BTHVN ALS ENTGABELTE ALTERNATIVE

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD.

Nr. 388

Vielleicht fehlt es unserer Zeit an der Ausdifferenzierung, die aus so vielen Beethoven-Werken spricht. Selbst in bekannte Musik, wie die dritte oder die fünfte Sinfonie geht man immer wieder wie ein unbeschriebenes Blatt hinein, und man kommt als ein erfahrener Mensch heraus. Das Blatt ist vollgekritzelt, manches ist gut lesbar, anderes bleibt verschwommen oder kryptisch oder unerkannt. Das ist bei vielen Kunstwerken so, aber wir reden dieses Jahr über Beethoven.

Nach dem Jahrhundert der vielleicht zu absoluten Relativität sehnen sich scheinbar sehr viele Menschen nach Absolutheit bei gleichzeitiger Absolution. Einfacher ausgedrückt: wir wollen gleichzeitig Bestimmer und Macher sein, aber reingewaschen von unseren Fehlern, die man früher Sünden nannte. Wir wollen richtig sein, unsere Meinung sei Fakt, wer sie nicht sieht, ist dumm. Vergessen ist das hochkomplizierte und hochkomplexe Verhältnis zwischen Fakt und Meinung, vergessen der Zweifel an der Erkennbarkeit von Fakten, der durch Schopenhauer und Nietzsche begründet, durch Wittgenstein vollendet wurde. Vergessen sind all die Zweifel, die die Naturwissenschaft, die früher als zweifelsfrei galt, jetzt zuließ.

Wir stellen uns einmal kurz vor, die menschliche Zivilisation wäre zerstört, entweder durch den Klimawandel, den die eine Hälfte, oder durch den Bürgerkrieg, den die andere Hälfte für herbeigeredet und heraufbeschworen hält, beides könnten auch selffullfilling prophecies sein. Sodann wird die Erde zerstört und übrig bleibt einzig eine Stimmgabel (tuning fork). Diese Gabel ist von Menschen gemacht, also ein Fakt im besten Sinne, auch das Wort Tatsache trifft hier doppelt zu: die Gabel ist getan und mit ihr kann man tun. Wird diese Gabel nun nie aufgefunden, dann ist sie sinnlos, zwecklos, sie ist nichts, geht im Nirwana unter oder auf, alles gleichviel. Wird sie aber aufgefunden, so verliert sie auf jeden Fall ihren Namen und ihren Sinn. Sie ist entgabelt. Sie wird – bestenfalls – etwas Neues, vielleicht in einem Museum für alte Zivilisationen. Aber dort liegt sie in einer Vitrine der unentschlüsselbaren Rätsel. Sie bleibt ein codifizierter ehemaliger Fakt. Die gegenwärtige Archäologie kann nur das ähnliche Menschengemachte decodieren.     

Es ist also nicht nur der Führer und Herrscher, der manchen Menschen fehlt, sondern auch der Fakt. Der Mangel an Fakten gebiert die Sehnsucht nach Fakten. Hinzu kommt die Inflation an Artefakten. Beethoven hatte vielleicht vier oder fünf Dutzend Gegenstände in seinem Besitz, darunter einen raffinierten Notenlinienzieher und ein von Nepomuk Mälzel mit Liebe und Genie konstruiertes Hörrohr. Uns wird eingeredet, dass wir zu den tausend Dingen, die wir schon besitzen und beherrschen, täglich neue brauchen. Wir sind hin- und hergerissen zwischen dem neuesten Vorwerk-Wischsauger, der für Hartzvierempfänger ein Vermögen kostet, und dem grellgelben Wackelpanda, der aus jedem Chinashop wie ein degenerierter und automatisierter Papst winkt. Beide sind vereint durch ihre Überflüssigkeit.

Als die Bundeskanzlerin vor vielen Jahren ihre Politik als alternativlos pries, stellte sie damit keine These auf. Sie begründete ihre Politik, aber nicht die Alternativlosigkeit des Seins. Ganz im Gegenteil war dieser unheilvolle Ausdruck ein geistloses Kind des Zeitgeists. Sie ist nach wie vor keine begnadete Rednerin, sondern eine begabte Überhausfrau der Extraklasse, die Meisterin des Machterhalts und des absoluten Pragmatismus, nicht unähnlich dem Kanzler Schmidt, der seinen Pragmatismus ebenfalls in endlosen Tiraden als alternativlos pries. Theorien und Visionen dagegen sind den beiden fremd. Die Relativität der immer komplexer verzahnten und verschlüsselten Welt besteht gerade darin, dass es tausende und abertausende Alternativen gibt. Diese Megaalternative könnte es sein, die so vielen Menschen ihr Leben unüberschaubar verdüstert. Was sich durch die Aufklärung erst ergeben hat, wird durch deren Folgen verdunkelt. Neulich schrieb mir ein Leser, ich sähe den Baum vor lauter Wald nicht. Das ist möglicherweise jemand, der an Verbots- und Gebotsschilder im Wald glaubt, auf sie hofft. Dagegen ist der Wald aber eine gute Metapher für unser Zusammenleben. Er ist zugleich logisch und unlogisch. Jeder Baum, jedes Tier, jede Mikrobe ist eine Alternative, ist Möglichkeit, Ursache und Folge und nichts von alledem. Die Naturschönheit ist zugleich das Biotop, das uns ewig erscheint, aber morgen schon verschwunden sein kann. Leider ist uns der Wald auch einfach nur Nutzen. Wir übersehen und zertrampeln seine Würde und fantasieren von seinem Preis: jede Buche tausend Euro. Das Wort ‚abholzen‘ zeigt dies, die brutale Megamaschine HARVESTER tut dies und mit ihr – gierig – wir. Andererseits erweist sich in diesem Frevel, dass wir Teil der Natur, Teil der Evolution sind, dass wir mit unserem Biotop verschwinden können wie das Mammut und die Pest.

Musik besteht zwar, ganz genauso wie die Dummheit, aus ständiger Wiederholung, aber jede Wiederholung bei der Musik zeigt gleichzeitig Alternativen in anderen, manchmal nur leicht veränderten Zusammenhängen. Die Musik Beethovens, wie überhaupt die Kunst, gibt also nicht die Welt wieder, wie sie ist oder war oder sein wird, sondern die Gedanken und Gefühle, die tausend Formeln und tausend Alternativen. All das, was die Gehirne der Menschen und Mäuse als Pläne und Möglichkeiten offenbaren und mit den Attributen Angst und Mut als Tatvorschlag präsentieren, bildet die Musik ab. Der Bergsteiger redet nicht vom Berg, sondern von seinem Mut, denn er kennt alle seine toten Vorgänger. Der Flüchtling erzählt nicht von seinem Untergang, sondern von seinem Widerstehen, denn er weiß zwar, woher er kommt, aber nicht wohin er geht. Selbst der Sklave grübelt, ob es nicht besser ist, in Ketten satt zu sein statt im Nirgendwo, das seine Kinder Freiheit nennen, zu hungern.

Wir alle hoffen, dass die Gabel Gabel bleibt und der Winter Winter, aber wir sehen aus dem Fenster und in die Welt und befürchten, dass es auch dazu Alternativen gibt.

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