KEINE PARTEI, SONDERN HANDELSVEREIN

 

Nr. 263

 

Wir alle wundern uns, dass die AfD kaum über andere Probleme spricht als über Flüchtlinge und Islamisierung. Der FDP-Vorsitzende Lindner vermutet, die AfDisten am Büfett statt an Sachthemen interessiert, viele halten sie für inkompetent. Es gibt immer tausend Gründe. Der Hauptgrund ist aber wohl, dass sie gar keine politische Partei ist.

Sie bedient auf der einen Seite das latente Hasspotential, die Lust zu widersprechen, die neue Möglichkeit, längst vergessen und begraben geglaubtes aus der Versenkung holen und aussprechen zu dürfen. Das Holocaust-Denkmal in Berlin hat drei Millionen Besucher im Jahr, aber es gibt auch Menschen, die es nicht verstehen. Denen spricht die AfD tatsächlich aus dem Herzen. Der Höcke-Satz, dass es kein Volk gäbe, das sich so sichtlich und erfolgreich mit seiner negativen Vergangenheit auseinandersetzt, ist in dem Sinne zu interpretieren. Anlässlich der Wehrmachtsausstellung in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die Frage der Leistungen und Verbrechen der Wehrmacht diskutiert. Vielleicht sah damals mancher seinen Großvater diskreditiert. Tatsächlich hat sein Großvater Deutschland diskreditiert, in dem er einen Krieg mitmachte, der bar aller Vernunft war, gegen die Ansicht von Clausewitz, auf den man sich fälschlich berief, dass der Krieg lediglich die Fortsetzung der Politik sei. Was sind das für Nationalisten, die das eigene Volk besudeln, das sich aus der Selbstbesudelung so wunderbar hervorgehoben hat.

Auf der anderen Seite bedient sich die AfD einfach der Demokratie, um Geld zu verdienen. Insofern ist sie keine politische Partei, sondern ein sehr einseitiger und unfairer Handelsverein, Rabattjäger ohne wirklich Konsument oder gar Produzent zu sein. Die AfD-Antwort auf dieses AfD-Verhalten ist einfach: härtere Strafen, man darf das nicht durchgehen lassen, zum Schluss wird unsere gute alte Demokratie nicht nur angezweifelt, sondern autokratisiert. Sie würden, wenn sie ihr Verhalten von außen beurteilen müssten, ganz klar den Rechtsbruch erkennen und vehement bekämpfen. Genauso hat übrigens Goebbels argumentiert, als die echten Nazis den Reichstag (damals noch in Einheit von Inhalt und Form) nach und nach übernahmen: man werde die Demokratie benutzen und von innen aushöhlen.

Aber das ist gerade der Unterschied. Die Demokratie ist für alle da, auch für diejenigen, die sie aushöhlen wollen, denn sie werden damit scheitern. Deshalb ist es merkwürdig, wenn immer davon gesprochen wird, dass falsche Toleranz dies und jenes bewirke. Toleranz ist doch nur das Dulden eines anderen, unabhängig von der selbst zu wählenden Distanz. Toleranz außerhalb einer Rechtsordnung ist heute nicht mehr vorstellbar. Im Rechtsstaat wohnt niemand neben einem Mörder. Unserer Rechts- und Strafverfolgungssystem hat zur dauerhaften und nachhaltigen Senkung der Kriminalität geführt. Deutschland gehört zu den sichersten Ländern der Welt.  Was soll also falsche Toleranz sein?

Es ist die immer gleiche Diskussion, von der nur neu ist, dass sie wieder möglich wurde. Allerdings ist ihre Unmöglichkeit nicht gerade ein Ruhmesblatt für Demokratie und Diskurs, denn wir haben diese Diskussionen auch gerne ausgetreten wie einen beginnenden Waldbrand, ohne selbst zu beachten, dass wir eine hervorragend funktionierende Feuerwehr haben.

Drei Beispiele des gleichen Argumentationstyps sollen das veranschaulichen.

Unter Kinderarmut muss man sich nicht verarmende Kinder bei wohlhabenden Eltern vorstellen, was ein gutes Sujet für ein gesellschaftskritisches Theaterstück wäre, sondern die Kinder der Armen, die nicht so gut ausgestattet sind wie die Kinder der Reichen. Zu beklagen ist eine Ungleichheit in der Gesellschaft doch aber nur, wenn man sie für ungerecht hält. Die beiden hervorstechendsten Errungenschaften unserer Gesellschaft sind aber gerade die Demokratie auf der einen Seite und die mit ihr verbundene soziale Durchlässigkeit auf der anderen Seite. In Deutschland hängt immer noch viel an der Bildungsferne oder Bildungsnähe der Eltern, es ist anscheinend wichtig, was am Abendbrottisch besprochen wird, und trotzdem kann ein Mensch von ganz unten Vorstandsvorsitzender oder  Bundeskanzler werden. Das ist anders als in den USA oder im bildungsverliebten Frankreich. Die Tradition der Berufsbildung, die in Deutschland begründet wurde, ermöglicht diese soziale Mobilität und widerspricht damit dem konventionellen System der Eliteschulen. Diesterwegs Satz, dass Volksbefreiung eben Volksbildung sei, ist somit einerseits moderner als das Lamento über Kinderarmut, andererseits zeigt er die tiefe Verankerung der Demokratie, lange vor ihrer Institutionalisierung.

Die Wut im Netz, die von der AfD geschürt und teilweise ermöglicht wird, ist doch keinesfalls neu. Wieder einmal zeigt sich, dass das Medium keineswegs die Botschaft ist, Wut ist auch gar keine Botschaft, sondern eben gerade die Botschaftslosigkeit. Die Demokratie erzeugt im besten Falle eine soziale Durchlässigkeit, weniger Armut und Rechtsstaatlichkeit. Trotzdem gibt es Menschen, denen es weniger gut gelingt, am gesellschaftlichen Standard und damit am Wohlstand teilzunehmen. Die Frustrationen, die diese Menschen auch als ganz konkrete Demütigungen, zum Beispiel in Ämtern, erleiden, können sich durch die sozialen Medien einfach nur verbreiten, und es ist nicht nötig, die Erkenntnis der Echokammern hier noch einmal ausdrücklich zu erklären. Auch diese Echokammern sind nicht neu, sondern nur größer und effektiver. Aber was ist denn nicht größer und effektiver als früher? Früher war alles schlechter, aber nicht jeder hat alles gewusst. Dazu tragen übrigens bei weitem nicht nur die Medien bei, sondern auch die Freizeit und die Freiheit von Existenzangst. Ein Mensch, der aufgrund seiner mangelnden Ausbildung oder seiner Unterbeschäftigung weniger Beiträge bringt, muss natürlich nicht dankbar sein, dass er trotzdem mehr als satt wird und an großflächigen Bildschirmen das Weltgeschehen verfolgen kann, soweit er es versteht, aber es wundert doch, dass sich seine Frustration nicht in Taten, sondern in Wut entlädt und er dann auch noch AfD wählt. Das Weltgeschehen endet bei ihm oft im Grundsicherungsamt.

Immer wieder wird, um ein härteres Vorgehen gegen Sexualstraftäter oder kriminelle Flüchtlinge zu begründen, mit der Dunkelziffer argumentiert. Diese Dunkelziffer, die in Wirklichkeit keine Ziffer, sondern eine Metapher ist, kennt niemand, der Verteidiger des Rechtsstaates ebenso wenig wie sein schärfster Kritiker. Wir müssen uns also auf die bekannten Delinquenten gleichzeitig konzentrieren und beschränken. Jede Empörung geht ins Leere, wenn sie nicht in Taten, sondern nur in Pessimismus oder gar apokalyptische Wahnvorstellungen übertragen werden kann. Jeder, der für BROT FÜR DIE WELT spendet, tut etwas Gutes und damit richtiges, jeder dagegen, der mit Plakaten auf die Straße geht, auf denen die Verfolgung möglicher und zukünftiger Verbrecher gefordert wird, handelt zumindest irrational. Prävention findet nicht auf der Straße, sondern in der Schule statt, genauso wie Volksbefreiung.

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DRITTER HAUPTSATZ


 

Nr. 262

Ihr führt Krieg?

Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn?

So nehmt doch die Grenzsteine weg –

so habt ihr keine Nachbarn mehr.

 

Friedrich Nietzsche  (173. Geburtstag)

 

Und es ist noch schlimmer: hinterher weiß unsere Erinnerung, dass wir gar nicht schuld waren. Vom Kindergarten bis zum Streit ums Erbe und Erbbegräbnis: es sind immer die anderen. Der Nachbar ist die ideale Projektionsfläche des Bösen. Alles, was anders ist, ist schuldiger und dümmer als wir. Wer fremd ist, weiß den Weg nicht, den wir gerade gingen. Was zählt, ist unser Erfolg, nicht unser Preis.

Dabei ist jeder fremd, der auf die Welt kommt und mancher Preis ist das Leben. Auch der Freund ist der Fremde – zunächst und danach! Wir sind also gut beraten, auf die sanften Stimmen zu hören, auf die Güte und auf den Charakter. Sanfte Sätze und radikale Lösungen schließen sich nicht aus. Die Grenzsteine hinwegzunehmen ist genau so radikal, wie sie zu setzen. Das war die Vorbedingung für Wirtschaft und Gleichberechtigung. Die Gleichberechtigung, die in dem ersten Prozess der Sozialisation der Menschheit als Ergebnis erscheint, wird jetzt als Vorbedingung gebraucht.

Ohne Grenzsteine kann nur leben, wer andere ertragen kann, ohne sie dominieren zu wollen und ohne sich hinter sich selbst zurückzunehmen. Das ist eine Balance, die fast buddhistisch klingt.

 

Die grammatische Form des Satzes, der Imperativ: Nehmt die Grenzsteine weg!, lehrt uns, dass diese Lebensform lernbar ist. Wir sind nicht verurteilt, der Stimme unseres Blutes zu folgen, falls es sie gibt. Wir müssen nicht die Fehler unserer Ahnen ahmen. Unser Profil ist zwar weder beliebig noch so variabel wie die Profile in digitalen Netzwerken, aber doch auch nicht invariabel. Wir sind veränderbar! Die Schule der letzten tausend Jahre hat sich vor allem mit der Weitergabe von so genannten Fakten beholfen. Wo offensichtlich keine Fakten waren, hat man sie erfunden oder die Phänomene in Fakten atomisiert. Die Weitergabe von Weisheit erfordert weitaus mehr Zeit und Liebe. Für sie gibt es nur modellhafte Schulen. In einer autoritären Schule fällt es natürlich schwer zu denken, dass man sich ertragen muss. Es käme also seit Seneca darauf an, die Schule endlich umzukehren, aus einem Abbild der Vergangenheit ein Paradigma der Zukunft zu machen: die Welt ohne Grenzsteine.

All die Abgrenzungen der Vergangenheit, das Abwehren des Fremden zur Sicherung der eigenen Identitäten werden sinnlos, wenn man sich auf der anderen Seite in ein informationelles Atom einer riesigen Datenwelt verwandelt. Allerdings versuchen alle diese Atome Profile zu entwickeln, die kompatibel mit anderen sind. Es kommt darauf an, vorweisbare Freunde zu haben und dadurch möglichst viele likes. Es kann also sein, dass das Ideal der menschlichen Menschheit, die Verbrüderung und Verschwisterung, durch die Informationstechnologien und die Vernetzungen, durch den Drang zur Aktivität in den sozialen Netzwerken befördert, wenn nicht verwirklicht wird. Der analoge Fall dazu ist die Forderung der Romantik nach Poetisierung der Welt, die in der Verfilmung aller Weltbegebenheiten ihre Verwirklichung so weitgehend fand, dass man davon sprechen kannn, dass sehr viele Menschen die Wirklichkeit nur noch durch Filme und Computerspiele zur Kenntnis nehmen. Zwei schöne Ironien am Rande sind, dass Wagners Musik der Vorläufer der Filmmusik ist und dass an die Stelle von Grimms Märchen alle Arten von Fantasyerzählungen getreten sind und dass die Schreibung des eingedeutschten    französischen Wortes sich gerade von selbst anglisiert.

Die möglichen Gegenargumente sind immer dieselben: es wird eine neue Kriminalität befürchtet, die Jagd nach den kostenpflichtigen oder finanziell verwertbaren Anteilen der Profile. Das ist sicher richtig, nur liegt der Grund dafür nicht in den Maschinen und ihren virtuellen Welten, sondern in unserer Gier. Sobald uns jemand etwas anbietet, glauben wir zunächst und kurz, dass es für uns günstig sei. Wir kaufen Dinge, nicht weil wir sie brauchen, sondern weil sie vermeintlich billiger sind als dieselben Dinge wo anders oder als andere Dinge hier. Das mag gut für die Wirtschaft sein, aber wer ist die Wirtschaft, wenn nicht wir? Jedoch haben wir nicht nur eine wirtschaftliche Dimension. Die Kriminalität nimmt ab, aber sie nimmt auch in dem Maß ab, wie die Profilierung der Menschen zunimmt und wie es uns gelingt, das Geld von seinem unverdienten Thron zu stürzen.

Was ist denn die Angst vor der Transparenz anderes als ein überholter Grenzstein? Die Kriminalität wird nur als Vehikel davorgeschoben, um sich nicht zeigen zu müssen. Die Netzwerke dagegen dulden keine blassen Profile. Sie fördern aber auch das bis dahin völlig Unbekannte. Wir wussten nicht, dass der Fußballer ganz in einer Welt der Musik lebt. Wir konnten nicht ahnen, dass der Staatssekretär Sonnenuntergänge und sich mehr  liebt als Politik und Amt, wofür wir ihn jetzt mehr schätzen. Wir sehen – ohne Netzwerk –  den Nachbarn nicht als Poeten oder Fotografen, der er ist, den Schüler nicht als Gläubigen und den Kaufmann nicht als Trauernden. Natürlich gibt es auch Nationalisten und Sexisten, vielleicht auch Fundamentalisten und Rassisten. Aber sie sind im Netz genau wie in der Wirklichkeit eine verschwindend geringe Minderheit. Die Dürftigkeit ihrer Argumente wird unter der Transparenz deutlicher als im lauten Alltag. Netz und Alltag verhalten sich in diesem Punkt wie Regenguss und Reagenzglas. Der Monitor verengt zwar den Blick, aber konzentriert und vertieft ihn auch.

Die Demokratie wird sich durch vielleicht heute noch unbekannte Netzwerke verändern, weniger im Sinne einer schwerfälligen Basisdemokratie oder Graswurzelrevolution, sondern einfach im Sinne der schon immer geforderten und jetzt erst durchsetzbaren Transparenz. Das muss kein neues Demokratiemodell sein, schon gar nicht ein völlig anderes Politikparadigma, sondern einfach nur die sprunghafte Verbesserung des kopflastigen Typs der repräsentativen Demokratie, die so sehr zum verbergen im Namen des Guten, des Volkes, des Fortschritts, der Wirtschaft, ja, Gottes neigte, dass ihre Gegner links und rechts das Verbergen mit der Demokratie populistisch verwechselt haben, weil sie es verwechseln wollten.

Das antinationalistische Bild aus tief nationalistischer Zeit wird zum Aufbruchssignal in die gläserne Zeit, vor der manche noch zittern, die aber unausweichlich ist, weil ihr eine poetische Versuchung vorausweht, der man ebenso wenig widerstehen kann, wie der Freiheitsversuchung, die im Automobil lag. Die Hälfte mag Trug gewesen sein, aber die andere Hälfte, dass wir durch Mobilität die Welt kennenlernten, dass der Verbrennungsmotor, so schädlich-dilemmatisch er auch sein mag, der Motor einer wahren Weltanschauung wurde, die andere Hälfte bringt uns auf den gläsernen Berg der Transparenz, Profilierung und Brüderlichkeit.

THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE

 

Nr. 261

Zweiter Hauptsatz:

THE MORE I GIVE THE MORE I HAVE shakespeare

Vom Delta-Geben

 

Ein Mann wird von einem halbwüchsigen Jungen durch den Londoner Nebel geführt. Am Ziel angekommen, fragt der Mann nach seiner Schuldigkeit, aber der Junge antwortet: ich bin doch Scout. Natürlich ist das ein Gründungsmythos voller Symbole. Der Mann wurde der erste Pfadfinder in den USA, und der Junge, wir wissen es nicht, bestimmt auch etwas bedeutendes. Warum brauchen wir immer wieder moralische Erneuerungen, neue Mahnungen, das Gute zu tun, und Erklärungen, was das Gute ist? Einmal schleifen sich eingeübte Verhaltensweisen ab, verblassen wie die Dateien, in denen sie gespeichert sind. Und zum anderen bestimmt sich auch immer wieder neu, was gut ist. Galten früher moralische Grundsätze nur regional, wollen wir sie heute global bestätigt sehen. Auch gibt es heute weitaus mehr Menschen als früher, so dass auch die Erreichbarkeit mit traditionellen Inhalten fragwürdig wird. Das gilt aber fast nur für das lange Zeit wachsende Europa. Merkwürdigerweise haben zwei ganz unterschiedliche Denker vorausgesagt, dass die menschliche Gesellschaft sich alle fünfzig Jahre so erneuert, dass die jeweils alten Menschen die Welt nicht mehr verstehen. Der eine ist Goethe, und er schrieb es in einem seiner sympathischsten Bücher, nämlich in ‚Maximen und Reflexionen‘. Es ist dies eine sehr frühe These für eine noch zu entwickelnde mentale Geriatrie: alt werden kann man nicht lernen, man muss es tun. Der zweite Denker ist Kondratieff, der zwar nicht für diese These, aber für seine Gesamttheorie erschossen wurde, weshalb wir diesen fünfzigjährigen Innovationszyklus nach ihm benannt haben. Er hat die kapitalistische Wirtschaft beobachtet und ist auf diesen Abstand der Berge und Täler sinnvollen Wirtschaftens gekommen.

α

Wir wollen das Geben probehalber in vier Kategorien unterteilen. Die erste und einzig negative Kategorie des Gebens ist das Wegnehmenlassen. Rousseaus berühmtes Beispiel, dass, wenn uns die Geldbörse gestohlen wird und wir sie dem Räuber geben, weil uns unser Leben lieb ist, dieselbe Geldbörse unser Besitz bleibt und sich also zeigt, dass es kein Recht des Stärkeren, sondern nur unrechtmäßige Gewaltanwendung gibt, der wir uns auch beugen sollten, dieses berühmte Beispiel ist so einleuchtend wie wirkungslos. Denn viele Menschen glauben sich nicht nur betrogen und bestohlen, sondern sehen sich von Stärkeren umstellt, die ihnen aufzwingen, was Recht und Ordnung zu sein habe. Selbst wer in die Demokratie flieht, glaubt weiter an Polizei und Gewalt. Wer wenig weiß, kann sich das Neue noch nicht einmal analogisch erschließen. Für ihn wird das Leben erst nekrologisch logisch. Da der Dieb meistens zu der Gruppe der Zukurzdenker gehört, ist es unwahrscheinlich, dass er aus seinem Nehmen, unserem Geben, etwas Gutes macht, wenn auch der Spruch ‚unrecht Gut gedeihet nicht‘ andersherum, als Warnung vor dem falschen Nehmen, nicht als Warnung vor dem falschen Geben, gemeint war.

β

Weit verbreitet ist die Ansicht, dass man geben sollte, um nehmen zu können. Eine Hand wäscht die andere, gut, aber was macht der Einarmige? Selbst der anthropomorphe Gott soll nach anthropomorpher Ansicht so handeln: dient man ihm, so dient er uns. Als pragmatischer Grundsatz mag die Maxime taugen, für den Verkehr mit den netten Nachbarn, für die Beantwortung der Frage, wer bezahlt den nächsten Espresso in der Betriebskantine. Aber für das Leben schon eines einzelnen Menschen reicht das Sätzchen nicht aus. Wir erleben, dass es höhere Motive, tiefere Abgründe und demzufolge weitaus kompliziertere Rechnungen gibt. Die Spieltheorie hat viel zum Verständnis des menschlichen Lebens beigetragen. Zwar ist ‚tit for tat‘ (wiedumir, soichdir) ein durchaus auch längerfristiges Erfolgsversprechen, jedenfalls erfolgreicher als Defektion (Schwinden der Kräfte, Ablehnung der Kooperation), aber im wiederholten Gefangenendilemma, wenn ich also weiß, wie der andere entscheidet, nicht tauglich. Überhaupt setzt wiedumir oder β-geben einen Anfang voraus, ist nur Antowrt auf etwas schon vorhandenes, kann also zu wenigstens fünfzig Prozent ‚gut‘ sein. Ein immer beantwortendes Verhalten lässt aber keine Neuerung zu. Irgendjemand muss vom Ulmer Münster oder über den Bosporus fliegen. Nicht jeder von uns kann Albrecht Ludwig Berblinger, der Schneider von Ulm und punktgenauer Zeitgenosse Beethovens, oder Ahmed Celebi sein, aber jeder sollte es sein wollen und können.

γ

Niemand ist frei davon zu schenken, weil er sich ander Freude des Beschenkten freuen will. Davon zeugen schon einmal die vielen Gelegenheiten und Feste, die auf Essen und Schenken beruhen. Freude bereiten heißt in diesem Sinne geben oder schenken. Es ist natürlich und legitim. Man entdeckt auch lange Zeit nicht die Kehrseite, genauso lange will man sie nicht wahrhaben. Aber der Tag kommt, an dem man erkennt, man kann weder einen Menschen mit Geschenken oder anderem Gutsein binden, noch werden diese Geschenke immer weiter die Freude auslösen, die sie beim ersten Mal erzeugten. Das Gute und das Böse lösen bei uns leider auch Gewöhnungsmechanismen aus, ja das Böse ist überhaupt nur durch sie zu ertragen. Und schon ahnt man: auch das Gute ist schwer und letztlich nur durch Gewöhnung zu ertragen. Das mentale Gefälle erscheint uns immer eher als Ungerechtigkeit denn als Ansporn. Wir jammern lieber als zu loben. Alles erscheint uns beklagenswert, auch und gerade das für den Anderen Gute. Wir wollen nicht das Gute an sich kennen, weil wir es lieber bestreiten als es zu befördern.   trotzdem: lasst uns weiter Weihnachten und Bayram Ramazani feiern und uns an den leuchtenden Augen der Beschenkten freuen. Aber lasst uns doch auch endlich aus den stumpfen Augen der Enttäuschten lernen: Es gibt nur eine art des Gebens, die keine Enttäuschung auslöst.

Δ

Der satz the more i give the more i have for both are infinite, den Julia zu Romeo sagt, erweist sich als universell. In der liebe, wie hier offensichtlich gemeint ist, ist seine Wahrheit offensichtlich. Wenngleich jeder Liebende, der zugleich auch noch ehrlich ist, eingestehen wird, dass er nicht genau weiß, ob er nicht etwa liebt, um geliebt zu werden, und dass sein Gegenüber, wenn es genau so denkt, die Differenz auch gar nicht bemerken könnte. Indessen wäre die Liebe nicht transzendent, wenn sie genauso funktionieren würde wie der Konsum. Liebe entsteht durch das Risiko, welches wir eingehen, um den anderen zu gewinnen, aber nur dadurch, dass wir ihn auch verlieren können. Merkwürdigerweise gilt das aber auch in der Wirtschaft. Der Markt ist genauso chaotisch und tragisch wie die Liebe. Am Markt und in der Liebe wird nur derjenige auf Dauer erfolgreich sein, der mehr zu investieren bereit ist als er zu gewinnen hofft. Eine reine Konsumwelt würde sich selbst aufzehren! Den Hunger zu besiegen war ein Ziel der Menschheit, nicht den Konsum oder gar das Geld zum Gott zu machen. Geben ist auch evolutionär das stärkere Prinzip. Der Geber wird geachtet und geliebt, zumindest will man seine Gene weitergeben. Reine Konsumenten sind letztlich Schmarotzer, deren belebende Bedeutung man allerdings auch nicht unterschätzen sollte. Jedoch sind nur Asketen und Stifter wahrlich glücklich.

Wer andere durch den Nebel führt, gerät nicht selbst hinein, sondern heraus. Liebe ist die beste Investition. Investieren ist immer gesünder als profitieren. Man kann das eine schlechterdings nicht ohne das andere.

Ein Delta ist Anfang und Ende. Der Fluss diversifiziert sich und mündet in ein höheres Prinzip. Aber die Pflanzen, Tiere und Menschen gewinnen aus diesem Ende den Anfang, die Fruchtbarkeit. Der Buchstabe dafür ist gleichzeit Bild, Anfang und Ende der Bildersprache und Symbolschrift, die Metapher wird zur wirklichkeit, wo vorher das wahre Leben Metapher wurde.

WER OHNE SÜNDE IST, WERFE DEN ERSTEN STEIN.*

 

Nr. 260

[Erster Hauptsatz]

Wenn jeder die Schuld bei sich suchen würde, wären die Täter schnell gefunden. Selbstverständlich ist man nicht an allem schuld, aber an viel mehr, als man anzunehmen bereit ist. Ob wir es glauben oder nicht: wir sind die Wähler der Regierung oder die Nichtwähler der anderen Regierung, wir sind die Konsumenten, wir sind auch die Produzenten. Wir sind auch die Produzenten jenes Mülls, den wir nicht vor unserer Haustür verbrennen lassen wollen. Wir sind auch die Kinder jener Eltern und die Eltern jener Kinder, deren Heim wir nicht in unserer Straße haben wollen, weil andernfalls der Wert unsrer Häuser sinkt. Es ist uns nicht klar, dass der Wert unserer Häuser unsere Kinder sind. Der Grund, dass auf der einen Seite Bausubstanz verkommt, um auf der anderen Seite Papphäuser und grauingraue Sichtbetonfassaden zu bauen, sind wir.

Geld kann doch nur immer wieder versuchen, die Welt zu regieren, weil wir uns nicht regieren wollen. Auch Dinge eignen sich, geliebt zu werden und uns dominieren zu wollen. An Hitler mag auch unsere schlechte Erziehung schuld gewesen sein, aber haben wir uns ihr widersetzt?

Zu denken, dass die anderen schuld sind, ist nicht nur leichter zu ertragen, sondern immer auch Konsens mit den anderen, die ja wieder andere meinen. Auch hier ist es so: der Zeitgeist sind wir selbst, deshalb heißt er ja auch so.

Wenn es jetzt so scheint, dass die Botschaft zweitausend Jahre lang nicht gehört wurde, so ist dieser Eindruck doppelt falsch. Einmal ist die Kohärenz christlichen Denkens höchstens anderthalbtausend Jahre alt, wahrscheinlich denken die Menschen aber erst seit der Reformation und der Verbreitung gedruckter Bibeln und Kommentare über einzelne Sätze nach. Zum anderen, und das wird noch viel mehr und leichter übersehen, hat sich ganz viel geändert. Zwar gab es in Europa zwei dreißigjährige Kriege, aber sie sind auch eher die Ausnahme gewesen. Gleich nach dem zweiten Krieg (1914-1945) fand aber das Wunder einer krieg- und gewaltlosen Befreiung eines riesigen Volkes unter einem jesusanalogen Führer statt. Europa hat sich endlich, ohne die Herrschaft einer Staatskirche, auf seine Wurzeln als christliches Abendland besonnen. Seine Anziehung, sicher mehr aus wirtschaftlichen als politischen Gründen, ist so groß, dass die eigenen unaufgeklärten Bevölkerungen Angst vor Überfremdung haben. Dahinter steckt vielleicht die alte Angst vor dem Hunger und dem Krieg.

Die Frage ist doch, was mit Sünde gemeint sein kann, wenn man den engen kirchlich-theologischen Kontext einmal unbeachtet lässt. Ist es tatsächlich die Einhaltung von historischen Regelwerken? Immer schon gab es biologistische Ansätze, die freilich auch die Natur auf enge Formeln herunter gezoomt haben. Wer Evolution mit Konkurrenz und Mord und Totschlag gleichsetzt, kann Solidarität, Empathie und Kindchenschema nicht erkennen. Letztlich liegt in solchem Ansatz wieder nur die alte Schuldzuweisung: in mir ist das Gute, aber das Böse ist draußen. der Wolf ist böse und das Rotkäppchen ist schutzbedürftig. Gerade am alten Feind des Menschen, am Wolf, kann man zeigen, dass ‚Feind‘ ein inneres, kein äußeres Problem ist. Feind ist nur ein anderes Wort für Angst. und weil wir alle Angst haben, ist der Wolf der beste Gefährte des Menschen geworden, seine Eürde allerdings wird nicht durch seinen Nutzen gefährdet, sondern durch sein überaufmerksames und dankbares – hündisches – Wesen. Viele Menschenkinder sind schon von Wölfen aufgezogen worden, darunter auch legendäre.

Und weil wir alle Angst vor uns selbst haben, wollen wir richten, wenn jemand im Moment schlechter gehandelt hat als wir oder wenn er, anders als wir, dabei ertappt wurde, die Regeln nicht eingehalten zu haben. Aber wir alle halten die Regeln nicht ein, deshalb überholen sich Regeln auch regelmäßig. Sie sind historisch.

Wer die zurzeit geltenden Regeln nicht einhält, bestraft sich selbst. Die erste Strafe ist, dass er nicht erfolgreich handeln kann. Die Ehebrecherin (steinigen!) widerspricht der von ihr selbst oder ihrer Familie getroffenen Auswahl genetischer Folgerichtigkeit. Allerdings kann der Ehebruch auch eine Korrektur dieser Folge sein. Dann würde durch die Ermordung der Untäterin die Zukunft der Familie und der Gruppe gefährdet. Der Dieb, als zweites Beispiel, schädigt befreundete oder sogar verwandte Familien oder Gruppen und damit, gemäß dem Allmende-Dilemma, sich selbst. Aber zweitens leben die Untäter mit einem schlechten Gewissen, ohne Erfolgsfreude, zunehmend geächtet. Die Untat selbst ist die Strafe. Es bedarf keiner weiteren Strafe, Schon deshalb nicht, weil sie kein Mensch verhängen kann und darf.

Die Angst, dass in der Welt, die nach diesem Satz gestaltet würde, die Mörder frei herumlaufen könnten und Wiederholungstäter ohne Ende sein könnten, ist ganz überflüssig. Natürlich können wir in einer durch Strafen und Amtsanmaßung (jedes Amt ist eine Anmaßung) geschädigten Welt nicht mit einer Amnestie für Mörder und Kinderschänder anfangen. Wir können gar nicht mit Amnesie anfangen, sondern im Gegenteil, wir müssen uns erinnern, woran wir schuld sind. Wir müssen lernen, dass es das Böse wahrscheinlich nicht als Substanz, als Erbmasse, genetischen Fluch  oder dergleichen gibt. Wer das glaubt, ist mit dem Fingerzeigen und Steine werfen gut beraten. Das böse ist die Unterlassung des guten, die Summe der Fehlentscheidungen. wir müssen also versuchen Prävention mit Wiedergutmachung zu koppeln. Wir dürfen nicht von unserem Nachbarn verlangen, dass er das Richtige tut. Wir müssen zunehmend von uns verlangen, dass wir weniger unterlassen: nachdenken und vielleicht noch mehr empathisch handeln. Als Wort, als Begriff der Psychologie mag Empathie relativ neu sein, als Gefühl ist es so alt wie die Menschheit. Wir sollten ab sofort nur noch an uns selbst appellieren. Durch Rache erhöht sich die Summe des Bösen, der falschen Entscheidungen, des Leids. Weil es aber Untaten gibt, kann es keine Gerechtigkeit geben. Wir müssen also Gerechtigkeit als das erkennen, was sie wahrscheinlich ist, ein Ideal, das durch unser Handeln stückweise, allerdings auch nur asymptotisch verwirklicht werden kann. Dazu können uns Religion, Philosophie und Kunst ermutigen. Den Mut müssen wir dann aber selbst entwickeln und anwenden. Noch im kommenden Jahrzwanzigst werden wir, möglicherweise durch kritische Situationen im Iran, in Israel und in Nordkorea, die Atomwaffen abschaffen. Das wird ein gewaltiger Meilenstein zur Abschaffung der Gewalt sein. In Verwirklichung des schönen und großen Satzes wurde in den weitaus meisten Ländern der Welt die Todesstrafe abgeschafft, in der Folge sank die Anzahl der Morde. Wenn die Waffen abgeschafft werden, wird es weiniger Kriege geben. Vielleicht nennen wir diese schöne Initiative nach dem Yesus-Satz ‚Das Jesse Washington Projekt‘.

 

Yohannes 8,7

1967.2

 

Nr. 259

Damals, 1967, gab es in beiden Deutschlands ritualisierte und ideologisierte Klassenfahrten. Die westdeutschen Realschüler und Gymnasiasten fuhren nach Berlin, Ost und West, die ostdeutschen Schüler, wir, fuhren nach Weimar. Aber fuhren wir wirklich nach Weimar? Mussten wir nicht auch im Goethehaus und Frauenplan an Buchenwald denken? Auf jeden Fall sollten wir daran denken. Diese Art Ritual unterstellt, dass sich sozusagen jedermann für oder gegen Buchenwald entscheiden konnte. Aber war es nicht vielmehr so, ohne unsere Vorfahren entschuldigen zu wollen, dass der Staat von einer Partei usurpiert worden war und, was Filbinger* später bestritt, das Unrecht plötzlich zum Recht geworden war? Meinte nicht Filbinger sich verstecken zu können hinter dem, was alle dachten? Aber dachten sie es auch 1967 noch? Wir wohnten oben auf dem Ettersberg in einer Jugendherberge, die keine war, sondern sie befahl schon wieder, wie Jugend sich wo zu benehmen und was sie zu denken hätte. Auch ohne diese harschen Anweisungen wäre niemand von uns auf die Idee gekommen, jemanden ermorden oder auch nur  diskriminieren zu wollen. In unserem Englischbuch stand das Gedicht, sein Autor war gerade in New York gestorben, I TOO AM AMERICA THEY SEND ME TO EAT IN THE KITCHEN WHEN COMPANY COMES, aber bei uns im Osten gab es keine Schwarzen, niemand war da, den man hätte diskriminieren können, um es dann zu unterlassen, aber wir jedenfalls wollten es auch gar nicht. Wenn man das Radio einschaltete, waren eher wir es, die diskriminiert wurden, einerseits als Deutsche allesamt, andererseits als moskauhörige Ostdeutsche, aber dann auch wieder als amerikagesteuerte Westdeutsche. Aber wir haben nicht sehr politisch gedacht. Wir hatten einen Politiklehrer, der uns erzählte, was sie alle taten, übrigens auch Filbinger, dass der Krieg sie politisch gemacht hätte. Mich hat der Krieg nicht politisch gemacht. Als wir Kind waren, haben die Einarmigen und Einbeinigen zum Krieg aufgerufen durch ihr Schweigen. Sie haben wieder Autorität um der Autorität willen und Waffen gegen vermeintliche Feinde  gutgeheißen. Selbst die Waffe als Metapher war allgegenwärtig. In Lehnitz drohte der Dichter, der Vater des Meisterspions und des Meisterregisseurs, ehe er sich erschoss: Kunst ist Waffe, und wir schrieben fleißig Aufsätze darüber.

Wir haben uns auch auf dieser Klassenfahrt mehr um Sex und Songs und Seele gekümmert als um Buchenwald und Kalten Krieg. Unsere Gitarre wurde aber eingeschlossen. Wir sollten trauern um das, was unsere Vorfahren angerichtet oder erduldet hatten. In Goethes Haus sollten wir lernen, dass schon Goethe im Faust den Kommunismus vorausgesehen hat: als freies Volk auf freiem Grund zu stehen…

Am 3. Dezember waren wir im Weimarer Theater und hörten das in dieser Saison vierte Sinfoniekonzert der Weimarischen Staatskapelle, in der schon Bach und Hummel und Liszt gespielt hatten. Man gab Corellis Weihnachtskonzert, Haydns Sinfonie Nr. 86 und, warum ich das überhaupt erzähle, Ottorino Respighis ‚Fontane di Roma‘ und ‚Feste Romane‘. Respighi war schon lange tot, als wir ihn in Ostdeutschland hörten, was einem Wunder gleichkommt, er hätte unser Urgroßvater sein können, aber seine Musik klang in unseren Ohren absolut modern, so wie Picasso hundert Jahre lang als der Inbegriff der Modernität und Abstraktion galt. In der Schule hörten wir in schlechten Aufnahmen auf einem Tonbandgerät namens Smaragd Musik von Hanns Eisler und Schostakowitsch. Das ist neoklassisch. Respighi dagegen hat in seinen Römischen Festen nicht nur den Osterchoral nachgeahmt, sondern auch die Karussellmusik, den Straßenverkehr, den Zirkus und den Karneval dargestellt. Im gleichen Jahr wie Gershwin seinen Amerikaner durch Paris laufen ließ, erlebte man Rom mit Fahrradklingeln und Autohupen, aber eben auch Posaunenchorälen. Sowohl dem Weimarischen Programmverfasser als auch einigen Mitschülern war das zu laut und zu vordergründig. Dabei gibt Musik immer die Welt wieder, wie sie ist. Viel zu wenig lernt man in der Schule, wie die Welt ist, also auch die Sprache der Musik, die Sprache  der Lyrik, die Sprache des Films. Vielmehr erscheint es so, als ob man lernt, wie es sein sollte oder könnte. Für mich dagegen war gerade diese Musik Programm, ein Fenster wurde aufgestoßen, Musik bildet doch die Welt ab, erfuhr ich. Als ich dann viel später das erste Mal in Rom war, habe ich genau diese Musik in Erinnerung an das denkwürdige Konzert in Weimar aus der Phase der Hochpubertät in meinem inneren Ohr gehört.

Liebe Zeitgenossinnen und Zeitgenossen,

 

als wir damals gemeinsam in unserer doppelten Echoblase saßen, in der Schule wie im Staat gefangen,  haben wir vielleicht über Ländergrenzen nachgedacht, aber nicht über Horizonte. Es war die Welt von gestern, in der wir aufwuchsen, es ist die Welt von morgen, in der wir alt werden. Auf der Straße zwischen Velten und Oranienburg überholte ich mit meinem Fahrrad, Baujahr 1928, ein Dreiradauto ‚Tempo Hanseat‘, Baujahr 1928, das Eisblöcke für Eisschränke transportierte. Mein jüngster Sohn, gerade war er doch noch Baby, erklärt mir die Probleme von KI und gutartigen bots und Astroturfing. Dagegen war Russisch weit weniger Chinesisch.   

Jetzt erst, wo wir täglich unser Schlüsselbund suchen, wird uns klarer, worin dieser verschlüsselte Lebenskreislauf besteht. Wer nur Geld angesammelt hat, steht vor dem Nichts, wer gar nichts gesammelt hat, ebenfalls. Vor einiger Zeit haben wir hier in dieser kleinen Stadt gelernt: edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Ab morgen wird zum ersten Mal eine Partei im Bundestag sitzen, die nicht hilfreich ist. Aber sind Parteien überhaupt edel und gut? Vor fünfzig Jahren haben wir vom Bundestag noch nicht einmal geträumt, von der Volkskammer bestimmt auch nicht.

Viele glauben, dass früher alles besser war. Aber heute sind wir alle viel politischer und gebildeter. Wir haben unseren Horizont über Hohen Neuendorf hinausschieben können. Wir haben ein paar Bücher mehr gelesen als ‚Wie der Stahl gehärtet wurde‘ oder ‚Die Väter‘ von Bredel. Wir haben eine tatsächliche Revolution erlebt, obwohl wir das Wort nicht mehr benutzen mögen, und damit meine ich nicht den Zusammenbruch der DDR, sondern den Aufbruch der Technik in den Minimalismus.

1967 war keine Weggabel. Der ständige Vergleich des Lebens mit Wegen und Weggabelungen stimmt nicht. Man merkt es gar nicht, wenn sich der Weg des Lebens gabelt. Man merkt vorher noch nicht einmal einen Abgrund. Man verabschiedet sich unter der S-Bahn-Brücke und sieht sich nie wieder und will nichts mehr voneinander wissen. Oder man hört etwas, um es sein ganzes Leben lang weiter und wieder zu hören, und man redet auf Klassentreffen mit genau den gleichen Menschen, mit denen man schon damals gesprochen hat. Oder man heiratet sich von der Schulbank weg und bleibt für immer zusammen, bis zur Gnadenhochzeit oder zum Gnadenschuss. Das Leben ist eher wie ein Fluss, ewig gleich und immer anders. Mäander und Sinus sind sinnverwandt. Deswegen gibt es auch in allen Völkern und Staaten die gleichen Typen, die Versager und die Vorsager, die Reichen und die Erfolgreichen, und diejenigen, die im Lotto des Lebens immer die Null gezogen haben.

An all dem kann man auch schön sehen, wie unwichtig dann doch wieder Politik ist, denn selbst Staatshymnen und Staatssysteme, die sich für unverzichtbar und zukunftweisend halten, verschwinden sang- und klanglos. Zwar hinterlassen sie Erinnerungsspuren, aber viel interessanter ist es, dass sich andere Kulturen – wie fastfood und Copyshop und Steuererklärung – fast lautlos über das brüchige Gebilde von Konsumkaufhallen, Kinderkrippen und Kulturhäusern, das sich für ewig hielt, schoben. Merkwürdig ist auch, dass sowohl Luther als auch Lenin, beide hatten 1967 und haben jetzt Jahrestag, ihren jeweiligen Anhängern einschärften: wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Zum Glück hat sich niemand länger daran gehalten, als es der staatliche Zwang gewährleisten konnte. Mit dem Zwang verschwindet auch immer der Wahn.

Deswegen hat, wer das Ende des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs östlich der Elbe erlebte, doch auch einen kleinen Vorteil: ewig und alternativlos, weiß er aus Erfahrung, ist nichts. Die S-Bahn fährt wieder. Das Haltlose verschwindet ebenso leise wie das Ewige, das Gestrige oder das Morgige. Was bleibt, ist die Musik, ist die Liebe, die Kunst und Ingenieurskunst, Geologie und Rechtskunde, die Medizin und die Landwirtschaft, also alles das, was wir unser Leben lang gemacht und getan haben. 

 Ich hoffe, ihr habt  eure Zeit genossen.

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  • baden-württembergischer Ministerpräsident, der mit Schimpf und Schande zurücktreten musste, nachdem bekannt wurde, dass er noch nach Ende des Krieges Todesurteile gegen Deserteure gefällt und vollzogen hatte und  das nachträglich zu Recht erklären wollte

1967.1

 

Nr. 258

Vor fünfzig Jahren war das Jahr 1967, und alle diejenigen, die glauben, dass die Welt gerade jetzt aus den Fugen ist, sollten sich dieses Jahr ansehen. Hamlet glaubt wie so viele Menschen, dass ausgerechnet er all dieses Chaos nicht nur erlebt, sondern ordnen soll. Und da wird der bittere Zynismus offenbar: die Welt kann nicht aus den Fugen geraten, weil sie nie in den Fugen war. Die Welt ist kein Haus, und selbst wenn sie eines wäre, würde sie das Chaos beherbergen.

Was wir damals nicht wissen konnten, war, dass Stanley Milgram sein berühmtes Kleine-Welt-Phänomen in diesem Jahr entdeckt und begründet hat. Die Idee dazu hatte der ungarische Schriftsteller Frigyes Karinthy schon 1929, aber Milgram hat es experimentell bestätigt: Die Welt ist so klein, dass sechs kommunikative Schritte ausreichen, um einmal die Welt zu umrunden. Jeder kennt jeden. Alle Menschen wären Schwestern. Wir saßen unterdessen in einem ohnehin sehr kleinen Land, in dem auch jeder jeden kannte. Heute würde man solch ein Gebilde eine Echokammer nennen. Es war eine Echokammer, die sich außerdem in den beiden Sommermonaten auf Usedom oder Rügen einfand. Wir bestätigten uns selbst. Von jenseits unserer Zäune kamen zwar ‚Geschenksendungen keine Handelsware‘, aber keine Informationen, die uns nützen konnten.

In diesem Jahr starb Ilse Koch, deren böse Existenz uns näher ging als dem Westen, wo sie im Gefängnis gesessen hatte. Vielleicht hat ihr Sohn Uwe mit uns zusammen Abitur gemacht. Sie war die Frau des berüchtigten KZ-Kommandanten zuerst von Sachsenhausen und dann von Buchenwald. Er war so korrupt und grausam, dass er selbst für die SS nicht tragbar war. Er wurde 1944 von seinen eigenen Leuten hingerichtet. Nach dem Krieg kam das Gerücht auf, dass seine Frau, nicht weniger verbrecherisch als ihr Mann, sich Lampenschirme aus tätowierter Menschenhaus hat machen lassen. Im Gefängnis bekam sie dann noch diesen Sohn, wahrscheinlich von einem Gefängniswärter. Dieses biografische Detail musste sie allerdings mit Erich Honecker teilen, der aus Dankbarkeit auch eine Gefängniswärterin heiratete. Die DDR verstand sich damals, und wir mit ihr, als antifaschistische Trutzburg. Alle Nazis waren pünktlich zum 8. Mai 1945 gestorben oder emigriert oder eines besseren belehrt.

In diesem Jahr begannen die Studentenunruhen, die zum linken Terror und zur grünen Partei, auf jeden Fall zu mehr Demokratie führten. Der Student Benno Ohnesorg war während der Proteste gegen den Schah von Persien vor der Deutschen Oper, die wir gar nicht kannten, erschossen worden. Unsere Zeitungen brüllten geradezu den Protest heraus. Der Polizist, der den friedlichen Studenten der Literaturwissenschaft erschossen hatte, war ein alter Nazi wie zwei Drittel der Westberliner Polizei. Aber nach der Wiedervereinigung stellte sich heraus, dass er von der Stasi bezahlt war. So klein ist die Welt.

In diesem Jahr lasen wir in unserem Englischbuch das berühmte Gedicht I TOO AM AMERICA von Langston Hughes. Das Gedicht schildert den Traum eines afroamerikanischen Jungen, mit seiner weißen Herrschaft am selben Tisch essen zu können. Das Gedicht wurde eine Ikone, heute steht es in allen amerikanischen Lesebüchern. In einem Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko aus demselben Jahr stirbt ein Nihilist genannter Jugendlicher als er einen Menschen rettet. Jewtuschenko las seine Gedichte manchmal in Fußballstadien. Heute wissen wir, dass das ein kalkuliertes Ventil für das Volk war. Jewtuschenko lässt einen Generationskonflikt politisch ausdeuten, plädiert aber dann dafür, den unangepassten Jugendlichen anzuerkennen, aber erst, nachdem er tot ist. Die Großmächte kämpften natürlich nicht mit Gedichten gegeneinander.

In diesem Jahr, im letzten Drittel des April, starb Adenauer, die Generäle in Griechenland putschten die Regierung hinweg und der VII. Parteitag der SED beschloss die Fünf-Tage–Arbeitswoche. Ich war am meisten beeindruckt vom Tod Adenauers, weil auf allen Westsendern den ganzen Tag klassische Musik zu hören war. Bis heute liebe ich Mozarts Adagio und Fuge c-moll, die ich an diesem Tag zum ersten Mal hörte. Die Fünftagewoche interessierte uns nicht so sehr, weil wir zur Armee mussten und dann studieren wollten. Aus heutiger Sicht war das ein Geschenk in derselben Art, wie Elena Ceaucescu kurz vor Weihnachten 1989 ihrem Mann, dem Diktator, dessen letzte Rede gerade zu kippen beginnt, zuruft: gib ihnen zweihundert mehr. Das waren zwei D-Mark. Zwei Tage später wurden beide erschossen.

In diesem Jahr machten wir das Abitur, vielleicht mit jenem Uwe Koch zusammen, aber die Nordvietnamesen schossen das 2000. US-Flugzeug ab. Wer schon einen Fernseher hatte, konnte zum Abendbrot passend das große Schlachten in Vietnam sehen. In meinem Schulatlas habe ich 1963 die Farbe von Algerien geändert, weil es nun nicht mehr zu Frankreich gehörte. Der Vietnamkrieg zog sich noch acht Jahre hin, aber er war auch der letzte Krieg, von einigen unbedeutenden Bürgerkriegen einmal abgesehen. Die Amerikaner mussten einsehen und haben eingesehen, dass Kriege sinnlos und grausam sind. Sie bezahlen heute noch Entschädigungen. Vietnam ist heute noch eins der ärmsten Länder.

In diesem Jahr im Sommer lernte ich in Ungarn meinen ersten Türken kennen. Es war ein Lastwagenfahrer aus Stuttgart, den ich für einen Bulgaren hielt. Er bezahlte mein in Ostmark umgerechnetes sehr, sehr teures Bier und bot mir an, mich in die Türkei mitzunehmen. Vielleicht wären wir beide zusammen von den Bulgaren erschossen worden. Später musste ich einmal mit hinter dem Kopf verschränkten Armen vor dem Lauf einer Kalaschnikow auf einem Schnellboot der bulgarischen Volksmarine stehend ausharren, was eine sportliche und politische Herausforderung war, denn wenn ich ein Spion gewesen wäre, dann auf der richtigen Seite.

In diesem Jahr passierte noch etwas, das bis zum heutigen Tag wirkt und fortwirkt und uns damals, wenn wir wirklich nachgedacht hätten, eines besseren hätte belehren können, als in unseren Zeitungen stand und auch von den Pfarrerskindern geglaubt wurde, so wie man eben glaubt, was schwarz auf weiß geschrieben steht. Das ist ein anderes berühmtes Ironiezitat. Israel hat im Sechstagekrieg alle seine teils mit russischen Waffen hochgerüsteten Nachbarn besiegt. Die ägyptische Luftwaffe war zum Frühstück bereits zerhackstückt, während der Vater des jetzigen syrischen Diktators verkündete, dass Israel für immer von allen Landkarten mit ebendieser Luftwaffe ausgelöscht werden wird. Niemand wird diesen Krieg verherrlichen wollen. Aber vielleicht hätten wir besser lesen sollen, dann wäre uns die Zeit bis 1989  nicht so lang geworden. Nach der Tat wissen auch die Narren Rat.

In diesem Jahr entdeckte ich erst die linke Welt, als sie schon begann sich zu verabschieden. Tamara Bunke wurde erschossen, dann Che Guveara. Stalins Tochter mit dem religiösen Namen Swetlana Allilujewa flüchtete nach Amerika. In unserer Kleinstwelt wurde im Dezember das Geld umbenannt. Es hieß nun nicht mehr Mark der Deutschen Notenbank, sondern Mark der Deutschen Demokratischen Republik. Jeder von uns sollte einmal nachrechnen, wie oft er in seinem Leben Deutsche Demokratische Republik gesagt und nicht geglaubt hat, dass sie es war. Aber nicht übertreffbar waren die Nachrichtensprecher im Osten.

In diesem Jahr erreichte die Hippiebewegung trotz der weltpolitischen Desaster ihren Höhepunkt, um es auch einmal ironisch zu sagen. Ich war zum Glück mitten in diesem Sommer auf einem Moped namens Schwalbe in der Nähe von Nietzsches Geburtsort Röcken entjungfert worden. Ich hielt dabei ein Buch von Nietzsche in der Hand, das mir ein Zahnarzt aus Schmachtenhagen geliehen hatte. Sonst hätte ich vielleicht die Kälte der beiden folgenden Winter, die ich im Norden bei der NVA verbringen musste, nicht überstanden. Dass ich nicht zur Grenze musste, verdanke ich der Mutter eines Schulfreundes, die mir vor der Musterung zuflüsterte: Sag doch einfach, dass du Westverwandte hast.

In diesem Jahr wäre uns die Zukunft wie ein Gebirgsmassiv erschienen, wie ein Dreitausender in Montenegro, wenn du mit dem Mountainbike unterwegs bist und deine Wasserflasche leer und deine Mitfahrer noch weit unten in Dalmatien, wenn wir darüber nachgedacht hätten. Kein Mensch denkt aber fünfzig Jahre weit, und er tut gut daran.

Aus der heutigen Sicht sind die letzten fünfzig Jahre zwar oft steinig gewesen, aber mehr zäh als hoch, eine leicht hügelige Ebene ohne Ende. Am Straßenrand stehen Ruinen, die aus all den Vergangenheiten auferstanden sind, und Wegweiser in unverständlichen Sprachen. Manche glauben an Verschwörungen, andere an Alternativen, wieder andere folgen den Wegweisen, die sie gefunden haben.

 

vor deinem haus ein stolperstein
hab keine angst und zittre nicht
dann wird dein laufen stolpern sein
ein wind verdeckt das gegenlicht
– nur weil es dir an mut gebricht
und weil du stolperst  – aber nicht

ZEITREISE IN DIE UCKERMARK

 

Über den Roman Vor dem Fest von Saša Stanišić

 

Am besten gefällt mir Frau Schwermuth vom Haus der Heimat. Wenn sie auch mit sich im Unreinen ist, weil sie doppelt soviel wiegt wie ihr Mann, so ist sie doch eine Zentralfigur in dem Dorf, das einmal Stadt war und das so viele offene Geheimnisse hat wie Einwohner. Ihr Sohn Johann, mit dem sie oft schimpft, könnte sogar Vorbild für die ganze regionale Generation werden: ihm geht es nicht um den Nutzen dessen, was er tut, sondern um den Sinn. Er ist Glöcknerlehrling und liebt die drei Glocken der Kirche von Fürstenfelde. Leider hat er noch kein Mädchen gefunden, das ihn so liebt, dass sie ihm seine Jungfräulichkeit nimmt, aber er hat eine Liste der Topfrauen… Ein Roman ist immer eine Zeitreise ins Anachronistische. Das hat Stanišić schon in seinem ersten Buch gezeigt, das zwischen Višegrad und Heidelberg, Vergangenheit und Gegenwart pendelte. Wer aus Višegrad stammt, ist für die Literatur geboren, wer schon einmal da war, weiß, dass man dort auch für das Morden geboren sein kann. Das stand übrigens auch schon in Ivo Andrićs großem Roman. Stanišić ist jedenfalls für die Literatur geboren. Die Sprache des Fürstenfelde-Romans ist eher am Glöcknerlehrling orientiert, bis in die falsche Satzstellung hinein wird auch die Uckermark sprachlich dargestellt, ohne sie zu imitieren oder gar zu parodieren. Hier wird niemand vorgeführt, aber schon nach ein paar Seiten erkennt man unsere Landschaft sprachlich wieder. Den Geburtenschwund erklärt die donauschwäbische, aus dem Banat vertriebene Malerin mit dem Mangel an Gaststätten. Statt dessen trinken die Männer des Dorfes in Ullis Garage und hecheln dort nach strengen Regeln die Geschichte und Geschichten durch. Ich kenne sogar einen Mann, der in seinem Kofferraum sitzt und trinkt. Die nachtblinde Malerin malt jeden Baum und die Erde, jeden Menschen und jedes Haus, die Kirche und die Tore, den Reiz und das Reizlose. Sie malte sogar einen schlafenden Neonazi und den Container für die rumänischen Erntehelfer. Trotzdem wirken ihre Bilder nicht inflationär, ihre Anwesenheit nicht erdrückend. Sie ist der Kommentar für das Dorf und die Landschaft, sie ist das Korrektiv einer allzu engen Gemeinschaft. Sie belebt das Dorf stellvertretend für die vielen Zuwanderer der jüngeren Geschichte, die Slawen, die Deutschen, die Juden, die Franzosen, die Polen, die Deutschen aus den Ostgebieten und dem Banat, die rumänischen Musiker und Erntehelfer und schließlich die Türken und die Asylbewerber in Prenzlau. Sie weiß aber auch: für die starken ist überall Heimat. Die Malerin ist auch ein Selbstporträt von   Stanišić, denn was der unbeholfene Journalist vom Nordkurier über die Malerin schreibt, das gilt auch für ihn, dessen Erinnerungen auch die unseren sind, auch wenn wir von ihnen erst durch sein Buch erfahren.

Es wird die Nacht vor dem Fest beschrieben, und durch diese Konstruktion fehlt dem Buch alles Kirmeshafte und Spektakuläre. Es ist zwar eine besondere Nacht, aber doch auch eine gewöhnliche. Herr Schramm versucht nicht das erste Mal, sich das Leben zu nehmen, denn er hat seine alte Dienstpistole wohl immer im Handschuhfach. Aber ob der Grund für seine Lebensmüdigkeit nun der nichtfunktionierende Zigarettenautomat ist oder die nichtausreichende Rente oder die Missachtung seiner früheren Tätigkeit, weder Anna, die ihn rettet, noch wir, die gespannten Leser, erfahren es. Ditzsche dagegen, den auch seine Vergangenheit als mutmaßlicher Spitzel belastet, tröstet sich mit Hühnerzucht und Zurückgezogenheit, er ist ein Beispiel für neue Vornehmheit. Eine grandiose parodistische Mikrostudie für den Zerfall des Ostblocks, aus dem sowohl Stanišić kommt wie auch die Fürstenfelder und ein Teil der Leser, ist der usbekische General, der die Raketenstellung in einen Gemüsegarten mit Sauna und angeschlossener Folklore verwandelt. Er ist weit überzeugender als die vielen tausend Seiten, die die immer wehleidigen ehemaligen Bürgerrechtler bisher rechthaberisch geschrieben haben. Denn er, der folkloristische General, ist gleichzeitig ein Symbol des Überlebenswillens nicht nur Usbekistans, sondern auch der Uckermark. Feinste Satire ist es auch, dass der Oberstleutnant Schramm bei Poppo von Blankenburg schwarz arbeitet, während das Fräulein von Blankenburg bei ihren Yoga-Übungen vom stummen, also sprichwörtlichen Voyeur begleitet wird.

Es hätte ein Schelmenroman werden können, aber es fehlt der Schelm. Auch eine Entwicklung, etwa des Glöcknerlehrlings, ist nicht zu sehen, er ist schon richtig. Seine Mutter tut das richtige, wenn sie auch mit sich unzufrieden ist. Das Dorf Fürstenfelde ist sich selbst genug, ohne dass es arrogant wäre. Es gibt sie. die Badegäste und Urlauber, aber sie werden nicht hofiert. Der spröde Charme der Uckermark hält sie trotz alledem nicht davon ab, wiederzukommen. Die Zugezogenen haben es schwer, aber auch sie bleiben nicht nur fremd.

Der Heidelberger Deutschlehrer, der das Talent von Saša Stanišić entdeckte, ist zu loben. Keineswegs stören die Migranten den Unterricht, vielmehr beleben sie ihn mit ihrer oft tieferen Einsicht, mit ihrer unkonventionellen Sprache, mit ihrem zunächst Beobachterstatus, der oft erst allmählich in einen angereicherten Insiderstatus übergeht. Eine neue Art von Ironie ergibt sich auch aus den Elementen der Jugendsprache, die in Vor dem Fest beinahe vorherrschend sind, so als wäre das Buch aus der Sicht der flüchtigen einheimischen Jugend geschrieben. Bestärkt werden wir in dieser Ansicht durch die langen rapähnlichen, jedenfalls gereimten Passagen, die aber gleichzeitig auch an Grass und Goethe erinnern. Immerhin! Diese Jugendlichen sind die wahren Migranten, wie zum Beispiel die Töchter des Tischlers, die das Haus ihres gestorbenen Vaters wie Müll beräumen lassen, denen nichts heilig ist, weder die Vergangenheit noch die vergangenen oder dagebliebenen Menschen.

Dieser Roman ist die nichtchronologische Chronik einer dünnbesiedelten, aber dennoch beinahe multikulturellen Region, die in allem, was sie tut oder lässt, grenzwertig ist. Und dennoch hat sie, nach harmlosen Heimatromanen aus dem Vorabendprgramm, auch den Rand von Weltliteratur hervorgebracht. Stanišić hat aber bekannt, dass er sich ein Dorf ausgedacht hat, von dem er dann erfuhr, dass es schon existiert: zwischen den beiden Seen.

Der Glöcknerlehrling Johann Schwermuth kann es in seiner lapidaren, an Rap und Rock geschulten Sprache am besten sagen, worauf es im Leben, in der Literatur und im Fußball ankommt: auf die Überwindung des namenlosen Nichtskönnertums durch die Voranstellung des Könnernamens: in der Fürstenfelder Kirche erklingt eine Grüneberg-Orgel, deren Name die wahre Qualität verbürgt, ein Ronaldo-Freistoß ist auch dann genial, wenn er gar nicht trifft, und ein  Stanišićroman ist ein Gütesiegel der Zukunft.