HEIMSUCHUNG

 

Nr. 391

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?                                                                                       Beethoven an Struve, 1795

Als Kinder haben wir uns vor einem Gott gefürchtet, der mit Strafen die Menschheit zu disziplinieren versuchte. Aber andererseits war die Antwort des allerdings inspirierten Menschen außergewöhnlich. Noah, der schon einen Umstürzler als Vater hatte, baute ein gigantisches Vehikel, mit dem er die Schöpfung exemplarisch rettete. Das Gewimmel hätte man gern gesehen: alle Tiere der Erde, die großen und die kleinen, die groben und die feinen, friedlich vereint in einer Barke oder in einem Container, wohl versorgt und wohlbehütet. Heute wäre ihm der Friedensnobelpreis sicher, damals wurde er Prophet aller Weltreligionen und der erste Naturschützer.

Als wir Kinder waren, hatten wir aber auch Großmütter, die alle Katastrophen zu Prüfungen des Schicksals erklärten. Sie drehten das Unglück einfach und sehr tröstlich um: man konnte auch gewinnen. Nichts war vorbestimmt, schon gar nicht der Verlust.

Wenn man sich die Sintflut als Naturkatastrophe vorstellt, dann zeigt sie den Typ von Heimsuchungen, in dem es keinen Schuldigen gibt: Der Vulkan Tambora bricht aus, das Wasser des Ozeans steigt. Je weiter sich allerdings die menschliche Zivilisation in technologische Lösungen steigert, mit denen sie höchst erfolgreich den Hunger und die Krankheiten besiegte, desto größer wird die Anzahl der Menschen. Und nun gibt es Naturkatastrophen, die die Menschheit verursacht hat. Es gab sie schon in der Antike: das Abholzen der Wälder in heutigen Italien. Und es gibt sie heute noch: Energieverschwendung, Ressourcenverschmutzung, Überfischung, Überdüngung, Massentierhaltung, alles das hat Folgen für die Natur, die man sehen und hören kann.

Die Kriege haben wir besser beenden können: es gibt sie noch, aber keiner hat mehr die Größe und Vernichtungskraft des letzten europäischen Krieges, den die heutigen Urgroßmütter und Urgroßväter noch miterleben mussten und dessen Folgen man überall noch sehen und spüren kann.

Wenn man also statt Strafen Prüfungen einsetzt und sie sogar durch das moderne Wort Herausforderungen ersetzt, dann zeigt sich, dass es sinnlos ist, einen Schuldigen oder gar eine Gruppe von Schuldigen zu suchen. WENN JEDER DIE SCHULD BEI SICH SUCHT, IST DER TÄTER SCHNELL GEFUNDEN.

Ob man nun glaubt, dass Gott uns straft oder das Schicksal uns eine Prüfung schickt, in jedem Fall kann man die Heimsuchung als Herausforderung sehen und statt verzweifeln handeln. Das beste Handeln ist der Zusammenhalt, denn viele wissen mehr als einer und alle zusammen haben mehr Mut als du und ich.

Der moderne Mensch, also wir, hat schon längst vergessen, dass die Welt kein Computer ist, den man nach Belieben resetten kann.

Beethoven würde heute noch als junger Mann gelten, er war keine dreißig, als er feststellen musste, dass sein einst übermenschlich gutes Gehör langsam versagte. Zwar gab es immer wieder Ärzte, die ihm Hoffnung machten, aber es wurde ihm bewusst, dass ihn ein böses Schicksal heimsuchte. Der im selben Jahr geborene Hölderlin zog sich in den sprichwörtlich gewordenen Elfenbeinturm der Schizophrenie zurück, als er merkte, dass er der Welt psychisch nicht gewachsen war. Beethoven stemmte sich gegen die Verzweiflung und auch gegen das physische Versagen selbst. Er brüllte gegen sein Schicksal an, zerhämmerte seinen Flügel, zum Glück hatte er mehrere, musste die Wohnungen wechseln, und durfte nicht aufgeben, weil er wusste:  nur er könnte seinen Satz aus dem Brief an den Jugendfreund Struve in Musik setzen. Schon längst wusste er, dass er er die Worte seines elf Jahre älteren Schicksalsgenossen Schiller vertonen und der Welt als klassisches Vermächtnis mit auf den Weg durch die nächsten Katastrophen und Heimsuchungen geben würde. Schillers Lungenkrankheit ist auf gespenstische Weise aktuell. Er war so krank, dass der obduzierende Arzt sich über die Dauer seines Lebens verwundern musste. Ob Beethoven durch einen dem Fleckfieber geschuldeten Typhus taub wurde und schließlich starb, oder ob es der reichlich genossene, mit Blei versetzte Wein war, der ihm das Leben nahm, den Lebensmut konnte ihm nichts nehmen.

Der Tod ist unser ungewolltes Ziel, dem wir nicht entgehen können. Man darf nie zynisch über mutlose und sterbende Menschen reden oder schreiben. Immer wieder hört man von Zeitgenossen, die ihre Medikamente nicht mehr nehmen und dem Ende entgegendösen. Aber dies nicht zu verurteilen, heißt nicht zugleich, dass wir nicht Beethoven und alle seine Schicksalsgenossen, zu denen auch sein Nachfolger Schubert gehört, der ihm ein Jahr später ins Grab folgte, wenn schon nicht als Vorbild und Held, so doch als bedenkenswerte Beispiele ansehen können und sollen.

Dem Tod können wir nicht entfliehen, in ihm sind wir alle gleich. Aber das ist zum Glück vielen von uns zu spät. Überlegen wir uns also jetzt, in der durch Not und Angst gewonnenen Freizeit, wie wir die Lebensbedingungen in Zukunft verbessern wollen. Wir meinen damit nicht Grundeinkommen, Mindestlohn und Hartzvier, obwohl das auch alles bedenkenswert ist. Wir meinen damit die Wiedereinsetzung, das resetting von den Idealen der Aufklärung Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Seit einigen Jahrzehnten reden sich die Jugendlichen der ganzen Welt mit Bruder und Schwester an. Immer noch ist HipHop eine weltweite Subkultur. Tatsächlich herrschen aber, im Moment sogar verstärkt, die alten, weißen, autoritären Männer vom Typ des längst ausgestorben geglaubten Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. In den Vereinigten Staaten ist der Wahlkampf sogar ein Elefantenrennen der Gerontokratie. Auch in der AfD oder bei den Brexitisten gibt es nicht einen Jugendlichen. Der eigenartige Widerstand gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Klimawandels könnte auch dem Generationswiderspruch geschuldet sein.

Weltweit wird die Menschheit aber immer jünger, obwohl überall das Durchschnittsalter steigt. Vielleicht  fangen wir nach der gegenwärtigen oder nach der nächsten Krise an, über Visionen für die Zukunft nachzudenken, die keine Dystopien sind. Apokalypse war gestern. Morgen wird Hoffnung sein.  GETAN IST, WAS DU TUST, NICHT, WAS MAN DIR TUT.

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