KEIN UNDING

 

Nr. 289

Ein Depressiver klopft jeden Fakt seines Lebens, seines Tages, seiner Umgebung auf negative Anzeichen ab. In jedem Detail entdeckt er Unheil und Untergang. Zwar gibt es auch Aufhellungen, weshalb diese Krankheit auch bipolare heißt und Goethe ihr einst jenen schönen Spruch widmete: himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt, aber (schon bei Lessing kosten die Aber Überlegung) das Schwarze überwiegt, obsiegt zuletzt. Viele Depressive überleben leider diesen täglichen Kampf um den Sieg des Dunklen nicht.

Ein ähnliches Scannen jeder einzelnen Aussage, jedes noch so schönen Textes auf einen einzigen Punkt hin erleiden neuerdings jene etwa zehn Prozent der Bevölkerung, die von einem Untergang der alten Welt ausgehen. Damit ist nicht etwa eine fest definierte Idylle gemeint, das könnte man gut verstehen. In meiner Kindheit wurde zu Weihnachten aus dem damals noch beliebten Buch Als ich noch ein Waldbauernbub war von Peter Rosegger vorgelesen. Darin geht es um die fußläufige Vergangenheit eines abgeschiedenen Dorfes, die von der Eisenbahn und der Stadt überholt und verdrängt wird. Der Verfasser, ein damaliger Bestsellerautor, blendet aus, dass seine Armut auf dem Dorf erst dann zur Idylle wurde, als er mit ihrer Vermarktung viel Geld verdienen konnte. Andere, die im Dorf verblieben waren, sahen dies nach einer Weile als hinterwäldlerisch und rückständig an und träumten von Städten und Automobilen. Trotzdem gelang es Rosegger, eine fiktive Idylle zu schaffen, die vielen ein Trost in der Hektik der neuen Zeit wurde. Erinnerungen können trösten. Erinnerungen können aber auch hindern.

Angst vor der Auflösung der Gegenwart und einer unbestimmten Dunkelheit der Zukunft dagegen führen dazu, jeden Tag und jeden Text nur noch unter diesem einen einzigen Aspekt zu erleben und erlesen.

1

Die Angst vor der als Bevölkerungstausch erlebten langsamen Veränderung durch Einwanderung hat ganz klar hysterische Züge, ist aber historisch nicht zu rechtfertigen. Früher hat man angenommen, dass man die Männer töten und die Frauen schwängern muss. Das war Unsinn, da es einmal keine Vollständigkeit geben kann und zum anderen solche schändlichen Aktionen – wahrscheinlich sogar wegen ihrer Schändlichkeit – episodenhaft bleiben, und ist gescheitert. Die Seitenverkehrtheit zeigt der Knabenmord des Herodes, wenn er auch einen anderen Grund hatte. Herodes hätte Maria töten müssen, wenn er Yesus verhindern wollte. Die Genozide an den Armeniern und an den Juden haben ihren Akteuren nur Schande und weitaus größere Probleme eingebracht, als sie vorher hatten. Kriege sind lange Zeit für demografisch wirksam gehalten worden. Und sie sind es auch: nur eben umgekehrt. Jedes durch Krieg bedrohte Volk erhöht auf wundersame Weise seine Geburtenzahl. Wundersam heißt, dass es keine Absprachen oder Befehle dazu gibt. Beispiele aus der jüngeren Geschichte sind das exponentielle Anwachsen der palästinensischen und der kosovoalbanischen Bevölkerung.

Wie aus dem Nichts tauchen plötzlich die merkwürdigsten und verrenkungsartigsten Rechtfertigungen für die Autokraten und unverständliche Angriffe auf Demokraten auf: Putin sei umsichtig, der deutsche Außenminister Maas dagegen ein Kriegstreiber. Verfolgt man die Quellen, so sieht man, dass reihenweise von den entsprechenden Seiten einfach kopiert wird.

Durch diese Möglichkeiten des Kopierens von Argumenten, ob sie nun passgenau sind oder nicht, entsteht der Eindruck von Allkompetenz. An diese Allkompetenz glauben aber nur die Kopierer selbst, denn jeder Mensch, der selber denkt und schreibt, weiß, wie wenig kompetent er ist und wie viel Mühe es macht, jeden einzelnen Fakt nachzuprüfen. Nicht das Internet ist schädlich, sondern der übertriebene Glaube an sich selbst.

2

Die Welt und ein Land, eine Familie oder ein Mensch verändern sich ständig, obwohl sie versuchen, den status quo – den Zustand vor der Veränderung –  so lange wie möglich zu halten.

Ständig betonen wir, wie wir uns treu bleiben. Außen, sagen wir, sind wir verändert, innen aber gleich, der gleiche Mensch. Und je länger die hier einzusetzenden Jahre sind, desto absurder wird der Vergleich. Niemand ist mit fünfzig so wie mit fünfzehn. Wir haben vergessen und verdrängt, wie unsicher, wie kindlich, wie energiegeladen, wie sexualisiert, wie abhängig wir mit fünfzehn Jahren waren. Wir wollen nicht wissen oder hören, wie abgeklärt, wie uninteressiert, wie müde, wie gelangweilt, wie weltabgewandt wir mit fünfzig Jahren – gemessen an unserem Tempo nur fünfunddreißig Jahre vorher – wir dahinschleichen. Und nichts wird besser. Während  die meisten Menschen den Alterungsprozess als Schmach, jedenfalls als Abbau der Kraft erleben, entwickelt sich die Welt um uns rasant: einerseits auch in den Abgrund von Alterung und Verfall – und man staunt, wie desolat ein so reiches und ordentliches Land wie unseres an einigen Stellen aussieht -, andererseits in den Fortschritt und in das Wachstum, vor dessen Unermesslichkeit Kritiker seit Jahrzehnten warnen. Würden wir auf Teile des Wachstums verzichten, könnten wir den Verfall aufhalten. Es gibt leider sehr viele Beispiele für ungebremstes Wachstum, das uns direkt schadet. Aber es gibt auch zwei jüngste Beispiele, wie die Ungebremsheit doch gebremst werden kann: schon zehn Millionen Menschen in Deutschland sind Vegetarier, weil Wachstum und Wohlstand hier nicht nur mit Tierleid kollidieren, sondern auch mit direkter Verseuchung der Umwelt mit Gülle und Kohlendioxyd, Methan und Stickoxiden. In den Städten unbemerkt tobte in diesem Jahr auf deutschen Feldern der Kampf zwischen Bauern und Umweltbehörden um die Ausbringung von Abermillionen Litern Gülle trotz gefrorenen und überwässerten Bodens. Und: die Verwendung von Plastiktüten konnte in den letzten drei Jahre um die Hälfte reduziert werden. Der Teppich aus Plastikteilen hat im Nordatlantik inzwischen die Größe von Mitteleuropa erreicht. Diese beiden Beispiele zeigen, wie sehr und wie schnell wir die Welt verändern können. Nicht das Kapital alleine macht unsere Welt kaputt. Das Kapital kann nur schaden, wenn wir kooperieren, indem wir konsumieren. Je größer der Wohlstand, desto größer der Schaden – diese Formel muss, als visionäres Ziel der Menschheit, umgedreht werden, indem jeder, der am Wohlstand teilhat, diesen auch weiter teilt. Das Bild des Teilens ist im Internet Allgemeingut der Menschheit geworden. Jetzt müssen wir nur noch lernen, statt die Fotos unseres Mittagessens unser Mittagessen zu teilen, am besten sogar, darauf zu verzichten.

Die ununterbrochene Veränderung kann man nicht mit Parolen oder politischen Parteien aufhalten, auch nicht mit Weltkriegen. Politische Bewegungen werden aber immer wieder versuchen, ihren Wählern zu suggerieren, dass es pro Problem eine Lösung ohne Nebenwirkungen gibt. Das toxisch-aggressive Ehepaar aus Merzig im unterhöhlten Saarland, übrigens ein wunderschöner und uralter Ort, versucht immer wieder mit dem Abspielen der gleichen Schallplatte, heute Vinyl genannt, uns zu erschrecken: er mit seinem Antiamerikalied, sie mit ihrem Song ‚Enteignet die Banken‘. Der Nutzen dieser beiden ist etwa so groß wie der einer Plastiktüte im Nordatlantik.

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KEIN UNDANK

 

Nr. 288

Ein notwendiges Fragment

 

Abgesehen von der frühen Kindheit und von linearen Arbeitsverhältnissen handeln wir meist ohne Auftrag und ohne Dank. Warum glauben wir also an einen hinter den Dingen stehenden großen Auftraggeber und an die Berechtigung seiner und unserer Vergeltung?

Die Arbeitsverhältnisse haben sich eigentlich schon gebessert. Tatsächlich standen aber fast hundert Jahre lang entfremdete Menschen an seelenlosen Fließbändern und drehten an der einen sprichwörtlichen Schraube, die ihnen genauso sinnlos erscheinen musste wie ihr ganzes Leben. Geblieben ist das Wort Entfremdung für Verhältnisse, die nicht überschaubar sind. Aber wann sind denn die Verhältnisse für uns überschaubar? Wenn Hegel schreibt, dass der Unwissende in einer fremden Welt lebt, die er nicht versteht, weil er sie nicht gemacht hat, dann gilt das für die überwiegende Menge der Menschen, für die tatsächlich Unwissenden vielleicht noch ein bisschen mehr. Wir können und wollen nicht plötzlich den Wert der Bildung bestreiten. Aber die Welt verstehen? Hegel ist also nicht der Beginn einer neuen offenen Weltsicht der Relativität, sondern das Ende einer geschlossenen, letztlich mechanischen Denkwelt, die auf Ursache und Wirkung, gut und böse, Gott und Ungott und eben auch Auftrag und Vergeltung beruhte. Seine Schriften sind genauso faszinierend wie krank. Sein Weltgeist hat zwar den Namen gewechselt, aber nicht sein Wesen. Deshalb behaupten Autokraten gern, dass sie einen göttlichen Willen verwirklichen würden. Was sie tatsächlich verwirklichen wollen, ist immer und nur die Vergangenheit. Denn die Zukunft können wir nicht verwirklichen, weil wir sie nicht kennen. Eine Vision ist immer ein Wagnis, ein Schritt in die Dunkelheit. Der erste Mondbetreter hat es schon ganz richtig gesagt oder es ist ihm gesagt worden: eine visionäre Tat ist für den einzelnen Menschen nur ein winziger, für die Menschheit aber ein riesiger Schritt. Jahrtausende haben die Menschen vom Mond geträumt, weil er allgegenwärtig, aber unbegreifbar ist. Die Landung auf dem Mond erforderte Mut, aber brachte keine Konfliktlösung auf der Erde. Vielleicht wird gerade deshalb auch diese Mondlandung angezweifelt und für eine propagandistische Fakemeldung statt einer Tatsache gehalten. Jeder Auftrag muss nach alter mechanischer Ansicht auch einen Nutzen haben: cui bono [Cicero] = wem nützt es?*, wird oft gefragt, und der Frager glaubt, wenn er die Antwort weiß, dann kennt er die Ursache, dann versteht er die Welt. Stattdessen stürzt der aktuelle Nutzen den Verursacher oft in ein Dilemma, bei dem uns nur wundern sollte, dass es schon so lange bekannt und benannt, und trotzdem immer wieder nicht begriffen ist: Es gibt nicht die eine Lösung. Es gibt nicht den einen Verursacher. Es gibt nicht hier die Ursache, da die Wirkung. Des einen Nutzen ist nicht zwangsläufig des anderen Schaden. Ein Parasit muss nichts schlechtes sein, es gibt überhaupt nicht das Gute und das Böse. Wenn das Böse das Unterlassen des Guten ist, dann gibt es nur eine Kategorie, so wie es auch nur eine Temperatur gibt, und nicht Wärme und Kälte.

In wessen Auftrag handeln wir also und wessen Dank erwarten wir? Wir stehen gleichermaßen in einer langen Reihe der Urahnen und Kindeskinder wie auch allein. Unser Auftrag ergibt sich daraus, dass wir fähig sind, unsere Endlichkeit zu bedenken, nicht die Endlichkeit der Menschheit, sondern unsere individuelle Endlichkeit:

Was du tust, so bedenke das Ende, so wirst du nimmermehr Übels tun.

[Jesus Sirach 7,40]

So und so ähnlich lauten die Mahnungen aller Philosophien und Religionen. Noch deutlicher stimmt die Kunst mit ein: Alle Menschen werden Brüder, all you need is love. Aber wir wollen all diese Botschaften nicht hören. Statt dessen glauben wir lieber, dass das Medium die Botschaft sei oder dass die Welt in Beliebigkeit versänke, wenn man nicht einer der tausend sich für richtig haltenden Ideologien folgte, die alle kostenlose Wässer und Weisheiten versprechen.

Es gibt keinen Auftraggeber, der sich verschworen hätte, die Welt zu beherrschen. Es gibt keine Berechtigung zur Vergeltung, wenn jemand vom Weg abweicht. Merkwürdig ist, dass gerade immer diejenigen am lautesten nach einem Richter schreien, die sonst behaupten, es gäbe nur einen Weltenrichter. Dieser Weltenrichter ist das eigene Ende. Wir sollten unser Leben so einzurichten versuchen, dass etwas von uns bleibt: unsere Kinder, unsere Gedanken, ein Haus, ein Baum, Treue zu einem Menschen, ein Trost, eine Hoffnung, ein Euro für den, der darum bittet.

Das Gute ist unendlich, sowohl als Tatsache wie auch als Möglichkeit. Dagegen ist das Böse, die Unterlassung des Guten, immer endlich.

Leider hat nicht jeder Mensch immer Glück. Das Leben mag im großen und ganzen sinusförmig sein, aber es ist nicht für jeden einzelnen harmonisch. Mancher mag sogar aus dem Leid Produktivität ziehen können (‚Schmerz gebäre Tat‘, [Ernst Toller]), aber manch anderer zerbricht an seinem Leid, von dem wir gerne sagen, dass es ihm oder uns auferlegt sei. Glück gehört nicht zu den Gewährleistungen. Harmonie ist nicht versprochen. Aber zu jedem Erfolg gehört auch immer Glück. Aber der Erfolg lässt sich nicht berechnen. Demzufolge ist der Ruf nach Bescheidenheit und Demut verständlich und hilfreich. Besser ist es jedoch optimistisch und selbstbewusst zu sein. Man kann besser helfen, wenn man von sich glaubt, dass man ein Helfer sei. Die Welt wird besser, weil und wenn wir mehr geben als nehmen.

 

* aber: cum hoc ergo propter hoc

DIE SCHWEIGENDE KLASSE IM FRANKFURTER HAUPTBAHNHOF

 

Nr. 287

Eines der vielen Rätsel autoritärer Herrschaft ist der Widerspruch zwischen der Schuldsuche im Ausland und der Bestrafung an den eigenen Leuten. Die einfache Antwort, dass man der Schuldigen eben meist nicht habhaft werden könne, kann nicht befriedigen. Denn sie erklärt nicht, warum oft gerade diejenigen bestraft werden, die man leicht überzeugen oder anderweitig einbinden, auf jeden Fall aber dringend zum Funktionieren des Staatswesens brauchen würde. Während des Ungarnaufstandes 1956 hat eine Schulklasse in Storkow, einer Kleinstadt südöstlich von Berlin, für die Opfer in Ungarn eine Schweigeminute eingelegt. Das war, folgt man dem Buch und dem Film, fast spontan. Aber die autoritäre Herrschaft reagiert, nachdem sie langsam anfährt, mit allen Mitteln. Sie schließt schließlich, nach einem denkwürdigen und schändlichen Auftritt des Bildungsministers, alle Schüler von der Bildung im ganzen Land aus. Aber sie vergisst, dass die Grenze offen ist und alle Schüler, bis auf vier, sich in die S-Bahn setzen und dort im Westen nicht ohne Häme gut aufgenommen werden und das Abitur machen können.

Warum also schadet sich eine autoritäre Herrschaft solange selbst, bis sie verschwindet? Wir müssen uns schnell noch erinnern, dass alle diese Staatsysteme an wirtschaftlichen, Isolations-  und Loyalitätsproblemen scheiterten. Zum Schluss wollen selbst die einst Gutwilligen das System, welches am Zusammenbrechen ist, nicht mehr mittragen. Wenn es so einfach ist, dann kann man sich schon wundern, dass es immer wieder Menschen gibt, die autoritäre Herrschaft wollen. Wir lernen nicht aus der Geschichte. Alle diesbezüglichen Aufrufe sind sinnlos und dienen mehr der eigenen Entlastung: Es wäre schön, wenn wir aus der Geschichte lernen könnten. Wir können nicht aus der Geschichte lernen, weil sich die Bedingungen so ändern, dass die Erfahrung von gestern heute nicht mehr viel wert ist. Die Leute, die, sagen wir, am 8. November 1989 stehen geblieben sind, können noch so viele Geschichtsbücher lesen, wenn sie weiter glauben, dass am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin ihre Welt endet, werden sie nichts verstehen und nicht weiterkommen. Wir lernen noch nicht einmal aus unserer eigenen Geschichte. Die Psychologie kennt den schönen Begriff des Wiederholungszwangs. Aber nicht nur die Witwe des Alkoholikers, die als nächsten Mann wieder einen Alkoholiker heiratet, frönt ihm, sondern wir alle lieben Rituale. Wir alle lieben die Bestätigung, die in der Wiederholung lebt, schon das kleinste Kind ruft: noch einmal. Aber inzwischen wissen wir: vieles lässt sich nicht wiederholen. Die Zeit insgesamt ist unumkehrbar. Wir zögern vor jedem Schritt ins neue Ungewisse, aber wir können auch nicht zurück, und selbst wenn wir es könnten, würden wir auch davor zögern.

Etwas übertrieben könnte man sagen, dass wir alle irgendwo in unserer oder in der Gesamtgeschichte stehenbleiben und den Rest der Welt nicht mehr verstehen. Die kopfschüttelnden Alten, die alles ablehnen, sind genauso typisch, wie die Jungen, die nicht wissen können und wollen, was gestern war. Einschränkend muss man allerdings sagen, dass wir weder die Zukunft noch die Vergangenheit voraussagen können. Versucht man zum  Beispiel, einen Verkehrsunfall mithilfe von zwanzig Zeugen zu rekonstruieren, so wird man scheitern und zum Schluss glauben, es hätte zwanzig verschiedene Unfälle gegeben. Hitler, ein weiteres Beispiel, war, auch als seine Zeitgenossen, Gegner und Parteigenossen, noch lebten, alles von der willenlosen Marionette des Finanzkapitals bis zum triebgesteuerten Psychopathen. Hinterher wusste es jeder besser.

Und so geht es den Autokraten auch heute noch. Der Streit zwischen Empathie, die ihren politischen Ausdruck in Demokratie und Sozialstaat gefunden hat, und einer charismatischen, aber autoritären Herrschaft, die durch die sogenannte Vaterliebe legitimiert war, währt schon sehr, sehr lange. Vielleicht ist er nicht entscheidbar. Tröstlich ist nur, dass die Herrschaft der Autoritären immer nur zeitweise anhält, schon deshalb, weil die Herrscher sterblich sind. Nordkorea ist eine Ausnahme, deren Ende absehbar ist, so wie Kanada mit der Familie Trudeau auf demokratischer Seite auch die Ausnahme ist.

Der Frankfurter Hauptbahnhof ist das Gegenteil von all dem. Man kann von ihm aus in jede Richtung, jeden Ort fahren. Das gilt eigentlich von fast jedem Bahnhof, ist aber in Frankfurt durch dessen zentraleuropäische Lage besonders gut sichtbar. Berlin, Paris und Bern sind gleichweit entfernt. Täglich sind 350.000 Menschen mit 180 verschiedenen Herkunftsländern Gäste des Bahnhofs. Der Sinn des Bahnhofs ist keinesfalls, wie man im ersten Anlauf denken könnte, das Verreisen. Vielmehr ist der Sinn des Bahnhofs nicht eindeutig bestimmbar. Wer einen der mehr als 350 Züge benutzen will, für den ist einigermaßen klar, dass der Bahnhof nicht nur Sinn, sondern auch Zweck und Nutzen hat. Was aber, wenn er oder sie sich unsterblich in sie oder ihn verliebt und beide den Zug verpassen, aber dafür das Lebensglück finden? Was aber, wenn man erschossen wird oder einen Herzinfarkt erleidet? Was aber, wenn du der Äthiopier bist, der einen CUCCI-Kiosk betreibt und damit sein Lebensglück an einem Ort gefunden hat, den er nicht nur nicht kannte, sondern sie nicht hätte vorstellen können, wenn nicht… Was aber, wenn wir, statt als Deutscher, Franzose oder Schweizer geboren zu sein, als kleiner Rom zur Welt gekommen wären und jetzt auf dem Frankfurter Hauptbahnhof zu der fast militärisch organisierten Truppe gehören würden, die jeden der 350 Züge aufsucht und jeden der 350.000 Gäste nach Geld fragt? Dann würden wir wohl an diesem Ort über unser Schicksal verzweifeln, weil sich in ganz Europa für uns keine bessere Lösung findet als die unseres Familien- oder Clanchefs.

Ein so großer Bahnhof bildet sehr schön das Leben in seinem Verhältnis von Regelhaftigkeit, die hier im realisierten Fahrplan erscheint, und Chaos ab. Das Chaos sind immer die anderen, denn wir wissen, was wir wollen. Auf einem Bahnhof kann man niemanden zum Schweigen bringen. Auch im Leben geht es offensichtlich nicht. Jener Bildungsminister, die Schulrätin, der Direktor, der Geschichtslehrer, sie alle sind einfach nur der Lächerlichkeit preisgegeben. Und doch malt dieser Film kein Schwarzweißklischee, sondern er zeigt auch die inneren Nöte des  Kommunistensohns, der loyal zu der Partei sein will und muss, von der er erfährt, dass sie seinen Vater als vermeintlichen Verräter erschoss. Aber gibt es denn keine Verräter? Vielleicht gibt es sie, vielleicht auch nicht, denn wer kennt den Ausgang der Geschichte, aber auf keinen Fall gibt es irgendeinen Grund, einen Menschen zu töten.

Aber jetzt muss ich zum Bahnsteig 11, am CUCCI-Kiosk vorbei, dem Romajungen einen Euro zuwerfen, meiner ewigen Verspätung mit zweihundert Stundenkilometern voraus- oder hinterhereilen…

GO TELL IT ON THE MOUNTAIN

Eine Rezension

Nr. 286

Was bei uns wie ein Weihnachtslied klingt, kann man auch so verstehen, dass jemand den Leuten hinter den Bergen sein Leben erzählt, damit sie sehen, dass er ein Mensch wie sie ist und dass er seinen Weg gefunden hat. Seit der Antike und in Wellen auf und ab schwappt die Angst vor dem Ertrinken im Fremden und riskiert, dass die Fremden ertrinken. Die menschlichen Botschaften werden scheinbar nur auf den Bergen gehört, in den Tälern der Ahnungslosen herrscht dagegen die Angst. Aber der Wanderer kennt beides: auf dem Gipfel die Begeisterung, im Tal die Verzweiflung.

Anfang der fünfziger Jahre, 1951 und 1953, erschienen zwei Bücher, deren Protagonisten östlich und westlich vom Central Park in New York in scheinbar zwei verschiedenen Völkern oder Kulturen aufwuchsen. Aber darum geht es in beiden Büchern nicht. Sie beschreiben vielmehr die Menschwerdung eines Kindes und Jugendlichen, coming of age, als eine Geschichte, die sich zwar unter konkreten, oft widrigen Umständen entfaltet, aber dabei einem geheimen Programm oder Plan zu folgen scheint. Dabei ist es leider fast genau umgekehrt: das Leben und die Geschichte verlaufen plan- und sinnlos, aber wir versuchen ihnen nachträglich einen Sinn  zu geben durch Tradition, Religion, Interpretation und auch durch Vergessen.

Das erste Buch ist DER FÄNGER IM ROGGEN von Jerome David Salinger, das eine zeitlang jeder Jugendliche kannte. Es war und ist ein Kultroman, der seinem an sich schon reichen Verfasser gestattete, fortan ein Leben ohne Menschen und ohne Arbeit in einem abgeschotteten Grundstück zu führen. Er wurde der sprichwörtliche alte Amerikaner, der mit seiner Schrotflinte auf jeden ungebetenen Besucher schoss, und jeder Besucher war ungebeten.

Das zweite Buch ist GO TELL IT ON THE MOUNTAIN von James Baldwin, das soeben in neuer deutscher Übersetzung und mit neuem, zum Karfreitag passenden Titel VON DIESER WELT erschienen ist. Auch dieses Buch, obwohl weit weniger bekannt, ermöglichte seinem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Verfasser ein Leben in Luxus an der Côte d’Azur und in Paris. Aber dann wurde er in der Bürgerrechtsbewegung von seinen Freunden Malcolm X., Medgar Evers und Martin Luther King gebraucht und kam zurück und wurde einer der zurecht bewundertsten amerikanischen Intellektuellen.

Das Buch erzählt die Geschichte und Vorgeschichte eines intelligenten Jungen namens John Grimes, eingebettet in die Geschichten seiner Mutter, seiner Tante, seines Stiefvaters, seines Vaters, seines Stiefstiefbruders, seines Stiefbruders. Mit alle diesen Menschen muss er leben und aus all diesen Leben holt er sich seinen Lebensstoff. Während seine Mutter einfach ein lebenslustiges Mädchen ist, versucht sein Vater aus dem unfreiwilligen Leben voller Armut und Demütigung durch Bildung herauszukommen. Er liest nicht nur viel, wie dann  später sein Sohn, der das Abbild des Verfassers ist, sondern er geht mit seiner Freundin auch in die großen Museen in New York, ins Kino, ins Theater. Sein Weg war richtig, bis sich in einer nächtlich leeren U-Bahn-Station drei flüchtige Einbrecher neben ihn stellen. Er wird verhaftet, gefoltert, aber er kommt frei und nimmt sich das Leben. In einer solchen Skizze zeigt Baldwin, dass der Mensch nicht nur durch die Tatsachen des Lebens gefährdet ist, sondern auch durch seine Vision vom Leben, mag sie positiv sein, wie die Bildung, mag sie negativ sein, wie die Angst, durch ein rein äußerliches und zufälliges Merkmal sterben zu können.

Sein Stiefvater dagegen ist ein äußerst jähzorniger, gewalttätiger und heuchlerischer Christ, ein scheinheiliger Hausmeister, beinahe muss man sagen ein Fundamentalist. Trotzdem ist das Leben in der immer größer werdenden Familie nicht nur schrecklich, denn John liebt seine Mutter und seine Stiefgeschwister, vor allem seine kleine Schwester, der er flüsternd rät, sobald sie auf ihren Beinen stehen kann, sie in die Hand zu nehmen und abzuhauen. John liebt auch seine Bücher und den wegen seiner Mädchengeschichten kritisierten Hilfsprediger. Überhaupt wird die Geschichte nicht ein bisschen selbstmitleidig oder larmoyant erzählt, schon gar nicht belehrend. Das Leben der Familie ist eigenartig auf und um den Sonntag und den Stiefvater zentriert. Aber gerade da liegt auch der Spielraum für John. Die Sprache des Erzählers und der kongenialen Übersetzerin Miriam Mandelkow gibt äußerst präzise die Mischung des Tons als die Mitte aus Gospel und Gosse wieder. Auch der Geist der Familie, all ihre Geschichten, sind aus der Bibel gespeist. Aber dann dringt die Straße mit ihrem Mord und Totschlag ein und übertönt die Bibel mit deren Mord und Totschlag. Weiter jedoch gibt es ganz lange und niemals langweilige meditationsartige Innenkommentare, die uns zeigen, wie jede Figur des Romans, so wie jeder Mensch im Leben, aus den Ereignissen Geschichten macht. Baldwin selber nennt das an anderer Stelle: aus der Unordnung des Lebens die Ordnung der Kunst machen.

Zu den erstaunlichen Eigenschaften des Romans gehört seine Präzision, mit der er die Verhältnisse und die Seelen, die Sprache und die geheimsten Gefühle der Menschen zu beschreiben vermag. Auch formal ist es Baldwin gelungen, eine überzeugende, fast adäquate Übereinstimmung zwischen den Geschichten und dem brillanten Stil zu finden. Die Vorgeschichten werden ohne Perspektivwechsel am selben Tag in Form von langen Gebeten den Figuren selbst in den Mund gelegt, ohne dass sie etwas, zum Beispiel ihre Geheimnisse, aussprechen müssen. Das Geheimnis des Stiefvaters, dass er schon einmal einen Sohn hatte, der aber statt von Gott berufen gewesen zu sein an seiner Wildheit zugrunde ging, wird virtuos als Spannungsmoment sowohl in seiner ersten tragischen Ehe als auch in bezug auf seine Schwester, zu der er ebenfalls eine sehr problematische Beziehung hat, benutzt. In dem selben Zeitraum und Maßstab, in dem das Geheimnis anschwillt, vermehrt sich aber auch die Fähigkeit des Stiefvaters, sein verlogenes Christentum als Selbstverteidigung einzusetzen.

Und langsam, beim Weiter- und Immerweiterlesen, dämmert dem faszinierten Leser auch, warum das Buch einen neuen deutschen Titel hat. Denn der amerikanische Titel beinhaltet sowohl die christliche Weihnachtsgeschichte, als auch, in einer älteren Textversion, das Suchen eines Menschen, der dann über die Berge und Hügel seinen Weg findet. Das bleibt dem deutschen Leser vielleicht verschlossen. Dagegen kennen wir alle, ob Christen oder Unchristen, die Karfreitagsantwort des weisen Yesus auf die Frage des bornierten Beamten Pontius Pilatus: dass er nämlich, im Gegensatz zu James Baldwin, nicht von dieser Welt sei. Baldwin hat sich viel später, nach diesem Roman, mit seiner berühmten Formel zur Welt bekannt: ‚I’m not a nigger. I’m a man.‘ Das scheint ein bisschen die neue Losung der gegenwärtigen Bürgerrechtsbewegung auszuschließen: BLACK LIVES MATTER. Aber beide gehören zusammen: erst wenn wir nicht mehr schwarze Leben extra zählen müssen, und wir alle sagen können: ich bin ein Mensch und nicht Mitglied einer Sorte Mensch, die sich für besser hält oder schlechtgeredet wird, erst dann wird die Welt besser geworden sein.

VON DIESER WELT ist nicht nur eins der besten Bücher, das ich je gelesen habe, sondern beginnt auch mit einem der besten ersten Sätze, mit denen je ein Roman begann: ‚Everyone had always said that John would be a preacher when he grew up, just like his father.‘ Man ahnt sofort: sein Vater ist nicht sein Vater, und John will auch nicht sein wie sein Vater, und er will ihn auch nicht zum Vater haben, sein Vater will einen göttlichen Sohn, der ihm dreimal verwehrt wird, deshalb beschimpft und verprügelt er John, der ganz gewiss kein Prediger, und der genauso gewiss nicht nur erwachsen wird, sondern wahrlich groß. Wir alle sind der Stiefsohn.

Und fast zum Schluss des Buches kommt ein noch besserer Satz, der zwar konkret von einer Romanfigur über eine andere Romanfigur geschrieben ist, aber für uns alle, für die ganze Menschheit gilt, auch für diejenigen, die nicht wissen, dass jedes Leben mit einer Bilanz, ob nun mit oder ohne Posaune des Jüngsten Gerichts, für das Jericho ein guter Ort geworden ist, endet: ‚Von allen Menschen … solltest du am heftigsten hoffen, dass die Bibel lügt – weil wenn die Posaune erschallt, brauchst du die Ewigkeit für deine Erklärungen.‘

 

 

James Baldwin, Von dieser Welt, dtv München; 2018

Raoul Peck, James Baldwin, I am not your negro, Edition Salzgeber, 2018                                                                                                                                                   oscarnominiert, berlinaleausgezeichnet

DAS HÖLTERLEIN-ZIMMER

 

Nr. 285

1

Wir öffnen das Fenster und sehen hinaus. Draußen steht ein Baum. Wir sehen ihn, aber gleichzeitig fällt uns ein, was wir über den Baum und die Bäume wissen. Der Baum hat also eine eigene Erzählung. Der Fachbegriff dafür heißt Narrativ, von lateinisch narrare = erzählen. Gleichzeitig und unabhängig von den Begriffen gibt es auch große Menschheitserzählungen, mit und in denen wir uns besser erkennen können. In allen Kulturen gibt es Erzählungen von der Entstehung des Menschen, zum einen, weil niemand wissen kann, wie der Mensch entstand, zum anderen, weil Prozesse über Millionen Jahre nur in einer symbolhaften Erzählung verstanden werden können. Die Geschichte von der Zerstörung der Stadt Sodom wegen des unmoralischen Lebenswandels ihrer Bewohner mag uns kindisch vorkommen, aber Tatsache ist, dass es unmoralische Menschen, zerstörte Städte und die ständige Verwechslung von Ursache und Wirkung  gibt. Diese Geschichte, so kindisch sie die Vernunft auch verurteilen mag, kennt jeder.

2

Schelling, Hegel und Hölderlin lebten für kurze Zeit im selben Zimmer im Evangelischen Stift Tübingen, zwei künftige Philosophen und ein unglücklicher Dichter sollten Pfarrer werden, wurden es aber zum Glück nicht. Wenn Hölderlin, dessen Namen Goethe sich nicht merken konnte oder wollte und in Hölterlein verhunzte, nichts neues vorzutragen hatte und nichts zu lernen war, gab es vielleicht Gespräche. Schelling mag gesagt haben: Ich lerne nur, um selbst zu schaffen, nur durch dieses göttliche Vermögen der Produktion ist man wahrer Mensch, ohne dasselbe nur eine leidlich klug eingerichtete Maschine.* Hölderlin erwiderte vielleicht: O, ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Haus stieß und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.** Hegel überlegte lange und stieß dann hervor, indem er heftig in seinem Heft blätterte: Ist erst das Reich der Vorstellungen revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.***

3

Es ist möglich, dass Kafka mit seiner vor hundert Jahren entstandenen Erzählung über die Metamorphose des Handlungsreisenden Gregor Samsa die Entstellungen des Menschen durch den ersten Weltkrieg vorwegnahm. Im Gegensatz zu seiner trostlosen Figur Samsa, dem summenden Käfer, war Abteilungsdirektor Dr. Franz Kafka in seiner Versicherungsgesellschaft hochgeschätzt und galt als fast unersetzbar, er wurde weder für den Krieg noch für seine 1917 mit einem Blutsturz beginnende schreckliche Krankheit freigestellt. Aber auf seinen Wegen wird er die verstümmelten Opfer des Krieges gesehen haben. Im Hungerwinter mag dies besonders kafkaesk gewesen sein.

Der erste Weltkrieg hat sowohl die schrillste Kriegsbegeisterung hervorgerufen als auch den stillsten Pazifismus. Die Kriegsbegeisterung wurde von vielen Intellektuellen nicht nur geteilt, sondern auch begründet und befördert. Die lange Friedensperiode in Europa verband man kausal mit der Entfremdung und Erstarrung, statt dass die Ursache dieser Entfremdung in der Industrialisierung und Säkularisierung gesehen wurde. Der Abschied der europäischen Menschen von der Natur, dem Dorf, der Familie, dem Handwerk und der Staatsreligion hat über ein Jahrhundert gedauert, wurde aber von den um 1913 lebenden Menschen auf den Überdruss des Friedens verortet. Im Krieg erwartete man die große Seelenreinigung, die man zu brauchen glaubte. Nur wenige Fachleute werden das tatsächliche Skript des Krieges geahnt haben: die Mechanisierung des Tötens mit dem Ergebnis seiner Potenzierung. Der Aufschwung von Chirurgie und Prothetik ist, genau wie die Weiterentwicklung von Kettenfahrzeugen und U-Booten, allein dem Krieg als Katalysator zugerechnet worden. Indessen führte die Seelenreinigung (Katharsis) des Krieges zu einer Sinnentleerung und einer zeitweiligen Aushöhlung des Tötungsverbots, die in Auschwitz und in den Gulag ihren Höhepunkt fand. Erst die Abschaffung der Todesstrafe und die theoretische und praktische Ächtung des Krieges haben zur vollständigen Wiedereinsetzung des Tötungsverbotes, merkwürdigerweise aber nicht zur Renaissance der christlichen Kirchen als moralischer Instanz geführt.

Die Entstellung durch das Alter findet sich schon in antiken Sagen, in denen Blindheit mit Weisheit gekoppelt werden, wie bei Teiresias oder Ödipus. Bei Teiresias, dem blinden Seher, wird auch die Vermännlichung der alten Frau und die Verweiblichung des alten Mannes dargestellt. Der unbekannte Dichter Anton Kuh sagte über den berühmten Dichter Stefan George, dass er wie eine alte Frau aussehe, die wie ein alter Mann aussieht. Und das sieht man häufiger! Bei den Brüdern Grimm taucht ein durch Tremor entstellter Alter auf, dem erst durch das Verständnis des Enkels seine Würde zurückgegeben wird. Die signifikante Erhöhung des Durchschnittsalters durch den allgemeinen Wohlstand führt zu der gerne als Vergreisung beschriebenen Deformation der Bevölkerungsstruktur. Oft übersehen wir dabei die damit einhergehende Entstellung zum Beispiel der Mobilität, aber auch der Sinneswahrnehmungen. Das Straßenbild wird zunehmend von Rollator genannten Gehhilfen bestimmt, Krücken, Stöcke, Hörgeräte, Brillen und Prothesen gehören zum Standardequipment des modernen Menschen in den Industrienationen, besonders in Japan und Deutschland. Dagegen ist in einem bitterarmen Land wie Niger die quicklebendige Hälfte der Menschen jünger als fünfzehn Jahre. Das Dilemma des Alterns ist die Wandel der körperlichen Gestalt und Funktion bei gleichzeitiger geistiger Wahrnehmung und Gestaltungskraft. Der Kern des Menschen, sein Wesen, seine Psyche bleibt unverändert, unbenommen. Das zeigt der zum Käfer geronnene Gregor Samsa aus Abteilungsdirektor Dr. Franz Kafkas heilloser fantasy. Die Idee der Entstellung als Folge der Entfremdung, als Ausdruck des Widerstands nach der Unterwerfung, der Freiheit also nach der Sklaverei der Arbeit, führte zu einem neuen Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, das von Kafka vielleicht erahnt oder erhofft und in der ‚Verwandlung‘ versucht wurde.

4

Kafka ging gerne ins Kino. Das Kino war mit der Schallplatte, dicht gefolgt vom Radio und Fernsehen, der zweite Schritt der Reproduktionsfähigkeit von Information und Kunst. Weder Hegel noch Kafka konnten das erzählende (narrative) Zeitalter voraussehen, ihre Vorahnungen waren aber höchst erstaunlich. Tatsächlich gibt es eine bemerkenswerte Differenz zwischen der Realität und der Vorstellung. Kinder leben in einer parallelen Spielwelt, aber das Theater gibt es auch schon seit altersher. Nachahmung ist das Gegenstück von Seelenreinigung****, wie die Klageweiber des Orients die Umkehr und die Mütter seiner Helden sind. Der Hass über den autoritären Lehrer entlädt sich am besten in seiner Parodie. Die Tragödie beschrieb schon Nietzsche als einen Zwilling der Musik als Bewusstseinserweiterung. Aber auch Drogen erzeugen parallele Inhalte, Vergrößerungen, Minimierungen, Mobilisierungen, Omnipotenzierungen der phantastischsten Art. Die Flugfähigkeit des Menschen, auch sie eine der antiken Ursagen, nämlich Ikarus und sein Erfinder und Vater Daidalos, der auch das Labyrinth und seine Lösung fand, den roten Faden, wurde noch im sechzehnten Jahrhundert im Bereich der Magie gesehen, so dass der vermutlich erste Mensch, der mehr als wenige Meter flog, Ahmed Celebi, zunächst kurz gefeiert, dann aber verbannt wurde. Im Verbannungsort, der maghrebinischen Wüste, starb er dreißigjährig und allein.

Zunächst erscheint es so, als ob all die Technik der Informations- und Kunstreproduktion die Entfremdung vertiefen oder ein neue Entfremdung erzeugen würde. Millionen tief in ihre Geräte versenkter Jugendlicher lassen uns glauben, dass sie für die Realität verloren sind. Auch die parallel entstandene HipHopKunst handelt von der Flucht aus der Welt, wie schon vor ihr die Romantik oder das Barock. Statt also ein apokalyptisches Verschwinden zeigt die Gegenwart vielmehr ein katalytisches Verwandeln, einerseits zyklisch, andererseits progressiv. Dass der Bruch mit der Vergangenheit diesmal tief und vor allem schnell sei, daran hegt niemand Zweifel, nur das heißt bei weitem nicht, dass er auch zerstörend oder gar endgültig sei.

Das Reich der Vorstellungen ist technisch so radikal revolutioniert, dass auch der Inhalt sich zu verwandeln beginnt. Was mit Edgar Allan Poe und Jules Verne als science fiction begann, hat eine ganze fantasy-Industrie hervorgebracht, einen Komplex aus Filmen, Spielen, Musikproduktionen, Verbundnetzen, die thematisch festgelegt oder generalisiert sind. Zwar bleibt es eine Illusion, dass man zum Beispiel bei facebook mit mehr als zwei Milliarden Menschen kommuniziert, davon abgesehen, dass es nach wie vor keine Botschaft für sie gäbe, aber die Illusion hat die Möglichkeit an die Seite bekommen und das Minimalmodell: mit den uns bekannten Menschen können wir über Raum und Zeitgrenzen hinweg kommunizieren. Das hilft nicht nur bei der Bewältigung der komplexen Realität, sondern erweitert auch fortlaufend die Vorstellung. Der heutige Mensch muss sich nicht in einen Käfer verwandeln, er kann sich selber zu jeder Zeit und überall jede nur vorstellbare Gestalt geben, ohne entstellt zu werden. Seine Vorstellungskraft wächst mit der Zahl seiner Verwandlungen.

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Es gibt auch immer die Angst, all das Neue könnte die Intimität zum Beispiel der Familie oder der Liebe zerstören, eine solche produktive Gedankenbrutstätte wie das Hölterleinzimmer würde es gar nicht mehr geben. Das Gegenteil scheint wirklicher zu sein: das Ende des achtzehnten und der Beginn der neunzehnten Jahrhunderts war für Jugendliche die Hölle. Man glaubte, dass man den Kindern das Gute und das Wissen einbläuen könnte, mit dem Stock das verstärken, was der Geist nicht vorstellen konnte. Das Böse erzeugt immer nur das Böse, aber das Gute erzeugt eben auch das Gute. Das wissen wir erst seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg dank der Geistesriesen Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King und John Lennon, die übrigens Menschen waren. Dass drei von ihnen von ihren Gegnern erschossen wurden, bestätigt das bittere Faustwort, dass, wer etwas davon erkannt, seit je gekreuzigt und verbrannt wurde. Es gibt immer auch die Angst. Natürlich steht auch Goethe mit seinem vielzitierten Faust in der Ahnenreihe des narrativen Zeitalters. Das Silicon Valley ist sechshundert Kilometer von der alten Traumfabrik Hollywood entfernt, aber direkt aus ihr geboren. Das Silizium, der elementare Grundbaustein des Computers, ist das Gegenteil von dem alten verhängnisvollen Silentium (SCHWEIGE!!!), das Generationen disziplinieren sollte. Der alte Traum, den Staat, den man einerseits als Strukturfaktor braucht, der sich aber immer, auch in seiner bürokratischsten Form, der Demokratie, verselbstständigt und zur Ordnungsmacht wird, der in so vielen Utopien – Nirgendwoen – zerstört wurde, um sich immer wieder zu erheben, scheint erst im berühmten Tal von San Francisco sein wohlverdientes Grab zu finden. Fast unbemerkt hat sich die Romantik (= ‚die Welt poetisieren!‘) verwirklicht und Besitz von den meisten Menschen ergriffen. Selbst im  ärmsten Land Afrikas, in Niger, kann man sich fast leichter eine Geschichte beschaffen als eine warme Mahlzeit. Die Vorstellung wurde revolutioniert, und das ist wohl nach der Freiheits-, Gleichheits- und Brüderlichkeitsrevolution die größte und noch größere. Es ist wunderbar – im wahrsten Sinne des Wortes -, dass das Denken nach dem Fliegen die größte Errungenschaft und das schönste Vergnügen, die beste Verwandlung und tiefste Revolution der Menschheit geworden ist. Was zählt, ist das Erzählte, nicht die Zahl.

 

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So wie die Romantik der Reflex und die Abwehr der Industrialisierung und Säkularisierung war, eine Anti-Technik-Bewegung, die mit dem Gedicht gegen die Lokomotive vorging,  eine Flucht in den Traum, so ist vielleicht das Heraufbeschwören des Nationalismus oder auch nur der Nation der letzte Reflex des bedrängten Menschen, der seine letzte Identität schwinden sieht, die seiner nationalen Herkunft.

Wahrscheinlicher ist hingegen, dass der Mensch, so wie bei Kafka vorausgeahnt, zu Verwandlungen fähig ist, die sich in den großen Erzählungen, inzwischen meist Filmen oder Spielen, spiegeln. Und wer Herr über alle Geschichten wird, muss und wird nicht mehr schweigen. Neben die Inflation des Geldes und der Dinge tritt die Inflation des Wortes, auch des Schimpfwortes. Aber man darf sich nicht täuschen: Was zählt, ist das Erzählte. Geschichten machen nicht satt, aber besser. Satter als satt kann man nicht sein, aber besser als gut.

 

 

 

*SCHELLING, Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums

**HÖLDERLIN, Hyperion

***HEGEL an Niethammer 28.10.1808

****Mimesis ist das Komplement der Katharsis.

DER REISENDE. Eine Rezension*

 

Nr. 284

Um es gleich vorwegzunehmen, der Reisende aus diesem ungeheuer frischen und aktuellen Buch erreicht kein Ziel. Man kann sicher annehmen, dass er in der psychiatrischen Klinik, in der er endlich landet, endet. Auch der sehr junge und höchst originelle Autor hat sein Ziel nicht erreicht. Auf dem Weg von Australien, wo er in einem Lager für enemy aliens interniert war, zurück nach England wurde er von einem deutschen U-Boot versenkt. Nur seine beiden Bücher haben überlebt, wenn auch nur eines von beiden jetzt zum ersten mal in der Muttersprache des Autors erscheint.

Otto Silbermann, der so heißt wie ein typischer deutscher Jude und ein typischer deutscher Orgelbaumeister, ist ein typischer deutscher erfolgreicher Geschäftsmann. Aber in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 brechen sein Geschäft und sein Leben plötzlich zusammen. Trotzdem, und das ist schon einmal bemerkenswert, findet er es richtig, was Herschel Grünspan in Paris getan hat. Wie viele deutsche Bürger dieser Zeit kann er nicht glauben, was er sieht. Sein nicht unbeträchtliches Vermögen schmilzt in wenigen Tagen zum Inhalt einer Aktentasche, und es ist nur eine Frage von wenigen weiteren Tagen, dass auch die verschwindet. Das Buch wird immer spannender, je weiter es dem Ende zugeht. Es wird sehr viel über Geld geredet, fast auf jeder Seite, fast immer sehr intelligente Bemerkungen, aber es verliert in dem Maße an Bedeutung, wie es Silbermann aus den Händen schwindet. Geld wird als akkumulierte Zeit gesehen und verliert seinen Wert, je weiter sich der Protagonist von seinem bürgerlichen Leben entfernt.

Die zweite Hauptmetapher ist das Reisen in den Zügen. ‚Ich bin in die Deutsche Reichsbahn emigriert‘, lässt der Autor seinen Protagonisten sagen, und beide können noch nicht wissen, dass in wenigen Jahren alle europäische Juden mit der Deutschen Reichsbahn in den Tod fahren werden. Zunächst hat er noch konkrete Ziele, er reist seinem ehemaligen Geschäftspartner und Kriegskameraden nach, er lässt sich auf einen bezahlten Grenzübertritt ein. Dann überlässt er sich dem Zufall, und noch einmal, diesmal durch einen jungen Kommunisten, der Geld braucht, um heiraten zu können, stolpert er erfolglos über eine Grenze. Aber zunehmend fährt er scheinbar sinnlos kreuz und quer durch Deutschland, um ein Panorama der verschiedenen Menschentypen zu erleben und der Endstation zu entkommen.

Immer wieder sieht er auf seine sicherlich wertvolle Uhr, obwohl die Zeit parallel zu dem Geld an Bedeutung verliert. Seine Familie entschwindet langsam aus seinem Bewusstsein. Sein Sohn, den er wegen der Erfolglosigkeit fast verachtet, versucht legale Einreisepapiere nach Frankreich oder Belgien zu bekommen. Seine Frau, die nicht jüdischer Herkunft ist, hält zwar theoretisch zu ihm, flieht praktisch jedoch zu ihrem Bruder, der durch einen Besuch Silbermanns, der ihm einst auch finanziell half, nicht kompromittiert werden will.

Die erschreckende Authentizität kommt durch die zeitliche und räumliche Nähe des Verfassers, der das Buch im November und Dezember 1938 in Belgien schrieb. Es liest sich wie ein Tatsachenbericht oder der Beginn einer Autobiografie. Die nicht minder schockierende Aktualität dagegen kommt daher, dass sich die Verhältnisse in dem ach so aufgeklärten Europa scheinbar nicht geändert haben. Die belgischen Beamten aus dem Buch sagen exakt das gleiche wie die bayrischen Beamten in der Wirklichkeit des Jahres 2015: Wir können doch nicht jeden aufnehmen. Aus einer nebulösen Hochrechnung (‚jeder‘) wird eine unmenschliche Ablehnung und Abschiebung des einzelnen. Niemand will sich kompromittieren. Zum Schluss lehnt sogar Silbermann selbst jüdisch aussehende Juden ab. Zum Glück merkt er es zwar noch, aber er kann nicht verhindern, dass bis zum heutigen Tag die Klischees, die Stereotype, der Primat der äußerlichen Merkmale und die Sprache der Täter weiterverwendet werden. Wir glauben letztendlich doch, dass in der gekrümmten Nase, den schwarzen Haaren oder der verbrannten Haut** negative Eigenschaften erkennbar wären. Besonders das Stereotyp von der permanenten sexuellen Übergriffigkeit wird seit dem Mittelalter benutzt. Zwar lag dem vielleicht die Angst um die korrekte Weitergabe ökonomischer Güter, des Erbes, zugrunde, aber wenn man bedenkt, dass selbst Könige sich gegenseitig adoptiert haben, dann wird klar, dass wir tatsächlich die wahre Vaterschaft vor die biologische stellen. Aber selbst wenn es nicht so wäre, rechtfertigt eine sexuelle Handlung keinen Totschlag, wie man im Johannes-Evangelium wunderbar nachlesen kann.

Ideologisch wie faktisch ist eine Flucht also immer zyklisch. Man flieht in die gleichen Zustände, aus denen man soeben entkam. Bei dem Silbermann des Buchs ist es schon deshalb so, weil es ihm nicht gelingt, die Reichsgrenze zu überschreiten. Aber wenn er es geschafft hätte, wäre er in Belgien oder in der Schweiz auf Menschen getroffen, die der Meinung waren, dass man nicht alle aufnehmen könne. In Großbritannien räumte man später ein, dass es ein Fehler war, jüdische Flüchtlinge als enemy aliens zu behandeln. Ulrich Alexander Boschwitz hat den Fehler mit dem Leben bezahlt. In Polen wird gerade über ein unsinniges Gesetz gestritten, nach dem man nicht mehr behaupten darf, dass der polnische Staat diesbezügliche Fehler gemacht habe. In der frühen DDR hat die kommunistische Führung lieber einen Nazi, der erpressbar war, zu Rektor der renommiertesten Universität gemacht als einen international anerkannten Wissenschaftler jüdischer Herkunft***. Das war zu der Zeit, als der Verfasser der Nürnberger Gesetze, Hans Maria Globke, Chef des Bundeskanzleramtes war.

Das erschreckend gleichbleibende Kriterium ist aber nicht nur der Antisemitismus, sondern auch die Xenophobie und die Abschottung, also jegliches ANTI. Kultur schließt aber nur eines aus: nämlich das Ausschließen. Kultur ist die Aufnahme nicht nur des Nächsten oder Feindes, wenn er das wünscht, sondern auch seiner Spezifika. Jede Kultur gehört allen Menschen. Keine Kultur ist elitär gegenüber den anderen. Vorteile von Gebieten und den dort lebenden Menschen sind genauso temporär wie Nachteile. Jahrtausendelang hat Afrika einen klimatischen Vorteil gehabt. Vielleicht kommt bald die Zeit, in der alle mit Freude nach Afrika blicken. Auch China oder der Islam waren schon einmal der kulturelle Mittelpunkt der Welt. Insofern gehören alle drei nach Europa, so wie Europa sich auch einen Platz in den Herzen der anderen geschaffen hat, trotz der vielen Kriege, trotz des Sklavenhandels, trotz der Überheblichkeit.

 

 

*  Ulrich Alexander Boschwitz, Der Reisende (The Man Who Took Trains, The Fugitive, Le fugitif), Klett-Cotta 2018

** daher kommt das Wort Äthiopier, früher Synonym für Afrikaner

*** der Jurist Walter Neye, NSDAP-Mitglied, gegen den Ökonomen und Kommunisten Jürgen Kuczynski, der außerdem Oberstleutnant der US-Army war

DER SCHLECHTE MENSCH WIRD ENDLICH GUT

 

Nr. 283

Im Mittelalter ging die Angst vor den Antipoden um, die auch von den herrschenden Eliten gestützt, dagegen von den meisten Wissenschaftlern nicht mitgetragen wurde. Sobald man anfängt zu denken, kann man Relativität einbeziehen. Solange man von  Dogmen abhängt, bleibt man im Gefängnis der Absolutheit. Das gilt auch umgekehrt: nur das Gefängnis ist ein absoluter Ort, der kaum Relativität zulässt.

Denn zunächst brauchen wir die Bestätigung und den Zusammenhalt der Gruppe. Diese Grundsolidarität, aus der sich auch ein Grundvertrauen speist, das uns ein Leben lang begleitet, ist es auch, das die meisten von uns an die eigene Gruppe und deren Vorstellungen kettet. Deshalb haben alle uns bekannten Gesellschaftssysteme eine Ausschließlichkeit der Gedanken und Taten von uns verlangt. Und da ist der Haken: ‚alle uns bekannten‘. Wir halten das herrschende Narrativ für richtig, für mehrheitsgetragen und unwiderlegbar. Und das ist alles falsch. Erstens gibt es kein ‚richtig‘. Das Gegenargument, dass es dann auch kein ‚falsch‘ geben kann, führt uns nicht weiter, denn wir operieren sozusagen im trial-and-error-Modus, der die nicht praktikablen Lösungen nicht bestätigt, die praktikablen dagegen relativiert. leichter gesagt: was heute richtig war, kann morgen falsch sein. es gibt kein richtig, das länger als  die Zeit währt. Aber natürlich versuchen wir, Lösungen über den Tag zu retten. man könnte auch sagen, jeder Konservatismus ist verständlich, aber unrealistisch.

Zweitens sind Lösungen der Gesellschaft eben nicht mehrheitsgetragen. An einem Krieg nehmen, das ist inzwischen sprichwörtlich, nur die jungen Männer teil. Ob sie nun von den älteren, konkurrierenden Männern absichtsvoll in den Tod geschickt werden oder ob die herrschende Elite tatsächlich glaubt, durch einen Krieg Land oder Ansehen zu gewinnen, das ist genauso unentscheidbar wie die Frage nach der Liebe, die möglicherweise echt und gegenseitig, aber genauso möglich auch taktisch und egoistisch sein kann. Tatsache ist nicht der Krieg, sondern das Narrativ des Krieges. Die Wahrnehmung von uns Menschen bezieht sich auf die Wirklichkeit und die Erzählung über die Wirklichkeit. Jahrtausendelang wurde der Krieg als legitimes Mittel eingesetzt, obwohl alle Religionen und Philosophien das Tötungsverbot haben. Alle Pazifisten wurden zu unmündigen Minderheiten erklärt: alle Frauen, alle Kinder, alle Greise, alle Kranken oder Behinderten, alle Denker. Krieg ist immer Kriegsgeschrei. So wie es keine Sklaverei von Natur aus gibt, sondern nur mit Gewalt, genauso gibt es auch keinen Krieg und keine Recht auf Tötung oder Eroberung. Das heißt nicht, dass es keinen Krieg, keine Tötungen und keine Eroberungen gibt. Wir rechtfertigen gern alle unsere Taten mit dem Verweis auf andere, nur ist Rechtfertigung eben keine Begründung von Recht. Recht kann nur durch Einverständnis entstehen. Das ist der Grund, warum wir plötzlich von Minderheiten umstellt sind, die nach Anerkennung rufen.

Drittens ist keine Gedanke unwiderlegbar. Da sich die Wirklichkeit verändert, sei es nun zyklisch, periodisch oder grundstürzend, muss sich auch die Wahrnehmung, das Denken und letztlich die Erzählung ändern. Als Beispiel mag die Geschwindigkeit dienen: dem romantischen Dichter Eichendorff erschien die Eisenbahn mit ihren damals fünfzig Kilometern in der Stunde als Wahnsinn gegenüber dem Wandern, der große Industrielle und Politiker Rathenau schrieb von der Kilometerjagd des Automobils, und heute akzeptieren wir Eisenbahnen und Elektromobile nur, wenn sie spielend zweihundertfünfzig Kilometer in der Stunde schaffen.

Wir sehen die Welt mit den falschen Augen. Nicht die Welt ist pervers, sondern unser Beobachtungsstandpunkt. Böse sind immer nur die anderen. Oder haben wir schon von einem Staat gehört, der sich selbst zum Reich des Bösen erklärt? Herodes, Nero, Napoleon, Hitler, Stalin, Mao taten das Böse in Übereinstimmung mit der Mehrheit. diese Mehrheit gaben sie immer als demokratische Legitimation und Wahrheitsbeweis aus. Dabei ist es umgekehrt: das Böse ist die usurpierende Minderheit, die der Mehrheit einzureden versteht, dass dieses Tun rechtens, alternativlos und die Lösung aller Probleme ist.

Auch alle guten Ideen haben sich bisher immer nach diesem Muster pervertiert und pervertieren lassen. Das Böse kann leicht zum Zeitgeist werden. Wäre aber das Böse die bestimmende Kraft der Welt, dann würde es keine menschliche Welt mehr geben. Auch die Natur ist kein Gegenparadies der Grausamkeit, indem sinnlos mordende Raubtiere wüten. Der Wolf, der das überdrauf getötete Lamm vergräbt, sorgt vor. Die Verurteilung oder gar Verfolgung des Wolfs ist nach einem Blick in unsere Schlacht- und Kühlhäuser eigentlich unmöglich. Die Natur ist ein Wechselspiel, gelebte Dialektik, und kein Schauspiel der Grausamkeit.

Nie in der Weltgeschichte hat das Böse überlebt. Immer ist es beseitigt worden. Allerdings war oft eine Gruppe obsiegend, die sich dann selbst der Mittel bediente, die sie einst bekämpft hatte. Leider gilt unsere schöne Formel auch umgekehrt: noch nie ist es gelungen, das Böse ganz zu vermeiden. Ob nun gestützt oder nicht, finden sich immer wieder Gewalttaten und Gewaltherrscher, gegen die man lange machtlos scheint. Man darf sich nur nicht freiwillig unter ihre Herrschaft begeben, also zum Beispiel glauben, dass eine salafistische oder maoistische oder nazistische Gruppe Europa oder gar die Welt beherrschen könnte. Das mag im Irak oder in Syrien schwer gewesen sein, in Bochum und Berlin dagegen ist es leicht.

Schon Rousseau beschrieb mit seinen edlen Wilden Menschen, die nicht unter unserer Zivilisation lebten. Was innerhalb unserer Gesellschaft gilt, dass die Mehrheit Frauen, Kinder, Greise, Kranke, Behinderte und Denker sind, und nicht aggressive junge Männer geführt von vernichtungswilligen Greisen, weil sie selbst bald vernichtet sind, gilt nämlich auch weltweit: die Mehrheit der Menschen lebt immer noch in Dörfern und Waldsiedlungen, weitab von Krieg und Kriegsgeschrei. Die weltweit weitaus meisten Greise sind keine Generäle oder Kardinäle, obwohl diese Wörter gerade das suggerieren. Jede Behauptung über die Geschichte oder in die Geschichte hinein, ist immer eine Extrapolation unserer Vorstellungen in die andere Welt.

Deshalb ist unsere Angst vor den Antipoden die Angst vor uns selbst, die Angst, die anderen könnten so sein wie wir. Die Lösung ist, die Welt immer mit den Augen der anderen zu sehen versuchen. Die Mittel dazu sind der Dank und das Denken.