und das viel spätere Französisch Buchholz, das jetzt wieder ein beliebter Wohnplatz für wohlhabendere Neubürger geworden ist. Auf beiden Seiten des ehemaligen Reiches des Deutschen sind die Übergänge fließend, und niemand wünscht sich eine Grenze oder gar Kriege zurück.

Auch Häuser – und nicht nur etwa Bücher – haben ihr Schicksal. Die Konstantinsbasilika in Trier, davon abgesehen, dass sie keine Basilika nach der Definition ist, ist eben so wenig eine Kirche wie die Hagia Sophia in Istanbul eine Moschee. Eine Definition besteht nicht vor der Tatsache, sondern sie beschreibt mehr oder weniger Tatsachen oder was wir – nach unserem Kenntnisstand – dafür halten. Obwohl also dieser riesige und höchst bewundernswerte Bau einst eine Aula zum Ruhm der Kaiser und Unterkaiser war, wird sie heute als ältester Kirchenbau Deutschlands gefeiert. Beide Orgeln dieses nachhallreichen Baus stammen von Firmen der Ostgrenze des ehemaligen Reiches, Schuke in Berlin und Eule gar in Bautzen. Staunende Schulklassen aus dem nahen Luxembourg hören Gipfel französisch romantischer Musik und wachsen in ein Welt abnehmender Differenzen hinein.

Ebenso polyphon und ambivalent sind der romanische Dom und die angebaute gotische Liebfrauenkirche, die ungeschlossensten Räume, die man sich nicht denken kann. Häuser entstehen nur scheinbar nach einem Plan. Es gibt zwar einen Plan, auf dem steht siebenunddreißig  mal achtundzwanzig Meter, aber die Geschichten, die Wirkungen, den Nachhall des Nachhalls kann sich niemand ausdenken oder gar planen.

So wandert man durch scheinbar fremde Städte, aber in Wirklichkeit wird einem die Stadt, jede Stadt, immer vertrauter. Jede Stadt wird zur Heimat unserer Gedanken und Gefühle, so dass umgekehrt die tatsächliche Heimatstadt dagegen sich verwinzigt oder gar verschwindet.

Sieben dicke Mädchen aus Oldenburg fragten mich nach dem berühmtesten Trierer, der aber nach dem Abitur für Trier und möglicherweise auch seine Eltern und Geschwister  nichts mehr übrig hatte, weil er die Welt verändern wollte, indem er die Werke seiner Lehrer abschrieb und variierte. Seine späteren weltweiten Anhänger zeichneten sich gerade durch ökonomischen Unverstand bei philosophischer Rechthaberei aus. Jene sieben Mädchen aber liefen voller Zuversicht und mit großer Freundlichkeit durch diese schöne Stadt, die älteste Deutschlands.

Warum die Stadtverwaltung aber den unglücklichen Ökonomen zum bedeutendsten Sohn ihrer Stadt erklärt und nicht den Kaiser Constantin, der dem Christentum einen Bärendienst erwies, indem er es an Macht und Staat koppelte, das wissen die Götter. Constantin wäre eine der uneindeutigsten Persönlichkeiten der Geschichte, wenn wir nicht wüssten, dass es Eindeutigkeit nicht geben kann. Wie alle Politiker und auch manche Künstler war er ein Meister der Selbstinszenierung, des Bauens allzumal. Schon allein die Erkenntnis der strategischen Lage des späteren Istanbuls ist eine Großtat. Auch die Lösung von Streitigkeiten durch ein Konzil kann sich historisch sehen lassen.

Das sind die Geschichten Triers und aller Städte.

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