GESCHICHTE IST QUATSCH

Nr. 357

Es ist nicht ganz leicht zu verstehen, dass man die Geschichte kennen sollte, um sich einzuordnen, dass aber die eigne Herkunft kein Qualitätsmerkmal gegenüber anderen Menschen ist. Eigentlich schließen sich die beiden sogar gegenseitig aus. Denn wer glaubt, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer Gruppe über dem aktuellen Verhalten steht, glaubt ja gerade, dass die Geschichte nichts bewirkt. Lange Zeit habe ich Henry Ford für seinen prägnanten Satz bewundert, dass Geschichte Quatsch sei. Der Satz, so schien mir in meiner ganzen Jugend, wäre antiautoritär, weil er der offensichtlichen, plakativen Berufung der gesamten Erwachsenenwelt in Ost und West auf die Geschichte widersprach. Aber der Mann war Antisemit, ein Bewunderer Hitlers, eher ein Trump als ein Tramp. Seine Bedeutung liegt in der sozial gestützten industriellen Massenproduktion mit wissenschaftlich untersetzter Technologie. Dieser in Deutschland von Rathenau begründete Produktions- und Konsumtionstyp wird auch Fordismus genannt. Der Satz war nur antiautoritär in bezug auf Produktionsmethoden. Der Fordkonzern ist heute noch in Familienbesitz und an der Spitze der Weltautomobilproduktion (2017 an vierter Stelle). Im Nachkriegsdeutschland wurde betont, dass man aus der Geschichte lernen müsse, aber die Menschen verhielten sich noch genauso wie vor dem gerade erst verlorenen Krieg. Die Kinder spielten auf der Straße Krieg. Die Erwachsenen schlugen die Kinder und sagten: uns hat das auch nicht geschadet. Hätten sie ihre Köpfe erhoben, so hätten sie die menschlichen und baulichen Ruinen gesehen, die ihre Herkunftshybris angerichtet hatte.

Evolutionär scheinen wir uns am wenigsten zu ändern, wenn wir darunter nur die genetische oder physische Anpassung verstehen. Aber ist evolutionär nicht auch der gemeinsame Ursprung in vielleicht einem Dutzend vormenschlicher Gruppen im östlichen Afrika? Die Metapher dafür sind die – vielleicht ebenfalls ein Dutzend – Menschentstehungsparabeln: Gott als der große Häfner[1] (HARRY POTTER!), der das erste Menschenpaar aus Ton fertigte und ihm Leben einblies, so wie wir heute noch tun, wenn wir einen fast Ertrunkenen retten. Diese – also doch – gemeinsame Quelle des menschlichen Daseins ist zweifellos auch die gleichzeitig das Fundament der Menschlichkeit. So gesehen sind Kriege geschichtsvergessenes Ausnahmeverhalten, vor dem uns auch nachträglich immer schauert. Obwohl es  inzwischen in Europa zwei Weltkriege gegeben hat, ist der dreißigjährige Krieg nicht vergessen und wird in jeder europäischen Regionalgeschichte mit den oft bis heute spürbaren Auswirkungen betont. Jeder Krieg, aber auch Hunger und Epidemien erzeugen verstärkte Migrationen. Insofern ist jede Region ein Konglomerat der eingewanderten Bevölkerungen und fast nirgendwo monochrom. Sprachen verbreiten sich in umso größeren Gebieten, je größer die sozialen Abhängigkeiten sind. So gibt es bis heute isolierte winzige neolithische Völker, aber auf der anderen Seite riesige Sprachen, die von der Hälfte der exponentiell gewachsenen Weltbevölkerung gesprochen werden. Nigeria und Brasilien sind fast gleich groß (je >200 Millionen Einwohner), aber in Nigeria gibt es 514 Sprachen, während in Brasilien 97% aller Menschen portugiesisch als Muttersprache haben. Deshalb sind die beiden Länder auch gute Beispiele, die Renan[2] noch nicht kennen konnte, dafür, warum wir von Regionen und nicht von Völkern oder Nationen sprechen, wenn wir Geschichte meinen. Die Geschichte hat uns geboren, dividiert und wieder zusammengeführt. Diversität ist sowohl ein inhaltliches als auch ein methodisches Nonplusultra. Denn so sehr die Steinzeitvölker auch wegen ihres friedlichen Lebens, ihrer Naturverbundenheit, ihrer Unaufgeregtheit bewundert werden, die meisten von uns wollen nicht ohne Kunst, Kommunikation und Kommerz leben. Außerdem sind sowohl die Zeit als auch die Geschichte irreversibel. Wir könnten vielleicht im Mittelalter leben, aber in der Steinzeit sicher nicht. Und der Neolithiker aus dem Amazonasbecken oder von Neuguinea, übrigens weisen beide Gebiete weltweit die höchste Biodiversität auf, würde bei uns nicht nur am Fahrkartenautomaten, sondern auch am Individualismus scheitern.

Biografisch sind wir ebenfalls keine Kopien, vielmehr hat der Generationenkonflikt sowohl das Potential zur Entwicklung wie zur Zerstörung in sich. Die Bibel und die Freudwerke[3] sind voll davon. Auch der archaische Bruderzwist zwischen Kain und Abel scheint mehr zu sein als eine Parabel. Auf der anderen Seite ist die Familie selbstverständlich eine tiefe und unerschöpfliche Quelle des Menschen, Orientierung und Fundament zugleich, allerdings muss es nicht die genetische Familie sein. Seit Jahrhunderten tobt der Streit zwischen Natur und Kultur im Menschen, seine vielleicht eigentümlichsten Ausformungen waren die Gestalttheorie[4] auf der einen Seite und der ein Jahrhundert später entstandene Sozialdarwinismus auf der anderen Seite. Beide gehen von einem monokausalen Zusammenhang zwischen Seele und Genetik aus.

So wie aber die regionale Kultur das Konglomerat der eingewanderten Menschen ist, so ist der Mensch auch die Mischung der verschiedensten, vorher oft nicht absehbaren genetischen und kulturellen Eigenschaften. Das macht gerade seine Stärke aus. Immer wieder aber wird die Schwäche aus der Einfalt konstruiert, werden Menschen auf eine, oft zufällige Eigenschaft reduziert. Stellen wir uns vor, ein Mensch aus dem Osten Deutschlands ist schwul, linkshändig, dunkelhäutig, farbenblind, kurzsichtig, stotternd und zuckerkrank. Was an ihm oder ihr ist dann Ossi mit dem Hang zu populistischen Gurus, ob sie nun Gauck, Gauland oder Gysi heißen?  Vielmehr zeigte sich nach den vierzig Jahren der Trennung, dass die Verschiedenheiten von Ost und West nicht größer waren als die von Nord und Süd. Nicht jeder Unterschied und nicht jede Gemeinsamkeit ist uns gleich oder überhaupt bewusst. Deshalb ist Geschichte interessant, auch in der merkwürdigen Doppeldeutigkeit des Wortes. Geschichtslos ist gesichtslos. Nur, wer denken kann, kann auch gedenken. Das Leben wird nur nekrologisch logisch. Deshalb kann man an kaum einer Stelle des Lebens Evidenz verlangen. Wir wissen selten genau, warum wir uns jetzt so oder so entscheiden. Wir wissen deshalb auch nie genau, warum wir dieser Mensch geworden sind, der wir geworden sind. Wir können es aus keiner Logik ableiten. Überhaupt heißt, nach Dr. Dr. Schiller, warum zu fragen, sich in den Jungle von tausenden Möglichkeiten zu begeben, deren jede einzelne wieder tausend Ursachen und Abweichungen beinhaltet. Aber die Diversität einzuräumen heißt noch lange nicht vor ihr zu kapitulieren. Lesen wir hin und wieder einen 1000-Seiten-Roman[5], um uns zu erinnern, dass wir in diesem Moment ein Wort aus einem Tausend-Seiten-Roman sind, bei dem auf jeder Seite tausend Wörter stehen, wie in diesem Blog, von denen jedes tausend Bedeutungsschattierungen hat.

 

[1] süddeutsch für Töpfer, englisch potter

[2] Ernest Renan, Nationtheoretiker

[3] Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse

[4] Lavater, Physiognomik

[5] Krieg und Frieden, Der Mann ohne Eigenschaften, Joseph und seine Brüder, Ulysses, Glasperlenspiel, Der Klang der Zeit, 4321

‚IN ZEITEN WIE DIESEN‘

 

What’s gone and what’s past help should be past grief.

                                                                                   SHAKESPEARE, The Winter’s Tale, III,2

Nr. 356

Am Ende der siebziger Jahre stand in Ostberlin eine steinalte Frau an einer Bushaltestelle und fragte mich, ob ich nicht auch fände, dass die Kinder heute laut seien, zu laut. Ostberlin befand sich zu diesem Zeitpunkt noch im Rohzustand der Vormoderne. Die Drittelstadt war einerseits noch vom Krieg gezeichnet, Ruinen und Lücken blickten in ihre traurige Vergangenheit, einarmige Altnazis, teilweise als Hilfspolizisten verkleidet, schrien Kinder an, um ihnen ihr erfolgloses Konzept von ‚Zucht und Ordnung‘ nahezubringen.  Auch die fortschreitende Militarisierung des Lebens war dem Hitlerismus so ähnlich wie der weiland Staatssekretär Globke aus dem Bonner Bundeskanzleramt. Andererseits begannen architektonisch einfallslose Neubauviertel das Bild zu prägen und die Altstadt zu verdrängen.  Die DDR war so gesehen nicht ahistorisch, sondern log die Geschichte dreist zu ihren Gunsten um und erklärte, was ihr passte, zum Erbe der Arbeiterbewegung, als deren Krönung sie sich selbst definierte. Einmal waren Karl Marx oder Thomas Müntzer, ein anderes Mal gar Ernst Thälmann ‚der größte Sohn des deutschen Volkes‘.  Der Aufbruch, der wenige Jahre zuvor in Prag stattgefunden hatte, war im Hauch eines Konsumrausches untergegangen, den der neue Partei- und Staatschef Honecker als ökonomische Neuheit pries. Honecker hatte eine geteilte Moderne angeschoben: im Konsum sollte aufgeholt, politisch und kulturell dagegen ausgebremst werden.  Als Marken dieser verfehlten Politik zeigten sich Biermannausbürgerung, das Konstrukt der DDR-Kulturnation und die Kreditaufnahmen.

Trotzdem war auch das Ostberliner Weltchen lauter geworden, das antwortete ich der alten Frau an der Bushaltestelle.  Sie beharrte aber darauf, dass man die Kinder zur Ruhe bringen könnte oder sogar müsste. Dann erzählte sie, wie sie als Familie zu Fuß die Schönhauser Allee stadtauswärts ‚ins Grüne‘ wanderten, und ihr Vater sie, vorneweg und lauthals, wohl auch gewalttätig, an jeder Freudenkundgebung jenseits des gemeinsamen Gesangs hinderte. Das war vor dem Individualismus, aber auch vor der vollendeten Urbanisierung.

Dass die Zeit ver- und die Sonne unterginge, sind zwei gleich schräge, untaugliche und trotzdem petrifizierte Metaphern. Dass Dinge vergingen heißt doch nur, dass sie aus unserem Bewusstsein verschwinden: aus den Augen, aus dem Sinn. Dinge, Regeln und überhaupt Ordnungen sind es, die sich uns aufdrängen oder eben verschwinden. Der Umbruch von 1945 war so tief, dass er nicht verstanden werden konnte, zurecht wurde er damals Zusammenbruch genannt. Aber während ein Haus tatsächlich, wenn es zusammenbricht, verschwindet und seine Form radikal ändert, und selbst durch einen epigonalen Nachbau nicht annähernd ersetzt werden kann, bleiben Ordnungen in den Köpfen der Menschen hängen und dürsten nach weiterer Bestätigung. Ich habe den zweiten Weltkrieg nicht veranstaltet, aber mich ohrfeigte der einarmige Altnazi, dessen anschließende Lagerhaft tragisch gewesen sein mag, der aber nicht einsah, dass seine Anwesenheit in Stalingrad noch tragischer war und der deshalb auf der soeben untergegangenen Ordnung bestand und sie fortzuführen suchte. Tragik ist unverschuldetes Unglück. Die antiken Griechen ließen ihre Protagonisten – auf dem Theater – noch generationenweit von unermesslichem Leid verfolgen. Die Seele des Zuschauers sollte von der Harmoniesucht gereinigt werden. Bei Shakespeare nimmt sich das mit der überholten Ordnung kollidierende Liebespaar Romeo und Julia das Leben, bei Sophokles wird das rebellierende Paar Antigone und Haimon gar eingemauert.  Aber zwischen der Seelenreinigung durch die tragischen Ereignisse auf der Bühne und der Angst vor dem wirklichen Leben mit seinem manchmal auch nicht geringen Leid ist nur eine Handbreit Schatten.  Die allererste Fiktion war eine Tatsache. Aber schon vor hunderttausend Jahren trennten sich die Wege von Fiktion und Leben. Der Schrecken ist geblieben, und kein geringerer als der größte Balladendichter deutscher Zunge wusste, dass der schrecklichste der Schrecken der Mensch in seinem Wahn sei und dass noch jede Furcht den wirklichen Schrecken überrage.

Immer also, zu allen Zeiten, gibt es Angst und Zuversicht, Orientierung und Desorientierung. Zwanzig Jahre braucht der Mensch, um sich zu orientieren, zuerst assistiert von den Eltern, dann von der Gruppe der Gleichaltrigen, dann kann er vielleicht fünfzig Jahre mit seiner Navigation gut leben, wenn es keine großen Umbrüche gibt. Gibt es aber große Umbrüche, dann schwanken selbst die Vorstandsvorsitzenden. Jeder, der solch einen Umbruch miterlebt hat, zum Beispiel 1989, weiß, dass es rechts- und orientierungsfreie Räume gibt. Immer gibt es dann Menschen, die nicht mehr vorwärts, sondern rückwärtslaufen oder zumindest rückwärtsblicken. Der Trost ist: je älter wir werden, desto wahrscheinlicher und verständlicher ist das Stehenbleiben und Rückwärtsschauen.

Je größer der Abstand, desto absurder ist die Verzerrung.  Der Abstand kann zeitlich, räumlich, emotional oder rational sein. Eine Verzerrung, die leicht und immer wieder übersehen wird, ist die Institutionalisierung. Eigentlich ist jede Idee verloren, wenn sie in die Hände der Bürokraten fällt. Andererseits ist sie aber auch verloren, wenn sie nicht bürokratisiert wird, weil sie dann nämlich nicht wirken kann. Inzwischen wird Hartz IV nicht mehr als die aufrundende und zusammenfassende  Gesamtsozialleistung wahrgenommen, sondern als Schatten eines überbürokratisierten Molochs, der arme Menschen mit Sanktionen quält.

‚Wo bleibt der Aufschrei‘ und ‚in Zeiten wie diesen‘ sind also nichts weiter als tautologische Empörungsformeln, die den Benutzer von vornherein auf die richtige Seite stellen sollen. Er oder sie kennt die ‚Zeiten‘ zur Genüge, so dass eine kritische Zusammenfassung gewagt werden kann. Statt sich selbst zu ändern, kann man mit dem Mittelfinger der Empörung auf andere zeigen. Statt neue Ideen vorzulegen, kann man die alten zerlegen. Statt Visionen zu entwickeln, kann man ein Schreckgespenst nach dem andern aufrichten. Aber die Kraft der Vogelscheuche lässt schnell nach, besonders wenn sie auf junge Stare trifft, die im Pulk ihre Schwarmintelligenz ausprobieren, die ihnen von der Natur verliehen wurde, um die Vogelscheuchen zu verscheuchen. Wir verklären gern unsere Jugend und vergessen dabei, von wieviel bösen Geistern sie umwölkt war. Traditionen und Autoritäten, Institutionen und Vogelscheuchen konnten damals unsere gute Laune nicht stören. Mit neunzehn Jahren ist nicht nur jede und jeder schön, sondern auch mutig, voller Elan, Ideen und Zuversicht. Man darf nur seinen eigenen schönen Zustand nicht über die Epoche wie eine Zierdecke legen, die damit geadelt wird. Wer im Alter böse wird, hat die bösen Zeiten in sich nicht überwunden.

DIE NEUE GLÜCKSFORMEL

Nr. 355

Nur in der Kleinstadt gibt es nur eine Wahrheit. Jeder Großstadtbewohner weiß, dass schon sein Nachbar anders denkt. Trotzdem gibt es Menschen, deren Glück darin zu bestehen scheint, andere zu beschimpfen. Jeder sieht die Welt nur mit seinen Augen, insofern versagt Empathie, aber das ist kein Grund zu glauben, dass es nur eine Blickrichtung, nur eine Wahrheit, nur einen Schluss gäbe. Das ist nicht neu, wird aber durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten verstärkt und verschärft. Jeder kann sich jetzt einen Raum schaffen, in dem nur seine Wahrheit gilt, das war früher ein Privileg der Eliten, die im Besitz der Kanzel oder des Katheders waren. Demokratisierung und Industrialisierung erzeugten auch einen neuen Schub der Proletarisierung, der sich im Nationalismus genauso Bahn brach wie im Kommunismus. Die Nationalisten, deren tatsächliche oder propagandistische Angst dem Islam gilt, scheuen sich nicht davor, Saudi-Arabien als Vorbild für Patriotismus zu benennen. Die Salonkommunisten preisen die Bankenenteignung. Weichgespülte Rentner auf den Antillen fordern die neue Härte. Das ist alles absurd. Das wäre alles lächerlich, wenn nicht zur gleichen Zeit auf dem Mittelmeer Menschen ertränken, die leicht gerettet werden könnten.

2015 haben die deutsche Bundeskanzlerin und eine große Mehrheit aller Bewohner Deutschlands gezeigt, dass es für reiche Länder ein leichtes ist, eine Million Menschen aufzunehmen, zu versorgen und – wie in einem Crash-Kurs – mit den notwendigen Kenntnissen zu versorgen. Die Frage, ob man sich rückwirkend sozialisieren kann, ist nicht leicht beantwortbar. Sie wird vielmehr einerseits von dem Willen und den Fähigkeiten abhängen sich zu integrieren, andererseits von den ganz konkreten Umständen, den Nachbarn, den Lehrern, den Bearbeitern in den Jobcentern, Arbeitsagenturen und Ausländerbehörden. Wir alle haben schon von einem Menschen gelesen, der gerade deswegen abgeschoben wurde, weil er bestens integriert und demzufolge für die Behörden leicht erreichbar war. Demokratie und eben auch Integration beginnen, wie schon Alexis de Tocqueville wusste, mit der funktionierenden Mailbox. Es gibt Länder, in denen Tellerwäscher gesucht werden, egal welcher Herkunft. Zum Tellerwaschen braucht man keine Sprache. Aber wir leben in einem Land, das von einem Minimum an Gemeinsamkeit ausgeht, von einem Minimum der Überwindung von Babel. Die Sprachwissenschaftler wissen: je größer die Notwenigkeit des Zusammenhalts, desto größer der Sprachraum. Babel ist ja nicht nur das Symbol für die Sprachverwirrung als Strafe für Hybris, sondern auch die Metapher für Ungerechtigkeit, Sittenlosigkeit und Unmenschlichkeit: zwei Millionen Bürger unseres Landes fahren pro Jahr mit einem Kreuzfahrtschiff. Aber wir alle sehen zu, wie auf dem Mittelmeer, das mit Booten gekreuzt wird, die in allem das genaue Gegenteil eines Kreuzfahrtschiffes sind, Menschen in den Tod kreuzen.

Flucht ist ein höheres Risiko als Bleiben. Auf dieser Flucht sieht jeder Flüchtling dieses Risiko: er sieht Gewalt, Folter, Hunger, Durst, Vergewaltigung und Tod. Je mehr er aber davon sieht, desto größer wird sein Risiko, wachsen aber auch sein Mut und seine Kraft, durch dieses ‚Meer von Plagen‘ zu gelangen. Wer also die Überfahrt schafft, ist nicht nur stark, sondern auch gestärkt. Wer ein solches Boot überlebt hat, den kann nichts mehr schrecken. Eine kleine Minderheit, sie ist genauso groß wie in jeder autochthonen Bevölkerung, setzt die gewonnene Energie in Kriminalität um. Überall gibt es die trügerische Hoffnung auf das schnelle Glück und das schnelle Geld. Aber die meisten Menschen wissen sehr wohl: im Lotto kannst du nichts gewinnen, aber mit einem Lächeln kannst du alles gewinnen. Da die Statistik jeweils auch von einer neuen Gesamtbevölkerung ausgeht, hat die Kriminalität also nicht zugenommen. Für die Neubürger entsteht durch das racial profiling vielleicht sogar der Eindruck eines Polizeistaates und damit überdurchschnittlicher Respekt vor der Polizei. Viele Polizisten wirken dem aber durch besondere Freundlichkeit bewusst und erfolgreich entgegen. Diese kriminelle Energie ist die gleiche, die ab 1444 Kaufleute bewog, die Definition von ‚Mensch‘ zu ändern, um gleichzeitig Christ und Verbrecher sein zu können.

Jede Migration ist also ein Gewinn für die Migranten und für das Zielland. Allerdings kommen weltweit noch einige Probleme auf uns zu, die wir gemeinsam lösen müssen. Das bis 2050 anhaltende Bevölkerungswachstum in Afrika, Asien und Lateinamerika wird bei gleichzeitiger Digitalisierung der Produktion die Sinnkrise verschärfen. Die Lösung liegt nicht in China. China könnte vielmehr leicht zu einem weiteren Teil des Problems werden, wenn auch viele heute eher die Bedrohung durch Konkurrenz sehen. China hat weitaus mehr Geld verborgt, als es einlösen kann. Die Lösung liegt nicht in einem Land oder einem Wirtschaftssystem.

Keine Religion und keine Philosophie hat es bisher geschafft, uns zu einer Veränderung unseres egoistischen Verhaltens zu bringen. Die Versicherungsformel, dass das individuelle Risiko desto kleiner wird, je mehr Menschen sich an der Vorsorge beteiligen, bringt uns auf die realistischere asymptotische Vorstellung, dass wir unser verhalten ändern müssen, aber dass es gerade deshalb auch kein vollständiges Glück geben kann. Es wird immer getrübt sein durch das Unglück anderer, das wir nicht verhindern, wohl aber vermindern können. Wir müssen lernen uns so zu verhalten, als wären wir der andere. Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach und auch nicht ganz neu:

mehr geben als nehmen, mehr lächeln als zürnen, mehr verzeihen als Verzeihung wollen, mehr lieben als strafen oder ausschließen,

und davon sind alle Religionen und Philosophien voll, wir haben es nur immer übersehen oder übersehen wollen. Die neue Glücksformel ist die alte.