DIABELLI VARIATIONEN

 

Nr.386

Wann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird.*

 

Viele scheinen erneut dem Paradox zu unterliegen, dass, je enger ihr Blickfeld, desto größer ihre Navigation sei. Wer nicht über seinen Hof hinaus will, mag damit zufrieden sein. Aber auch er muss damit leben, dass ein Besucher, der seinen Hof zum ersten Mal sieht, eventuell mehr erkundet als er selbst. Genügsamkeit führt nicht weit, jedenfalls nicht auf der Orientierungsseite. Mit der Beobachtung verändern sich Gegenstand und Beobachter.

Rechte und Linke, so schreibt die NZZ diese Woche, bekämpften sich nicht mit Argumenten, sondern mit Identitäten. Man erkenne sich an seinen Insignien und an seinen Claqueuren.  Die Argumente seien ausgeleiert und abgenutzt, trotzdem sind die Kommentarseiten voller Varianten.  Wir leben nicht nur in einem erneuten Zeitalter der Besserwisser, sondern in der Epoche der unendlichen Wiederholung.  Nur dass nicht, wie in einer ideologischen Herrschaft, die Herrschaftsgrundsätze wiederholt werden, weil sie wiederholt werden müssen, sondern der nun plötzlich erlaubte Widerspruch.

Es hat den Politikern und Ideologen gefallen, dass so viele Menschen, obwohl das Sprechen schon erlaubt war, noch weiter schwiegen, so als sei das weiter geboten. Der unsägliche US-Präsident Nixon erfand deshalb auch die griffige Formel der schweigenden Mehrheit, die er statt als Zweifel als Zustimmung deutete. Da war es kein großer Schritt, den Beifall, den die Menschen dem Langredner Ceauşescu hätten versagen können, per Tonbandkonserve einzuspielen. Der römische Kaiser Nero hatte noch seine Claqueure handverlesen einkaufen müssen, gewann aber mit ihrer Hilfe auch die Olympischen Spiele.

Man könnte sagen, dass eine Gemeinschaft, die einzig Brüderlichkeit als Ideal hätte, Ungleichheit, Hierarchie und ein elitäres Bewusstsein schon deswegen förderte, weil dieses geschlechtsspezifische Ideal nicht ist als die Abbildung der alten Ordnung: des Patriarchats. Wenn also der aufgeklärte Schiller dichtet, dass alle Menschen Brüder werden, dann meint er keinen Männerverein. Er meint das Herauswachsen einer Gleichheit, der angeborenen Gleichheit nämlich, aus der Ständegesellschaft. Wenn dagegen der verbrecherische Männerverein SS auf seine vergänglichen Steine meißelte, dass seine Ehre Treue heiße, dann ist die Ehre eine nur kollektiv zu erlangende Würde und die Treue eine über allen verstand erhobene Loyalität. Bis auf die Ehre sind das aber alles Elemente der menschlichen Existenz. Ehre dagegen ist ein Festhalten an einer Herkunftsgruppe, die dem Individuum kein Einzeldasein gestatten will. Diese Gruppe kann ein Land, eine Religion, eine Soldateska, eine Räuberbande sein. Brüderlichkeit ohne weitere Attribute bezieht sich also auf die Herkunft.  Jede moderne Gesellschaft dagegen versucht die Würde des Einzelnen zu schützen, gar für unantastbar zu erklären. Auch das bleibt ein Ideal. Aber es gibt dem kleinen Individuum endlich einen großen Raum, für den es allerdings eine Orientierung braucht, die weit über den Dualismus hinausgeht.

Auch die Gleichheit bleibt für sich genommen hohl. Wir haben miterlebt, egal auf welcher Seite des Zauns, dass die bloße Erklärung der Gleichheit die jahrhundertealten Vorurteile und eingeübten Hierarchien nicht nur nicht beseitigen kann, sondern sogar noch befestigt.  In Rumänien gab es Supermärkte, in denen in sieben Reihen Regalen zwei Artikel, zum Beispiel Marmelade und saure Gurken, zum Kauf angeboten wurden, während in der Hauptstadt Bukarest ganze Stadtviertel weggeschoben wurden, um dem größten Haus der Welt Platz zu machen, das da tatsächlich auch steht. In der Hauptstadt der Côte d’Ivoire. Yamoussoukro, steht ein etwas größerer nachgebauter Petersdom aus Rom, Notre-Dame-de-la-Paix, mit dem der Diktator seine Schande bedecken wollte, obwohl fast die Hälfte der Menschen in diesem Land weniger als 250 € im Jahr verdienen. In der Megastadt Bejing, früher Peking, steht eines der höchsten Gebäude der Welt. Sieht man hinunter, so sieht man nur dem Smog, den man unten sieht, wenn man aufblickt.

Brüderlichkeit kann nur mit der Gleichheit kombiniert werden, und beide bedürfen eines noch übergeordneten und überbordenden Ideals, nämlich der Freiheit. Wenn uns die FDP oder andere liberale Parteien nichtswürdig oder als reine Wirtschaftspartei erscheint, so heißt das nicht, dass das liberale Ideal verblasst wäre. Es mag in liberalen Ländern nicht mehr die alte Strahlkraft haben, desto mehr wird es aber in der nach wie vor unterdrückten Welt geschätzt. Und je mehr wir zulassen, dass es unterschätzt wird, desto mehr brauchen auch wir es.

Es gibt eben nicht nur rechts und links oder schwarz und weiß. Es gibt, vielleicht nicht gerade in der FDP, jede Menge Menschen, die liberal sind oder denken oder beides.  Es ist in einer liberalen Gemeinschaft auch nicht verboten, unpolitisch oder neutral zu sein. man kann auch optional vorgehen, nach Gelegenheit und Gegebenheit. Menschen, die so handeln, werden oft als Opportunisten geschmäht, obwohl die meisten Menschen, wenn sie es recht bedenken würden, sich selbst als Opportunisten sehen müssten. Viele bedeutende Politiker waren reine Opportunisten, zum Beispiel Bismarck, der als Erzkonservativer etwa ganz Neues begann, Churchill, der dreimal die Partei wechselte, Adenauer, der gegen seine Überzeugung nach Moskau fuhr und die letzten Kriegsgefangenen zurückholte, Kohl traf Honecker und Merkel beseitigte die Wehrpflicht und ermöglichte einer Million Flüchtlinge ein Leben in Würde. Trotzdem hat Opportunismus einen schlechteren Ruf als das Beharren auf veralteten Standpunkten.  Es gibt auch sehr viele Menschen, die einfach nur sozial sind. Sie wollen anderen helfen, sie wollen weder sozialistisch noch nationalsozialistische sein, sie wollen, dass es anderen Menschen besser geht als zuvor.

Vielen Menschen scheint es nur noch darum zu gehen, Tabus zu brechen, seit es erlaubt ist, Tabus zu brechen. Der Sinn des Tabus war seine Unzerstörbarkeit. Der Zusammenhalt ein tabuösen Gemeinschaft bestand gerade darin, dass niemand, bei Strafe des Todes, das Tabu auch nur zu berühren wagte. Wenn eine Gemeinschaft die Todesstrafe, und weitgehend auch andere sinnlose Strafen, abschafft, schafft sie damit gleichzeitig auch Tabus ab. Den Nationalsozialismus zu verdammen, kann also nur auf Einsicht beruhen, nicht auf einem Tabu, das einer älteren Kultur angehört. Das hört sich schwer an, unlösbar fast. Deshalb rufen so viele Mitbürger, auch Politiker, nach strengeren Strafen, die sie gerade abgeschafft haben, nach der wehrhaften Demokratie, die ein Widerspruch in sich ist, und nach der vollen Härte des Rechtsstaats, der mit Härte und Weichheit nichts im Sinn hat, sondern nur danach trachtet, dass jeder Bürger sein einklagbares Recht erhalten kann.

Man kann nicht zwei Länder nur unter Beachtung eines Gesichtspunktes vergleichen. Aber man kann schon Gruppen, denen irgendein Prinzip höher steht als die Würde des Menschen, empfehlen, nach – beispielsweise – Pakistan zu blicken. Nur Länder, in denen die Würde und die Freiheit des Menschen höher geachtet werden als alle Prinzipien aus der Vergangenheit und Zukunft, werden bestehen, das gilt auch für Liberalität, wenn sie vom Ideal zum Prinzip verkommt.

 

*Beethoven an Struve 1795

DAS ZEITALTER DER STREICHQUARTETTE

 

Wann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird.*

Nr. 385

Ein Jahrhundert lang herrschte der Bachchoral als Maß oder Norm der perfekten Vierstimmingkeit. Er ging dann später zusammen mit dem Gospel seinen Weg in Jazz und Pop, schließlich in die Epoche der Allgegenwart von Musik. Überall auf der Welt laufen heute Menschen mit Kopfhörern, die aus den Endgeräten** der gespeicherten und ewig reproduzierten Kommunikation den musikalischen Teil in die Ohren von Milliarden Menschen transportieren. Genauso streng vierstimmig und damit die vier menschlichen Stimmlagen abbildend, aber weitaus elitärer kam dann ab 1800 das Beethovensche Streichquartett daher. Das Bürgertum hatte in Städten wie Wien, wo Beethoven lebte, oder Hamburg oder London den Konzertbetrieb übernommen, aber auch die Hausmusik aus den Kantorenhäusern in die normale bürgerliche Familie transferiert. Die gesamte Kammermusik des neunzehnten Jahrhunderts war für den häuslichen Gebrauch gedacht. So wie heute in jedem Haushalt ein Fernsehgerät und ein Computer steht, so stand hundertfünfzig Jahre lang in jedem bürgerlichen Wohnzimmer ein Klavier. Der Bruch ist doppelt: der Wohlstand breitete sich auf alle Menschen – sogar weltweit – aus, aber die Aktivität nahm gleichzeitig ab. Allerdings gibt es heute wesentlich mehr Freizeit und demzufolge auch mehr aktive musikalische Betätigung als zu jeder andren Zeit.

Man kann die Beethovenschen Streichquartette aber auch anders deuten.

Während die Klaviersonaten, wie vorher auch schon Bachs Wohltemperiertes Klavier, die Emotionen eines Menschen abbilden und ausdeuten, man denke nur an den hämmernden Beginn der Waldstein-Sonate, zeigen die Streichquartette das menschliche Miteinander.

Innerhalb eines strengen Rahmens werden Argumente nicht nur ausgetauscht, sondern solange moduliert, verändert, variiert, permutiert, bis sich eine schlüssige Lösung findet. Aber wir wissen: beim nächsten Hören wird die Lösung anders klingen oder es ist plötzlich keine Lösung mehr oder sie ist nicht mehr schlüssig, sondern weist auf Zukünftiges hin. Nichts im Fluss der Musik ist absolut. Musik ist das getreue Abbild der Relativität, das gilt natürlich auch umgekehrt. So gesehen wundert es nicht, dass Einstein Musiker war.  Es entwickelt sich mit dieser Musik eine Kultur des Dialogs, auch des Streits, die aber immer in der abgeschlossenen Form bleibt. Das ist das genaue Gegenteil des heutigen Framings. Das freie Spiel der Alternativen in einem Streichquartett oder einer Podiumsdiskussion oder eines liebenden Paares wird beim Framing in ein Deutungsraster gepresst, an dem sich auch die oft gegensätzlichen Parteien erkennen.  Schließlich geht es nur noch um die gegenseitige Erkennung der Herkunft oder der Identität.

Alle Gruppen erodieren, alle Identitäten verändern sich. Aber damit ist leider noch nicht der ideale, von Beethoven herbeigesehnte Zustand, dass es nur noch Menschen gäbe, erreicht. Auch Schiller muss noch auf das Elysium warten. Auf der einen Seite sehen wir Weltbürger und Globalisierungsgegner. Auf der anderen Seite sehen wir die Lordsiegelbewahrer der alten Identitäten Nation, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, Ideologie, Hierarchie.

Die Seite der Bewahrer spielt sozusagen den unendlichen Stimmton a= 440 Hertz und lässt keine Veränderung zu. Tatsächlich ist der so genannte Kammerton selbst relativ und im Laufe der Jahrhunderte immer höher geworden.  Tatsächlich ist sogar ein Ton dann veränderbar, wenn er auf einer beweglichen Quelle installiert wurde, das ist bekannt als Doppler-Effekt.

Die andere Seite sucht nicht die neue Identität. Ihr Problem ist vielmehr, dass wahrscheinlich oder möglicherweise Identität nicht mehr geeignet ist, den Zustand des Menschen in Relation zur Welt zu beschreiben. So wie die Naturforscher eines Tages verängstigt feststellen mussten, das die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft nicht mehr ausreichen, um die Natur zu beschreiben, so sehen die Menschenforscher sich heute vor dem begriffstheoretischen Abgrund des Menschen in einer Welt ohne Hunger, ohne (Welt-)Krieg, ohne Pest, mit ungeheurer Mobilität von Menschen, Dingen und Gedanken.  Obwohl es viel mehr Menschen gibt als je zuvor, sind sie auch erkennbarer und verbundener als je zuvor. Ihre Ungleichheit sehen sie als überwindbar an, während die Ungleichheiten früherer Zeiten als unüberwindbar galten. Ihre Gleichheit lernen sie als Gleichartigkeit und Gleichberechtigung schätzen. Ihre Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit erkennen sie wie Schuppen, die ihnen von den Augen fallen. Und plötzlich haben sie alle das gleiche Ideal: die Freiheit, die bis zur Unkenntlichkeit verschleierte Frau im Iran, der homosexuelle Priester im Vatikan, der junge Ziegenhirt in Eritrea, die Büroarbeiterin in Hongkong, der Neonazi in der Uckermark, das vom Polizisten mit der Pistole bedrohte Straßenkind in Brasilien, die Opiumbauernfamilie in Afghanistan, der suizidgefährdete junge Inuit auf Grönland, sie alle können plötzlich erkennen: die Vergangenheit begann nicht mit der Sklaverei und die Zukunft endet nicht in der Autokratie.

Parteien und traditionelle Herrschaftsinstrumente erodieren da, wo dieses wahrlich nicht neue Ideal aufscheint, ihm folgt aber immer als Schatten das Gespenst des autoritären, hierarchischen Führers in seiner erbarmungswürdigen Endlichkeit, zu der die Hymnen des Scheiterns gespielt werden: DEUTSCHLAND DEUTSCHLAND ÜBER ALLES.

Das heißt doch nicht, dass nicht jeder sein Land oder seine Region als die beste der Welt empfinden kann.  Das wird schon deshalb noch lange so bleiben, weil weit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung die Welt nur aus dem Fernsehen und aus dem Internet kennt. Es ist mit den heutigen Mitteln, Flugzeug, Kreuzfahrtschiff, auch nicht wünschenswert, dass es mehr werden, so sehr man den Benachteiligten das Reisen wünschen mag.

Dieses Widerstreben in der formalen Einheit findet sich im Streichquartett. Der gegenwärtige Zustand der Diskurskultur kann kaum anders beschrieben werden, als dass sich die Kontrahenten gegenseitig mit Streichquartetten und Wohnzimmerklavieren bewerfen.  Der Austausch im Moment, und nicht nur in Deutschland, beruht wohl eher darauf, sich Identitäten an den Kopf zu werfen. Die Argumente verkümmern zu Ziegenkotkügelchen. In der Uckermark wird im August wieder ein Schuljahr mit durchschnittlich siebenundzwanzig Schülern je erster Klasse beginnen. So entwickelt sich im besten Fall Durchschnitt. In Kenia beträgt die Alphabetisierungsquote knapp 80%, aber in den Klassen sitzen bis zu 80 Schülern und die unausgebildeten Lehrer arbeiten mit vorgefertigten Unterrichtsprogrammen auf Tablets.  Die Finanzminister der Welt sind aufgefordert, sich Beethovens Streichquartette anzuhören, den Verteidigungsministerien sämtliche Mittel zu STREICHEN und sie in den Bildungsbereich zu transponieren. In meiner Aufnahme der Streichquartette von Beethoven spielt der erste Geiger eine Stradivari-Geige aus dem Jahre 1686. Wo und wann solch ein Handwerk blüht, muss man um die Gesellschaft keine Sorge haben***.

02. 02. 2020

fb_img_1576859070038

Foto: Gash Barka Agordat

*Beethoven an Struve 1795

**ironische Anspielung auf ‚GRIME‘ von Sybille Berg

***www.medienschmiede.online