KEINE BLEIBENDE STATT

Nr. 392

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD. Beethoven an Struve

Die frühen Höhlenmalereien sind nicht nur der Beginn der Kunst, sondern auch der Religion und der Medien. Wahrscheinlich ging es nicht darum, die Technik der Jagd weiterzugeben, sondern den Mut, den es braucht, um die Mitmenschen über den Winter zu bringen. Aber wenn das Bild gemalt ist und wenn es hunderte, tausende Jahre zu sehen ist, verwechselt man es leicht mit der Wirklichkeit. Die Welt ist nicht logisch, aber wir verstehen nur, was auch verständlich ist. Hegels Versuch, die ganze Welt in zwanzig Bände Gesamtausgabe zu pressen und damit zu zeigen, dass es immer aufwärts geht und einen Endpunkt erreichen wird, musste scheitern, sein Einfluss bleibt bedeutend.

Wenn wir Hegels berühmten Satz, dass der Unwissende unfrei ist, weil er die Welt nicht gemacht hat, umdrehen, dann ergibt sich ein Missverständnis unserer Zeit: wer alles sozusagen weltweit kommentieren kann, glaubt auch, alles zu wissen und alles verändern zu können. Warum soll ich deinen Vätern mehr glauben als meinen? So ist es aber nicht.  Die Welt ist nicht logisch und sie ist auch nicht immer verständlich. Wenn sie auch immer mehr, fast inflationär, aus Artefakten zu bestehen scheint, aus menschengemachten Dingen, die wir auch alle für Güter halten, für käuflich, so trügt hier, wie so oft, der Schein.

Wir können uns die Welt, in der wir leben, nicht aussuchen, und sie ist auch nur zu einem äußerst geringen Teil menschengemacht. Das Haus, in dem ich lebe, ist der Natur abgetrotzt, es besteht aus natürlichem Material, Ton, Holz und Metall, seine Statik wird den Winden und Wassern nur solange trotzen können, wie wir sie stützen. Unsere Freiheit, die tatsächlich vom Wissen abhängt, besteht darin, dass wir den Ort wechseln können. In diesem Spannungsfeld müssen wir leben: den Umständen trotzen oder weggehen. Normalerweise werden die Migranten beschimpft: und die AfD irrt, wenn sie glaubt oder propagiert, nur Migranten mit einer anderen Kultur seien unwillkommen. 1945 wurden auch die eigenen Landsleute, die aus dem ehemals deutschen Osten flohen, als ‚Zigeuner‘ beschimpft, dem damals gängigen Pejorativ für angeblich Heimatlose. Bei Angermünde gibt es einen kleinen Wohnplatz, an dem es genau andersherum war: es wurden die mit vermeintlichen Schimpfwörtern belegt, die blieben. Vor den herannahenden russischen Armeen wichen ganz viele Menschen zurück, manche blieben, und ihre Häuser wurden von Panzern überrollt. An diesem kleinen Wohnplatz bauten sich die Menschen, um bleiben zu können, kleine Rundhütten, die von den zurückkehrenden Feiglingen dann – gelebter Rassismus im Angesicht seines totalen Scheiterns –  mit der als Herabwürdigung gemeinten Bezeichnung ‚Afrika‘  belegt wurde. Die Menschen, die noch heute da leben, sind aber im Gegenteil und zurecht stolz auf das Prädikat ihres Beharrens.

Wir können uns die Menschen, mit denen wir leben, nicht aussuchen. Das wird von vielen Zeitgenossen vehement bestritten. Wir können uns unsere Eltern, denen wir so sehr vertrauen müssen, nicht aussuchen. Aber auch unsere Kinder sind nicht unsere Kopien. Partnerinnen und Partner werden nach tief eingeprägten Mustern gesucht und gefunden und verlassen. Schulklassen, Kollegien, Reisegesellschaften, Einwohner eines Ortes – all das sind zufällige Cluster. Wäre es anders, gäbe es keine Liebe auf den ersten Blick, kein Kindchenschema, keine Menschlichkeit, kein Vertrauen. Denn wir vertrauen sehr wohl Menschen mit anderen Vorvätern ungeachtet ihrer Herkunft aus Nation, Religion oder Kultur, wenn wir sie nur eine Weile beobachten, mit ihnen zusammenleben, sie schätzen lernen können und wollen. Und immer wieder – wer könnte es sich aussuchen – beendet der Tod liebgewonnenes Vertrauen und Verhalten und Verhältnis. Ist es nicht offensichtlich, dass selbst die Heiratsformel lautet: bis dass der Tod euch scheidet?

Wir aber suchen eine Welt, die wir selbst gemacht haben, Menschen, die wir uns angeblich aussuchen können, Häuser, die nicht einstürzen, Blumen, die immer blühen, Erdbeeren und Spargel, die immer wachsen und sich selbst ernten. Wir suchen Sicherheit statt Liebe. Aber so gesehen ist die Welt wie ein Dorfkonsum im alten Ostblock: das eine gibt es gar nicht, das andere die Fülle, und wir fragen immer nur nach dem, was es nicht gibt.

Vielleicht gibt es Zeiten im menschlichen Leben, in denen wir akzeptieren, was ist, und andere, in denen wir aufbrechen, und nur, wer weise ist, erkennt den Unterschied. Der Trost ist doch in jedem Fall: nichts bleibt, wie es ist, und wir wünschen uns oft das Gegenteil: dass es so bleibt oder aber dass es nicht so bleibt.

Die Hegelsche Hybris, dass man nur wissen muss, um die Welt zu erschaffen oder die Resignation in der Vorbestimmung des Augustinus oder Calvins – aus der nach Max Weber der Kapitalismus entsprang – mögen die Eckpunkte menschlichen Denkens und Fühlens sein. Tatsächlich ist der Mensch hin und her geworfen zwischen Angst und Tat. Fliehen wir in die Tat, so bleibt für die Angst weniger Raum. Leider gilt das auch umgekehrt: fliehen wir in die Angst, so wird es eng für die Tat, weil Angst lähmt, das Tun aber befreit, wenn es mit Denken auf Veränderung verknüpft wird.

HEIMSUCHUNG

 

Nr. 391

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?                                                                                       Beethoven an Struve, 1795

Als Kinder haben wir uns vor einem Gott gefürchtet, der mit Strafen die Menschheit zu disziplinieren versuchte. Aber andererseits war die Antwort des allerdings inspirierten Menschen außergewöhnlich. Noah, der schon einen Umstürzler als Vater hatte, baute ein gigantisches Vehikel, mit dem er die Schöpfung exemplarisch rettete. Das Gewimmel hätte man gern gesehen: alle Tiere der Erde, die großen und die kleinen, die groben und die feinen, friedlich vereint in einer Barke oder in einem Container, wohl versorgt und wohlbehütet. Heute wäre ihm der Friedensnobelpreis sicher, damals wurde er Prophet aller Weltreligionen und der erste Naturschützer.

Als wir Kinder waren, hatten wir aber auch Großmütter, die alle Katastrophen zu Prüfungen des Schicksals erklärten. Sie drehten das Unglück einfach und sehr tröstlich um: man konnte auch gewinnen. Nichts war vorbestimmt, schon gar nicht der Verlust.

Wenn man sich die Sintflut als Naturkatastrophe vorstellt, dann zeigt sie den Typ von Heimsuchungen, in dem es keinen Schuldigen gibt: Der Vulkan Tambora bricht aus, das Wasser des Ozeans steigt. Je weiter sich allerdings die menschliche Zivilisation in technologische Lösungen steigert, mit denen sie höchst erfolgreich den Hunger und die Krankheiten besiegte, desto größer wird die Anzahl der Menschen. Und nun gibt es Naturkatastrophen, die die Menschheit verursacht hat. Es gab sie schon in der Antike: das Abholzen der Wälder in heutigen Italien. Und es gibt sie heute noch: Energieverschwendung, Ressourcenverschmutzung, Überfischung, Überdüngung, Massentierhaltung, alles das hat Folgen für die Natur, die man sehen und hören kann.

Die Kriege haben wir besser beenden können: es gibt sie noch, aber keiner hat mehr die Größe und Vernichtungskraft des letzten europäischen Krieges, den die heutigen Urgroßmütter und Urgroßväter noch miterleben mussten und dessen Folgen man überall noch sehen und spüren kann.

Wenn man also statt Strafen Prüfungen einsetzt und sie sogar durch das moderne Wort Herausforderungen ersetzt, dann zeigt sich, dass es sinnlos ist, einen Schuldigen oder gar eine Gruppe von Schuldigen zu suchen. WENN JEDER DIE SCHULD BEI SICH SUCHT, IST DER TÄTER SCHNELL GEFUNDEN.

Ob man nun glaubt, dass Gott uns straft oder das Schicksal uns eine Prüfung schickt, in jedem Fall kann man die Heimsuchung als Herausforderung sehen und statt verzweifeln handeln. Das beste Handeln ist der Zusammenhalt, denn viele wissen mehr als einer und alle zusammen haben mehr Mut als du und ich.

Der moderne Mensch, also wir, hat schon längst vergessen, dass die Welt kein Computer ist, den man nach Belieben resetten kann.

Beethoven würde heute noch als junger Mann gelten, er war keine dreißig, als er feststellen musste, dass sein einst übermenschlich gutes Gehör langsam versagte. Zwar gab es immer wieder Ärzte, die ihm Hoffnung machten, aber es wurde ihm bewusst, dass ihn ein böses Schicksal heimsuchte. Der im selben Jahr geborene Hölderlin zog sich in den sprichwörtlich gewordenen Elfenbeinturm der Schizophrenie zurück, als er merkte, dass er der Welt psychisch nicht gewachsen war. Beethoven stemmte sich gegen die Verzweiflung und auch gegen das physische Versagen selbst. Er brüllte gegen sein Schicksal an, zerhämmerte seinen Flügel, zum Glück hatte er mehrere, musste die Wohnungen wechseln, und durfte nicht aufgeben, weil er wusste:  nur er könnte seinen Satz aus dem Brief an den Jugendfreund Struve in Musik setzen. Schon längst wusste er, dass er er die Worte seines elf Jahre älteren Schicksalsgenossen Schiller vertonen und der Welt als klassisches Vermächtnis mit auf den Weg durch die nächsten Katastrophen und Heimsuchungen geben würde. Schillers Lungenkrankheit ist auf gespenstische Weise aktuell. Er war so krank, dass der obduzierende Arzt sich über die Dauer seines Lebens verwundern musste. Ob Beethoven durch einen dem Fleckfieber geschuldeten Typhus taub wurde und schließlich starb, oder ob es der reichlich genossene, mit Blei versetzte Wein war, der ihm das Leben nahm, den Lebensmut konnte ihm nichts nehmen.

Der Tod ist unser ungewolltes Ziel, dem wir nicht entgehen können. Man darf nie zynisch über mutlose und sterbende Menschen reden oder schreiben. Immer wieder hört man von Zeitgenossen, die ihre Medikamente nicht mehr nehmen und dem Ende entgegendösen. Aber dies nicht zu verurteilen, heißt nicht zugleich, dass wir nicht Beethoven und alle seine Schicksalsgenossen, zu denen auch sein Nachfolger Schubert gehört, der ihm ein Jahr später ins Grab folgte, wenn schon nicht als Vorbild und Held, so doch als bedenkenswerte Beispiele ansehen können und sollen.

Dem Tod können wir nicht entfliehen, in ihm sind wir alle gleich. Aber das ist zum Glück vielen von uns zu spät. Überlegen wir uns also jetzt, in der durch Not und Angst gewonnenen Freizeit, wie wir die Lebensbedingungen in Zukunft verbessern wollen. Wir meinen damit nicht Grundeinkommen, Mindestlohn und Hartzvier, obwohl das auch alles bedenkenswert ist. Wir meinen damit die Wiedereinsetzung, das resetting von den Idealen der Aufklärung Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Seit einigen Jahrzehnten reden sich die Jugendlichen der ganzen Welt mit Bruder und Schwester an. Immer noch ist HipHop eine weltweite Subkultur. Tatsächlich herrschen aber, im Moment sogar verstärkt, die alten, weißen, autoritären Männer vom Typ des längst ausgestorben geglaubten Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. In den Vereinigten Staaten ist der Wahlkampf sogar ein Elefantenrennen der Gerontokratie. Auch in der AfD oder bei den Brexitisten gibt es nicht einen Jugendlichen. Der eigenartige Widerstand gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Klimawandels könnte auch dem Generationswiderspruch geschuldet sein.

Weltweit wird die Menschheit aber immer jünger, obwohl überall das Durchschnittsalter steigt. Vielleicht  fangen wir nach der gegenwärtigen oder nach der nächsten Krise an, über Visionen für die Zukunft nachzudenken, die keine Dystopien sind. Apokalypse war gestern. Morgen wird Hoffnung sein.  GETAN IST, WAS DU TUST, NICHT, WAS MAN DIR TUT.

MEMO

 

Nr. 390

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

BEETHOVEN an Struve 1795

 

Da erst, nachdem Beethoven seinen berühmten Satz an seinen Jugendfreund schrieb, die schlimmsten Tiefpunkte der Menschensortierung* stattfanden:  nach der Conquista (und übrigens auch Reconquista) und dem Sklavenhandel, vor dem Brief, danach noch hundert Jahre Sklaverei, Holocaust, GULAG, chinesische Kulturrevolution, Rote Khmer, Völkermord an den Armeniern und den Herrero, Rassistenregime in den Südstaaten der USA mindestens bis 1963, in Zimbabwe (damals: Südrhodesien), Südafrika und Namibia, gewinnt der Satz über den Tag hinaus an Bedeutung. Wäre Beethoven der weltfremde Sonderling gewesen, als den ihn das neunzehnte Jahrhundert sehen wollte, so müssten wir dem Satz, der erst vor zwanzig Jahren aufgefunden wurde, keine Beachtung schenken. Beethoven war aber ein hochgebildeter, belesener und interessierter Intellektueller, so wie Bach hundert Jahre vor ihm in Leipzig. Musikgenies werden oft unterschätzt.

Fast alle Begriffe, die wir heute noch für oder gegen die Menschensortierung benutzen, kommen aus der amerikanischen Sklaverei und Antisklaverei sowie aus dem europäischen Rassismusdiskurs des neunzehnten Jahrhunderts. Der für Menschen falsche Begriff der Rasse kommt aus der Tierzucht, wo er auch Sinn macht, um zu zeigen, dass Pekinese und Wolf aus derselben Art stammen (Canidae), sich aber qualitativ deutlich unterscheiden. Menschen dagegen haben zu 99% die gleichen Gene und, das berühmteste Beispiel, die unterschiedliche Hautfarbe sagt nichts weiter als die Differenz der Hautfarbe. Beethoven war durch Pockennarben geradezu entstellt, worunter er als Frauenfreund litt, aber mit seiner Musik hat das nichts zu tun.

Wie weit Beethoven mit seinem später ebenfalls berühmten Freund Struve gedacht hat, muss Spekulation bleiben.

Für uns kann es nur Grenzen des Denkens geben, die im Mangel unseres Verstandes liegen, denn wir leben in einem freien Land mit hohen Bildungsstandards und einer sehr guten Zugänglichkeit zu Wissenschaft und ihren Ergebnissen.

Wenn die Menschensortierung so willkürlich ist, dass sie vor mehr als zweihundert Jahren von Beethoven (und tausend anderen) beklagt wurde, dann ist es nicht abwegig, dass sie einen Zweck erfüllt. Es gibt immer eine Gruppe, die ihre Meinung nicht nur zum Fakt und zum herrschenden Fakt, sondern auch zum alleinigen Fakt erklärt. Vielleicht eine Million Bewohner Mittel- und Südamerikas wurden grausam ermordet, weil sie sich nicht taufen ließen. Die Taufe war also damals und dort der Ausweis der Norm, was erst Benedikt XVI. im Jahre 1993 korrigierte. Die katholische Kirche, die damals weitgehend von Verbrechern geführt wurde, konnte den Rest der ungetauften Welt einfach ausschließen, weil ihn niemand kannte und kennen konnte. Der Verdacht liegt nahe, und er ist schon oft geäußert worden, dass es gar nicht um Taufe oder Gott ging, sondern um Gold. Aber das wissen wir nur von den Menschen, die es aufgeschrieben haben, zum Beispiel von Admiral und Vizekönig Kolumbus. Es gab auch Gegner der Conquista und der Gewalt gegen Menschen. Und es gab auch immer Menschen, die die Menschensortierung, auch unter Berufung auf die Bibel, ablehnten.

Die jeweilige Ordnung wurde, um die Abstraktion weiterzuverfolgen, als alleinig mögliche, auf der vorhandenen Einteilung der Menschen beruhende proklamiert. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass es sich um ein vorher ausgedachtes Paradigma, das es nun zu verwirklichen galt, handeln könnte. Soziale Systeme entstehen mit großer Wahrscheinlichkeit evolutionär: was muss man gedanklich alles auslassen, um die Französische Revolution von 1789 als den Zeitpunkt zu erkennen, ‚wo es nur noch Menschen gibt‘?

Rousseau, der von Beethoven fleißig gelesen worden war, meinte, dass das Übel, welches uns von den ‚edlen Wilden‘ scheidet und zu den unedlen Zivilisierten macht, mit der Absteckung des ersten Besitzes begann. Das ist gleichzeitig der Anfang einer Gesellschaft, die auf Vereinbarung beruht.

Und da liegt der Schlüssel: Vereinbarungen können nur gleichgeartete, gleichberechtigte, nicht durch Hierarchie oder noch künstlichere Merkmale geschiedene Menschen getroffen werden. Natürlich hat der eine Pockennarben, der andere ist ein Musikgenie, aber die Mutter aller Probleme ist die Hierarchie. Sie mag noch gar nicht einmal als böswilliger Akt entstanden sein. Für alles gibt es große Erzählungen: und für die Entstehung der Hierarchie, der Rangfolge, mag die König-David-Geschichte heute noch rühren. Die Israeliten waren von einem monsterähnlichen Feind belagert, der König versammelte alle Männer und fragte, wer sich dem Ungeheuer entgegenzustellen wagen würde. Just in dem Moment kam der kleine Hirtenjunge David um die Ecke, der seinen großen Brüdern das Essen bringen sollte. Er setzte seinen Verstand statt bloßer – und ihm auch noch fehlender – Heldenstärke ein und wurde zum Helden und König, übrigens durch Heirat der Königstochter. Aber das ist kein Märchen.

Aber warum scheitern seitdem alle Versuche, Leistungen zwar anzuerkennen, aber daraus keine Hierarchie zu konstruieren? In vielen Geschichtsbüchern wird das westeuropäische Adelssystem der Primogenitur gern mit dem russischen, in dem alle Söhne erbten, und dem türkischen verglichen, das fast lupenreiner Nepotismus war. Bevor man aber seine Söhne und Neffen, daher der Begriff Nepotismus, einsetzen konnte, musste man seine Brüder als Konkurrenten ermorden, später wegschließen, daher kommt der Begriff des goldenen Käfigs. Sultan Mehmet III. ließ seine neunzehn Brüder nach der Beschneidung erdrosseln. Einer fragte, ob er seine Kastanien vorher noch zuende essen könne. Das Adelssystem, obwohl es zeitweise auch sehr erfolgreich war, ist insgesamt schlimm gescheitert. In den beiden Weltkriegen, die die Adligen verloren, verloren sie zugleich Anstand und Einfluss, nicht jedoch ihren umfänglichen Besitz, wie man heute noch auf Adelstreffen, -hochzeiten und -taufen bewundern kann.

Muss man wirklich täglich daran erinnern, dass auch alle Diktaturen, mithin alle autoritären Systeme einschließlich der Monarchien, gescheitert sind? Seit der Antike ist bekannt, dass auf Aristokratie, die Herrschaft der Besten, die Ochlokratie folgt, die Herrschaft des Pöbels. Man erkennt ihn am Pöbeln. Jeder Protest und jede Frage ist erlaubt, aber wie kann man glauben, dass es nur einer Autorität bedarf, um die Welt wieder in die Fugen zu rücken. Die Welt ist gar nicht aus den Fugen, weil sie nicht durch einen Plan erbaut wurde, etwa wie ein Haus und jeder andere Artefakt, sondern weil sie evolutionär entstanden ist, Stück für Stück, immer in Chaos und Schlamm. Das berühmte Zitat** ist nicht nur ironisch gemeint, sondern findet seinen Schlüssel im überforderten ICH des armen Hamlet, der glaubt, dass er die Welt einrenken muss, das ist der Fluch des Adels. Wo und wann wäre denn die Welt in den (und wenn dann in welchen) Fugen gewesen?

Verstärkt durch die technischen Kommunikationsmittel kann heute jede und jeder seine Kommentare zu jedem Ereignis abgeben. Wäre es nur so, würde es niemanden stören. Aber sobald einer etwas zu wissen glaubt, bestätigen es ihm seine Rechtgläubigen, und die Häretiker schreien Contra und Zeter und Mordio. Alle Hoaxes über Viren als biologische Waffen der Amerikaner, der Israelis, des Weltjudentums, der Russen und Nordkoreaner erwiesen sich selbstverständlich als falsch. Als die bösartige Schuldzuweisung gegen die USA in bezug auf AIDS die globale Runde machte, lebte ich in einem Land, in welchem dem Hoax schadenfroh zugestimmt wurde, zumindest als wahrscheinlichste Möglichkeit.

Muss man wirklich täglich daran erinnern, dass es weder eine Weltregierung noch eine Weltantiregierung gibt. Leider ist es mühevoll, einen internationalen Vertrag auszuhandeln, und mancher Vertrag wird durch einen Federstrich zunichte gemacht. Leider sind internationale Erleichterungen nur gegen den oft hartnäckigen Widerstand hartgesottener Nationalisten zu erreichen, die sie, wenn sie wieder einmal an die Macht kommen, wegwischen. Manche Nationalisten glauben, dass Globalisierung die Gegenstrategie zum Nationalismus sei. Sie fragen, ob sie Rassisten seien, wenn sie gegen Masseneinwanderung aufträten. Sie bemerken scheinbar nicht, dass sie ihre Ablehnung der Einwanderung rassistisch begründen und dadurch eben doch Rassisten sind. Manche von ihnen benutzen das gleiche Argumentationsmuster wie Graf Gobineau, Houston Stewart Chamberlain und Adolf Hitler: ,man sähe doch in der Tierzucht, wie gut Rassismus sei‘. Entstehen edle Pferderassen, fragt allen Ernstes Chamberlain, dem schon sein Zeitgenosse Virchow den gesunden Menschenverstand absprach, etwa durch Promiskuität?

Ein Krieg, auch ein Handelskrieg, ist schnell gemacht. Aber seine meist negativen Folgen reichen in die nächsten Jahrhunderte und treffen immer auch den Verursacher.

Leider stehen wir alle im Moment nackt da: ohne Idee. Vielleicht ist die Zeit der guten Ideen, die ein halbes oder gar ganzes Jahrhundert wirken, vorbei. Vielleicht unterliegen wir, die wir an Ideen glauben, demselben Irrtum wie jene, die an Personen glauben, und es gibt sie nicht mehr. Vielleicht wird in späteren Geschichtsbüchern stehen, dass die Menschheit drei Phasen durchlebte, die Phase der Führer vom Schlage Davids, die Phase der Ideen von der Art der Aufklärung, und die Phase x von der Sorte, die wir noch nicht kennen.

Der Urvater der Rassisten, Graf Gobineau, gab seinen Anhängern am Schluss seines immerhin sechsbändigen Essays ‚Über die Ungleichheit der menschlichen Rassen‘ (1855) eine später viel bewunderte und viel gescholtene Formel auf den Weg:

„Die Nationen, nein, die menschlichen Herden, in dumpfer Einsamkeit dahindämmernd, werden fortan gefühllos in ihrer Nichtigkeit dahinleben, wie wiederkäuende Büffel in den stehenden Pfützen der pontinischen Sümpfe.“

Von Rousseau dagegen, dem verschrobenen Urahn der Demokratie, stammt die unverwirklichbar und kompliziert erscheinende Formel (1762), die von Zeit zu Zeit verworfen wird: „Jeder von uns stellt gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Leitung des Allgemeinwillens, und wir nehmen jedes Mitglied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.“

 

*Segregation

**The time is out of joint

O cursed spite

That ever I was born

To set it right

Shakespeare, Hamlet, I,5

TRIPLE REPRESSION AND TRIPLE CONCERTO

Nr. 389

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR NOCH MENSCHEN GIBT?

Beethoven an Struve 1795

Wir haben es schon mehrmals erzählt: als Rousseau sechzehn Jahre alt war, warf er seine, man kann vermuten, wertvolle Uhr weg. Sein Vater war ein international hoch geachteter Uhrmacher, der kurz vor der Geburt Jean-Jacques‘ aus Konstantinopel zurückkam, der seinen Sohn über alles liebte und ihm Mutter und Vater zugleich sein wollte, da die Mutter im Kindbettfieber gestorben war. Der junge Rousseau war zum dritten Mal verspätet am Stadttor von Genf angekommen und das hätte ihm wieder eine Prügelstrafe eingebracht. Also warf er seine Uhr weg, obwohl ihm klar sein musste, dass die Uhr nicht Ursache der Prügel, sondern nur ihre Projektionsfläche war. Und zugleich verließ er seine Familie, seinen Lehrherrn und seine Heimatstadt, um nie wieder zurückzukehren, obwohl ihm die Stadt, nachdem er berühmt geworden war, einen lukrativen Posten angeboten hatte. Die Abhängigkeit der Stadtverfassung, überhaupt der Ordnung dieser Gesellschaft von der Zeiteinteilung, erinnert sehr an die heutige Abhängigkeit von Daten und Terminen.

Der Grund für seinen Ruhm war seine preisgekrönte Abhandlung über die Ungleichheit der Menschen. Darin steht seine Ansicht, dass die Menschen böse seien, wofür man keinen Beweis brauche, weil die Erfahrung es lehrt, obwohl der Mensch an sich gut sei. Damit setzte er sich zwischen Baum und Borke, zwischen die herrschende Kirchenansicht von der Sündhaftigkeit des Menschen und die soeben aufkommende Aufkläreransicht vom ewigen Fortschritt des Menschengeschlechts durch Denken.

An dieser Stelle schon ist Rousseau absolut modern. Er sieht das Übel in Neid und Gier, in dem ständigen Vergleich der Menschen untereinander und der daraus folgenden Habsucht. In seinem noch berühmteren Buch über die Erziehung (‚Émile‘) wird er zeigen, wie man diese erworbene Bosheit der Menschen verhindern könnte. Aber auch die heutigen Schulpolitiker streiten sich lieber jahrzehntelang über Punkt- und Notensysteme, obwohl jeder weiß, dass sie eines der Übel sind. In seinem allerberühmtesten Buch aber (‚Der Gesellschaftsvertrag‘) lesen wir, dass alles am Menschen, bis auf das Verhältnis zu den Eltern, Vereinbarung ist.

Rousseau hat sozusagen das erste Allmendedilemma entdeckt: die Aufteilung des vorher gemeinschaftlich genutzten Landes in Parzellen des Unglücks und der Gier. Im zweiten Allmendedilemma [Garrett Hardin, 1968] wird eigentlich umgekehrt beschrieben, wie der gemeinschaftliche Nutzen durch die geheime und zunächst unmerkliche Gier des einzelnen torpediert wird. Allerdings wurde über dieses Problem lange nachgedacht, und schon Aristoteles wusste, dass demjenigen Gut, das die meisten nutzen, am wenigsten Fürsorge zuteilwird. Und wir, die wir im Ostblock gelebt haben, wissen das auch.

Beethoven wird das alles von Rousseau gelesen und sich gewundert haben, dass siebzehn Jahre nach Rousseaus Tod sich nichts geändert hat. Zwar wusste Beethoven, dass es tausend Adlige gibt, aber nur einen Beethoven, so dass klar war, wer vor wem den Hut zu ziehen hatte (Karlsbadanekdote), jedoch wusste er auch, dass Sklaverei und Krieg, Hunger und Cholera zur vermeidbaren Ungleichheit der Menschen beitragen.  Napoleon war als Hoffnung der Menschheit ein Ausfall, über den sich Beethoven so sehr ärgerte, dass er die Widmung seiner dritten Sinfonie zurückzog.

Und zweihundertfünfundzwanzig Jahre nachdem Beethoven an seinen Jugendfreund Heinrich von Struve, der später russischer Botschafter in verschiedenen deutschen Staaten und als Mineraloge Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften war, gibt es zwar weniger Hunger und mehr Bildung, aber immer noch mindestes dreifache Unterdrückung: Rassismus, Klassismus und Sexismus. Im Moment erleben wir sogar eine unerwartete Wiederkunft dieser Repression in autoritären Parteien und Herrschaften. Im Fußballstadion werden Menschen beleidigt, die vier oder fünf Millionen Euro im Monat verdienen, von Subjekten (wie man früher verächtlich sagte), die wahrscheinlich monatelang für die Eintrittskarte ins Stadion sparen müssen.

Man kann das empörend oder unverständlich finden, aber Beethoven hat darauf mit Leuchttürmen geantwortet, wo heute so viele ins schwarze Loch der Jammertäler fallen. ‚Jammertal‘ ist der barocke, religiös* gefärbte Begriff für die schlechte Welt.

Natürlich und zum Glück können nicht alle Sinfonien oder Romane schreiben, aber ein erster Schritt wäre schon einmal, mit dem ständigen Empören und Flennen aufzuhören. Die Welt mag als schlecht empfunden werden, aber sie wird nicht dadurch besser, dass man täglich in die Welt hinausschreit, dass die Welt schlecht ist. Einer möglichen Inflation von Sinfonien und Romanen steht der Mangel an Talent gegenüber, dem Jammern muss man allein widersprechen.

Das Tripelkonzert von Beethoven nimmt unter seinen Konzerten (fünf Klavier- und ein Violinkonzert, das er selbst auch für das Klavier transkribiert hat) eine Sonderstellung ein. Konzert heißt ja ohnehin eine Art nachgeahmter Kampf oder Wettbewerb zwischen dem Soloinstrument und dem Orchester. Hier aber bemühen sich drei Soloinstrumente nicht um die Vorherrschaft, sondern um die Öffnung. Einerseits wollen sie sich gegenseitig öffnen, ihre Differenzen und Hegemonialvorstellungen vergessen, andererseits zeigen sie ihre Herkunft aus dem und ihre Zukunft im Orchester. Mehrmals scheint das Konzert auseinanderzubrechen, um aber spätestens im zweiten wunderbaren Satz harmoniesüchtig zu werden.

Wenn er oder sie auch keine Sinfonien und Konzerte schreiben kann, so kann der moderne Mensch doch vielfältig kreativ werden** und das sind auch sehr viele von uns. Es ist gleich gültig, ob man in einem Hilfsverein tätig ist, in einer Tauschbörse oder in einem Laienchor. Es geht darum, die knappe Lebenszeit für sich und andere nutz- und freudebringend anzuwenden. Werfen wir endlich die Uhr oder das SMARTPHONE weg und wenden uns dem Buch, dem Lied, dem Mitmenschen zu. Fast unbemerkt ist unter all diesen üblen Schimpfworten, mit denen wir uns anscheinend zunehmend belegen, ein ganz anderes Wort Mode geworden (‚was die Mode streng geteilt‘***), nämlich Empathie. Das ist die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzufühlen, ihr Leid, ihre Freude, ihre Langeweile oder ihre Aufgeregtheit nachzuempfinden und daraus Schlüsse für mögliche Hilfe oder Mitarbeit zu ziehen. Öffnen wir die symbolischen und tatsächlichen Stadttore, die Grenzen, die immer Beschränkungen sind, die Herzen, die soviel Streben nach dem Ego in sich zu haben scheinen und doch erst aufblühen, wenn Kinderlachen oder Greisentränen Dankeshymnen singen.  Aber man muss sich auch in sich selbst hineinfühlen: some dreams die when they can be realized.

 

*flentes in hac lacrimarum valle = weinend in diesem Tal der Tränen, woher auch unser Kinderausdruck des Flennens kommt

**becoming a begetter would make you a bit better

***Schiller, Ode an die Freude in Beethovens IX. Sinfonie

 

BTHVN ALS ENTGABELTE ALTERNATIVE

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD.

Nr. 388

Vielleicht fehlt es unserer Zeit an der Ausdifferenzierung, die aus so vielen Beethoven-Werken spricht. Selbst in bekannte Musik, wie die dritte oder die fünfte Sinfonie geht man immer wieder wie ein unbeschriebenes Blatt hinein, und man kommt als ein erfahrener Mensch heraus. Das Blatt ist vollgekritzelt, manches ist gut lesbar, anderes bleibt verschwommen oder kryptisch oder unerkannt. Das ist bei vielen Kunstwerken so, aber wir reden dieses Jahr über Beethoven.

Nach dem Jahrhundert der vielleicht zu absoluten Relativität sehnen sich scheinbar sehr viele Menschen nach Absolutheit bei gleichzeitiger Absolution. Einfacher ausgedrückt: wir wollen gleichzeitig Bestimmer und Macher sein, aber reingewaschen von unseren Fehlern, die man früher Sünden nannte. Wir wollen richtig sein, unsere Meinung sei Fakt, wer sie nicht sieht, ist dumm. Vergessen ist das hochkomplizierte und hochkomplexe Verhältnis zwischen Fakt und Meinung, vergessen der Zweifel an der Erkennbarkeit von Fakten, der durch Schopenhauer und Nietzsche begründet, durch Wittgenstein vollendet wurde. Vergessen sind all die Zweifel, die die Naturwissenschaft, die früher als zweifelsfrei galt, jetzt zuließ.

Wir stellen uns einmal kurz vor, die menschliche Zivilisation wäre zerstört, entweder durch den Klimawandel, den die eine Hälfte, oder durch den Bürgerkrieg, den die andere Hälfte für herbeigeredet und heraufbeschworen hält, beides könnten auch selffullfilling prophecies sein. Sodann wird die Erde zerstört und übrig bleibt einzig eine Stimmgabel (tuning fork). Diese Gabel ist von Menschen gemacht, also ein Fakt im besten Sinne, auch das Wort Tatsache trifft hier doppelt zu: die Gabel ist getan und mit ihr kann man tun. Wird diese Gabel nun nie aufgefunden, dann ist sie sinnlos, zwecklos, sie ist nichts, geht im Nirwana unter oder auf, alles gleichviel. Wird sie aber aufgefunden, so verliert sie auf jeden Fall ihren Namen und ihren Sinn. Sie ist entgabelt. Sie wird – bestenfalls – etwas Neues, vielleicht in einem Museum für alte Zivilisationen. Aber dort liegt sie in einer Vitrine der unentschlüsselbaren Rätsel. Sie bleibt ein codifizierter ehemaliger Fakt. Die gegenwärtige Archäologie kann nur das ähnliche Menschengemachte decodieren.     

Es ist also nicht nur der Führer und Herrscher, der manchen Menschen fehlt, sondern auch der Fakt. Der Mangel an Fakten gebiert die Sehnsucht nach Fakten. Hinzu kommt die Inflation an Artefakten. Beethoven hatte vielleicht vier oder fünf Dutzend Gegenstände in seinem Besitz, darunter einen raffinierten Notenlinienzieher und ein von Nepomuk Mälzel mit Liebe und Genie konstruiertes Hörrohr. Uns wird eingeredet, dass wir zu den tausend Dingen, die wir schon besitzen und beherrschen, täglich neue brauchen. Wir sind hin- und hergerissen zwischen dem neuesten Vorwerk-Wischsauger, der für Hartzvierempfänger ein Vermögen kostet, und dem grellgelben Wackelpanda, der aus jedem Chinashop wie ein degenerierter und automatisierter Papst winkt. Beide sind vereint durch ihre Überflüssigkeit.

Als die Bundeskanzlerin vor vielen Jahren ihre Politik als alternativlos pries, stellte sie damit keine These auf. Sie begründete ihre Politik, aber nicht die Alternativlosigkeit des Seins. Ganz im Gegenteil war dieser unheilvolle Ausdruck ein geistloses Kind des Zeitgeists. Sie ist nach wie vor keine begnadete Rednerin, sondern eine begabte Überhausfrau der Extraklasse, die Meisterin des Machterhalts und des absoluten Pragmatismus, nicht unähnlich dem Kanzler Schmidt, der seinen Pragmatismus ebenfalls in endlosen Tiraden als alternativlos pries. Theorien und Visionen dagegen sind den beiden fremd. Die Relativität der immer komplexer verzahnten und verschlüsselten Welt besteht gerade darin, dass es tausende und abertausende Alternativen gibt. Diese Megaalternative könnte es sein, die so vielen Menschen ihr Leben unüberschaubar verdüstert. Was sich durch die Aufklärung erst ergeben hat, wird durch deren Folgen verdunkelt. Neulich schrieb mir ein Leser, ich sähe den Baum vor lauter Wald nicht. Das ist möglicherweise jemand, der an Verbots- und Gebotsschilder im Wald glaubt, auf sie hofft. Dagegen ist der Wald aber eine gute Metapher für unser Zusammenleben. Er ist zugleich logisch und unlogisch. Jeder Baum, jedes Tier, jede Mikrobe ist eine Alternative, ist Möglichkeit, Ursache und Folge und nichts von alledem. Die Naturschönheit ist zugleich das Biotop, das uns ewig erscheint, aber morgen schon verschwunden sein kann. Leider ist uns der Wald auch einfach nur Nutzen. Wir übersehen und zertrampeln seine Würde und fantasieren von seinem Preis: jede Buche tausend Euro. Das Wort ‚abholzen‘ zeigt dies, die brutale Megamaschine HARVESTER tut dies und mit ihr – gierig – wir. Andererseits erweist sich in diesem Frevel, dass wir Teil der Natur, Teil der Evolution sind, dass wir mit unserem Biotop verschwinden können wie das Mammut und die Pest.

Musik besteht zwar, ganz genauso wie die Dummheit, aus ständiger Wiederholung, aber jede Wiederholung bei der Musik zeigt gleichzeitig Alternativen in anderen, manchmal nur leicht veränderten Zusammenhängen. Die Musik Beethovens, wie überhaupt die Kunst, gibt also nicht die Welt wieder, wie sie ist oder war oder sein wird, sondern die Gedanken und Gefühle, die tausend Formeln und tausend Alternativen. All das, was die Gehirne der Menschen und Mäuse als Pläne und Möglichkeiten offenbaren und mit den Attributen Angst und Mut als Tatvorschlag präsentieren, bildet die Musik ab. Der Bergsteiger redet nicht vom Berg, sondern von seinem Mut, denn er kennt alle seine toten Vorgänger. Der Flüchtling erzählt nicht von seinem Untergang, sondern von seinem Widerstehen, denn er weiß zwar, woher er kommt, aber nicht wohin er geht. Selbst der Sklave grübelt, ob es nicht besser ist, in Ketten satt zu sein statt im Nirgendwo, das seine Kinder Freiheit nennen, zu hungern.

Wir alle hoffen, dass die Gabel Gabel bleibt und der Winter Winter, aber wir sehen aus dem Fenster und in die Welt und befürchten, dass es auch dazu Alternativen gibt.

NAZIS SIND AUCH MENSCHEN

 

Nr. 387

Wann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird?*

Kaum passiert eine Untat, schreien sofort die Fassungslosen und Berufsempörten, dass es sich bei dem Täter um ‚Abschaum‘ handelt. In diesem Wort liegt aber der Schlüssel der Tat und nicht ihrer Verhinderung.

Der Ungeist der Diskriminierung schwebt über dem Menschengeschlecht, seit es denken kann. Die Kraft der Unterscheidung, im biblischen Schöpfungsbericht mit der Metapher des Baums der Erkenntnis gezeichnet, aus der die Technologie, die Wissenschaft und die Kunst entsprang, gebar auch die Untat. Bisher alle Ideologien, aber leider auch alle Religionen, oft gegen ihre Grundaussage, teilen die Menschen in Menschen und Unmenschen, nur um ihre eigene Richtigkeit zu bestätigen. Was wir als Richtigkeit empfinden, ist doch aber nichts weiter als Wiederholung, solange es geht. Wir wiederholen einen Gedanken oder ein Verhalten, bis sie an die Grenzen des Zusammenlebens stoßen. Manchmal gibt es auch Innovationen ohne Grenzüberschreitung. Während das Fahrrad als Laufrad gerade in dem Moment erfunden wurde, als die Grenzen der Pferde, als im Jahr ohne Sommer ihre Abhängigkeit vom Futter erkannt wurde, gab es in Konstantinopel und später in Ulm keinen erkennbaren Grund zum Fliegen, außer Erkenntnisdrang. Umso mehr wurden Ahmed Celebi und der Schneider von Ulm, die den Aufwind über dem Bosporus und über der Donau erkannt hatten, verachtet und geächtet. Lilienthal entkam dem nur, weil er einen geldmächtigen und fürsorglichen Bruder hatte. Ihn fällte der Wind, aber er gilt auch als der erste Flieger.

Diskriminierung bedeutet nicht nur, einen Menschen oder eine Menschengruppe als minderwertiger – Abschaum – anzusehen als die eigene Gruppe, sondern überhaupt Mensch und Wert als Kategorienpaar zusammen bringen zu wollen. Kants berühmter Gedanke, dass im Reich der Zwecke alles entweder einen Preis oder eine Würde habe**, hatte dies Problem schon gelöst. Während alles, was einen Preis hat, austauschbar bleibt, schreibt Kant weiter, hat die Würde kein Äquivalent. Sie ist ein innerer Wert. Um einem Menschen seine ihm nach dem Naturrecht angeborene Würde zu nehmen, muss er zum wertlosen Abschaum degradiert werden. Wo es keine Grade gibt, bedarf es auch keiner Gnade. Graduierung und Hierarchie sind Fantasieprodukte des Herrscherwillens. Der Wert der Kunst besteht, schreibt Kant weiter unten, in den Gesinnungen, die aus ihr resultieren, daher die ungeheure Nachwirkung der Geistesriesen wie Beethoven.

Aber wer hört auf Kant und seinesgleichen?, könnte man sich in Zynismus flüchten. Warum soll ich deinen Vätern und Müttern mehr glauben als meinen?, argwöhnen doch alle. Aber so ist es nicht.  Eine mächtige Aushebelung dieser scheinbaren Familientreue ist das von uns viel zitierte Kindchenschema. Der große Naturforscher Konrad Lorenz fand, dass alle Tiere und Menschen auf einen gewissen hilflosen Gesichtsausdruck mit Fürsorge antworten. Lange vor Lorenz waren schon Wolfskinder beobachtet und beschrieben worden (Das wilde Kind, 1801). Jedoch wird auch hilflosen Erwachsenen die Anteilnahme der meisten Menschen sicher sein. Allerdings bewirkt die Stigmatisierung, zum Beispiel durch die Attribute des Sklaven- oder Gefangenenstatus, leider auch oft das Gegenteil. Das Problem des entflohenen Sklaven oder Häftlings ist also auf der einen Seite die Orientierung, die beim Nichtgefangenen durch die Wiederholung ersetzt wird, aber auf der anderen Seite das Wohlwollen der Mitmenschen. Ist im neunzehnten Jahrhundert ein Sklave aus den Südstaaten entflohen, so musste er nicht nur wissen, wo Norden ist, sondern er durfte auch nicht von Befürwortern der Diskriminierung entdeckt werden. Das gleiche gilt, im zwanzigsten Jahrhundert, für entlaufene KZ- oder GULAG-Häftlinge. Allein ihr Aussehen ließ ihre Haft als gerechtfertigt erscheinen. Aber andererseits wurde ihnen auch soviel Hilfe zuteil, dass sie die Freiheit erreichen und die Würde zurückerlangen konnten. Fast jeder bewundert den Mut zur Flucht. Fast niemand will stattdessen wieder Mauern und Läger bauen.

Aber der Ungeist der Diskriminierung weht durch unsere Sprachen und unsere Gedanken. Das Paradox der Strafen, dass je drastischer die Strafen, desto garstiger die Verbrechen sind, wird immer noch von vielen verkannt. Sie richten ihren Blick auf das momentane abscheuliche Verbrechen und konstruieren daraus eine Welt des Verbrechens und der Verbrecher. Die gab es aber nur in den Kreuzzügen und Kriegen, in den Hunger-, Hexen- und Fangeltürmen, in den KZs und GULAGs, schon allein diese Wörter sind Monster.  Nur wo der Mensch seiner Würde beraubt wird, als Gefangener und als Wächter, wo ihm ein Wert und Preis eingeredet wird, wird er zum zeitweiligen Unmenschen. Man kann es jetzt, wo die allerletzten Nazitäter vor Gericht stehen, beobachten, dass sie sich selbst wie in einer fernen, unverständlichen Welt sehen. Sie wissen heute nicht mehr, was sie damals taten. Ihr damaliges Verhalten erscheint ihnen selbst heute so abwegig, dass sie es nicht glauben können. Dieses infantile Unverständnis kann man am besten mit dem berüchtigten Satz des nicht minder berüchtigten Marinerichters und Ministerpräsidenten Filbinger beschreiben: ‚Was damals Recht war, kann doch heute nicht Unrecht sein.‘  Filbinger war genauso wenig Abschaum wie seine armen Opfer. Sie haben es gegenseitig von sich gedacht, weil ihr jeweiliger Wertekanon auseinanderklaffte.

Die heutigen Nazis, Rechtsextremen und Rechtskonservativen  glauben in Muslimen, Juden, Afrikanern, Flüchtlingen, Sinti und Roma, Kopftuchmädchen und Messermännern, auch Obdachlosen und Bettlern, Abschaum zu erkennen. Viele begnügen sich mit verbalen Attacken, argumentfreiem Gestammel, immer gleichen Behauptungen. Auch ihre Orientierung ist bloße Wiederholung.  Sie erklären sich selbst zu Realisten, ihre Meinung zum Fakt, die sie sich in ihren Gruppen immer wieder bestätigen lassen.

Aber greift dann einer von ihnen zum Messer, zur Pistole oder gar zur Bombe, folgt der Aufschrei in der gleichen Sprache, in der Sprache der Untäter: Abschaum.

Dagegen singt der eritreisch-deutsche Rapper FILIMON: Mensch ist Mensch und Papier ist Papier. Man kann bezweifeln, dass er Kant gelesen hat. Aber man muss auch nicht Kant gelesen haben. Man muss versuchen, ein Mensch zu sein, der nur noch Menschen kennt, weil es auch nur Menschen gibt und weil alle Diskriminierungen – Rassen, Klassen, Massen – gescheitert sind. Die Unterschiede innerhalb einer Gruppe sind immer größer als die zwischen  verschiedenen Gruppen.*** In der Verneinung liegt keine Kraft für die Zukunft. In der Verneinung von Menschen liegt der Schlüssel der Untaten und nicht ihrer Verhinderung. Untaten kann man nicht verhindern, wohl aber reduzieren durch Bildung und Würde. Getan ist, was du tust, nicht was man dir tut.

 

 

*Beethoven an Struve 1795

**Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

***Cavallho-Sforza

DIABELLI VARIATIONEN

 

Nr.386

Wann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird.*

 

Viele scheinen erneut dem Paradox zu unterliegen, dass, je enger ihr Blickfeld, desto größer ihre Navigation sei. Wer nicht über seinen Hof hinaus will, mag damit zufrieden sein. Aber auch er muss damit leben, dass ein Besucher, der seinen Hof zum ersten Mal sieht, eventuell mehr erkundet als er selbst. Genügsamkeit führt nicht weit, jedenfalls nicht auf der Orientierungsseite. Mit der Beobachtung verändern sich Gegenstand und Beobachter.

Rechte und Linke, so schreibt die NZZ diese Woche, bekämpften sich nicht mit Argumenten, sondern mit Identitäten. Man erkenne sich an seinen Insignien und an seinen Claqueuren.  Die Argumente seien ausgeleiert und abgenutzt, trotzdem sind die Kommentarseiten voller Varianten.  Wir leben nicht nur in einem erneuten Zeitalter der Besserwisser, sondern in der Epoche der unendlichen Wiederholung.  Nur dass nicht, wie in einer ideologischen Herrschaft, die Herrschaftsgrundsätze wiederholt werden, weil sie wiederholt werden müssen, sondern der nun plötzlich erlaubte Widerspruch.

Es hat den Politikern und Ideologen gefallen, dass so viele Menschen, obwohl das Sprechen schon erlaubt war, noch weiter schwiegen, so als sei das weiter geboten. Der unsägliche US-Präsident Nixon erfand deshalb auch die griffige Formel der schweigenden Mehrheit, die er statt als Zweifel als Zustimmung deutete. Da war es kein großer Schritt, den Beifall, den die Menschen dem Langredner Ceauşescu hätten versagen können, per Tonbandkonserve einzuspielen. Der römische Kaiser Nero hatte noch seine Claqueure handverlesen einkaufen müssen, gewann aber mit ihrer Hilfe auch die Olympischen Spiele.

Man könnte sagen, dass eine Gemeinschaft, die einzig Brüderlichkeit als Ideal hätte, Ungleichheit, Hierarchie und ein elitäres Bewusstsein schon deswegen förderte, weil dieses geschlechtsspezifische Ideal nicht ist als die Abbildung der alten Ordnung: des Patriarchats. Wenn also der aufgeklärte Schiller dichtet, dass alle Menschen Brüder werden, dann meint er keinen Männerverein. Er meint das Herauswachsen einer Gleichheit, der angeborenen Gleichheit nämlich, aus der Ständegesellschaft. Wenn dagegen der verbrecherische Männerverein SS auf seine vergänglichen Steine meißelte, dass seine Ehre Treue heiße, dann ist die Ehre eine nur kollektiv zu erlangende Würde und die Treue eine über allen verstand erhobene Loyalität. Bis auf die Ehre sind das aber alles Elemente der menschlichen Existenz. Ehre dagegen ist ein Festhalten an einer Herkunftsgruppe, die dem Individuum kein Einzeldasein gestatten will. Diese Gruppe kann ein Land, eine Religion, eine Soldateska, eine Räuberbande sein. Brüderlichkeit ohne weitere Attribute bezieht sich also auf die Herkunft.  Jede moderne Gesellschaft dagegen versucht die Würde des Einzelnen zu schützen, gar für unantastbar zu erklären. Auch das bleibt ein Ideal. Aber es gibt dem kleinen Individuum endlich einen großen Raum, für den es allerdings eine Orientierung braucht, die weit über den Dualismus hinausgeht.

Auch die Gleichheit bleibt für sich genommen hohl. Wir haben miterlebt, egal auf welcher Seite des Zauns, dass die bloße Erklärung der Gleichheit die jahrhundertealten Vorurteile und eingeübten Hierarchien nicht nur nicht beseitigen kann, sondern sogar noch befestigt.  In Rumänien gab es Supermärkte, in denen in sieben Reihen Regalen zwei Artikel, zum Beispiel Marmelade und saure Gurken, zum Kauf angeboten wurden, während in der Hauptstadt Bukarest ganze Stadtviertel weggeschoben wurden, um dem größten Haus der Welt Platz zu machen, das da tatsächlich auch steht. In der Hauptstadt der Côte d’Ivoire. Yamoussoukro, steht ein etwas größerer nachgebauter Petersdom aus Rom, Notre-Dame-de-la-Paix, mit dem der Diktator seine Schande bedecken wollte, obwohl fast die Hälfte der Menschen in diesem Land weniger als 250 € im Jahr verdienen. In der Megastadt Bejing, früher Peking, steht eines der höchsten Gebäude der Welt. Sieht man hinunter, so sieht man nur dem Smog, den man unten sieht, wenn man aufblickt.

Brüderlichkeit kann nur mit der Gleichheit kombiniert werden, und beide bedürfen eines noch übergeordneten und überbordenden Ideals, nämlich der Freiheit. Wenn uns die FDP oder andere liberale Parteien nichtswürdig oder als reine Wirtschaftspartei erscheint, so heißt das nicht, dass das liberale Ideal verblasst wäre. Es mag in liberalen Ländern nicht mehr die alte Strahlkraft haben, desto mehr wird es aber in der nach wie vor unterdrückten Welt geschätzt. Und je mehr wir zulassen, dass es unterschätzt wird, desto mehr brauchen auch wir es.

Es gibt eben nicht nur rechts und links oder schwarz und weiß. Es gibt, vielleicht nicht gerade in der FDP, jede Menge Menschen, die liberal sind oder denken oder beides.  Es ist in einer liberalen Gemeinschaft auch nicht verboten, unpolitisch oder neutral zu sein. man kann auch optional vorgehen, nach Gelegenheit und Gegebenheit. Menschen, die so handeln, werden oft als Opportunisten geschmäht, obwohl die meisten Menschen, wenn sie es recht bedenken würden, sich selbst als Opportunisten sehen müssten. Viele bedeutende Politiker waren reine Opportunisten, zum Beispiel Bismarck, der als Erzkonservativer etwa ganz Neues begann, Churchill, der dreimal die Partei wechselte, Adenauer, der gegen seine Überzeugung nach Moskau fuhr und die letzten Kriegsgefangenen zurückholte, Kohl traf Honecker und Merkel beseitigte die Wehrpflicht und ermöglichte einer Million Flüchtlinge ein Leben in Würde. Trotzdem hat Opportunismus einen schlechteren Ruf als das Beharren auf veralteten Standpunkten.  Es gibt auch sehr viele Menschen, die einfach nur sozial sind. Sie wollen anderen helfen, sie wollen weder sozialistisch noch nationalsozialistische sein, sie wollen, dass es anderen Menschen besser geht als zuvor.

Vielen Menschen scheint es nur noch darum zu gehen, Tabus zu brechen, seit es erlaubt ist, Tabus zu brechen. Der Sinn des Tabus war seine Unzerstörbarkeit. Der Zusammenhalt ein tabuösen Gemeinschaft bestand gerade darin, dass niemand, bei Strafe des Todes, das Tabu auch nur zu berühren wagte. Wenn eine Gemeinschaft die Todesstrafe, und weitgehend auch andere sinnlose Strafen, abschafft, schafft sie damit gleichzeitig auch Tabus ab. Den Nationalsozialismus zu verdammen, kann also nur auf Einsicht beruhen, nicht auf einem Tabu, das einer älteren Kultur angehört. Das hört sich schwer an, unlösbar fast. Deshalb rufen so viele Mitbürger, auch Politiker, nach strengeren Strafen, die sie gerade abgeschafft haben, nach der wehrhaften Demokratie, die ein Widerspruch in sich ist, und nach der vollen Härte des Rechtsstaats, der mit Härte und Weichheit nichts im Sinn hat, sondern nur danach trachtet, dass jeder Bürger sein einklagbares Recht erhalten kann.

Man kann nicht zwei Länder nur unter Beachtung eines Gesichtspunktes vergleichen. Aber man kann schon Gruppen, denen irgendein Prinzip höher steht als die Würde des Menschen, empfehlen, nach – beispielsweise – Pakistan zu blicken. Nur Länder, in denen die Würde und die Freiheit des Menschen höher geachtet werden als alle Prinzipien aus der Vergangenheit und Zukunft, werden bestehen, das gilt auch für Liberalität, wenn sie vom Ideal zum Prinzip verkommt.

 

*Beethoven an Struve 1795