DIE LPG-TANKSTELLE

 

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Wer zurück in seine Kindheit zu fahren versucht, findet sie zerstört, weil er nicht mehr Kind und weil sie vergangen ist. In der Gegenwart gibt es andere Kinder, deren zukünftige Vergangenheit jetzt ist. Wir halten ein omnipotentes Telefon in der Hand und können mit der ganzen Welt kommunizieren, trauern aber einer LPG-Tankstelle nach. Man könnte wahrscheinlich ein tausendseitiges Buch darüber schreiben, wenn man könnte und wenn man Ökonom und Historiker wäre, aber man kann es auch kurz sagen: die LPG-Tankstelle war unsinnig und ist, wie alles Unsinnige, zurecht untergegangen. Damit wurde Platz für neuen Sinn und neuen Unsinn. Wer glaubt, dass es irgendwann und irgendwo nur Sinn gegeben hätte, sollte sein eigenes Leben betrachten. Aber Vorsicht: Lebenslauf ist gleich Lebenslüge!

In einer kindlichen Welt mag die LPG-Tankstelle einen gewissen Sinn gehabt haben, zum Beispiel als Arbeitsstelle der geliebten Mutter oder des geliebten Vaters. Aber mit ihnen schwand auch der Inhalt der LPG samt ihrer Tankstelle oder Offenställe. Wir erinnern uns natürlich nicht gerne an die toten, erfrorenen Rinder, die morgens in den Offenställen lagen, einen oder zwei Winter lang. Danach gab es rationierte Butter und Rindfleisch auf Marken. Es ist schon schlimm genug, dass man Tiere nur deshalb hält, weil man sie essen will. Das Schaf, las ich neulich, fürchtet sich sein ganzes Leben vor dem Wolf, aber dann wird es vom Schäfer gefressen. Geradezu pervers ist es aber, wenn man Tiere hält, um sie aufzufressen, sie aber dann vorher sterben lässt, damit sie vom Abdecker beseitigt werden. Schon das Wort ‚beseitigen‘ ist eine Beleidigung jeder Kreatur und der gesamten Natur, wieviel erst die Tatsache der Beseitigung.

Das Glück der Kindheit kam nicht von der LPG-Tankstelle oder vom zweiten Weltkrieg, sondern daher, dass wir glückliche Kinder waren, weil sich jemand um uns kümmerte und unser Fortschritt so schnell hämmerte wie der Puls nach tausend Metern rennen. Dieser Fortschritt ernüchtert sich später, wenn nicht zu Gleich- oder Rückschritt, so doch zu einem gefühlt ewig dauernden Trott. Auch das liegt daran, dass wir an das Geld, aber nicht an die Träume unserer Kindheit glauben. Wir schuften und konsumieren lieber, anstatt zu träumen. Würden wir das Kind in uns füttern, statt unsere Gier und unseren Neid, so wäre unsere Kindheit auch nicht ganz vergangen. Lachen wir lieber mit unseren Kindeskindern, statt mit unseren Ahnen zu weinen. Nichts war in der Vergangenheit besser, auch wenn es noch so oft behauptet wird. Fast alles war früher anders, auch wenn es noch so oft geleugnet wird.

Was wir erleben, ist das demografische Trauerspiel, dass der Egoismus keine Kinder gebiert, aber der Wohlstand Leben ohne Arbeit und fast ohne Ende. Was früher 300 Menschen in einer LPG samt Tankstelle schaffen mussten, macht heute ein Bauer mit drei Helfern im Sommer, aber mit KI-Megamaschinen.

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