DU HAST DIE WAHL

Nr. 349

In vielen Megastädten gibt es weder Straßennamen noch Stadtpläne und nicht jeder benutzt Google. Also stehen Jungs am Straßenrand und geben gegen geringes Entgelt Auskunft. In Europa dagegen hatten zuerst die Häuser Namen, dann die Straßen, dann führte Napoleon die Nummerierung der Häuser ein, schließlich entstanden Stadtpläne und Navigationssysteme. Die Vor- und Nachbereitung von Reisen und Fahrten kann die Reisen und Fahrten ersetzen. Was früher die Vorstellungskraft und die Erinnerung leisteten, haben uns die digitalen Denksubstitute abgenommen. Google Maps verhält sich zur Wirklichkeit wie der Liebigsche Brühwürfel zum Sonntagsbraten.

Und auch die Demokratie entstand nicht durch eine blutige Revolution aus der Asche der Barrikaden, sondern wie ein Brühwürfel nach dem anderen: Dreiklassenwahlrecht, Frauenwahlrecht, Achtstundentag, passives Wahlrecht für alle, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit, die Ersetzung aller Rassismen und Hierarchien, Vegetarismus, Rückbesiedlung des Landes als zigste Reformbewegung, Abschaffung der Kriege und Emanzipation der Verhandlungen. Jede|r mag für sich entscheiden, welche oder wessen Ideale damit verwirklicht wurden. Entscheidend ist nicht, ob beispielsweise eine Forderung aus der Bergpredigt des Großpropheten Yesus oder ein Satz aus Rousseaus Gesellschaftsvertrag wirklich wurde, sondern dass sich zum Schluss herausstellt, dass es keine signifikanten kulturellen Differenzen gibt, dass also der fiktive Großprophet Nathan recht hatte, als er diese immer wieder angenommenen und betonten Differenzen in den Bereich reiner und zufälliger Äußerlichkeiten verlegte. Demokratie und Sozialstaat sind also keine Herkunfts-, sondern Zukunftsfragen.

Was aber alle Visionäre, Propheten und Philosophen nicht vorausgesehen haben oder nicht voraussehen konnten, ist die Ermüdung am Guten. So wie die intensive Landwirtschaft, vielleicht beginnend mit dem friderizianischen Erdapfel, step by step den Hunger beseitigte und nicht ahnen konnte, dass dann nicht nur sattzufriedene, sondern auch adipöse Menschen, überdüngter Boden, Monokulturen und Artensterben das Ergebnis sein werden, so ergeht es auch der Demokratie. Sie schüttet Wohltaten aus und erntet Undank und Widerstand. Demokratie ist aber selbst auch ein Kind des Widerstands und muss sich also nicht über die Umkehrung der Verhältnisse wundern. Ist es nicht eigenartig, dass eines der häufigsten Argumente gegen die etablierte Demokratie deren Geldverschwendung ist und die nationalistischen Alternativen mit eben dieser Geldverschwendung beginnen und mit großer Wahrscheinlichkeit auch enden werden? In den Kinderzeiten der Demokratie zeigte sich, dass der abgeordnete und seiner Erwerbstätigkeit entfremdete Bürger alimentiert werden muss. Im heutigen Deutschland wurde diese Alimentierung wie die Altersrenten an den Inflationsausgleich gekoppelt, gleichzeitig aber durch jährliche Parlamentsbeschlüsse von der Regierung unabhängig gemacht. Und genau das wird nun von denjenigen Menschen kritisiert, die vom Sozialstaat abhängen. Aber das erste, was die Alternative für Deutschland im Bundestag getan hat, war für 10.000 Steuerzahler-€ Schnittchen bestellen. Marie Le Pen machte ihre Leibwächter zu vom Europäischen Parlament bezahlten Assistenten. Finanzskandale sind die Normalität dieser Alternativen, die in Wirklichkeit Karikaturen sind.

Die Alternative zur etablierten und erstarrten Politik ist der Bürokratieabbau, die Abschaffung der immer unverständlicheren Juristen-, Bürokraten- und Zeitungssprache, die Beendigung der permanenten Verrechtlichung aller Dinge und Prozesse. Wer über die Straße geht oder in einen Fluss springt, muss sich des Risikos für sein Leben bewusst sein, und es ist nicht nur die unmittelbare Gefahr, sondern auch die drohenden Gefahr durch die ständige Veränderung, die gerade auf Straße und Fluss gut angezeigt wird. Ganz im Ernst wurde schon davor gewarnt, dass, wenn der Individualverkehr durch Elektroautomobile leiser wird, die Unfallgefahr steigt. Jede Verbesserung wird durch Verrechtlichung und Bürokratisierung zur Verwässerung oder Verschlechterung. Der Rechtsstaat hat sich vor die Demokratie und vor den Sozialstaat gedrängt, dabei war er doch nichts anderes als ein Assistenzsystem der beiden. Der Rechtsstaat ist nur die Garantie, dass Demokratie und Sozialstaat für jede|n erreichbar sind, dass Gerechtigkeit für alle angestrebt wird. Der Rechtsstaat ist kein Polizeistaat, wie es jetzt auch die CDU, in nachjagendem Gehorsam plakatiert, aber sie jagt nicht dem Recht nach, sondern dem Rechts. Wenn Angela Merkel Ziele verfehlt hat, dann die Modernisierung der CDU, der Antimerkelismus, die Grundtorheit dieser Partei, gebiert solche rechtskonservativen Ungeheuer wie Kramp-Karrenbauer, Spahn, Ziemiak (‚da hilft kein Integrationskurs, sondern nur Gefängnis‘), Kuban, deren Namen man sich hoffentlich nicht merken muss. Auch die CSU jagt der autoritären Karotte nach und bleibt im Kreis der Ewiggestrigen. Nicht zufällig wurde die Erneuerung Deutschlands auf wichtigen Gebieten eben nicht verschlafen, sondern aus Angst verdrängt, Digitalisierung, Bildung, Globalisierungspolitik mit Weltmarkt und Migration. Die CDU ist genauso unrettbar verloren wie die SPD, aber die Karikatur- und Schnittchenpartei Gaulands und Höckes (‚wir brauchen eine neue Männlichkeit‘) ist auch nichts weiter als die Vergreisung des Autoritarismus. Die Erneuerung kommt aus der Jugend und aus der Technik.

Diese Erstarrung von Reformbewegungen oder Willkür verselbstständigter Assistenzsysteme ist natürlich nicht neu. Der Großprophet Salomo beklagte sie genauso wie der Renaissanceriese Shakespeare: ‚and strength by limping sway disabled‘*. Der erste Weltkrieg ist das grandiose und tragische Missverständnis eines solchen Paradigmenwechsels. Die lange Friedensperiode wurde als Stillstand interpretiert und die Voraussage überhört.** Der Fluch der Wende ist, dass man nicht weiß, was kommt. In der Nichtwende weiß man es auch nur durch Gewohnheit und ewige Wiederholung. Eigentlich also weiß man nie, was wirklich kommt. Die Verunsicherung führt zu Angst, Missgunst und Krieg. Wenn man, wie wir, den Krieg nicht mehr zu den praktikablen Mitteln zählt, zeigt sich, wie mächtig die verbleibenden Faktoren Angst und Missgunst sind. Das Neue, für das wir noch keinen Namen haben, eine Mischung vielleicht aus Demokratie, Sozialstaat und Digitalisierung, setzt sich genauso wie einst die Demokratie aber nicht in einer Revolution, sondern in einem schleichenden und damit nicht weniger beängstigenden Prozess durch. Digitalisierung darf man sich aber nicht nur allzu technisch vorstellen. Die Verkleinerung und Verkomplexisierung der Geräte ist nur die eine Seite. Die andere Seite aber ist die immer höhere Zugriffsgeschwindigkeit zu Wissen und Kunst. Das ist die unterschätzte Seite. Auf der dritten Ebene muss also die Intensivierung von Ethik, Sinn, Transparenz und Transzendenz, Abstraktion und die Bevorzugung von simply truth vor simplicity*.

Wir stehen nicht nur am Ende einer alten Welt, sondern auch am Beginn einer neuen. Haben wir eine Wahl?

 

 

*Sonett 66

**Rathenau

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YOUR FACE IS YOUR PAST II

Nr. 348

Wir torkeln blind durch das Stück Geschichte, das uns zugeteilt ist, denn jegliches, sagt Salomo, hat seine Zeit. Wie Kleinkinder sehnen wir uns nach dem Gängelwagen, der in Kants berühmtestem Absatz vorkommt und sogar der Königsberger Wirklichkeit abgelauscht gewesen sein mag. Das Kind strebt in die Weite und schleppt seine Unfreiheit mit sich. Wer einen Weg sucht, wundert sich, dass es eine Einbahnstraße oder gar eine Sackgasse ist, eine Baustelle oder ein Abhang, wenn nicht gar ein mainstream, vor dem uns unsere Großmutter warnte, obwohl sie ihm selbst entstiegen war. Wie ein doppelseitiges Geländer wollen uns Traditionen und Ideologien führen. Charisma ist genauso verführerisch wie ein Aphrodisiakum oder eine Trance. Wer Halt sucht, ist genauso verloren wie der Haltlose. Eigentlich ist das ganze Leben ein Dilemma: man kommt nicht vorwärts, kann aber auch nicht stehenbleiben.

Dabei gibt die Suche nach Identität einem natürlichen Sicherungsbedürfnis Gestalt. Sind wir, fragen wir uns, wirklich nur ein Abbild Gottes, geformt aus Ton, bei Shakespeare gar nur aus einer Brotkrume, verdammt dazu, auf ewig Regeln und Strafen auszuhalten? Der Verstand mag nicht das Werkzeug sein, uns glücklich zu machen, aber er weigert sich auch, uns im Gefängnis zu belassen. Bei Seneca gibt es einen Sklaven, der in der Gladiatorenarena geopfert werden sollte, der aber stattdessen sich die Abortstange in den Rachen rammte, um selbstbestimmt und in Würde sterben zu können. Das ist eine seltsame Vorstellung, die Stange, mit der in der Antike die Fäkalien beiseitegeschoben wurden, als Symbol der Würde des Menschen, die uns ein hohes Gut geworden ist.

Leider ist die Würde des Menschen, obwohl für unantastbar erklärt, nicht das höchste Gut. Wir verharren allzu gern in der Einteilung von Qualitäten und Quantitäten. Jeder glaubt sich der oder die richtige, wenigstens zur richtigen Gruppe, Familie, Nation oder Religion gehörend. Beinahe der schlimmste Kollateralschaden daran ist, dass die zu minderwertigen erklärten sich selbst auch für minderwertig halten. Die Wertordnung gilt in ihrer Zeit für alle. Der einzige Trost, dass sie von einer anderen Wertordnung abgelöst wird, ist für die rezenten Menschen kein Trost. In ihrer Lebenszeit ändert sich nichts. Sie gehen unter und ihre Würde mit ihnen.

Von Henry Ford, der leider ein Antisemit, also auch ein aggressiver Menschensortierer, aber gleichzeitig auch ein Großinnovator war, stammt der schöne Satz, dass Geschichte Quatsch sei. Hätte man also ein Automobil konstruieren können, das auf alle Lehren aus der Geschichte Rücksicht nimmt, das alle Pferde rettet? Hätte man ein Automobil konstruieren können, das die energetisch-fossile Katastrophe vorwegnimmt oder gar verhindert? Hätte man ein Automobil konstruieren können, das eine Freiheit nicht nur vortäuscht, sondern auch tatsächlich gewährt, oder diese Freiheit eben nicht vortäuscht, sondern das sein eigenes Dilemma aufzeigt: je größer das Automobil, desto größer die Unfreiheit? Es zeigt sich, während man das alles überlegt, dass das Automobil überschätzt wurde. Es ist nur ein pferdetötendes Vehikel. Aber waren die Millionen Pferde vor dem Automobil glücklich? Wir sind nicht die ersten, die über die Würde der Tiere nachdenken. Für viele Tiere wird es zu spät sein. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem wir an unserer Häuser schreiben:

BEES AND REFUGEES WELCOME.

Denn Menschen gehören nicht in Schubladen, sondern in die Herzen und Häuser ihrer Mitmenschen. Gift gehört nicht auf den Acker oder in den Garten. Das Mittelmeer ist nicht zum Ertrinken da. Ein Kopftuch ist eine Kopfbedeckung, das gilt für Befürworter und Gegner gleichermaßen. Warum halten wir uns nicht an solche klaren Aussagen für unsere Gegenwart und suchen stattdessen unser Heil in Gruppen, Traditionen oder Ideologien?

Noch merkwürdiger ist, wer die vermeintliche Identität anderer denunzieren will. Der greift nicht selten zum Paradox: viele rechte Schreiber wollen uns einreden, dass wir eigentlich alle Nazis sind, die schleichende Diktatur und Meinungsunfreiheit hindert uns nur daran. Das würde bedeuten, dass die Nazis als Gegner eigentlich Nazis bekämpfen. Wir müssen, um das Problem zu lösen, zu Hilfsmitteln greifen, zum Beispiel zu Wahlen. Wahlen spiegeln die Wirklichkeit genauso wenig exakt wie ein Spiegel wider, sie sind, wie der Spiegel, ein Hilfsmittel, um den bloßen Kinderglauben, dass alle so sind wir man selber zu sein glaubt, zu widerlegen. Aber indem wir diesen infantilen Unsinn als Kinderglaube bezeichnen, tun wir den Kindern unrecht, denn sie haben weniger Vorurteile, weniger Zwang und weniger Gewalt zur Verfügung als die Erwachsenen. Ein weiterer Missbrauch der ohnehin überflüssigen Identitätssuche ist die Benutzung von Tieren, zum Beispiel Wölfen, Schweinen, Hunden oder Bären als Pejorative. Die Sprache und die Gesellschaft verrohen auch, weil wir ständig etwas diskriminieren, diskreditieren und beschimpfen müssen. Wie das Automobil die unglücklichen Pferde tötete, so liquidiert das Internet die Würde von Mensch und Tier einfach durch die stündliche und millionenfache Wiederholung pejorativer Kommentare. Alles wird unflätig durch Inflation. Alles wird besser durch Enthaltsamkeit. Alles wird schlechter durch regeln, alles wird besser durch lernen, beides sind keine Substanzen aus dem Supermarkt, sondern Prozesse, Gedanken, Gefühle, Freude und Leid aus dem menschlichen Leben.

Wir torkeln also nicht durch die Geschichte, sondern nur durch unsere Geschichte. Wir torkeln durch die Welt auf der Suche nicht nur nach der verlorenen Zeit, sondern nach uns selbst. Überall sehen wir Ebenbilder. Überall wünschen wir Ebenbilder. Deshalb halten wir uns selbst auch für ein Ebenbild. Es gibt Gemeinschaften, aber es gibt keine Identitäten. Niemand ist auch nur mit sich selbst identisch. Deshalb sollten wir uns so schnell und so intensiv wie möglich angewöhnen, in jedem Gegenüber den Bruder und die Schwester zu sehen. So gesehen sind wir alle Dioskuren.

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ONLY YOUR FACE IS YOUR PAST

 

Nr. 347

Freud schrieb, dass unser Leben zu schwer sei und wir deshalb schlafen, träumen und uns betäuben müssen. Aber damit nicht genug. Das Leben ist wie ein Seiltanz, und die ständige Angst abzustürzen, verdrängen wir mit geglaubten Sicherheiten. Die Familie ist natürlich nicht nur geglaubt, sondern real. Trotzdem gehören Brudermord und Vatermord zu den Urbildern der Menschheit. Trotzdem gibt es den Mythos der besonderen Mutterliebe. Trotzdem erleben wir gerade – seit dem neunzehnten Jahrhundert – eine Annäherung der Geschlechter und eine komplette Änderung der Vaterrolle. Die Kinderzahl steigt zwar noch, aber die Geburtenquote sinkt in allen Ländern mit Ausnahme der allerärmsten. Damit wird sich auch die Mutterrolle, die wohl ein Mythos zur Kompensation der Rechte- und Freiheitseinschränkungen war, signifikant ändern. Der Mythos der Mutterschaft war an die alleinige Funktion der Mutterschaft gekoppelt.

Noch krasser ist es bei der Nation. Sie ist ganz offensichtlich ein Konstrukt des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. An den Konflikten kann man sehen, wie wenig sich die Menschen, aber auch die Politiker an den Status der Nation halten. Ein reiches Land wie Belgien leistet sich einen teuren Streit: zwei Universitäten werden nebeneinander gebaut, eine wallonische und eine flämische. Einen billigen Streit leistet sich die Türkei: immer wieder klafft die Wunde zwischen Türken und Kurden, die sich ein Staatsterritorium teilen, ohne wirklich ein Volk zu sein. Der schwankende und schwächelnde Autokrat hat es diesmal sogar geschafft, nicht nur den Konflikt zu entfachen, sondern auch ein neues kurdisches nichtterroristisches Bewusstsein zu stärken. Deutschland tat sich lange schwer mit der zweimaligen Verschiebung seiner Grenzen in einem Jahrhundert und tut sich derzeit schwer mit der Anerkenntnis, dass, wer sich mit seinen ehemaligen Feinden versöhnt, eben dann auch als Musterbild der Toleranz gesehen wird. Das merkwürdige daran ist nur, dass Deutschland immer schon ein Einwanderungsland war, so wie in Frankreich, das auch den Preis für seinen Kolonialismus bezahlen muss, niemand weiß, ob er von den Galliern oder den namensgebenden Franken abstammt. Sind wir Alemannen oder Sachsen? Auf dem Balkan nennt man uns Schwaben. Das alles haben Ernest Renan (‚die Nation ist ein tägliches Plebiszit‘) und Arthur Schopenhauer (‚Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört,, stolz zu sein…‘) schon mehr als gründlich beantwortet.

So ist es auch mit der Religion. Wie alle menschlichen Gruppen hat sie den Keim der Spaltung immer schon in sich. Gerade gestern, katholische Frauen wollen unter dem Label MARIA 2.0 ihre auch kirchliche Emanzipation erkämpfen, schlägt der Klerus vor, dagegen einfach eine neue, unterwürfige Frauenorganisation zu gründen. Wahrscheinlich wird sie dann rechtgläubig heißen. Ruft man bei YOUTUBE beliebig eine Predigt auf, so hört man einen Abt, der begründet, warum nur ein Priester das Abendmahl vollziehen kann. Das ist der umgekehrte Muttermythos, dem auf der wieder anderen Seite das Vaterland gegenübersteht.

Aber was ist mit den Traditionen, der Kleidung, dem Essen? Isst man sich durch die Welt, so bemerkt man schnell, dass die Differenzen marginal sind. In warmen Gegenden haben die Menschen wenig an, in kalten mehr. Das ist der ganze Unterschied. So steht es auch schon im NATHAN DER WEISE von Lessing, ein Buch, das gerne gelesen und auf dem Theater angehört, aber genauso gern vergessen wird: ‚Wie kann ich meinen Vätern weniger als du den deinen glauben?‘ [III,7] Und etwas weiter oben heißt es im schönen Dialog zwischen Saladin und Nathan, dass sich die Religionen in allerhand Äußerlichkeiten, jedoch nicht von Seiten ihrer Gründe unterscheiden.

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Der Hintergrund, auf dem wir uns bewegen, ist die Gegenwart, stage und backstage. Unser Verhalten ist immer vom Augenblick bestimmt. Wollen wir einen Ertrinkenden retten, können wir nicht unsere Prinzipien befragen, sondern wir müssen unsere jetzigen Möglichkeiten abrufen. Nur Fundamentalisten sehen das anders und verhalten sich auch anders. Sie kalkulieren immer den Tod gegen das Prinzip. Die damalige Berliner Führung der Zeugen Jehovas wurde in einer Schulklasse ausgepfiffen als sie in der letztlichen Alternative, ob man einem Verhungernden Brot oder eine Bibel geben sollte, das Prinzip wählte. Fundamentalisten gibt es nicht nur bei Boko Haram, sondern auch im Vatikan oder in einem Bundesministerium.

Was wir mit uns herumschleppen, ist unser Gesicht, nicht unsere Tradition. Die Tradition wird als Rettungsring gesehen, solange wir Rettung nötig haben. Tradition wird als Ballast über Bord geworfen, sobald wir schwimmen können. Das ist die radikale Definition und definieren heißt, einen Prozess anhalten. In Wirklichkeit sind wir weder eindeutig noch radikal vernünftig. Der Physikprofessor hat auf dem Weihnachtsmarkt oder bei einer Beerdigung Tränen in den Augen. Weihnachtsmärkte und Kopftücher sind nicht nur Orientierungen, sondern auch Erinnerungen und Gefühlsprojektionen. Das Leben ist zu schwer, um ohne all dies auszukommen. Der rechtsradikale Schwätzer, der gerade ein Kopftuchmädchen und dessen mögliche Kinder verdammt, geht im selben Moment in eine Konsumkathedrale oder einen Alkoholtempel. Jeder hat seine Traditionen, die sich unterscheiden mögen, nur von Seiten ihrer Gründe nicht.

Das Problem des Migranten ist gerade nicht, dass er einen Migrationshintergrund hat, sondern dass er sich mit seinem Gesicht in einem neuen, gegenwärtigen, für ihn unbekannten Hintergrund befindet und alle Widersprüche und Reibungen aushalten muss, die sich daraus ergeben. Deshalb hält er sich an seinen Traditionen, an einer schnell und neu zusammengezimmerten Community fest, solange es geht. Wehe, wenn die Liebe oder der Hass dazwischenfunken! Dann stürzt das Baugerüst ganz ohne Wind ein. Baugerüste sind also nicht Kontinua unseres Lebens, sondern helfen, wo es uns zu schwer erscheint. Daraus folgt, dass es zwischen dem Migranten und dem Sesshaften alle möglichen Differenzen gibt: nur von Seiten ihrer Gründe nicht. Dass wir alle gleich sind, das Postulat aller Religionen und Philosophien, ist also kein Ideal und kein leerer Wahn, sondern einfache und gut belegte Tatsache.

Das Gesicht ist aber nicht nur die Schnittstelle (interface) zwischen uns und unserer Herkunft und unserer Zukunft, sondern auch der einzig wirkliche Fixpunkt unseres Lebens. Obwohl sich das Gesicht von außen betrachtet – also für unsere Mitmenschen und anderen Mitwesen – verändert, bleibt es für uns im Innern immer gleich. Der Greis kann sich fast lückenlos in seine Kindheit versetzen, obwohl die äußere Gestalt maximal variiert. Die Seele, falls wir eine haben, findet ihren Frieden im Gesicht, falls wir eins haben. Was wir auch sehen, die Sixtinische Kapelle oder die Slums von Lagos, spielende Delphine oder geschredderte Küken, in welchen Gegenden wir agieren oder agitieren oder reagieren, wir bleiben von innen der Mensch, der wir glauben zu sein, auch wenn wir nicht glauben, dass wir irgendetwas glauben.

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DIE NEOBRANDENBURGISCHE REVOLUTION

 

Nr. 346

I

Von 1248 an wurde in einer winzigen norddeutschen Stadt eine riesige, wunderschöne Kirche gebaut. Das Problem der Verzierungen löste der uns unbekannte Baumeister, indem er mit gebrannten Formsteinen die Wimperge (spitzhohe Tür- und Fensterverzierungen) und Fialen (Türmchen) nachahmte, die im Süden Europas, etwa in Florenz, Reims oder Köln, aus Stein gemeißelt sind. Somit entstand einer der prächtigsten Ostgiebel im ganzen Norden Europas. Mehrmals stürzte die Kirche ein, im Dreißigjährigen Krieg haben sich Christen, die nicht nur nicht töten, sondern sogar ihre Feinde lieben sollen, gegenseitig in ihr massakriert. Dann aber wurde der geniale großherzogliche Baumeister Friedrich Wilhelm Buttel, ein Schüler Schinkels und Zeitgenosse Stülers, mit der vollständigen Rekonstruktion beauftragt. Das Ergebnis war ein Meisterwerk, zeitgleich entstand seine neogotische Schlosskirche in der benachbarten Residenzstadt. Das neogotisch umgeformte hochgotische Backsteinmeisterwerk wurde eines der beliebten Motive des romantischen Malers Caspar David Friedrich.

Das Großherzogtum ging im ersten Weltkrieg unter, die kleine Stadt und die großartige Kirche erst im zweiten Weltkrieg. Wie durch ein Wunder oder als eine symbolische Vorbedeutung blieb aber, wie im benachbarten Prenzlau, der Ostgiebel fast unzerstört stehen. Als Ruine musste die Kirche die weitere Zerstörung der mittelalterlichen Stadtstruktur mitansehen. Die Chefarchitektin, eine Schülerin des Bauhausschülers Selman Selmanagić aus Srebrenica in Bosnien, tat ihr möglichstes, die Vergangenheit aus der Stadt zu verbannen. Nur die fast vollständig erhaltene Wehranlage einschließlich der vier Tore und 27 Wiekhäuser überdauerte sowohl den Krieg als auch den Bauwahn. Zum Ende der DDR gab die Kirche den imposanten Bau, der immer noch Ruine war, an den ungeliebten Staat ab, der aber mit seinen Umbauplänen nicht recht vorwärtskam. Nach der Wiedervereinigung gewann der finnische Architekt  Pekka Salminen den Wettbewerb zum Umbau der Marienkirche in eine Konzertkirche. Pekka Salminen gehört zu den TOP- und Großarchitekten der Welt. Bevor wir jetzt seine Konzertkirche betreten, sollte man sich das Grand Theatre in Wuxi ansehen. Wuxi ist eine Stadt in China, die doppelt so groß ist wie Berlin. Salminen hat Großbüros in Helsinki und Shanghai.

Das Gewölbe der Kirche war durch den Druck des Dachstuhls und des Brandes eingestürzt, jedoch die Außenwände, der von Buttel restaurierte Turm und vor allem der weltberühmte Ostgiebel standen noch. Eine deutsche Besonderheit ist es, dass alle Groß- und viele Mittel- und sogar Kleinstädte ein Theater und ein Orchester haben. Das ist ein Vorteil der nachteiligen jahrhundertelangen Kleinstaaterei. Der Auftrag lautete also, in die bestehende Außenhaut, in die historische Form einen hochmodernen Konzertsaal zu stellen. Salminen hat den Konzertsaal aus Sichtbeton, Stahl und Glas in diese historische Hülle hineingeschoben, aber beide offen gelassen. Ein Konzertsaal hat außer der Statik und dem Aussehen noch das Problem der Akustik. Maßstäbe hat hier Schinkel gesetzt, der unglückliche August Orth war ein Meister der Akustik wie auch nach ihm Hans Scharoun. Von diesem stammt auch die Aufhebung der konträren Platzierung des Orchesters. In der zweiten Berliner, der Scharoun-Philharmonie ist das Orchester in der Mitte aufgestellt. In der Konzertkirche gibt es einen rechteckigen, zweigeteilten Zuhörerraum. Akustisch äußerst interessant sind die Sitzreihen hinter dem Orchester. Gewagt ist die sichtbare Stahlkonstruktion der absolut transparenten Empore. Die letzte erhaltene Wandmalerei an der Nordseite der Westwand wirkt wie ein hypermodernes Gemälde und vollkommen aus der Zeit gefallen. Das letzte Element zu einem perfekten Konzertsaal stiftete ein Maschinenbaufabrikant, der jetzt bescheiden in der vierten Reihe sitzt, die große Orgel von Schuke in Berlin und Klais in Bonn, mit 71 Stimmen, in Norddeutschland nur zu vergleichen mit der Orgel in der Elbphilharmonie Hamburg, ebenfalls von Klais, und der historischen Orgel im Schweriner Dom von Altmeister Ladegast.

Der ehrenvolle und bescheidene Maschinenbaufabrikant hört dann beispielsweise das Orgelkonzert von Francis Poulenc, ein opulentes Werk, wie geschrieben für diese Orgel und diesen Raum, ein Werk zwischen Choral und Clownerie. Das auf die Streicher reduzierte Orchester versucht der Orgel zu folgen, aber vier Pauken jagen beide von Innovation zu Innovation. Poulenc verwendet eine alte, eher abseitige Form, das Orgelkonzert, um eine Sprache zu finden, die zwischen mathematisch-permutativem Barock und expressionistischem Klangcluster schwebt. Geschrieben wurde das wunderbar kraftvolle Werk 1938 für die Mäzenin Prinzessin de Polignac, die eine Tochter des amerikanischen Nähmaschinenkönigs Isaac Singer war, der es vom Wanderschauspieler zum perfektionistischen Superingenieur und Multimillionär gebracht hatte. Ihr wesentlich älterer und homosexueller Gatte wurde zur Figur des Swann in Marcel Prousts À la recherche du temps perdu. Ihr wunderschönes Palais in Venedig malte Claude Monet.

II

Diese nicht ausgedachte Klimax zweier korrespondierender Künste führt uns zur notwendigen Umfunktionierung und Reformierung von drei wichtigen gesellschaftlichen Teilsystemen.

Ideenführungssystem

Alle bisherigen Ideologien sind zu bestenfalls bürokratischen, oft aber auch terroristischen Führungs- und Kontrollsystemen verkommen. Der derzeitige Kontrollwahn der Volksrepublik China übertrifft bei weitem den von George Orwell im Voraus beschriebenen. Die von ihm gedachte Spanne von 1948 – Stalinismus und McCarthyismus – bis 1984 – der Ostblock kurz vor dem Zusammenbruch – ist gerade einmal das Frühembryo heutiger chinesischer Zustände, deren Dimensionen alles überschreiten, was bisher vorstellbar war. Vorbild einer ideologischen Führungsmacht mit totalitärer Kontrollfunktion mag die 1000 Jahre herrschende katholische Kirche gewesen sein, deren reformierter Ableger aber ebenfalls dem Reiz der Staatskirche mit Überwachung der anvertrauten Menschen unterlag und jahrhundertelang frönte. Nur die beiden islamischen Länder mit funktionierender Wirtschaft, Saudi Arabien und Iran, haben ein annähernd vergleichbares System mit seinen grausigen Folgen hervorgebracht, allerdings in einer historisch unvergleichbar kurzen Zeit. Sie sind weltpolitisch, ungeachtet ihrer Bedrohung für Israel, unbedeutend. Vielmehr ist die geschürte Angst europäischer Rechtspopulisten vor einer islamischen oder gar islamistischen Macht Ausdruck jenes Strebens oder Sehnens nach einer Führung durch Ideen, die durchaus auch durch Personen repräsentiert sein können.

Die Rechtspopulisten wie die Islamisten wollen Segregation und Autoritarismus. Das ist wieder zum Scheitern verurteilt, wie es schon mehrfach gescheitert ist. Eine nennenswerte linke Idee gibt es nicht mehr, und das ist, wenn man an ihre Staatgläubigkeit denkt, auch gut so. Allerdings sehnen sich die Menschen nach einer Gerechtigkeit, die niemanden ausschließt. Die scheint im Sozialstaat skandinavischer, kanadischer und deutscher Ausprägung der Verwirklichung nahe zu sein. Allerdings fehlt ihr die Idee, die Botschaft. Der Staat hat keine Idee, außer sich selbst, das wissen wir seit Max Weber. Es mag damals in Nicäa* richtig gewesen sein, aus dem charismatischen Wanderprediger und Topdenker mit weit größerer Ausstrahlung als Seneca einen Gottessohn und Teil einer Dreigottheit zu machen und seine Lehre zur Staatsdoktrin zu erheben. Das Ergebnis war allerdings nichts als Staat, Totalkontrolle und Unterdrückung. Die Botschaft verschwand hinter dem Kreuz. Möglicherweise wirkte das Kreuz sogar als Drohung für alle Abweichler. Noch heute heißen mittelalterliche Türme in norddeutschen Städten Fangel- oder Hexenturm. Es war der afroamerikanischen Kirche vorbehalten, die Verhältnisse zumindest gedanklich wieder umzukehren: Must Jesus bear the cross alone? Die Ideen sind also da, es sind die vielbeschworenen europäischen Werte, die teils von dem vornicänischen Yesus, teils von der Aufklärung stammen. Das sind nicht die Elemente von Sonntagspredigten, sondern schwer verständliche und schwer vermittelbare, immer noch unerfüllte und neue Forderungen: seine Feinde zu lieben, weil man dann keine mehr hat, nur zu richten, wenn man selbst frei von Untaten wäre, so zu leben, dass die Maxime des eigenen Handelns allgemeines Gesetz werden könnte, jeden Versuch, ein Recht des Stärkeren zu postulieren, durch Vereinbarung abzublocken, permanent von der Gleichheit aller Menschen auszugehen, deren Folge die allgemeine Solidarität ist. Schließlich müssen wir alle lernen, dass lernen sinnvoller als regeln ist. Regeln können nur zeitweiliger Support sein, das wusste schon König Salomo.

Demokratiereform

Mehrere Jahrhunderte lang haben sich alle fünfzig Jahre (Goethe**, Kondratieff***) die Lebensumstände, Technologien, aber auch Krisenzyklen verändert. Das ist der Grund, warum heute noch alte Menschen die Welt nicht mehr verstehen. Sie brauchen nicht nur Gehhilfen, sondern auch Gehilfen. Offensichtlich war unser Blick für die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Demokratie durch den Zusammenbruch des Ostblocks verstellt. Eine ganze Phalanx nichtvisionärer Politiker, mit Ausnahme von Deng Xiaoping, beherrschte gerade zu diesem Zeitpunkt die Weltpolitik, so dass der Eindruck entstand, der Rest der Welt schwenke endlich in die sozialstaatlich gebremste Marktwirtschaft und die westlich dominierte Demokratie ein. Aber das Scheitern der einen Idee ist nicht der Beginn einer neuen Idee, nur in dem Ausnahmefall, dass eine alte Idee scheitert, weil eine neue da ist. Diktatoren wurden selbstverständlich geächtet, bis sich herausstellte, dass Diktaturen auch beträchtliche Vorteile haben, nicht nur für den Diktator selbst und seine nepotische Clique. Selbst eine segregationistische, autoritäre Idee ist mehr Idee als die allgemeine Annahme ewigen Fortschritts und konsensualer Omnipotenz. Dabei ist der autoritäre Blick in die Vergangenheit bei vielen Menschen nicht so unbeliebt, wie die andere Hälfte der Menschheit denken mag.

Es gibt keine einfache Lösung und keinen geraden Weg aus dieser Sackgasse. Volksbefragungen, noch dazu zum jetzigen Zeitpunkt, würden zu einem zeitweiligen Überhang der Ignoranz führen. Zudem ist der direkt-demokratische Prozess noch langwieriger als der repräsentativ-demokratische, der aber auch jede Überschaubarkeit und Transparenz verloren zu haben scheint. Vielleicht könnte Prozessstraffung und Regionalisierung der Politik eine neue Richtung vorgeben. Die AfD ist nicht nur entstanden, weil sich ein Zehntel der Bevölkerung nach markigen Sprüchen, einfachen Antworten und Rehabilitierung der Nazisprache sehnte, sondern weil deren Abgeordnete auch vorführen und nutznießen wollten, wie lukrativ die Demokratie für ihre Betreiber ist. Das ist ein uralter Vorwurf und ein unauflösliches Dilemma: aber, selbst wenn nur Reiche Politik machen würden, gäbe es nicht nur Bismarck und Kennedy, sondern auch Guttenberg und Trump. Eine wieder schärfere Profilierung der Parteien kann man sich nicht wünschen, weil solche Prozesse ganz offensichtlich nicht volitiv verlaufen. Hinzu kommt, dass wir momentan verunsichert darüber sind, ob Parteien überhaupt noch die geeigneten Interessenvertreter sind. Jedenfalls gibt es in Europa schon mehrere Bewegungen, die an die Stelle fest umrissener Programmparteien getreten sind: Cinque Stelle in Italien, Wiosna in Polen und En marche in Frankreich****.  Das ist vielleicht der Sieg der klaren Metaphern über die verklausulierten Programme. Die Politiksprache muss sich umgehend von der Juristen- und der Bürokratensprache abkoppeln. Es ist für uns mittlerweile unerträglich, dass Politiker Juristen und Bürokraten folgen, denen sie Visionen vorgeben sollten. Diese Art der Politiksprache ist der Grund, warum so viele Menschen einfach Sätze (‚Wir schaffen das‘) genauso wenig verstehen wie Fragebögen und Regierungserklärungen. Politisch gescheiterte Rhetoriker sind die willkommene Stütze für diese These: Westerwelle, zu Guttenberg, Lindner, Gysi, Lafontaine, Wagenknecht. Selten fällt geschliffene und apodiktische Rhetorik mit erfolgreicher und angenommener Politik zusammen: Bismarck, Rathenau, Brandt, Schmidt. Politik heißt nicht, jemanden zu überreden, sondern uns alle mitzunehmen.

Globalisierung mit menschlichem Antlitz  

1968 ging von der schönen Stadt Prag eine Hoffnung für Ost und West aus. Denn man darf nicht vergessen, dass in diesem Jahr in Westeuropa und Amerika Studenten Ho-Ho-Ho-Chi-Minh brüllend durch die Städte rannten und gegen das System protestierten, das wir heute noch haben. In Prag, und sympathisierend in allen Ostblockstädten, forderten die Menschen ein Wirtschafts- und Regierungssystem mit menschlichem Antlitz. Deshalb übernehmen wir hier diesen Ausdruck für die globalisierte Wirtschaft, von der uns die Billigimporte aus 150 Ländern erfreuen. Uns erquickt auch der Gedanke, dass wir vom Export in 200 Länder profitieren. Aber für jede für uns negative Erscheinung wird sofort der Kapitalismus denunziert, der wir doch selber sind. Damit sind noch nicht einmal die rechten Proteste gegen die Aufnahme von Flüchtlingen gemeint. Rechte Argumentation entblödete sich nicht, die europäische Einwanderung in Amerika mit ihrer gegen die autochthone Bevölkerung gerichteten Aggression mit den Diktatur- und Armutsflüchtlingen zu vergleichen. Segregationistische Aggression ging in beiden Fällen von derselben Ideologie aus. Jedes Kind weiß, dass Könige in Afrika und Häuptlinge in Nordamerika den Einwanderern äußerst freundlich begegneten, bis sich deren leichenfressende Gier – seit Kolumbus – zeigte. Damit ist auch der Jammer über die Kinderarbeit in Pakistan oder Bangladesh oder Westafrika gemeint, ohne die noch mehr Menschen unter das Existenzminimum gerieten. Europa muss versuchen, von hieraus  den Standard für den Welthandel weiter zu bestimmen. Dazu müssen wir nur unsere Janusköpfigkeit oder Doppelzüngigkeit aufgeben. Wir dürfen keine Waffen mehr exportieren. Wir dürfen keine Waffen mehr herstellen. Wir müssen vom Prinzip der gegenseitigen Meistbegünstigung dann abgehen, wenn es gilt, unterentwickelte Volkswirtschaften zu unterstützen. Dem dient die Merkel-Müller-Initiative in Afrika, die sich im Schatten sinnentleerter Diskussionen über Obergrenzen und Schulschwänzen vollzieht. Über Chinas Menschenrechtsverletzungen darf nicht nur nicht hinweggegangen werden, sondern wir müssen versuchen, in Afrika unseren guten Ruf und unseren Einfluss weiter geltend zu machen, vor allem mit Investitionen. Das Befremden chinesischer Führer über unsere Empörung müssen wir genauso stoisch ertragen, wie die Chinesen einst die Niederschlagung des Boxeraufstandes***** und die Aneignung von Kiautschou (Bewegung des 4. Mai) ertragen mussten. Die Angst vor China muss sofort durch Handeln und Handel überwunden werden. Auch in dieser Beziehung müssen wir uns von der US-Politik abkoppeln. Trump macht es uns leicht.

III

So wie in die alte Kirche ein neuer Konzertsaal geschoben wurde, so wie die alte Form des Orgelkonzerts mit der Autohupenmusik des zwanzigsten Jahrhunderts gefüllt wurde, müssen wir in der alten Welt weiterleben, die wir kontinuierlich reformieren und immer wieder neu denken, statt ihrer Deformation tatenlos zuzusehen. Aber offensichtlich brauchen wir einen Architekten für dem Umbau der Welt.

 

 

*Konzil von Nicäa, Mai bis Juli 325, beschließt die Trinität, den Kanon der Bibel, die Göttlichkeit von Jesus (gegen den Arianismus), die Monopolstellung des Christentums im Römischen Reich, den Termin des Osterfestes und das Glaubensbekenntnis 

**Maximen und Reflexionen

***der fünfzigjährige Krisenzyklus wurde nach dem erschossenen sowjetischen Ökonomen Kondratieff (1892-1938) benannt

****fünf Sterne, Frühling, auf dem Weg

*****1900, profaschistische Hunnenrede Kaiser Wilhelms II., Beginn des 45jährigen Krieges, der am 8. Mai 1945 endete

 

 

schon bestellt?

03_Haus im Fluss

 

BRIEF AN MEINEN SOHN

 

SONY DSCmein lieber sohn,

endlich ist es zeit und gelegenheit auf deinen wunderbaren geburtstagsbrief zu antworten. allerdings muss ich dir scharf widersprechen: seit jahr und tag plädiere ich dafür, dass die eltern den kindern zu danken haben. bei dir begann der dank gleich am zweiten mai, heute vor dreißig jahren, einem wolkigen, windigen, recht frischen tag. du konntest nicht schnell genug auf die welt kommen, auf der kreuzung wilhelm-pieck-/chausseestraße wäre es beinahe schon passiert, um 7.30 uhr blicktest du dann so verknittert und originell in die welt, ein kreativer zwerg, den man gleich liebhaben musste. viele menschen waren damals mit der beendigung der ddr beschäftigt, andere wiederum hatten mit ihrer angst zu tun, dass alles anders und also schlechter werden könnte, das hamlet-syndrom. unbeeindruckt von all dem – ausgenommen die direkten wochen des umsturzes – sind wir beide an der mauer entlangspaziert, denn abgesehen von aller späteren freude, hast du mir zunächst einmal ein babyjahr beschert, das ich mit dir zusammen genossen habe. schon in der küche in der linienstraße warst du unser kleiner clown.

unser domizil in moor war von vornherein auch für euch konzipiert und ihr habt es wunderbar angenommen. es ist natürlich gut zu hören, dass du, dass ihr das domizil (und ich wiederhole das wort, weil moor eben immer mehr war als nur ein haus), diese bedingungen zu einer glücklichen kindheit verschmelzen konntet. das wichtigste im leben ist aber nicht, was man macht, was man ist, und schon gar nicht, woher man kommt, sondern, ob man es geschafft hat, so selbstbestimmt wie möglich zu sein. die zwänge sind immer groß, aber dem allgemeinen jammern, dass sie zunähmen, kann man nicht zustimmen. gerade an unserem haus kann man ablesen, wie die zwänge früherer zeiten die menschen und vor allem auch die kinder niederdrückten. man sollte in jedem haus neben dem strom-, dem gas- und dem wasserzähler auch einen unmündigkeitszähler anbringen, der misst, wo wir vormündern ohne äußere not gefolgt sind. dann würde sich zeigen, dass wir die meiste zeit mit dem anfertigen von ausreden zu tun haben, die wir zur rechtfertigung vor uns selbst zu benötigen glauben. andererseits muss man sich auch bedingungen stellen, die einen vor dem abseits bewahren: man muss geld verdienen, man muss kompromisse eingehen, man muss dem gemeinwesen in bestimmtem maße dienen, das einem selbst auch dient.

die frage, ob man rousseau lesen muss, beantwortet sich so von selbst, aber es muss natürlich nicht im ersten studienjahr sein. die ddr, indem sie uns bestimmte bücher und erkenntnisse und länder vorenthielt, hat uns damit eine freude für spätere zeiten aufbewahrt, und so kann man es auch im eigenen freieren leben halten: man muss und kann nicht alle erkenntnisse gleichzeitig haben. erkenntnisse sind auch nur dann wirklich etwas wert, wenn sie gelebt und gefühlt werden können, und dazu braucht man zeit. einer dieser abhängigkeits- und faulheitsapostelsprüche ist ja: man muss das rad nicht neu erfinden, nein, aber man muss es immer wieder neu denken.

nicht gerade der erfinder, wohl aber der neuentdecker diese thinking out of the box ist dein großer freund leonardo aus dem kleinen dörfchen vinci, der gerade heute seinen fünfhundertsten todestag hat. ein kleiner witz am rande ist, dass auf der einen seite sein gemälde salvator mundi für 450 millonen dollar verkauft wurde und verschwunden ist, andererseits jede christliche flüchtlingsfamilie sein letztes abendmahl, das bröckelnde sgraffito, an der wand hat, dass es auch so eine klaine nachtmusik/air/kreuz im gebirge/vocalise geworden ist. nimmt man die mona lisa und den vitruvianischen mann von der krankenkassenkarte dazu, dann sind es schon vier bildnarrative, die leonardo uns geschenkt hat und die noch lange nicht verschlissen sind. sein code lautet: mach dich nicht abhängig, auch wenn du notgedrungen abhängig bist, besser eine feier organisieren als gar nicht zu feiern, abmalen kann jeder, habe den mut zur eigenen mona lisa. anagramme schaffen dabei nur scheingeheimnisse, keine lösungen. leonardo hat bestimmt den computer vorausgedacht, solche geheimnisse konnten ihn nicht ängstigen, dafür die geheimnisse der natur und der natur des menschen um so mehr anziehen. lehrersein ist nicht die schlechteste möglichkeit, sich den menschen forschend zu nähern. man sieht sie, nicht wie der arzt nur in angst und schrecken, sondern auch in freude und wissbegier, in der lust des lernens und der geistigen hingabe.

apropos kreuz im gebirge: gespannt sein darf man auf euer haus im gebirge, einerseits von hohen ansprüchen gezeichnet, andererseits mit großem geschick gebaut? so könnte es kommen. was bleibt zu wünschen übrig? ich finde es wunderbar, dass du so viel liest und noch wunderbarer finde ich es, wenn wir beide die gleichen bücher lesen. ich weiß gar nicht, wann du liest, mir fällt es schwer zu lesen, nicht weil ich zu viel zu tun habe, sondern weil ich zu viel im internet oder irgendwo bin. ich war entzückt, wie lange wir im städelmuseum in frankfurt waren, dann sogar noch das architekturmsueum nachgeschoben haben. theater versteht sich von selbst. aber was ist mit der musik: ich wünsche dir, dass du viel üben musst, weil du auftritte hast, dass du viel klavier spielst und dir den spielerischen umgang mit der musik jetzt noch mehr bewahren kannst als früher, wo auch immer ernst und angst wie silberfäden eingewoben waren.

die kinder werden es mögen, wenn du lustige sachen am klavier machst und wenn du dann eine taschentrompete hervorzauberst und auf ihr einen esel – oder irgend jemand anderen – nachahmst. auch in der schule wirst du es merken: es ist schön, wenn die kinder dankbar sind, aber noch schöner und noch wichtiger ist es, wenn wir ihnen danken, was wir von ihnen und mit ihnen – oder für sie – lernen, weil wir durch sie gute laune behalten und nicht zu griesgrämigen greisen werden, weil sie selbst meist fröhlich sind oder gut drauf, ein eigenes kind – obwohl es einem nicht gehört – wäre nicht schlecht, aber das könnt ihr nur alleine wissen, die liebe zu deiner frau ist zu pflegen, und schließlich und letztlich muss man auch hin und wieder an sich denken.                                        

beste grüße und wünsche

dein vater          

 

 

der specht ist die percussion
des waldes so ein rhythmus je
der konstruktion die höhle
als gleichnis wie sähen

wohl die jungen spechte
die welt wenn sie die
welt nicht sähen als
zwang und mühsal

kein verlangen hätten
sie nach freiheit wenn
ihre eltern ihnen die 
freiheit nicht als paradies

zeigten voller würmer
und bäume und maden
voller gesang und mit
schönheit und percussion

 

gedicht aus: haus im fluss, grille-verlag 2018