BELOVED LOSERS

Nr. 352

Wenngleich viele Menschen harmoniesüchtig sind, so betonen sie doch die Verschiedenheit in der Person, in der Sache, in der Herkunft. Ich frage mich deshalb, ob wir nicht bedeutend stärker sein könnten, wenn wir den Konsens betonten. Statt dessen vergeuden wir unsere Kraft im Dissens. Der Dissens geht wahrscheinlich oft aus der Differenz hervor, die niemand leugnen wird. Die Frage ist nur jeweils, wie stark die Differenzen sind und welche Kraft sie entwickeln können. Unüberbrückbar scheinende Differenzen entspringen oft dem Vorurteil. Segregation und Hierarchie werden als Naturgesetze hingestellt, so dass ihnen nicht zu entkommen sei. Man könnte also sagen, dass die ahistorische Sicht den Dissens gebiert. Die menschliche Welt ist nicht synchron, aber immer historisch, asynchron ist nicht identisch mit ahistorisch.

Geschichte verläuft also nicht linear, sondern, wie wir schon oft betont haben, sinusförmig. Die Menschheit begann vielleicht im heutigen Kenia sich bipedisch fortzubewegen, aber das heißt nicht, dass sie in Kenia heute am weitesten ist. Das heißt eigentlich nichts. Nur merkwürdig ist eben, dass ein Vorurteil geschaffen wurde, das Entwicklung und Geschichte nicht nur umkehrte, sondern daraus auch die Bedeutung des europäischen Menschen ableitete. Selbst die Darstellung von Yesus als blondem, blauäugigem, hellhäutigem Menschen ist dieser reziproken Sicht geschuldet. Am schlimmsten ist es wohl, dass nicht nur die selbst ernannte Oberschicht diese Umkehrung glaubt, weil sie sie glauben will, sondern auch die verdammte Unterschicht, weil sie sie glauben muss. Allenfalls gibt es einen zeitweiligen Adel des Geistes oder einen Adel des Herzens.

Wer jetzt allerdings moralische Aufrufe, die Welt vom Kopf auf die Füße zu stellen, erwartet, wird sich getäuscht finden. Die Welt dreht sich von allein. Alle Vorstellungen von einem Demiurgen sind anthropomorph. Sie stellen sich also einen Menschen als Lenker der Menschen vor, einen entrückten Menschen, einen gestorbenen und wieder auferstandenen Menschen, einen Menschenmenschen, aber eben einen Menschen. So wie es aber keine Triebkraft der Evolution gibt, denn Evolution ist ja nicht der Prozess, sondern seine Beschreibung, so gibt es auch keinen Antreiber der Menschen. Der Prozess der Evolution oder des menschlichen Lebens ist die Akkumulation und das Miteinander tausender und abertausender Teilprozesse. Das wahre Wunder ist der Konsens, nicht seine Beschreibung.

Wir wissen nicht, welche Musik Emil Berliner bevorzugte, ob er überhaupt Musik liebte. Vielleicht liebte er, dem Vorurteil entsprechend, nur das Geld. Vielleicht hat er über seine Erfindung gar nicht nachgedacht, sondern sie nur ausgeführt, weil seine Frau ihm die Ausführung nicht zugetraut hat? Es ist über Emil Berliner und seine Brüder sträflich wenig bekannt, was auch mit der Atemlosigkeit der darauffolgenden Entwicklungen zu tun haben kann, aber es steht fest, dass sie die Welt in einen nie dagewesenen Schwung versetzte. Die Schallplatte hat gleichzeitig die zeitliche und räumliche Reproduzierbarkeit von Sprache und Musik ermöglicht. Das gleiche Musikstück in der nämlichen Interpretation konnte jetzt an jedem Ort und in jeder Zeit außer der Vergangenheit aufgeführt werden. Daraus sind vielleicht die falschen Gedanken der Identität und der Gleichzeitigkeit entstanden. Wenn ein Streichquartett spielt und gespielt wird und im Nebenraum die Aufnahme des gleichen Streichquartetts erklingt, so ist das weder wirklich gleichzeitig noch identisch. Wer das nicht glaubt, höre sich György Ligetis legendäre Komposition – Poéme Symphonique – mit den 100 Metronomen an.

Ungeachtet der Absichten der Erfinder stellt sich die Erfindung in eine komplexe Welt und macht sie noch komplexer, so komplex, dass wir ihr nicht mehr folgen können, obwohl wir mitten in ihr leben. Wir essen auch die Brötchen eines Bäckers, der bäckt, nicht damit wir, sondern auf dass er satt werde. Geschichte ist immer paradox, reziprok oder dilemmatisch, sinusartig, jedoch selten linear.

Aus der ständigen Anwesenheit von Geschichten ergab sich jedenfalls, dass wir die Ursachen gegenwärtigen Geschehens in gegenwärtigen Geschichten statt in Tatsachen suchen. Vielmehr haben wir erkannt oder glauben wir erkannt zu haben, dass es so gesehen gar keine Tatsachen, sondern nur ihre Interpretationen gibt. History und story waren früher zeitlich und räumlich getrennt. Die alten Israeliten glaubten die Gründungsgeschichte ihres Volkes und Staatswesens in des Hirtenjungen Davids Sieg über den Giganten Goliath. Aber das war lange her. Heute dagegen glauben wir nicht, dass ein böser Bube unsere Fensterscheiben eingeworfen hat, sondern wir nehmen lieber an, dass der Hausbesitzer einen noch böseren Buben angeheuert hat, der uns die Fensterscheiben einwirft, damit er die Miete erhöhen und/oder uns hinausekeln kann. Wir glauben sogar lieber Mythen als der Geschichte, weil die Geschichte weniger greifbar ist, als es die Mythen sind. Wir sehen in jeder Grippe eine biologische Waffe, so wenig logisch das auch sein mag, in jeder Gruppe, zu der wir nicht gehören, aggressive loser oder verlierende Angreifer. Periodisch tauchen Fremde oder Wölfe auf, um an unserem Reichtum zu nagen, den wir immer für verdient und für schwer erarbeitet halten.

Der Verlierer lebt eher im Konsens mit sich selbst als der Gewinner, der mit Mythen seinen Gewinn verteidigen zu müssen glaubt. Der geschäftlich erfolgreiche Mensch wird allerdings zum Mythos vom self made man gewöhnlich den Geiz als support hinzufügen. Hartherzigkeit ist in so zahllose Geschichten eingegangen, dass wir sie glauben müssen. Umgekehrt glaubt niemand an den Egoismus der Armen. Ihnen bleibt nur die Gutherzigkeit, da die Hartherzigkeit schon vergeben ist. Zur Geschichte und zum Mythos treten Dichotomie und Evidenz. Der Mythos lebt von der Gutgläubigkeit. Der Zweifel dagegen erschafft die Schallplatte und das Smartphone, das die Welt mehr verändern wird als heute irgendjemand auch nur ahnt. Die Verlierer werden wissender, die Gewinner werden zweifelnder, die Regierenden werden transparenter, die Regierten mutiger – all das wird möglicherweise durch das smartphone befördert werden. Oder aber es wird, wie bei der Schallplatte oder beim Automobil schon in einer Generation Folgen geben, die heute niemand ahnt, weil er sie nicht ahnen kann. Zwar kann man einerseits nichts vermissen, was man nicht hat, aber andererseits kann niemand wissen, was er schon bald haben wird. Vielleicht führt bald, bald ein gegenseitiger Maximalkonsens vermittels technisch gestützter Empathie zu gegenseitiger maximaler Zuwendung. Denn das smartphone und andere, noch nicht erahnbare Techniken verhelfen uns zur Verwirklichung unserer geträumten Imagines, statt starrer dummer Identitäten. Warum soll der Mensch weniger sein als eine Raupe, wenn er schon nicht mehr ist?

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VERSCHWUNDENE MENSCHEN

Nr. 351

Immer wieder verschwinden Menschen. Viele werden schon am nächsten Tag wiedergefunden. Manche wollen ihr bisheriges Leben verlassen und ein neues beginnen. Vielleicht haben sie Schulden, vielleicht das Gegenteil: Überdruss, vielleicht belastet sie eine unerwiderte Liebe. Jugendliche beginnen mit dem verschwinden oft eine Drogen- oder Outlaw-Karriere. In vielen Wohlstandsländern, wie auch bei uns, nehmen sich viele Menschen das Leben.

Philosophisch und evolutionär mag der Tod erklärlich sein, die Religionen können tröstlich sein, aber für das namenlose Verschwinden von Menschen in einer überinformationellen und auch hochfürsorglichen Welt gibt es keine Erklärung.

Zwei Dörfer neben meinem lebten anfangs der neunziger Jahre in einer aus der DDR übrig gebliebenen verwahrlosten Siedlung Menschen am Rand der Gesellschaft. Nur mühselig gelang es ihnen, sich in das überbürokratisierte Sozialsystem des neuen Staates einzufügen. Für sie war die Welt aus den Fugen, und sie versuchten mit Gelegenheitsjobs und kleinen Diebstählen auf der einen, auf der anderen Seite aber mit Insistieren auf ihrem Lebensrecht und mit Umzügen in eine bessere Welt, wo die Beamtinnen in den Sozialämtern netter wären, sich diese ihre Welt neu einzurichten. Manchmal war auch einfach der Verkauf des Hauses, in dem sie bisher gelebt hatten, der Grund, die Gegend zu verlassen. Ein schon etwas älterer alleinstehender Mann, nennen wir ihn R., blieb übrig. Seine Nachbarn, die alten wie die neuen, versicherten immer wieder, dass sie ihm bessere Lebensbedingungen angeboten hätten, ein Zimmer, den Dachboden, einen alten Campinganhänger. Er blieb aber in seinem Schuppen ohne Fenster, ohne Strom und ohne Wasser. Er ging früh schlafen und stand spät auf. Man konnte das an der Tür zu seinem Schuppen erkennen, wenn man auf der an dieser Stelle engen Dorfstraße an dem Hof vorbeifuhr. Heute fragt man sich: wer half ihm, wenn er krank war. Manchmal stand er an der Bushaltestelle, um in die Kreisstadt zu fahren. An anderen Tagen fuhr er mit seinem Fahrrad und mit klappernden Flaschen im aufmontierten Einkaufskorb in die ‚Deine Kette‘ genannte ehemalige Konsumverkaufsstelle der benachbarten Kleinstadt, um sich ein paar Flaschen Bier zu kaufen. Manchmal versuchte er dabei eine Flasche Schnaps zu stehlen. Wenn er erwischt wurde, erhielt er als Strafe ‚gemeinnützige Arbeitsstunden‘, über deren Ableistungen in Gemeinschaft oder für Projekte er sich so freute, dass er leise verkündete, dass er wieder stehlen werde, um wieder hier arbeiten zu dürfen. Einige Nachbarn gaben ihm hin und wieder etwas Arbeit, die er auch still und gerne verrichtete. Das verdiente Geld trug er stets mit seinem klappernden Fahrrad in den Konsum, der jetzt DEINE KETTE heißt. Wie er den Winter überstand, wissen wir nicht. Im Winter sah man ihn fast nie. Jetzt ist er an Krebs gestorben, im Dorf wird aber auch gemunkelt, dass ihm niemand Essen und trinken und Medikamente brachte. Die Hütte, die manch anderer noch nicht einmal als Hühnerstall benutzt hätte, wurde sogleich abgerissen. Die Kriminalpolizei ermittelte wegen unterlassener Hilfeleistung. Auf dem Friedhof weiß niemand etwas von einer Beerdigung. Alle bisher befragten kannten seinen Namen nicht, sondern nannten ihn R. Wenn die Landschaft ein Gemälde wäre, würde er fehlen.

‚Er war selbst schuld.‘ Mit diesem Satz schleichen wir uns gern aus der Verantwortung für unsere Mitmenschen. Neuerdings gibt es sogar wieder eine Partei, die die sozialdarwinistische Ansicht vertritt, jeder – und jedes Land – sei sich selbst der oder das nächste, da ohnehin nur der stärkere gewinnt, wir seien nicht das Sozialamt der Welt. Mit dem Satz, dass jemand selbst schuld war, unterstützen wir den Hang zum monokausalen Denken. So wie niemand allein seines Glückes Schmied ist, so ist auch keiner allein seines Unglücks Müllmann. Wieder zwei Dörfer weiter in die andere Richtung wohnt eine Frau in einem Container, weil eine Abrissfirma, die die dem Nachbarn gehörende Scheune – schon das war fragwürdig – entsorgen sollte [ENTSORGEN, ABSCHIEBEN, WEGWERFEN – die Konservativen immer vorneweg] ihr Haus versehentlich mit abriss. Zum Glück, dessen Schmiedin sie nicht war, musste sie an diesem Tag zum Arzt, sonst hätte sie keinen Arzt mehr gebraucht. Das Unglück kommt mit Schuld daher, sicher, aber auch mit Unwetter und bürokratischen oder technischen Katastrophen, mit Neid und Missgunst, mit Eifersucht, Streit und Sozialdarwinismus. Wenn wir die Schuld bei uns suchen würden, wären die Täter schneller gefunden.

Im Februar des vorigen Jahres ertrank unter dem Eis des Sees unserer Kreisstadt ein blutjunger Flüchtling aus Pakistan. Er war ein freundlicher junger Mann, wie seine Kollegen und Mitbewohner bestätigen. Er arbeitete in einer gastronomischen Einrichtung der Kreisstadt, einem Mittelding zwischen Hotel und Jugendherberge. So gesehen war er erstaunlich gut integriert.

Man kann die Faszination der Südländer für das Eis beobachten und verstehen. Vor vielen Jahren rief mein erster afrikanischer Freund I’M JESUS, als er über sein erstes Eis lief. Später wurde er erschossen – beinahe auch wie Yesus –, weil er zur falschen Befreiungsorganisation gehörte. Eis ist ein Phänomen, das es nur im Norden oder in großer Höhe gibt, vielleicht nicht mehr lange.

Der junge Mann, der Neubürger der Kreisstadt, hatte jedenfalls den ersten Urlaub in seinem Leben – bei uns genießen schon die kleinsten Kinder den Urlaub der Eltern als eigenen – und er ging vielleicht gern spazieren. Er ging auf das Eis, brach ein, rief um Hilfe, wurde auch gehört, aber die schnell eintreffenden Rettungskräfte konnten ihn nicht finden. Das Eis hatte ihn verschluckt. Wenn die Landschaft ein Gemälde wäre, würde er fehlen. Es gab dann eine großangelegte Suchaktion, darin sind wir groß. In diesem Fall war die aufwändige Suche vergebens, in vielen anderen Fällen rettet sie Leben. Der Junge wurde dann auf einem muslimischen Friedhof in Berlin beerdigt. Auf seinem Grab steht eine Nummer. Darin sind wir klein.

Integration ist nicht ein überwiegend juristischer und sozialbürokratischer Prozess, der sogar bei genuin-inländischen Menschen schwerer zu fallen scheint als bei – auffälligeren – neu zugewanderten. Integration geht nur, wenn man über den eigenen Gartenzaun, die Landesgrenze und Herkunft hinaus zu blicken bereit und fähig ist. Integration heißt nachfragen.

[DAS GEMEINDEKIND]

Nr. 350

Über Vergänglichkeit kann man sich nur wundern: alles vergeht, jegliches hat seine Zeit, aber bei manchen Dingen ist es eben bedauerlich, dass sie weg sein sollen. Wenn man durch Zufall oder was sonst auf die alte Geschichte vom Gemeindekind stößt, wundert man sich als erstes, dass es vergessen ist, dass Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach die größte deutschsprachige Erzählerin ist und sich heute noch atemlos liest. Dabei erscheint sie auf dem bekanntesten Bild als eine runzlige, ziemlich dicke alte Frau. Sie musste nicht schreiben, sie besaß von Haus aus ein beträchtliches Vermögen nebst schönem Schloss und heiratete zum Überfluss mit achtzehn Jahren einen nicht nur reichen, sondern auch intelligenten und höchst originellen Mann, der Professor für das Geniewesen der österreichischen Armee war und dessen wichtigstes Arbeitsergebnis und Buch hieß: DER LUFTBALLON IM KRIEG. Sie schrieb, um die Menschheit zu erziehen, und dafür – für dieses heute etwas in Verruf geratene Schreibziel – sind ihre Geschichten umwerfend gut.

In dem kleinen Roman ‚Gemeindekind‘ geht es zunächst um eine höchst asoziale und verbrecherische Familie, deren Kinder nach Aburteilung der Eltern zur Disposition stehen. Das folgsame Mädchen kommt in die Obhut der Gutbesitzerin – das ist eine runzlige, ziemlich dicke alte Frau. Ihre Verschroben- und Direktheit wird liebenswürdig geschildert und man glaubt ihr beinahe nicht ihre Empathie und ihre eigene Entwicklung, bis man ihr glaubt, dass Wohltaten wohltun. Allerdings versteht sie bis zum tragischen Ende des Mädchens nicht, dass man niemandem wohltut, den man in die Obhut der Unmündigkeit, und sei sie auch im prächtigsten Gewand, zurückgibt. Die Kirche erachtet die fiktive Seele höher als das reale Leben.

Dem Knaben hingegen scheint ein Leben als Nichtsnutz und Verbrecher vorherbestimmt. Er wird in eine wiederum asoziale und verachtete Familie gegeben, um Kosten zu sparen. In ganz Europa war damals das Armenwesen in die Hände und Kassen der Gemeinden gelegt. Das war weitaus konkreter als Hartz IV. Jedoch waren die Empfänger der dürftigen Sozialleistungen auch der Diskriminierung durch die direkt zahlenden Menschen im Dorf und in der Kleinstadt ausgesetzt. Als wirklich eingeboren galt damals der Hochangepasste. Als fremd und zu bekämpfen galt der Unangepasste, der Arme, Asoziale, der Nomade. Wirklich Fremde aus der Fremde gab es so selten, dass sie namengebend wurden.

Die Geschichte ist in zwei Teile gegliedert und bei all den Niederungen menschlicher Schicksale, die der erste Teil bis zur Schmerzgrenze schildert, kann man leicht glauben, dass der zweite Teil den reich gewordenen ehemaligen Verbrecher als Wohltäter zeigt. Dieses Märchen hat später der Schweizer Dichter Dürrenmatt zerlegt, indem er die alte Dame Wahltaten im höheren Sinne bringen lässt. Ebner-Eschenbach hingegen lässt ihn im zweiten erst erkennen, dass es überhaupt Alternativen gibt. Und nach der Entwicklung des Protagonisten und der alten liebenswert-mürrischen Gutsbesitzerin kommt nun das Porträt eines Dorfschullehrers, das von Tolstoi sein könnte, wenn Tolstoi statt über Grafen und Generäle über die Dorfschullehrer geschrieben hätte, von denen er selbst einer hätte sein wollen. Seine wichtigste Frage war, und es sollte auch unsere wichtigste Frage heute sein, – was wird aus den Talenten, die wir nicht entdecken? Die alte Freifrau, auch Tolstoi war Graf, weiß die Antwort: der Lehrer, der sich vollkommen überfordert mit der körperlichen Züchtigung vermeintlicher und tatsächlicher Delinquenten zeigt, ist selbst ein nicht entwickeltes Talent, das sein Ziel um Längen verfehlte, aber dessen Blick geschärft ist für nicht entwickelte Talente. Während heute und bei uns Verachtung, Überforderung und bürokratische Vereinnahmung der Lehrer üblich sind, wird hier das liebevolle und tiefsinnige Portrait eines Lehrers gemalt, der, wie es so schön heißt, seines Amtes waltet, und sein Amt ist es, Talente zu entdecken und zu fördern. Dieser Lehrer weiß schon lange: prügeln verschlimmert das, was es bessern wollte. Bessern kann immer nur die bessere Methode: Liebe. Vielleicht sind solcherart Botschaften überhaupt in Misskredit geraten, vielleicht aber stört uns, dass es bei den Protagonisten der hoch- und herzensgebildeten Freifrau um alles oder nichts, sein oder nicht sein, um existenzielle Fragen geht. Wir dagegen befinden uns in der komfortablen Lage, fast ausschließlich über Luxusprobleme zu diskutieren, die wir kurzerhand zu existenziellen Fragen umdichten. Flaschensammler sind bei uns keine Flaschensammler, sondern bis auf Hemd abzehrte, von der Regierung sträflichst vernachlässigte Typen. Weil wir eine, wenn auch in ihrer Überbürokratisierung manchmal unbeherzte und herzlose Regierung haben, die sich um fast alles kümmert, glauben wir allzugerne, dass sie sich um alles, aber auch wirklich alles kümmern muss. Am linken und am rechten Rand der Gesellschaft wird das lächerlicherweise bis ins Absurde geführt: da tummeln sich in Regierungsämtern frivole Ausbeuter und kaltschnäuzige Volksaustauscher. Dabei stammt dieser Gedanke aus einem hasenfüßigen Gedicht Bertolt Brechts, der zu feige oder zu geldgierig war, seinem Staatschef die Meinung zu sagen und stattdessen lieber ein Gedicht nicht veröffentlichte, das vorschlug statt der Regierung das Volk auszutauschen. Noch lustiger ist die Personifizierung einer modifizierten Wirtschaftsmethode, des Kapitalismus, als eine Art Väterchen Frost, dem man mit dem Teekesselchen des schon zu Marx‘ Zeiten falschen Marxismus leicht beikommen könnte.  Diese Blickwinkel vernachlässigen, dass es in der Mitte der Gesellschaft nach wie vor Millionen von Menschen mit Verantwortung und Leidenschaft gibt, darunter auch viele Rentner, die keine Flaschen, sondern Spenden sammeln und Erfahrungen weitergeben.

Es gibt keine einfachen Lösungen, aber eine Lösung ist es, einfach dem nächsten besten zu helfen, der uns begegnet. Um das zu befördern, bedarf es keines Pessimismus, sondern guter Lehrer auf dem Dorf und in der Stadt, wörtlich und metaphorisch.

Der geübte Leser wird zu dieser Geschichte in seinem inneren Ohr Mahlers wunderschönes episodisches Gesamtkunstwerk hören, die erste Sinfonie, die voller Zauber ist und wie Ebner-Eschenbachs Geschichte voller unerwarteter Wendungen. Beide stammen aus derselben Zeit und aus derselben Gegend, nur dass Mahler eher das Gemeindekind war und Ebner-Eschenbach, ohnehin dreißig Jahre älter, die Erzieherin der Menschheit. Aber Vorsicht: erziehen ist ein altes und wahrscheinlich falsches Wort, denn es gibt eine verallgemeinerte, von der Gesellschaft oder dem Zeitgeist anempfohlene Richtung vor und verlangt Anpassung. Der wahre Lehrer dagegen spürt das Talent, die seelische Not, den Hilferuf, und versucht, die Gesellschaft an dieses eine Kind anzupassen, das er entdeckt hat. MORNING BELLS ARE RINGING?