I AM A WOMAN

 

Nr. 297

Ein Schulaufsatz gegen den Feminismus

Wir standen in Brüssel in dem kleinen, aber sehr schönen Museum* für politische Plakate vor demselben Poster: Kevin Jones** war begeistert, ich war maßlos enttäuscht. Denn da stand: I AM A MAN. Ich weiß natürlich, dass das heißt ICH BIN EIN MENSCH. Aber ich frage mich, ob das heute noch richtig ist. Ich frage mich, ob sich nicht alle Emanzipationsbewegungen gegenseitig durchkreuzen und dann auslöschen. Am besten wird das deutlich in einem so schönen, so grausamen Satz WOMAN IS THE NIGGER OF THE WORLD. Jeder weiß, dass Yoko Ono den Satz 1968 in einem Interview gesagt hat, John Lennon hat daraus einen Song gemacht, aber übriggeblieben ist eben dieser Satz. John Lennon wurde zum Feministen, vielleicht zum ersten, und dann wurde er erschossen. Aber wer bleibt übrig, wenn man diesen Satz zuende denkt: irgendein blöder alter weißer Mann. Ich will den Satz und schon gar nicht John Lennon diskreditieren. Ohne sie gäbe es die weiteren Überlegungen nicht, und ein anderer Satz von John Lennon steht bei mir gleich neben den Yesus-Sätzen: ALL YOU NEED IS LOVE. Ich will vielmehr sagen, dass fünfzig Jahre nach dem Satz klar ist, dass ihn jemand geschrieben hat, der keine Frau und kein Afrikaner war. Frauen waren noch nie eine Minderheit, Menschen mit außereuropäischer Hautfarbe auch nicht. Also sind sie zu etwas Minderwertigem gemacht worden, weil die das taten, jemanden unter sich brauchten. Man konstruiert eine Hierarchie, indem man sich jemanden unterstellt. Man fühlt sich als Vorgesetzter. Und weil ich am rechten Rand die Hunde bellen höre, sage ich gleich dazu: auch Wölfe leben in Familienverbänden. Die Beobachtung mit den Alphatieren war falsch und ist von gestern. Den Sturz zweier vermeintlicher Alphatiere kann man auch gerade aktuell beobachten: Merkel und Seehofer beschädigen sich selbst, die Demokratie, Deutschland, dem sie ewige Treue geschworen haben, Europa und die Würde des Menschen. Und dann sieht man: es waren gar keine Alphatiere. Es gibt keine Hierarchie, außer in der Notfallaufnahmeim Krankenhaus und in der Bundeswehr, aber die gibt es auch nicht mehr lange.

Der Satz von Yoko Ono und John Lennon soll auf einen Vorgänger von James Connolly zurückgehen. Das ist ein irischer Intellektueller, der mit elf Jahren die Schule verließ und mit vierzehn Jahren in die verhasste britische Armee eintrat, denn eigentlich wollte er Irland emanzipieren. Jetzt sieht man wieder meine These bestätigt, dass sich die Emanzipationsbewegungen gegenseitig auslöschen: Nordirland tritt gezwungenerweise aus der EU und das emanzipierte Irland weigert sich – und das ist selten geworden – einen Zaun zu bauen. Selbst Dänemark baut jetzt einen Zaun, wenn auch nur gegen infizierte Wildschweine. Ich dagegen erinnere an einen weiteren großen Satz TEAR DOWN THIS WALL. Connolly schrieb, und darauf bezogen sich Lennon und Ono, dass der weibliche Arbeiter der Sklave des Sklaven sei.  Seneca, das ist der geistige Onkel von Yesus, berichtet von einem Sklaven, der als Gladiator sterben sollte. Er rammte sich, statt sich in der Arena zum Gespött blöder alter weißer Männer zu machen, die Fäkalienstange in den Rachen, so dass er selbstbestimmt starb. Seneca, der selbst Sklaven besaß, wie auch Jefferson, der Humboldt kannte, der ein Sklavereigegner war wie Rousseau, hat den Grund gelegt für Rousseaus Befreiungstheorie: es gibt keine Sklaven. Sklave ist man – so weh dieser Gedanke auch tut – immer freiwillig. Man tauscht seine Freiheit gegen die Versorgung. Was man nicht tauschen kann ist die Freiheit gegen das Leben, denn da Leben hat man schon von seinen Eltern und von der Natur oder von Gott. Der Mensch, schreibt Rousseau, und jeder Schüler träumt von solch einem schönen ersten Satz, ist frei geboren, doch liegt er überall in Ketten. Und ein Teil dieser Ketten, behaupte ich, sind die Etiketten. Wir kleben uns eine Marke auf, halten uns für besser und glauben an die Hierarchie des Guten: du bist gut, ich bin besser. Der Streit zwischen Mann und Frau ist genauso albern wie der zwischen weiß und schwarz – Kevin, ich verspreche, ich sage niemals, niemals mehr Schwarzer zu dir, denn ich brauche keinen. Das schlimme für uns Menschen ist nur, dass sich auch so große Institutionen wie die Religionsgemeinschaften am Wettlauf um die so genannte Wahrheit beteiligt haben und weiter beteiligen. Die anderen werden als Heiden, Ungläubige, Rebellen oder Verlierer getötet, obwohl das Gebot aller Religionen lautet, dass du und ich nicht töten sollen. Gut, wir beide werden es auch nie tun, aber wie kann man das Tötungsverbot im Namen dessen aufheben, der es angeblich erlassen hat? Ich vielmehr glaube, dass es ein Gebot der Natur, die das Leben und den Tod hervorgebracht hat, ist. Am linken Rand murren jetzt die Maulesel: werdet endlich Vegetarier. James Connolly wurde übrigens an einen Stuhl gebunden hingerichtet, weil er aufgrund seiner Verletzungen nicht mehr stehen konnte, Jesse Washington***, der Name ist Programm, wurde aufgehängt und angezündet, und weil er sich, schon brennend den Strick abreißen wollte, wurden ihm die Hände abgehackt. So sieht es aus, wenn Rechthaber zeigen wollen, dass sie rechthaben. Die beiden waren übrigens unschuldig, aber wer darf Schuldige so behandeln?

Wir Frauen sollten nicht auf einer Quote bestehen. Wer gut ist, wird sich durchsetzen. Macht muss man nicht lernen, wenn man nicht verlieren will.  Wir Frauen sollten nicht auf der stets besonderen Nennung bestehen. Was gibt es für einen besseren Titel als Mensch? Auch die nachträgliche Korrektur historischer Irrtümer bringt uns keinen Schritt voran. Schiller schrieb – aus heutiger Sicht fälschlich -, dass alle Menschen Brüder werden sollten, er, der mit zwei Schwestern einvernehmlich lebte. Ich glaube sonst nicht an die Realisierbarkeit von Dreiecksverhältnissen, aber Schiller hat sein Dreieck gelebt. Und ausgerechnet ihm soll man einen der besten Sätze korrigieren? In der Bibel steht, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind, aber bei Schiller ist es eine fortwährende Aufgabe. Wir werden nur dann Schwestern und Brüder, wenn wir dieses ständige disliken vermeiden, wenn wir über unsere Schatten der Hässlichkeit zu springen lernen. Diese Hässlichkeit kommt vom Hass, und jene Lieblichkeit kommt nur von der Liebe. Jetzt schreibe ich einmal wie Yesus oder wie seine Schwester: reicht euch die Hände und reißt eure Etiketten ab. Reißt die Zäune nieder, tear down this wall of hate. Wer von Zäunen träumt, wird beschränkt sein bis ans Ende seiner Tage.

 

*MiMO, Quai de Hainaut, Bruxelles

**fiktiver Schüler des vorigen (Nr.296) Aufsatzes

***erstes Waco-Massaker 15. Mai 1916

 

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I AM A MAN

Nr. 296

Ein Schulaufsatz

Ich hasse Museen, aber es gibt schlimmeres als Brüssel. An Amsterdam oder Prag oder Lloret de Mar kommt Brüssel nicht heran. Mich hat schon gewundert, dass es nicht die reiche Protzhauptstadt Europas ist. Das hatte ich erwartet. Unser Hotel stand in einem Stadtteil, den man mit Neukölln vergleichen kann, Molenbeek, der kam schon in den Nachrichten. Aber, im Gegensatz zu den Nachrichten bin ich sicher: da wohnen ganz normale Leute, ordentlich angezogene Menschen, die morgens ihre Kinder zur Schule bringen.

Wir haben das ganz gewöhnliche Touristenprogramm gemacht: du kannst fahren, wohin du willst, einen Superlativ gibt es überall. Das will ich nicht erzählen. Aber in einem Museum, ich hasse Museen, war ein Bild von einer Tür. Nur dass die Leute nicht die Tür geöffnet haben, sondern sie haben sie ausgesägt oder die Tür hat sich selber ausgesägt, genau in der Form ihres Körpers. Wenn du immer wieder das gleiche machst, gewöhnt sich die Umwelt daran, Trampelpfade entstehen, Datenspuren, verletzte Menschen, all das hinterlässt du auf deinem Lebensweg. Aber ich dachte, als ich das Bild sah: warum machen wir nicht einfach die Tür auf, die uns geschlossen erscheint. Ich weiß: einfach! Einfach ist nichts. Wenn jemand dir eine einfache Lösung verspricht, ist er entweder ein Genie oder ein Populist. Populist hieß früher im alten Griechenland Demagoge. Da hast du die beiden Seiten: erst schaut er dem Volks aufs Mauls, dann versucht er, es zu verführen. Das geht immer gegen die eigenen Interessen, denn wenn du die anderen ignorierst, schadest du dir selbst, andersherum gesagt: nur wenn du anderen hilfst, hilfst du dir immer selbst, weil sich das Gesamtsystem verbessert und wir zum Schluss alle besser dastehen.

Ich habe vorher auch gedacht, dass die EU wie ein Krake ist, die ihre langen Saugrüssel in alle Systeme, Länder und Städte steckt. Aber jetzt denke ich, dass sie mehr wie ein altes Haus ist, in dem die Menschen die Türen öffnen, neugierig sind, sich gegenseitig helfen. Aber dabei passieren eben Fehler. Jeder kennt die Geschichte mit der Gurke. Aber keiner denkt darüber nach, dass er kein Geld mehr umtauschen muss und dass er überall mit gleich wenig Geld telefonieren kann. Das muss den Konzernen richtig weh tun, wenn sie uns an jeder Grenze mitteilen müssen, dass es im nächsten Land nicht mehr kostet als im vorigen oder dass rauchen schädlich ist. Der Glaube an die Konzerne ist wie jeder Glaube ein Aberglaube. Damit will ich nicht sagen, dass man nichts glauben soll, sondern dass man nicht glauben soll, dass es einen richtigen Glauben gibt. Natürlich haben die Konzerne Macht, aber sie verschwindet auch wieder, wie jede Macht. Macht ist vergänglich, nur das macht sie erträglich, das ist doch tröstlich, oder?

In Brüssel können sie alle zwei Sprachen, aber meistens auch noch Englisch oder Deutsch. Das hat mich darauf gebracht, und wieder wartete in einem Museum – ich hasse Museen – die Bestätigung, dass wir nicht der sind, von dem wir glauben, dass wir es sind, und schon gar nicht der, von dem, die anderen glauben, dass wir es sind. Natürlich kann jeder BITTE und DANKE in verschiedenen Sprachen sagen. Aber sage einmal auf englisch: DAS HAT MICH DARAUF GEBRACHT, DASS WIR NICHT DER SIND, VON DEM WIR GLAUBEN, DASS WIR ES SIND, UND SCHON GAR NICHT DER, VON DEM DIE ANDEREN GLAUBEN, DASS WIR ES SIND. In uns steckt also nicht nur eine guter Kern oder des Pudels Kern, wie es in einem alten Buch heißt, das leider in der Schule nicht mehr gelesen wird – God be thanked for books, they are the voices of the distant an the dead  – sondern auch ein anderer. In jedem Mann steckte eine Frau. In jeder Frau steckt aber auch ein Mann, und zwar in jeder Beziehung, in jedem Schwarzen steckt ein Weißer, in jedem Weißen ein Schwarzer, mindestens aber der, den er braucht, um sich besser zu fühlen. Natürlich ist nicht jeder Mensch böse, ich behaupte sogar, dass kein Mensch böse ist, weil das Böse einfach die Summe aller falschen Entscheidungen ist. EINFACH. Aber wir tragen eben auch die Summen all des Unsinns mit uns umher, den Schatten des Sinns, die Ahnung des Guten, die Hoffnung auf die Zukunft. Man kann es auch an den Nomaden erklären. Die werden verachtet. Immer wenn einer dazukommt, sagen die anderen: hat er kein Haus? Das betrifft nicht nur die Fremden. Auch als 1945 die Deutschen auf der Flucht waren – es ist schwer vorstellbar und wenn es nicht so traurig wäre, müsste man sogar ein bisschen lachen – wurden sie von den anderen Deutschen nicht mit offenen Armen empfangen, sondern als Zigeuner beschimpft. Wenn man also Zigeuner sagt, meint man gar nicht die Sinti und Roma, die betteln oder Musik machen, sondern man meint den Nomaden in sich, den man bekämpft, weil man das Haus, den Wohlstand, das Establishment als Ideal empfindet. Wenn jemand das Wandern – nicht das Wandern durch den Main-Taunus-Kreis – als Ideal empfindet, wird er abgelehnt. Selbst der Song DAS WANDERN IST DES MÜLLERS LUST singt davon. Der Müller ist immer der andere. Wir müssen gar nicht selbst die Ablehnung empfinden, es reicht, wenn wir in der Erziehung gut aufgepasst haben. Da kommen die Vorurteile her. Andererseits gibt es ohne Vorurteile keine Urteile, die wiederum das Fundament der Erstarrung als Vorurteil, Orthodoxie, Rassismus und so weiter sind. Wenn du eine Sache hundertneunundsechzigmillionen Mal vergrößerst, erstarrt sie. Orthodoxie sollte man umtaufen in Orthotoxie, denn unbezweifelbar wirkt jemand, der sich für richtig hält, wie Gift.

Wenn es keine Rassen gibt, kann es auch keinen Rassismus geben. Aber wie bringen wir das dem Rest der Welt bei, denen, die nicht in Brüssel oder Berlin wohnen?  Wenn man – nach wie vor – von ‚Vernichtung der Juden‘ spricht, meint man dann, dass einen Juden umzubringen etwas anderes ist, als einen Menschen zu ermorden? Ja, man meint es, ohne es vielleicht zu wollen. Die Verbrechen sind so abscheulich, dass wir vor Schreck die Sprache der Täter übernehmen, statt uns in die Opfer hineinzufühlen. Die Opfer waren Menschen, einfach Mitmenschen, nicht Indianer, Neger, Schwarze, Juden, Armenier, Zigeuner. Wenn wir uns angewöhnen würden, ‚Menschen‘ zu  denken und auch zu sagen, dann müssten wir nicht ständig aufpassen, dass wir das richtige Wort verwenden. Ist Zigeuner korrekt oder ist er ein Sinto oder ein Rom? Er ist ein Mensch. Es ist niemandem erlaubt, einen Mitmenschen zu töten, egal was der von sich denkt oder ich von ihm. Warum muss ich die Getöteten nachträglich noch mit einem Etikett versehen? Warum heißt es immer von einem Täter – auch wenn er Polizist ist: er tötete unschuldige Menschen? Darf man denn schuldige Menschen töten?

Man fährt in eine andere Stadt und kommt mit vielen Fragen zurück. In dem letzten Museum – ich hasse Museen – waren politische Plakate. Unseren Lehrern fiel bei jedem Plakat ein Stück ihrer Vergangenheit ein. Mir gefiel am besten das Plakat I AM A MAN.  

IF YOU CALL ME A NEGRO YOU NEED ONE.

 

Die Zitate sind von Martin Luther King und James Baldwin.

SCHERBEN BRINGEN GLÜCK

 

Nr. 295

Die Inflation der Dinge erst lässt uns mit der Trauer hadern. Wir wollen und müssen über Verluste nicht mehr traurig sein. Jedes Ding ist ersetzbar, wenngleich manches nur mit Ratenzahlung. Auch die Bindung an Tiere und Menschen lässt mit wachsenden Möglichkeiten nach. Der Tod bleibt der Tod, aber auch er lässt meistens auf sich warten. In den Pflegeheimen dämmern Menschen vor sich hin. Pflege ist von einer barmherzigen Handlung zu einer abrechenbaren Leistung geworden. Der Vorteil der Abrechenbarkeit ist deren Einklagbarkeit. Was sich wirtschaftlich durch Verträge definiert, ist auch immer ein Rechtsgegenstand.

Aber woher wissen wir, wie die Barmherzigkeit organisiert war? Wenn wir die verschiedenen Franziskanerorden als jahrhundertelange Träger der Barmherzigkeit ansehen, dann lebten die Mitglieder dieser Orden zwar in relativer Armut, aber sie erwirtschafteten sehr wohl einen Gewinn aus der Barmherzigkeit,  der sich heute noch in ihren großen erhaltenen Bauten zeigt. Es scheint auch, dass das berühmte Gleichnis vom barmherzigen Samariter – heute würde man wahrscheinlich eher Samaritaner sagen – nicht einen allgemeinen Mangel an Barmherzigkeit, sondern eine Überbürokratisierung derselben kritisieren soll.  Denn alle die Menschen, die an dem verletzten und ausgeraubten Kaufmann vorbeigingen, wären auch nach damaliger Vorstellung zu Hilfeleistung verpflichtet gewesen. Die Inflation an Bedarf führt vielleicht immer zu einer Kommerzialisierung der Hilfeleistung. Daraus folgt ein Mangel an Trauer. Dieser wiederum wird durch anonyme Bestattungen aufgefangen: Wo es keinen Ort der Trauer gibt, muss man auch nicht trauern.

Die Dinge dagegen sind in unserem Teil der Welt schon seit über hundert Jahren im Überfluss vorhanden. Davor wurde jedes einzelne verlorene oder zerstörte Teil betrauert. Wir haben schon einmal das Märchen der Brüder Grimm zitiert, das von einem Großvater erzählt, dem die irdene Schüssel und der Platz am Tisch vorenthalten wurden, weil er solch einen Tremor hatte, dass er nach Meinung seiner hartherzigen Kinder einen Pflegeplatz erhalten musste. Erst der Enkel entdeckt die Illoyalität, die sich hinter dieser Bestrafung des Alt- und Schwachwerdens verbirgt. Zu bedauern wäre eine Gesellschaft, der die Enkel ausgehen. Beinahe könnte man an eine Fügung des Himmels denken, als in Paris vor ein paar Tagen ein kleiner verlassener Junge an einer Balkonbrüstung hing, weil er einen Weg in die Freiheit suchte, und von einem illegalen Einwanderer, Mamoudou Gassama aus Mali, in einem wahrhaft heroischen, athletischen und akrobatischen Akt der Barmherzigkeit in letzter Sekunde gerettet wurde. Es muss nur der richtige Enkel zu Stelle sein, wenn erstarrte Gesellschaften versagen.

Nicht überall auf der Welt ist die Verachtung der Dinge aus ihrer inflationären Unmenge so groß wie bei uns. In vielen Megastädten gibt es Slums auf den Müllhalden. Dort wird Müll in mühsamer und ekliger Handarbeit recycelt. Lima, Lagos und Lahore sind Beispiele, in denen Millionen Menschen mehr vegetieren als leben. Die Welt ist aber nicht aus den Fugen, sondern sie kann nicht in den Fugen, nicht im Gleichgeweicht sein. Die Summe aller Ungleichgewichte kann kein Gleichgewicht werden. Harmonie, das ideale Gleichgewicht, ist neben dem Wunder das einzige, das keine Inflation hat. Das Streben nach immer mehr Dingen und  Glücksgefühlen erzeugt ein immer tieferes Unbehagen.

Zum Beispiel fühlen sich in einer immer sicherer werdenden Welt so viele Menschen verunsichert. Der Diebstahl eines Apfels oder eines Fahrrades war vor 150 oder 100 Jahren eine Katastrophe. Äpfel werden heute aus Neuseeland importiert, das Fahrrad erlebt eine Renaissance ungeahnten Ausmaßes, es ist praktisch allgegenwärtig. Die Verbrechen nehmen ab, aber die Angst nimmt zu. Der Wohlstand nimmt zu, aber mit ihm auch die Unzufriedenheit. Der Neid war, wie sich jetzt zeigt, nicht an die Armut gekoppelt.  Wieder so eine Umkehrung der Tatsachen ist es aber zu glauben, dass die Solidarität mit der Armut gepaart und demzufolge früher größer war. Die Solidarität ist heute in Wohlfahrtsstaaten organisiert, deshalb heißen sie so und wir geben – gern? – vierzig und mehr Prozent  unserer Einkommen an die Gemeinschaft ab. Sowohl der Appell als auch die Gabe ist institutionalisiert. Nur sind die Institutionen heute andere als damals, als die Franziskaner für die Barmherzigkeit bettelten und große, schöne Kirchen bauten.

Scherben bringen natürlich kein Glück, und Glück bricht auch nicht so leicht wie Glas.  Eher bringen Scherben Unglück, wenn man barfuß in sie tritt. Mit solchen Sprüchen trösteten sich vielmehr unsere Vorfahren, wenn ihnen Unglück widerfuhr. Sie sahen in dem Unglück des Verlustes den Boten des künftigen Glücks. Auch damals wussten die Menschen schon von der Sinusförmigkeit des Lebens, vielleicht sogar aller Prozesse, aller Bewegung. Denn auch das Wasser sucht sich seinen Weg nicht geradlinig. sondern in Kaskaden und Mäandern, benannt nach dem ersten Fluss, der so beschrieben wurde: der altgriechische Mäandros, türkisch Menderes, in Kleinasien. In der Türkei ist es zudem ein äußerst sinnträchtiger Personenname. In dieser Sinuosität den Sinn des Lebens zu entdecken, ist schwer. Vielmehr kann man die umgekehrte Wahrnehmung daran erklären: statt unten im Tal froh zu sein, dass es bald aufwärts geht, jammern wir gern, dass und wie weit wir unten sind. Statt oben ängstlich die Talfahrt zu erwarten, triumphieren wir blind auf dem Gipfel, der eben nicht nur der Gipfel des Glücks, sondern der Ausblick in das Tal ist. Die barocke Sprache mit ihrem Jammertal und himmlischen Freudenstrahl traf das schon nicht schlecht. Man muss trotzdem lernen, mit Verlust zu leben, aber den Verlust auch als Verlust zu empfinden und nicht aus der Inflationsmasse immer wieder neu zu substituieren. Ein Substitut, ein Ersatz, kann helfen, aber eigentlich auch nur hinwegtäuschen. Denn das ursprüngliche Ding, das ursprüngliche Tier, der ursprüngliche Mensch hatte eine Geschichte (history und story), die mit ihm verschwindet, wenn wir sie nicht in Fiktion verwandeln und weitererzählen. Der einzige Trost ist die Trauer.

WIR SCHAFFEN DAS NICHT

 

Nr. 294

Merkwürdigerweise kollidieren Gruppenzugehörigkeit und Sendungsbewusstsein nicht miteinander.  Jeder, der eine Gruppe gefunden hat, wird ihr Sprecher und fühlt sich berufen, die Unwissenden aufzuklären. Es stört die Gruppenmitglieder nicht, dass es schon unzählige Sprecher gibt. Jede Gruppe muss dennoch notwendigerweise von der Realität abweichen, kein Spiegel, über die Wirklichkeit gelegt, ist mit dieser deckungsgleich. Man kann noch so viele Kleists und Hegels zitieren, Gruppenmitglieder lassen sich nicht von der Richtigkeit und Einzigartigkeit ihrer Mission abbringen. Alle anderen Menschen werden in der anderen, falschen Gruppe der Unwissenden verunglimpft, es sei denn, sie lassen sich überzeugen.

Aber das erklärt noch nicht, warum lieber Katastrophen vorausgesagt werden als Idyllen oder Paradiese. Den steinigen Weg allein gegangen zu sein, erscheint uns heroischer als an Mutters Hand die asphaltierte Lüge zu erleiden. Wer will nicht gerne Held sein? Je mehr Menschen es gibt, desto mehr teilen die von Andy Warhol vorausgesagte Sucht nach dem Fünfzehn-Minuten-Ruhm. Nicht jeder kann selber Hitler sein, so erschien und erscheint es vielen wünschenswert, wenigstens eine zeitlang das gleiche gesagt zu haben. Hitlers, übrigens durchweg epigonale Prognosen waren nicht nur alle falsch, sondern auch zerstörerisch. Immer wieder werden Bomben entschärft, die einst gegen Hitler und seine vorausgesagten Katastrophen deponiert wurden. ‚Die Toleranz baut die Tempel wieder auf, die der Fanatismus zerstörte‘ steht in der Hauptstadt der Toleranz in eine Tordurchfahrt gesprüht. Die Konsequenz der Miesmacherei dagegen ist das Miese.

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Ganz nah verwandt mit dem Heldentum ist die Wichtigtuerei. Deshalb wird das wirklich wichtige lächerlich gemacht. Menschen, die das Gute und die Liebe voraussagen, werden als Naive und Träumer hingestellt. Kein Realist kann mehr sehen als die Realität auf seinem Teller oder in seinem Kleingarten. Noch jeder Entdecker muss ein Ikarus sein und das Scheitern einkalkulieren. Realisten, die tatsächlich glauben, dass man ohne zu scheitern gewinnen kann, können nur kopieren und konsumieren. Das aber ist der Inhalt der Langeweile, nicht der Innovation. Zwar spricht für die Diktatur, die die Regierungsform der Realisten ist, die Schnelligkeit der Entscheidungen. Aber gegen die Diktatur brüllt der Mangel an Richtigkeit, wie man an den Kreuzen in Verdun und den Ruinen in Berlin sehen kann. Wäre Rosa Parks Realistin gewesen, würde sie heute noch im Bus auf den Plätzen für die Abgesonderten sitzen und Obama wäre nicht Präsident und Michael Curry nicht Prediger auf der königlichen Hochzeit gewesen. Die Einteilung der Menschen in qualitativ unterschiedliche Gruppen ist wirklich die Voraussetzung für Katastrophen und Untergang.

Wer bestimmt weiß, dass die Welt bald untergehen wird, kann mit seinem Wissen drohen. Wir dagegen wissen, dass wirkliches Wissen zum Drohen nicht geeignet ist. Wen bedroht die Evolutionstheorie? Ein Denksystem, das auf Strafe und Belohnung beruht, vielleicht sogar weil es glaubt, dass die Welt hierarchisch funktioniert, kann nicht anders als auch zu glauben, dass die Drohung mit der Strafe die Menschen letztlich zu allem bringt. Zeitweilige Erfolge, wie der zweite Weltkrieg, geben ihnen recht. Aber jedes Kind weiß, dass und wie man den Drohungen entkommt: durch Mut. Wer hundertmal feige war, und wer war das nicht, wird beim mutigen hundertersten Mal belohnt. Trotzdem sind Drohungen leider wirkungsvoll. Drohungen sind kein Nullsummenspiel. Ihre Opfer säumen die Irrwege wie die Verkehrstoten die Landstraßen.

Apokalypse ist zudem die Projektion der eigenen Auflösung. Wir können uns nicht wirklich wundern, dass es Apokalypsen seit dem Beginn des Denkens gibt. Denn der Mensch erfährt sich als ein äußerst fragiles Wesen. Er ist von Tod und Auflösung umgeben. Der Humus ist gleichzeitig  Ende und Quelle des Lebens, so wie die Liebe gleichzeitig Sehnsucht nach Bindung und Ausschluss der Bindung ist. So gesehen ist die Voraussage des Untergangs des eigenen System oder sogar der Welt immer richtig. Jede Apokalypse hat recht. Der Streit geht um die Zeit.

Natürlich gibt es wirkliche Angst und wirklich Angst. Als wir Kinder waren, wimmelte die Welt von giftigen Insekten und Spinnen, die dann im Lichte der Aufklärung als selbst gefährdete Wesen erschienen, nicht als Gefährdung. Natürlich kann Einwanderung wirklich Angst machen: das war bei den Juden so, bei den Franzosen, bei den Polen, bei den Italienern, den Türken, den heutigen Flüchtlingen. Aber nach einer gewissen verständlichen Angst muss sich doch auch wieder der Verstand melden und  der Blick auf die Geschichte: erstens haben wir jede Einwanderung überlebt und zweitens wer ist wir? Niemand und nichts ist auch nur mit sich selbst identisch, gerade auch, weil alles vergeht und Angst und Mut uns verändern.

Ein von mir sehr geschätzter Kolumnist, Harald Martenstein, ist soeben unter Anführung aller möglichen Gründe auf die Seite der Angst übergetreten, obwohl er, wie er sagt, ein liberaler Mensch ist. Er möchte nicht, dass sein kleiner Sohn einst unter einer intoleranten, gegen die Freiheit gerichteten Herrschaft der Islamisten leben soll. Das will sicher niemand, aber wir können es nicht ausschließen. Aber Martenstein wohnt, wie ich, in der Uckermark. Bei allen Nachteilen, die wir hier hinnehmen müssen, haben wir doch einen großen Vorteil: sollten die Islamisten in Europa die Macht übernehmen, so haben wir hier in der Uckermark noch fünfzig Jahre Freiheit. Die Freiheit vom Lärm und Aktionismus haben wir jetzt schon. Und: sollte Martensteins kleiner Sohn, der so wunderbar frei in der Uckermark aufwächst, tatsächlich eines Tages von Islamisten beherrscht werden, so müsste er mindestens fünfhundert Jahre alt werden. So lange brauchen große Reiche, um unterzugehen. Im Gegensatz zu Hitler und Höcke können wir keine tausend Jahre voraussagen. Mensch, Martenstein, sprechen sie in deinem Dorf französisch?

ASYL ZEIGT DEN GLAUBEN AN BARMHERZIGKEIT

 

MENSCH, DEIN SPIEGEL IST BLIND II

 

Nr. 293

Zu den großen Gruppen, die wir immer für gut halten, lassen wir uns gerne zählen. Männer sind meist mit Stolz Mann, Frauen mit Freude Frau, jede Nation hält sich selbst für groß und einmalig, so wie jeder Mensch von sich glauben muss, dass er richtig ist. Aber von diesen beiden großen Gruppen abgesehen, Geschlecht und Nation, lassen wir uns nicht gerne von außen in Gruppen einteilen, wiewohl wir uns immer als Mitglied von Gruppen fühlen.

Nation, Rasse und Hierarchie sind eindeutig Konstrukte historischer Situationen und man könnte sagen des jeweiligen Zeitgeistes, wenn nicht Zeitgeist schon wieder von seinen Gegnern als Pejorativ empfunden würde. Dabei ist Zeitgeist nichts weiter als die Summe aller Interpretationen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zeigte Ernest Renan in seinem berühmten Vortrag, dass es zu diesem Zeitpunkt ganz verschiedene Qualitäten des Zusammenlebens gab, die sich alle, nach dem Zeitgeist, Nation nannten: Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich als diffuse Gebilde, Frankreich und Schweden als relativ homogene Gebietsvölker, Deutschland und Italien dagegen als späte Patchwork-Teppiche. Der Begriff der Rasse, bis dahin nur für Pferde üblich, wurde durch den Sklavenhandel und die Kolonialreiche notwendig. Wie hätte man sonst erklären sollen, dass ein Christ, laut der Bibel alles Kinder Gottes, dient und geschlagen wird, der andere bedient wird und aber schlägt, der Fleißige dem Faulen sogar die Hand oder den Kopf abschlagen darf? Hierarchie dagegen ist Sozialdarwinismus, bevor es Darwin gab. Viele Fundamentalisten glauben, dass Darwin mit seiner Evolutionstheorie die Schöpfungsgeschichte angreifen wollte. Vielmehr entdeckte er das multiple Ineinandergreifen verschiedener Lebewesen in einem abgegrenzt vorgestellten Raum, den wir heute Biotop nennen. Erst aus diesem Zusammenwirken ergibt sich die zeitliche Veränderung, die Historizität, die Evolution, das Aussterben von Arten und schließlich auch die Migration. Wer Darwin gelesen hat, weiß, dass er kein Ideologe war wie so viele seiner Gegner, sondern ein Beobachter und Wissender der Sonderklasse.

Aber ist Geschlecht auch ein Konstrukt? Simone de Beauvoir, die Gattin Jean Paul Sartres, hat es früh behauptet. Je mehr Männer sich in Frauen wandeln, Frauen in Männer, und es ein drittes, anderes Geschlecht gibt, als das früher schon die Homosexuellen angesehen wurden, desto mehr werden wir Simone de Beauvoir glauben müssen. Unnötig zu betonen, dass es diese Mitmenschen schon immer gegeben hat, nur dass man sie früher diskriminierte, diskreditierte, lächerlich machte, folterte, demütigte, als Hexen verbrannte oder einfach in den nächsten Brunnen warf. Unnötig auch zu erwähnen, dass es eine minimale Gruppe ist. Weder die Stadt noch der Erdkreis werden zusammenbrechen, wenn sie eine eigene Toilette erhalten.

Die Gruppen sind nicht neu, auch nicht der Drang, Gruppen anzugehören, ohne von anderen in sie gesteckt zu werden. Neu ist, so scheint es, der Zwang, andere sofort in eine möglichst negative Gruppe einordnen zu müssen und damit die eigene Gruppe zu erhöhen.

Ein Bischof* beispielsweise sagt, dass ohne Gott unsere Gesellschaft erbarmungslos würde. Damit kritisiert er sowohl die allzu berechtigte Kritik von Yesus, als auch jeden Menschen vor den monotheistischen Religionen. Die Bezeichnung Heide ist nichts weiter als die Konstruktion einer nichtswürdigen Gruppe. Mit welcher sozialen Kraft sollen die Menschen vor Gott oder bevor sie Gott kannten überlebt haben? Und welche Kraft trieb Gandhi an?

Ein Bundestagsabgeordneter** der AfD dagegen schreit, dass Deutschland nicht der Weltsamariter sein kann. Interessant ist, dass er die Yesuskritik*** als Metapher benutzt, im Gegensatz zu dem ungläubigen Bischof. Aber wie kommt er darauf, dass Deutschland nicht der ganzen Welt helfen kann? Deutschland hat der Welt das Automobil und die Schallplatte geschenkt, den Suppenwürfel und das Aspirin. Warum sollte nicht demnächst in diesem Land eine Idee geboren werden können, die Liebe und gerechtere Verteilung mit nachhaltiger Wirtschaft in einer waffenlosen Welt schaffen kann? Und warum sollte nicht diese Idee von einer fähigen Regierung, die es bisher alle hundert Jahre einmal gab, umgesetzt werden können? Niemand hätte gedacht, dass es afrikanische Einwanderer sein könnten, die in der gesamten britischen Presse als die talentierteste britische Familie gelten, die Familie von Dr. Kadiatu Kanneh und Stuart Mason aus Nottingham und ihre sieben Kinder. Niemand hätte gedacht, dass Amerika einen afroamerikanischen Präsidenten haben könnte oder dass in einem wichtigen Land einst eine Frau regieren würde. Was tat übrigens Maria Theresia? Hat sie nicht auch regiert oder hat sie nur sechzehn Kinder bekommen?

Wir haben wohl alle übersehen, das dass Demokratie und Wohlstand auch Nebenwirkungen haben, zu denen wir niemanden fragen können. In einer Hierarchie können wir den jeweils über uns gesetzten fragen. Aber wen fragen wir, wenn die Hierarchien und die ungläubigen Bischöfe auf ihren goldenen Toiletten als Konstrukte und Schwätzer enttarnt sind? Wir müssen aufhören, im Nachbarn den Angehörigen einer feindlichen oder auch nur fremden Gruppe zu sehen und anfangen, seine Erfahrungen in die unseren einfließen zu lassen. Wenn der Hauptinhalt der neuen Welt nur Liebe sein kann, und ich zitiere damit sowohl den vor fünfzig Jahren erschossenen Martin Luther King wie auch die heutige Hochzeitspredigt von Bischof Curry aus Chicago in Windsor Chapel, dann kann die Hauptmethode nur Vernetzung sein. Nicht der Computer gab uns die Idee ein, sondern der Computer ist, man erinnere sich, unser Erzeugnis. Man kann ihn ausschalten, benutzen oder als Metaphernspender verwenden. Die Notwendigkeit der Vernetzung und der findige Mensch fanden den Computer. Die Nebenwirkungen werden die Hauptsache nicht verdecken. Trotz dieses gesunden Optimismus, der sich nicht als Realismus ausgeben muss, muss mögliches Scheitern einkalkuliert werden. Was soll denn Realismus sein, der Glaube an die Wirklichkeit, die jetzt da ist und die ohnehin jeder sieht? Realismus ist so etwas wie der Wetterbericht, man kann auch aus dem Fenster sehen. Die Welt wird besser, wenn wir Ideale und Visionen haben und ihnen folgen. Vorbild ist der erste Mensch, der dem Realismus ‚DER MENSCH KANN NICHT FLIEGEN‘ trotzte. Jede These ist Hypothese. Alles Wissen ist Glauben.

 

 

Wie mancher Mensch würde aufhören, über die Verderbtheit der Zeiten und der Sitten zu schelten, wenn ihm nur ein einzigesmal der Gedanke einfiele, ob nicht vielleicht bloß der Spiegel, in welchen das Bild der Welt fällt, schief und schmutzig ist.    KLEIST       an Wilhelmine von Zenge, November 1800, Sämtliche Werke und Briefe, dtv, Band 2, S. 605

 

* Bischof Ipolt, Görlitz, Thüringer Allgemeine Zeitung vom 29.7.2017

** Wir wollen den Namen nicht wissen, vergessen auch Sie ihn!

*** Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner, Lukas 10,25-37, in dem alle Würdenträger an einem Bedürftigen vorbeigehen und erst der verachtete Samaritaner hilft

MENSCH, DEIN SPIEGEL IST BLIND

 

Nr. 292

Wir brauchen Bestätigung genauso wie Widerspruch, Zweifel, unerschütterliche Beweise und Treue. Ohne Loyalität würde keine Gesellschaft überleben. In diesem Spannungsfeld könnten wir auch gut auskommen, wenn nicht neben jeder Wahrheit der Wahn wohnen würde.

Jeder Fehler ist uns recht, wenn unsere Gruppe ihn mitmacht oder wir sogar der Gruppe in diesem Fehler vorangehen können. Wir wollen nicht lernen, wenn wir uns bestätigt sehen. Wir übersehen mit Absicht, dass die Bestätigung nur durch die Loyalitäten oder durch das Beharren auf einem Standpunkt zustande kommt. Der Standpunkt ist mit großer Wahrscheinlichkeit falsch, weil nichts außer dem Standpunkt stehenbleibt. Zu schnell geben wir uns mit einem Grund zufrieden, obwohl wir wissen, dass es immer tausend Gründe und tausend Folgen gibt, die wir nicht fassen können.

Wir finden tausend Gründe, um nicht gut handeln zu müssen, weil wir das schöne Bewusstsein haben, dass wir gut sind. Diese Art von Gutsein kann eigentlich nur durch eine Gruppenzugehörigkeit entstehen. Insofern wäre die Kritik, die durch den negativen Gebrauch des Wortes ‚Gutmensch‘ geübt wird, sogar richtig, wenn nicht das Schlechtseindürfen seine Begründung ebenfalls nur in der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe bestünde, die gegen Toleranz, gegen Einwanderung, gegen Nächstenliebe, gegen Aufklärung, gegen Demokratie ist.

Ein Sprayer mit Abitur – bekämpft von der Gruppe der Saubermenschen – hat am Frankfurter Hauptbahnhöfchen diesen Satz des unglücklichen, großen Kleist angebracht, die Denkübung, was besser sei, gut zu sein oder gut zu handeln. Kleist war damals mit dem Nachbarsmädchen verlobt, erkannte ihre große Intelligenz – sie heiratete später einen berühmten Philosophieprofessor – oder wollte ihre Denkfähigkeit der seinen angleichen oder wollte mit ihr brieflichen Spaß haben, jedenfalls stellte er ihr Aufgaben, die sie auch alle zu seiner Befriedigung löste. Für uns ist es interessant, dass Kleist also die gleiche Bipolarität kennt und beschreibt, wie wir sie heute vorfinden. Das Rechts-Links-Schema aus dem alten Reichstag, das Ost-West-Schema aus dem kalten Krieg, sehr viele religiöse Menschen, leider auch die Demokratie – sie alle gehen davon aus, dass der Mensch besser sein könnte als seinesgleichen. Dass Demokratie der Diktatur weit überlegen ist, obwohl auch die Diktatur Vorteile hat, das dürfte schnell einleuchten, jedoch sind das nicht die beiden einzigen Staatsformen. Wird zum Beispiel die Monarchie nicht für die Begründung von Kriegen missbraucht, so spricht doch nicht so viel gegen die Loyalität zu einem Herrscher wie Friedrich II. von Preußen oder Christian X. von Dänemark. Wie man aber eine Kirche (‚wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen‘) nach einem gewalttätigen Heerführer nennen kann, nur weil er auf der ‚richtigen‘ – also meiner – Seite war und weil er im Glauben seiner Anhänger der bessere Mensch war, das wird sozusagen das ewige Kleistische Rätsel bleiben. Dass der Heerführer, Gustav II. Adolf von Schweden, in seinem Land verehrt wird, dagegen spricht nicht soviel. Wir verehren auch Friedrich II. unter Auslassung seiner sinnlosen Kriege. Dass aber diese Art von Gutsein genauso brüchig und flüchtig ist wie jede Art von Menschsein, kann man leicht daran erkennen, dass die Tochter Gustavs II., Christina von Schweden zum Katholizismus konvertierte. Wie zum Trotz gegen alle diese Rechthaber wurde sie eine Vorkämpferin für religiöse Toleranz, für Frauenemanzipation , für Kunst und Wissenschaft.

Während Kleist in Europa herumreiste, sozusagen von Rom bis Pasewalk unterwegs war, musste seine Verlobte im Kloster Lindow, ein ebenso evangelisches wie adliges Fräuleinstift, oder im Frankfurter Nachbarshaus seine Aufgaben lösen oder über seine Lösungen nachdenken.

Uns erscheint unsere Welt als komplexer und differenzierter, verglichen mit jener vor zweihundert Jahren und überhaupt verglichen mit jeder vor uns. Dabei wird auf der einen Seite die vermeintlich einfache Vergangenheit als Idylle verklärt, auf der anderen Seite genauso gerne als roh und grausam verteufelt. Aus der Vergangenheit kommt niemand, um unseren oft rohen Ansichten zu widersprechen  Zweifelsfrei sind seit jeder Vergangenheit unsere Erkenntnisinstrumente sensibler geworden, wie die Jetztzeit immer als differenzierter empfunden wird. Niemand widerspricht seinem Smartphone oder – in der Periode davor – dem Fernsehen. Das Fernsehen, heute zum reinen Zeitvertreib verkommen, hatte einst die Funktion des perfekten Spiegels. Niemand bezweifelte die zweifellos grausamen Bilder aus dem Vietnamkrieg, die uns monate- und jahrelang zum Abendessen begleiteten. Aber niemand bemerkte auch die langsam entstehende Allianz der Kriegsgegner auf beiden Seiten, obwohl das eine Fernsehen eindeutig gegen die Vietcong genannten Vietnamesen, das andere Fernsehen genauso eindeutig gegen die Aggressoren genannten Amerikaner berichtete. Es gibt keinen Spiegel. Wenn man das Fenster aufmacht, sieht man nicht die Welt, sondern das, was man für die Welt hält oder halten möchte oder halten soll. Kommt noch ein Kommentator  hinzu, so müssen wir zusätzlich dessen Weltsicht verarbeiten und dessen Widersprüche aushalten. Das ist auf der einen Seite oft hilfreich, weil wir zum Beispiel  mit bloßem Auge Pestizide nicht erkennen können, die den Baum – oder die Bienen auf ihm – zerstören. Was aber, wenn der Kommentator Kommunist ist oder Protestant oder Kardinal oder Salafist oder unser Bruder, der Salafist geworden ist? Auf unseren dementen Vater wollen wir  nicht hören, aber wir wählen ohne Bedenken greise Politiker, obwohl wir wissen, dass deren Weltsicht durch Altersmilde oder Altersbosheit getrübt ist.

Was aber, wenn der Spiegel blind ist oder schief hängt? Wer hätte schon je mit dem Telefon Weltgeschichte erfahren? Wessen Weltsicht widersprach nie einem Buch oder einem Mitmenschen? Oder welches Buch widersprach nie einer Weltsicht? Die älteren Gedanken müssen nicht zwangsläufig die falscheren sein, die neueren ebenso wenig die richtigeren. das Telefon zu verteufeln wäre genauso falsch, wie das Buch zu verbrennen. Mündigkeit bezieht sich nicht nur auf Menschen, und der große Kant aus Königsberg hat in seinem berühmten Aufsatz über Aufklärung den Gängelwagen als Metapher benutzt in dem die kleinen Kinder laufen lernen, aber den großen Menschenkindern die Richtung vorgegeben werden soll. In Königsberg sind übrigens Raketen stationiert, die nicht uns bedrohen können, aber die Königsberger, die jetzt Kaliningrader heißen, glauben machen sollen, dass es gut sei, uns zu bedrohen.

 

          Wie mancher Mensch würde aufhören, über die Verderbtheit der Zeiten und der Sitten zu schelten, wenn ihm nur ein einzigesmal der Gedanke einfiele, ob nicht vielleicht bloß der Spiegel, in welchen das Bild der Welt fällt, schief und schmutzig ist.     KLEIST  an Wilhelmine von Zenge, November 1800, Sämtliche Werke und Briefe, dtv, Band 2, S. 605

 

 

ICH BIN GEGEN ANTI

 

Von Mänteln und Uhren. Eine Antwort

Nr. 291

Noch meine Großmutter sagte gerne: das decken wir mit dem Mantel der Nächstenliebe zu, und sie meinte damit, dass wir wohlwollend wegschauen, wenn dem Mitmenschen ein Missgeschick passiert. Die Metapher ist verblasst, und viele haben den durchaus falschen Eindruck, dass heute – im Gegenteil – der Mantel eher weggezerrt und die Fehler der Nachbarn ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden. Aber der Eindruck täuscht. Das Internet wirkt vielleicht manchmal wie eine Lupe und verzerrt die ohnehin durch die Wahrnehmung schon vorverzerrte Wirklichkeit. Der Mensch ändert sich nicht so schnell wie seine Technik. Der Mantel ist als Metapher aber so ambivalent wie alle Dinge. Nimmt man zum Beispiel den in katholischen Gegenden Anfang November so beliebten Martinsmantel, so kann er bedeuten, dass dem Frierenden geholfen wird oder aber, dass jetzt statt nur einer zwei frieren. Sprache ist ungenau. Metaphern sind Umschreibungen, mein Beispiel ist immer der Weltraumbahnhof, egal Cape Canaveral in Florida, Baikonur in Kasachstan oder der merkwürdigerweise am wenigsten bekannte in Kourou, Französisch-Guayana. Obwohl das Wort, wörtlich genommen, Unsinn ist, wird es gern und weiter verwendet. Insofern war die Kritik an meiner Burka-Metapher ohnehin nicht sachlich begründet. Es gibt scheinbar inzwischen Menschen, die sich eine Wortpolizei wünschen oder sie selber sein wollen. Auch ich finde eine Burka unbequem oder vielleicht sogar schädlich, was ich jedoch eigentlich nicht beurteilen kann. Aber es gibt zwei Gründe, warum ich nicht zu den lauthalsen Kritikern gehöre: erstens bin ich kein Muslim, und die Burka geht mich nichts an. Wir sollten endlich aufhören, die Welt immer bei den andern verändern zu wollen. Man kann die Welt, und das ist leider nicht von mir, nur verändern, wenn man sich selbst ändert. Das Beispiel wirkt, da bin ich ganz sicher. Zweitens gibt es in Deutschland so wenig Burka-Trägerinnen, dass es sich nicht lohnt, darüber überhaupt nur nachzudenken. Niemand kritisiert übrigens die Burka-Trägerinnen, die am Kurfürstendamm in Berlin aus ihrem Rolls Royce steigen, um für ein paar zehntausend Euro einkaufen zu gehen. Das nennt man: die Kirche im Dorf lassen. Eine Tunika-Metapher dagegen würde man benutzen, wenn man Würde ausdrücken will, Weisheit, Rechtsbewusstsein, denn mit einer Tunika bekleidet, stellt man sich einen römischen Senator oder vielleicht sogar Seneca persönlich vor. Dabei ist Tunika auch ein Sommerkleid.

Auf der anderen Seite habe ich aber genau das gemeint: ein Vorurteil ist wie eine Burka, die man trägt, weil man keine andere Lösung kennt. Ein Vorurteil ist keine Einsicht, sondern verhindert – im Gegenteil – jede Einsicht, so wie die Versuchung bei einer Frau, die Burka trägt, gar nicht erst aufkommen kann, aber das haben – wie gesagt – ja nicht wir zu beurteilen. Das Argument, wie weit wir uns in anderen Ländern anzupassen haben, ist hingegen nur ein Scheinargument. Denn niemand will wohl hier Zustände wie im Iran oder in Saudi-Arabien. Wir wollen hier die Zustände, die wir uns mühsam erarbeitet haben. Dazu gehört auch die Toleranz untereinander. Die Toleranz gegenüber Fremden und Gästen steht schon in der Bibel. Im Alten Testament wurden dem Gast sogar die eigenen Töchter für die Nacht angeboten (1. Mose, 34,21ff.). Soweit gehen wir heute natürlich nicht mehr. Genauso merkwürdig finde ich es, wenn die Strafsysteme, darunter auch die Todesstrafe, anderer Länder als Vorbild gepriesen werden oder das europäische (meist steht da aber: das deutsche) System als lasch und wirkungslos beschimpft wird. Die Kriminalität sinkt in Deutschland, seit der Staat selbst nicht mehr kriminell ist. Die Anzahl der Kapitalverbrechen hat sich in den letzten Jahrzehnten zweimal halbiert. Es gibt einige furchtbare Mordtaten durch Flüchtlinge. Aber weit furchtbarer, weil nämlich nicht affektiv, hat der NSU gewütet, von dem deutschen Pfleger Niels Högel einmal ganz abgesehen. Ich weiß, dass das Ausnahmen sind. Aber der mordende Flüchtling ist auch die Ausnahme. Mord ist in Deutschland überhaupt – und zum Glück – und Gott sei Dank – die Ausnahme. Ich weiß nicht, warum man das immer und immer wieder sagen muss. Als ich einmal in ähnlichem Zusammenhang eine Zahl vom Bundeskriminalamt zitiert habe, wurde mir entgegnet, ob ich nicht wüsste, dass das BKA uns anlügt, ich sollte lieber – ganz im Ernst – einer nebulösen Hochrechnung folgen, wenn in den USA das und das passiert, dann wäre es doch wahrscheinlich, dass bei uns…Das war im Ernst.

Die zweite Kritik bezog sich auf die alte Menschheitsfrage, ob es qualitative Unterschiede zwischen den verschiedenen Menschengruppen gibt. Der italienische Genetiker Cavallo-Sforza hat dafür eine schöne Formel gefunden: die Unterschiede innerhalb einer Gruppe sind immer größer als die zwischen den Gruppen. Dr. Yesus und Dr. Rousseau äußerten sich bekanntlich ähnlich, aber das hat weder die Christen noch die Atheisten gehindert, andre Menschen zu diskriminieren, zu verfolgen und auch zu ermorden. Leider sahen und sehen das nicht alle Menschen so. Immer wieder wird gerne das einfachste geglaubt. Da es kein reiches arabisches Land gibt (von einigen Ölscheichtümern abgesehen), muss der Islam schuld an der Armut sein, so lautet ihre These. Honduras ist streng und ausschließlich katholisch und hat ein Bruttonationaleinkommen pro Kopf, das ein Zwanzigstel von dem Deutschlands beträgt, und eine der höchsten Mordquoten (86:0,8 wieder im Vergleich zu Deutschland). Absurd. Der Reichtum Deutschlands wird von diesen Kritikern mit den Sekundärtugenden erklärt. Demnach hat Goethe den Faust und hat Benz das Automobil erfunden, weil sie pünktlich und gehorsam waren. Absurd. Die Sekundärtugenden sind eine Folge des Wohlstands und nicht deren Ursache. Warum sollte ich in einem Land, in dem es keine Arbeit gibt, pünktlich sein? Auch Deutschland war noch im neunzehnten Jahrhundert, wenn auch abnehmend, von Räuber- und Bettlerbanden bevölkert, deren Mitglieder alles andere als gehorsam waren. Erst als die Industrialisierung und vor allem deren zweite Phase, die Massenproduktion von Konsumgütern, sich langsam durchsetzten, sich also Arbeit lohnte (FORD/RATHENAU-FORMEL), lohnte es sich auch pünktlich zu sein. Pünktlich steht hier immer für alle Sekundärtugenden. Die Industrialisierung, zunächst gegen die Menschen gerichtet (Schlesische Weber), brachte schrittweise Wohlstand, Säkularisierung, Demokratie. Seit fast genau 100 Jahren haben wir den sozialdemokratischen Tag: ein Drittel Arbeit, ein Drittel Freizeit, ein Drittel Schlaf. Freiheit setzt immer auch diese Freizeit voraus. Flankiert wurde der sozialdemokratische Tag von der konservativen Sozialversicherung.

Religion, so steht es in meinem Blog, verliert sich, nachdem ein Land zum Wohlstand kam, das ist der Zusammenhang. Selbstverständlich gibt es keinen Kausalzusammenhang zwischen Religion und Armut oder Reichtum, denn, ich wiederhole mich, es gibt arme christliche und arme muslimische Länder. Wahrscheinlich wird die Wirkung von Religion überhaupt überschätzt. Warum sonst sind alle religiösen Schriften voll von Warnungen, was passiert, wenn man die Regeln nicht einhält? Auch der Staat wird maßlos überschätzt. Benz hat das Automobil ganz unabhängig vom Staat erfunden. Staat ist immer auch Polizeistaat. Deshalb muss das Ideal Freiheit bleiben und nicht hundertprozentige Sicherheit, die es bekanntlich auch nicht in fast perfekten Polizeistaaten gibt. Mir scheint der europäische Mittelweg – durch den Rechtsstaat abgebremste, sonst fast perfekt arbeitende Bürokratie bei liberaler Wirtschaft und Selbstverwirklichungsoption durch Bildung – gerade gut und verteidigenswürdig, allerdings muss er auch kritisiert und ausgebaut werden dürfen.

Die dritte Kritik kann am kürzesten behandelt werden, weil sie völlig absurd ist. Es wird von einigen Kritikern unterstellt, dass der Artikel antisemitisch sei, dabei handelt er gerade davon, dass ich gegen ANTI bin. Ich bin überzeugt, dass Antisemitismus die gleiche Richtung ist wie Antiislamismus oder Rassismus. Die Worte ‚Verkafferung‘ und ‚Verjudung‘ lehne ich genauso ab, wie alle Praktiken, die mit diesen Begriffen entstanden sind. In der Praxis funktioniert so etwas ohnehin nicht, das habe ich angedeutet. Mit dem Beginn des Sklavenhandels (1444) setzte auch ein intensiver Austausch ein. Je größer die angewendete, mörderische Gewalt gegen die als ‚minderwertig‘ erklärten Menschen war, desto klarer wurde die tatsächliche Gleichheit der Menschen erkannt. Ein ganz frühes Beispiel für antirassistische Erkenntnis gibt es bei einem Dichter, der früher in den preußischen Lesebüchern stand, Emanuel Geibel, er war weder links noch Geistesgröße, im neunzehnten Jahrhundert aber sehr beliebt. Er schrieb eine Ballade über eine afrikanische Mutter, die ihr Kind liebt und verzweifelt, aber vergebens um dessen Leben kämpft und so genannte Christen, die sich weigern, Menschen zu werden, und die beide umbringen. [Emanuel Geibel, Das Negerweib, in: Juniuslieder, Tübingen 1848]
Meine Vermutung, wie es zu dem absurden Vorwurf kam, ist, dass ich ausdrücklich auch gegen Antiislamismus bin. Ich bin überhaupt gegen ANTI.

Ich bin gegen ANTI, weil alle Menschen gleich sind. Man kann nicht bei jeder Einwanderungswelle wieder anfangen, qualitative Unterschiede zu konstruieren, die es eben nicht gibt. Das steht so in allen Schriften der Propheten und Philosophen. Eine interessante Theorie hat Jared Diamond in seinem Buch ARM UND REICH entwickelt, warum es Unterschiede der Lebensweisen und Lebensqualitäten gibt. Besser als alle Theorie ist immer das Leben: gehen wir in die Synagogen, in die Kirchen, in die Moscheen, seien wir freundlich zu den Zeugen Jehovas wie zu jedermann, reden wir mit jedem, helfen wir, wo wir können, setzen wir uns einfach in ein Flüchtlingsheim zum reden, man wird dort auch als Agnostiker oder Atheist mit offenen Armen empfangen! Hören wir auf, uns gegenseitig zu denunzieren! Noch in jedem Dorf, in dem ich war, in allen europäischen Ländern, wurden meine Strümpfe getrocknet und Tee für mich gekocht!

Die Botschaft aus Frankfurt an der Oder (an der Oder!), dort als Graffito am Hauptbahnhöfchen: WAS IST BESSER, GUT SEIN ODER GUT HANDELN?
[Heinrich von Kleist, Denkübungen, Frankfurt an der Oder, 1800]