DER DIESELZIGEUNER

Nr. 344

Für die unterschiedliche und sogar gegensätzliche Bewertung des gleichen Verhaltens durch unterschiedliche Menschen hatten schon die alten Römer einen schönen Spruch, natürlich in Latein*, dass nämlich, was Jupiter, längst nicht jedem Ochsen erlaubt sei. Die Spreizung der Komponenten wurde extra weit gewählt, um den Sachverhalt überdeutlich darzustellen.  Viele Menschen kritisieren die Privilegien der selbst ernannten Halbgötter, treten aber auch gerne nach unten. Als Norm erscheint uns immer gern der eigene Standpunkt.

Jeder von uns hat schon mindestens einmal den Weg der Moral verlassen, den kurzfristigen Vorteil dem bewährten oder anerzogenen Verhalten vorgezogen. Jeder kennt und nutzt Notlügen, aber wie beurteilen wir den erschwindelten Vorteil, die Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Vorteil des Täters? Wir beurteilen sie nicht nach der Tatsache, sondern nach dem Täter.

Die großen deutschen Automobilkonzerne, die nicht nur tatsächlich gute Autos bauen können, sondern auch weltweit einen sehr guten Ruf haben, bauten bekanntlich in ihre Maschinen Software ein, die die Abgaswerte manipulierte. Es wurde ein geringerer Ausstoß an schädlichen Abgasen angezeigt, wenn das Auto auf dem Prüfstand stand. Die tatsächliche Emission war weitaus höher.  Damit wurden nicht nur die Kunden, also wir, getäuscht, sondern auch die Umwelt signifikant geschädigt, also wir.

Das ist alles bekannt und wird seit vielen Monaten zwar diskutiert, aber das Verhalten der Käufer weltweit ändert sich deswegen nicht. Selbst wenn Winterkorn ins Gefängnis muss, werden Volkswagen weiter rollen.

Die gleiche Tat, ausgeführt durch Romaclans zum Beispiel auf der Berliner Museumsinsel und auf dem Trierer Domplatz, lässt nicht nur die Empörung, sondern auch die Vorurteile wie Wellen des pazifischen Meers im Tsunami hochpeitschen.

Statt ihre Kinder und Jugendlichen in die Schule zu schicken und den längeren Weg über Bildung und Beruf zu wählen, um zu Geld und höherer Lebensqualität zu kommen, wählen sie den Betrug. Sie schädigen ganz offensichtlich ihre Kinder und uns, uns um bestenfalls zehn Euro. Der Betrug besteht darin, durch Sammellisten vorzutäuschen, dass man die Lage von ‚taubstummen‘ Kindern in Rumänien verbessern will. Der Begriff ‚taubstumm‘ ist bei uns nicht mehr üblich, genauso wie die Thermofaxdrucker, auf denen die Listen gedruckt sind. Das Spiel ist durchschaubar und funktioniert trotzdem, weil, wie Schopenhauer schreibt, das Mitleid die Grundlage aller Liebe ist. Das Bettelparadigma wurde geändert. Statt alte, hässliche und deformierte Typen in die Ecken vor Ruinen zu setzen, werden jetzt altruistisch wirkende schöne junge Menschen mit europäischen Sammellisten auf die Straßen und Plätze vor den Tourismusschwerpunkten geschickt.

Beide illegalen Einkommensquellen werden in Europa heftig diskutiert. Der normale Steuerzahler fragt sich, warum hier zwei Minderheiten erlaubt wird, ihn derart zu betrügen. Es ist natürlich nach wie vor niemandem erlaubt, seine Mitbürger zu betrügen oder auch nur zu betrüben. Aber angesichts der Anstrengung, die es kostet zu Wohlstand zu gelangen, überlegen sich eben viele Menschen einen möglichen kurzen und anstrengungslosen Weg.

Der Weg der Roma beharrt nur scheinbar auf dem Nomadentum. Aber inzwischen ist es unvergleichlich schwerer geworden, sesshaft zu werden. Traditionelle Wandergewerbetreibende wie Scherenschleifer und Kesselflicker sind durch die Industrialisierung genauso verschwunden wie die sesshaften Handwerker Seiler, Wagner und Küfer. Selbst vom Stellmacher hat sich nur der Name erhalten. Wenn Thomas Mann in seine Beschreibung des Bürgertums noch die schöne Formel aufnehmen konnte: Wir sind keine Zigeuner im grünen Wagen, so ist heute nicht nur dieser verschwunden, sondern auch das Bürgertum. Die Welt hat sich in den hundert Jahren seit Thomas Mann, den grünen Wagen und dem ersten Weltkrieg gewandelt. Das heißt nicht, dass alle Leerstellen ausgefüllt werden konnten. Dass jegliches nicht nur seine Zeit, sondern auch seinen Preis oder seine Würde hat, vergessen wir nicht nur seit alters her gern, sondern zunehmend. Das Fiktive, mit dem wir uns umgeben, hat eine große rationale Kraft. Durch tausend und abertausend Filme und Filmschnipsel, Bücher und endlose Erzählungen sehen wir uns getäuscht. Zudem wissen wir nicht mehr, was wir glauben sollen. Am getäuschtesten sind wohl die, die von sich voller Stolz sagen, dass sie gar nicht glauben, dass glauben nicht zu ihrem Repertoire gehöre. Alberner und infantiler kann man nicht die Zeichen der Zeit übersehen.

So wie die Christen auf dem Konzil von Nicäa und der Volkswagenkonzern in bezug auf die Umweltempfindlichkeit seiner Käufer, hat ein Clanrat großer Romaverbände die Änderung eines Paradigmas beschlossen. Dahinter steckt auch eine Botschaft: der Clanrat will uns vielleicht mitteilen, dass auch er sein Volk gern in einer neuen Zeit ankommen ließe, wenn wir nur bereit dafür wären. Wir brauchen keine neuen Tiraden von abgestandenen Ressentiments, sondern wir brauchen einfache und klare Lösungen. Wir können nicht gerade den ärmsten und instabilsten Teil des neuen Europas mit einem Problem alleine lassen, das er nicht lösen kann, wirtschaftlich nicht und vor allem nicht mental. Zu tief sitzen nationalistische Vorurteile, wenn Wohlstand und Demokratie auf sich warten lassen. Die rumänische Sozialdemokratie ändert Gesetze und Verfassung, um ungestraft korrupt sein zu dürfen, aber wir verlangen vom einfachen Rumänen, dass er seine Tür für jemanden öffnet, den zu achten er nie gelernt hat.

In der Zeit, die wir für die Empörung über freche Roma verbrauchen, sollten wir die Programme der Parteien zur Europawahl lesen. Die Emission von CO2 lässt sich nicht durch Software verringern, die Bettelei auf unseren Straßen wird sich nur durch Bildung verhindern lassen.

Mein SATZ DES FLÜCHTLINGs gilt auch für unsere Schwestern und Brüder vom Volk der Roma: Wenn sich jeder Alteingesessene um einen Flüchtling und/oder einen Bettler kümmert, gibt es keine mehr.

In der Brückenstraße in Trier, vor der Nummer 10, verteilen zwei sehr kleine Romajungen Zettel mit einem Bild von Winterkorn und der folgenden Aufschrift und halten die Hand auf:

Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit, wie mein Bauch vor der Leere. Für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß, für 300 Prozent existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.

Karl Marx, MEW, Band 23, Seite 788 [Dieses Blatt kostet einen Euro.]

*quod licet iovi, non licet bovi

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ALLE BESCHRÄNKUNG BEGLÜCKT*

 

Nr. 343

Das Talent gleicht dem Schützen, der ein Ziel trifft, welches die Übrigen nicht erreichen können; das Genie dem, der eines trifft, bis zu welchem sie nicht einmal zu sehen vermögen… SCHOPENHAUER, Die Welt als Wille und Vorstellung, Kapitel 31, Großherzog Wilhelm Ernst Ausgabe, Leipzig 1917, S. 1157

Man kann jeden Satz zur Rechtfertigung seiner eigenen Beschränktheit missbrauchen, aber dadurch heben sich die Schranken nicht auf. Vielmehr sehen wir das ganze neunzehnte Jahrhundert  damit beschäftigt, die Schranken der dichotomischen Betrachtungsweisen zu überwinden. Schranken und Hürden werden so mobil wie der Mensch selbst. Mit dem Pferd verschwindet auch das Joch als realer Gegenstand und als Metapher. Allerdings darf man sich den Fortschritt nicht linear vorstellen, als einen sanften Hügel, auf dessen Spitze der Olymp wartet und das Ende der Geschichte. Hegel, dem wir das so ausgearbeitete Fortschrittsmodell verdanken, wohnte am Kupfergraben, während Schopenhauer um die Ecke in der Dorotheenstädtischen Straße versuchte, der hegelschen Dominanz dadurch zu entgehen, dass er seine Vorlesungen auf den gleichen Zeitpunkt legte. Da konnte man nun hören, dass der Mensch nicht zu seinem Glück geboren ist. Nur wer von einer solchen Glücksvorstellung ausgeht, und sei sie auch nur am Ende des Berges erreichbar, wird die Welt voller unüberwindbarer Widersprüche finden. Und was ist dann leichter, als zu einfachen Gegensatzpaaren zurückzufinden.

Schopenhauer und später auch Nietzsche sind als Zeitgenossen missverstanden worden. Nietzsche verdankte diesem Missverständnis seinen Ruhm und seinen Wohlstand als Bestsellerautor. Beide fanden sich in den Tornistern der Leichen von Langemarck und Verdun. Aber beide meinten nicht, dass es zwischen den Eigentlichen und den Übrigen eine Entscheidung oder gar eine Entscheidungsschlacht geben würde oder auch nur geben könnte. Unter den Eigentlichen, von Schopenhauer Genie im Sinne des Sturms und Drangs seiner Lehrer genannt, von Nietzsche gar Übermensch, sein Vater, der schwächliche Pfarrer schwärmte vom preußischen Leutnant als gewissermaßen gezüchteter Idealfigur, verstanden die beiden wohl eher den fitten Leser.

Sowohl Fitness als auch Bildung durch Lesen sind unendliche, universale und multiple Tätigkeiten. Man ist zwar Leser, aber jeder Leser weiß von der unendlichen und jeden Tag wachsenden Menge Lesestoff. Mit jedem neuen gelesenen Buch erschließen sich tausend ungelesene. In jedem Buch steckt eine ganze Welt. So wie der Leser vor einem Berg Wissen, Deutung und Erzählung steht, so muss der Sportler jeden Morgen neu anfangen, seinen einerseits perfekten, andererseits nie fertigen Körper zu trainieren und zu formen. Jeder Dorfschullehrer weiß, wie schwer die beiden zu vereinen sind. Schopenhauer und Nietzsche haben sozusagen die letzte Elite beschrieben, um sie zu überwinden.

Der neue Mensch ist nicht zu konstruieren, schon gar nicht im Rückgriff auf die Vergangenheit. Die Beschränkungen sind zu durchbrechen oder wenigstens mobil zu gestalten, wie eine Bahnschranke, auch sie ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Allerdings müssen wir mit dem Unglück leben, das wir uns selbst geschaffen haben, indem wir als Ideal das Unendliche sehen, nicht das beschränkte Endliche.

Es ist völlig unverständlich, wie die Partei der Staatsgläubigen und Zeitungszitierer sich ausgerechnet auf Schopenhauer und Nietzsche berufen will, die das Gegenteil dessen waren, was jene anstreben. Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen, schreibt Schopenhauer in den Aphorismen zur Lebensweisheit, ist der Nationalstolz. Er ist das Substitut einer gewesenen oder nie gewordenen Persönlichkeit, das Glück der Beschränkten. ‚Jede Nation spottet über die andere, und alle haben Recht.‘ Das schlimmste Unglück ist es aber, nicht weiter zu lesen. Die meisten berühmten Zitate haben eine Fortsetzung: Ein Deutscher, schreibt Nietzsche, ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass er sie tut. Doch dann fährt er fort: denn er gehorcht, wo er kann.** Er gehorcht den Regeln und Führern, den Traditionen und Gesetzen, den Vätern und den Müttern; und wenn der Schutzmann sagt: gibs auf!***, dann trollt er sich in sein selbst verschuldetes Gefängnis. Und diesen hässlichen Deutschen gibt es überall auf der Welt. Aber es gibt, zum Glück, wenn schon nicht glücklichmachend, auch Schopenhauer .

 

*Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, Leipzig 1918,  V, 6

** Nietzsche, Morgenröte, § 207

*** Kafka

DAS TRIER SYNDROM

Nr. 342

Wenn unter der Porta Nigra, der durch Ruß und Dreck geschwärzten einst römischen Pforte Schulklassen oder Rentnergruppen stehen, dann gibt es mindestens vier Arten von Geschichten, die entstehen. Zuerst ist natürlich die faktenbasierte Geschichte, so wie es wirklich war, nur dass das niemand weiß. Auch unsere Fakten sind zum größten teil Annahmen, für die viel spricht. Evidenz und Wahrheit halten sich die Waage, und angesichts dieses Stadttors und des kommenden Karfreitags drängt sich die berühmte Frage des römischen Gouverneurs Pontius Pilatus auf: Was ist Wahrheit. Er war schon ein typischer Bürokrat, so wie es sie heute millionenfach gibt, und deren Existenz uns, bei aller Notwendigkeit, auch den Hauch der Verzweiflung eingibt. Ein Bürokrat kennt die Lösung, aber tut nichts dafür oder er kennt die Lösung nicht und tut alles dafür. Zu seiner Verteidigung kann er nicht nur seine Notwendigkeit hervorbringen, sondern auch die Vorliebe der Menschen ihn zum Prügelknaben zu machen, gerade auch am Karfreitag. Dieses Schicksal teilt er mit den Lehren und den Polizisten, neuerdings sogar auch mit Rettungssanitätern und Notärzten.

Die faktenbasierte Geschichte steht im Lexikon, im Reiseführer oder wird von Reiseführern vorgetragen, aber nicht jeder hört zu. Deshalb gibt es daneben die empirische Geschichte, das was jeder empfindet oder denkt – eben erfährt -, ohne dass dabei irgendein Fakt stimmen muss. Zum Beispiel haben wir als Kinder den Weihnachtsmarkt als einen mythischen Ort erfahren, um später festzustellen, dass es ein Ort des billigsten Merkantilismus, aber der überteuerten Preise ist. Überhaupt, wenn wir später an Orte unserer Kindheit zurückkehren, zeigt sich, dass wir ein starkes empirisch gewonnenes Bild haben, das dann mit der Wirklichkeit kollidiert und von ihr überlagert wird oder sie überlagert.

Und drittens schließlich gibt es ein projiziertes Bild, eine Erwartungshaltung, welche schon vorher da ist und nun mit der Wirklichkeit oder mit dem, was wir für die Wirklichkeit halten, abgeglichen wird. Verschiedene Instrumente, zum Beispiel die Idealisierung oder die Verdammung, stehen uns nun zur Verfügung, um die beiden Bilder in Beziehung zu setzen. Schon der preußische Dichter Chamisso spielte mit dem Widerspruch zwischen dem Schatten eines Menschen und dem Menschen selbst.

Das vierte etwas schmuddelige Bild, das wir uns machen, ist das ideologisch geformte, ein Haus sei heilig, ein Volk auserwählt, eine Geschichte wahr und so und nicht anders. Denjenigen Zeitgenossen, die vorrangig diesem letzten Bild folgen, antworten wir mit König Salomo: JEGLICHES HAT SEINE ZEIT.

Nach der Legende wurde Trier 1300 Jahre vor Rom von dem Assyrerkönig Ninus gegründet, tatsächlich (=was wir wissen) kamen nach den Bandkeramikern die Kelten, die eine für sie neue Bildersprache durch die Berührung mit den Etruskern lernten. Die römische Gründung von Trier, 16 vor Christus, ist gut belegt, besonders auch durch erhaltene Bauwerke, deren äußeres uns innere Geschichten eingibt. Dann kamen die Franken, und bis heute sieht man die – durch alle Kriege und Missverständnisse ungetrübte – enge Verwandtschaft zum benachbarten Frankreich oder frankophonen Luxembourg.

Auf der anderen Seite des späteren Reiches fand viel später als in Trier eine Assimilation der verbliebenen Slawen statt, deren Spuren heute noch in jedem zweiten Ortsnamen zu sehen sind. Auch die über lange Zeit stattgehabte Zweiteilung ist mancherorts noch deutlich zu spüren, manche Dörfer haben vor dem Namen den Zusatz Groß- oder Klein-, Neu- oder Alt-, das ist: deutsch oder slawisch, manche Dörfer tragen sogar den Zusatz Wendisch-. Ein krasser Fall von Mehrfachbelegung ist Märkisch Buchholz, das ehemals Wendisch Buchholz hieß und das viel spätere Französisch Buchholz, das jetzt wieder ein beliebter Wohnplatz für wohlhabendere Neubürger geworden ist. Auf beiden Seiten des ehemaligen Reiches des Deutschen sind die Übergänge fließend, und niemand wünscht sich eine Grenze oder gar Kriege zurück.

Auch Häuser – und nicht nur etwa Bücher – haben ihr Schicksal. Die Konstantinsbasilika in Trier, davon abgesehen, dass sie keine Basilika nach der Definition ist, ist eben so wenig eine Kirche wie die Hagia Sophia in Istanbul eine Moschee. Eine Definition besteht nicht vor der Tatsache, sondern sie beschreibt mehr oder weniger Tatsachen oder was wir – nach unserem Kenntnisstand – dafür halten. Obwohl also dieser riesige und höchst bewundernswerte Bau einst eine Aula zum Ruhm der Kaiser und Unterkaiser war, wird sie heute als ältester Kirchenbau Deutschlands gefeiert. Beide Orgeln dieses nachhallreichen Baus stammen von Firmen der Ostgrenze des ehemaligen Reiches, Schuke in Berlin und Eule gar in Bautzen. Staunende Schulklassen aus dem nahen Luxembourg hören Gipfel französisch romantischer Musik und wachsen in ein Welt abnehmender Differenzen hinein.

Ebenso polyphon und ambivalent sind der romanische Dom und die angebaute gotische Liebfrauenkirche, die ungeschlossensten Räume, die man sich nicht denken kann. Häuser entstehen nur scheinbar nach einem Plan. Es gibt zwar einen Plan, auf dem steht siebenunddreißig  mal achtundzwanzig Meter, aber die Geschichten, die Wirkungen, den Nachhall des Nachhalls kann sich niemand ausdenken oder gar planen.

So wandert man durch scheinbar fremde Städte, aber in Wirklichkeit wird einem die Stadt, jede Stadt, immer vertrauter. Jede Stadt wird zur Heimat unserer Gedanken und Gefühle, so dass umgekehrt die tatsächliche Heimatstadt dagegen sich verwinzigt oder gar verschwindet.

Sieben dicke Mädchen aus Oldenburg fragten mich nach dem berühmtesten Trierer, der aber nach dem Abitur für Trier und möglicherweise auch seine Eltern und Geschwister  nichts mehr übrig hatte, weil er die Welt verändern wollte, indem er die Werke seiner Lehrer abschrieb und variierte. Seine späteren weltweiten Anhänger zeichneten sich gerade durch ökonomischen Unverstand bei philosophischer Rechthaberei aus. Jene sieben Mädchen aber liefen voller Zuversicht und mit großer Freundlichkeit durch diese schöne Stadt, die älteste Deutschlands.

Warum die Stadtverwaltung aber den unglücklichen Ökonomen zum bedeutendsten Sohn ihrer Stadt erklärt und nicht den Kaiser Constantin, der dem Christentum einen Bärendienst erwies, indem er es an Macht und Staat koppelte, das wissen die Götter. Constantin wäre eine der uneindeutigsten Persönlichkeiten der Geschichte, wenn wir nicht wüssten, dass es Eindeutigkeit nicht geben kann. Wie alle Politiker und auch manche Künstler war er ein Meister der Selbstinszenierung, des Bauens allzumal. Schon allein die Erkenntnis der strategischen Lage des späteren Istanbuls ist eine Großtat. Auch die Lösung von Streitigkeiten durch ein Konzil kann sich historisch sehen lassen.

Das sind die Geschichten Triers und aller Städte.

DIE WAHRHEIT ÜBER RECHTS UND LINKS

Nr. 341

Für Journalisten und Ratgeberbuchautoren mag die Formel ‚Die Wahrheit über..‘ ein rhetorischer Trick sein, über den sie selbst lachen müssen, indessen gibt es sehr viele Leser, die von der einen, jetzt aber wirklich richtigen Wahrheit nicht nur überzeugt sind, sondern im Sinne des alten CREDO an ein unumstößliches Dogma glauben.

Ein in mittelmäßig prominenter Linker sagte neulich in einem Interview, dass die Kernthese der Linken, des Marxismus die Entfremdung sei. Den Gedanken der Entfremdung hatte der junge Marx von seinem Vorbild, dem alten Ludwig Feuerbach, entlehnt. Er besagt, dass Menschen in Verhältnissen leben, die sie von der Natur und ihrem Ursprung getrennt haben. Ein Landarbeiter, der noch eben verstand, woher die Milch kommt, zieht nur durch die Industrialisierung in die Stadt und baut oder tut etwas, das er nicht mehr versteht, wovon er aber trotzdem lebt. Heute lebt praktisch die gesamte Menschheit in mindestens zwei Welten, wir flüchten nicht mehr in Visionen oder die Utopien, sondern in Fiktionen. Weiter schreibt der linke Autor: Während Kränkung, die neue Grundthese der falschen Linken, subjektiv interpretierbar sei, ‚ist es für jeden erkennbar Ausbeutung…wenn der Fleischzerleger in einer Großschlachterei für einen minimalen Lohn arbeitet“*. Da ist er wieder: der Glaube an die eine Wahrheit. Zehn Millionen Menschen in Deutschland, weit mehr als die Linke Mitglieder oder Wähler hat, essen kein Fleisch mehr, weil sie die Massentierhaltung ablehnen. In dieser Zahl sind nicht diejenigen enthalten, die zu bestimmten Zeiten fasten, was wir, statt es permanent zu diskreditieren, uns alle zum Vorbild nehmen sollten. Es geht nicht um die Kränkung der Tiere, sondern um die Frage, wie weit wir die Würde der Tiere als unsere Schwestern und Brüder anzuerkennen bereit sind. Die Lösung des Problems der Tierwürde, der Billigproduktion überhaupt, liegt wahrscheinlich nicht in herkömmlicher linker Politik, offensichtlich gar nicht in Politik, sondern in einer neuen Ethik des Konsumverhaltens. Zu glauben, dass das Verhalten der Menschen nur durch Gesetze, Schule und Politik zu ändern sei, gehört ebenfalls in den Bereich der Fabel. Vegetarismus, Shell-Boykott, Verzicht auf Plastiktüten, Abschaffung der Sommerzeit – das sind positive Beispiele von Spontanideologie, Zeitgeist und Journalismus. Man kann Marx nicht vorwerfen, dass er das nicht gesehen hat, aber man kann einem heutigen Politiker oder Autor schon daran erinnern, dass die Zukunft nicht in der Vergangenheit liegt. Die Wähler tun es auch. Vorwerfen müssen wir uns vielmehr, dass wir die frühen Hinweise auf diese neue Ethik beharrlich ignorieren. König Salomo hat ein Gebiet, das er mit seinem Heer durchziehen zu müssen glaubte, vorher von Ameisen bereinigen lassen, damit sie keinen Schaden nähmen. Gandhi stammte mütterlicherseits aus einer jainistischen Familie, die ebenfalls von der Geschwisterlichkeit und dem absoluten Respekt für alle Seelen, auch die der Ameisen, ausgeht.

Man muss übrigens auch erst einmal Marxist sein, um diesen Begriff überhaupt zu kennen. In der Schule wird, auch nicht mehr ganz heutig, die Tarifautonomie als Lösung aller Probleme gelehrt. Heute sitzen die Gewerkschaften in Palästen, in denen man früher, wenn man Marxist war, die Ausbeuter vermutete. Sodann gibt es viele Menschen, die von ihrem Arbeitslohn keine Familie ernähren müssen, wie der klassische Arbeiter des ebenso klassischen Marxismus. Ein Langzeitarbeitsloser oder ein frisch eingetroffener Migrant ist vielleicht dankbar, wenn er eine so denunzierte Arbeit gefunden hat. Er würde, wenn er diese Auslassungen und das Parteiprogramm gelesen hätte, diese Partei auf keinen Fall wählen. Was dort als Ausbeutung denunziert wird, sieht er als Segen. Das können wir furchtbar finden, aber es rettet sein Leben. Und ganz biblisch: er lebt nicht vom Döner allein, auch von seinem Smartphone.

Der Besitzer des von uns gerne und zurecht kritisierten Schlachthofs wird mit ebensolchem Recht darauf verweisen, dass seine Art in unsere Welt einzugreifen mit einem andern Wort wesentlich besser beschrieben ist: Wohlstand. Fleischverzehr, Automobil, Urlaubsreisen und Wohneigentum haben neben ihrer tatsächlichen Existenz auch eine Metafunktion als Status- und Wohlstandssymbole. Das Insektensterben ist die direkte Antwort auf unsere Art wohlhabend zu sein. Das Ignorieren der Folgen unseres Tuns ist infantil. Der Kampf gegen Ausbeutung wäre so ziemlich die lächerlichste Antwort, die man auf die Probleme unserer Zeit geben kann, wenn es nicht eine noch lächerlichere, ebenfalls schon oft gescheiterte Antwort geben würde.

All diesen Antworten ist nicht nur der Hang zum Ewiggestrigen eigen, sondern auch die Segregation, die Unterteilung von Menschen in Qualitäten. Stattdessen zeigt sich durch die Annäherung der Lebensweisen, dass es nur die Lebensweisen waren, die sich unterschieden. Die neue Antwort auf Großschlachthof oder Schächten heißt Vegetarismus oder jedenfalls verträglicheres Zusammenleben von Menschen und Tieren**. Auf Plastik und individuelle Mobilität zu verzichten, dürfte ziemlich leicht sein. Vor allem ist es wichtig auf Parteien zu verzichten, die nur vom Gestern schwatzen, statt Ideen zu entwickeln, wie wir Wohlstand, Nachhaltigkeit und Geist miteinander verbinden können. Man sollte nicht davon ausgehen, dass die Wähler dumm sind. Allerdings sind die wenigsten Wähler auf Parteiprogramme aus. Sie gehen vielmehr nach Verlässlichkeit, Plausibilität, Gewohnheit, Rhetorik.

Gegen gute Bildung ist natürlich nichts einzuwenden.

 

 

*Bernd Stegemann, DIE ZEIT, 18. Februar 2019

**John Steinbeck, Von Mäusen und Menschen

schon bestellt?

03_Haus im Fluss

GEWISSHEIT

Nr. 340

 

Unbemerkt, weil über einen langen Zeitraum gestreckt, ging im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Gewissheit verloren. Die Gesamtwerke von Brecht und Kafka, deren Zeitgenossenschaft kaum bemerkt wird, weil sie unterschiedlichen Klassen angehören, befassen sich damit. Brecht allerdings glaubte, eine neue und ultimative Gewissheit gefunden zu haben, den Klassenkampf, der gut ausgeht. Kafka dagegen hatte keine Zeit mehr, seine Perspektive auszuarbeiten. Sein Genie ertrank im Blut seiner kaputten Lunge. Aber sie würde wohl das Ausgeliefertsein des Menschen an den Zufall, an die Willkür der Dinge, an die Relativität anstelle der Absolutheit beschreiben.

Schließlich trafen zwei Gewissheiten in den beiden großen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts aufeinander, und es zeigt sich heute, dass auch die Demokratie keine Gewissheit ist. Jedenfalls ist sie weder dichotomisch einem wie auch immer definierten Bösen gegenübergestellt, noch ist sie das von Hegel und später von Fukuyama vorausgesagte Ende der Geschichte. Daraus folgt natürlich nicht, dass ein Zurückrudern Sinn machen würde, im Gegenteil, denn was früher als Gewissheit gefeiert wurde, hat sich als falsch, unhaltbar und zutiefst ungerecht herausgestellt. Wenn wir nicht zurückrudern können, müssen wir glauben, dass vorne kein todbringender Wasserfall ist. Leben ist also Glauben, aber nicht der Glaube an Gewissheiten wie Vergebung und Wiedergeburt, sondern der Glaube daran, dass man mit sich selbst weiterleben kann und dass es einen kumulativen Sinn des Lebens gibt. Das Buch Hiob, des merkwürdigsten aller Propheten, und Goethes Faust beschreiben diesen kumulativen Sinn. Er besteht darin, dass man nicht aus dem Meer der Zweifel auftauchen muss, um weiter zu schwimmen. Er besteht darin, dass man nicht ohne Orientierung, aber ohne Garantie handelt. Dieses Handeln ist kein Aktivismus, sondern ein reflektiertes Tun, das sich immer in Frage stellt und das sich trotzdem nicht zurücknehmen muss. Wir reden nicht einem letztendlich sinnlosen und oft missbrauchten Mut das Wort, einer tödlichen Tollkühnheit, sondern eher einer Unverdrossenheit, einem Verharren auf dem Vorwärtsschreiten.

Die Formel vom ‚guten Menschen in allen Ländern‘*, die sich leider noch nicht durchgesetzt hat, wurde, als ich sie verwendete, von extrem rechter und von extrem linker Seite kritisiert. Man verwies auf die Notwendigkeit der Klassifizierung und fragte, was denn sonst, statt Rasse und Klasse, uns weiterhelfen könnte. Rassismus ist keine Klassifizierung, sondern ein Aufruf zum Mord. ‚Klasse‘ ist immer mit Hass verbunden worden. Das kann nicht richtig sein, in keiner Religion und in keiner Philosophie. Trotzdem scheint uns allen der Aberglaube eingeboren zu sein, dass besonders unsere Herkunft Zukunft verspricht. Das ist unser empirisches Schicksal, dem wir nur schwer entkommen können, dem wir aber entkommen sollten. Denn jede Erfahrung ist asymmetrisch, unscharf und oft interessengebunden. Wir können ohne wissenschaftliche Hilfe nicht unterscheiden, ob eine bestimmte Eigenschaft einem Land zugehört, einer Klasse von Wohnplätzen – zum Beispiel Megastädte oder Dörfer -, einer Religion oder Tradition, einer wissenschaftlichen Erkenntnis, dem Zeitgeist oder der Intuition. Wir berufen uns auf Vorstellungen, die Leitplanken gleichen, denn kein Fakt ist greifbar. Dennoch hat das Berufen auf vermeintliche Fakten, also die Evidenz, große Überzeugungskraft.

Dagegen wirkt nur das Erleben und das Erlebte in seiner Permanenz und Intransparenz letztlich als angehäufter Lebenssinn. Wir suchen für unser Leben ein Kreuzfahrtschiff, aber wir befinden uns in einem Kanu. Wir träumen von hellerleuchteten Sälen und Seelen und tappen meist im Dunkeln. Wir befürworten die Aufklärung, aber unser Herz ist voller Sklavensinn und Unterwürfigkeit. Für jede unserer Unmündigkeiten haben wir seitenlange Rechtfertigungen und jahrhundertealte Institutionen. Jedes Papier ist uns wichtiger als jeder Mensch. Kaum jemand wird die Freiheit ablehnen, aber kaum einer lebt sie. Freiheit erscheint zu vielen Menschen als Ideal irreal.

Andererseits muss man die Langsamkeit des einzelnen Menschen, der Gruppen und der Gesellschaften als Wirklichkeit anerkennen. Es gibt zwar jähe Wendungen, aber sie erscheinen uns als falsch und unwirklich. Alle Revolutionen haben die Ideale verbrannt, die sie gerade verkündet hatten. Alle Evolutionen scheinen den Ernst der Lage nicht verstanden zu haben. Im Gegensatz zu einer ersichtlichen Einbahnstraße oder Sackgasse können wir nicht erkennen, ob eine Tradition in das Gestern oder das Morgen führt. Mithin ist ein Leben ohne fremde Vorstellungen für uns unmöglich. Aber selbst in unserer nächsten Umgebung prallen die gegensätzlichen, sich widersprechenden Vorstellungen aufeinander. Der Papst, den wir nur aus der Fernsicht kennen, lehnt selbst in der Fastenzeit Veganismus ab, der geringste koptische Flüchtling dagegen führt uns den Verzicht in aller Vorbildlichkeit vor. Fasten erfüllt nicht sinnentleerte Gebote, sondern rettet Tiere und Menschen. Freiheit ist kein leerer Wahn, sondern voller Sinn. Allerdings ergibt sich deren Sinn nicht aus einer Ideologie, sondern aus dem Erleben: ‚there are words like liberty / that almost make me cry / if you had known what I knew / you would know why‘, schrieb Langston Hughes und konnte nicht ahnen, dass seine Worte verkehrt herum gelesen würden: er schrieb von Freiheit, nicht vom Leid.

Viele Menschen sagen, halb scherzhaft, gewiss sei nur der Tod. Aber genau das glaubt die andere Hälfte der Menschheit nicht.

 

 

 

* Das ist der schlichte Mensch in allen Ländern / In Arbeit und in Frieden liegt sein Hoffen / An Güte ist er wie das Meer unendlich / In seinem Glauben wie der Himmel offen. [Binem Heller, Poems, 1932-1939]

ERBITTERTER STAATSGLAUBE

Nr. 339

Macht ist ein Attribut des Denkens. Der Staat ist ein Instrument, kein Ziel. Trotzdem erleben wir soeben eine Wiedergeburt extremer Staatsgläubigkeit, die aber immer ihren eigenen Untergang mit einschließt. Egalitäre Gesellschaften werden von außen usurpiert, elitäre Gesellschaften zerfressen sich selbst. Daraus ist der falsche Gedanke der wehrhaften Demokratie entstanden, ein Konstrukt, das sich selber ausschließt. Wenn leben Risiko heißt, dann gilt das auch für Gesellschaften. Wer etwas beginnt, muss mit seinem Ende rechnen. Zu mehr Frieden würde also eine nicht wehrhafte Demokratie weitaus mehr beitragen.

Wenn eine ungeheure Straftat begangen wird, ein Terroranschlag zum Beispiel, dann rufen auch die weichsten, linkesten und alternativsten Politiker ganz laut, dass jetzt die ganze Härte des Rechtsstaats die Täter treffen möge. Das sagen sie aber nur, um mit den härtesten, rechtesten und gewöhnlichsten Politikern gelichzuziehen. Denn jedes Kind lernt in der Schule, dass der Rechtsstaat gerade die Abschaffung der Härte und die Einführung des Zweitechancesystems ist. Dadurch sinkt die Kriminalität. Trotzdem kann niemand, weder das friedfertige Schweden noch das streitsüchtige Pakistan, Terroranschläge ausschließen.

Vielmehr haben Terroranschläge und Staatsgläubigkeit etwas gemeinsam: sie glauben, dass sie Recht haben das Alte mit Gewalt zurückholen zu sollen. Terroristen und Staatsgläubige berufen sich ausdrückliche auf die angeblich bösartige Natur des Menschen, nur um ihre Bösartigkeit zu begründen. Einerseits wollen sie eine ahistorische, segregationistische Ordnung, andererseits berufen sie sich darauf, dass das, was sie wollen, schon immer so war. Da wir immer noch Gesellschaften von Jägern und Sammlerinnen beobachten können, sehen wir, dass es nicht schon immer so war. Wenn immer nur die stärksten überlebt hätten, würde die Menschheit nicht wachsen, sondern schrumpfen.

Einer der Denkfehler der Staatsgläubigen liegt darin anzunehmen, dass jede neue Ordnung die Fortsetzung der alten mit anderen Mitteln ist. Da die Weltordnung der letzten vierhundert Jahre immer durch Hegemone durchgesetzt wurde, sucht man sich einfach einen neuen Hegemon, um neue Angst vor der Zukunft schüren zu können. Solange wir, die Europäer, oder sie, die US-Amerikaner, die Welt beherrschten, war alles gut, aber jetzt kommt China ohne Rücksicht. Rücksichtslosigkeit ist in der Weltpolitik nicht mehr zu toppen. Vor vierhundert Jahren wurde aber auch der Westfälische Frieden geschlossen, in Münster und Osnabrück fand die erste große und erfolgreiche Friedenskonferenz statt. Der Versailler Vertrag und das Potsdamer Abkommen samt Marshall-Plan, Völkerbund und UNO sind seine Abkömmlinge. Der Versailler Vertrag von 1919 ist von den Siegern wie von den Verlierern allerdings als Mittel der Demütigung angesehen worden: altes Denken schadet immer. Dagegen ist der Marshall-Plan die verbesserte Schlussfolgerung aus diesem Fehler.

Allerdings kann man Demokratie im Gegensatz zur Autokratie nicht exportieren. An der falschen Vorstellung von einem Weltpolizisten kann man leicht einsehen, dass eine Gesellschaft nicht als erstes eine Ordnung und deren Polizei, sondern das Ideal der Freiheit braucht. Erst wenn jede Segregation geächtet ist – ganz eliminieren lässt sie sich leider wohl nicht – kann ich eine Ordnung und eine Polizei installieren, sowohl in einer begrenzten Gesellschaft als auch in der Weltgemeinschaft.

Es gibt kaum eine schönere Metapher für diese Staatsordnung als die Tafeln mit den zehn Geboten. Für die Masse der Menschen kommen die Gebote von außen. Jeweils eine Minderheit setzt sich darüber hinweg. Man darf jedoch nicht übersehen, dass im Dienste der Segregation das zentrale Tötungsverbot von Religionsgemeinschaften und Staatsgebilden außer Kraft gesetzt wurde. Daraus folgt im Umkehrschluss: keine Religionsgemeinschaft ist ‚richtig‘, keine Nation ewig oder besser und kein Staat seht über den Menschen, denen er helfen soll.

Jeder kennt die Antwort* Friedrichs II. auf den dummen Satz Ludwigs XIV. Aber da antwortete nicht ein Deutscher einem Franzosen, sondern ein Demokrat einem Autokraten. Natürlich konnte Friedrich, als Sohn eines jähzornigen Autokraten, kein lupenreiner Demokrat sein, Adenauer konnte es nicht, weil er als alter Mann erst zur Demokratie kam, Brandt konnte es nicht, weil er, wie sein Sohn sagt, von Pappnasen umgeben war, und Merkel kann es nicht, weil der Wind der Autokratie gerade eben über die europäische Steppe bläst. Niemand ist ein reiner Demokrat. Aber daraus folgt nicht, dass es keine Demokratie gibt oder geben kann. Daraus folgt nicht, dass Härte siegt oder Militär irgendeinen Nutzen außerhalb der Geldverbrennung hat. Daraus folgt nicht, dass Güte oder Barmherzigkeit Attribute der Schwäche sind. Und daraus folgt vor allem nicht, dass die Welt an den Bösen, die immer die anderen sind, untergehen wird.

Merkwürdig ist, dass die Staatsgläubigen nicht ganz ohne Demokratie auskommen können. Sie glauben sich von vornherein in der Mehrheit. Sie seien, sollen wir ihnen glauben, das Volk, das Rache üben und ebenjenen Staat für die Dauer ihrer Gewaltaktionen außer Kraft setzen kann, den sie danach wieder anbeten. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Freiheit das Skelett jeder Ordnung ist. Der freie Mensch ist das Ziel jeder Ordnung. Dagegen ist die Ordnung nie das Ziel freier Menschen. Ordnung ist ein Attribut, keine Substanz. Die Substanz ist der Mensch jeder Herkunft, jeder Religion, jeder Ansicht, überall, immer. Wir können eben nicht die ‚Feinde‘ der Demokratie ausschließen, weil wir dann den ersten Schritt in Segregation und Autoritarismus wanken, wanken, denn von aufrecht gehen kann in diese Richtung keine Rede sein.

Weil irren menschlich ist, braucht jeder von uns immer wieder eine Chance, aus dem Meer des Zweifels aufzutauchen. Das Organ des Irrtums ist der Staatssekretär, weil er etwas durchsetzen kann, was er nicht verantworten muss, weil er glaubt, es durchsetzen zu müssen, obwohl er weiß, dass er es nicht verantworten kann. Erbitterung schlägt oft in Verbitterung um, deshalb ist es besser freudig von Freiheit und Demokratie zu träumen, als sich ständig vom Untergang und von Feinden verfolgt zu sehen. Der Staat ist dafür da, die Verwerfungen zu betreuen. Noch kürzer gesagt: die Energie, die man für ein NEIN verschwendet, sollte man lieber in JA investieren, denn in der Gesellschaft passiert nichts, was wir nicht machen.

 

*Le prince était le premier serviteur de son état. F II.

L‘Etat c’est moi. L XIV.

HAUS IM FLUSS. Geschichten aus dem Jahr 1968

Eine Rezension als Gastbeitrag von Dr. Egon Jahn

Die rührende Geschichte vom Verfall eines Hauses, dessen letzte Bewohner mit Kopierstift BITTE KEINE LANGFINGER an die Tür schrieben, aus Angst um den einen schönen Schrank, diese Geschichte hat mit dem Jahr 1968 nichts zu tun. Häuser verfallen immer. Alle Häuser verfallen. Statik ist der Versuch, die Natur auszuhebeln, und die Natur kennt nicht nur den Frühling, sondern auch den Herbst. Herbst wird mit Verfall gleichgesetzt, obwohl er oft so schön ist. Das schönste Gedicht in diesem Bändchen, Nr. 39, sagt uns aber, dass wir alle unseren Herbst erst noch vor uns haben und dann, dann erst wird Winter sein. Im tatsächlichen Winter des Jahres 1968 (Nr. 12) mussten die Soldaten der kleinen Garnison das Städtchen freischaufeln, aber der Autor lässt einen Soldaten rote Phrasen erbrechen und die anderen den Schnee gelb färben. Ganz offensichtlich litt die idyllisch-leere Landschaft unter den Soldaten, die wenige Jahre nach dem letzten Krieg kamen und mit ihren Panzerstraßen (Nr. 11) und Truppenübungsplätzen die Idylle entweihten. Aber die Bewohner bekamen Arbeit und Strom und verdrängten alle negativen Erscheinungen, auch noch nach 1990. 1968 hatte nicht nur einen bitterkalten Winter, sondern auch einen harten Sommer. Der Bundespräsident wurde in Westberlin gewählt, weshalb der Warschauer Pakt ausgedehnte Manöver rund um die geschundene Stadt veranstaltete. Westeuropa war erschüttert von den Studentenunruhen, besonders in Paris, Frankfurt/Main und wieder Westberlin. Und schließlich marschierten die Armeen des Ostblocks in Prag ein, um das demokratische Experiment der tschechischen Kommunisten zu beenden. Und kurz davor ermordete ein Soldat hier in dieser, durch die Fotos des kleinen Büchleins skizzierten Landschaft, in einem Haus direkt an dem kleinen Fluss, eine Frau, die er vorher vergewaltigt hatte, und ihr Kind, das Zeuge des Verbrechens geworden war. Das andere Kind entkam, aber kam nie in seinem Leben wieder auf die Beine, genauso wenig wie sein Vater die Tragödie verarbeiten oder verkraften konnte. Solche Ereignisse wurden in der DDR unter den Teppich gekehrt und die SED-Kreisleitung Ueckermünde wird froh gewesen sein, dass die Bevölkerung wenige Tage später geglaubt hat, an einem Krieg vorbeigeschlittert zu sein. Und der Soldat war auch kein gewöhnlicher Soldat, sondern er hatte sich während seines Grundwehrdienstes zu weiteren fünfundzwanzig Jahren verpflichtet, was ihm den Hohn und Spott der übrigen vielleicht zweitausend Soldaten dieses Kasernenkomplexes eintrug. Vielleicht hat er sich auch nur verpflichtet, um Zugang zu der Waffe zu erhalten, mit der er seine abscheuliche Untat beging? Vielleicht kam ihm die Idee, als er aus den offenen Fenstern heraus bepfiffen und verlacht wurde? Er stolzierte mit seiner nagelneuen Uniform und dem dazu unpassenden niedrigen Dienstgrad jeden Nachmittag über das Oval des Appellplatzes (Nr. 28).

Die Stieleichen, die auch Caspar David Friedrichs Lieblingsmotiv waren – sein Bruder hat in der Gegend des Büchleins Kirchen ausgemalt – stehen zweihundert oder dreihundert Jahre, gerne auch länger. Sie zeigen, dass in all der Vergänglichkeit Ungerechtigkeit herrscht: die Waldameisen über Tage, die Waldarbeiter unten auf dem kleinen Friedhof (Nr. 8), die Frau und das Kind vorzeitig tot, und zu allem Unglück, auf so einem winzigen Stück Erde, später noch einmal ein Unfall während eine kleinen Musikfestivals, die Krüppelkiefern zerbrochen, aber die Stieleichen stehen.

Die Landschaft heißt hier fast modern: Kuhlmorgen, gemeint ist wohl das Feuchtgebiet, das in einer Schleife der Uecker liegt, danach geht der Fluss fast gerade in die kleine Garnisonsstadt. Über dieser Landschaft liegt ein Nebel der Verlassenheit. Der Autor zeigt mit seinen oft tagebuchartigen Texten, dass eben nichts verlassen ist, weder das Verfallende, noch das immer wieder Auferstehende. Es gibt den Specht mit seiner Percussion. Es gibt den jedes Jahr neu den Kranich und den Graureiher (‚in Gegenwart und Gegenlicht‘), Nr.40), übrigens als eines der besten Fotos. Daneben ragt die Schraubzwinge, der jeder Zwang genommen wurde, zerbröselnd in den Raum. Die Sprache und die sprachlichen Bilder sind von spröde-alltäglich bis hin zur Trauer und Hymne alles auslotend, was in solch einen kleinen Raum passt. Es lohnt sich – landschaftlich – nicht, dorthin einen Tagesausflug zu machen. Aber man kann in diesen Texten und Fotos gut erkennen, dass in jeder noch so unscheinbaren Ecke des Kulturlandes Geschichten, oft leider auch als Blutspur, eingegraben sind. Trotzdem strahlt letztlich ein schlichter Optimismus durch die Zeilen: ‚es wandern durch die Wälder / du und das fließende Haus‘ (Nr. 39).

Rochus Stordeur,   HAUS IM FLUSS. Ein Requiem, GRILLE VERLAG Nechlin 2018, 8,50 €

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