[DAS GEMEINDEKIND]

Nr. 350

Über Vergänglichkeit kann man sich nur wundern: alles vergeht, jegliches hat seine Zeit, aber bei manchen Dingen ist es eben bedauerlich, dass sie weg sein sollen. Wenn man durch Zufall oder was sonst auf die alte Geschichte vom Gemeindekind stößt, wundert man sich als erstes, dass es vergessen ist, dass Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach die größte deutschsprachige Erzählerin ist und sich heute noch atemlos liest. Dabei erscheint sie auf dem bekanntesten Bild als eine runzlige, ziemlich dicke alte Frau. Sie musste nicht schreiben, sie besaß von Haus aus ein beträchtliches Vermögen nebst schönem Schloss und heiratete zum Überfluss mit achtzehn Jahren einen nicht nur reichen, sondern auch intelligenten und höchst originellen Mann, der Professor für das Geniewesen der österreichischen Armee war und dessen wichtigstes Arbeitsergebnis und Buch hieß: DER LUFTBALLON IM KRIEG. Sie schrieb, um die Menschheit zu erziehen, und dafür – für dieses heute etwas in Verruf geratene Schreibziel – sind ihre Geschichten umwerfend gut.

In dem kleinen Roman ‚Gemeindekind‘ geht es zunächst um eine höchst asoziale und verbrecherische Familie, deren Kinder nach Aburteilung der Eltern zur Disposition stehen. Das folgsame Mädchen kommt in die Obhut der Gutbesitzerin – das ist eine runzlige, ziemlich dicke alte Frau. Ihre Verschroben- und Direktheit wird liebenswürdig geschildert und man glaubt ihr beinahe nicht ihre Empathie und ihre eigene Entwicklung, bis man ihr glaubt, dass Wohltaten wohltun. Allerdings versteht sie bis zum tragischen Ende des Mädchens nicht, dass man niemandem wohltut, den man in die Obhut der Unmündigkeit, und sei sie auch im prächtigsten Gewand, zurückgibt. Die Kirche erachtet die fiktive Seele höher als das reale Leben.

Dem Knaben hingegen scheint ein Leben als Nichtsnutz und Verbrecher vorherbestimmt. Er wird in eine wiederum asoziale und verachtete Familie gegeben, um Kosten zu sparen. In ganz Europa war damals das Armenwesen in die Hände und Kassen der Gemeinden gelegt. Das war weitaus konkreter als Hartz IV. Jedoch waren die Empfänger der dürftigen Sozialleistungen auch der Diskriminierung durch die direkt zahlenden Menschen im Dorf und in der Kleinstadt ausgesetzt. Als wirklich eingeboren galt damals der Hochangepasste. Als fremd und zu bekämpfen galt der Unangepasste, der Arme, Asoziale, der Nomade. Wirklich Fremde aus der Fremde gab es so selten, dass sie namengebend wurden.

Die Geschichte ist in zwei Teile gegliedert und bei all den Niederungen menschlicher Schicksale, die der erste Teil bis zur Schmerzgrenze schildert, kann man leicht glauben, dass der zweite Teil den reich gewordenen ehemaligen Verbrecher als Wohltäter zeigt. Dieses Märchen hat später der Schweizer Dichter Dürrenmatt zerlegt, indem er die alte Dame Wahltaten im höheren Sinne bringen lässt. Ebner-Eschenbach hingegen lässt ihn im zweiten erst erkennen, dass es überhaupt Alternativen gibt. Und nach der Entwicklung des Protagonisten und der alten liebenswert-mürrischen Gutsbesitzerin kommt nun das Porträt eines Dorfschullehrers, das von Tolstoi sein könnte, wenn Tolstoi statt über Grafen und Generäle über die Dorfschullehrer geschrieben hätte, von denen er selbst einer hätte sein wollen. Seine wichtigste Frage war, und es sollte auch unsere wichtigste Frage heute sein, – was wird aus den Talenten, die wir nicht entdecken? Die alte Freifrau, auch Tolstoi war Graf, weiß die Antwort: der Lehrer, der sich vollkommen überfordert mit der körperlichen Züchtigung vermeintlicher und tatsächlicher Delinquenten zeigt, ist selbst ein nicht entwickeltes Talent, das sein Ziel um Längen verfehlte, aber dessen Blick geschärft ist für nicht entwickelte Talente. Während heute und bei uns Verachtung, Überforderung und bürokratische Vereinnahmung der Lehrer üblich sind, wird hier das liebevolle und tiefsinnige Portrait eines Lehrers gemalt, der, wie es so schön heißt, seines Amtes waltet, und sein Amt ist es, Talente zu entdecken und zu fördern. Dieser Lehrer weiß schon lange: prügeln verschlimmert das, was es bessern wollte. Bessern kann immer nur die bessere Methode: Liebe. Vielleicht sind solcherart Botschaften überhaupt in Misskredit geraten, vielleicht aber stört uns, dass es bei den Protagonisten der hoch- und herzensgebildeten Freifrau um alles oder nichts, sein oder nicht sein, um existenzielle Fragen geht. Wir dagegen befinden uns in der komfortablen Lage, fast ausschließlich über Luxusprobleme zu diskutieren, die wir kurzerhand zu existenziellen Fragen umdichten. Flaschensammler sind bei uns keine Flaschensammler, sondern bis auf Hemd abzehrte, von der Regierung sträflichst vernachlässigte Typen. Weil wir eine, wenn auch in ihrer Überbürokratisierung manchmal unbeherzte und herzlose Regierung haben, die sich um fast alles kümmert, glauben wir allzugerne, dass sie sich um alles, aber auch wirklich alles kümmern muss. Am linken und am rechten Rand der Gesellschaft wird das lächerlicherweise bis ins Absurde geführt: da tummeln sich in Regierungsämtern frivole Ausbeuter und kaltschnäuzige Volksaustauscher. Dabei stammt dieser Gedanke aus einem hasenfüßigen Gedicht Bertolt Brechts, der zu feige oder zu geldgierig war, seinem Staatschef die Meinung zu sagen und stattdessen lieber ein Gedicht nicht veröffentlichte, das vorschlug statt der Regierung das Volk auszutauschen. Noch lustiger ist die Personifizierung einer modifizierten Wirtschaftsmethode, des Kapitalismus, als eine Art Väterchen Frost, dem man mit dem Teekesselchen des schon zu Marx‘ Zeiten falschen Marxismus leicht beikommen könnte.  Diese Blickwinkel vernachlässigen, dass es in der Mitte der Gesellschaft nach wie vor Millionen von Menschen mit Verantwortung und Leidenschaft gibt, darunter auch viele Rentner, die keine Flaschen, sondern Spenden sammeln und Erfahrungen weitergeben.

Es gibt keine einfachen Lösungen, aber eine Lösung ist es, einfach dem nächsten besten zu helfen, der uns begegnet. Um das zu befördern, bedarf es keines Pessimismus, sondern guter Lehrer auf dem Dorf und in der Stadt, wörtlich und metaphorisch.

Der geübte Leser wird zu dieser Geschichte in seinem inneren Ohr Mahlers wunderschönes episodisches Gesamtkunstwerk hören, die erste Sinfonie, die voller Zauber ist und wie Ebner-Eschenbachs Geschichte voller unerwarteter Wendungen. Beide stammen aus derselben Zeit und aus derselben Gegend, nur dass Mahler eher das Gemeindekind war und Ebner-Eschenbach, ohnehin dreißig Jahre älter, die Erzieherin der Menschheit. Aber Vorsicht: erziehen ist ein altes und wahrscheinlich falsches Wort, denn es gibt eine verallgemeinerte, von der Gesellschaft oder dem Zeitgeist anempfohlene Richtung vor und verlangt Anpassung. Der wahre Lehrer dagegen spürt das Talent, die seelische Not, den Hilferuf, und versucht, die Gesellschaft an dieses eine Kind anzupassen, das er entdeckt hat. MORNING BELLS ARE RINGING?

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