‚SYSTEMSPRENGER‘

 

Nr. 396

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve 1795

 

‚Systemsprenger‘ ist ein äußerst expressiver Film aus dem Jahr 2019 von Nora Fingscheidt, der beim Deutschen Filmpreis in diesem Jahr zurecht acht Titel gewann. Der Titel mag nicht ganz glücklich gewählt sein, denn das delinquente Mädchen will auf keinen Fall das System sprengen, vielmehr kann sie sich nicht in das System einordnen, weil ihr von Anfang an ein Platz verwehrt war. Wir nehmen das Milieu und die Probleme, von denen der Film meisterhaft und ohne moralische Vorhaltungen erzählt, nur ungern zur Kenntnis. Es ist dem so genannten mainstream der Vorwurf zu machen, dass er am liebsten nur sich selbst mit fertigen Erklärungen zur Kenntnis nimmt. Wer wird schon gerne unterwandert?

Das Coronavirus brachte uns – der Welt, jedenfalls der Menschheit – eine echte Krise. Eine Krise kann auch immer ein Versagen der Regierung sein, aber hier kann man wahrscheinlich noch nicht einmal der chinesischen Regierung, die zu schelten sonst ein sehr dankbares Unterfangen ist, Vorwürfe machen. Schon dass es verschiedene Erklärungsmuster der Entstehung, wahrscheinlich eine Zoonose, gibt, zeigt unsere Hilflosigkeit. Aber wie in der Menschheitskrise, die durch das Große Erdbeben von Lissabon 1755 ausgelöst wurde, helfen Schuldzuweisungen nicht weiter, und so ist diese Katastrophe nicht nur der Beginn der Aufklärung und Säkularisation, sondern auch der pragmatischen Regierungspolitik. ‚Begraben wir unsere Toten und bauen die Stadt neu auf‘, soll der Kanzler des portugiesischen Weltreichs damals gesagt haben. Und in Hannover fand der Philosoph Leibniz den Begriff der Theodizee. Aus der Tamborakrise ging nicht nur das Fahrrad hervor, sondern auch der allgemeine Gedanke der Substitution. Es ist also möglich, dass sich aus der schnellen Abfolge mehrerer Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein neues Weltgefüge ergibt, das auf Nachhaltigkeit, Regionalität, Ressourcenschonung und Transparenz, kurz auf Empathie statt Wachstum und Wachstumsemphase setzt. Die Zeit der Großmächte, der Kriege und des Waffenhandels und vielleicht sogar der Rivalitäten könnte von Regierungen beendet werden, wenn sie ihr schnelles, effektives und koordiniertes Handeln, das sie in der Krise hinzugewonnen haben, in der Zeit nach der Krise kreativ fortzuführen imstande sind. Auch Ursachenforschung wird es nach der Krise geben, und sie wird vielleicht zu dem Ergebnis gelangen, dass der Klimawandel, die Flüchtlingskatastrophe und die Coronapandemie in engerem Zusammenhang stehen als wir bis jetzt vermuten können und wahrhaben wollen. Wir sehen Zusammenhänge nur schwer, weil wir die Weltgeschichte* als Fernsehserie erleben, Folge für Folge, und unsere Interpretation zwischen Eindämmung und Verdammung flattert.

1

So kann es sein, so kann es kommen. Aber gerade in dem – historischen – Moment, in dem die Menschheit vor dem Spagat steht, handeln zu müssen, aber nicht zu wissen, wohin es geht, pochen manche Menschen auf verbriefte Rechte, auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Auch ohne Krise weiß niemand, was morgen passiert, aber die Wahrscheinlichkeit, dass nichts Außergewöhnliches passiert, ist dann eben höher. In Kriegs-, Krisen- und Pestzeiten ist dagegen die Wahrscheinlichkeit höher, dass das Ungewöhnliche, sogar das Systemsprengende passieren kann. Unsere Ahnen haben nach dem zweiten Weltkrieg immer ihre Verwunderung geäußert, dass ausgerechnet sie überlebt haben, die überlebenden Holocaustopfer haben sogar ihr Gewissen nie beruhigen können, dass sie, aber nicht ihre Eltern und Geschwister überlebt haben. Das Leben des Dichters Paul Celan ist vor fünfzig Jahren an diesem Dilemma zerbrochen.

Es ist unverantwortlich, im Moment der Krise Grundrechte oder überhaupt Mittel einzufordern, die die Krise nicht beenden können. Natürlich ist es das Recht der Linken, auch öffentlichkeitswirksam an ihrer Vision festzuhalten, aber ist es auch hilfreich? Die Grundrechte sind immer in Gefahr. Aber je demokratischer ein Gemeinwesen ist, desto mehr kann sich der Einzelne auf seinen Schutz verlassen. Im Moment gibt es lediglich eine Prioritätenverschiebung. Der Beitrag dieser Linken zur Fortentwicklung der Gesellschaft besteht also lediglich in der Selbstdarstellung. Vom Sprengen des Systems ist nichts zu sehen.

2

Neben Bill Gates als dem Hauptverursacher sehen die Rechten auch den nun nächtlichen Austausch der autochthonen deutschen – in anderen Ländern der dortigen –  Bevölkerung gegen die als Flüchtlinge getarnten und von den Regierungen jetzt nicht nur eingeladenen und geduldeten, sondern gezielt platzierten Muslime und Afrikaner. Es gab die Vermutungen, dass die Kirchen geschlossen sind, damit die Muslime die Ramadanbeschränkungen nicht als diskriminierend empfinden, das ist das Wiederaufleben der angeblichen Weihnachtsabschaffung. Plötzlich entdecken die Rechten ihre Liebe zur Kirche. Keiner von ihnen kommt auf die Idee, dass ein hygienisches Versammlungsverbot alle betreffen könnte?

Es ist zwar menschlich verständlich, Verursacher in Menschengestalt zu vermuten, aber es ist nicht besonders evident. Jeder weiß heute, dass der erste Weltkrieg mit einem Attentat begann, aber niemand glaubt, dass dieses Attentat, so erschütternd es auch aufgefasst worden sein mag, die Ursache des Krieges war. Wir sehen heute die beiden Weltkriege sogar als eine Einheit** mit ungeheuer komplexen Ursachen und Folgen an. Auch der Beitrag der Rechten zur Fortentwicklung der Gesellschaft besteht lediglich in Selbstdarstellung. Vom Sprengen des Systems ist nichts zu spüren.

3

Manchmal legt eine Krise auch Tatsachen frei, die sonst eher verborgen bleiben. So haben sowohl islamistische Ayatollahs im Iran als auch die evangelikalen Haus- und Hassprediger des US-Präsidenten die Ursache der Pandemie in einer Strafe Gottes erkannt, die er den Menschen wegen der Homosexualität schickte. Der alttestamentarische Begriff der Gottesstrafe ist im Neuen Testament durch die Nächsten- und Feindesliebe mehr als aufgehoben. Yesus geht – im Gegensatz zu allen Fundamentalisten, die übrigens schon wieder Sündenerlasse verkaufen – von der Gleichartigkeit aller Menschen aus. Die Vorstellung von Tat oder Untat und darauffolgender notwendiger Strafe ist – gelinde gesagt – mittelalterlich. Die gesamte moderne Welt hat ihren wirtschaftlichen und sozialen Erfolg gerade den Gedanken der Empathie und der Resozialisierung zu verdanken. Der von Generalfeldmarschall Graf von Schlieffen – angesichts des ersten Genozids der Neuzeit – ausgerufene Rassenkampf und der von Lenin kurze Zeit später als tödlich deklarierte Klassenkampf sind gescheiterte Ausläufer des Paradigmas von der angeblich nicht schädlichen Prügel. Selbst das ewiggestrige und auch gerade genüsslich mit seinem Scheitern beschäftigte fundamentalistische System Saudi-Arabiens hat das Auspeitschen als Strafe abgeschafft. Vielleicht hören nun ihre Gegner, die Ayatollahs im Iran, auf, Homosexuelle an Baukränen aufzuhängen. Das ist alles Selbstdarstellung, die nicht nur kein System sprengt, sondern Menschen tötet, was allen Menschen nach allen Philosophien und Religionen verboten ist.

Die Coronakrise und ihre hoffentliche Bewältigung durch die Logistik der Eindämmung, auf die wir als Fernsehserienseher der Weltgeschichte so sehr hoffen, könnte als Wegweiser oder vielleicht sogar als Weg gedeutet werden, endlich alle Menschen nichts als Menschen sein zu lassen und zu behandeln. Das ist kein frommer Wunsch, noch nicht einmal eine Vision, das ist der einzige Sinn, den das Leben der Menschheit haben kann, wenn es überhaupt einen Sinn hat. Aber dafür spricht wenigstens Beethoven***.

 

*nach einer Idee von Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, 1927-1931

**nach Imanuel Geiss und Eric Hobesbowm

***als Metapher für alles Transzendentale: NO DEAL BUT IDEAL.

 

SCHULD UND SÜHNE

Wann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird?

Beethoven an Struve, 1795

 

Nr. 395

Der Kollateralschaden der Demokratie ist der Zweifel. In den vordemokratischen Zeitaltern war die Erziehung durch Zweifel und zum Zweifel die Voraussetzung zur Weiterentwicklung, zur Fortentwicklung aus dumpfen Sklaven- und Feudalverhältnissen. Alle autoritären Gesellschaftsmodelle setzen auf Loyalität, alle Solidarmodelle gehen vom Konsens aus. Aber beides ist falsch.

Sobald der Diktator kippt oder auch nur wackelt, schlägt die vermeintliche Treue in Schadenfreude um. Die Ratten waren alle nur Opportunisten. Sie hoffen auf einen neuen Herrn, selten eine Herrin. Und dieses seltsame Wort gibt uns wieder Gelegenheit, über das Gegenteil des Gegenteils nachzudenken und zu der Erkenntnis zu kommen, dass jede Medaille tausend Seiten hat, so viele wie ein guter Roman. Das Gegenteil eines Herren ist eine Dame, sie ist sein Komplement, aber wenn sie nicht untergeordnet sein will oder soll, muss sie den weiblichen Titel, der im Patriarchat nichts gilt, ablegen. Sie wird zur Herrin und gibt damit zu, dass Herr eben doch mehr ist als Frau. So geht es vielen Politikerinnen. Auch Merkel hatte lange diesen Hang zur übergestülpten Männlichkeit. Es waren ihre Jäckchen, die sie zur etwas lächerlichen Herrin machten. Mit dem Titel ‚Mutti‘, den ein bösartiger Journalist ihr gab, war nicht gemeint, dass sie die Mutter der Nation als Pendent zum Vater der Nation, dem Gebieter des Vaterlandes, sei, sondern es war ihre Piefigkeit gemeint. ‚Mutti‘ ist ein Kinderwort, so wie ‚Opa‘. Nachdem sie nun auch die dritte Krise gemeistert (schon wieder ein Herr) hat, bleibt den meisten Kritikern die Kritik im Halse stecken. Und übrigens: gegen solchen Spott wehren sich Autokraten durch Blasphemie-Paragrafen.

Solidarität ist das Lebenselixier allen menschlichen Seins. Aber sie wurde in den letzten fünftausend Jahren teilweise durch eine Staatsfürsorge substituiert. Und das daraus notwendig resultierende Staatsversagen führte zu dem Wunsch nach Demokratie und schließlich zur Demokratie.

Die Geschichte von David und Goliath ist die Grunderzählung des Staatversagens. Der König kassiert Steuern und gibt sie sicher ungerecht für sich und sein Volk aus. Zur Fürsorge gehörte damals auch der Krieg um die besten Weideplätze und der Feind wurde durch die eigene Propaganda als ein seelenloses, aber doch irgendwie unbesiegbares Monster dargestellt. Und nun kommt der kleine David, sechzehn Jahre alt, der seinen großen Brüdern den Proviant für die Schlacht bringen soll. Er kommt gerade rechtzeitig, um die Frage des Königs nach einem Freiwilligen, übrigens eine typische Militärfrage, vorlaut beantworten zu können. Meist wird der Ausgang der Geschichte so interpretiert, dass Macht zu Ohnmacht wird, wenn auf der anderen Seite Verstand eingesetzt wird.

Es ist aber zunächst die Geschichte des ohnmächtigen Königs, des Staatsversagens also. Und immer, wenn der Staat am Versagen ist, fragt er nach Freiwilligen zur Rettung. In der Suche nach Freiwilligen liegt aber ein vordemokratisches Element. Durch eine Rettungstat kann sich jemand von ganz unten, David war ein Hilfshirt und das jüngste Kind, in die Elite katapultieren. Der König muss ihm dann, um die Beförderung zu legitimieren, seine Tochter zur Frau geben.

Dieses vordemokratische Element der Auswahl führt zur allmählichen Zerstörung der Vorstellung von der Natur und der Natürlichkeit der Hierarchie. Wie kann, fragt man sich tausend Jahre später und tausend Beispiele weiter, die Hierarchie göttlich und naturgegeben sein, wenn sie durch ein einfaches Katapult – mit dem David das Monster Goliath exekutierte – außer Kraft gesetzt wird?

Der Goliath des stotternden und hyperventilierenden Davids Edison waren die Dunkelheit und die Einmaligkeit. Er erfand die Glühbirne als automatisierte Kerze und den Phonographen als Wiederholer bis dahin einmaliger Kunstereignisse. Der Adel des Geldes, zu dem er dann – im Gegensatz zu seinem erfolgloseren Konkurrenten Nikola Tesla – gehörte, war längst als Alternative zur Geburtselite akzeptiert.

Das ganze neunzehnte Jahrhundert über kämpfte das demokratische gegen das autoritäre Prinzip, gleichzeitig die Globalisierung gegen das Nationalstaatssystem. Globalisierung ist im Gegensatz zum Nationalismus keine Ideologie, sondern eine Methode, eine Möglichkeit des Marktes. Beide fanden im Kolonialismus ein zeitlich begrenztes gemeinsames Dach. Der Vietnam- und der Algerienkrieg sind so gesehen Triumphe über den Kolonialismus und für die Demokratie.

Es ist kein Wunder, dass der rechte, recht unbekannte Theoretiker Renaud Camus, den wir am vorigen Sonntag vorgestellt haben, den Algerienkrieg und seine Folgen für Frankreich traumatisch erlebt hat und dem Verlust durchaus rachsüchtig nachtrauert, während der weltberühmte Großautor Albert Camus, dessen Mutter Analphabetin war, aus Algerien stammt – ohne Araber oder Berber zu sein – und wie David und wie Edison höchst erfolgreich für den Verstand und das Licht votierte.

In der Anfangsphase der Demokratie, in der wir uns jetzt befinden, leben die Menschen mit ihren eingelernten Zweifeln, die sie den Sturz der angeblich felsenfesten Autoritäten lehrten, fort. Sie vermuten hinter jeder gewählten Persönlichkeit Korruption und Allmachtsfantasien. Andererseits verlangen sie aber auch Allwissen und Allmacht. Einerseits fragen viele Bürger, wie jemand Gesundheitsminister sein kann, ohne Arzt zu sein. Andererseits vermuten sie aber, wenn ein Arzt Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation ist, Dr. Tedros Adhanom Gebreyesus, dass er gerade deswegen korrupt sein muss. Andere glauben sogar, dass er eine Marionette von Bill Gates sei. Bill Gates seinerseits aber wird als neuer Weltgesundheitsdiktator beschimpft. Wir erinnern uns: er hat große Teile seines – allerdings unermesslich und unvorstellbar  großen – Vermögens für die Bekämpfung von AIDS gestiftet. Sie setzen also Zweifel, die früher nicht nur berechtigt, sondern notwendig waren, für die Bekämpfung derjenigen Gesellschaft ein,  die für ihre Ahnen das Ziel war: ‚die Gedanken sind frei‘ – so sangen heimlich die ersten Demokraten Deutschlands in den Kerkern ihrer Staatsversager. Und heute bemerken sie nicht, dass sie wählen und zweifeln und ihre abstruse Meinung hinausposaunen können, ohne dass sie von jemandem gehindert würden.

Es ist das Paradox der Diktatur, dass sie von Treue lebt und immer in Verrat und Attentat endet. Es ist das Paradox der Demokratie, dass sie von der Solidarität lebt, die gleichzeitig ihr letztes Ziel ist, und dass sie aber von denjenigen, die der Autorität nachtrauern, missbraucht und mit sozusagen demokratischen Möglichkeiten bekämpft wird. Schon Goebbels hat das mit großer Schadenfreude verkündet, aber wo ist er geblieben? Seine heutigen Bewunderer, die sich auch so gerne mit ihm vergleichen lassen, sollten bedenken, dass er – nachdem er seinen Krieg verloren hatte und Deutschland in Schutt und Asche gelegt war –  erst seine sechs Kinder ermordete, dann seine Frau, die in Wirklichkeit Hitler liebte, weswegen er eine tschechische Filmschauspielerin liebte, und schließlich sich selbst erschoss. Manchmal enden die Monster von selbst und benötigen keinen David.

Wir haben auf den bisherigen 1000 Seiten (wirklich!) immer die Hierarchie, also die angeblich natürliche, tatsächlich aber immer zeitweilige oder konstruierte Rangfolge der Menschen als Verursacherprinzip der Ungleichheit (besser: Ungleichartigkeit) dargestellt: Rassismus, Klassismus oder Sexismus, auch die Religionen schließen sich gerne gegenseitig aus statt ein. Nur kein Synkretismus, rufen ihre alle ein wenig fundamentalistisch angehauchten Würdenträger. Dabei ist alle Kultur synkretisch, zusammengewürfelt, ineinander verschachtelt, kollateral verästelt. Es gibt neben Israel nur ein einziges Gebiet, das die jüdische Religion im Namen führt: die Jüdische Autonome Oblast Birobidshan, von Stalin aus antisemitischen Gründen gegründet, aber zeitweilig doch von vielen Juden angenommen. Jetzt aber ist nur ein Prozent der Bevölkerung jüdischen Glaubens und es gibt nur eine Synagoge, und in der beten die wenigen Menschen den berühmtesten und größten Juden aller Zeiten an: Yesus. Wir haben gerade Ostern gefeiert, aber statt an die Auferstehung eben jenes Yesus zu denken, dachten wir an den Frühling und die Fruchtbarkeit und färbten Eier als deren Symbol, wie die Slawen taten, die vor uns hier gelebt haben und andere Götter hatten als wir.

Vielleicht ist auch die Hierarchie auf eine noch ältere Grundstruktur zurückzuführen: auf die Anmaßung des Richtens, die Erkennung einer Schuld und die Verhängung einer Sühne. Es gibt einen Hadith*, der besagt, dass ich, statt meinen Bruder oder meine Schwester einer Untat zu bezichtigen, siebzig Entschuldigungsgründe suchen soll, die für sie sprechen, die Gründe für die Tat sein könnten, die allgemein akzeptiert würden, und dass ich dann aber sagen soll: vielleicht gibt es einen weiteren Grund, den ich nicht gefunden habe. Und obwohl die moderne Rechtsprechung, das von Anselm Ritter von Feuerbach begründete positive Recht etwa so vorgehen, die Tat untersuchen, den Täter in seiner Würde als Mensch und mögliches Opfer vorangegangener Untaten anderer – zum Beispiel seiner Eltern oder des Staatsversagens – anerkennen,  obwohl also die gesamte nördliche Welt diesem Hadith folgt, ohne ihn jedoch explizit zu erwähnen, ohne ihn aber auch ausdrücklich zu verwerfen,  verbleiben große Teile des Südens und der Anhänger der Autoritäten mindestens in der Vorstellung harter Sühne, wenn nicht sogar in Rache.

Demokratie geht im Gegenteil davon aus, dass sich der Täter selbst seiner Würde beraubt hat, die ihm nun durch das, was wir Resozialisierung nennen, schrittweise wiedergegeben werden kann. Wahre und vollkommene Demokratie immunisiert gegen Untaten. Das ist es. Sie bedarf nicht der Schuldfeststellung und der Sühne, sondern der Verbesserung. Wir erinnern an einen unserer schönen Sätze: WENN JEDER DIE SCHULD BEI SICH SUCHT, IST DER TÄTER SCHNELL GEFUNDEN.** Das wird das Zeitalter sein, wo es nur Menschen geben wird. Zur Feierstunde der Schließung des letzten Gefängnisses wird der pensionierte Gefängnisdirektor, das letzte Opfer von Schuld und Sühne, die Waldsteinsonate von Beethoven spielen. Das ist eine Vision, sicher, aber zu fliegen war auch eine Vision, wie auch Licht und Geschwindigkeit und Reproduktion und weltweiter Alphabetismus.

 

 

*überlieferte Weisheit des Propheten Mohammed, diese geht möglicherweise auf Al-Buchari zurück

**oder: NICHT DER GEGENWIND IST SCHULD, SONDERN UNSRE UNGEDULD.

 

DIE PEST VON RENAUD CAMUS

 

Nr. 394

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve 1795

 

III

Wenn man Rechte oder Rechtsextreme fragt, warum sie eigentlich ihre eigenen Theoretiker nicht lesen, erhält man selten eine Antwort. Rechte Lektüre ist auch nicht spektakulär, vielleicht ist Oswald Spengler mit seinem Jahrhundertwerk ‚Der Untergang des Abendlandes‘ nach wie vor der lesbarste: ‚Der Einzelne leistet Verzicht, indem er die Bücher weglegt.‘ [S. 548] ‚Die Rasse beherrscht und formt das gesamte Begreifen.‘ [S. 893] Das sind Sätze, wie aus Stein gehauen, aber austauschbar. Genauso ist schon vorausgesagt worden, dass die Klasse das Begreifen bestimme oder Frauen nichts verstünden, weil sie nichts verstehen können, dass Afrikaner als Sklaven geboren würden und dass es bald keine Bücher mehr gäbe. Stattdessen gibt es mehr bedrucktes Papier als in allen vorigen Zeitaltern zusammen. Oswald Spengler befand sich im besten Verein mit den Zeugen Jehovas, die sogar das Datum des Untergangs der Welt, nicht nur des christlichen Abendlandes, wussten. Zu unserem Glück ist das alles nicht eingetreten. Den einfachen Grund dafür kennen wir alle: man kann die Geschichte weder vorwärts noch rückwärts wissen, auch dann nicht, wenn man sich göttlich erleuchtet glaubt oder durch seine angebliche Rasse oder Nation bevorzugt ist.

Das rechte Gedankengebäude hat überhaupt nur etwa die Größe einer damals so genannten Wandzeitung im Ostblock: übersichtlich, ein paar vielsagende Bilder, zwei, drei Losungen, schnell zusammengeschustert. Diese Wandzeitung hat nur drei Hauptthesen:

Erstens gibt es einen GROSSEN ADMINISTRATOR, eine Gruppe, einen Führer, eine Elite, eine Religion oder Kultur, die nicht nur die Masse führt, sondern die Ereignisse macht, weshalb sie auch immer eindeutig erklärbar sind. Obwohl die Regierungen und die Mächtigen dieser Welt entweder unfähig oder gekauft sind, machen sie ganz ausdrücklich jedes Ereignis. Niemals dürfen sie auf dieser Wandzeitung überrascht, überfahren oder überfordert sein. Und noch mehr: die Mächtigen dieser Welt gebieten über ein riesiges Heer von Medienknechten, die ‚das Reich des Falschen und der Fälschungen‘ [S. 104][1] am Laufen halten.

Erstaunlicherweise gilt dieses Macherprinzip auch für die nichtelitären Schichten: sie sagen etwas und dann machen sie es ungehindert auch genauso. Zitiert wird der Lehrer einer Pariser Berufsschule, dessen überwiegend maghrebinischen und schwarzafrikanischen Schüler nicht glauben können, dass sie Franzosen sind, die aber glauben, dass sie eines Tages Frankreich übernehmen werden. Auch in Berliner Berufsschulen sitzen Jugendliche in sogenannten berufsqualifizierenden Lehrgängen, die BMWs malen oder in ihren Smartphones aufheulen lassen, die sie, wenn sie so weiter machen, nie besitzen werden. Das hat mit der Herkunft nicht viel zu tun. Andererseits ist der Traum vom Mercedes für viele Migranten die Triebkraft fleißiger und meist selbstständiger Arbeit, ohne die heute weder Frankreich noch Deutschland denkbar wären.

Die Triebkraft des Widerstands gegen die Regierenden dagegen sind der Ruin und die Versklavung, in die die Regierungen ihre Völker führen. Interessanterweise werden nicht nur die politischen Mittel in der Vergangenheit gesucht, am Schluss von Renaud Camus‘ Broschüre befindet sich ein 10-Punkte-Fahrplan in die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft des verhassten Systems, das man bekämpfen will.

Die zweite These besagt, dass die Menschen von Natur aus nicht nur ungleich sind, sondern in Ränge geteilt: ein Brite ist kraft seiner Zugehörigkeit zum britischen Empire mehr wert als ein Moldawier. Wir wissen weder, ob Hitler noch ob Renaud Camus und seine geistige Gefolgsmannschaft – denn er scheint weit einflussreicher als Kubitschek – die Sache mit den Rassen ernst meinen oder auch nur meinen können. In dem Sinne, dass natürlich alle Quellen zweifelhaft sind, zitieren wir einmal mehr aus den Gesprächen, die der Danziger Senatspräsident Rauschning mit Hitler tatsächlich geführt, aber eben auch selbst aufgeschrieben hat. In dem Kapitel über die Beherrschung der Massen durch Magie folgt Hitler – Rauschning zufolge – zunächst Spengler, wenn er sagt, dass es einen Begriff geben muss, der über dem der alten historischen Nationen steht, die Rasse. Aber dann setzt er fort: “Ich weiß natürlich so gut wie alle diese neunmal klugen Intellektuellen, dass es im wissenschaftlichen Sinn keine Rasse gibt. Aber Sie als Landwirt und Züchter kommen ohne den Begriff der Rasse zur Ordnung Ihrer Züchtungsergebnisse nicht aus. Und ich als Politiker brauche einen Begriff, der es erlaubt, die bisher auf geschichtlichen Zusammenhängen beruhende Ordnung aufzulösen und eine ganz neue antihistorische Ordnung zu erzwingen und gedanklich zu unterstützen.“[2]

Nur genauso wie wir alle wissen, dass es keine menschlichen Rassen gibt, dass der Begriff aus der Sphäre der domestizierten Tiere stammt, genauso gut wissen wir alle, dass es teils uralte Vorurteile gibt, die man nach Bedarf bedienen kann. Jeder kennt das Gerede über die Geldgier der Juden, die Betrügereien und die aufdringliche und angeblich überflüssige Bettelei der Zigeuner, die Unfähigkeit der Afrikaner, sie wird auch in Renaud Camus‘ Broschüre beschworen. Es kann nur rhetorische Absicht sein, wenn der Autor so tut, als würde der Leser nicht bemerken, dass Gleichheit und Gleichartigkeit nicht das gleiche sind. Wenn die Afrikaner deshalb ärmer sind als die Europäer, weil sie a priori ‚minderwertig‘ sind, wie erklärt die neue Rassenansicht dann die Armen und Obdachlosen französischer und deutscher Abkunft? Es gibt selbstverständlich Intelligenzunterschiede zwischen den Menschen, aber wir wissen nicht, ob sie nicht allesamt korrigierbar sind: wie viele Intelligente vergeuden ihre Intelligenz durch Drogen oder Mangel an Ehrgeiz und wie viele angeblich Unintelligente sehnen sich nach einem besseren Leben und finden es auch durch Bildung? Wer sich heute noch Afrikaner als analphabetische Skelette vorstellt, ist heillos veraltet.

Die Faszination, die die Quantität der menschlichen Fortpflanzung schon auf Hitler ausübte, pflanzt sich über Renaud Camus und andere auch auf die heutigen Rechtsextremen fort. Der Schlüssel zu weniger Kindern weltweit ist Wohlstand und Bildung. Allerdings gibt es immer Ausnahmen, wie zum Beispiel Israel, wo die höchsten Geburtenraten bei den ultraorthodoxen Juden und den Arabern liegt, der höchste Bevölkerungszuwachs aber durch die Aufnahme von 700.000 russischen Juden zu verzeichnen war. Die Bevölkerung Israels hat sich seit Gründung des Staates verzehnfacht. Israel hat nicht nur Wohlstand und ein hervorragendes Bildungssystem, sondern ist kraft seiner bloßen Existenz lebendiger Antirassismus.

Dagegen meint Renaud Camus unterscheiden zu müssen zwischen moralischem – nach seiner Meinung erlaubtem – Antirassismus und zu bekämpfendem dogmatischen Antirassismus. Der Leser, der hier einen bedenkenswerten Gedanken gefunden zu haben glaubt, sieht sich arg  – wenn nicht arglistig – getäuscht, wenn er schließlich erfährt, dass die Existenz von Rassen nur deshalb bezweifelt wird, weil es der Wissenschaft nicht gelang, sie zu definieren und dass es deshalb ‚einer gehörigen Portion Verachtung bedarf, um die Menschen als gleich anzusehen‘ [S. 117]

Und die dritte These schließlich ist die schädliche Massenmigration, gemeint ist aber die Immigration. Sie hat immer einen Verursacher, eine Einladung durch die Linken oder als Alibi für die Juden. In der Massenmigration vereinen sich alle drei Thesen: es gibt einen Macher, die Menschen sind ungleich, daher die Eingewanderten schädlich, und durch sie entsteht der größtmögliche Schaden für das aufnehmende Land. Hier ist sich Renaud Camus, der in einem Renaissanceschloss wohnt und auf einen gepflegten Stil achtet, nicht zu schade oder zu fein, seine Leser, normalerweise seine Gesinnungsgenossen, mit den übelsten Schilderungen zu bestätigen, falls sie auch an den vorprogrammierten Schaden der vorprogrammierten Migration glauben sollten.

IV

Die Pest von Renaud Camus ist der GROSSE AUSTAUSCH, den ein GROSSER, aber leider unbekannter ADMINISTRATOR zunächst am französischen, dann aber auch am deutschen und allen anderen europäischen Völkern vollzieht. Das Wort wird auf neunzig Seiten dreißigmal erwähnt, aber nirgendwo wird genau erklärt, was und wie da angeblich passiert. Der Leser wird immer wieder aufgefordert, ‚aufzuwachen‘ und seiner empirischen Wahrnehmung zu trauen. Es ist denkbar, dass ein naiver Leser, wenn er am Schluss der Broschüre angekommen ist, auch den GROSSEN AUSTAUSCH sieht. Vieles, was wir nicht verstehen, wäre mit dieser Vorstellung erklärbar. Evidenz und Faktizität ist für Renaud Camus übrigens das gleiche oder jedenfalls gleichwertig. Noch denkbarer ist es aber, dass den schon voreingenommenen Lesern ein Argumentationsmaterial an die Hand gegeben wurde. Sie zitieren das Büchlein so, als wäre es ein Tatsachenbericht. Immer wieder wird das natürliche Gefühl der Benachteiligung in den ruinösen Zustand umgegossen. Der vielleicht wirklich, aber vor allem eingebildete Benachteiligte glaubt natürlich lieber, dass die Regierung für seinen Nachteil verantwortlich ist und nicht sein eigenes Unvermögen. Renaud Camus knüpft geschickt an allgemein übliche Argumentationsreihen an. So wird von vielen die Vereinzelung in den modernen, überwiegend urbanen Gesellschaften beklagt. Bei R. Camus wird diese Individuation aber auf die zunehmend fremde Umgebung zurückgeführt. Diese Überfremdung führt einerseits zu der verhassten multikulturellen Gesellschaft, andererseits aber zur Herrschaft des Islamismus. Genauso wenig evident ist seine Doppelthese, dass der Islam – gemeint sind die islamischen Länder – ‚entwaffnet und abgemagert‘ ist, so dass es keinen Sturm auf Europa wie 1453 mehr geben könne, andererseits aber hat der Islam ‚seine Waffen keineswegs abgelegt‘ [S. 77]. Das bleibt ein Rätsel. Die Argumentation hatten auch schon die mittelalterlichen Päpste. Wir hingegen können uns fragen, ob der Eroberungsdrang der osmanischen Sultane, die tatsächlich auch Kalifen waren, nicht seinen Ursprung in dem normalen imperialistischen Trieb zur Vereinnahmung von Ressourcen, Erweiterung der Macht, Trotz und Machtdemonstration liegen. Das Osmanische Reich hat nicht nur Steuern eingetrieben, sondern auch jeden zehnten Knaben. Das ist ganz sicher grausam gewesen und wird heute nicht gebilligt und zur Nachahmung ausgeschrieben. Aber für viele dieser geraubten Knaben lag darin auch eine große Chance, von der auch die weinenden Mütter wussten. Immerhin sind der größte Baumeister des Osmanischen Reiches, Mimar Sinan, der Michelangelo des Orients, und der berühmteste und mächtigste Großwesir, Sokollu Mehmet Paşa, Sprosse der Devşirme, der Knabenlese, wie dieser teils wohltätige Raub hieß. Mehmet II., der Sultan, der tatsächlich Europa bedrohte, indem er Konstantinopel eroberte, wollte übrigens das Christentum mit dem Islam vereinigen, wofür die Hagia Sophia ein mächtiges, bis heute uneingelöstes Versprechen ist.

Ich will damit zweierlei sagen: hinter jedem hingeworfenen Schlagwort liegt eine manchmal verborgene, immer aber kollateral verästelte Geschichte und sollte nicht die Zeit gekommen sein, dass wir aus dem Bösen[3], das die Menschen sich seit jeher angetan haben, lernen sollten, auf dass es umkehrbar würde. Wenn wir eine funktionierende Universität in Düsseldorf haben, warum soll dann nicht der Wissenshungrige aus Senafe[4] in ihr studieren können?

Die Lehre aus den nationalsozialistischen und kommunistischen Verbrechen kann nur sein, dass wir die Menschen nicht in Gruppen oder Qualitäten einsortieren sollten, weil das falsch ist und nicht, weil es keine Definition gibt. Den Unterschied zwischen Preis oder Wert und Würde hat schon der große Kant aus Königsberg erklärt. Die Gleichheit des Menschen liegt in seiner Würde, die auch nicht durch Einreise- und Ausreiseverbote geknickt werden kann. Einen Wert des Menschen kann es nicht geben, selbst nicht, wenn man es positiv meint und ausdrückt. Das Wort Wert impliziert immer den Preis, der der Würde entgegengesetzt ist.

Die perfideste Stelle der Broschüre [S. 70f.] ist denn auch die Behauptung, dass alle Sklaven immer freiwillig dem Ruf ihrer Sklavenhändler gefolgt sind, weil sie die angeblich höhere Kultur gelockt hat. Kann man wirklich so blind sein oder wirken wollen? Die höhere Kultur erschien den geraubten Menschen als blanke Willkür, als Brutalität, als Dämon und Mordmaschine, und das war sie auch, denn sie hat aus der Würde des Menschen, so wie spätere Diktaturen auch, einen Wert und Preis gemacht.

Wenn Rousseau schreibt, dass ein Sklave in gewisser Weise freiwillig seine Freiheit gegen seine Versorgung tauscht, dann meint er damit den hohen Rang der Selbstbestimmung gegenüber der Unterwerfung. Allerdings wusste Rousseau und wissen wir, dass die meisten Sklaven, wenn sie die Freiheit suchten, den Tod fanden.

Von Freiheit ist in diesem Büchlein keine Rede. Vielmehr will der Autor glauben machen, dass Gewalt und Verbrechen in modernen Gesellschaften zunähmen, was die Regierung mit gefälschten Statistiken kaschiere. Der Einwanderer, der gegen uns getauscht wird, gleicht aber Schrödingers Katze: er ist gleichzeitig dumm und minderwertig und uns strategisch weit überlegen, weshalb wir, die Höherwertigen, das nur mithilfe solcher Broschüren, für die es in Frankreich zurecht und zum Glück keinen Verlag gab, erkennen können.

 

 

 

 

[1] Renaud Camus, Revolte gegen den Großen Austausch, Verlag Antaios, 3. Auflage, Schnellroda 2019

[2] Hermann Rauschning, Gespräche mit Hitler, Europa Verlag Zürich, Nachdruck der Erstfassung von 1940 im selben Verlag, S. 218f.

[3] Das ‚Böse‘ gibt es natürlich nicht als Substanz, wohl aber als Attribut, als die Summe aller falschen Entscheidungen.

[4] kleine Stadt in Eritrea, Ostafrika

DIE PEST VON ALBERT CAMUS

 

Nr. 393

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve 1795

 

I

Vor einigen Tagen sagte in einer abendlichen Diskussion ein IT-Experte, ein bekennender Atheist, dass er hoffe, dass Gott das oder das richten werde. Scherzhaft wurde er von mir darauf hingewiesen, dass, selbst Allmacht und Allgegenwart vorausgesetzt, Gott niemals die oft widerstrebenden Wünsche oder Bitten von rund acht Milliarden Menschen erfüllen kann. Wir hatten schon früher darauf hingewiesen, dass sich Gott in dem Sinne schon rein arithmetisch ausschließt. Stattdessen aber, wenn alle diese kleinen Menschen danken würden, wenn sie ihr Leben als – wenn schon nicht glücklich – so doch erträglich oder gar zufriedenstellend empfänden, dann könnte der GROSSE ADMINISTRATOR aus den Summen der Zustimmungen alte Regularien bestätigen oder neue entwickeln. Das würde auch erklären, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Grad der Gläubigkeit und dem Glück oder Unglück gibt. Dann sind Katastrophen immer noch nicht ausschließbar, aber sie nehmen nicht zu, sondern ab, und das Gesamtsystem droht nicht wirklich zu kippen.

Der atheistische IT-Experte fragte mich dann, ob mir bewusst sei, dass ich soeben die Wirkungsweise natürlicher und künstlicher neuronaler Netze beschrieben hätte. Ich musste das leider verneinen, obwohl ich darauf verweisen konnte, dass ich seit langem von kumulativen und reflexiven, statt nur additiven Prozessen beim Lernen – und damit ist keinesfalls nur Schule gemeint – ausgegangen bin.

Wenn man so auch an die gegenwärtige ideologische und hygienische Gesamtkrise heranginge, könnte man besser verstehen, dass der Staat nicht allmächtig und allwissend und sein Handlungsspektrum mit trial and error besser beschrieben ist. Allerdings hat er durch seine Aufgeblähtheit auch genügend Expertise und durch seine über zweihundertjährige Existenz in dieser neuzeitlichen Form auch eine Unmenge an Erfahrungen, die vor allem auch als Recht codiert sind. Und darüber spannt sich – beinahe selbst verständlich – der riesige Schirm der allgemeinen Menschlichkeit als Übermoral ohne Moralapostel.

Die Meinung des einzelnen Menschen, die seit der Entdeckung der Individualität ebenfalls gefragt ist, erscheint wie ein Kanu in den Stromschnellen des Lebens. Der Staat dagegen, und das ist nicht die eine Führungsfigur, sondern die Unmenge an überbordender Bürokratie, der Staat ist wie ein riesiger Flugzeugträger, mächtig, aber nahezu unbeweglich. Auch in der Krise ist es durchaus möglich, dass einzelne Menschen, seien sie nun sachverständig oder nicht, Meinungen und Vorschläge haben. Dabei ist es nicht schwer, eine höhere Evidenz zu erreichen. Evidenz, Einsichtigkeit, ist eher von Rhetorik, Redekunst, abhängig als von Tatsachen, die ohnehin niemand genau kennt. Es können aber auch Vorschläge darunter sein, die besser auf die Situation zu reagieren imstande wären. Nur, wenn man diesem – also jedem – Vorschlag folgte, läge die Rettung in einem Chaos sich widersprechender Aktionen. Der Staat ist durch die Krise zur Spontaneität gezwungen, zu der er nicht fähig sein kann.

Deshalb setzt er übergroße Geld- und Gütermengen als Vorsorge ein. Auch in der Expertise muss er sich rechtzeitig auf ein selbstgeschaffenes Monopol verlassen, was ein Widerspruch in sich selbst ist. Während es im Gesamtsystem immer Alternativen gibt, muss in der Krise zeitweilig eine Meinung monopolisiert werden, ohne den kritischen Blick ganz zu verlassen.

Immer aber gilt: nach dem Spiel kommen die Spielverderber und nach der Katastrophe die Besserwisser.

Der Staat, mag man ihn nun schätzen oder nicht oder sogar an ihn als den neuen GROSSEN ADMINISTRATOR glauben, kann nicht anders – ganz wie in einem künstlichen neuronalen Netz – als die bestätigenden Hinweise möglichst vollständig zu sammeln und immer wieder, aber so mittelfristig wie möglich*, zu entscheiden, ob die angelaufenen Aktionen noch sinnvoll sind oder nicht. Der Staat muss handeln, selbst wenn seine Aktivität als Aktionismus wahrgenommen würde. Die Revolte gegen ihn wäre nur eine Revolte gegen sein Nichtstun.

Die gegenwärtige, durch die Pandemie einer neuen Viruskrankheit ausgelöste, Krise, die von Politikern mit der Herausforderung durch den zweiten Weltkrieg verglichen wird, zeigt uns dagegen unmissverständlich, dass es keinen GROSSEN ADMINISTRATOR gibt. Alle Handlungen von Menschen, ob sie nun im Kanu in einer norwegischen oder bosnischen Stromschnelle oder im Flugzeugträger im Persischen Golf sitzen, sind fehlbar. Niemand ist ‚to big to fail‘, auch nicht die Automobilindustrie oder die Finanzwirtschaft als Ansammlungen von Menschen, und schon gar nicht der Staat. Diese Krise zeigt die Fehlbarkeit unseres Assekuranzdenkens. Darunter verstehen wir die Hinnahme großer Nachteile durch die Versicherung des Überlebens: wir überdüngen den Boden, um nie mehr zu hungern, und schließen dann trotzdem eine Sterbegeldversicherung ab, damit unsere Hinterbliebenen nicht für etwas bezahlen müssen, das sie nicht verschuldet haben, und wir neiden und verbeißen jedem den Zutritt zu unserm Versicherungs- und Adipositasparadies. Dieses Assekuranzdenken führt auch dazu, dass Menschen, die angesichts der Krise in archaische und atavistische Ängste verfallen und hamstern, sich nicht nur des Inputs (Nudeln) versichern wollen, sondern auch des Outputs (Toilettenpapier).

II

Wie ein Skript zu dieser unsere Welt in den Grundfesten erschütternden Krise liest sich der 1948 erschienene Roman von Albert Camus, in dem er eine Pestepidemie in der sowohl realen als auch fiktiven Stadt Oran beschreibt. Es ist eine Grundkonstante im Werk von Albert Camus, die Welt als absurd anzusehen, gegen die nur Diagnose durch die Kunst als einzige Therapie gesetzt ist. Die heutige Welt erscheint in vielen Elementen als die Verwirklichung der Romantik mit ihrer Forderung nach Poetisierung, was wir heute als Kunst allgemein bezeichnen und in fast inflationärer Weise produzieren und konsumieren. Es gibt keinen Automobilkatalog, der nicht hochkünstlerisch gestaltet und formuliert wäre. Und der Roman ‚Die Pest‘ ist selbst ein hervorragendes Beispiel für die Rolle der Kunst als Diagnostikerin. Der Erzählstil von Albert Camus ähnelt manchmal dem seines Zeitgenossen Ivo Andric in ‚Die Brücke über die Drina‘, das kann an der Übersetzung liegen, aber auch daran, dass beide einen überschaubaren Ort gewählt haben, an dem sie sowohl ihre Geschichte erzählen als auch ihre Philosophie entwickeln. Auch die heute nicht mehr so übliche Autorsprache stützt die Ähnlichkeit.

Das fiktive Oran im Roman war eine Stadt von nicht ganz 200.000 Einwohnern, also nach heutigen Maßstäben eher klein. Das Leben wird als bürgerlich und durchaus modern dargestellt. Es geht nicht um ethnische Konflikte, im Gegenteil, unser Mottosatz von Beethoven, obwohl der erst im Jahr 2000 in einem einst verschollenen Brief entdeckt wurde, kommt vor, was zeigt, dass er Allgemeingut einer menschlichen Menschheit ist. Der Arzt, aus dessen Sicht die Pestepidemie gezeigt wird und der sich dann auch selbst als der Erzähler outet, sagt in einer äußerst interessanten Diskussion von zwei Protagonisten: „…aber wissen Sie, ich empfinde mehr Solidarität mit den Besiegten als mit den Heiligen. Ich glaube, ich habe keinen Sinn für Heldentum und Heiligkeit. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.“** Auch unser eritreischer Rapper FILIMON, jetzt in Deutschland, weiß: „Mensch ist Mensch und Papier ist Papier.“

Die relative Abgeschlossenheit der Stadt – Stadttore, Mauern – ermöglicht ihre schnelle Isolation. Genau wie heute wird der Schrecken der rasanten Entvölkerung durch eine „unendliche geometrische Progression“ (S. 60) der Infektion an die Wand gemalt. Und genau wie heute muss sich der leitende Arzt gegen den Vorwurf der Schwarzmalerei zur Wehr setzen. Er gibt die höchst aktuelle Antwort: „Es handelt sich darum, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.“

Im Gegensatz zu unserem fast anonymen Virus, das aus der Fledermaus oder dem Schuppentier entsprang, wählte Albert Camus für seine Parabel die seit der Antike bekannte und gefürchtete Pest, deren Erreger aber erst im zwanzigsten Jahrhundert als vom Rattenfloh entflohenes Bakterium erkannt wurde. Die Pest kommt aus dem Orient, das Wort, was allgemein Seuche bedeutet, aus Rom. Immer schon wurde die Pest mit Schuld und Schuldigen verbunden. Auch im zurecht berühmten Roman spielen Denunziation und Ordnungspolizei eine große Rolle. Die Heimsuchungen der Menschen sind eben nicht nur Natur-, sondern auch Mentalkatastrophen. Denunziation ist immer auch Distanzierung, weshalb – in der Umkehr gedacht – social distancing ein durchaus unredlicher Gedanke ist.

Im Haus des Arztes liegen die ersten toten Ratten, und der alte Concierge, der sie beseitigt, ist das erste Opfer.

Nicht das zweite Opfer, inzwischen ist die Krankheit voll ausgebrochen und die Toten werden mit der Straßenbahn in Massengräber befördert – ganz ähnlich wie die Militärlastwagenkolonnen im heutigen Bergamo -, aber ein weiteres prominentes Opfer ist der zunächst fundamentalistische Priester Paneloux. Zwei seiner Predigten umschließen den Roman wie eine philosophische Klammer, die aber unfähig ist. In der ersten Predigt wettert er gegen die Schuld der Welt und seiner Mitbürger, exkludiert sich fein säuberlich aus der Sünde kraft seiner Soutane und kraft seiner Redeposition. Aber die Kraft seiner Rede ist schon längst verblasst. Nach langem Widerstreben reiht er sich endlich bei den Helfern ein und muss mitansehen, wie das Kind des Untersuchungsrichters qualvoll, noch verlängert durch ein neuartiges Medikament, stirbt. Das ist zum Glück keine Tatsache, sondern eine der besten Todesszenen der Weltliteratur. Sie bringt den Priester zu einer zweiten, versöhnlicheren Predigt, in der er die Theodizee angesichts des unschuldigen Kindes zu erklären versucht, und er steigert sich trotzdem zu der falschen Annahme, dass der Priester des Arztes nicht bedarf. Er stirbt wie sein Herr, in dem ihn die – vorher vom ihm selbst verprellten – Helfer durch Einschlafen verlassen. Passend zum kommenden Freitag: Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?*** Der Priester stirbt ohne medizinische Hilfe, die er ablehnt, und der Leser glaubt einen Moment an Strafe. Und es zeigt sich, dass der einzige GROSSE ADMINISTRATOR der Künstler ist, der uns einen Roman zu lesen, sein Bild oder seinen Film zu sehen, seine neunte Sinfonie oder seinen Rap zu hören und seinen Tanz oder sein Haus zu erleben gibt. Man kann die Welt nur modellieren, nicht wirklich schaffen, vielleicht – und das zeigt sich in der Krise, in der Pest – noch nicht einmal wirksam verändern. Wir bleiben Teil der Natur – DENN WIR ESSEN SCHUPPENTIERE – und wir bleiben Schafe, insofern wir uns Hirten unterstellen und in Herden einreihen.

Ein kleiner Hilfsbeamter der Stadtverwaltung, Grand, hat ebenfalls große Schwierigkeiten, sich in die Hilfeleistungen zu involvieren. Er ist, wie er glaubt, nicht nur ungeheuer wichtig für die Stadt, sondern auch berufen, einen ganz großen Roman zu schreiben. Allerdings füllt er viele Seiten mit immer neuen Varianten des sich aber trotzdem immer gleichbleibenden nichtssagenden ersten Satzes. Aber gerade er, der ebenfalls an der Pest erkrankt, ist berufen, aufzuerstehen, gesund zu werden, die Pest zu überwinden und das Symbol des Endes der Epidemie zu werden.

Alle Figuren des Romans konzentrieren sich um den erzählenden Rieux, dessen Frau schwer erkrankt in einem Kurort verweilt, dessen Mutter stattdessen ihm den Haushalt führt und die Emotionen ordnet, alle Handlungsstränge ranken sich um diesen Arzt. Die ganze Zeit versucht er, der Krise einen Sinn abzugewinnen. Er überzeugt den Priester Paneloux, schließlich sogar den widersetzlichen Journalisten Rambert, der zu seiner Frau nach Paris zurück will, den Politiker Tarrou, der gerne ein Heiliger ohne Gott wäre, davon, dass der einzige Sinn der Krise und des Lebens überhaupt, die tätige Empathie, mithin die Liebe ist. Empathie mag ein Modewort sein, aber es ist es deshalb, weil wir unter unserer selbstgeschaffenen Assekuranzwelt wie in einem Käfig leiden. Uns sind die Hände vor lauter Sicherheitswahn gebunden. Je goldener unser Käfig wird, desto verachtungsvoller wollen wir ihn verwerfen. Aber er klebt wie Pech und Schwefel an unseren Händen. Das Wort Pech stammt keineswegs aus dem Märchen von den beiden symbolischen Marien, sondern aus der Verteidigung der Burgen, von wo aus es auf die Angreifer geschüttet wurde.

Der Leser weiß die ganze Zeit, die er verbraucht, um den Roman zu lesen, dass es sich um eine Fiktion handelt. Und trotzdem gelingt es dem großen Autor, die Fiktion als einen Tatsachenbericht erscheinen zu lassen. Dadurch hat er die Kraft, nicht nur als Parabel, sondern auch als Parallele gelesen werden zu können.

Den Zeitgenossen von Albert Camus erschien das Buch wie eine Parabel auf die Resistance, die in einem abgeschlossenen Raum gegen die Infektion des Zeitgeistes und der Denunziation operieren musste, ohne zu wissen, ob das Ziel realistisch, die Operation sinnvoll, der Tausch Freiheit gegen Leben machbar ist. Der Erfolg ist nie vorprogrammiert, und zu scheitern ist eben kein Pech. So gesehen ist die Pest nur die Metapher für das normale Leben: wir wissen nicht, ob und wie wir überleben.

Wenn wir aus dem Buch lesen, dass es keinen GROSSEN ADMINISTRATOR gibt, dann kann uns das versöhnlich gegen die Fehler unserer Zeitgenossen, seien sie Politiker, Virologen oder Romanschreiber, und gegen unsere eigenen Fehler stimmen. Und gegen den Verlauf des Lebens kann man sich nur insofern stemmen, indem man anderen hilft. Albert Camus hatte ein, aus heutiger Sicht, etwas eigenartiges Weltbild, das er mit Anarchosyndikalismus bezeichnete, was heute schon niemand mehr versteht, aber aus dem wir lernen können, dass regional verankerte Genossenschaften oft besser sind als global vernetzte Konzerne. Das Wort Genossenschaft ist durch die vielen Genossen (‚Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht‘, ‚Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt‘), die es gab, in Verruf geraten. Aber der Name ist Schall und Rauch: Genosse, Gefährte, Schwester, Bruder, Mitmensch, Mensch.

 

 

 

*in the long run we are all dead, Lord Keynes

**S. 290, rororo, 89. Auflage, 1997

***Matthäus 26,40

 

LIES AM NÄCHSTEN SONNTAG: DIE PEST VON RENAUD CAMUS

KEINE BLEIBENDE STATT

Nr. 392

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD. Beethoven an Struve

Die frühen Höhlenmalereien sind nicht nur der Beginn der Kunst, sondern auch der Religion und der Medien. Wahrscheinlich ging es nicht darum, die Technik der Jagd weiterzugeben, sondern den Mut, den es braucht, um die Mitmenschen über den Winter zu bringen. Aber wenn das Bild gemalt ist und wenn es hunderte, tausende Jahre zu sehen ist, verwechselt man es leicht mit der Wirklichkeit. Die Welt ist nicht logisch, aber wir verstehen nur, was auch verständlich ist. Hegels Versuch, die ganze Welt in zwanzig Bände Gesamtausgabe zu pressen und damit zu zeigen, dass es immer aufwärts geht und einen Endpunkt erreichen wird, musste scheitern, sein Einfluss bleibt bedeutend.

Wenn wir Hegels berühmten Satz, dass der Unwissende unfrei ist, weil er die Welt nicht gemacht hat, umdrehen, dann ergibt sich ein Missverständnis unserer Zeit: wer alles sozusagen weltweit kommentieren kann, glaubt auch, alles zu wissen und alles verändern zu können. Warum soll ich deinen Vätern mehr glauben als meinen? So ist es aber nicht.  Die Welt ist nicht logisch und sie ist auch nicht immer verständlich. Wenn sie auch immer mehr, fast inflationär, aus Artefakten zu bestehen scheint, aus menschengemachten Dingen, die wir auch alle für Güter halten, für käuflich, so trügt hier, wie so oft, der Schein.

Wir können uns die Welt, in der wir leben, nicht aussuchen, und sie ist auch nur zu einem äußerst geringen Teil menschengemacht. Das Haus, in dem ich lebe, ist der Natur abgetrotzt, es besteht aus natürlichem Material, Ton, Holz und Metall, seine Statik wird den Winden und Wassern nur solange trotzen können, wie wir sie stützen. Unsere Freiheit, die tatsächlich vom Wissen abhängt, besteht darin, dass wir den Ort wechseln können. In diesem Spannungsfeld müssen wir leben: den Umständen trotzen oder weggehen. Normalerweise werden die Migranten beschimpft: und die AfD irrt, wenn sie glaubt oder propagiert, nur Migranten mit einer anderen Kultur seien unwillkommen. 1945 wurden auch die eigenen Landsleute, die aus dem ehemals deutschen Osten flohen, als ‚Zigeuner‘ beschimpft, dem damals gängigen Pejorativ für angeblich Heimatlose. Bei Angermünde gibt es einen kleinen Wohnplatz, an dem es genau andersherum war: es wurden die mit vermeintlichen Schimpfwörtern belegt, die blieben. Vor den herannahenden russischen Armeen wichen ganz viele Menschen zurück, manche blieben, und ihre Häuser wurden von Panzern überrollt. An diesem kleinen Wohnplatz bauten sich die Menschen, um bleiben zu können, kleine Rundhütten, die von den zurückkehrenden Feiglingen dann – gelebter Rassismus im Angesicht seines totalen Scheiterns –  mit der als Herabwürdigung gemeinten Bezeichnung ‚Afrika‘  belegt wurde. Die Menschen, die noch heute da leben, sind aber im Gegenteil und zurecht stolz auf das Prädikat ihres Beharrens.

Wir können uns die Menschen, mit denen wir leben, nicht aussuchen. Das wird von vielen Zeitgenossen vehement bestritten. Wir können uns unsere Eltern, denen wir so sehr vertrauen müssen, nicht aussuchen. Aber auch unsere Kinder sind nicht unsere Kopien. Partnerinnen und Partner werden nach tief eingeprägten Mustern gesucht und gefunden und verlassen. Schulklassen, Kollegien, Reisegesellschaften, Einwohner eines Ortes – all das sind zufällige Cluster. Wäre es anders, gäbe es keine Liebe auf den ersten Blick, kein Kindchenschema, keine Menschlichkeit, kein Vertrauen. Denn wir vertrauen sehr wohl Menschen mit anderen Vorvätern ungeachtet ihrer Herkunft aus Nation, Religion oder Kultur, wenn wir sie nur eine Weile beobachten, mit ihnen zusammenleben, sie schätzen lernen können und wollen. Und immer wieder – wer könnte es sich aussuchen – beendet der Tod liebgewonnenes Vertrauen und Verhalten und Verhältnis. Ist es nicht offensichtlich, dass selbst die Heiratsformel lautet: bis dass der Tod euch scheidet?

Wir aber suchen eine Welt, die wir selbst gemacht haben, Menschen, die wir uns angeblich aussuchen können, Häuser, die nicht einstürzen, Blumen, die immer blühen, Erdbeeren und Spargel, die immer wachsen und sich selbst ernten. Wir suchen Sicherheit statt Liebe. Aber so gesehen ist die Welt wie ein Dorfkonsum im alten Ostblock: das eine gibt es gar nicht, das andere die Fülle, und wir fragen immer nur nach dem, was es nicht gibt.

Vielleicht gibt es Zeiten im menschlichen Leben, in denen wir akzeptieren, was ist, und andere, in denen wir aufbrechen, und nur, wer weise ist, erkennt den Unterschied. Der Trost ist doch in jedem Fall: nichts bleibt, wie es ist, und wir wünschen uns oft das Gegenteil: dass es so bleibt oder aber dass es nicht so bleibt.

Die Hegelsche Hybris, dass man nur wissen muss, um die Welt zu erschaffen oder die Resignation in der Vorbestimmung des Augustinus oder Calvins – aus der nach Max Weber der Kapitalismus entsprang – mögen die Eckpunkte menschlichen Denkens und Fühlens sein. Tatsächlich ist der Mensch hin und her geworfen zwischen Angst und Tat. Fliehen wir in die Tat, so bleibt für die Angst weniger Raum. Leider gilt das auch umgekehrt: fliehen wir in die Angst, so wird es eng für die Tat, weil Angst lähmt, das Tun aber befreit, wenn es mit Denken auf Veränderung verknüpft wird.

HEIMSUCHUNG

 

Nr. 391

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?                                                                                       Beethoven an Struve, 1795

Als Kinder haben wir uns vor einem Gott gefürchtet, der mit Strafen die Menschheit zu disziplinieren versuchte. Aber andererseits war die Antwort des allerdings inspirierten Menschen außergewöhnlich. Noah, der schon einen Umstürzler als Vater hatte, baute ein gigantisches Vehikel, mit dem er die Schöpfung exemplarisch rettete. Das Gewimmel hätte man gern gesehen: alle Tiere der Erde, die großen und die kleinen, die groben und die feinen, friedlich vereint in einer Barke oder in einem Container, wohl versorgt und wohlbehütet. Heute wäre ihm der Friedensnobelpreis sicher, damals wurde er Prophet aller Weltreligionen und der erste Naturschützer.

Als wir Kinder waren, hatten wir aber auch Großmütter, die alle Katastrophen zu Prüfungen des Schicksals erklärten. Sie drehten das Unglück einfach und sehr tröstlich um: man konnte auch gewinnen. Nichts war vorbestimmt, schon gar nicht der Verlust.

Wenn man sich die Sintflut als Naturkatastrophe vorstellt, dann zeigt sie den Typ von Heimsuchungen, in dem es keinen Schuldigen gibt: Der Vulkan Tambora bricht aus, das Wasser des Ozeans steigt. Je weiter sich allerdings die menschliche Zivilisation in technologische Lösungen steigert, mit denen sie höchst erfolgreich den Hunger und die Krankheiten besiegte, desto größer wird die Anzahl der Menschen. Und nun gibt es Naturkatastrophen, die die Menschheit verursacht hat. Es gab sie schon in der Antike: das Abholzen der Wälder in heutigen Italien. Und es gibt sie heute noch: Energieverschwendung, Ressourcenverschmutzung, Überfischung, Überdüngung, Massentierhaltung, alles das hat Folgen für die Natur, die man sehen und hören kann.

Die Kriege haben wir besser beenden können: es gibt sie noch, aber keiner hat mehr die Größe und Vernichtungskraft des letzten europäischen Krieges, den die heutigen Urgroßmütter und Urgroßväter noch miterleben mussten und dessen Folgen man überall noch sehen und spüren kann.

Wenn man also statt Strafen Prüfungen einsetzt und sie sogar durch das moderne Wort Herausforderungen ersetzt, dann zeigt sich, dass es sinnlos ist, einen Schuldigen oder gar eine Gruppe von Schuldigen zu suchen. WENN JEDER DIE SCHULD BEI SICH SUCHT, IST DER TÄTER SCHNELL GEFUNDEN.

Ob man nun glaubt, dass Gott uns straft oder das Schicksal uns eine Prüfung schickt, in jedem Fall kann man die Heimsuchung als Herausforderung sehen und statt verzweifeln handeln. Das beste Handeln ist der Zusammenhalt, denn viele wissen mehr als einer und alle zusammen haben mehr Mut als du und ich.

Der moderne Mensch, also wir, hat schon längst vergessen, dass die Welt kein Computer ist, den man nach Belieben resetten kann.

Beethoven würde heute noch als junger Mann gelten, er war keine dreißig, als er feststellen musste, dass sein einst übermenschlich gutes Gehör langsam versagte. Zwar gab es immer wieder Ärzte, die ihm Hoffnung machten, aber es wurde ihm bewusst, dass ihn ein böses Schicksal heimsuchte. Der im selben Jahr geborene Hölderlin zog sich in den sprichwörtlich gewordenen Elfenbeinturm der Schizophrenie zurück, als er merkte, dass er der Welt psychisch nicht gewachsen war. Beethoven stemmte sich gegen die Verzweiflung und auch gegen das physische Versagen selbst. Er brüllte gegen sein Schicksal an, zerhämmerte seinen Flügel, zum Glück hatte er mehrere, musste die Wohnungen wechseln, und durfte nicht aufgeben, weil er wusste:  nur er könnte seinen Satz aus dem Brief an den Jugendfreund Struve in Musik setzen. Schon längst wusste er, dass er er die Worte seines elf Jahre älteren Schicksalsgenossen Schiller vertonen und der Welt als klassisches Vermächtnis mit auf den Weg durch die nächsten Katastrophen und Heimsuchungen geben würde. Schillers Lungenkrankheit ist auf gespenstische Weise aktuell. Er war so krank, dass der obduzierende Arzt sich über die Dauer seines Lebens verwundern musste. Ob Beethoven durch einen dem Fleckfieber geschuldeten Typhus taub wurde und schließlich starb, oder ob es der reichlich genossene, mit Blei versetzte Wein war, der ihm das Leben nahm, den Lebensmut konnte ihm nichts nehmen.

Der Tod ist unser ungewolltes Ziel, dem wir nicht entgehen können. Man darf nie zynisch über mutlose und sterbende Menschen reden oder schreiben. Immer wieder hört man von Zeitgenossen, die ihre Medikamente nicht mehr nehmen und dem Ende entgegendösen. Aber dies nicht zu verurteilen, heißt nicht zugleich, dass wir nicht Beethoven und alle seine Schicksalsgenossen, zu denen auch sein Nachfolger Schubert gehört, der ihm ein Jahr später ins Grab folgte, wenn schon nicht als Vorbild und Held, so doch als bedenkenswerte Beispiele ansehen können und sollen.

Dem Tod können wir nicht entfliehen, in ihm sind wir alle gleich. Aber das ist zum Glück vielen von uns zu spät. Überlegen wir uns also jetzt, in der durch Not und Angst gewonnenen Freizeit, wie wir die Lebensbedingungen in Zukunft verbessern wollen. Wir meinen damit nicht Grundeinkommen, Mindestlohn und Hartzvier, obwohl das auch alles bedenkenswert ist. Wir meinen damit die Wiedereinsetzung, das resetting von den Idealen der Aufklärung Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Seit einigen Jahrzehnten reden sich die Jugendlichen der ganzen Welt mit Bruder und Schwester an. Immer noch ist HipHop eine weltweite Subkultur. Tatsächlich herrschen aber, im Moment sogar verstärkt, die alten, weißen, autoritären Männer vom Typ des längst ausgestorben geglaubten Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. In den Vereinigten Staaten ist der Wahlkampf sogar ein Elefantenrennen der Gerontokratie. Auch in der AfD oder bei den Brexitisten gibt es nicht einen Jugendlichen. Der eigenartige Widerstand gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Klimawandels könnte auch dem Generationswiderspruch geschuldet sein.

Weltweit wird die Menschheit aber immer jünger, obwohl überall das Durchschnittsalter steigt. Vielleicht  fangen wir nach der gegenwärtigen oder nach der nächsten Krise an, über Visionen für die Zukunft nachzudenken, die keine Dystopien sind. Apokalypse war gestern. Morgen wird Hoffnung sein.  GETAN IST, WAS DU TUST, NICHT, WAS MAN DIR TUT.

MEMO

 

Nr. 390

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

BEETHOVEN an Struve 1795

 

Da erst, nachdem Beethoven seinen berühmten Satz an seinen Jugendfreund schrieb, die schlimmsten Tiefpunkte der Menschensortierung* stattfanden:  nach der Conquista (und übrigens auch Reconquista) und dem Sklavenhandel, vor dem Brief, danach noch hundert Jahre Sklaverei, Holocaust, GULAG, chinesische Kulturrevolution, Rote Khmer, Völkermord an den Armeniern und den Herrero, Rassistenregime in den Südstaaten der USA mindestens bis 1963, in Zimbabwe (damals: Südrhodesien), Südafrika und Namibia, gewinnt der Satz über den Tag hinaus an Bedeutung. Wäre Beethoven der weltfremde Sonderling gewesen, als den ihn das neunzehnte Jahrhundert sehen wollte, so müssten wir dem Satz, der erst vor zwanzig Jahren aufgefunden wurde, keine Beachtung schenken. Beethoven war aber ein hochgebildeter, belesener und interessierter Intellektueller, so wie Bach hundert Jahre vor ihm in Leipzig. Musikgenies werden oft unterschätzt.

Fast alle Begriffe, die wir heute noch für oder gegen die Menschensortierung benutzen, kommen aus der amerikanischen Sklaverei und Antisklaverei sowie aus dem europäischen Rassismusdiskurs des neunzehnten Jahrhunderts. Der für Menschen falsche Begriff der Rasse kommt aus der Tierzucht, wo er auch Sinn macht, um zu zeigen, dass Pekinese und Wolf aus derselben Art stammen (Canidae), sich aber qualitativ deutlich unterscheiden. Menschen dagegen haben zu 99% die gleichen Gene und, das berühmteste Beispiel, die unterschiedliche Hautfarbe sagt nichts weiter als die Differenz der Hautfarbe. Beethoven war durch Pockennarben geradezu entstellt, worunter er als Frauenfreund litt, aber mit seiner Musik hat das nichts zu tun.

Wie weit Beethoven mit seinem später ebenfalls berühmten Freund Struve gedacht hat, muss Spekulation bleiben.

Für uns kann es nur Grenzen des Denkens geben, die im Mangel unseres Verstandes liegen, denn wir leben in einem freien Land mit hohen Bildungsstandards und einer sehr guten Zugänglichkeit zu Wissenschaft und ihren Ergebnissen.

Wenn die Menschensortierung so willkürlich ist, dass sie vor mehr als zweihundert Jahren von Beethoven (und tausend anderen) beklagt wurde, dann ist es nicht abwegig, dass sie einen Zweck erfüllt. Es gibt immer eine Gruppe, die ihre Meinung nicht nur zum Fakt und zum herrschenden Fakt, sondern auch zum alleinigen Fakt erklärt. Vielleicht eine Million Bewohner Mittel- und Südamerikas wurden grausam ermordet, weil sie sich nicht taufen ließen. Die Taufe war also damals und dort der Ausweis der Norm, was erst Benedikt XVI. im Jahre 1993 korrigierte. Die katholische Kirche, die damals weitgehend von Verbrechern geführt wurde, konnte den Rest der ungetauften Welt einfach ausschließen, weil ihn niemand kannte und kennen konnte. Der Verdacht liegt nahe, und er ist schon oft geäußert worden, dass es gar nicht um Taufe oder Gott ging, sondern um Gold. Aber das wissen wir nur von den Menschen, die es aufgeschrieben haben, zum Beispiel von Admiral und Vizekönig Kolumbus. Es gab auch Gegner der Conquista und der Gewalt gegen Menschen. Und es gab auch immer Menschen, die die Menschensortierung, auch unter Berufung auf die Bibel, ablehnten.

Die jeweilige Ordnung wurde, um die Abstraktion weiterzuverfolgen, als alleinig mögliche, auf der vorhandenen Einteilung der Menschen beruhende proklamiert. Dabei ist es unwahrscheinlich, dass es sich um ein vorher ausgedachtes Paradigma, das es nun zu verwirklichen galt, handeln könnte. Soziale Systeme entstehen mit großer Wahrscheinlichkeit evolutionär: was muss man gedanklich alles auslassen, um die Französische Revolution von 1789 als den Zeitpunkt zu erkennen, ‚wo es nur noch Menschen gibt‘?

Rousseau, der von Beethoven fleißig gelesen worden war, meinte, dass das Übel, welches uns von den ‚edlen Wilden‘ scheidet und zu den unedlen Zivilisierten macht, mit der Absteckung des ersten Besitzes begann. Das ist gleichzeitig der Anfang einer Gesellschaft, die auf Vereinbarung beruht.

Und da liegt der Schlüssel: Vereinbarungen können nur gleichgeartete, gleichberechtigte, nicht durch Hierarchie oder noch künstlichere Merkmale geschiedene Menschen getroffen werden. Natürlich hat der eine Pockennarben, der andere ist ein Musikgenie, aber die Mutter aller Probleme ist die Hierarchie. Sie mag noch gar nicht einmal als böswilliger Akt entstanden sein. Für alles gibt es große Erzählungen: und für die Entstehung der Hierarchie, der Rangfolge, mag die König-David-Geschichte heute noch rühren. Die Israeliten waren von einem monsterähnlichen Feind belagert, der König versammelte alle Männer und fragte, wer sich dem Ungeheuer entgegenzustellen wagen würde. Just in dem Moment kam der kleine Hirtenjunge David um die Ecke, der seinen großen Brüdern das Essen bringen sollte. Er setzte seinen Verstand statt bloßer – und ihm auch noch fehlender – Heldenstärke ein und wurde zum Helden und König, übrigens durch Heirat der Königstochter. Aber das ist kein Märchen.

Aber warum scheitern seitdem alle Versuche, Leistungen zwar anzuerkennen, aber daraus keine Hierarchie zu konstruieren? In vielen Geschichtsbüchern wird das westeuropäische Adelssystem der Primogenitur gern mit dem russischen, in dem alle Söhne erbten, und dem türkischen verglichen, das fast lupenreiner Nepotismus war. Bevor man aber seine Söhne und Neffen, daher der Begriff Nepotismus, einsetzen konnte, musste man seine Brüder als Konkurrenten ermorden, später wegschließen, daher kommt der Begriff des goldenen Käfigs. Sultan Mehmet III. ließ seine neunzehn Brüder nach der Beschneidung erdrosseln. Einer fragte, ob er seine Kastanien vorher noch zuende essen könne. Das Adelssystem, obwohl es zeitweise auch sehr erfolgreich war, ist insgesamt schlimm gescheitert. In den beiden Weltkriegen, die die Adligen verloren, verloren sie zugleich Anstand und Einfluss, nicht jedoch ihren umfänglichen Besitz, wie man heute noch auf Adelstreffen, -hochzeiten und -taufen bewundern kann.

Muss man wirklich täglich daran erinnern, dass auch alle Diktaturen, mithin alle autoritären Systeme einschließlich der Monarchien, gescheitert sind? Seit der Antike ist bekannt, dass auf Aristokratie, die Herrschaft der Besten, die Ochlokratie folgt, die Herrschaft des Pöbels. Man erkennt ihn am Pöbeln. Jeder Protest und jede Frage ist erlaubt, aber wie kann man glauben, dass es nur einer Autorität bedarf, um die Welt wieder in die Fugen zu rücken. Die Welt ist gar nicht aus den Fugen, weil sie nicht durch einen Plan erbaut wurde, etwa wie ein Haus und jeder andere Artefakt, sondern weil sie evolutionär entstanden ist, Stück für Stück, immer in Chaos und Schlamm. Das berühmte Zitat** ist nicht nur ironisch gemeint, sondern findet seinen Schlüssel im überforderten ICH des armen Hamlet, der glaubt, dass er die Welt einrenken muss, das ist der Fluch des Adels. Wo und wann wäre denn die Welt in den (und wenn dann in welchen) Fugen gewesen?

Verstärkt durch die technischen Kommunikationsmittel kann heute jede und jeder seine Kommentare zu jedem Ereignis abgeben. Wäre es nur so, würde es niemanden stören. Aber sobald einer etwas zu wissen glaubt, bestätigen es ihm seine Rechtgläubigen, und die Häretiker schreien Contra und Zeter und Mordio. Alle Hoaxes über Viren als biologische Waffen der Amerikaner, der Israelis, des Weltjudentums, der Russen und Nordkoreaner erwiesen sich selbstverständlich als falsch. Als die bösartige Schuldzuweisung gegen die USA in bezug auf AIDS die globale Runde machte, lebte ich in einem Land, in welchem dem Hoax schadenfroh zugestimmt wurde, zumindest als wahrscheinlichste Möglichkeit.

Muss man wirklich täglich daran erinnern, dass es weder eine Weltregierung noch eine Weltantiregierung gibt. Leider ist es mühevoll, einen internationalen Vertrag auszuhandeln, und mancher Vertrag wird durch einen Federstrich zunichte gemacht. Leider sind internationale Erleichterungen nur gegen den oft hartnäckigen Widerstand hartgesottener Nationalisten zu erreichen, die sie, wenn sie wieder einmal an die Macht kommen, wegwischen. Manche Nationalisten glauben, dass Globalisierung die Gegenstrategie zum Nationalismus sei. Sie fragen, ob sie Rassisten seien, wenn sie gegen Masseneinwanderung aufträten. Sie bemerken scheinbar nicht, dass sie ihre Ablehnung der Einwanderung rassistisch begründen und dadurch eben doch Rassisten sind. Manche von ihnen benutzen das gleiche Argumentationsmuster wie Graf Gobineau, Houston Stewart Chamberlain und Adolf Hitler: ,man sähe doch in der Tierzucht, wie gut Rassismus sei‘. Entstehen edle Pferderassen, fragt allen Ernstes Chamberlain, dem schon sein Zeitgenosse Virchow den gesunden Menschenverstand absprach, etwa durch Promiskuität?

Ein Krieg, auch ein Handelskrieg, ist schnell gemacht. Aber seine meist negativen Folgen reichen in die nächsten Jahrhunderte und treffen immer auch den Verursacher.

Leider stehen wir alle im Moment nackt da: ohne Idee. Vielleicht ist die Zeit der guten Ideen, die ein halbes oder gar ganzes Jahrhundert wirken, vorbei. Vielleicht unterliegen wir, die wir an Ideen glauben, demselben Irrtum wie jene, die an Personen glauben, und es gibt sie nicht mehr. Vielleicht wird in späteren Geschichtsbüchern stehen, dass die Menschheit drei Phasen durchlebte, die Phase der Führer vom Schlage Davids, die Phase der Ideen von der Art der Aufklärung, und die Phase x von der Sorte, die wir noch nicht kennen.

Der Urvater der Rassisten, Graf Gobineau, gab seinen Anhängern am Schluss seines immerhin sechsbändigen Essays ‚Über die Ungleichheit der menschlichen Rassen‘ (1855) eine später viel bewunderte und viel gescholtene Formel auf den Weg:

„Die Nationen, nein, die menschlichen Herden, in dumpfer Einsamkeit dahindämmernd, werden fortan gefühllos in ihrer Nichtigkeit dahinleben, wie wiederkäuende Büffel in den stehenden Pfützen der pontinischen Sümpfe.“

Von Rousseau dagegen, dem verschrobenen Urahn der Demokratie, stammt die unverwirklichbar und kompliziert erscheinende Formel (1762), die von Zeit zu Zeit verworfen wird: „Jeder von uns stellt gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Leitung des Allgemeinwillens, und wir nehmen jedes Mitglied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.“

 

*Segregation

**The time is out of joint

O cursed spite

That ever I was born

To set it right

Shakespeare, Hamlet, I,5

TRIPLE REPRESSION AND TRIPLE CONCERTO

Nr. 389

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR NOCH MENSCHEN GIBT?

Beethoven an Struve 1795

Wir haben es schon mehrmals erzählt: als Rousseau sechzehn Jahre alt war, warf er seine, man kann vermuten, wertvolle Uhr weg. Sein Vater war ein international hoch geachteter Uhrmacher, der kurz vor der Geburt Jean-Jacques‘ aus Konstantinopel zurückkam, der seinen Sohn über alles liebte und ihm Mutter und Vater zugleich sein wollte, da die Mutter im Kindbettfieber gestorben war. Der junge Rousseau war zum dritten Mal verspätet am Stadttor von Genf angekommen und das hätte ihm wieder eine Prügelstrafe eingebracht. Also warf er seine Uhr weg, obwohl ihm klar sein musste, dass die Uhr nicht Ursache der Prügel, sondern nur ihre Projektionsfläche war. Und zugleich verließ er seine Familie, seinen Lehrherrn und seine Heimatstadt, um nie wieder zurückzukehren, obwohl ihm die Stadt, nachdem er berühmt geworden war, einen lukrativen Posten angeboten hatte. Die Abhängigkeit der Stadtverfassung, überhaupt der Ordnung dieser Gesellschaft von der Zeiteinteilung, erinnert sehr an die heutige Abhängigkeit von Daten und Terminen.

Der Grund für seinen Ruhm war seine preisgekrönte Abhandlung über die Ungleichheit der Menschen. Darin steht seine Ansicht, dass die Menschen böse seien, wofür man keinen Beweis brauche, weil die Erfahrung es lehrt, obwohl der Mensch an sich gut sei. Damit setzte er sich zwischen Baum und Borke, zwischen die herrschende Kirchenansicht von der Sündhaftigkeit des Menschen und die soeben aufkommende Aufkläreransicht vom ewigen Fortschritt des Menschengeschlechts durch Denken.

An dieser Stelle schon ist Rousseau absolut modern. Er sieht das Übel in Neid und Gier, in dem ständigen Vergleich der Menschen untereinander und der daraus folgenden Habsucht. In seinem noch berühmteren Buch über die Erziehung (‚Émile‘) wird er zeigen, wie man diese erworbene Bosheit der Menschen verhindern könnte. Aber auch die heutigen Schulpolitiker streiten sich lieber jahrzehntelang über Punkt- und Notensysteme, obwohl jeder weiß, dass sie eines der Übel sind. In seinem allerberühmtesten Buch aber (‚Der Gesellschaftsvertrag‘) lesen wir, dass alles am Menschen, bis auf das Verhältnis zu den Eltern, Vereinbarung ist.

Rousseau hat sozusagen das erste Allmendedilemma entdeckt: die Aufteilung des vorher gemeinschaftlich genutzten Landes in Parzellen des Unglücks und der Gier. Im zweiten Allmendedilemma [Garrett Hardin, 1968] wird eigentlich umgekehrt beschrieben, wie der gemeinschaftliche Nutzen durch die geheime und zunächst unmerkliche Gier des einzelnen torpediert wird. Allerdings wurde über dieses Problem lange nachgedacht, und schon Aristoteles wusste, dass demjenigen Gut, das die meisten nutzen, am wenigsten Fürsorge zuteilwird. Und wir, die wir im Ostblock gelebt haben, wissen das auch.

Beethoven wird das alles von Rousseau gelesen und sich gewundert haben, dass siebzehn Jahre nach Rousseaus Tod sich nichts geändert hat. Zwar wusste Beethoven, dass es tausend Adlige gibt, aber nur einen Beethoven, so dass klar war, wer vor wem den Hut zu ziehen hatte (Karlsbadanekdote), jedoch wusste er auch, dass Sklaverei und Krieg, Hunger und Cholera zur vermeidbaren Ungleichheit der Menschen beitragen.  Napoleon war als Hoffnung der Menschheit ein Ausfall, über den sich Beethoven so sehr ärgerte, dass er die Widmung seiner dritten Sinfonie zurückzog.

Und zweihundertfünfundzwanzig Jahre nachdem Beethoven an seinen Jugendfreund Heinrich von Struve, der später russischer Botschafter in verschiedenen deutschen Staaten und als Mineraloge Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften war, gibt es zwar weniger Hunger und mehr Bildung, aber immer noch mindestes dreifache Unterdrückung: Rassismus, Klassismus und Sexismus. Im Moment erleben wir sogar eine unerwartete Wiederkunft dieser Repression in autoritären Parteien und Herrschaften. Im Fußballstadion werden Menschen beleidigt, die vier oder fünf Millionen Euro im Monat verdienen, von Subjekten (wie man früher verächtlich sagte), die wahrscheinlich monatelang für die Eintrittskarte ins Stadion sparen müssen.

Man kann das empörend oder unverständlich finden, aber Beethoven hat darauf mit Leuchttürmen geantwortet, wo heute so viele ins schwarze Loch der Jammertäler fallen. ‚Jammertal‘ ist der barocke, religiös* gefärbte Begriff für die schlechte Welt.

Natürlich und zum Glück können nicht alle Sinfonien oder Romane schreiben, aber ein erster Schritt wäre schon einmal, mit dem ständigen Empören und Flennen aufzuhören. Die Welt mag als schlecht empfunden werden, aber sie wird nicht dadurch besser, dass man täglich in die Welt hinausschreit, dass die Welt schlecht ist. Einer möglichen Inflation von Sinfonien und Romanen steht der Mangel an Talent gegenüber, dem Jammern muss man allein widersprechen.

Das Tripelkonzert von Beethoven nimmt unter seinen Konzerten (fünf Klavier- und ein Violinkonzert, das er selbst auch für das Klavier transkribiert hat) eine Sonderstellung ein. Konzert heißt ja ohnehin eine Art nachgeahmter Kampf oder Wettbewerb zwischen dem Soloinstrument und dem Orchester. Hier aber bemühen sich drei Soloinstrumente nicht um die Vorherrschaft, sondern um die Öffnung. Einerseits wollen sie sich gegenseitig öffnen, ihre Differenzen und Hegemonialvorstellungen vergessen, andererseits zeigen sie ihre Herkunft aus dem und ihre Zukunft im Orchester. Mehrmals scheint das Konzert auseinanderzubrechen, um aber spätestens im zweiten wunderbaren Satz harmoniesüchtig zu werden.

Wenn er oder sie auch keine Sinfonien und Konzerte schreiben kann, so kann der moderne Mensch doch vielfältig kreativ werden** und das sind auch sehr viele von uns. Es ist gleich gültig, ob man in einem Hilfsverein tätig ist, in einer Tauschbörse oder in einem Laienchor. Es geht darum, die knappe Lebenszeit für sich und andere nutz- und freudebringend anzuwenden. Werfen wir endlich die Uhr oder das SMARTPHONE weg und wenden uns dem Buch, dem Lied, dem Mitmenschen zu. Fast unbemerkt ist unter all diesen üblen Schimpfworten, mit denen wir uns anscheinend zunehmend belegen, ein ganz anderes Wort Mode geworden (‚was die Mode streng geteilt‘***), nämlich Empathie. Das ist die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzufühlen, ihr Leid, ihre Freude, ihre Langeweile oder ihre Aufgeregtheit nachzuempfinden und daraus Schlüsse für mögliche Hilfe oder Mitarbeit zu ziehen. Öffnen wir die symbolischen und tatsächlichen Stadttore, die Grenzen, die immer Beschränkungen sind, die Herzen, die soviel Streben nach dem Ego in sich zu haben scheinen und doch erst aufblühen, wenn Kinderlachen oder Greisentränen Dankeshymnen singen.  Aber man muss sich auch in sich selbst hineinfühlen: some dreams die when they can be realized.

 

*flentes in hac lacrimarum valle = weinend in diesem Tal der Tränen, woher auch unser Kinderausdruck des Flennens kommt

**becoming a begetter would make you a bit better

***Schiller, Ode an die Freude in Beethovens IX. Sinfonie

 

BTHVN ALS ENTGABELTE ALTERNATIVE

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD.

Nr. 388

Vielleicht fehlt es unserer Zeit an der Ausdifferenzierung, die aus so vielen Beethoven-Werken spricht. Selbst in bekannte Musik, wie die dritte oder die fünfte Sinfonie geht man immer wieder wie ein unbeschriebenes Blatt hinein, und man kommt als ein erfahrener Mensch heraus. Das Blatt ist vollgekritzelt, manches ist gut lesbar, anderes bleibt verschwommen oder kryptisch oder unerkannt. Das ist bei vielen Kunstwerken so, aber wir reden dieses Jahr über Beethoven.

Nach dem Jahrhundert der vielleicht zu absoluten Relativität sehnen sich scheinbar sehr viele Menschen nach Absolutheit bei gleichzeitiger Absolution. Einfacher ausgedrückt: wir wollen gleichzeitig Bestimmer und Macher sein, aber reingewaschen von unseren Fehlern, die man früher Sünden nannte. Wir wollen richtig sein, unsere Meinung sei Fakt, wer sie nicht sieht, ist dumm. Vergessen ist das hochkomplizierte und hochkomplexe Verhältnis zwischen Fakt und Meinung, vergessen der Zweifel an der Erkennbarkeit von Fakten, der durch Schopenhauer und Nietzsche begründet, durch Wittgenstein vollendet wurde. Vergessen sind all die Zweifel, die die Naturwissenschaft, die früher als zweifelsfrei galt, jetzt zuließ.

Wir stellen uns einmal kurz vor, die menschliche Zivilisation wäre zerstört, entweder durch den Klimawandel, den die eine Hälfte, oder durch den Bürgerkrieg, den die andere Hälfte für herbeigeredet und heraufbeschworen hält, beides könnten auch selffullfilling prophecies sein. Sodann wird die Erde zerstört und übrig bleibt einzig eine Stimmgabel (tuning fork). Diese Gabel ist von Menschen gemacht, also ein Fakt im besten Sinne, auch das Wort Tatsache trifft hier doppelt zu: die Gabel ist getan und mit ihr kann man tun. Wird diese Gabel nun nie aufgefunden, dann ist sie sinnlos, zwecklos, sie ist nichts, geht im Nirwana unter oder auf, alles gleichviel. Wird sie aber aufgefunden, so verliert sie auf jeden Fall ihren Namen und ihren Sinn. Sie ist entgabelt. Sie wird – bestenfalls – etwas Neues, vielleicht in einem Museum für alte Zivilisationen. Aber dort liegt sie in einer Vitrine der unentschlüsselbaren Rätsel. Sie bleibt ein codifizierter ehemaliger Fakt. Die gegenwärtige Archäologie kann nur das ähnliche Menschengemachte decodieren.     

Es ist also nicht nur der Führer und Herrscher, der manchen Menschen fehlt, sondern auch der Fakt. Der Mangel an Fakten gebiert die Sehnsucht nach Fakten. Hinzu kommt die Inflation an Artefakten. Beethoven hatte vielleicht vier oder fünf Dutzend Gegenstände in seinem Besitz, darunter einen raffinierten Notenlinienzieher und ein von Nepomuk Mälzel mit Liebe und Genie konstruiertes Hörrohr. Uns wird eingeredet, dass wir zu den tausend Dingen, die wir schon besitzen und beherrschen, täglich neue brauchen. Wir sind hin- und hergerissen zwischen dem neuesten Vorwerk-Wischsauger, der für Hartzvierempfänger ein Vermögen kostet, und dem grellgelben Wackelpanda, der aus jedem Chinashop wie ein degenerierter und automatisierter Papst winkt. Beide sind vereint durch ihre Überflüssigkeit.

Als die Bundeskanzlerin vor vielen Jahren ihre Politik als alternativlos pries, stellte sie damit keine These auf. Sie begründete ihre Politik, aber nicht die Alternativlosigkeit des Seins. Ganz im Gegenteil war dieser unheilvolle Ausdruck ein geistloses Kind des Zeitgeists. Sie ist nach wie vor keine begnadete Rednerin, sondern eine begabte Überhausfrau der Extraklasse, die Meisterin des Machterhalts und des absoluten Pragmatismus, nicht unähnlich dem Kanzler Schmidt, der seinen Pragmatismus ebenfalls in endlosen Tiraden als alternativlos pries. Theorien und Visionen dagegen sind den beiden fremd. Die Relativität der immer komplexer verzahnten und verschlüsselten Welt besteht gerade darin, dass es tausende und abertausende Alternativen gibt. Diese Megaalternative könnte es sein, die so vielen Menschen ihr Leben unüberschaubar verdüstert. Was sich durch die Aufklärung erst ergeben hat, wird durch deren Folgen verdunkelt. Neulich schrieb mir ein Leser, ich sähe den Baum vor lauter Wald nicht. Das ist möglicherweise jemand, der an Verbots- und Gebotsschilder im Wald glaubt, auf sie hofft. Dagegen ist der Wald aber eine gute Metapher für unser Zusammenleben. Er ist zugleich logisch und unlogisch. Jeder Baum, jedes Tier, jede Mikrobe ist eine Alternative, ist Möglichkeit, Ursache und Folge und nichts von alledem. Die Naturschönheit ist zugleich das Biotop, das uns ewig erscheint, aber morgen schon verschwunden sein kann. Leider ist uns der Wald auch einfach nur Nutzen. Wir übersehen und zertrampeln seine Würde und fantasieren von seinem Preis: jede Buche tausend Euro. Das Wort ‚abholzen‘ zeigt dies, die brutale Megamaschine HARVESTER tut dies und mit ihr – gierig – wir. Andererseits erweist sich in diesem Frevel, dass wir Teil der Natur, Teil der Evolution sind, dass wir mit unserem Biotop verschwinden können wie das Mammut und die Pest.

Musik besteht zwar, ganz genauso wie die Dummheit, aus ständiger Wiederholung, aber jede Wiederholung bei der Musik zeigt gleichzeitig Alternativen in anderen, manchmal nur leicht veränderten Zusammenhängen. Die Musik Beethovens, wie überhaupt die Kunst, gibt also nicht die Welt wieder, wie sie ist oder war oder sein wird, sondern die Gedanken und Gefühle, die tausend Formeln und tausend Alternativen. All das, was die Gehirne der Menschen und Mäuse als Pläne und Möglichkeiten offenbaren und mit den Attributen Angst und Mut als Tatvorschlag präsentieren, bildet die Musik ab. Der Bergsteiger redet nicht vom Berg, sondern von seinem Mut, denn er kennt alle seine toten Vorgänger. Der Flüchtling erzählt nicht von seinem Untergang, sondern von seinem Widerstehen, denn er weiß zwar, woher er kommt, aber nicht wohin er geht. Selbst der Sklave grübelt, ob es nicht besser ist, in Ketten satt zu sein statt im Nirgendwo, das seine Kinder Freiheit nennen, zu hungern.

Wir alle hoffen, dass die Gabel Gabel bleibt und der Winter Winter, aber wir sehen aus dem Fenster und in die Welt und befürchten, dass es auch dazu Alternativen gibt.

NAZIS SIND AUCH MENSCHEN

 

Nr. 387

Wann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird?*

Kaum passiert eine Untat, schreien sofort die Fassungslosen und Berufsempörten, dass es sich bei dem Täter um ‚Abschaum‘ handelt. In diesem Wort liegt aber der Schlüssel der Tat und nicht ihrer Verhinderung.

Der Ungeist der Diskriminierung schwebt über dem Menschengeschlecht, seit es denken kann. Die Kraft der Unterscheidung, im biblischen Schöpfungsbericht mit der Metapher des Baums der Erkenntnis gezeichnet, aus der die Technologie, die Wissenschaft und die Kunst entsprang, gebar auch die Untat. Bisher alle Ideologien, aber leider auch alle Religionen, oft gegen ihre Grundaussage, teilen die Menschen in Menschen und Unmenschen, nur um ihre eigene Richtigkeit zu bestätigen. Was wir als Richtigkeit empfinden, ist doch aber nichts weiter als Wiederholung, solange es geht. Wir wiederholen einen Gedanken oder ein Verhalten, bis sie an die Grenzen des Zusammenlebens stoßen. Manchmal gibt es auch Innovationen ohne Grenzüberschreitung. Während das Fahrrad als Laufrad gerade in dem Moment erfunden wurde, als die Grenzen der Pferde, als im Jahr ohne Sommer ihre Abhängigkeit vom Futter erkannt wurde, gab es in Konstantinopel und später in Ulm keinen erkennbaren Grund zum Fliegen, außer Erkenntnisdrang. Umso mehr wurden Ahmed Celebi und der Schneider von Ulm, die den Aufwind über dem Bosporus und über der Donau erkannt hatten, verachtet und geächtet. Lilienthal entkam dem nur, weil er einen geldmächtigen und fürsorglichen Bruder hatte. Ihn fällte der Wind, aber er gilt auch als der erste Flieger.

Diskriminierung bedeutet nicht nur, einen Menschen oder eine Menschengruppe als minderwertiger – Abschaum – anzusehen als die eigene Gruppe, sondern überhaupt Mensch und Wert als Kategorienpaar zusammen bringen zu wollen. Kants berühmter Gedanke, dass im Reich der Zwecke alles entweder einen Preis oder eine Würde habe**, hatte dies Problem schon gelöst. Während alles, was einen Preis hat, austauschbar bleibt, schreibt Kant weiter, hat die Würde kein Äquivalent. Sie ist ein innerer Wert. Um einem Menschen seine ihm nach dem Naturrecht angeborene Würde zu nehmen, muss er zum wertlosen Abschaum degradiert werden. Wo es keine Grade gibt, bedarf es auch keiner Gnade. Graduierung und Hierarchie sind Fantasieprodukte des Herrscherwillens. Der Wert der Kunst besteht, schreibt Kant weiter unten, in den Gesinnungen, die aus ihr resultieren, daher die ungeheure Nachwirkung der Geistesriesen wie Beethoven.

Aber wer hört auf Kant und seinesgleichen?, könnte man sich in Zynismus flüchten. Warum soll ich deinen Vätern und Müttern mehr glauben als meinen?, argwöhnen doch alle. Aber so ist es nicht.  Eine mächtige Aushebelung dieser scheinbaren Familientreue ist das von uns viel zitierte Kindchenschema. Der große Naturforscher Konrad Lorenz fand, dass alle Tiere und Menschen auf einen gewissen hilflosen Gesichtsausdruck mit Fürsorge antworten. Lange vor Lorenz waren schon Wolfskinder beobachtet und beschrieben worden (Das wilde Kind, 1801). Jedoch wird auch hilflosen Erwachsenen die Anteilnahme der meisten Menschen sicher sein. Allerdings bewirkt die Stigmatisierung, zum Beispiel durch die Attribute des Sklaven- oder Gefangenenstatus, leider auch oft das Gegenteil. Das Problem des entflohenen Sklaven oder Häftlings ist also auf der einen Seite die Orientierung, die beim Nichtgefangenen durch die Wiederholung ersetzt wird, aber auf der anderen Seite das Wohlwollen der Mitmenschen. Ist im neunzehnten Jahrhundert ein Sklave aus den Südstaaten entflohen, so musste er nicht nur wissen, wo Norden ist, sondern er durfte auch nicht von Befürwortern der Diskriminierung entdeckt werden. Das gleiche gilt, im zwanzigsten Jahrhundert, für entlaufene KZ- oder GULAG-Häftlinge. Allein ihr Aussehen ließ ihre Haft als gerechtfertigt erscheinen. Aber andererseits wurde ihnen auch soviel Hilfe zuteil, dass sie die Freiheit erreichen und die Würde zurückerlangen konnten. Fast jeder bewundert den Mut zur Flucht. Fast niemand will stattdessen wieder Mauern und Läger bauen.

Aber der Ungeist der Diskriminierung weht durch unsere Sprachen und unsere Gedanken. Das Paradox der Strafen, dass je drastischer die Strafen, desto garstiger die Verbrechen sind, wird immer noch von vielen verkannt. Sie richten ihren Blick auf das momentane abscheuliche Verbrechen und konstruieren daraus eine Welt des Verbrechens und der Verbrecher. Die gab es aber nur in den Kreuzzügen und Kriegen, in den Hunger-, Hexen- und Fangeltürmen, in den KZs und GULAGs, schon allein diese Wörter sind Monster.  Nur wo der Mensch seiner Würde beraubt wird, als Gefangener und als Wächter, wo ihm ein Wert und Preis eingeredet wird, wird er zum zeitweiligen Unmenschen. Man kann es jetzt, wo die allerletzten Nazitäter vor Gericht stehen, beobachten, dass sie sich selbst wie in einer fernen, unverständlichen Welt sehen. Sie wissen heute nicht mehr, was sie damals taten. Ihr damaliges Verhalten erscheint ihnen selbst heute so abwegig, dass sie es nicht glauben können. Dieses infantile Unverständnis kann man am besten mit dem berüchtigten Satz des nicht minder berüchtigten Marinerichters und Ministerpräsidenten Filbinger beschreiben: ‚Was damals Recht war, kann doch heute nicht Unrecht sein.‘  Filbinger war genauso wenig Abschaum wie seine armen Opfer. Sie haben es gegenseitig von sich gedacht, weil ihr jeweiliger Wertekanon auseinanderklaffte.

Die heutigen Nazis, Rechtsextremen und Rechtskonservativen  glauben in Muslimen, Juden, Afrikanern, Flüchtlingen, Sinti und Roma, Kopftuchmädchen und Messermännern, auch Obdachlosen und Bettlern, Abschaum zu erkennen. Viele begnügen sich mit verbalen Attacken, argumentfreiem Gestammel, immer gleichen Behauptungen. Auch ihre Orientierung ist bloße Wiederholung.  Sie erklären sich selbst zu Realisten, ihre Meinung zum Fakt, die sie sich in ihren Gruppen immer wieder bestätigen lassen.

Aber greift dann einer von ihnen zum Messer, zur Pistole oder gar zur Bombe, folgt der Aufschrei in der gleichen Sprache, in der Sprache der Untäter: Abschaum.

Dagegen singt der eritreisch-deutsche Rapper FILIMON: Mensch ist Mensch und Papier ist Papier. Man kann bezweifeln, dass er Kant gelesen hat. Aber man muss auch nicht Kant gelesen haben. Man muss versuchen, ein Mensch zu sein, der nur noch Menschen kennt, weil es auch nur Menschen gibt und weil alle Diskriminierungen – Rassen, Klassen, Massen – gescheitert sind. Die Unterschiede innerhalb einer Gruppe sind immer größer als die zwischen  verschiedenen Gruppen.*** In der Verneinung liegt keine Kraft für die Zukunft. In der Verneinung von Menschen liegt der Schlüssel der Untaten und nicht ihrer Verhinderung. Untaten kann man nicht verhindern, wohl aber reduzieren durch Bildung und Würde. Getan ist, was du tust, nicht was man dir tut.

 

 

*Beethoven an Struve 1795

**Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

***Cavallho-Sforza