FLUCHT AUS DEM SEMANTISCHEN GEFÄNGNIS

Nr. 334

Immer noch nicht vergessen ist die Zeit, in der wir Menschen in monistischen Verhältnissen lebten: der Gutsbesitzer war gleichzeitig Arbeitgeber, Richter, Entjungferer unserer zukünftigen Frau* und Patron der Kirche, in die wir bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts mit großer Regelmäßigkeit gingen, in der wir getauft, konfirmiert, verheiratet und in die Grube geschickt wurden. Vergessen ist, dass dieses Leben mit einem großen repressiven Aufwand seitens der Eliten ermöglicht wurde. Selbst der Familienvater, der gleichzeitig Opfer und unterster Delegat staatlich-kirchlicher Macht war, konnte seinen renitenten Sohn unter dem Schutz des Gesetzes totschlagen. In Armee, Kirche und Zuchthäusern wurde ebenfalls schlimmstenfalls bis zum Tod geprügelt. Die Menschen wehrten sich nicht oder nur selten, weil ein winziger Teil der Macht bis in die Familie hinein delegiert worden war, weil also die Ächtung bis hinein in den intimen, sensiblen Teil des Lebens wirkte. Der Preis für die monistische Ordnung war hoch. Seit der Aufklärung wird die repressive Durchsetzung der Ordnung schrittweise durch Liebe, Bildung und Demokratie ersetzt. Das war leicht, solange die Erinnerung an die vergangenen – also möglichen – Strafen noch hellwach war. Ein heutiger Steuerbescheid oder die Rechtshilfebelehrung auf einer Ordnungswidrigkeitenfeststellung benutzt dieselbe Sprache, in der einst drastische Strafen bis hin zum Tode verkündet worden waren. Die Elitensprache ist für weite Teile der Bevölkerung nur als Strafensprache erkennbar, selbst wenn sie sich mit der Sprache der Aufklärung kreuzt. So hört man nicht selten, dass Eltern ihre Kinder auffordern, etwas ‚vernünftig‘ zu machen, wenn sie ordentlich oder mit Schadensbegrenzung meinen. Die Vernunft ist also als Begriff bis ganz nach unten gesickert, muss aber dort für Ordnung und Durchsetzung stehen. Die Elitensprache der Gelehrten dagegen drang immer nur über Lehrer vermittelt, also auch stark zeitverzögert ins allgemeine Bewusstsein. So wird Darwin zum Beispiel bis heute nicht selbst gelesen, sondern es ist das am bekanntesten, was gar nicht von ihm ist: surviving of the fittest**. Im Austausch zwischen Wahrheit und Evidenz hat sich letztere wieder einmal durchgesetzt. Wir glauben jetzt zu wissen, was wir schon vorher geglaubt haben.

Dieses Gefangensein in einer Herrschaftssprache wird besonders deutlich in der auch heute noch üblichen Übernahme der Bürokratensprache. Bei der notwendigen Auswahl gleichrangiger Paragrafen einer Verordnung macht das Wort ‚beziehungsweise‘ Sinn. Im täglichen Leben reicht ‚oder‘, aber der Reiz der Partizipation an der Macht oder wenigstens an der Bürokratie ist zu groß, als dass man ihm widerstehen könnte. Die Demokratie hat also die sprachliche Observanz des Repressionszeitalters übernommen. Das kann man am besten an solchen Figuren zeigen, die beiden Zeitaltern angehörten, Adenauer, de Gaulle und Churchill, sie waren Patriarchen in der heraufkommenden Demokratie. Die Spiegelaffäre Adenauers trug stark autoritäre Züge, der Algerienkrieg war ein eindeutiges Relikt der Kolonialepoche, die ihrerseits der komprimierteste Ausdruck von oktroyierter Ordnung war. Für diese krassen Auswüchse des Autoritarismus musste extra das Christentum mit seiner humanistischen Botschaft ausgeschaltet werden.

Die Ausbreitung von fast omnipotenten Kommunikationsmitteln, die jeder und jedem auf der ganzen Welt verfügbar sind, hat nun dazu geführt, dass eine große Menge von Menschen den Boden der gemeinsamen Sprache verlässt. Statt einer überholten Herrschaftssprache wird nun die Sprache der Straße auf politische und allgemeinmenschliche Verhältnisse angewandt. Nun rächt sich, dass die Grundlagen der Liebe, Bildung und Demokratie nicht genügend verbreitet wurden. Zugunsten eines – für die Arbeitswelt ebenfalls notwendigen – mathematisch, naturwissenschaftlichen und ingenieursmäßigen Weltbildes wurde es vernachlässigt, die Notwendigkeit und die Herausbildung der Demokratie in Argumentationsketten von Kant, Rousseau und hannah Arendt zu studieren, unser Verhältnis zur Natur mit Darwin und Konrad Lorenz zu begründen und empathisches Verhalten nicht nur in der Familie zu fördern. So wird in der Schule – jetzt kommt ein triviales Beispiel – nicht nur der Abschreiber bestraft, sondern auch oft derjenige, der abschreiben ließ. Beides ist falsch. Hilfe und Solidarität ist immer ein übergeordnetes Verhalten, dessen Bestrafung den Bestrafer bestraft und seine Autorität zurecht untergräbt. Aber auch das Abschreiben selbst ist nur eine Sonderform des allgemeinen Kopierverhaltens, das auch nicht nur negativ zu sehen ist. Die Kopierfähigkeit von Kunst führte nicht nur zur Kunstpostkarte, sondern auch dazu, dass Musik die allgemeinste und allgegenwärtige Kommunikationsform wurde. Sie hat alle Religionen und Ideologien in den Schatten verwiesen. Dicht gefolgt ist sie von der Literatur in Form von Filmen oder Movies. Beides wird auch von einer Vielzahl von Menschen nicht nur konsumiert, sondern auch selbst gemacht. Wenn wir ganz kurz in unsere gedachte Dorfkirche zurückspringen, so konnten die damaligen Menschen nur konsumieren: die vorgegebene Musik, das zum Herrschaftswort umformatierte Narrativ des Christentums und die Herrschaft selbst, die in der Patronatsloge auch oft anwesend war und sich selbst und den Staat repräsentierte.

Durch den Computer und vor allem durch das Smartphone gelang es der übergroßen Mehrheit der Menschen, dem Gefängnis der Herrschaftssprache zu entkommen. Die Flucht führte keineswegs in Nichts oder in das Vakuum. Versatzstücke der neuen Sprache stammen vor allem aus Filmen und Texten der Musik. Fast ganz unbeachtet ist ein neues Genre der Kunst heraufgezogen, das über eine ganze Generation zu herrschen scheint: Rap. Aus dieser neuen halbaktiven Sprache und Sprachverwendung erwächst die Verachtung der Herrschaftssprache, die aber gleichzeitig die Demokratie mit ausschüttet. Die Elitenverachtung, die in den USA immer mehr als in Europa vorhanden war, hat endlich eine Ausdrucksmöglichkeit gefunden.

Das Ende des kalten Krieges war also nicht der Epochenbruch, sondern die Digitalisierung ist es. Gleichzeitig aber tritt der Mensch deutlich aus dem Arbeitsprozess heraus, bei gleichzeitiger ebenso deutlicher Zunahme der seiner Konsumtion. Alles das ist seit dem zweiten und letzten Weltkrieg immer weltweit zu denken. Die Menschen im Rest der Welt sind keine unmündigen Arbeitssklaven mehr, wie man an den soeben verschobenen Wahlen in Nigeria gut sehen kann. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte wird ein Epochenbruch nicht durch gläubiges oder erstauntes Murmeln, sondern durch Milliarden Kommentare begleitet. Wahrscheinlich sind 99% dieser Kommentare unbrauchbar, aber das war früher, als es noch viel weniger Kommentare gab, auch nicht anders. Wir haben nicht nur das Gesetz der großen Zahl entdeckt, was nur der nüchterne mathematische Ausdruck für mehrere Wunder der Natur ist, sondern wir leben in einer Welt der Megazahlen. Wir sollten immer wieder versuchen, uns den Unsinn oder sogar Antisinn dieser unserer Welt vorzustellen: es gibt täglich eine Milliarde oft sinnloser  Kommentare und es gibt jeden Tag eine Milliarde vollgekackter Plastikwindeln, deren Entsorgung uns bisher vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellt. Epochenumbruch. Ausgerechnet der Sprüchedichter eines Ölgroßkonzerns, nämlich ESSO, hat den Text vorgegeben, den wir statt aller Beschimpfungen, Empörungen und Besserwissereien jeden Tag einmal posten und dann auch beherzigen sollten: ES GIBT VIEL ZU TUN, PACKEN WIRS AN.

*aus Sicht der Frau überließ also ihr zukünftiger Mann der Macht die Hegemonie über die Liebe

**im Einvernehmen von Herbert Spencer als Metapher übernommen

Werbeanzeigen

WACHSAM LESEN

Nr. 333

Ein Abschiedsbrief

Es begegnet uns von Zeit zu Zeit ein Zeitgenosse, der an die magische Kraft des Rationalen glaubt. Selbstverständlich ist ein Leben logisch – hinterher, durch die Lebenslüge und den Nekrolog. Lebenslüge hört sich schrecklich an und wir denken vielleicht an einen Raubmörder, der in unserer Straße unter falschem Namen lebt. Aber wir selbst sind der Raubmörder. Wir selbst, jeder von uns hat sich seine Biografie selbst erschaffen, aber nicht den tatsächlichen Lebenslauf, sondern den gedachten: eins hin, zwei im Sinn, so wie wir es gelernt haben. Schon durch die mahnenden Worte unserer Mütter oder die Schelte der Väter wurde eine Person geschaffen, die eigentlich eine Personalie ist: ein fiktives Wesen, das sich trotz aller Misserfolge gleich blieb, gleich gut, gleich stark, gleich freundlich, hier teilt sich schon die Menschheit: oder gleich durchsetzungsfähig. Lange Zeit wirkten auch einfach Klischees: Frauen sind emotional, Christen sind nächstenliebig, außer Katholiken, die sind falsch, Afrikaner sind fröhlich wie Kinder und wir Europäer eben blond und rational, wie man leicht am Automobil erkennen kann, das wir alle, jeder einzelne von uns, immer wieder konstruieren.

Wir sehen, was wir sehen wollen oder können. Unser Geist will aufnehmen, aber die Synapsen sind verknotet wie das Seil eines Zirkuskünstlers oder wie der Softwareweg eines Computers, der sich aufgehängt hat. Wenn wir zwanzig Zeugen eines Verkehrsunfalls befragen, so wird es zwanzig teils sehr verschiedene Varianten geben. Es gibt schon über einen einfachen Verkehrsunfall keine Wahrheit. Wahrheit kann immer nur das Konstrukt einer, meinetwegen herrschenden, Gruppe sein. Dieses Zugeständnis an die Herrschaftskritik vergisst, dass die im Untergrund tagende und den Umsturz planende Widerstandsgruppe ebenfalls schon eine fertige Geschichte im Laptop hat. Wahrheit ist in Wirklichkeit eine Definition: einige Menschen haben sich für einen meist kleinen Zeitraum auf eine Formulierung geeinigt, die von anderen aber verlacht wird. Eine Definition hält die ewige Bewegung der Dinge, Prozesse und Meinungen für einen Moment an, eigentlich ist alles infinit. Deshalb sind auch die meisten Definitionen tautologisch, zum Beispiel Armut ist der Mangel an Lebensmitteln oder Armut ist das Leben unter dem Existenzminimum.

Ohne Vorurteile kann man nicht leben und denken, aber wer nur mit Vorurteilen durch die Welt geht, wird niemals etwas neues sehen oder hören. Für denjenigen oder diejenige gibt es keine Spontaneität der Ereignisse, sondern nur Manipulation. Letztendlich geht so ein Weltbild von einem, wie es bei Hegel heißt, Demiurgen aus. Hegels Demiurg war so etwas wie ein umgekehrter Chirurg, der die kranke Welt durch Schnitte heilen will, sie aber dabei kaputt und immer kaputter macht. Selbstverständlich gibt es Manipulation, aber sie ist weder in der Politik noch im täglichen Leben der bestimmende singuläre Beweggrund. Unerklärliches wurde von der einen Gruppe als Vorsehung, von der anderen als Gesetzmäßigkeit gedeutet. Wie irrational der Glaube an einen übergreifenden Demiurgen ist, zeigt der Vergleich zweier historischer Ereignisse, wenn auch unterschiedlicher Wertigkeit: der Beginn des zweiten Weltkrieges und der Fall der Berliner Mauer jeweils als höchst komplexe und irrationale Geflechte von hilflos agierenden Menschen, immer wieder schön: Schabowski als Gipfel der Inkompetenz. Shakespeare trifft es am besten: life’s but a walking shadow, it is a tale told by an idiot, signifiying nothing [Macbeth V5]. Das ist vielleicht sogar am schwersten zu begreifen: das meiste bedeutet nichts.

Wenn  also jemand sagt, er läse zwar das falsche, aber er sei dabei sehr wachsam, so kann man beide Aussagen ins Reich des irrationalen entsorgen. Es gibt selbstverständlich kein richtiges und kein falsches, denn was dem einen wichtig ist, ist der anderen widerlich. Jeder weiß zum Beispiel, dass RT eine Propagandamaschinerie ist, die so agiert wie früher die Prawda, eine Zeitung des Sowjetimperiums, die Wahrheit hieß, der aber niemand glauben konnte. Trotzdem haben viele geglaubt, was darin stand, schon deshalb, weil sie nicht glauben konnten, dass man eine ganze Welt erfinden und in eine Zeitung schreiben kann. Ein beliebter Spruch in der Sowjetunion, angeblich war er von Lenin, mit dem damals Eltern ihren kleinen Kindern drohten – wahrscheinlich, weil er allgegenwärtig war -, versprach, dass Vertrauen zwar gut, aber Kontrolle besser sei. Obwohl es offensichtlich umgekehrt ist, die ganze Welt und die ganze Weltgeschichte auf Vertrauen und Loyalität beruht, stand er damals an jenen Fabriken oder Baustellen, in denen das gestohlen wurde, was es wegen der Planwirtschaft nicht zu kaufen gab. Jeder wusste damals, dass die Chruschtschow-Neubauten wegen mangelnder, unmöglicher oder absichtlich verhinderter Kontrolle so aussahen und immer noch aussehen, wie sie aussehen: schief und krumm, mit der heißen Nadel hingeworfen. Kontrolle ist unmöglich. KGB, Securitate, Staatssicherheit, Mossad, CIA, BND und Verfassungsschutz, sie alle wollten oder wollen ganze Völker kontrollieren, aber haben nicht ein einziges Ereignis voraussehen oder gar verhindern können. Kontrolle ist nur sehr teilweise möglich. Deshalb passieren Unfälle. Man kann wachsam sein, aber man wird dadurch weder klüger noch sicherer.

Wir lesen zumeist das, was wir schon wissen oder was wir wissen wollen oder was wir glauben zu wissen. Geraten wir zufällig an das Gegenteil, erklären wir es kurzerhand für manipuliert. Was wir auch lesen, es wird immer die Bestätigung dessen sein, was wir wollen. Manchmal wollen wir mit den Millionen im mainstream schwimmen, an anderes Mal sind wir stolz auf unser widerstehen im Gegenstrom.

Mein schöner Satz, dass, wer einen Text liest, sein Autor wird, wird natürlich gerne sehr positiv verstanden: von der Mitwirkung des schlauen Lesers an den großen Denkprozessen der Weltliteratur. Aber er kann auch meinen: Egal in welches Buch du blickst, du siehst immer dasselbe. Millionen Leser haben die Ironie Mephistos wörtlich genommen: denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nachhause tragen. Andere Millionen haben Senecas Witz, dass wir für das Leben lernen sogar über Schulen gemeißelt. Am neuen Museum in Berlin, jenem schmählichst geschundenen, aber auch wunderbar wieder auferstandenen Stüler-Bau, steht, jetzt etwas durch die neue Eingangshalle verdeckt, dass die Kunst niemanden hasst, nur die Unwissenden, aus denen wir das Wort Ignoranten gemacht haben. So ist es auch mit dem Leben, es hasst niemanden, aber die Ignoranten haben es schwer. Die Kraft des Rationalen ist allzu oft nur fiktiv, weshalb die rationale Kraft des Fiktiven allzu oft übersehen wird.

ES WIRD ALLES [GUT] [WERDEN]

Nr. 331/332

I

Nach dreieinhalb Stunden über den Wolken, wo immer die Sonne scheint, ist man in einer anderen Welt. Zwar ist Island in vielen Punkten seinen skandinavischen Brüdern oder Schwestern sehr ähnlich, aber es unterscheidet sich auch. Das faszinierendste an Island ist, dass nur 350.000 Menschen nötig sind, um diesen Wohlstand, diese Gelassenheit und Freundlichkeit aufrechtzuerhalten. Die großen Hotels, Reykjavik ist eine einzige Baustelle, werden allerdings von polnischen Gastarbeitern gebaut, die auch bei bitterer Kälte und andauernder Dunkelheit unermüdlich am Schweißen und Hämmern sind, assistiert von Unmengen von Kränen. Diejenigen Isländer, die Geothermik für ihre Heizung benutzen, lassen diese Tag und Nacht auf 80°C laufen und können unbesorgt auch die Fenster geöffnet lassen. Viele Menschen scheinen zwei Autos zu besitzen, einen Kleinwagen für den Sommer und einen großen SUV, der früher Allrad hieß, für den Winter. Es gibt sogar ein Verkehrsschild: Allrad empfohlen. In der Nationalgalerie hängt eine Fotoserie von Olafur Eliasson, die fünfunddreißig der merkwürdigsten Unfälle zeigt, die trotz schwerer Autos passierten: in Schnee und Eis und Wasser und Vulkanlöchern verschwundene Autos oder Busse. Der Fotograf ist nicht verwandt mit dem gleichnamigen Organisten an der protestantischen Domkirche, der jeden Dienstagabend aus Bachs Wohltemperierten Klavier auf einem estnischen Flügel spielt. Und dieser Titel erhält hier eine schöne Nebenbrisanz. Die kleine, sehr schöne Kirche war gut beheizt und schlecht besucht. Hier wimmelt es nur so von guten Ideen, und niemand scheint sich von mangelnder Resonanz abschrecken zu lassen.

Mehrere Busunternehmen bieten Rundreisen an, und wir wählten Geysir, Wasserfall und Amerikaspalte. So wie man in Istanbul auf der einen Seite des Bosporus nach Asien, auf der anderen nach Europa blicken kann (während man am Goldenen Horn von der türkischen auf die ehemalige griechische Seite sieht), so steht man hier auf der europäischen Platte und fotografiert die nordamerikanische oder umgekehrt. Vor etwas mehr als tausend Jahren fand hier das berühmte Thing, das basisdemokratische Parlament der isländischen Männer (!) statt. Der Führer redete gegen die amerikanische Felsenwand und das Echo seiner Worte erreichte ohne weitere Verstärkung seine Zeit- und Landgenossen. Natürlich fällt uns sofort Troll Trump ein, der hier seine Mauer vorfinden würde, die Amerika vom Rest der Welt trennt. Aber das geografische Unwissen amerikanischer Präsidenten und vieler ihrer Mitbürger ist legendär – my name is legion, for we are many. Am Wasserfall, der ein gespaltener Fluss ist, waren -17°C und der orkanartige Wind aus dem Film Goldrausch. Man wärmt sich dann in einem der 1000 Luxusläden auf. Unser pakistanischer versierter Guide hatte uns schon auf die Schwierigkeit hingewiesen, die Viersekundenaktivität des Geysirs zu fotografieren. Das schaffen wohl nur professionelle Fotografen. Aber diese Erkenntnis hindert hunderte japanische Touristen nicht am warten und aberwarten bis zum Aberwitz.

Ich habe sozusagen als doppeltblinder Passagier in einer Studenten-WG übernachtet, in der es ein ständiges kommen und gehen gab, während im untergegangenen Ostblock alle Studenten sich fünfzehn Minuten nach acht einzufinden hatten. Das war übrigens der Grund, dass beim Absturz eines sowjetischen Jagdflugzeuges in der Technischen Hochschule Cottbus niemand außer dem Piloten zu Schaden kam. Heute wird aber englischsprachige Flexibilität eingeübt, und eingeübt ist nicht das richtige Wort: vielleicht eingelebt, vielleicht sogar eingeliebt. Einige meiner rechten Leser hadern immer wieder mit meiner und der allgemeinen Auffassung von Globalisierung. Sie ist genauso wenig umkehrbar wie die Entdeckung Amerikas durch Erik den Roten und seinen Sohn Leif Erikson und Christofor Colombo, der mittlere steht als riesige Statue vor der expressionistischen Halgrims-Beton-Kirche, die wie ein Eiszapfen des lieben Gottes aussieht. Diese Unumkehrbarkeit, unter der wir alle leiden und um derentwillen es so schöne Märchen gibt, ist gut durch den Unterschied von Addition und Kumulation beschrieben: durch hinzufügen verändert sich die Ausgangsbasis. Es führt kein Weg zurück in vorkolumbianische Zeitalter. Auch wenn man Globalisierung als Sündenfall sieht, sie ist geschehen, und wir müssen mit ihr leben. Daraus eben ergibt sich unsere Verpflichtung, nicht aus Schuld.

Seit der Finanzkrise von 2008, in der Island unterzugehen drohte, setzt es auf nur zwei wirtschaftliche Faktoren: Aluminiumschmelze wegen der niedrigen Energiepreise und Tourismus wegen der einzigartigen Naturschönheiten. Mehr als 99% der Energie wird aus Wasserkraft und Geothermik gewonnen, so dass es sich lohnt, Bauxit, den Ausgangsstoff der Aluminiumproduktion, von weither zu holen, um ihn hier zu schmelzen und zu verarbeiten. Die Touristen dagegen kommen von selbst. Der größte von mehr als hundert Flughäfen, Keflavik, ist ein ehemaliger NATO-Stützpunkt. Island ist Gründungsmitglied er NATO, stellt aber heute nur noch Radarstationen und medizinische Hilfe zur Verfügung, auch darin sollte es uns Vorbild sein. Dieser Flughafen ist deshalb ziemlich groß, weil er, von uns in Zentraleuropa nicht beachtete, der größte Umschlagplatz zwischen Europa und Nordamerika ist. Nach Kanada und in die USA ist es ein Katzensprung. Warum der Flughafen so angenehm leise, voller Hilfe und Freundlichkeit ist, bleibt isländisches Geheimnis.

Die Touristifizierung[1] Islands und des gesamten Abendlandes, so der mich begleitende Volkswirt, ist Gefahr und Chance zugleich. Für Island kann man tatsächlich eine neuerliche tiefe Krise befürchten, wenn man Pessimist bleiben und das einstige Ausbleiben der Touristen voraussagen will. Venedig und Florenz müssen ohnehin – und nicht zum ersten Mal – ihre Existenz neu bedenken.

Aber es gibt noch mehr kleine Länder voller Wunder. So wie Island als Modell, wenn nicht sogar als Paradigma, dienen kann, könnte man ein anderes kleines Land in der immer noch so genannten dritten Welt aussuchen und mit dem demokratisch eingeholten Einverständnis[2] seiner Bewohner zu einer touristischen Oase ausbauen, in der viele Beschäftigung und Lebensunterhalt finden könnten. Auch in Eritrea – zum Beispiel – gibt es Vulkane und durch die Höhenlage dünne Luft zum Trainieren, Wandern, Radfahren, Bergsteigen. Es gibt in der Hauptstadt Asmara futuristische (also spätexpressionistische) Architektur, mit der der italienische Diktator Mussolini, übrigens ein ehemals sozialdemokratischer Lehrer, den Weltherrschaftsanspruch Italiens begründen wollte. Es gibt eine italienische Eisenbahn von vor 150 Jahren, die genau so noch in Betrieb und bis jetzt das einzige touristische Ziel ist. Es gibt Felsenklöster wie in Tibet und uralte kulturelle Zeugnisse, deren Ursprünge mit dem weisen König Salomo datieren. Eritrea und Island sind außerdem durch die bis heute anhaltende Sitte der Patronyme verbunden und verähnlicht.

Wer nach Island fährt, kommt auf jeden Fall mit Visionen auch für sein Leben zurück, und er lernt die Gelassenheit der Isländer schätzen: Þetta reddast – es wird alles [gut] werden.

[Ich danke meinen Söhnen CST, TST, CDS und ARS für die Finanzierung der Reise als Geburtstagsgeschenk und darüber hinaus CDS für die sachkundige und liebevolle Betreuung und wissenschaftliche Begleitung.]

 

II

Wer ankommen will, muss aufbrechen. Dazu war in den letzten fast dreißig Jahren reichlich Gelegenheit. Wenn in Ostdeutschland die Verhältnisse nach wie vor schlechter sind als im Westen, dann gibt es mehrere Möglichkeiten, das zu verändern: man kann dorthin gehen, wo es besser ist, man kann hier etwas verändern oder aber man kann jammern, und noch schlimmer: sich einem der Jammervereine anschließen. Die ganze Debatte um die Ungerechtigkeit dauert seit 1990 an, aber 1990 war sie auch berechtigt und verständlich. 2019 dagegen ist diese Debatte, wenn sie mit den gleichen Argumenten geführt wird wie damals, überflüssig, überholt und kontraproduktiv. Es gibt keine Gerechtigkeit. Und deshalb gibt es Religion, politische Parteien und den Sozialstaat. Das Streben nach Gerechtigkeit, das uns allen eingegeben ist, ist dagegen kein Himmelsgeschenk, sondern ohne eigene Beiträge nicht ergiebig.

Die erste Grundannahme, die man ändern muss, ist die, dass den ostdeutschen etwas genommen wurde. Bekanntlich fanden 1990 Wahlen statt, bei denen die CDU eindeutig gewonnen hat. Statt sich solange über dieses Ergebnis, dessen Hauptursache alle, die dabei gewesen sind, erinnern können, zu wundern bis es seitenverkehrt erscheint, sollten wir uns lieber darüber aufregen, dass wir die vierzig Jahre davor an Wahlen teilgenommen hatten, deren Ergebnis immer schon feststand. Nur eine Handvoll von uns hat sich dagegen gewehrt. 1990 wurde also niemandem etwas genommen, sondern vielen etwas gegeben: von Mallorca und Bananen bis zu neuen Straßen und Häusern. Im Supermarkt hört man erfreulicherweise niemanden über Ungerechtigkeit und Westprivilegien schimpfen.

Die zweite falsche Annahme ist, dass man überhaupt jemandem die Heimat nehmen kann. Selbst für einen Deportierten bleibt sie da, wo sie ist, nämlich links hinter der Birke und in seinem Herzen. Ein Staat ist keine Heimat, auch wenn das die Hymnen der autoritären Länder suggerieren wollen. Wäre ein Staat eine Heimat, dann hätten alle Menschen in Deutschland 1918 und 1933, 1945 und viele 1989 ihre Heimat verloren. Das ist einfach Unfug. Erstens behaupten nicht alle Ostdeutschen, dass ihnen jemand die Heimat stahl, und zweitens sollten wir uns genauer ansehen, was der andere Teil, der glaubt, dass ihm etwas genommen wird, meinen könnte. Die DDR war weniger vom Staatsterror bestimmt, vielmehr von der Overprotection[3]. Alles, fast alles, war im Osten vorherbestimmt und demzufolge vorhersehbar. Um dieses System der Staatsgeschenke aufrechterhalten zu können, wurde zuerst die Mangelwirtschaft als Preis bestimmt, dann das Unwesen der Westkredite, was auch den endgültigen Untergang des kleinen Landes brachte, wenn man einmal die außenpolitischen Faktoren außeracht lässt. Aber es gab auch noch einen anderen Preis zu zahlen, wenn auch nur für eine bedauernswerte Minderheit: wer sich ernsthaft den Staatsgeschenken widersetzte, der hatte auch mit ernsthaften, schwerwiegenden Folgen zu rechnen. Wenn man also alle diese Bedingungen missachtet, dann könnte diese Form des staatlich gelenkten Overprotection als Geborgenheit interpretiert werden. Und wenn man das tut, dann, und nur dann kann man sagen, dass uns etwas genommen wurde: nämlich die staatlich verordnete Unmündigkeit. An ihre Stelle hat sich das gesetzt, was Kant aus Königsberg und das Grundgesetz wollten und was jeder vorher hätte nachlesen können: der Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, die Initiative, die Verantwortung eines jeden für sich selbst. Die kalte Pranke des Kapitalismus wurde und wird flankiert durch Bildung, Wohlstand und Demokratie. Niemand ist verpflichtet, ein lupenreiner Demokrat zu sein, während man im Osten schon verpflichtet war, DIE PARTEI, die immer recht hatte, höher zu stellen als die Demokratie aus dem Namen des Landes, das in der eigenen Unfähigkeit ertrank. Aber das heißt noch lange nicht, dass alle seine Einwohner unfähig waren. Ein Staat ist nicht nur keine Heimat, sondern auch nicht identisch mit seinen Bürgern. Wenn mein Nachbar nicht schwimmen kann oder will, muss er sich dafür nicht rechtfertigen. Vielleicht gehört er zu jener Gruppe, die meint, dass in den Wäldern mehr steht als in den Büchern und dass Wasser keine Balken hat. Rechtfertigen muss man sich nur für Untaten, nicht für Unglauben. Das ist gerade der Fortschritt, den wir feiern sollten, nicht der Verlust, den es nicht gab und den wir deshalb auch nicht fortwährend bejammern müssen. Bei jeder Veränderung gibt es Pioniere und Nachzügler. Wer weiter das Pionierlied von unserer schönen Heimat singen will, kann das gerne tun, wer nicht zur Wahl gehen mag, wird nicht von Schleppern abgeholt und genötigt. Weniger Ärzte und Schulen gibt es nicht, weil wir im Osten unterprivilegiert sind, sondern weil es hier immer weniger Menschen gibt. Allein in meiner Heimat, der Uckermark, die so groß ist wie das Saarland, nur viel schöner, geht die Einwohnerzahl von 1990 bis 2030 von 170.00 auf 100.000 zurück, während sich meine Altersgruppe verdreifacht. In Island, wo nur etwas über drei Menschen je Quadratkilometer leben, jammert niemand. Sie steigen dort in ihr Privatflugzeug und sagen: Þetta reddast – es wird alles [gut] werden. Und Island ist in der Weltrangliste der Demokratie auf Platz zwei. Es gibt also genug zu tun.

[Dieser Text ist eine Erwiderung auf den Artikel ‚Über das blinde Privileg, westdeutsch zu sein‘ von Carsten Korfmacher im Nordkurier vom 29. Januar 2019, den ich in Island gelesen habe.]

[1] CDS

[2] beachte: in Afrika sind die Menschen keine analphabetischen Skelette mehr, denkende Menschen waren sie aber auch schon vorher.

[3] Überfürsorge

NOT IN MY BACK YARD

Nr. 330

Schon mehrmals habe ich hier einen Satz geschrieben, der auch falsch verstanden werden könnte. Wer viel schreibt, weiß, dass jeder Satz anders verstanden werden kann, als der Autor ihn gemeint hat. Wer einen Text liest, wird sein Autor, auch das stand schon mehrmals hier. Der Satz aber, den ich meine, lautet: Seit Heinrich Himmler deutscher Innenminister war, gibt es schwarze Deutsche. Der Satz ist nicht falsch und auch nicht unschön, weil er zwei Dinge zusammenbringt, die zunächst nicht zusammenzupassen scheinen. Aber man könnte ihn auch so verstehen, dass sein Autor etwas gegen schwarze Deutsche hat. So ist es aber nicht. Nicht jeder Satz ist eine Autobiografie, eher umgekehrt, jeder Satz wird Eigentum der Leser. Was der Satz immer sagen sollte und auch gesagt hat und auch heute noch sagen soll, ist, dass der Wächter über die so genannte ‚Rassenreinheit‘ selbst dafür gesorgt hat, dass wir heute wissen, dass es weder ‚Rasse‘ noch ‚Reinheit‘ gibt. Wenn man also ein Prinzip, noch dazu ein so falsches und widriges, auf die Spitze treibt, muss es zwangsläufig scheitern. Trotzdem fallen immer wieder Menschen auf Versuche herein, eine komplexe Sache einfach erklären und verändern zu wollen. Es ist immer wieder der unauflösbare Gegensatz zwischen Wahrheit und Evidenz, der uns die fata morgana der Trivialität vorspiegelt. Wahrheit wäre die völlige Übereinstimmung eines Dinges oder Vorgangs mit seiner Beschreibung. Die kann es also nicht geben, nur Näherungen. Deshalb flüchten wir uns gerne in die Evidenz, in den schönen Schein, es könnte so gewesen sein, und gerade das erscheint uns oft unbezweifelbar. Ein Sonderfall von Evidenz ist die Augenzeugenschaft. Viele glauben, etwas besonders gut zu verstehen, weil sie dabei gewesen sind.

Der Versuch also, das ohnehin schon konstruierte Deutschtum zu komprimieren und isolieren, bedeutete sein beschleunigtes Ende. Nation ist immer schon nur der Versuch gewesen, Nation zu sein. Und Deutschland hat diesen Prozess natürlich nicht in der Isolierzelle erlebt, obwohl es nach dem letzten Krieg dahinein gehört hätte, sondern im Verein mit anderen untergehenden Nationen:  das britische Empire versank wie die Grande Nation, von Balzac mit seiner Figur grandeur et decadence[1] vorausgesagt.  Wir alle versuchen, Probleme aus unserem Hinterhof in einen anderen Hof zu verschieben. Das ist, nach meiner tiefen Überzeugung, auch der Grund dafür, dass ein menschenähnlicher Gott, obwohl er für so viele Menschen evident ist, arithmetisch nicht möglich ist. Zu viele sich widersprechende Bitten müsste er erfüllen oder versagen. Genauso kann man Probleme eben nicht verschieben. Ein schöner Sonntagsaufruf wäre es zu sagen: Dann lasst sie uns doch gemeinsam lösen…Das ist merkwürdigerweise immer nur als Ausnahme möglich. Allzu schnell verfallen wir wieder in unser Hinterhofdenken.

Der letzte Krieg[2] hatte als eines seiner Nebenziele[3] die Zementierung des patrialinearen Weltbildes. Das Mutterverdienstkreuz gab es für einen biologischen Akt, nicht für eine Innovation oder einen Gedanken. Die Geburtenrate hat sich dadurch nicht signifikant geändert, wohl aber das Bild und Selbstbild der Frau. Denn obwohl sie Kinder bekommen sollten und obwohl mehrere Millionen Kriegsgefangene dafür ebenfalls eingesetzt wurden, mussten sie – wie schon im ersten Weltkrieg – in der Rüstungsproduktion arbeiten. Nach dem Krieg haben sie nicht nur die Trümmer weggeräumt, sondern auch die Kinder allein erzogen und wahrscheinlich ganz pragmatisch auf eine Reihe von bis dahin für unverzichtbar gehaltene Prinzipien verzichtet. Die aggressive Verteidigung der Männerherrschaft hat ihr Ende beschleunigt.  Allerdings hat die Verwirklichung der manchmal Gleichberechtigung, manchmal Emanzipation genannten neuen Stellung der Frauen lange gedauert und dauert noch an. Anders als bei der Nation war vielen unserer Vorfahren vorher nicht klar, dass es zwischen Frauen und Männern mehr Schnittmengen gibt als es vorstellbar war. Das binäre Geschlechtssystem schien zu felsenfest und zu ewig zu sein, als dass man es sich wankend und erodierend vorstellen konnte. Wir dürfen nicht vergessen, dass die heutige Diskussion um die marginale Frage des Transgender nur eine Projektion der tatsächlichen und großen Probleme ist. Nicht gelöst ist die work-life-balance, wenn man Kinder hat, keine Vision leitet die Vaterrolle, noch nicht einmal die gerechte gleiche Bezahlung von Frau und Mann ist angedacht. Auch Quoten sind immer nur eine Zwischenlösung, wenn überhaupt.

Obwohl fast übergangslos nach der Aufklärung die Romantik einsetzte und starke gegenläufige Impulse gegen die Industrialisierung, Urbanisierung und Verwissenschaftlichung des Lebens einbrachte, dauert der etwas sinnlose Kampf zwischen (Populär-)Wissenschaft und (Elitär-)Erzählung an. Es ist ein schon sprichwörtlich gewordener Vorwurf, dass sich die Aufklärung an die Stelle der alten Vormünder gesetzt hat. Der Glaube an wissenschaftliche Erkenntnisse und Halbwahrheiten und an die Zeitung hat den Glauben an die bis dahin einzig vorstellbare religiöse Welt abgelöst. Das ganze neunzehnte Jahrhundert über ist Europa im Aufbruch: Flucht und Migration, religiöse Atomisierung – ein Schisma jagt das nächste, und das nicht nur im Christentum -, Not und Verelendung werden dicht gefolgt und bald überholt von Hygiene und ausreichender Nahrung. Der Paukenschlag der Tamborakrise[4] hatte auf der einen Seite biblische Ausmaße, auf der anderen Seite aber auch einen riesigen Innovationsschub vom Fahrrad über den Mineraldünger bis zum Suppenwürfel zur Folge. Erst im neunzehnten Jahrhundert lernten die meisten Menschen in Europa lesen und schreiben, denn dazu braucht man nicht nur eine Schule, sondern auch Zeit, Lesestoff und Freiheit. Unbemerkt von der pseudoreligiös aufgefassten Wissenschaft und dem sich rasant entwickelnden Journalismus – beides hält auch bis heute an – hat sich die von den Romantikern ersehnte Erzählkultur verbreitet. Ironisch könnte man sogar sagen, dass nach der Religion und der Wissenschaft Grimms Märchen den Diskurs bestimmen, und Diskurs ist noch nicht einmal mehr das richtige Wort: es geht fast nur noch um Zuhören und Kopieren. Die Märchen hämmern auf allen Bildschirmen auf uns ein. Musik ist zur Hauptkommunikation geworden.  Gleichzeitig wurde die Arbeit immer mehr entmenschlicht, was merkwürdigerweise Rationalisierung genannt wurde. Das ist insofern irreführend, indem zwar zur Erfindung der Maschine ratio gebraucht wurde, aber allen weiteren Prozessen wurde sie entzogen.  Man könnte also auch gut sagen, dass die Rationalisierung zur einer Irrationalisierung führte. Wenn man weiter bedenkt, dass Rationalisierung auch immer nach einer Optimierung sucht, also einer Verbesserung ohne Verschlechterung, dann zeigt sich, dass der alte Egoistengrundsatz: not in my back yard nur fortwährend seine Grenzen nach außen verschiebt. Unsere Fabrik produziert kein CO², zahlt Tariflohn, hat einen Betriebsrat, aber unsere Seltenen Erden werden von Kindern in Afrika ausgebuddelt, unser Müll wird nach Indien und China exportiert und für Möbel-H***** wird der Amazonas- und indonesische Urwald gerodet. Diese Irrationalisierung hat aber mehrere Seiten, deren eine nur der sinnlose Ticket- oder Pfandflaschenautomat ist, einschließlich der überall überflüssigen, aber alimentierten Arbeitskräfte. Die andere Seite ist die Unterhaltungsindustrie, über deren Megakitsch man lachen darf, deren geradezu omnipotenter Bildungseinfluss aber nicht unterschätzt werden darf. Zwar gibt es noch 800 Millionen Menschen, die hungern und Analphabeten sind, aber schon drei Milliarden Menschen haben ein Smartphone, was einen ungeheuren, noch vor wenigen Jahren nicht vorstellbaren Innovations- und Bildungsschub bedeutet. Je mehr Bildung wir haben werden, desto mehr werden wir auch unseren Hinterhof öffnen wollen.

[1] Cesar Birotteau, Roman von Honoré de Balzac

[2] das ist immer wörtlich gemeint: es war der letzte Krieg, danach kamen – zum Glück – nur noch begrenzte und kalte Kriege; wir leben nicht in einer Zeit der Kriege.

[3] seine Hauptziele waren offensichtlich die Eroberung von Raum und Rohstoff und die Ermordung von sehr vielen Menschen, darunter mehrere Millionen Kinder

[4] auf den Ausbruch des Vulkans Tambora (heutiges Indonesien) 1815 folgte eine weltweite Hungerkrise

JEDE KETCHUPFLASCHE HAT EINEN NAMEN…

 

 

Nr. 329

 

Über ‚CAPERNAUM‘ von Nadine Labaki

 

…und ein Herstellungs- und ein Verfallsdatum, nur illegale Flüchtlinge nicht, sagt der Menschenhändler auf einem Beiruter Markt, der zum Schein und zur Geldwäsche einen Marktstand betreibt und den Menschenfreund spielt. Der Film wiederum spielt mit der Realität. Die Slums von Beirut kommen dem Zuschauer wie in einem Dokumentarfilm ganz nahe. Und deshalb wirkt der unglaublichste fiktive Fakt ebenfalls realistisch: dass der kleine Zain seine Eltern verklagt, so wie alle Kinder in den Slums und auf den Flüchtlingsbooten uns, die Erwachsenen dieser Zeit, verklagen müssten, weil wir der Verantwortung, die wir uns entweder durch sie, die Kinder, oder durch unser luxuriöses Leben aufgeladen haben, nicht gerecht werden. Aber auch die Eltern des ungeheuer starken Zain sind Opfer ihrer Unbildung, ihrer Abhängigkeit, ihrer Mutlosigkeit und ihres Fatalismus. Dieses ganze Leben handelt nur von Müll und Leid. Alle Gegenstände, die man sieht, stammen aus und kommen wieder in den Müll. Nichts ist etwas wert. Es gibt keine Werte. Und da das Leben ebenso wenig wert ist, ist die zweite Komponente, das Leid, noch stärker als der Müll. Und trotzdem geht es um Fürsorge und Zuversicht.

Kapernaum – in verschiedenen Schreibweisen – ist sowohl eine biblische als auch eine historische Stadt. Yesus hat mehrfach in ihr gelebt und gelehrt, allerdings nicht in der vor hundertfünfzig Jahren ausgegrabenen Synagoge, sondern in ihrem Vorgängerbau. Mehrere seiner Jünger stammten von hier. Einst wurde Yesus von einem römischen Hauptmann gebeten, dessen Knecht zu heilen. Und da er nicht glaubte, dass Yesus dafür in sein Haus kommen musste, das der Hauptmann als zu klein und niedrig empfand, wurde er von Yesus vor dem versammelten Volk für seinen Glauben gelobt. Kapernaum versank 746 in einem Erdbeben in der Wüste. Vielleicht hat es dann so ausgesehen, wie die Slums von Beirut heute. Der Glaube des Hauptmanns an Heilung und seine Fürsorge ließen ihn zum allgegenwärtigen und noch heute verständlichen Symbol werden.

Der erste Mensch, um den sich der schon mit der Arbeit im Laden des Vermieters überforderte Zain kümmert, ist seine Schwester Sahar. Sie mag die Lakritze des Vermieters uns Arbeitgebers Assad, aber Zain ahnt, dass sie an ihn verkauft werden soll. Was er nicht ahnt, ist, dass er sie nie wiedersehen wird. Erst als er den Kampf um seine Lieblingsschwester verliert, verlässt er die Bretterbude ohne Betten und ohne Liebe. Die schöne Äthiopierin Rahil, die so gerne Tigest hieße und für gefälschte Papiere spart, vertraut ihm ihren kleinen, nirgendwo registrierten Sohn Yonas an, um den er sich bis zur Verzweiflung sorgt. Zain ist ein ungeheuer durchsetzungsfähiger Junge. Er besorgt ein Skateboard, auf das er einen Topf montiert, in dem er den ungeheuer folgsamen hochempathischen kleinen Yonas durch die Slums und Märkte navigiert. Ein syrisches Flüchtlingsmädchen gibt ihm marktwirtschaftliche Tipps und vor allem eine Zukunftsperspektive: in Schweden, sagt sie, haben die Kinder eigene Zimmer, wo die Erwachsenen anklopfen müssen. Zain verkauft zunächst den Hausrat, der im Gegensatz zu dem seiner Eltern wenigstens verwertbarer Müll ist. Leider verkauft er auch wieder das aus Schmerztabletten gewonnene Rauschwasser, was ihn der Gewalt der Halbstarken unterliegen lässt. Man vergisst, wie der Richter in der Rahmenhandlung, ständig das Alter des kleinen Zain.

Die ganze Zeit überlegt man als Beiwohner dieser Tragödie, die aber immer wieder durch das Lächeln des Schützlings Yonas aufgehellt wird, den Zain wider allen Anschein stets als seinen Bruder ausgibt, welches Leid das größte ist: der Verlust der Schwester, das Aufbegehren gegen die verantwortungslosen Eltern, die Überforderung mit Yonas, die Verhaftung von Rahil, der Mutter des Yonas, der Verlust des Geldes, der endliche Verkauf des Yonas an den Menschenhändler, der Mordversuch an Assad, der für den Tod der Schwester verantwortlich ist, das Gefängnis in Beirut, die Zeugenaussage der Eltern vor Gericht. Es ist eine Kette von Leid und Müll und Tod.

Im Gefängnis, dessen Zustände für uns nicht erzählbar sind, tritt eine christliche Gruppe auf, die hilflos, geradezu albern wirkt, aber als sie eine christliche Schnulze singt, wirkt plötzlich die Kraft der Musik. Nach der Liebe ist die Kunst die zweite große Kraft. Die Musik des Films – von Khaled Mouzanar, das ist der Ehemann von Nadine Labaki – ist eine bezaubernde Mischung aus orientalischem und elektronischem Mirakel. Man vergisst sie streckenweise, genauso wie man vergisst, dass man nicht in einem Dokumentarfilm sitzt.

‚Capernaum‘ erzählt eine große Geschichte mit großen Mitteln. Die Unmittelbarkeit erinnert an Iñarritus ‚BABEL‘, aber es geht um etwas anders. Es geht darum, dass wir übersehen, dass in dem Müll und Leid und Tod der Slums der großen Städte, die nach dem Vorbild der europäischen und nordamerikanischen großen Städte gewachsen sind, nur dass in ihnen statt Industrie nichts als falsche Hoffnung blüht, dass in diesen Slums die Grundwerte der Menschheit weiter gültig blieben, entgegen dem Anschein, der einerseits durch Menschenhändler und andere Kriminelle, andererseits durch den repressiven Staat entsteht. Der Staat ist aber gleichzeitig auch der Bewahrer ebendieser Werte. Ein pensionierter Richter, der in der Spencer-Tracy-gleichen Rolle (‚Das Urteil von Nürnberg‘) die Hilflosigkeit des Staates, der Gesellschaft und ihrer Institutionen, aber auch ihre Funktion als Korrektiv und Katalysator zeigt. Nadine Labaki, die Filmemacherin, spielt sich selbst, sie ist die Anwältin, die zu einer Nebenrolle verdammt ist.

Tolstoi schon stellte die Frage, was aus dem Intelligenz- und Moralpotential all der Menschen wird, die nicht in die von ihm gegründete Schule gehen konnten. Wir müssen uns fragen, warum wir die Kraft dieser Kinder aus dem Müll vergeuden, statt sie zu schützen und zu nützen. Die Zukunft der Menschheit wird nicht Industrie mit Menschenhand sein. Damit die großen Städte, die anscheinend nicht verhinderbar sind, zu Städten der Hoffnung werden, brauchen wir verschenkbare Bildung, nicht verschenkte. Die trostlosen Eltern der Kinderschar in diesem Film überlegen kurz, ob sie dem Wunsch Zains nicht nachgeben sollten und ihn zur Schule schicken. Ihr einziges Motiv ist aber, dass er dort kostenlose Schulkleidung und Lebensmittel bekommt. Den Wert bedruckten Papiers können sie nicht erkennen, weil sie es weder haben, noch lesen könnten, wenn sie es hätten.

Libanon ist ein religiös und politisch zerrissenes Land. Aber schon in der Antike hatte es eine Scharnierfunktion zwischen Orient und Okzident. Es hat großartige Dichter hervorgebracht, die hierzulande niemand kennt. Labaki lässt einige ihrer Protagonisten so sprechen, wie unser Klischee von Dichtung im Orient geht. Aber vielleicht ist das gerade der Realismus?

DAS PARADOX DER NÄCHSTENLIEBE

 

Nr. 328

Wer einem Menschen oder einem Tier oder einer Pflanze etwas Gutes tut, muss damit leben, dass die Welt dadurch besser wird, obwohl er oder sie das gar nicht gewollt hat. Das gleiche gilt leider auch für das Böse, das aber wunderbarerweise niemals dauerhaft gewinnt. Mit dem Guten ist es so wie mit dem Bäcker von Adam Smith: obwohl er bäckt, damit er satt wird, werden auch wir satt. Trotzdem steckt in diesem Vorgang Planung, Arbeit, Mühe und Zuversicht. Nicht jeder Bäcker wird reich. Insgesamt geht von der Tätigkeit der Bäcker und Dönerläden ein Grundvertrauen aus, dass wir nicht verhungern können. Uns scheint es so, als dass eine unsichtbare Hand, auch dies eine Metapher von Adam Smith, dafür sorgt, dass wir nicht nur nicht verhungern, sondern an Döner und Croissants unser Wohlgefallen haben. Der Staatsrechtler Georg Jellinek, dessen Bruder übrigens einem urdeutschen Symbol den Namen gab: Mercedes, nannte dies die normative Kraft des Faktischen. Wir tun wiederholt  etwas, und dann erscheint es uns als Norm. Das ist leicht zu verstehen.

Aber was machen wir mit dem Bösen oder mit den Bösen? Die platteste Lösung ist eine Losung, die oft an Wände geschrieben wird und wie ein Menetekel wirkt: NAZIS RAUS. Das hört sich gut an, ist aber nicht nur falsch, sondern eine Nazilösung. Denn der Faschismus beruht auf Segregation und auf dem Glauben an Segregation. Eine bestimmte Menschengruppe, so will der Segregationsglaube glauben machen, ist schuld am Elend. Diese Menschengruppe befindet sich wahlweise außen oder sie ist zwar innen, aber fremd. Und so funktioniert auch der Graffitospruch NAZS RAUS. Er unterstellt, dass die Nazis andere Menschen sind, die man wegschicken, im schlimmsten Fall internieren kann. Tatsächlich sind die Nazis aber unsere Kinder, Eltern, Brüder, Schwestern, Nachbarn. Man kann sich Menschen nicht aussuchen. Natürlich kann nicht jeder Mensch mit allen seinen Mitmenschen gut klarkommen, aber wenn man vorn vornherein ganze Gruppen ausschließt, dann kann das nicht gut sein.

Die zweite Lösung, die oft angeboten wird, ist das von Karl Popper stammende Paradoxon der Toleranz. Das wird oft so verstanden, dass man gegen Intoleranten letztlich nicht mehr tolerant sein kann, weil sie die Basis der Toleranz zerstören wollen. Dieser Vorschlag unterstellt, ebenso wie jede Segregation, dass die Grenzen zwischen den Menschengruppen starr und unveränderbar sind, was selbst bei der Hautfarbe, aber ganz offensichtlich bei politischen Ansichten nicht stimmt. Popper meinte übrigens, dass sein Paradoxon nur dann griffe, wenn es keine Argumente mehr gäbe. Wer zum Molotowcocktail statt zum Wort greift, für den gilt selbstverständlich das Strafgesetzbuch als Minimum der Ethik, wie es Georg Jellinek formulierte. Würden wir also die heute Intoleranten aufgeben, so hätten wir und sie keine Chance, sie in das Lager der Toleranten hinüberzuziehen.

Vor ein paar Tagen hatte einer dieser Schlaumeier neunzigsten Geburtstag und sein Satz ‚Optimismus ist nur ein Mangel an Information‘ geisterte durch das Netz. Wenn Optimismus Mangel an Information ist, dann ist Pessimismus aber offensichtlicher Mangel an Glauben, Mut, Zuversicht, Realismus (denn da niemand in die Zukunft sehen kann, muss man auch für morgen nicht mehr befürchten als für gestern), Poesie, Solidarität, Menschenkenntnis, Geschichtsbewusstsein, Charisma, Fiktion und Magie. Ohne Information kann man leben, wenn auch vielleicht nicht die Welt verbessern, aber nicht ohne Zuversicht.

Nicht jeder Mensch wird zu jedem Zeitpunkt tolerant und optimistisch sein können. Aber aus diesem menschlichen Makel (Philip Roth) kann man keine Theorie gewinnen, dieser Fakt sollte nicht willkürlich zur Norm erhoben werden. Der Makel ist ja – im Gegenteil – nur ein Merkmal unter vielen, auf den sich der Mensch selbst gern fokussiert und auf den er gern von anderen fokussiert wird. So gesehen ist Intoleranz immer ein Mangel an Zuversicht, die aber, im Gegenteil zu Informationen, nicht immer leicht zu beschaffen ist. Das Leben ist nicht so rational, wie wir es uns wünschen. Demzufolge ist es auch nicht so leicht änderbar, wie uns manchmal scheinen will. Aber es ist auch nicht unveränderbar. Man muss nicht alles so hinnehmen, wie es gegeben wird. Das Leben unserer westlich-nördlichen Gesellschaften ist in den letzten zweihundert Jahren immer mehr in die Richtung von Wohlstand, Demokratie, Freiheit, Zufriedenheit gegangen. Trotzdem kann jeder einzelne Faktor immer wieder in die Krise geraten. Je ärmer die Menschen waren, desto sicherer konnten sie davon ausgehen, dass es sich nicht so schnell verändern wird. Je reicher die Menschen sind, desto mehr Unsicherheit akkumuliert und setzt sich wie Schimmel auf das Geld im Keller. Die hysterische Angst vor dem Verlust des Bargelds ist die Angst vor dem Verlust des Wohlstands. Das Organ oder das Attribut der Angst ist die Intoleranz. Es schwindet scheinbar nicht nur der Glaube an Gott, sondern mit ihm auch der Glaube an die Solidarität. Aber wer will übrigens wissen, woran wir nördlich-westlichen Menschen glauben? Und wer weiß, woran die südlich-östlichen Menschen glauben? Wenn all die Befürchtungen über verloren gegangene Werte stimmen würden, müsste das Leben deutlich schlechter werden. Aber es wird, zum Glück für uns alle und auch durch unsere kollektiven Anstrengungen, leichter und schöner.

Würden wir uns Wale, Wölfe und Elefanten, statt sie zu töten oder jedenfalls töten zu wollen, genauer ansehen, dann wüssten wir, woher unsere Empathie stammt. Sie ist das Fundament jeglichen Zusammenlebens, und Leben ist immer Zusammenleben. Zusammenleben ist immer Makel, Böses, Gutes, Empathie, Nächstenliebe, Paradox der Nächstenliebe. Dieses Zusammenleben geht nur mit Toleranz, man muss sich aushalten, wir können uns nicht gegenseitig aussuchen oder gar ausschließen. Auch Eremiten konnten nur überleben, weil sie toleriert wurden.

RACHE MIT REINHEITSGEBOT

Nr. 327

Um ein einziges WARUM zu beantworten, schreibt Schiller, brauchte man die gesamte Weltgeschichte. Das ist vom einzelnen zu viel verlangt. Wie wäre es, wenn wir stattdessen wenigstens das zwanzigste Jahrhundert im Auge behielten? Alle Versuche nach Reinheit, Rache und Autarkie sind kläglich gescheitert. Aber ein Teil der Menschheit glaubt weder an das Scheitern, obwohl es offensichtlich vor uns ausgebreitet daliegt, noch an den Gegenentwurf, der auch gerade in diesem schrecklichen Jahrhundert großen Auftrieb erhielt. Sozialromantiker gelten immer noch nicht als realistische Option, obwohl sie mehr und vor allem bessere Wirklichkeiten geschaffen haben als alle Ordnungsfanatiker zusammen.

Wenn man mehr landwirtschaftliche Produkte ernten will, hat man zwei fundamentale Möglichkeiten: entweder man erweitert die Fläche oder man verbessert die Bodenqualität. So erschien es auch den Staaten bis zum ersten Weltkrieg. Als Deutschland mit der Erweiterungsoption scheiterte, griff die von zwei – wie man damals linksseitig sagte – kapitalistischen Hyänen ausgedachte Variante: mehr und besser produzieren und der eigenen Bevölkerung so viel Geld bezahlen, dass sie am Wohlstand partizipieren kann. Zwischen den beiden unsinnigen und höchst überflüssigen Kriegen zogen verlachte, aber yesusähnliche Wanderprediger* durch Europa, die vom einfachen Leben und von Nachhaltigkeit schwärmten, und die uns, wenn wir auf sie gehört hätten, den zweiten Weltkrieg und die Wegwerfgesellschaft erspart hätten. Nach dem noch verheerenderen zweiten Weltkrieg fand der stellvertretende US-amerikanische Finanzminister George C. Marshall die nachhaltige Variante, den ehemaligen und durchaus bösartigen Feind statt durch Rache zu zerstören, beim Wiederaufstehen zu helfen, eine Lösung, die aus der Bibel sein könnte. In Indien siegte, fast unbemerkt in der so genannten zivilisierten Welt, die Zivilisation: Mahatma Gandhi hatte Tolstoi, den man als einen Gipfelpunkt der Sozialromantik ansehen kann, gelesen und auf eine faszinierende orientalisch- dramatische und gleichzeitig indisch-weisheitliche Weise verwirklicht. Er hatte eine Million freiheitsliebende Inder auf die Gleise und gleichzeitig die Frage gestellt, ob der britische Lokführer den menschenverachtenden Befehl seiner ordnungsfanatischen Macht befolgend weiterfahren oder aber auf den Ruf seines menschlichen Herzens hören und anhalten würde. Jeder weiß, wie es ausging, aber wir haben es sozusagen noch nicht auf die eiserne Tafel der ewigen Guttaten geschrieben: Eine Ordnung ist immer von Menschen gemacht und deshalb zeitweilig. Wer eine Ordnung verteidigt und sich dabei auf Gott oder die Natur beruft, ist falsch beraten. Allein das Wort Evolution sagt schon alles, aber Vorsicht, auch die Evolutionstheorie ist nur ein Gedankengebäude. Dass also das Gute ohne Gewalt durchsetzbar ist, zeigte sich in der Verdrängung der imperialen Macht Großbritannien aus Indien, das demnächst eine größere Volkswirtschaft haben wird als sein ehemaliges Mutterland. Mutterland ist ein Euphemismus. Aber auch im Land gab es zur göttlichen oder natürlichen Ordnung erklärte Ungleichheiten. Wir haben es schon mehrfach betont: der Rassismus wurde nur erfunden, um den seit 1444 wachsenden Sklavenhandel mit dem Christentum kompatibel zu machen. Trotzdem glaubten in Montgomery in Alabama sowohl der Bürgermeister als auch der Busunternehmer, dass es eine menschliche Rangordnung gäbe. Als Rosa Parks, eine zierliche Frau mit Brille, auf dem für hellhäutige Menschen reservierten Platz regelwidrig sitzenblieb, glaubten sie, dass die Weltordnung mit der Polizei schnell wieder herstellbar sei. Eine Ordnung, die sich einerseits für richtig und ewig hält, andererseits aber mit Tränengas und Wasserwerfern durchgesetzt werden muss, scheint mir brüchiger als brüchig und falscher als falsch. Das Ideal, das auch dem nächsten Sozialromantiker vorschwebte, und das in jeder Demokratie verwirklicht wird, ist natürlich, dass jeder freiwillig und ohne Strafen an dem teilnehmen kann und auch tatsächlich teilnimmt, was allen und damit ihm und ihr dient, der Gesellschaftsvertrag eben. Konservativ sein ist die eine Sache. Wenn man aber die alte Ordnung, vor dem Gesellschaftsvertrag und vor der Abschaffung des Rassismus und der Eroberungskriege, wiederherstellen will, dann ist das restaurativ. Die schwerste Erkenntnis für alle Menschen, gleichgültig was sie sonst denken und tun, ist wohl, dass etwas vorbei ist. Es nützt nichts, sich darüber zu grämen, was vorbei ist, ist vorbei, dem kann man weder helfen noch aufhelfen.

Bis zu diesem Punkt gehen durchaus sehr viele Menschen mit. Niemand will Gewalt, sagen sie, da hast du recht, sagen sie, niemandem hilft sie, sie ist hässlich, erfolglos und böse. Aber, sagen diese Menschen, es gibt Ausnahmen. Es gibt Feinde mit einer qualitativ anderen Kultur. Es könnte einen Angriff auf meine Familie geben, soll ich dann wehrlos zusehen? Politiker sprechen sogar von einer wehrhaften Demokratie. Ein grüner Spitzenpolitiker sagte neulich, in einem konkreten Fall müsse der Rechtsstaat mit seiner gesamten Härte zuschlagen. Die Rechten, ob nun konservativ oder restaurativ, meinen dagegen, dass der Rechtsstaat zu milde sei. Der Rechtsstaat ist weder hart noch milde. Er gibt uns nur die Möglichkeit, jedem Unrecht mit richterlicher Hilfe nachgehen zu können. Gerechtigkeit ist keine Tatsache, sondern ein Heilsversprechen und ein Trost. Nur durch den Rechtsstaat kann man Rache, die stets das Leid vergrößert, umgehen. Dass man trotzdem an Rache denkt und vielleicht sogar glaubt, ist ein Relikt der Steinzeit. Als Probe für die Wehrhaftigkeit und auf der anderen Seite für die hilflose Dummheit der Pazifisten wird gern der Vergleich von Yesus aus dem Matthäus-Evangelium genommen, dass man, statt zurückzuschlagen, dem Angreifer die andere Wange hinhalten soll. In der Diktatur, in der ich aufgewachsen bin, wurde dieses Zitat sogar als Beweis für die Unfähigkeit des Christentums, soziale Probleme zu lösen, missbraucht. Doch die Unfähigkeit des Christentums besteht gerade darin, die Kraft dieses Satzes und der Feindesliebe nicht erkannt zu haben. Wenn man die Stärke hat, seine Feinde zu lieben, hat man keine Feinde und braucht man keine Stärke mehr. Aber das ist natürlich schwer. Zu fragen, wie wörtlich man solche Metaphern nehmen soll, ist geradezu infantil. Statt also auf die Kraft dieser Sätze zu vertrauen und solche charismatischen Führer wie Tolstoi**, Gandhi, Schweitzer, Luther King zu fördern, hat man sich lieber in die düstere und verstaubte Ecke als Staatskirche verzogen und als Dank die Waffen gesegnet.

Obwohl das alles ganz klar aussieht und mit Händen zu greifen ist, hält die Menschheit auf ihrer Migration durch das Leben immer wieder inne und fragt sich, ob es nicht doch besser wäre, mit ewigen Regeln unterzugehen statt den beschwerlichen Weg des ewigen Lernens zu suchen.

*zum Beispiel Gusto Gräser aus Siebenbürgen

**Tolstoi, der christlichste unten den großen Dichtern, wurde exkommuniziert