SIND POLITIKER GÖTTER?

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Wenn Gott, falls es ihn gibt, wirklich ein Subjekt wäre, dem ununterbrochen gehuldigt werden muss, dann wäre er nichts als eine billige Karikatur von Herrschern, die ihren Beruf verfehlt haben.

Natürlich geht es hier nicht um Gott, den wir nicht beurteilen können, sondern um die Politiker, mit denen wir wenigstens leben müssen.

Ein berufener Politiker erwartet keine Huldigungen, sondern huldigt seinen Wählern oder seinem Volk.

Höhepunkte von Konrad Adenauers Leben als Politiker waren die Erfindung der Adenauerwurst* und des Kölner Brotes und die Rückholung der letzten zehntausend Kriegsgefangenen aus Russland. Er ging sehr vorsichtig zu werke. Seiner Delegation wurde ein gepanzerter, abhörsicherer Eisenbahnzug vorausgeschickt, in dem sich auch seine ebenfalls gepanzerte Mercedeslimousine befand, mit der er dann durch Moskau düste. Der Schlagabtausch mit Chruschtschow, Bulganin und Molotow, also mit eisenharten Stalinisten, war eisenhart, aber Adenauer hatte, wenn auch keine hochrangigen, so doch gestandene Nazis an seiner Seite. Der Durchbruch kam nach Schwanensee im Bolschoi Theater und literweisem Wodka, den der fast achtzigjährige Kanzler gut überstand. Die Russen bekamen ihre diplomatischen Beziehungen, Adenauer bekam seine Kriegsverbrecher. Bei dem berühmten Empfang der Spätheimkehrer im Lager Friedland war Adenauer durch eine schwere Grippe verhindert, aber bei der improvisierten Pressekonferenz anlässlich der Heimkehr der bundesdeutschen Delegation aus Moskau gibt es eine Szene, wo eine schon recht alte Frau sich nach vorne drängt, tatsächlich auch zu Adenauer durchdringt und ihm unter Tränen zweimal die Hände küsst. Man sieht deutlich die Verunsicherung des greisen Politikers. Schon das erste Mal wehrt er, noch freundlich lächelnd, ab, aber beim zweiten Mal wird er deutlich und schiebt die Frau mit der geküssten und tränengetränkten Hand unwirsch beiseite. Adenauer wusste, dass er nicht in einer menschlichen Hierarchie oben steht, sondern dass er – als hochkarätiger Pragmatiker [PATENTIERTE ADENAUERWURST!] –   auf einer Leiter der Fakten die jeweils günstigste Sprosse erreicht hatte. Das Brot und die Wurst verdanken die Kölner, deren berühmtester Bürgermeister er später war, seiner Herkunft aus einer alteingesessenen Handwerkerfamilie, die Kriegsheimkehrer verdanken ihre Rückkehr der Gier der Sowjetführung nach Anerkennung, Adenauers pragmatischer Meisterschaft, der Reife der Zeit, der Unfähigkeit der Ulbricht-Administration, die gerade aus ihrer größten Krise aufgetaucht und auf die nächste zu taumelte.

Im Dom zu Roskilde, wo alle dänischen Könige seit 1000[!] Jahren begraben sind, darunter Harald, genannt Bluetooth, kann man an einem Balken ablesen, wie groß König Christian X. war, der Großvater der heutigen dänischen Königin Margarethe II., nämlich zwei Meter, von den dort an einem Balken verewigten überragte ihn nur Peter der Große[!] mit zwei Metern und drei Zentimetern. Wir brauchen seine Größe, weil wir in zwei Anekdoten zeigen wollen, dass auch er zu den unhierarchischen Herrschern gehörte. Als die Nazis Dänemark besetzt hatten, hissten sie auf dem Reichstag (Schloss Christiansburg) die rote Flagge mit dem Hakenkreuz. Christian X. bestellte den Nazigeneral ein und befahl ihm, die Flagge zu entfernen, was dieser natürlich verweigerte. Darauf sagte Christian X., dass in diesem Falle ein dänischer Soldat die Flagge entfernen wird. Der General erwiderte, dass der Soldat erschossen würde. Darauf sagte Christian X., der es auch gewagt hatte, Hitler so zu beleidigen, dass dieser den dänischen Botschafter ausweisen ließ, dass er das nicht glaube, denn er werde dieser dänische Soldat sein. Christian X. ritt jeden Morgen, begleitet von jubelnden Dänen durch Kopenhagen und zeigte damit seinen ungebrochenen Territorialanspruch an. Aus Dänemark wurde kein einziger Jude deportiert oder ermordet, weil sie auf sein Geheiß bei Nacht und Nebel in Fischerbooten über den Öresund nach Schweden verbracht wurden. Auch ihre vorherige Kennzeichnung mit dem Davidsstern scheiterte daran, dass Christian X. der Gestapo mitteilen ließ, dass er als erster diesen Stern tragen wird und dass er vermute, dass es alle Dänen ihm nachtun werden.

Sich in Fakten einreihen ist also die Fähigkeit eines Herrschers oder Politikers und damit Gutes tun. Wer so Handlungsstränge zum Guten wenden kann, braucht keine Hierarchie und Huldigung. Erzählen Sie das ihren Kindern unter dem riesigen Reiterdenkmal Christians X. in Kopenhagen, wie ich es tat, oder neben dem Adenauer, der auf dem Kurfürstendamm in Berlin noch immer steht.

 

*fleischlose Wurst auf Sojabasis, Vorläufer der heutigen vegetarischen Substitute, damals aber gegen den Hunger erfunden

WO LEBEN SIE DENN?

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Diese Frage meint ja nicht den Ort oder das Land unserer Herkunft, die bei Inländern meist eindeutig erkennbar sind, sondern will die Übereinstimmung unserer Wahrnehmung mit der Wirklichkeit diskreditieren. Insofern ist dieses Scheinargument seelenverwandt mit der vermeintlich erkenntnisbringenden Zeugenschaft. Wer dabei gewesen ist, glaubt, Bescheid zu wissen und bringt das gern als Beweis ein. Auch Verwandte und Bekannte reichen dem Scheinargumentvorbringer als Zeugen und Beweislast aus. Warum, fragt schon Nathan den Saladin, soll ich meinen Vätern weniger glauben als du den deinen? Aber so ist es nicht. Auf der einen Seite kann keiner, der dabei gewesen ist gleichzeitig die Wahrheit gepachtet haben, andererseits vertrauen wir zurecht auch wildfremden, wenn wir sie als Mitmenschen erkannt haben.

‚Wo leben Sie denn‘, fragt also jener, der glaubt, es besser zu wissen. Dass Deutschland besonders seit der ….krise* nicht mehr lebenswert sei, rief ein lebhafter Rentner bei reichlich Kaffee und Kuchen in die Runde seiner Altersgenossen. Als er zurückgefragt wurde, was der denn so schrecklich an seiner Heimat finde, widersprach als erster der Gastgeber und rief aufgebracht, dass solche Fragen zwar erlaubt wären, aber doch zu sehr polarisieren könnten. Aber der lebhafte Greis ließ sich nicht   hindern, auf die polarisierende Frage zu antworten. Erstens, sagte er, gäbe es in Deutschland keine vollständige Demokratie, denn nur die Hälfte der Abgeordneten sei vorher namentlich bekannt. Zweitens gäbe es, trotz aller Versprechungen der Politiker, keine gleichen Lebensbedingungen in den verschiedenen Landesteilen. Und drittens täusche die Regierung über die Untauglichkeit der Elektroautos hinweg, deren schiere Menge dazu führen werde, dass er mit seinem Diesel, einst über dreißig Minuten an der Tankstelle würde warten müssen.

Man kann den Inhalt der Fragen leicht abtun, gehen sie doch nicht nach Deutschland aus, sondern nach seinem Wahlsystem, das vielleicht schwer zu verstehen, aber auch wieder nicht leicht abzulehnen ist, nach demografischen  Entwicklungen, vor denen die Politik gern die Augen verschlossen hat, die aber nichts mit böswilliger Absicht und nichts mit Ost und West, noch nicht einmal mit Deutschland  zu tun haben, und schließlich nach der Fragwürdigkeit der politischen Einflussnahme auf die Wirtschaft.

Vielmehr ist die Hochrechnung des bösen Ausgangs, wie sie in allen letzten Krisen von einer zunächst erstarkenden neuen Rechten als neue oder vielleicht uralte Argumentationsmethode favorisiert wird, interessant. Man muss seinen Blick zunächst so weit wie möglich subjektivieren, was auch schlichten Gemütern meist recht gut gelingt. Die meisten Menschen interessieren sich nicht für die meisten Menschen. Sodann fällt es uns nicht schwer, den bösen Ausgang eines Trends vorauszusagen, denn Ängste hat jeder. Ängste widersprechen auch gerne unseren Erfahrungen von Urvertrauen, Zuwendung und Hilfsbereitschaft. In unseren Gegenden haben die fast alle Menschen eine Mutter, und wer sie nicht hatte, ist doch aufgefangen worden. Leider kann man zwar doch tiefer fallen als in Gottes Hand, wie ein ganz dummer Buchtitel einer populistischen Autorin falsch verspricht, aber es sind hier und heute ganz wenige, die tiefer fallen. Will sagen: die Theodizee ist nicht nur nicht gelöst, sondern nicht lösbar, außer man sieht jegliche Evolution als identisch mit Gotten Willen. Merkwürdig ist aber auch die neuartige Umkehr der Theodizee: man kritisiert jetzt gerne, dass schlechten Menschen gutes widerfahre.

Jeder kann argumentieren, wie es ihm gefällt und Erfolg zu bringen verspricht, jedoch sollte er sich nicht wundern, wenn ein anderer mit dem gleichen Recht gegenteilig argumentiert. Da hilft es nicht zu fragen: WO LEBEN SIE DENN?

 

*hier können Sie ihre allerschockierendste Lieblingskrise einfügen

DER TOTEN STADT BESTES

 

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Er wolle, sagt der Bürgermeister, der Stadt Bestes tun. Aber was ist für eine Stadt gut oder sogar noch besser oder sogar das Beste? Wir wissen es genauso wenig wie der Bürgermeister. Aber wir waren in der Stadt und halfen Hilfebedürftigen. Dabei parkten wir falsch. Wieso falsch? Der Parkplatz war genauso leer wie die Stadt, kurz vor tot. Die Coronakrise hat nur das verstärkt, was ohnehin schon da war: so gut wie nichts. Also wir stellten unser Auto auf einen absolut leeren Parkplatz. Da war nichts, vielleicht noch ein oder zwei andere Autos. Menschenleere. Stille. Halt, nein, da war eine grinsende Frau. Wie grinste sie denn? Triumphierend. Sie grinste triumphierend und hatte einen Notizblock in der Hand.  In dem Wort Ordnungsamt finden sich zwei absolute Stillstandsanzeiger; Ordnung und Amt. Wenn du eine Sardinenbüchse öffnest, siehst du Ordnung. Wer sortierte die Sardinen? Das Amt für Sardinenordnung nach der ersten Ausführungsanordnung des Gesetzes zur Sardinenlegung in enger Zusammenarbeit mit dem Zentralamt für Sardinenfang und -tötung. Aber wahrscheinlich töten sie sich selbst. Der Bürgermeister hat vielleicht keinen Sinn für Freiheit, aber du hast keinen für Satire. Möglicherweise sind diese blauen Karten in Bochum erfunden worden, weil die Menschen in ihrer Not auf den Supermarktparkplätzen Rettung suchten. Möglich, aber was beweist das? Das zeigt, von beweisen möchte ich nicht sprechen, dass in toten Städten solche Ordnungen mehr als überflüssig sind. Du meinst, die toten Orte sollten froh sein, wenn jemand kommt? Ich will nicht gerade von Blumensträußen reden, aber ein bisschen Freundlichkeit und Freiheit wäre angezeigt.

Man könnte doch die Ordnungsamtsbeamten dafür einsetzen, die Müllcontainer in den Neubaugebieten zu bewachen. Oder die Nazischmierereien von den Eisenbahnbrücken zu entfernen. Ich ahne, was der Bürgermeister antworten wird, wenn wir ihm das vorschlagen. Wenn! Er wird sagen: das ist keine Eisenbahnbrücke, es ist die Brücke der Kreisstraße über die Eisenbahnlinie, also sind wir doppelt nicht zuständig. Außerdem können wir nichts dafür, dass Nazis – woher wollen Sie überhaupt wissen, dass es Nazis sind? – unsere schönen weißen Wände beschmieren. Wer weiß, wo die herkamen, die sie als Nazis beschimpfen.

Der Unterschied, wird der Bürgermeister sagen, zwischen den Verbrechern, die unsere schönen weißen Wände beschmieren und den Verbrechern, die ihre Parkkarte nicht ins Fenster legen, ist der, dass wir die einen haben und die anderen nicht. Außerdem bringt es Geld. Bei dem wenigen Verkehr in der fast toten Stadt kann es doch nicht mehr Geld sein, als die beiden grinsenden Ordnungsamtsaußendienst-mitarbeiterinnen kosten, einschließlich des Arbeitgeberanteils der Sozialversicherungsbeiträge? Immerhin, wird der Bürgermeister sagen, immerhin.

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DREI ZEITEN, DREI BILDER

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Die kleine Stadt ist ausgestorben. Auf dem Markt, wo einst das Rathaus stand, sitzen ein paar ratlose Jugendliche und klappern mit ihren Bierflaschen, begleitet vom Bass ihrer Box. Kein Fußgänger ist zu sehen, nur ein verwundeter Radfahrer. An einer Litfasssäule hängt ein Plakat:

hier steht noch alles doch ist alles leer

das mittelalter dünstet hohl in gassen

das neugebaute kann kein auge fassen

die glocke dröhnt und leichtes wird hier schwer

 

die stadt zum zweiten letzten mal verlassen

so viele schulen und kein schüler mehr

zerstörung ruinierung ohne heer

ein sattes innen aber ohne sassen

 

von ferne scheint die kirche asymmetrisch

doch innen durch die orgel voll verstrahlt

und kein tabu stört diesen letzten fetisch

 

an den wir selber singend sicher glauben

und während gottes mühle schneller mahlt

zerfällt ein fachwerkhaus mit seinen gauben*

 

Die Thomas-Müntzer-Straße stadtauswärts sieht aus wie eine Hausaustellung. Am Ende ist ein riesiges, aber nicht eingefriedetes Haus tatsächlich zu verkaufen. Es ist weder eine Villa noch ein Mietshaus. Es such vielleicht eine Gemeinschaft.

Die Straße verrät ihr Geheimnis noch nicht. Sie wird von einer Bahnlinie gekreuzt, das Bahnwärterhaus ist verlassen, der Bahnwärter, der vielleicht sein Kind verlor, ist durch Automaten ersetzt. IN DEUTSCHLAND ALLES AUTOMATIK. Dann kommt das Geheimnis der Straße: auf einem großen Stein ist eingemeißelt, dass hier einst vierundzwanzig deutsche Soldaten erschossen wurden. Aber von wem? Die Endmoräne, jetzt kommt das wirkliche Geheimnis, hat eine Berg- und Talbahn geschaffen, die den Radfahrer  maßlos freut und spaßlos ärgert, eine Sinuskurve wie das Leben, wie das Kreuz des Lebens.

Schließlich rollen wir in ein Dorf, in dem eine einizge Frau, ebenfalls auf dem Fahrrad, zweimal an uns vorbeifährt, während wir das kunstvolle Mauerwerk der Dorfschmiede bewundern, die aber wohl eine Gutsschmiede gewesen sein wird. Jedoch ist das Gut samt seinen letzten Besitzern, die man auf dem Friedhof bewundern kann, verschwunden. Von der Dorfstraße, noch vor der Kirche, biegt die ehemalige Gutsstraße ab, immer noch gesäumt von Scheunen, in denen aber nichts Essbares mehr gelagert wird. Vor einer liegt Schrott, vor einer anderen steht ein alter Verkaufswagen: THÜRINGER ROSTBRATWURST, er hat sich wohl letztmalig verfahren. Zwei Biertrinker winken fröhlich herüber. Aber am Ende der Allee steht das spätbarocke Schloss, so heißen hier die Gutshäuser, dessen neue Putzfarbe gerade dabei ist, erneut abzufallen, seine letzten Besitzer, die auf dem Friedhof, kauften es von einem verarmten Grafen von Schwerin, der wie wir mit dem Fahrrad kam, um im Rucksack die hunderttausend Reichsmark Kaufpreis abzuholen.

Jetzt steht ein Schild KUNST OFFEN vor dem Schloss, das aber verschlossen ist. Der neue Besitzer sitzt im Garten in der spärlichen Frühlingssonne. Er ist ein Künstler, der sowohl ziemlich konventionelle Bilder malt, aber auch konstruktivistische, vor allem aber höchst originelle Skulpturen macht, die nur aus der Außenhaut bestehen, die entweder aus Kupfer oder aus Gips ist. Aber auch die zunächst für konservativ gehaltenen Bilder sind doch siebenfache Selbstbildnisse. Vielleicht macht der Künstler demnächst eine Membranskulptur von der kleinen leeren Stadt, in die wir im frischen Abendwind zurückrudern und die nun noch leerer als leer ist. Ein dicker Junge schläft mit seiner Bierflasche in der Hand auf dem Markt.

 

*Stordeur, 36 Sonette, epubli

DAS ENDE DER SONNTAGSKOLUMNE

 

Nr. 402

 

Von meinem großen essayistischen und vor allem aphoristischen Vorbild, König Salomo, stammt der Satz, den sicher jeder schon einmal gedacht hat: jegliches hat seine Zeit, und er zählt dann auf, und die ostdeutschen Puhdys haben das in ‚Wenn ein Mensch lebt‘ vertont, Steine sammeln, Steine zerstreun. Und so ist es auch mit einem erfolgreichen Blog. 400 (±2) Texte zu je 1000 Worten – das ist ein sehr dickes Buch mit tausend Seiten, nicht so dick wie Krieg und Frieden, aber wie der Zauberberg locker. Es ist nicht so, dass mir die Ideen ausgehen, eher kommt es mir im Gegenteil oft so vor, als hätte ich das, was ich grade schreibe, schon einmal geschrieben. In diesen fast zehn Jahren, die ersten Jahre waren unter einem anderen Bloganbieter, dort hatte man wesentlich mehr Leser, gab es nicht nur wöchentlich einen Text, sondern auch mehrere Parallelprojekte. Zusammen mit einem Philosophiestudenten habe ich einen Bildungsblog geschrieben, auch wöchentlich, zu jedem Thema der notwendigen Bildungsreform gab es zwei pro- und zwei contra-Texte. Im Laufe eines Jahres haben sich nicht unsere Ansichten, aber unsere Textmethodik und unser Stil so angepasst, dass die Texte kaum zu unterscheiden waren. Leider hat mein Coautor in der Mitte des Projekts aufgegeben und rechtliche Bedenken hinderten mich, es allein fortzuführen. Mit einem Dichterkollegen hatte ich ein noch kürzeres Projekt, Papierflieger genannt, das eher aus Frage und Antwort bestand, aber auch gerne gelesen wurde.

Seit einigen Jahren habe ich die Sonntagstexte meines Blogs auch in die Kollektivblogplattform ‚Fisch und Fleisch‘ in Wien eingestellt. Auch dort hatte ich einen festen Leserstamm. Es gab einige Texte, die heftig diskutiert wurden, die viele hundert Leser und Kommentatoren hatten. Aber es herrscht dort in vielen Texten auch Einfalt, das meine ich nicht so sehr als Qualitätsbestimmung, sondern mehr als das Gegenteil von Vielfalt. Das ist immer unerfreulicher geworden, so dass ich mich ohnehin bald von dort zurückgezogen hätte. Ich lade meine dortigen Stammleser sehr herzlich ein, mir auf meinen eigenen Blog zu folgen.

Dort wird es in Zukunft nicht mehr die Sonntagskolumne geben. Ich habe vor, den brüssowBLOG von Facebook mit rochusthal.com zu vereinen, auch inhaltlich. Der kleine brüssowBLOG hatte eher kleine Texte, die oft von Alltagsbeobachtungen ausgingen. Diese Linie wird im neuen, vereinten Blog fortgesetzt, der gleiche Text erscheint also unter rochusthal.com und brüssowBLOG (bei Facebook). Die Linkversendung wird ebenfalls eingestellt, denn ich nehme an, dass es keine Internetbesucher mehr gibt, die nicht eine Suchmaschine finden können.

Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass mir meine treuen Stammleser erhalten bleiben, dass aber die jetzt kürzeren Texte auch neue und vielleicht sogar auch jüngere Leser anziehen werden.

Ich bedanke mich bei allen meinen Leserinnen (das ist die Mehrheit) und Lesern. Lesen Sie weiter unter rochusthal.com

PFINGSTWUNDEN – I CAN’T BREATHE

 

Nr. 401

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve, 1795

 

Fünfzig Tage nach Ostern feiert die christliche Kirche ihren Geburtstag. Aber es gibt die christliche Kirche nicht, sondern vielleicht 1000 Gemeinschaften, die alle von sich behaupten, die christliche Kirche zu sein. Jede Gruppe trägt den Keim der Spaltung als Kainszeichen von Geburt an. Was in der Bibel als pfingstliche Ausgießung des Heiligen Geistes beschrieben wird, dass sich alle plötzlich verstanden, obwohl sie verschiedene Sprachen benutzten, ist der allgemeine Gründungsmythos jeder Gruppe. Je inklusiver eine Gruppe ist, desto exklusiver ist sie auch.

Die beiden größten Gruppen der Menschheit sind Männer und Frauen. Abgesehen von den schon seit dem Altertum bekannten Hermaphroditen und weiteren winzigen Minderheiten schließen sie sich gegenseitig aus. Allerdings lockert sich seit etwa 150 Jahren die Inklusivität: die tertiären Geschlechtsmerkmale – Frisur, Kleidung, Berufe – sind nicht mehr stabil. Goethe und der Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach waren die ersten Nacktbader in der Ilm, Eden bei Oranienburg war die erste Nudistensiedlung in Deutschland, man las Emerson und Thoreau und scherte sich nicht um die noch geltenden Tertiärordnungen und Schamgesetze. Lange Haare für Männer waren noch in der DDR unerwünscht, Hosen für Frauen galten lange als unschicklich, aber inzwischen laufen gerade die größten Machos mit Goldkettchen herum. Selbst der größte islamistische Fundamentalist in Berlin-Wedding ahnt, dass seine Tolerierung die Duldung des – aus seiner Sicht verkleideten – Transvestiten einschließt, und der Transvestit glaubt den Islamisten ebenfalls in einer gar nicht einmal so unähnlichen Verkleidung.

In der letzten Woche konnte man wieder glauben, dass der Rassismus zurückkehrt, die Erzählung der zweiten großen Gruppen. Der furchtbare und traurige Tod von George Floyd, dessen Delikt so klein war, dass es fast nicht erwähnenswert ist*, zeigt aber etwas ganz anderes: die absolute Dummheit dieses Polizisten als Vertreter einer rückwärtsgewandten Ordnung mit verfehlten und zum Scheitern verurteilten Mitteln. Eine mediale Welle der Sympathie mit dem Opfer begann wenige Minuten nach der verabscheuungswürdigen Tat. Die Rückkehr des Rassismus ist nicht gelungen und kann nicht gelingen. Leider gibt es im Moment keinen neuen Friedensnobelpreisträger Dr. Martin Luther King, deshalb entlädt sich – wie nach jedem rassistischen Mord –  eine Hass-, Rache- und Gewaltlawine. Rache ist ganz sicher falsch und nicht zeitgemäß, aber verständlich. Die Exekutivorgane des Staates sind, soweit sie eine Waffe tragen, ebenfalls eine solche eingeschworene Gruppe, die das Recht immer auf ihrer Seite glaubt und für die der Folxmund seit altersher den schönen Spruch parat hat, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Allerdings stehen die Krähen neuerdings unter medialem Kuratel. Und die Krähen als Kulturfolger bescheren uns eine weitere schöne Erkenntnis: wenn ein Stadtrat die Krähen als Plage ansieht und zum Abschuss freigibt, wird das Ergebnis die Vergrößerung der Population sein. Gewalt ist für kein Problem die Lösung, sondern ein Katalysator der Probleme.

Und  deshalb müsste heute die größte Pazifistin in der Frühzeit des Pazifismus nicht mehr nur fordern, ‚die Waffen nieder‘ zu legen, sondern die Gewalt insgesamt zu ächten. Allerdings wollte sie auch schon wissen, dass die Religion nicht den Scheiterhaufen rechtfertigt, der Vaterlandsbegriff nicht den Massenmord und die Wissenschaft die Tierfolter nicht entsündigen kann.** Die ehemals feststehende Ordnung beruhte auf dem Ausschluss der jeweils anderen, dem Ausschluss aus der Religion um den Preis der Unterwerfung, den Ausschluss aus den Eliten, die hierarchisch festzustehen schienen, den Ausschluss alles Fremden durch Grenzen und Kriege, die als natürlich und unvermeidlich dargestellt wurden. Vielleicht ist der Hass der Ultrarechten auf das vereinte Europa in Wirklichkeit die Trauer über den Verlust des Krieges als Rechtfertigung und damit die Rechtfertigung der Kriege.

Das Pfingstwunder vollzieht sich dadurch, dass fast alle Menschen der bis 2050 größer werdenden Weltbevölkerung Englisch und die Sprache der Technik verstehen. Das Zusammenwachsen der Menschheit besteht auch darin, dass wir theoretisch die Welt bis in die letzte Provinzstadt kennen können, ob sie nun in Burkina Faso, in Hubei oder in der Uckermark liegt. Und in jeder Provinzstadt wird ein Telefon der Firma Huawei benutzt und ist ein host ein host, was ursprünglich ein Wirt war, der uns freundlich aufnimmt. Vielleicht dreht sich die Lebensweise der Menschen wieder in Richtung der Kleinstadt, von der wir ausgegangen sind, als Zentrum eines ländlichen Gebiets, das früher die Quelle des Lebens war, jetzt ein angehängter Raum, der sich für sanften Tourismus anpreist und von überwiegend alten Menschen bewohnt wird. In diesen Gebieten steht ungenutzter umbauter Raum in Hülle und Fülle zur Verfügung, von der Kirche bis zum Speicher, die dieselbe Urform, die Basilika, haben, neuerdings auch Bahnhöfe und Postämter als einstige Schnittstellen der Kommunikation.

Die Pfingstwunde, die Leerstelle der Globalisierung, ist die Krise, in die Demokratie und Globalisierung immer wieder verfallen und verfallen können. Nur ist es grundfalsch, bei jeder Krise anzunehmen, dass der Welt- oder Systemuntergang bevorsteht. Wenngleich es auch Gruppen gibt, deren Zusammenhalt gerade im prognostizierten Untergang besteht: Zeugen Jehovas, Kommunisten, Ultrarechte, all diese apokalyptischen Vereine.  Wahrheit ist für sie das, was sie selbst erzählen, deshalb lohnt es für sie nicht, Argumente zu diskutieren, Thesen zu erörtern. Erörterung ist ihnen ein Graus. Sie leben für ihre Kurz- und Universalthesen, fernab von jeglicher Gründlichkeit. Aber das funktioniert nur zeitweilig und nur in der definierten Gruppe mit ritualisierten Zugangsbeschränkungen wie Taufe, Beschneidung, Eid, Mutprobe.

Merkwürdig ist nur, dass ausgerechnet diejenigen, die von der Exklusivität ihrer Gruppe ausgehen, das Verschwinden der Diversität der Gemeinschaften beklagen. Aber aus diesem Verschwinden, so traurig es im Einzelfall auch sein sollte, führt die Menschheit in eine neuerdings gemeinsame Welt der Schwestern und Brüder, wo es nur noch Menschen geben wird. Die Diversität wird in der geschwisterlichen Menschheit aufgehoben, in der exklusiven Gruppe aber ausgeschlossen.

 

 

*er soll versucht haben, in einem Imbiss mit einem falschen 20 $ Schein zu bezahlen

**Bertha von Suttner, Schach der Qual, 1898

DREIFACHINFLATION

 

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve, 1795

 

Nr. 400

Als Beethoven davon träumte, dass es nicht mehr verschiedene Bewertungen und Einteilungen für die Menschen nach Stand, Hautfarbe, Religion, Geschlecht und vielleicht sogar noch auf Jahrmärkten vorgeführte Besonderheiten geben sollte, konnte er sich wohl kaum vorstellen, dass es zweihundert Jahre später immer noch nicht einfach Menschen gibt, aber dass der Grund diesmal nicht Mangel, sondern Überfluss und Überdruss ist. Zum dreihundertneunundneunzigsten Blog gab es einen amüsanten Leserbrief. Der rechte Leser, der sich für ‚eigentlich‘ links hält (womöglich ein Sarrazinepigone), was nach unserer Überzeugung ohnehin unwichtig ist, meinte, dass er die Frage, mit der ich mich nun schon seit fünf Monaten beschäftige und noch weitere sieben Monate untersuchen will, mit einem Satz, ja, mit einem Wort beantworten könne: nie. Selbst Beethoven war nach seiner Meinung dümmlich. Da haben wir, in einem Leserbrief, verschiedene Kennzeichen unserer Zeit: die Selbstüberschätzung (ICH WEISS ES BESSER), den Populismus (DAS IST DOCH GANZ EINFACH) und die monokausale Überschätzung der aktuellen Situation (SO MUSS ES WERDEN) gegenüber einer langen Vergangenheit und einer hoffentlich noch längeren Zukunft. Diese Gegenwartspriorität oder, negativ ausgedrückt, Geschichtsvergessenheit resultiert wahrscheinlich nicht nur aus Unwissen, sondern vor allem auch aus einem permanenten Nachrichten- und Meinungsüberkonsum.

Sortiert und eingebettet in unsere Ansicht von der Inflation der Dinge, der Gedanken und des Geldes könnte das vielleicht so aussehen:

Industrialisierung der Landwirtschaft, Informationsinflation und langsame Durchdringung des gesamten Lebens der ganzen Welt mit Demokratie.

Als die Menschen noch allgemein hungerten, glaubten sie nicht, dass ihre Nachfahren einst das umgekehrte Problem haben werden. Sie müssen sich sozusagen künstlich bewegen, weil die natürlichen Bewegungen nicht ausreichen, um das Überangebot an Nährstoffen zu verbrennen. Hinzu kommt, dass die industriell produzierte Nahrung extrem ungesund und einseitig ist, so dass heute die Armen dick und die Reichen dünn sind, weil sie sich gesund und ausgewogen ernähren. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gab es so große Hungersnöte, dass auf der einen Seite Millionen Menschen auswanderten, auf der anderen Seite die Wissenschaft an dem Problem arbeitete. Chemische Düngung im allgemeinen und dann speziell die Stickstoff- und Phosphatgaben ermöglichten ein weltweites Überangebot an Tier- und Menschennahrung. Die Tiere werden in Megamassen industriell gehalten, geschlachtet, zerlegt und verkauft. Wenn man sich diese Entwicklung als Verschwörung vorstellt, dann sieht man einen dicken Demiurgen, der etwa sagen könnte: Lass sie fressen und saufen, dann machen sie keine Probleme. Das entspricht auch in ungefähr der ultralinken und ultrarechten Vorstellung von den Eliten.

Allerdings, und das widerspricht – wie überall und immer – der Verschwörungserzählung, wäre der Demiurg nicht nur dick, sondern auch dumm, denn die Schäden, die durch die Massentierhaltung und Überdüngung der Böden entstehen, sind irreversibel und, wenn wir nicht bald einhalten, tödlich, auch für ihn. Selbst wenn er unsterblich wäre, hätte er nichts von seiner Strategie, denn keiner könnte mehr an ihn glauben, weil keiner mehr da wäre.

Die Fixierung auf die fast unendlichen Medienangebote führt zu einer weiteren Übersättigung. Allerdings glauben wir nicht an die schon oft zitierte Informationsflut, sondern wir sehen zwei Probleme: auf der einen Seite haben wir Medien, die kommerziell arbeiten und demzufolge lückenlos Nachrichten, Kommentare und Meinungen produzieren. Ist nichts passiert, dann wird nichts (oder nur selten) erfunden, sondern das wird – als Beispiel – der letzte Bundestagsabgeordnete befragt, wie er dies oder jenes lösen würde. Und am nächsten Tag steht in der Zeitung: Abschaffung der Touristen oder der Rentner erwogen. Und das Volk murrt: Die wollen uns abschaffen! Daher übrigens auch der Titel des Machwerks von Sarrazin, das als erster Bestseller all die unaussprechlichen Dinge aussprach. Aber ein Tabubruch ist an sich keine Wahrheitsfindung, wenn sie sich auch manchmal wechselseitig katalysieren können. Auf der anderen Seite stehen Konsumenten, die über immer mehr Freizeit verfügen und deren existenzielle Probleme immer geringer werden. Daraus folgt, dass das kommerzielle Überangebot schwammartig aufgesogen wird. Es jagen sich nicht wirkliche Informationen, sondern Gigabytes von Meinungsschnipseln. Es ist mir unbegreiflich, wie die Meinung eines Politikers oder einer Politikerin, eines Journalisten oder einer Journalistin für bare Münze, für Wahrheit oder auch nur für relevante Information genommen werden können. Es gibt Menschen, die können nicht ihren Fernseher abschalten, es gibt andere, die hassen Nachrichtenredakteure, wieder andere halten den Bundesgesundheitsminister für den Teufel. Aber das alles ist nicht, wie von wieder anderen gewünscht, der Rückfall ins Mittelalter, sondern das ist – nach der falschen Ernährung – die zweite Einordnungskrise. So wie wir auf Zucker, Fett und Alkohol, die drei Dickmacher, freiwillig verzichten müssen, so sollten wir schnellstens lernen, auch die Nachrichten zu dosieren. Meinungsfreiheit darf nicht zum Meinungsdurchfall werden. Es ist mir genauso unbegreiflich, wie Kritiker der Medien, weil sie  ihre Zuverlässigkeit bezweifeln, sich Tage, Wochen und Monate damit beschäftigen können, immer wieder neue Auflistungen von Zitaten aus den verachteten Medien anzufertigen. Das Problem sind nicht die Medien, sondern wir, ihre Konsumenten. Auch das malträtierte Rind ist nicht schuld an der maßlosen Überfressung der Menschen. Selbstverständlich ist das nicht so gemeint, dass es einen Schuldigen gibt. Wie immer gibt es ein Kartell der Schuld, aber in dem spielen wir alle mit.

Am schwersten ist der Überfluss an Demokratie zu beschreiben, weil wir alle eher Defizite der Demokratie erkennen. Ein schöner und höchst aktueller Gedanke von Albert Camus besagt, dass Präfekten und Präsidenten Bürokratien und Hierarchien kommandieren, aber (nur) Viren sich leichtfüßig über sie hinwegsetzen. Wir haben das ‚nur‘ eingefügt, um zu zeigen, dass hier das eigentliche Defizit liegt. Überall herrscht Demokratie – obwohl sie nach Erich Fried eben nicht herrscht -, aber wir werden weiterhin von Bürokratien und Hierarchien beherrscht. Wir sind weltweit parlierende Demokraten, aber wir wählen und werden gewählt, wir reden und werden beredet, darin besteht die Inflation, aber wir fördern nicht wirklich die demokratischen Strukturen und Bausteine. Letztendlich resignieren wir, wo wir weiterkämpfen müssten, und wir protestieren, wo wir auch etwas hinnehmen sollten.

Wäre ich Diplom-Populist, würde ich eine radikale Lösung vorschlagen. Ich habe auch eine im Angebot, nur ist sie leider diskreditiert durch ihre inflationäre Benutzung im institutionalisierten Christentum: die Demut.

Demut heißt nicht Unterordnung, sondern Zurücknahme der Person vor der Sache, die so wenig Ideologie sein sollte, wie möglich. Demut ist weder Unmut noch Feigheit oder Mutlosigkeit. Demut ist vielmehr die Anerkennung, dass etwas über uns als Subjekt hinausgeht, kein Gott, kein Demiurg oder Dienstherr, sondern die Menschheit mit ihrer Menschlichkeit, der Mensch mit seiner Würde, ohne Klassismus, Rassismus, Sexismus und ohne religiösen Wahn. Auch wenn meine rechten Leser kopfstehen vor Wut oder Verachtung: es wird die Zeit kommen, in der es nur Menschen geben wird.

DER SCHLICHTE MENSCH*

 

Nr. 399

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve, 1795

Wenn also der Maurerlehrling, weil er ein schlechtes Gedächtnis, aber ein gutes Herz hatte, durch eine Verwechslung – aus kolumbianischem Versehen – seinen geheimsten Wunsch vortrug, haben wir dann nicht die Verpflichtung – statt ihn vollmundig zum Volk zu erklären und uns mit ihm -, seiner Vorstellung nachzugehen? Wonach sehnt er sich?

Binem Heller, ein polnischer Dichter, der in der schönen, aber jetzt in Israel aus gutem Grund leider verpönten Sprache Jiddisch schrieb, hat sein Idealbild des schlichten Menschen aus allen Ländern mit den Attributen Frieden und Arbeit versehen. Der schlichte Mensch sehnt sich nach Frieden, aber er ist auch äußerst anfällig dafür, wenn ihm seine Oberen sagen, dass jenseits der Grenzen ein Feind stünde, diesen Feind mit Gewalt zu vertreiben. Er hat dem herrschenden Menschenbild kein eigenes entgegenzusetzen. Denn schon im ersten Weltkrieg bemerkten einfache Soldaten hüben und drüben, dass Weihnachten über dem Krieg steht, dass Hilfe mehr ist als Töten, und dass es schwer, ja fast unmöglich ist, einen Mitmenschen mit einem Bajonett zu erstechen. Trotzdem gab es den zweiten Weltkrieg und seit ihm noch mehr und bessere Panzer, Flugzeuge und schließlich Atombomben als weitere Anonymisierungen des Tötungshandwerks. Benennt man gar die eine Seite als herausragend: ‚DER TOD IST EIN MEISTER AUS DEUTSCHLAND‘**, dann gibt es ein großes Heulen. Aber damit ist ja nicht gesagt, dass es nicht auch andere Meister auf diesem Gebiet gab. Und was tut unser schlichter Mensch in allen Ländern? Er marschiert mit. Frieden ist also ein Ideal, das er nicht allein verwirklichen kann.  Erst in einer Demokratie kann das Ideal des Christentums, dass man auch seine Feinde lieben soll, mit dem des schlichten Menschen zusammenfallen und auch vom Staat übernommen werden. Alle Staatsformen vor und neben der Demokratie sind blindwütig, in denen außer Pyrrhus niemand zugeben mochte, dass jeder Sieg eine Niederlage ist. Gauland ins Stammbuch geschrieben: wenn unsere Großväter gesiegt hätten, wäre es eine noch größere Niederlage gewesen. Eine Kollateralfolge der Globalisierung ist der Frieden. Kriege sind heute nur noch Bürger- und Stellvertreterkriege mit kleinen Dimensionen, aber das ist für die Menschen, die in ihnen sterben, nicht wichtig und sollte für uns nicht hinnehmbar sein. Der alawitische Assad-Familienclan, der einst vorhatte Israel zu zerstören, hat nun sein eigenes Land verwüstet und verkauft Drogen, um dem Untergang zu entgehen.

Der ewige Frieden ist aber dennoch wenigstens vorstellbar, weil der Mensch nicht böse, sondern eher schlicht ist. Er folgt falschen wie guten Propheten.

Wie ist es aber mit der Arbeit? Ist die Arbeit wirklich das Ideal des schlichten Menschen in allen Ländern? Ist nicht viel mehr der im alten Testament vorgestellte Fluch Gottes, dass der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen soll, eine Zustandsbeschreibung gestern und heute? Dass Justus von Liebig und Fritz Haber einen Teil der schweißtreibenden Arbeit durch Stickstoff ersetzten, sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass in weiten Teilen der Erde immer noch hochaufwändige und ineffektive Subsistenzwirtschaft betrieben wird.

Aber gleichzeitig müssen wir uns fragen und haben uns schon oft gefragt, ob die Massenproduktion von Lebensmitteln und Tand [all is but toys***] noch mit der wachsenden Zerstörung unserer Umwelt aufzuwiegen ist. Der Preis der Sattheit ist die Desertifikation, die irreversibel wird, wenn wir nicht einhalten. Während der Verzicht auf Gewalt gleichzeitig als hilfreich und einleuchtend empfunden wird, die Goldene Regel auch in einer volkstümlich-gereimten Version verfügbar ist – NUR WAS DU WILLST, DASS MAN DIR TU, DAS FÜGE AUCH DEN ANDERN ZU; und auch umgekehrt: NUR WAS ICH SELBER DENK UND TU, DAS TRAU ICH AUCH DEN ANDERN ZU. – gibt es für den Verzicht auf Überfluss leider keine Entsprechung. Wir empfinden jeden Verzicht gleichzeitig als Verlust. Sobald das Wort Verzicht, zum Beispiel auf den Energieüberfluss, die Runde macht, rennen wir Menschen in unsere Garage und halten unser Automobil fest. Selbst ein Elektroauto als Übergang und Kompromiss kann uns nicht von dem Verzicht des als Freiheitsersatz empfundenen Automobils überzeugen, das gleiche gilt für alle Versuche, Eigenheime und kommunikative Endgeräte zu vergesellschaften. Schon allein die Wörter ‚vergesellschaften‘ oder ‚sozialisieren‘  erfüllen uns mit Schrecken, auch weil sie durch Staatsysteme verunglimpft wurden, die zurecht gescheitert sind. Verzicht ist eine Botschaft, die niemand hören will und noch jeder Bote wurde für sie geächtet.

Und trotzdem kann der schlichte Mensch in allen Ländern nicht die heutige Arbeit, die ihn zum Maschinenteil degradiert, als Ideal haben. Vielmehr haben wir die propagierten Ideale entweder des Marktes oder des Staates in Ermangelung eigener Ideen stillschweigend angenommen. Die schweigende Mehrheit schweigt nicht als Zustimmung, sondern aus Unfähigkeit. Allerdings ist diese Unfähigkeit wegen der zunehmenden Komplexität der Dinge nur allzu verständlich. Vergleichen wir beispielsweise den Faustkeil mit dem Smartphone, zwei annähernd gleich große Werkzeuge, so ahnen wir, was Komplexität heißt. Wir Menschen haben freiwillig die Ketten angelegt, die uns zu Sklaven des Wohlstands machen. Allerdings ist es dieser Wohlstand, dessen Sklaven wir freiwillig sind, der uns auch vom letztendlich tödlichen Bevölkerungswachstum befreien wird. Es gibt keine bessere Beschreibung dieses Zustandes als das kreisförmige Trilemma. Auch in der Coronakrise war – wie ein höherer Fingerzeig – ein Trilemma als Menetekel an den Wänden zu lesen: Wirtschaft, Gesundheit und Demokratie gleichzeitig zu erhalten, ist schwer und nicht durch durch bloßes Geschrei zu bekommen.

Wir müssen uns in Zukunft an einer Art sozialem Minimumgesetz**** orientieren, das, wie seine Entsprechung aus der Natur, besagen würde, dass von jeder sozialen Notwendigkeit ein Minimum vorhanden sein muss. Diktaturen vergessen das Minimum Freiheit und verlieren sich letztlich immer in Clankämpfen, Demokratien begraben das Minimum Altruismus, die älteste und wichtigste Ingredienz menschlichen Zusammenlebens, unter einem Müllberg von meist überflüssigen Rechtsvorschriften. Diese Verrechtlichung unseres Lebens ist der der Ausdruck von Überdruss, der stets auf den Überfluss folgt. Alle Religionen und Philosophien predigen den Verzicht, aber niemand hält sich daran. Sehen wir eine der wenigen Ausnahmen, Menschen die freiwIllig auf die Symbole des Wohlstands verzichten, so ist unsere Antwort nicht selten Häme, weil wir mit Absicht Ursache und Wirkung verwechseln, wir halten die Absonderlichkeiten dieser Menschen für eine Folge des Verzichts, nicht für dessen Ursache. Wenn man sagt, es sei schwer, aus sich herauszutreten, so meint man eigentlich, dass es uns schwerfällt aus dem Korsett der Vorurteile zu klettern. Ein Gängelwagen ist uns immer noch lieber als gar kein Wagen.

*Binem Heller, Der selbe Mensch, in: Der Fiedler vom Ghetto, Reclam Leipzig, 1968

**Paul Celan, Todesfuge, Gesammelte Werke, Band 3, S. 61

***Shakespeare, Macbeth, II,2

****Sprengel, Liebig

MISSTRAUEN

Nr. 398

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?* Beethoven an Struve, 1795

Wenn also der schüchterne und nüchterne Maurerlehrling (siehe Nr. 397 vom 3.5.2020 ) im grauen Ostberlin und der große Beethoven, unabhängig voneinander und mit der denkbar größten Differenz zwischen zwei Menschen ausgestattet, auf das gleiche Denkergebnis kommen, muss etwas daran sein. Der Maurerlehrling in Ostberlin wollte einen damals und heute gängigen Spruch eigentlich nur zitieren. Vielleicht hat er sich nur geirrt, aber dann war es ein solcher Irrtum wie bei Kolumbus. Kolumbus fand den falschen Kontinent, aber mit dem richtigen, damals brandneuen Weltbild. Der Maurerlehrling fand das brandneue Weltbild, nach dem er gar nicht gesucht hatte, aber nach dem er sich so sehnte.

Das Merkwürdige an der Welt ist doch, dass sich die sogenannten Alternativen des gleichen Weltbildes bedienen, wie die von ihnen abgelehnten und oft heftig bekämpften alten Systeme. Kapitalismus, Kommunismus und Faschismus haben – in bezug auf die Produktion – die fast identische Meinung zum Menschen als Faktor. Auf diese Implementierung des Menschen in die von ihm selbst geschaffene Maschinenwelt wies schon Feuerbach mit seinem etwas weltfremden Begriff der Entfremdung hin. Er erscheint uns heute weltfremd, weil die wenigsten Menschen aus den herrschenden Bedingungen aussteigen können. Sieht man sich in den jeweils alternativen Szenen der verschiedenen Jahrhunderte um, so unterliegen sie – im Vergleich zum jeweils geschmähten mainstream – nur leicht modifizierten Gruppenbedingungen. Wirkliche Eremiten gibt es wohl eher selten, und die früheste Satire auf einen Eremiten, der seine Absurdität zu einem sexuellen Vorteil ausbauen konnte, steht im Decamerone von 1348, einem Pestbuch.

Alle diese Weltbilder betonen den Mangel an Vertrauen und den Egoismus des Menschen, der es angeblich verhindert, eine bessere Gesellschaft zu bauen, die andererseits von allen Alternativen als Ideal gepriesen wird. Wir erinnern nur an den programmatischen Zeitungsnamen ‚Neues Deutschland‘, womit gemeint war, dass jetzt alles anders wird. Tatsächlich beruhte aber diese Gesellschaft wie die meisten vorherigen und folgenden auf dem Vertrauen zu Geld und Gut, nicht aber auf dem Vertrauen zum Mitmenschen, der, wie sich Beethoven schon als junger Mensch  wünschte, keiner weiteren Qualifikation bedürfte, als Mensch zu sein.

In dem dummen Spruch, dass Vertrauen zwar gut, Kontrolle aber besser sei, der damals Lenin, heute wer weiß wem zugesprochen wird, wahrscheinlich Einstein, der die meisten Zitate für sich beanspruchen kann, fast so, als sei er im Hauptberuf Zitatenschreiber gewesen, – in dem dummen Spruch kommt doch nur die alte, von uns schon immer beschworene Polarität von Freiheit und Ordnung zum Ausdruck. Natürlich bedarf jede Gesellschaft einer gewissen Ordnung. Aber jede Ordnung hat auch die Tendenz sich zu verselbstständigen. Max Weber entdeckte früh, dass die Bürokratie, das Organ der Ordnung, sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt. In jeder Verwaltung gibt es ein Amt 1, auch oft Hauptamt genannt, das die Löhne, Gehälter und Pensionsansprüche der Beamten regelt. Übrigens muss man an dem schönen alten Wort BEAMTER nur einen Buchstaben weglassen, um ihn zu modernisieren und abzuschaffen: BEAMER. Ein Beamter projiziert die Ordnungsvorstellungen einer Gesellschaft auf jedes DIN A 4 Blatt, das selbst der Inbegriff jeder Ordnung und Bürokratie ist, genial und absurd zugleich: 1: √2.*

Die Absurdität dieses Weltbildes besteht darin, dass wir zum Schluss glauben, dass der Mensch wählbar und konstruierbar sei. Wenn wir ihn als Produktionsfaktor sehen, als Maschinenteil definieren und ihm gleichzeitig Empathie ab- und grenzenlosen Egoismus zusprechen, dann sind wir in der Ordnungsfalle. Es ist leicht und passiert immer wieder, dass wir uns ein Instrument schaffen, dessen Opfer wir dann werden.

Der Ramadan, jede Fastenzeit jeder Religion oder Ideologie, dient dem Verzicht, der Demut, der Reduktion nicht nur des Körpergewichts, sondern auch auf das Wesen des Menschen: selbst wer wenig hat, hat noch genug, um es teilen zu können. Die diätetische Falle des Ramadan besteht aber darin, dass das Fastenbrechen fast schon ein Synonym für Völlerei geworden ist, so wie Weihnachten und Ostern und Grillabend.

Das Gleiche gilt für das Fernsehen oder das Telefon: aus einem Instrument wurde eine Herrschaft. Das ist übrigens auch bei den Herrschern so: unsere Ahnen installierten sie als Führungsinstrument, aber wir willfahren ihnen als allwissende, allkönnende und ausschließlich wohlmeinende Halbgötter oder aber als inkompetente, unfähige und korrupte Marionetten. Allmacht und Ohnmacht schlössen sich gerne aus, aber sie sind gleicher als gleich, weil sie beide auf Macht statt auf Vertrauen beruhen.

Freiheit, das andere menschliche Ideal**, beruht dagegen, wie die Liebe, auf Vertrauen, die nicht nur keiner Kontrolle bedarf, sondern durch Kontrolle zerstört wird.

Als spätes Kind und früher Jugendlicher war mein Lieblingsbuch Robinson Crusoe von Daniel Defoe. Wahrscheinlich gefielen mir die Freiheit, Unabhängigkeit und auch die Einsamkeit dieses fähigen Menschen. Aber mir fiel nicht auf, dass er im Laufe seiner achtundzwanzig Inseljahre ein perfektes System der Ordnung erschuf, von der er mehr und mehr abhängig wurde. Folgerichtig versuchte er dann, einen völlig freien Menschen zu domestizieren. Der Tom-Hanks-Film CAST AWAY zeigt diese Abhängigkeit, aber auch die Beliebigkeit der Dinge, als Satire auf den Helden der Aufklärung Robinson.

Das Merkwürdige am Vertrauen, an der Freiheit und an der Liebe ist, dass wir sie fast nur emotional von ihren hässlichen Zwillingsschwestern, Miss Trust, Miss Order und Miss Ego, unterscheiden können. Der Mensch oder die Menschin, die wir lieben oder von der oder dem wir uns geliebt glauben, kann vielleicht einfach nur nicht kochen oder hielt nach ein paar passablen Genen Ausschau.

Man kann sich Menschen nicht aussuchen, auch diejenigen nicht, die nichts als Menschen sein wollen und Vertrauen der Kontrolle vorziehen. Es ist leichter zu leben, wenn man sich nicht nur Regeln gibt, sondern auch Töpfe, in die man seine Mitmenschen glaubt sortieren zu können. Drei große Töpfe zerbrachen: der Rassentopf, ein besonders hässliches Exemplar, der Klassentopf, der sich hier auf dem Lande sogar architektonisch manifestiert hat, und der besonders üble Sexustopf.

Zum Schluss kommt ein schönes Zitat aus dem guten neuen und sehr empfehlenswerten Buch*** von Rutger Bregman IM GRUNDE GUT, die Antwort nämlich, warum der Schimpanse im Käfig sitzt und der Neandertaler ausgestorben ist: weil wir freundlicher sind.

*dem Schöpfer der Papierformate, Walter Porstmann, war ein früherer Blog gewidmet

**no deal but ideal

***was hier zu besprechen unnötig ist, da wir seine Thesen schon seit langem, vor allem aber in den zehn Jahren des Blogs rochusthal.com vertreten

 

 

KONTROLLVERLUST | ZAHLENDREHER

 

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?* Beethoven an Struve, 1795

Nr. 397

Jede Krise spült unweigerlich ganze Kompanien von Besserwissern, Panikmachern und Ordnungsfanatikern hervor. Das mag in der Flüchtlingskrise wenigstens noch einen rationalen Kern gehabt haben: das alte Muster, die Grenzen zu schließen, hält die ankommenden Menschen zunächst auf, man sieht es jetzt auf den griechischen Inseln. Die alte Stadtmauermentalität verbreitet gleichzeitig Idylle und Fäulnis. Mauerbau geht aber nur in Ländern, in denen nicht in der Verfassung steht, dass die Würde des Menschen weder käuflich noch verletztlich sein darf. Auch die Gegenseite betonte damals, dass es Flüchtlinge immer schon gegeben hätte, forderte also selbst auch zum Blick in die Vergangenheit auf, allerdings mit dem Ziel der Toleranz. Das größte und zugleich vernünftig-segensreichste Flüchtlingsgesetz war denn auch das preußische Toleranzedikt von 1685. Aufklärung und Jurisdiktion gehen also schon zusammen, wenn weiser Verstand sie leitet.

Was ist aber von einer aufgeregten, leider nur schwatzenden Minderheit zu halten, die die Regierungen auffordert, die Vorsichtsmaßregeln rückwirkend zu lockern, weil sie falsch gewesen sein könnten? Es muss und darf alles hinterfragt und kritisiert werden. Aber die meisten Menschen, in den USA sogar 30 Millionen arbeitslos Gewordene, waren mit existenziellen Fragen beschäftigt. Interessiert eine alte Dame, die im Pflegeheim keinen Besuch empfangen darf, wirklich, was ein pensionierter Kreisarzt zu Varianten des Schutzes vor Viren sagt? Noch nie haben die Besserwisser so krass an den Interessen des von ihnen immer wieder heraufbeschworenen Volkes vorbeigeredet. Es ist erstaunlich, wie diszipliniert und vertrauensvoll wir, die sonst so gerne jammernden und auf die Regierung schimpfenden Deutschen eben dieser Regierung folgen. Merkel scheint für die Krise gemacht zu sein. Selbst der sonst katastrophale Verkehrsminister hat nur einen Schaden von 100 Millionen ausgefallenen Schutzmasken zu verzeichnen.

In einer neuen Krise kann man schlecht auf Ordnungen zurückgreifen, die diese Krise nicht kannten. Lernen ist immer besser als regeln. Es ist ein großes Glück, dass der Hauptfaktor der Pandemie bei uns nicht der Tod ist, sondern das Leid, das es zu verhindern gilt. Der von den Panikmachern und Verwörungsexperten befürchtete Kontrollverlust ist wieder einmal nicht eingetreten und das Volk ist nicht aus dem Staat ausgetreten, wie – wir erinnern uns – der rechte Theoretiker Renaud Camus in seinem Renaissanceschloss voraussagte. Die Balance zwischen Freiheit und Ordnung, zwischen freiwilligem Lernen und einer gefängnisartigen Ordnung, ist immer eine imbalance. Auf des Glückes großer Waage steht die Zunge selten ein…wusste unser Großdichter dazu. Dass aber wir Menschen immer auf die Waage setzen, auf die Balance hoffen, die alten Zustände, die wir zu kennen glauben zurücksehnen, das ist verständlich, aber dadurch wird es weder richtig nich gut. Richtig kann es nicht werden, weil es richtig nicht gibt. Und gut würde es nicht, weil auch ein Gefämgnis keinem Erdbeben standhält. Schon Pasteur, der uns immer einfällt, wenn wir Milch kaufen, wusste, dass zum Schluss ohnehin die Mikroben siegen werden.

Die Vergangenheit kennen wir aus demselben Grund nicht, aus dem wir auch die Zukunft nicht kennen können: wir sind nicht dabeigewesen. Aber selbst wenn wir dabeigewesen sind, natürlich nur in der Vergangenheit, dann trifft auf uns mehr der Trugschluss zu, dass wir gesehen haben, was wir sehen wollten, nicht, was tatsächlich da war. Denn niemand von uns hat enzyklopädische Augen und ist von Erinnerungen frei: und immer sieht der Traum noch mehr als das Gedächtnis.

In diesen Tagen spülte Facebook die Werbung für einen alten Text von mir nach oben, in dem ein kleiner Mann des Volkes, ein blonder Maurerlehrling mit immer roten Ohren, einen wahrlich großen Irrtum eines Kontrollfanatikers aufdeckt. Wir drucken den Text hier noch einmal ab:

  [ZAHLENDREHER, Nr. 188]

Man sieht sich lieber als Märtyrer der Zeit oder, wie es moderner heißt, der Sachzwänge. denn als erfolglosen Neuerer. Zu allen Zeiten war es schwer, eine eigene Idee zu entwickeln und sie durchzusetzen. Dagegen hilft eigentlich nur zweierlei: einfach mit der Masse mitlaufen oder sich als Opfer stilisieren.  Plagiate wollen wir nicht als ernsthafte Möglichkeit anerkennen.

Die Masse und ihre Führer stellen sich natürlich und als gesunden Menschenverstand dar, der dann auch im Englischen common sense heißt. Es ist nicht nötig aufzuzählen, was der gesunde Menschenverstand schon alles als normal angesehen hat und ansieht. Unter Führung ihrer Priester zogen Millionen Menschen zu den Volksbelustigungen der Exekutionen. Ein besonders krasser Fall mag der siebzehn Jahre junge Jesse Washington gewesen sein, dessen Erhängung und Verbrennung ein tausendköpfiger Mob johlend zusah, der anschließend Postkarten mit dem Grauen verkaufte, aber es war leider in allen Kulturen und Religionen üblich. Das wird deutlich und deutlicher, wenn man mit jungen Flüchtlingen am Richtstein und am Standort des Militärgalgens einer mittelalterlichen Stadt steht. Heute kann man wenigstens fliehen. Fliehen konnte man schon immer, aber heute wird man doch weitaus freundlicher aufgenommen. Die Ausnahmen, wie das alte Preußen, aber auch Russland, Amerika oder das Habsburger Reich, sollten gefeiert werden.

Viel zu sehr glauben wir Loser, dass Innovation in die Geschichtsbücher gehört. Vielmehr reicht es, wenn die Innovation die Herzen erreicht. Innovation ist alles, was über den reinen Broterwerb und die bloße Pflichterfüllung hinausgeht. Die großen Denker haben unter Pflicht freilich etwas anderes verstanden: die Pflichten, die wir am Menschengeschlecht haben, deren Erfüllung uns erst zu Menschen macht. Jede Ordnungsmacht nutzt den Widerspruch aus, der sich zwischen den rein semantischen Unterschieden eines einzigen Wortes auftut, ja, sie fördert das Missverständnis. Jede Diktatur tut so, als sei ihr meist durch Zufälle nach oben gespülter Unrat Heil und Heiland zugleich.

Und wir, die Loser, glauben den Sprüchen und Botschaften, ohne sie zu befragen. Wir befragen auch uns nicht genügend, denn sonst würden wir nicht immer und immer wieder den entrollten Lügenfahnen hinterherrennen. Das ist bekanntlich ein Zitat aus Goethes Faust II. Der Vorsitzende der NPD hat es neulich im Schweriner Landtag Walther von der Vogelweide zugeschrieben. Wir wollen nicht auf die Unbildung des Migranten Pastörs verweisen, sondern auf den Ge- und Missbrauch von Sprüchen.

Im untergegangenen Ostblock wurden die sogenannten Klassiker des Marxismus-Leninismus nicht nur in Vorlesungen und Reden zitiert. Einige dieser Zitate sind in die Spruchweisheiten gelangt. Sie dienten gleichzeitig und gegenseitig zum Beweis des Systems und das System bewies mit seiner Existenz die Sprüche. Wir sind heute zurecht schockiert, wenn eine politische  oder wissenschaftliche oder wirtschaftliche Instanz Demokratie und Transparenz vernachlässigt, um die Interessen eines Chefs zu verwirklichen. In der Diktatur ist das gang und gäbe, der uralte Ausdruck für Zeitgeist,  und wird mit Sprüchen getarnt.

Es war einmal ein armer kleiner Maurerlehrling. Der musste einen Aufsatz über sich schreiben, aber das konnte er nicht. Schon immer hatte er große Probleme, wenn er etwas schreiben sollte. Zudem konnte er auch nicht öffentlich sprechen, was aber seine Lehrer nicht störte. Immer wieder demütigten sie ihn. Kurz gesagt, gehörte Deutsch nicht gerade zu seinen Lieblingsfächern und deshalb wollte er auch nicht Schriftführer oder Schriftsteller werden, sondern Maurer. Aber er hatte schon eine Idee für diesen Text. Er wollte sagen, dass er schon fähig wäre, etwas zu tun, wenn seine Mutter ihm dabei helfen würde, wenigstens, indem sie ihn erinnerte, mahnte, kontrollierte. Und um das zu sagen, fiel ihm ein Spruch ein, der damals in allen Zeitungen stand, von allen Rednern eifrig zitiert wurde, allgegenwärtig war, vielleicht war er auch auf seiner Jugendweihe zelebriert worden. Er schrieb: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Zwar wurde er etwas unsicher, als er es geschrieben hatte, aber er blieb doch dabei. Und er war immer unsicher, wenn er etwas schreiben oder öffentlich sagen musste. Als er seine Arbeit zurückbekam, saß er mit roten Ohren da, wie immer, ein blonder Junge, unsicher über sich selbst und die Welt. Der Lehrer sprach: Das ist ein hervorragender Text. Du hast etwas großartiges geschrieben, vielleicht sogar entdeckt. Der Junge wurde über und über rot und sagte: Es kann sein, dass ich etwas verwechselt habe. Nein, nein, sagte der Lehrer, du hast nichts verwechselt. Du hast erkannt, wie es richtig heißen muss. Und wenn du heute nach Hause kommst, sagst du dir deinen Satz hundertmal gegen den Spiegel. Und immer wenn du ihn dann andersherum, hörst oder liest, wirst du wissen, dass du richtig bist und die anderen falsch sind. Und ich sehe das, sagte der Lehrer, ab heute auch so. Und weil du uns einen großen Schritt vorangebracht, wird dein Text als der jahrgangsbeste ausgezeichnet, wie Lehrer so reden.

Wenn man nachts die Landsberger Allee in Berlin stadteinwärts fährt, und ein wenig sinnlose Gespräche führt, einfach um wacher zu bleiben, dann fällt einem vielleicht der angebliche Urheber des ursprünglichen falschen und dummen Spruchs ein, der durch einen leider namenlos gebliebenen blonden Maurerlehrling mit immer roten Ohren korrigiert wurde. Aber vielleicht fällt einem auch nur der Film GOOD BYE LENIN ein, aber vielleicht ist das ganze Leben überhaupt nur ein dejá vue?

Mir fielen diese Geschichte, dieser Spruch und seine Umkehrung wieder ein, als ich die CD einer bemerkenswerten Deutschrockband hörte, nämlich AnnenMayKantereit, und da heißt es: Vertrauen ist gut, Kontrolle für Besserwisser…

 

 

*heute: der Maurerlehrling als Paradigma