KOMMT ES WIE ES KOMMT ODER WIE ES MUSS

 

Beitrag zur Theorie des Instabilbaukastens

Nr. 302

 

Viele Menschen haben Sprüche darüber, wie es kommt, immer anders als man denkt oder wie es kommen muss oder wie es eben kommt. Aber hinter leicht dahingesagten und oft wiederholten Sprüchen verbergen sich Welt- und Lebensanschauungen.

Schon als Kinder sagten wir empört: das ist doch ungerecht! Und noch als Alte glauben wir an eine, wenn nicht überbordende, so doch übersinnliche Gerechtigkeit. Alle linken Bewegungen und der Sozialstaat versprechen sie bedenkenlos, alle rechten Bewegungen wollen sie dadurch erreichen, dass sie einen Teil der Menschheit von vornherein ausschließen. Der Staat, diese Megamaschine aus Klammeraffen, Aktenordnern und Ausführungsbestimmungen, der sich am liebsten mit sich selbst und der Versorgung seiner Beschäftigten beschäftigt, hat sich immer mehr an die Stelle der alten Institutionen Religion, Zünfte oder Allmende gedrängt. Und wir glauben ihm gerne. Aber: man kann den Staat nur aushalten, wenn man an die Freiheit glaubt und weiß, dass es Gerechtigkeit nicht geben kann.

Von Kindesbeinen an sind wir mit der Konstruktion von Artefakten beschäftigt. Der Konstruktion geht eine Destruktionsphase voraus, in der wir sozusagen Strukturen, Naturgesetze und Adhäsionen studieren. Aber indem wir jetzt das Bild des Kindes reproduzieren, das mit großer Geduld immer wieder aufgehäufte Bausteintürme kippt, wird uns klar, wie sehr wir dieses Spiel und diese Phase perfektioniert haben. Fröbel war noch stolz auf seine geometrischen Holzklötzchen, dann kamen hundert Jahre Stabilbaukästen und schließlich konnte LEGO sein perfektionistisches Weltbild verbreiten. Wir dürfen nicht übersehen, dass während dieser letzten zweihundert Jahre immer wieder versucht wurde, die Mädchen auf das Spiel mit Puppen, Puppenwagen und Puppenstuben zu reduzieren. Aber das ist gründlich misslungen.  Was heute so vehement gefordert wie bekämpft wird, ist damals schon immer sichtbar gewesen: Konstruktions- und Pflegespiele sind nicht an das Geschlecht gebunden.

Auch die in der Schule gelehrten Kulturtechniken sind nicht nur analytisch, sondern immer auch konstruktiv. Wenn auch bedauert werden kann, dass viel zu wenig kreativ geschrieben wird, so wird doch geschrieben. Schreibend setzen wir uns immer eine kleine, neue Welt zusammen. Wenn wir auf einem Dachboden eines alten Hauses ein Schulheft, einen Kalender, eine Briefsammlung oder gar ein Tagebuch finden, so finden wir auch immer eine Welt von gestern. Immer erkennen wir in den Dingen und Ereignissen einen konstruktiven Sinn, weil wir uns vorstellen, wir hätten die Dinge und Ereignisse gemacht. Hegel geht in seinem berühmten, aber leider auch sehr unsinnigen Satz*, dass der Unwissende die Welt ablehnt, weil er sie nicht gemacht hat, sogar soweit, einen Teil der Menschheit von vornherein auszuschließen. Und auch da gehen heute noch genauso viele Menschen mit wie bei seinem Fortschrittsgedanken**. Der Satz ist trotz seiner rhetorischen Stärke und seiner bewundernswerten Konstruktion deswegen unsinnig, weil wir in seinem Sinne alle unwissend sind und die Welt, auch die kleine uns unmittelbar umgebende, nicht gemacht haben. Wer ein Haus gebaut hat, weiß, wie viel vom Grund abhängt, vom Material, vom Entwurf, vom Wetter, vom Geld von der Tagesform und von tausend Zufällen. Da aber das Haus heute noch steht, glauben wir an uns und unsere konstruktive Stärke und überschätzen unseren Anteil an Struktur und Wissen der Welt.

Durch die Konstruktion von Artefakten kommt also unser Glaube an die universelle Machbarkeit. Die Welt, meinen wir zu wissen, ist genauso gemacht worden, wie die Legowelt im Kinderzimmer, wie das Kinderzimmer und auch wie die Kinder selbst.

Die andere Seite ist die Ablehnung des Zufalls. Da wir in allem Sinn suchen und vermuten, müssen wir das sinnlose Walten der Natur hinterfragen. Letztlich lehnen wir es ab. Wir glauben nicht daran, dass es zwar Zusammenhänge, aber keine Kausalzusammenhänge geben soll, dass es zwar Kausalzusammenhänge geben soll, die aber nicht mit uns zusammenhängen. Fast jeder Mensch ist zum Beispiel davon überzeugt, dass er sich den Partner oder die Partnerin bewusst, sehenden Auges, vielleicht sogar ästhetisch oder utilitaristisch ausgesucht hat. Viele erinnern sich an den ersten Schritt aufeinander zu und halten die Verbindung für gewollt und gemacht. Tausend biotische und psychische, soziale und lokale Zusammenhänge werden nicht ignoriert, sondern sind uns unbekannt, weil wir eben auch in unseren persönlichsten Zusammenhängen Unwissende sind.

Neuerdings liest man sehr oft, dass die Freiheit des einen dort ende, wo die Freiheit des anderen beginnt. Das setzt voraus, dass zwei Nachbarn entgegengesetzte Konstruktionen wären, die auch noch ein entgegengesetztes Freiheitsideal hätten. Tatsächlich stimmen wir aber – glücklicherweise – zu bis zu 99% überein, wenn uns das auch bei einem unbeliebten Nachbarn weit anders erscheint. Es geht sehr oft um das Rechthabenwollen und nicht um das Recht oder um die Gerechtigkeit. Solche dichotomischen Ausschließungen – an meinem Gartenzaun endet dein Recht! – ignorieren die von Euler beschriebenen Schnittmengen zwischen den Dingen, Ereignissen und Menschen. Vieles ist sich ähnlicher, als es denkt. Jeder Wettbewerb beruht mindestens auf dem Konsens der Vergleichbarkeit. Und in jedem Wettbewerb regieren nicht nur das Können, der Verstand oder der Selbstwert, sondern auch immer das Glück und der Zufall. Aber trotz aller Konkurrenz, trotz allen Streits und Wettbewerbs, trotz aller Kämpfe sind wir immer auch eingehüllt vom Grundkonsens der Menschheit, der Großgruppe, der Kleingruppe, des Paars und etwa des Gartens, in denen wir uns befinden und ohne die wir nicht wären.

Es ist doch merkwürdig, dass gerade diejenigen, die die Freiheit einschränken wollen, sich bei der Entfernung vom Grundkonsens der Menschheit auf Freiheit berufen. Niemand aber entfernt sich ungestraft von diesem Grundkonsens. ‚Du sollst nicht töten‘ [Exodus 20,13] etwa ist nicht ein frommer Wunsch, der sich durch widrige Wirklichkeiten zu behauptet hätte, sondern eine conditio sine qua non*** des Zusammenlebens. Wer sie missachtet, wird missachtet. Die Strafe ist die Entfernung aus dem Grundkonsens.  Eine Umkehr ist immer möglich. Nichts muss, alles kann, aber es wird immer kommen, wie es kommt.

 

*          „Der Unwissende ist unfrei, denn ihm gegenüber steht eine fremde Welt, ein         Drüben und Draußen, von welchem er abhängt, ohne dass er diese fremde Welt            für sich selber gemacht hätte und dadurch in ihr als in dem Seinigen bei sich selber wäre.“ HEGEL. Ästhetik, Berlin und Weimar 1984, Band 1, Seite 105

**        vergleiche: DIE HEGELSCHE TREPPE, Blog Nr. 240

***       Bedingung, ohne die nichts (ist, geht)

Advertisements

REDE EINES BRO ZUM 100. GEBURTSTAG VON BRO NELSON

 

 

 

du glaubst doch sonst alles

glaube nicht alles bruder

denn das meiste ist nonsens

aber eins sollst du glauben bro

alle menschen werden brüder bro

und schwestern bro

aber nur wenn sie sich freuen bro

die freude ist die triebfeder

ich höre immer nur trieb trieb trieb

an den brüsten der natur

an den brüsten ist schon mal gut

wem der große wurf gelungen

wer ein holdes weib errungen

jedenfalls sollen sie alle jubeln

er glaubt auch an verzauberung

wusstest du dass schiller der absolute junkie war

er hat geraucht und gekokst und gesoffen ohne ende und nachts hat er geschrieben

alle menschen werden brüder und schwestern

du glaubst es nicht

 

ich heiße nelson

ich heiße nach nelson mandela

aber weißt du nach wem mandela heißt

der heißt nach horatio lord nelson

und der hat nicht nur vier

schlachten gewonnen sondern gesagt

dass der mensch dazu da ist

seine pflicht zu tun

england expects that every man will do his duty

und ich sage dir die pflicht ist liebe

all you need is love

das meinte schiller mit seiner freude

freude ist der zauber

der freundschaft und der liebe

und des glaubens an den schöpfer

den vater der über den wolken wohnt

überm sternenzelt

das musst du nicht beweisen

das musst du glauben bruder

 

du glaubst doch sonst alles bruder

glaub nicht alles bruder

das meiste ist nonsens

alle reden vom krieg

alle reden vom untergang

so als würde hinter jedem von uns

ein terrorist stehen

du wirst nicht vom blitz getroffen

eins zu eine million

 

eins zu eine million

dass dich auch kein terrorist trifft

sieh mal wie viele menschen es gibt

und wie wenige terroristen

heute teilt nicht die mode

sondern die himmelsrichtung

bist du aus dem norden ist alles gut

bist du aus dem süden sieht es

verdammt schlecht aus für dich

wenn du aus eritrea oder mali bist

sieht es noch schlechter für dich aus

ich kenn einen bro aus eritrea

er ist hier er ist in sicherheit

er wird hier studieren

eritrea expects that every man will do his duty

studiere und stürz den diktator oder umgekehrt

glaubst du nicht an die zukunft

 

du glaubst doch sonst alles

glaube nicht alles bruder

denn das meiste ist nonsens

aber die andere hälfte ist fantasy

wo bleibt dann die wahrheit

die wahrheit ist

dass es keine wahrheit gibt

jeder hat keine wahrheit

aber dann stürzen die millionen nieder

getroffen vom wasserwerfer

ja wasserwerfer gibt es auch in der demokratie wasserwerfer und attentäter und guttäter

also die millionen stürzen nieder

sagt der junkie

ahnest du den schöpfer welt

ahnest du den schöpfer bruder

such ihn über sternenzelt

über sternen muss er wohnen

aber er kann da nur wohnen

wenn hier unten unter uns menschen

alle brüder werden und schwestern

wenn hier freude herrscht

an den brüsten der natur

und der schwestern und wenn der zauber

der sympathie uns zu den sternen leitet

nicht starwars nicht warlords

nicht war of the worlds

es ist immer schwer zu glauben

dass alle wesen freude brauchen

und freude haben

alle guten alle bösen alle unbestimmten

otto normalverbrauchers all die

nichtssagenden stinknormalen

die immer ein ticket haben

und immer ihr navi an haben

aber davon wird der weg nicht richtig

davon wird die welt nicht gut

ich sag dir wovon die welt besser wird

wenn alle lernen und alle freude haben

und alle satt zu essen und ein smartphone

du glaubst nicht wie wichtig ein smartphone ist

ein smartphone ist heute so wichtig

wie früher ein stück brot und ein apfel

germany expects that every man will do his duty

tochter aus elysium weißt du bro

das ist da wo alles gut ist

das paradies die lebenslange liebe

das lifelong learning

und die freude bindet das was geteilt ist

bei schiller heißt es durch die mode

und ich sage dir durch die zeiten

und durch die ideologen und idioten

was ist alles geteilt

deutschland nicht mehr

aber jemen und palästina

schiiten und sunniten

orthodoxe und katholiken

katholiken und protestanten

türken und kurden

schwarze und weiße

hört auf mit der scheiße

alle menschen werden brüder und schwestern

glaubt es endlich

 

ihr glaubt doch sonst alles

ihr sollt nicht alles glauben

denn das meiste ist nonsens

alle menschen werden brüder und schwestern

wo dein sanfter flügel weilt

wem der große wurf gelungen

eines freundes freund zu sein

eines freundes geprüft im tod

du hast bei facebook sechshundert freunde

aber wenn du einen brauchst

weil du down bist ist keiner da

aber noch besser ist es

wenn du ein holdes weib errungen hast

und umgekehrt einen traumprinzen von seinem pferd gezerrt

aus seinen be-em-we-träumen gerissen

dann kannst du jubeln

beste

aber wer das nicht kann was jeder kann

mit einem lächeln einen oder eine gewinnen

der stehle sich aus unserm bund

der brüder und schwestern

im lotto kannst du nichts gewinnen

aber mit einem lächeln kannst du alles gewinnen

so und jetzt geht nach hause und freut euch

küsse gab sie uns und reben einen freund geprüft

ihr wisst schon und dieses stück papier

the world   expects

that every brother and every sister

will do their duty  

nun glaubt es doch endlich

 

TAUFE

 

Nr. 301

Wir leben nicht nur in der Wirklichkeit, sondern auch in einer Traumwelt aus Märchen, Ritualen und Symbolen. Genauso wie viele sich gegenseitig vorwerfen, die besseren oder die schlechteren Menschen zu sein, werfen sich die Kulturen auch ihre Riten vor: die einen finden Taufen albern, die nächsten finden Beschneidung grausam. Gegen das rituelle Fußwaschen gehen weniger Aktivisten vor, obwohl es auch seinen Ursprung im Orient hat, wie fast alle monotheistischen Gebräuche. Die diesjährige Bachmannpreisträgerin, Tanja Maljartschuk, lässt ihre demente Protagonistin Ostereier suchen, obwohl niemand welche versteckt hat und ihr passloser Parkloser hilft ihr dabei, eins zu finden. Die orientalischen Riten haben sich mit den nördlichen und westlichen vermischt, und würde man heute ein beliebiges Kind auf einer beliebigen Straße in Deutschland fragen, was Ostern ist, so würde es Eier antworten. Es war ein Kardinalfehler, die Deutungshoheit sich so krass aus den Händen nehmen zu lassen. Weiß Gott, worüber die Kardinäle diskutieren, Ostern ist es jedenfalls nicht.

Zweihundert Menschen kamen an einem sehr frühen Sonntagmorgen zusammen, um ein kleines Kind zu begrüßen, das wenige Wochen vorher geboren worden war. Weit mehr als eine Stunde lang wurde aus der Bibel rezitiert, also die rhythmische Schönheit eines oft starken, manchmal aber auch widersprüchlichen Textes deutlich gemacht. Der Unterschied zwischen zitieren und rezitieren verwischt sich im genieren über das laute Bekenntnis. Hinter einem Zitat kann man sich notfalls auch verstecken. Dann wurde das Kind von der Mutter ausgezogen und dem Paten übergeben, der es wiederum dem Priesterhelfer weiterreichte, der es fest in seinen beiden Händen hielt. Nach der taufe ging der Weg des Kindes umgekehrt zurück zur Mutter. Für seine Entwicklung braucht jeder Mensch von klein auf mehr liebevolle Fürsorge als nur durch die Mutter und den Vater, so wichtig diese beiden auch sein mögen. Dann erst nimmt der Priester das Kind und taucht es fast ganz in das symbolische Wasser, das sich in einem schwarzen Maurertuppen befindet. Man könnte hier an dieser Stelle eine Kulturgeschichte der Taufbecken aus Stein und Gold, hochgotisch, renaissant oder expressionistisch einfügen. Aber das würde nichts daran ändern, dass man an diesem frühen Morgen, die Menschen strömten immer noch in die kleine, moderne Kirche am Rand Berlins, die wahre Bedeutung dieses Symbols ahnen konnte. Wir Menschen machen Fehler, beschmutzen uns mit Neid und Gier, mit Gift und mit Galle. Handlungen und Wörter kann man auch nicht zurücknehmen oder zurückgeben, weil die Zeit irreversibel ist, aber man kann es in Zukunft besser machen, man kann es wieder gut machen, als Kinder sagten wie ‚heile machen‘, man kann es ab jetzt besser machen. Und es schadet nichts, wenn man ab und zu seine Seele wäscht oder sich in einen solchen Maurertuppen tauchen lässt, um diesen Beginn, Neubeginn oder Wiederbeginn symbolisch abzubilden.

In gibt in der Weltliteratur zwei starke Taufszenen. Die eine beschreibt, wie die Frau des Pontius Pilatus, der gerade überlegt, ob er dem Wunsch der Priester und des Pöbels nachgeben und Jesus verurteilen soll, ihm eine Schüssel mit Wasser schickt und ihn auffordert, seine Hände in Unschuld zu waschen. Wir wissen: das geht nicht, aber wir hoffen, es ginge. Wir hoffen auf die reinigende und motivierende Kraft solcher Gesten. Die zweite Szene zeigt den machtgierigen Macbeth, den Politiker, der über sprichwörtliche Leichen geht, er lässt sogar Kinder, die ihm, wenn sie groß sind, gefährlich werden könnten, auf offener Bühne ermorden, das erinnert an die Sultane des Osmanischen Reiches, die jahrhundertelang ihre vielen, vielen Brüder ermorden ließen, bis einer von ihnen auf die Idee kam, sie in goldene Käfige zu sperren und uns damit eine weitere Metapher zu liefern, dieser Macbeth versucht vergeblich, das Blut von seinen Händen zu waschen, und sein Schöpfer beschreibt hier einen klassischen Waschzwang in seiner Sinn- und Ersatzlosigkeit. Unsere Politiker gehen nicht mehr über Leichen, aber der medialen Aufmerksamkeit oder einem einträglichen Posten können sie auch nur schlecht ausweichen.

Den Maurertuppen gegen das güldene Taufbecken kann man aufrechnen, um sich zu verdeutlichen, wie eine symbolische Handlung hinter ihrem Symbol verschwindet. Die Mütter, denen ich nach der Taufe erzählte, dass europäische Babies ein kleines Kreuz mit einem feuchten Finger aufgehaucht bekommen, fanden das aus pragmatischen Gründen – so war das Wasser im Tuppen zu kalt –  richtig, über das Ritual aber konnten sie nur ihre reich geschmückten Köpfe schütteln. Meinen rechten Lesern, die jetzt schon wieder ihre Köpfe über den soeben beschriebenen Reichtum schütteln, sei diese Anmerkung um die Ohren gehauen: das ist alles geborgte Requisite, in nächtlicher Handarbeit hergestellt.

Warum machen wir das, uns mit geborgtem Reichtum uralten Symbolen zu unterwerfen? Vermutlich tun wir das aus dem selben Grund, warum wir es kritisieren: wir brauchen zu allem, was wir tun, einen Spiegel und wir wissen, dass jeder Spiegel verdreckt ist und verzerrt. Wir brauchen das Bad in der Menge und den Revolutionär, der das Kind mit dem Bade ausschüttet. Wir brauchen den Bruder und die Schwester, den Lehrer und die Priesterin, manchmal auch den Neider und die Zweiflerin, damit wir unser Verhalten immer wieder neu orientieren können. Und das Wort kommt vom Orient, wo so viele unserer Sitten und Gebräuche, unserer Religionen und Kulturen, und immer wieder auch die Menschen herkommen.

Gestern Nacht haben wir die Taufe gefeiert. Es wurde zusammen eine Nacht lang gekocht, in der zweiten Nacht zusammen gegessen und getanzt. Dann haben wir, wieder zusammen, aufgeräumt. Der Dienst ist identisch mit der Leistung. Am meisten gelacht haben wir über einen langen, schmalen Jungen, der, als er die Tanzfläche wischte, mit dem Leifheit-Wischmopp tanzte und immer weitersang. Um so etwas zu sehen, buchten andere Menschen, als es noch ging, eine teure Reise nach Istanbul und ebenso teure Tickets für die zurecht berühmten Sufi-Derwische.

Ein anderer sagte währenddessen zu mir: In meinem Heimatland haben wir immer viel Spaß, auch ohne Arbeit.

LESEN IST SILBER, SCHREIBEN IST GOLD

Nr. 300

Einblick im Rückspiegel

SONY DSC

Kreuzgang Havelberg

Niemand weiß, was wirklich vor sich geht, auch die nicht, die wollen, dass du nicht weißt, was vor sich geht. Aber du bist im Vorteil, denn du kannst dein Smartphone wegwerfen, aber sie können ihre Macht nicht wegwerfen, an der sie kleben wie der Junkie an der Spritze. Das stimmt natürlich nur, wenn diejenigen, die an der Macht kleben, auch wirklich wissen, was vor sich geht. Kein Politiker weiß, was wirklich vor sich geht. Politik ist eher wie russisches Roulette, vielleicht ohne Tote, aber da fallen uns schon all die erschossenen und angeschossenen Politiker ein. Vielleicht reden so viele Politiker so viel Unsinn, um eben nicht erschossen zu werden. Der Unsinn und der unsinnige Tod sollten uns aber nicht dazu verleiten, Politik insgesamt zu verdammen oder, was heute eher üblich ist, mit Unflat zu bewerfen. Aber war es denn besser, die Politiker wie Kaiser Wilhelm und Wilhelm Pieck, mit Flat zu bewerfen, zu bejubeln, an den Straßen zu stehen und betrunken Mützen in die Luft zu werfen vor lauter vorgetäuschter Freude? Als Kim Il Sung, der Großvater des jetzigen nordkoreanischen Diktators, der gerade den karikierten und kleinkarierten amerikanischen Präsidenten vorführt, unter frenetischem gefakten Beifall durch Ostberlin kutschiert wurde, fragte ein neben mir stehendes Mädchen: Und wer war eigentlich Kim der erste Sung? Und an dieser Anekdote kann man sehen, wovon ein Teil der Politiker träumt: demokratisch gewählt, aber dann nur noch geliebt zu werden. Wer nicht liebt, wird erschossen. Der ganze Kim-Clan ist natürlich von niemandem gewählt worden. Der andere, bessere Weg ist freilich beschwerlich: immer wieder neu zu überlegen, was gut und vielleicht sogar richtig ist, aber dafür immer wieder aufs neue beschimpft zu werden.

Politik und das Leben sind ein ständiges Auf und Ab. Auf die Demokratie folgt die Autokratie, aber erfreulicherweise auf dieser wieder die Demokratie. Demokratie darf man sich ebenso wenig vollständig oder perfekt vorstellen, wie die Autokratie ist. Wer in einem Land gelebt hat, das mit einer perfekten Mauer umbaut war, weiß, wie wenig perfekt sie war, denn er kennt mindestens ein, wenn nicht zwei Dutzend Leute, die sie überwanden. Schließlich brach sie zusammen, denn keine Mauer steht hundert Jahre. Die perfekte Diktatur, und davon war die DDR zum Glück meilenweit entfernt, dagegen scheitert an sich selbst: Wer Recht und Gesetz zum alleinigen Kompass machen will, wird zwangläufig zum Verbrecher. Wer dagegen die Freiheit zum alleinigen Maßstab macht, wird schlimmstenfalls Chaot.

Jeder Mensch glaubt und muss glauben, dass seine Sicht richtig ist. Wäre er vom Gegenteil überzeugt, könnte er sich gleich von der Bosporusbrücke stürzen, die genau aus diesem Grund für Fußgänger verboten ist. Die unvermeidliche Falschheit dieser aus der eigenen Sicht richtigen Meinung wird nur dadurch überlebensfähig, dass wir in Gruppen leben. Allerdings übertragen wir unsere Selbstbewusstsein auch sofort auf die Gruppe, der wir angehören, in die wir meist sogar hineingeboren sind. Wir sind meist Mann oder Frau, wir sind zumeist an einem Ort geboren, der in einem Land liegt oder lag. Aber da geht es schon los: viele von uns kennen das Haus in der Berliner Brunnenstraße, an dem steht, dass ebendieses Haus einst in einem anderen Land stand und dass der menschliche Glaube oder Wille tatsächlich Berge und Häuser versetzen kann. Noch heute, fast dreißig Jahre nach dem Verschwinden dieses Landes, diskutieren viele Menschen die Differenzen ihrer Herkunft, glauben, dass sie es leichter oder schwerer als andere hatten. Jeder bemerkt sofort, dass der Spruch, der an diesem Haus steht, auf der Verwechslung von Land und Staat beruht, dass also Nation ein Konstrukt ist und keine natürliche Kontinuität. Das gleiche gilt für das Geschlecht, wenn auch beim Geschlecht der Mainstream wesentlich größer ist, gegen 100% strebt, um so schwerer war es für die winzigen Minderheiten.

Der Spiegel, in den wir sehen, ist nicht nur schief und schmutzig, er ist auch Speicher und Wirkfaktor. Wir sehen in dem Spiegel nicht die Welt, sondern wie wir die Welt sehen wollen und müssen. Das Wort Müssen weist schon wieder auf einen möglichen Demiurgen hin, das ist der von Hegel erfundene Weltgeist in Menschengestalt, aber so ist es nicht gemeint. Wir müssen die Welt so sehen, weil unsere Sehinstrumente aus der Vergangenheit stammen, aus unserer Vergangenheit. Was immer richtig war, wie sollte es falsch sein?, fragen sich so viele Menschen. ‚Richtig‘ und ‚falsch‘ ist falsch oder jedenfalls nicht richtig.

Und damit sind wir beim dritten und vorletzten Gedanken, der diesen oder dieses BLOG bisher bestimmte: wir widersprechen hier der gängigen und weitverbreiteten Ansicht der Monokausalität, die uns vorgaukelt, dass ein Ereignis nur einen Grund haben könnte, das überhaupt ein Fakt ein Fakt sei, ohne Beiwerk. Und nebenbei gesagt beruht auf dieser merkwürdigen und längst überholten Ansicht auch die Meinung, dass man Fakten schaffen könne. Kürzer gesagt: die Frage WARUM ist unsinnig, weil sie niemand beantworten kann, weil zu ihrer Beantwortung mindestens die gesamte Weltgeschichte notwendig ist, wie der große Schiller seinen Studenten, wahrscheinlich vergeblich, in der Antrittsvorlesung zur Universalgeschichte wortgewaltig und bilderreich zu vermitteln versuchte. Jeder Anlass hat tausend Folgen und jeder Fakt tausend Gründe. Man kann viel berechnen, aber eben nicht alles.

Und deswegen, und das ist der letzte Baustein der letzten sechs Jahre dieses BLOGs, ist es immer besser zu produzieren als zu konsumieren. Natürlich muss man lesen, es ist nach wie vor die Hauptquelle differenzierter Gedanken. Wenn man eine Fernsehdokumentation oder gar eine Talkshow sieht, bemerkt man den Unterschied, beide sind didaktisch aufbereitet, wenn nicht propagandistisch verzerrt. der Politiker in der Talkshow sagt nicht seine Meinung, wenn er überhaupt eine hat, sondern er sagt Sachen, von denen er glaubt, dass die Zuschauer ‚draußen im Lande‘ es so hören wollen. Nichts neues ist es festzustellen, dass ihm seine Wiederwahl wichtiger ist als jede mögliche Problemlösung. In einem Buch dagegen ist der propagandistische Faktor möglicherweise geringer, der merkantile Faktor, die Verkaufszahl tritt zwar hinzu, etwa so, dass man beim Arzt auch nie weiß, ob er die Therapie vorschlägt, um uns zu heilen oder um sich selbst zu sanieren, aber der Leser ist mit dem Buch alleine und kann über jede einzelne Zeile nicht nur nachdenken, sondern sie auch schrittweise und über einen langen Zeitraum in sein eigenes Bewusstsein einfühlen. Letztendlich sind wir von Büchern geprägt, auch von denen, die unsere Lehrer oder Großeltern lasen.

Natürlich muss man lesen, aber schreiben ist besser, denn man arbeitet an seinem eigenen Skript.

LOKSCHUPPEN

Nr. 299

Nicht zu toppen ist der Bahnhof von Halbe. Zunächst denkt man an maurischen Stil, aber dann sieht man, dass es eindeutig Tudor-Gotik ist, in der er bröckelt. Denn, wieviel Mühe sich unsere Vorfahren auch immer gegeben haben, wir wissen sie oft nicht zu schätzen. Die Reichspost, von der Familie Thurn uns Taxis gekauft, und die Reichsbahn, beide mit der Reichseinigung von 1871 entstanden, waren einst nicht nur kommunikative Unternehmungen, sondern auch der Ausfluss eines paternalen Staates. Was man heute Service nennt, war einst die Fürsorge des monarchischen Staates für seine zwar Untertanen genannten, aber doch streng und gut behandelten Bürger. Die Unterdrückungsmechanismen dieses Staates sollen hier nicht verniedlicht werden, es geht nur um die Gebäude.

Das ganze große Land wurde mit einem Netz von Post-, Bahnhofs-, Forst- und Schulgebäuden, leider auch Kasernen überzogen. Während die Kasernen wegen ihrer oft gigantischen Ausdehnung gut umgenutzt werden können, die Schulen noch bestehen, verfallen die Bahnhöfe und Postgebäude.

Die Mobilität ist von einem kollektiven und klassifizierten Spaß zum Individualverkehr heruntergesunken. Die Autobahnen, die kongenial die Eisenbahnen imitierten, haben den Wettlauf gewonnen. Zwar gibt es immer noch bedeutenden Güterverkehr auf der Schiene, aber der Personenverkehr ist zum Kummerkasten der Nation verkommen. Statt seine gigantischen Ausmaße zu beachten, wird jede Verspätung so gezählt und multipliziert, als hinge von ihr das weitere Leben der Reisenden ab.

Obwohl die Post täglich siebzig Millionen Briefe befördert, beklagen Verbraucherschützer den Verlust von siebzigtausend Briefen pro Tag, was die Post als absurd bezeichnet, und wir alle beklagen, dass wir keine Briefe mehr erhalten, sondern nur noch Rechnungen, Mahnungen und Strafbefehle. Der Grund dafür liegt aber eindeutig darin, dass wir keine Briefe mehr schreiben. Unsere falsche Optimalvorstellung geht davon aus, dass alles so bleibt wie früher, aber auch gleichzeitig so wird wie morgen. Wir wollen Briefe erhalten, obwohl wir selbst keine mehr schreiben. Wir wollen keine Mahnungen, obwohl wir die Rechnungen nicht bezahlen. Wir regen uns über Fahrpreis- und Portoerhöhungen auf, obwohl wir mit dem Auto fahren und telefonieren statt Briefe zu schreiben. Das Unbehagen an der Kultur ist vielmehr ein Unbehagen an der Innovation. Wir trauen, mangels Ganoven, uns selbst nicht über den Weg. Die Zeitungen berichten, mangels Ganoven, von abgerissenen Zweigen in Pfaffenhofen und der Rettung einer Katze aus dem siebenten Stockwerk eines Hauses in Bochum. Das mag aber alles unter ‚gefühlte Temperatur‘ gezählt werden, die, damit wir nicht selber fühlen müssen, auf unserem Telefon angezeigt wird.

Tatsache ist aber der Verfall der schönen Gebäude aus der zweiten Hälfte des neunzehnten und ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. So wie die Errichtung dieser Gebäude, lange bevor Lord Keynes Gedanken wirkmächtig wurden, ein Beispiel für antizyklische Investitionen waren, könnten sie es erneut werden. Statt die schwarze Null im Staatshaushalt wie das Goldene Kalb zu feiern, sollten zügig entschuldet und investiert werden. Regulierend kann der Staat aber auch eingreifen, indem er statt ständig Papphäuschen für prosperierende Discounter zu genehmigen, Altimmobilien anpreist und ausweist.

Mit dem Satz ‚Der Hauptbahnhof von Osnabrück sieht aus wie ein Zitat der Kalenderhane-Moschee in Istanbul.‘ kann man nicht nur Deutschtürken und Rechtsradikale erschrecken, er zeigt auch, wie gelungene Kontinuität aussehen kann. Denn die genannte, eher kleine Moschee war vor 1453 eine Kirche gewesen und Mehmed II. soll sie persönlich und ausdrücklich zur Moschee mit Suppenküche für die Armen bestimmt haben. Umnutzung kann also den Wertewandel begleiten, es ist dabei gleichgültig, ob es vielleicht umgekehrt ist. Etwas bewahren, sagen wir an die Adresse des Konservatismus gerichtet, kann ja nicht heißen, seine Bewegung aufzuhalten. Die Bewegung anhalten heißt töten. Eine lohnende Aufgabe für Konservatismus und Nationalismus wäre es also, diese beiden Gefühlsrichtungen aus ihrer provinziellen Enge zu befreien. die Beschränkung auf sich selbst kann nie Vorteile für sich selbst bringen. Wenn man aber gleichzeitig bewahrt und ehemals der Kommunikation dienende Gebäude einer neuen Bestimmung zuführt, nützt man sich und gleichzeitig anderen. Statt also in Angst zu vergehen, dass ‚Umvolkungen‘ und ‚Islamisierungen‘ stattfinden, sollte man seinen Mut zusammennehmen und Vereine zur Rettung autochthonen Kulturguts gründen, Wettbewerbe ausschreiben,  Schulklassen begeistern. Tun ist immer besser als lamentieren.

Als Übungsaufgaben kann man damit beginnen, einer sechsten Klasse im Rahmen des Musikunterrichts die Nachhaltigkeit einer Orgel gegenüber einem Keyboard oder einem Smartphone zu erklären, ohne aber diese zu verteufeln. In einem nächsten Schritt könnte man einen Briefklub in der ortsansässigen Grundschule gründen. Briefe gehören zu den fundamentalen Kulturtechniken. Sodann kann man einen Verein zur Umwertung örtlichen Post oder des Bahnhofs gründen. Während sich für die Post immer Wohnungen als Umwidmung anbieten und meist kein Problem bereiten, muss über den Bahnhof, schon wegen seiner oft exklusiven Lage, besonders wenn die Bahnlinie noch intakt ist, lange nachgedacht werden. Der lokale Raumbedarf ist meist gut abschätzbar. Viele Orte in Europa benötigen nicht zwei Kulturhäuser oder noch nicht einmal einen Jugendklub. Aber auswärtige Investoren kennen die Vorzüge der speziellen Immobilie nicht. So gibt es Bahnhöfe von außerordentlich schöner Architektur, von besonderer Lage, mit niedrigem Kaufpreis, großen Räumen. All das kann der Verein durch Veranstaltungen, Broschüren, Bücher, Filme und Webseiten bekanntmachen.

Allen Utopien wird immer wieder Realitätsverweigerung unterstellt, jedoch vergessen die selbst ernannten Realisten, dass alle Realität aus der Utopie geboren wurde und dann erst den Umständen angepasst wird: am Anfang war das Wort. Aber das Wort, die Idee ist nicht identisch mit einem omnipotenten Demiurgen. Deshalb wir zum Schluss auf den Gebäudetyp verwiesen, der am schwersten integrier- und umdeutbar ist. Seine Lage hat er mit dem Bahnhof gemeinsam, von dem ihn aber die fehlende humane Dimension  trennt. Von vornherein ist er wegen seiner Herkunft gemieden. Die industrielle Revolution – das ist seine Herkunft – wird sogar von vielen Kulturkritikern als der Sündenfall, als Keimzelle des Untergangs angesehen, ohne dabei zu beachten, dass dieser Sündenfall gleichzeitig der Ursprung von Wohlstand und Freiheit ist. Die menschlichen Verhältnisse sind immer ambivalent, was dazu geführt hat, dass wir in bipolaren Krankheiten versinken und dichotomischen Paradigmen anhängen. Das Gebäude, mit dem wir den Schatten jedes Segregationismus ablegen könnten, wenn wir in der Lage wären, es in die moderne Welt zu integrieren, obwohl es von seiner Zweckbestimmung her nicht mehr gebraucht und von vielen noch nicht einmal mehr erkannt wird, ist der Lokomotivschuppen.

 

OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT

 

Nr. 298

Die Episoden können sich nicht schnell genug in Anekdoten verwandeln. Die Erzähler bleiben zurück, nicht weil die Ereignisse schneller und tiefer würden, sondern weil alles sofort und weltweit berichtet wird. Nicht die Welt ist aus den Fugen, sondern alles Ungefügte ist im Moment des Geschehens schon auf den Monitoren der Welt, dann einen Tag in einer schnellen und weitgehend unreflektierten Diskussion, aber dann wird schon die nächste Episode gesendet. Die Welt, wir Menschen und unsere Ereignisse werden zu einer TV-Serie des lieben Gottes, Folge 5962. Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen, sondern wir haben keine Zeit, mit den guten Geistern zu sprechen oder auch nur auf sie zu hören. Als noch ein einziger Philosoph aus Königsberg seine Kommentare zum Weltgeschehen sandte HANDLE SO, DASS NICHT NUR DAS GUTE GESCHIEHT, SONDERN ANDERE SICH NACH DIR RICHTEN KÖNNEN, hatte man fünfzig Jahre Zeit, diese Botschaft zu bedenken und für sich anzunehmen oder abzulehnen. Keinesfalls haben früher alle Menschen alle Botschaften blindlings angenommen. Der Widerstreit der Botschaften ist so alt, dass unsere Vorväter ihn sogar in den Gründungsmythos der Welt aufgenommen haben: Gott machte zwei Brüder, einer sesshaft, der andere nomadisch, einer Ackerbauer, der andere Viehzüchter, einer sanftmütig, der andere jähzornig, einer nachdenkend, der andere handelnd, einer nach den Maximen handelnd, der andere sie durchbrechend, und dann schlägt der eine den anderen tot. Und als wäre das noch nicht genug Schaden entwickelt der Mörder eine Theorie des Mordes, nach der Mord zur Leitkultur gehört, nach der es genügt, sich um sich zu kümmern und nach der es  erlaubt sei, sich zu schütteln und zu fragen: SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN? Und im Jubel über diese Unverfrorenheit, diese Schnoddrigkeit, diese vermeintliche Freiheit von Moral und Ketten, hört er die Antwort nicht, die im Weltall widerhallt: oui, yes, ya.

Diese Schnelligkeit der Nachrichten, die eigentlich nur übermittelte Episoden sind, verringert auch die notwendige Distanz zu den Mitmenschen. Wem ich helfen will und muss oder wen ich lieben will oder muss, zu dem brauche ich Nähe. Wen oder was ich verstehen will, zu dem brauche ich auch Distanz. Respekt als Sonderform dieser Distanz reicht von soldatischer oder höfischer Unterwerfung bis zu einem Aspekt der eigenen Würde. Der Begriff der Würde ist wie der Begriff des Souveräns sozusagen umgedreht worden, von einer auserwählten Elite, für die sie früher nur galten, auf alle Menschen übertragen. Ein einzelner Herrscher herrschte souverän, er musste niemanden fragen, wenn er für sich und für alle entschied. Heute muss sozusagen das Volk niemanden fragen. Es entscheidet, von wem es regiert werden will. Dieser Vorgang, dass ein ganzes Volk sich eine Ordnung und eine Regierung gibt, ist derart kompliziert, dass er ohne ständiges Stolpern nicht zu meistern ist. Die Würde wurde früher durch Insignien, sichtbare Kennzeichen meist der Macht und erblicher oder elitärer Stellungen ausgedrückt. In der Umkehrung heißt es nun, dass die Würde jedes Menschen unantastbar sei. Für die universelle Verbreitung dieser komplexen Botschaft und dieses umfänglichen Imperativs reichen natürlich siebzig Jahre nicht aus. Immer wieder gab es lange Kainsperioden, waren Kainsmale die Epauletten der Macht. Der Krieg wurde zur Natur des Menschen erklärt. Der Wolf, der Babies aufgezogen, Städte gegründet und der beste Gefährte des Menschen und der Hüter seiner Brüder wurde, wurde zu Symbol, zum Emblem der Grausamkeit, Mordlust und Falschheit gemacht, wenn er nämlich im Schafspelz daherkam. Dass wir Menschen Schafe züchten, um sie zu ermorden und nicht weniger zu fressen als der Wolf, wird vergessen und verdrängt. Die heutige Massentierhaltung der westlichen Leitkultur ist weitaus grausamer als alles, was Wölfe je Vegetariern antun konnten. Dieselbe westliche Leitkultur konstatiert bei den Afrikanern ungenügenden Respekt vor der Kreatur. In dem Wort ‚Kreatur‘ begegnen sich religiöser Sozialdarwinismus, Unterordnungsfantasien und Segregationswahn, und die Würde der Wesen in schöpferischen Prozessen. Wir sagen heute, dass die Kreatur kein niederes Tier ist, weil es keine niederen Tiere gibt, die Ameise, die schon paradigmatisch in der Bibel und im Koran erwähnt wird, ist nicht schlechter eingefügt als der Mensch, sondern eben Produkt, Schöpfung eines höheren Willens, ob er nun anthropomorpher Gott, hegelscher Weltgeist oder Evolution heißt, ist.

Die heutigen Insignienträger sind nicht mehr omnipotent, allmächtig, sondern omnipräsent, immer da. Wir blicken auf unser Smartphone und sehen Bundeskanzlerin Merkel und ihre Widersacher. Dieser falsche Fokus, auf den einst Richard Milhous Nixon, der tricky Dick genannt wurde, zum eigenen Nutzen mit der brillanten Formulierung der ’schweigenden Mehrheit‘ hinwies, derselbe Nixon, der auch die Ausnutzung der Wohlfahrt durch die Armen erfand, dieser falsche Fokus führt dazu, dass alle Nichtereignisse ausgeblendet werden. Es passiert nur das, was auf den Monitoren zu sehen ist. Das ist keine allzu neue Erkenntnis. Aber: wir sehen also die Bundeskanzlerin und ihre Widersacher, aber wir sehen nicht ihre Befürworter und wir sehen nicht uns. Aber: wir hängen zum Schluss von Kreaturen ab, die wir machten. Damit sind nicht, wie in Goethes FAUST unsere Kinder gemeint, sondern unsere Produkte. Der Mangel an Respekt folgt aus der mangelnden Distanz, diese wieder, weil das Ereignis zu wenig reflektiert, statt dessen vom nächsten Ereignis eingeholt wird. Reflexionen reduzieren sich allzu oft auf einen einzigen Satz.

So ist es möglich, dass eine Opposition, die sich national und sozial glaubt, in völliger Verkehrung der Verhältnisse ständig mit Obszönitäten und Absurditäten das eigene Land und dessen Würdenträger beschimpft und beschmutzt. Denn, obwohl die Würde jetzt bei jedem Menschen zuhause ist, gibt es in einer repräsentativen Demokratie trotzdem noch die herausgehobene Würde. Ständig präsent ist nur, wer ständig repräsentiert. Allerdings wird kaum ein Unterschied zwischen Fußballstar, Rockstar, TV-Star und Politstar gemacht. Die Leuchtkraft jener Sterne hat demzufolge eine geringe Halbwertzeit: wer kennt noch Richard M. Nixon?

Der französische Präsident Emmanuel Macron war vor ein paar Tagen bei einer Gedenkveranstaltung. Ein Junge, offensichtlich links, langhaarig und respektlos, begrüßte ihn nicht unfreundlich, aber flapsig: CA VA MANU?, was geht, Mann? Und Macron, der sowohl seine Würde als auch seine Insignien zurecht in Gefahr sah, antwortete dem Jungen sinngemäß etwa so: Das ist hier eine Zeremonie und du benimmst dich gefälligst so, wie man sich hier benimmt. Und zu mir sagst du gefälligst MONSIEUR LE PRESIDENT. Und die Antwort des Jungen ist es, die uns allen, allen voran aber diesen rechten und linken, nationalistischen, nationalbolschewistischen, segregationistischen, verlogenen und populistischen Widersachern fehlt. Die Antwort, die wir mit unserer Würde nicht so gerne vereinbaren wollen, die uns zu konservativ, zu respektvoll, zu unterwürfig, zu undemokratisch, zu unmodern erschiene, die uns aber fehlt, zu der wir uns erneut aufschwingen müssen, lautete:

OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT.  

I AM A WOMAN

 

Nr. 297

Ein Schulaufsatz gegen den Feminismus

Wir standen in Brüssel in dem kleinen, aber sehr schönen Museum* für politische Plakate vor demselben Poster: Kevin Jones** war begeistert, ich war maßlos enttäuscht. Denn da stand: I AM A MAN. Ich weiß natürlich, dass das heißt ICH BIN EIN MENSCH. Aber ich frage mich, ob das heute noch richtig ist. Ich frage mich, ob sich nicht alle Emanzipationsbewegungen gegenseitig durchkreuzen und dann auslöschen. Am besten wird das deutlich in einem so schönen, so grausamen Satz WOMAN IS THE NIGGER OF THE WORLD. Jeder weiß, dass Yoko Ono den Satz 1968 in einem Interview gesagt hat, John Lennon hat daraus einen Song gemacht, aber übriggeblieben ist eben dieser Satz. John Lennon wurde zum Feministen, vielleicht zum ersten, und dann wurde er erschossen. Aber wer bleibt übrig, wenn man diesen Satz zuende denkt: irgendein blöder alter weißer Mann. Ich will den Satz und schon gar nicht John Lennon diskreditieren. Ohne sie gäbe es die weiteren Überlegungen nicht, und ein anderer Satz von John Lennon steht bei mir gleich neben den Yesus-Sätzen: ALL YOU NEED IS LOVE. Ich will vielmehr sagen, dass fünfzig Jahre nach dem Satz klar ist, dass ihn jemand geschrieben hat, der keine Frau und kein Afrikaner war. Frauen waren noch nie eine Minderheit, Menschen mit außereuropäischer Hautfarbe auch nicht. Also sind sie zu etwas Minderwertigem gemacht worden, weil die das taten, jemanden unter sich brauchten. Man konstruiert eine Hierarchie, indem man sich jemanden unterstellt. Man fühlt sich als Vorgesetzter. Und weil ich am rechten Rand die Hunde bellen höre, sage ich gleich dazu: auch Wölfe leben in Familienverbänden. Die Beobachtung mit den Alphatieren war falsch und ist von gestern. Den Sturz zweier vermeintlicher Alphatiere kann man auch gerade aktuell beobachten: Merkel und Seehofer beschädigen sich selbst, die Demokratie, Deutschland, dem sie ewige Treue geschworen haben, Europa und die Würde des Menschen. Und dann sieht man: es waren gar keine Alphatiere. Es gibt keine Hierarchie, außer in der Notfallaufnahmeim Krankenhaus und in der Bundeswehr, aber die gibt es auch nicht mehr lange.

Der Satz von Yoko Ono und John Lennon soll auf einen Vorgänger von James Connolly zurückgehen. Das ist ein irischer Intellektueller, der mit elf Jahren die Schule verließ und mit vierzehn Jahren in die verhasste britische Armee eintrat, denn eigentlich wollte er Irland emanzipieren. Jetzt sieht man wieder meine These bestätigt, dass sich die Emanzipationsbewegungen gegenseitig auslöschen: Nordirland tritt gezwungenerweise aus der EU und das emanzipierte Irland weigert sich – und das ist selten geworden – einen Zaun zu bauen. Selbst Dänemark baut jetzt einen Zaun, wenn auch nur gegen infizierte Wildschweine. Ich dagegen erinnere an einen weiteren großen Satz TEAR DOWN THIS WALL. Connolly schrieb, und darauf bezogen sich Lennon und Ono, dass der weibliche Arbeiter der Sklave des Sklaven sei.  Seneca, das ist der geistige Onkel von Yesus, berichtet von einem Sklaven, der als Gladiator sterben sollte. Er rammte sich, statt sich in der Arena zum Gespött blöder alter weißer Männer zu machen, die Fäkalienstange in den Rachen, so dass er selbstbestimmt starb. Seneca, der selbst Sklaven besaß, wie auch Jefferson, der Humboldt kannte, der ein Sklavereigegner war wie Rousseau, hat den Grund gelegt für Rousseaus Befreiungstheorie: es gibt keine Sklaven. Sklave ist man – so weh dieser Gedanke auch tut – immer freiwillig. Man tauscht seine Freiheit gegen die Versorgung. Was man nicht tauschen kann ist die Freiheit gegen das Leben, denn da Leben hat man schon von seinen Eltern und von der Natur oder von Gott. Der Mensch, schreibt Rousseau, und jeder Schüler träumt von solch einem schönen ersten Satz, ist frei geboren, doch liegt er überall in Ketten. Und ein Teil dieser Ketten, behaupte ich, sind die Etiketten. Wir kleben uns eine Marke auf, halten uns für besser und glauben an die Hierarchie des Guten: du bist gut, ich bin besser. Der Streit zwischen Mann und Frau ist genauso albern wie der zwischen weiß und schwarz – Kevin, ich verspreche, ich sage niemals, niemals mehr Schwarzer zu dir, denn ich brauche keinen. Das schlimme für uns Menschen ist nur, dass sich auch so große Institutionen wie die Religionsgemeinschaften am Wettlauf um die so genannte Wahrheit beteiligt haben und weiter beteiligen. Die anderen werden als Heiden, Ungläubige, Rebellen oder Verlierer getötet, obwohl das Gebot aller Religionen lautet, dass du und ich nicht töten sollen. Gut, wir beide werden es auch nie tun, aber wie kann man das Tötungsverbot im Namen dessen aufheben, der es angeblich erlassen hat? Ich vielmehr glaube, dass es ein Gebot der Natur, die das Leben und den Tod hervorgebracht hat, ist. Am linken Rand murren jetzt die Maulesel: werdet endlich Vegetarier. James Connolly wurde übrigens an einen Stuhl gebunden hingerichtet, weil er aufgrund seiner Verletzungen nicht mehr stehen konnte, Jesse Washington***, der Name ist Programm, wurde aufgehängt und angezündet, und weil er sich, schon brennend den Strick abreißen wollte, wurden ihm die Hände abgehackt. So sieht es aus, wenn Rechthaber zeigen wollen, dass sie rechthaben. Die beiden waren übrigens unschuldig, aber wer darf Schuldige so behandeln?

Wir Frauen sollten nicht auf einer Quote bestehen. Wer gut ist, wird sich durchsetzen. Macht muss man nicht lernen, wenn man nicht verlieren will.  Wir Frauen sollten nicht auf der stets besonderen Nennung bestehen. Was gibt es für einen besseren Titel als Mensch? Auch die nachträgliche Korrektur historischer Irrtümer bringt uns keinen Schritt voran. Schiller schrieb – aus heutiger Sicht fälschlich -, dass alle Menschen Brüder werden sollten, er, der mit zwei Schwestern einvernehmlich lebte. Ich glaube sonst nicht an die Realisierbarkeit von Dreiecksverhältnissen, aber Schiller hat sein Dreieck gelebt. Und ausgerechnet ihm soll man einen der besten Sätze korrigieren? In der Bibel steht, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind, aber bei Schiller ist es eine fortwährende Aufgabe. Wir werden nur dann Schwestern und Brüder, wenn wir dieses ständige disliken vermeiden, wenn wir über unsere Schatten der Hässlichkeit zu springen lernen. Diese Hässlichkeit kommt vom Hass, und jene Lieblichkeit kommt nur von der Liebe. Jetzt schreibe ich einmal wie Yesus oder wie seine Schwester: reicht euch die Hände und reißt eure Etiketten ab. Reißt die Zäune nieder, tear down this wall of hate. Wer von Zäunen träumt, wird beschränkt sein bis ans Ende seiner Tage.

 

*MiMO, Quai de Hainaut, Bruxelles

**fiktiver Schüler des vorigen (Nr.296) Aufsatzes

***erstes Waco-Massaker 15. Mai 1916