DER PAZIFISMUSSCHWÄTZER

 

Eine Weihnachtsbetrachtung

Nr. 379

In dieser Vorweihnachtswoche bin ich dreimal erkannt worden. Gleichzeitig hat sich damit ein Verdacht erhärtet, den ich schon lange habe: dass wir in den reflektierten Bildern und Worten einer Welt leben, statt in einer Welt mit Dingen, Erscheinungen, Bildern und Worten. Der Bruch trat ein, als sich unser Leben in Europa vom Land in die Stadt, vom Feld in die Fabrik und von der Kirche in die Schule verlagerte: Urbanisierung, Industrialisierung und Säkularisierung waren der dritte große Einschnitt nach der neolithischen Revolution und der Renaissance mit dem Buchdruck und dem Beginn der Globalisierung. Den vierten Umbruch erleben wir jetzt mit der Digitalisierung.

Geht man durch eine Sammlung alter Meister der Malerei, so kann man leicht sehen, dass sie eine Welt der Fiktionen malten, eine vorgestellte Welt, zum Beispiel DAS JÜNGSTE GERICHT. Gleichzeitig muss man aber beachten, dass diese Bilder, die wir heute in Museen zu hunderten sehen, früher nur ganz singulär vorhanden waren, in Kirchen für alle, in Rathäusern und Schlössern für Eliten. Hinzu kommt die Kopiermöglichkeit, die es uns erleichtert, einen Masaccio* zu sehen, ohne nach Florenz fahren zu müssen. Die Fiktionen waren antike Mythen und religiöse Erzählungen, allerdings seit der Antike auch schon Portraits und Landschaften, aber die sollen hier nicht interessieren. Dadurch wurde die Vorstellungskraft entwickelt und gestärkt.

Heute dagegen wird die wirkliche Welt täglich tausendfach gespiegelt und kommentiert. Unsere kommunikativen Fähigkeiten werden maschinell so vielfältig und beschleunigt, dass wir sozusagen unserer eigenen Welt nicht mehr folgen können. Wir heutigen Menschen haben also nicht nur die Veränderung selbst zu erleben, die in ähnlicher Dimension auch der Renaissancemensch durchlief, sondern ihre ständige Wiederholung und Kommentierung. Überschlagen wir bitte zur Probe einmal, wie oft wir in den letzten dreißig Jahren den folgenden Satz gehört haben: ‚Das ist…nach meiner Kenntnis…sofort, unverzüglich…“ Das war gestotterter Unsinn, der allerdings Geschichte machte, auch interessant als Lehrbeispiel gegen Verschwörungstheorien. Gleichzeitig entsteht durch diese Allgegenwart der sich überschlagenden und in Endlosschleife reproduzierten Ereignisse auf der einen Seite der Eindruck der eigenen Überlegenheit, auf der anderen Seite aber die Furcht vor dem Vakuum. Die Leerstelle der halbstündlichen Nachrichten, auch wenn nichts passiert, wird durch übereifrige Redakteure durch Sommerlochrhetorik gefüllt.

1

Am Anfang der Woche beschimpfte mich ein Neurechter als Pazifismusschwätzer. Auf meinen Blog über die Nobel Lecture des äthiopischen Premierministers Dr. Abiy Ahmed Ali erwiderte er nicht etwa Argumente – wie auch, Krieg ist bestimmt kein ‚way of life‘, sondern immer ein way of death -, sondern die ewiggestrigen Vorstellungen von ‚Wehrhaftigkeit‘ und dergleichen, wie sie seit altersher von den Bellizisten vorgetragen werden. Nur ist inzwischen Beruhigung in das Leben der Völker eingetreten. Europa hat die längste Friedensperiode seiner Geschichte erleben dürfen. Der Westausgleich und die Westanbindung ist durch einen der wenigen großen Konservativen, Adenauer, der Ostausgleich durch einen der wenigen großen Sozialdemokraten, Brandt, zustande gekommen, durch Handel und Wandel und die EU. Die EU als pseudodemokratisches Monster darzustellen, ist eine glatte, wahrscheinlich auch absichtliche Verkennung ihrer Aufgabe und ihrer Leistung. Selbst die Kritik an der GradheitDerGurke-Norm war böswillig, denn sie war eine Forderung des Handels und kam aus dem nationalen Recht. Man muss die Dimensionen, die Geschichte und die manchmal kollidierenden Interessen beachten, wenn man über dieses größte Projekt Europas seit dem Westfälischen Frieden nachdenkt. Europa, gern von den Neurechten als christliches Abendland bezeichnet, beruht auf Barmherzigkeit und Feindesliebe, nicht auf Wehrhaftigkeit und Waffen. Die Waffen sind nicht am Krieg schuld, aber mit weniger Waffen gibt es auch weniger Mord und Totschlag und Krieg. Pazifismusgeschwätz. Vielleicht sind sie, die bellizistischen Neurechten, auch aufgerufen, das Machwerk eines ihrer Vorboten zu erfüllen: Deutschland abzuschaffen.

Die Rede des äthiopischen PM bezog sich nicht auf pazifistische Visionen, sondern  auf einen konkreten und bewunderswerten Friedensschluss nach einem über vierzig Jahre manchmal schwelenden, manchmal offen ausgetragenen Konflikt. Dieser Krieg, der nicht nur viele Opfer, sondern auch viele Entwicklungschancen kostete, war sinnlos. Er ging um ein paar Quadratmeilen, wie es schon bei Hamlet heißt. Jeder Krieg ist sinnlos, auch der gewonnene, der größte Feldherr ist immer noch Pyrrhos. Abyi Ahmed, der selbst in diesem Krieg war, begründete in Oslo, warum Frieden notwendig und möglich ist. Das heißt, der Geist des Friedens kann sich endlich auch in Afrika ausbreiten. Und das wiederum heißt, dass die kreativen Kräfte in diesem riesigen Gebiet zum zweiten Mal, endlich, endlich, eine Chance haben. Der Krieg ist nicht nur nicht der Vater von allen Dingen, sondern er ist der Pate des Untergangs. Den Bellizisten bleibt nichts als die Arroganz des Unterlegenen. Und: wer sich selbst zum Realisten erklären muss, weil kein anderer es tut, kann schon deswegen keiner sein.

Ich dagegen nehme diesen Beinamen gerne an, selbst wenn der Spender von Missgunst gerieben war: der eloquente Friedensbote.

2

In der Mitte der Woche stand ich mit einem Neubürger, dessen Gesicht seine einzige Verbindung an die Vergangenheit, dessen Hintergrund** aber diese Plattenbausiedlung in der Hauptstadt der Uckermark ist, an seinem neuen Hauseingang. Ein alter Mann schob sein Fahrrad die Kellertreppe hinauf. Wir begrüßten uns freundlich und er erfuhr von seinem neuen Mitbewohner. Und da sagte er: ‚Ich bin ein alter Ossi. Wir sehen das anders.‘ Das war ganz sicher nicht feindlich gemeint. Er wollte offensichtlich erklären, vielleicht sogar rechtfertigen, dass er die Welt anders sieht. Aber es sind dreißig Jahre seit der Wiedervereinigung vergangen, und sein Alter erlaubt die Verwendung des Begriffs der Wiedervereinigung. Aber weshalb hat er mich, obwohl ich es zweimal erklärte: auch ich bin ein alter Ossi, nicht als Ossi – ich verabscheue das Wort – anerkannt? Er hat mich ikonografisch aus seiner Welt ausgeschlossen. Wieso beharren wir weiter und immer weiter auf unseren möglichen Differenzen, die von Äußerlichkeiten geprägt, statt auf unseren Gemeinsamkeiten, die unser wahrer Charakter sind? Es ist übrigens bei jedem Menschen so, dass lediglich sein Gesicht ihn mit seiner Vergangenheit verbindet. Das Angesicht schleppt er sein ganzes Leben mit sich, aber die Hintergründe, ob es das Schweriner Schloss oder Konstanz am Bodensee, Berlin-Kreuzberg oder die Prenzlauer Plattenbausiedlung ist, ändern sich und sind unser Jetzt und Heute. Das Angesicht ist also die einzige Schnittstelle (only face is interface).

Auch wenn er – das unterstellen wir einmal – sein ganzes Leben in dieser Plattenbausiedlung zubrachte, ist nur sein Gesicht gleichgeblieben. Wenn er, falls er gedanklich noch im alten Osten (‚alter Ossi‘) lebt, muss ihm Kaufland als Paradies vorkommen. Wir können ihm keine Ratschläge geben, aber wir denken eher über Auswege aus dem Überfluss und der Plastik- und Wegwerfwelt statt über Wege in die Isolation von Mauern und Vorurteilen nach. Vielleicht sollten wir das einmal im Kaufland oder Neukauf, Real, Marktkauf, Penny oder Netto an den Notausgang schreiben.

3

Am Ende der Woche betrat ich die wunderschöne, von Friedrich August Stüler erbaute und von Volkmar Haase*** außen mit einem Stahlaltar geschmückte Matthäuskirche im Berliner Kulturforum. Es war gerade eine Andacht, aber eine sehr nette ältere Frau empfing mich freundlich und sagte mir, dass ‚das hier‘ gleich zuende sei und ich mich für wenige Minuten setzen könne. Woher wusste sie, dass ich mir die eigenartigste Ausstellung der merkwürdig überrealistischen Bilder von Norbert Bisky ansehen und nicht die Andacht hören wollte? Sie hat mich ikonografisch erkannt. Bis auf eine Ausnahme, das Bild mit dem neugeborenen Baby, das hinter dem Steinaltar hängt, sind alle Bilder an der Holzdecke der Kirche angebracht. Einige Spiegel verhelfen zu Einsichten. Überall liegen Fern- und Operngläser herum. Bisky, den einige zu den bedeutendsten Malern der Gegenwart zählen, den man gut mit Neo Rauch vergleichen kann, der wie dieser ein noch nicht so alter Ossi ist, malt die neue Welt mit den Mitteln der alten: das sieht aus wie sozialistischer Realismus, aber die Gegenstände stammen alle von heute. Was der alte Ossi in seiner Plattenbausiedlung nicht schafft, realisiert der realistische Maler: er verwendet die damals euphemistische, übertriebene Freundlichkeit einer eigentlich grauen Welt, um die Probleme der heutigen Welt freundlicher zu sehen, als sie dem einen oder anderen erscheinen mögen. Und damit erklärt er sich nicht selbst zum Realisten, sondern – verstärkt durch die tatsächlichen Spiegel – wird sein Werk zu einem symbolischen Spiegel und zu einer ‚abgekürzten Chronik der Zeit‘, nochmals aus dem Hamlet zitiert.

Aber leben wir nur noch in ikonografischen Gruppen, erkennen uns an Symbolen und Sprechblasen? Es scheint manchmal so, als ob wir unser Leben von außen beobachten würden. Wir bilden uns selbst als Fiktion ab. So sehr die allgegenwärtige und tausendfach kopierte Kunst begrüßenswert ist, so schön es sein mag, jedem Bekannten und vielen Unbekannten in jeder Sekunde den eigenen Seelenzustand mitteilen zu können: zu wenig sehen wir seinen oder ihren Seelenzustand. Wir irren als alter Mann oder als alte Frau in einem Park der freizügigen und allgemeinen Kommunikation ziellos umher. Wenn unser Ziel die Lebensverlängerung ist, was machen wir dann in den letzten dreißig Jahren in den überfüllten Heimen mit unseren zerbrechlichen Rollatoren?

Leider sieht man im Moment ein weiteres Symbol dieser dreifach gespiegelten Symbolwelt: die Weihnachtsmärkte, auf denen man schon lange nichts mehr kaufen will oder muss oder kann, sondern auf die man die überflüssige Zeit und das überflüssige Geld zu Markte trägt, um nichts an Sinn hinzuzugewinnen. Statt mit dem Yesuskind jedes Kind als Neubeginn und Sinnzuwachs zu feiern, raisonnieren wir über den Kinderreichtum der Armen und Migranten, verbreiten Vorurteile über Roma und Afrikaner und schämen uns nicht, selbst keine Kinder und keinen weiteren Sinn – außer Konsum – zu haben.

Ein neues Weihnachten wäre: vom Frieden, den wir machen, auch zu reden, statt in den eigenen Spiegel in das Gesicht des nächsten Menschen zu schauen und mit ihm zu fühlen und an der Bildung der Menschen mit Wort und Tat teilzunehmen.

 

*der gestern (21.12.) 618. Geburtstag hatte und von dem fünf Bilder auch in Berlin zu sehen sind

**Your face is your past, but the background now.

***deutscher Bildhauer in Berlin-Kladow und Brüssow in der Uckermark, 1930-2012

PEACE IS A WAY OF LIFE

 

Friedensnobelpreis für Dr. Abiy Ahmed Ali

Nr. 378

Es gibt immer Kritiker, es gibt immer Besserwisser, es gibt leider immer auch Attentäter. Die absurdeste Kritik an Friedensnobelpreisträger Williy Brandt stammte von Adenauer, Brandt sei nur unehelich. Später haben sie im Wahlkampf ein gentleman agreement gegen solche populistischen Scheinargumente geschlossen.

Auch gegen den Friedensschluss zwischen Äthiopien und Eritrea, die immerhin einen dreißigjährigen Bruderkrieg geführt haben, gibt es Einwände aus der eritreischen Diaspora, aus Äthiopien selbst und – natürlich – aus Europa. Vielfach sind die Einwände nichts als fatalistische Befürchtungen. Niemand kann die Zukunft voraussehen. Tatsache ist, dass Äthiopien im Moment mit 10% nicht nur die höchste Wirtschaftswachstumsrate in Afrika, sondern sogar weltweit hat. Das ist ein Hoffnungsschimmer, nicht das Ende der Armut.

Kooperationen mit Deutschland und China führen allerdings zu Investitionen, die der Armut entgegenwirken werden. Der erste Weg der neuen Kommissionspräsidentin der EU führte zur Afrikanischen Union nach Addis Abebea. Die Hälfte aller Minister in Äthiopien sind junge, promovierte Ministerinnen. Auch der erste äthiopische Milliardär ist eine Milliardärin. Das ist deshalb so wichtig, weil die Rolle der Frau und die Rolle der Traditionen weitgehend parallel verlaufen und die nächsten Generationen mitbestimmen. Es sieht aber ganz so aus, als ob PM Abiy Ahmed eine solche jähe Wendung der Geschichte sein und veranlassen könnte, auf die so viele Menschen in Afrika hoffen. Dagegen spricht, dass er selbst aus dem militärischen und politischen Establishment kommt, das sich gewöhnlich – wenn überhaupt – nur millimeter- und sekundenweise bewegt. Dafür spricht seine Herkunft aus dem größten, aber nicht dominanten Volk der Oromo, während die letzten hundert Jahre unter amharischer Herrschaft standen, in Eritrea unter der Herrschaft der Tigrinya, die in Äthiopien Tigray heißen. Wie in fast allen afrikanischen Ländern gibt es auch in Äthiopien genügend ethnisches Konfliktpotenzial für tausend Kriege. Abiy Ahmed spricht neben seiner Muttersprache Oromo auch amharisch, tigrinisch, französisch und englisch, wovon sich ein illustres Publikum in Oslo überzeugen konnte.

Dagegen gibt es in beiden Ländern keinen Streit zwischen den beiden großen Religionen. Die ersten Christen Äthiopiens stehen in der Bibel*, und die ersten Muslime waren über das Rote Meer geflohen (!) und der Prophet Mohammed selbst lobte die gute Aufnahme und gelobte ewige Freundschaft.

Der letzte Kaiser, Haile Selassie II., sah sich einerseits als zweihundertfünfzigster Nachfolger des legendären Königs Salomon, andererseits als Erneuerer, der sich am Westen, den er gern und viel bereiste, orientierte. Er wurde durch den Major Mengistu Haile Mariam gestürzt und ermordet, der das Land durch seine prokommunistische Politik in die größte Hungerkatastrophe führte, die Afrika seit den biblischen Plagen gesehen hatte. Die Hungerkatastrophe war so verheerend, dass 1984 NATO und Warschauer Pakt und weitere Länder eine gemeinsame Luftbrücke betrieben, die mit ihren Lebensmittellieferungen allerdings nicht verhindern konnte, das mehrere Millionen Menschen verhungerten. Der inzwischen zum General avancierte Mengistu wurde 1989 während eines Staatsbesuchs bei Erich Honecker gestürzt, ebenso wie dieser am Ende seines und unseres Schicksalsjahres. Seitdem brach der bis dahin verdeckt geführte Bürgerkrieg voll aus und endete mit dem Sieg und der Abspaltung des kleinen Eritrea unter Militärdiktator Isaias Afewerki, während in Äthiopien weiter der Hunger und die Zwietracht herrschten, die das Land lähmten, dessen einzige Bewegung der enorme Bevölkerungszuwachs war. Die Geburtenquote Eritreas ist es auch, die den Diktator uns seine greisen Getreuen gelassen bleiben lassen angesichts des massenhaften Exodus der Elite. Eine Million überwiegend junger Menschen ist bereits geflohen.

In seiner Dankesrede für den Nobelpreis (Nobel Lecture) sagte Abiy Ahmed, dass er gemeinsam mit seinem eritreischen Gesprächspartner erkannte, dass die beiden Nationen (!) nicht Feinde seien, sondern Opfer des gemeinsamen Feindes Armut. Die Bedeutung dieser Rede liegt auch darin, dass sie ganz bewusst und  betont an große Reden anderer Weltenlenker anknüpft, hier und an anderen Stellen an die Inaugurationsrede John F. Kennedys von 1961, der dort sogar die drei biblischen Feinde der Menschhheit – Krieg, Hunger und Pest – beschwor.

Er sei überzeugt gewesen, sagte Abiy Ahmed, dass die imaginäre Mauer zwischen ihren beiden Ländern schon längst hätte niedergerissen sein können, Futur II Konjunktiv. Er bezog sich dabei schon von der Wortwahl her (‚tear down‘) auf die berühmteste Rede Ronald Reagans in Berlin. Zum Glück war es zwischen Äthiopien und Eritrea tatsächlich nur eine symbolische Mauer, die von allen eritreischen Flüchtlingen, die ich kenne, bei Nacht überwunden werden konnte. Mehrmals betont er, dass der Friedensschluss zweiseitig ist und nur zweiseitig sein kann, er bezieht den weltweit als Diktator verachteten Afewerki immer mit ein.

Aber nicht nur das, er versucht uns auf einer Gedankenreise mitzunehmen, die von Äthiopien über das Horn von Afrika, das er sich als Füllhorn Ostafrikas wünscht, bis in die weite Welt geht. Von vielen Menschen nicht beachtet, gibt es einen Politikertyp, früher Weltenlenker geheißen, der die Interessen seines Landes mit der Weltperspektive verknüpft. Letztlich kann für ein Land nur gut sein, was für die Welt gut ist. Dabei kann Äthiopien mit seiner absoluten Völkerbuntheit, es werden 80 Sprachen gesprochen, Modell und Vorbild für die ganze Welt sein. Inzwischen, auch das bemerken leider nicht alle, hat fast jedes Volk eine Diaspora, eine auswärtige Minderheit. Viele Äthiopier und Äthiopierinnen leben in den USA, im Libanon und in Israel, viel Eritreer und Eritreerinnen leben in Deutschland (120.000), in Schweden, in Frankreich und Israel. Anstelle von Mauern, ich zitiere wieder den noch jungen ostafrikanischen Politiker Abiy Ahmed, brauchen wir also Brücken der Freundschaft, der Zusammenarbeit und des guten Willens.

Schon in seiner Rede in Davos, in seinem ersten Buch und jetzt auch in der Nobel Lecture vom 10. 12. 2019 in Oslo stellt er eine äthiopische Philosophie vor, die mit dem amharischen Wort Medemer bezeichnet wird und mit dem südafrikanischen Ubuntu verglichen werden kann: ICH BIN, WEIL WIR SIND. Es ist die Verankerung des Einzelwesens in seiner Community und in der Weltgemeinschaft. Kein Mensch, sagt der jüngste Friedensnobelpreisträger, ist eine Insel, aber jeder kann eine Brücke werden. Er hat diese Weisheit des Volkes von seinen Eltern in einer kleinen Oromosiedlung zusammen mit seinen Geschwistern übertragen bekommen und fasst sie – in dieser Rede – zweimal in die alttestamentarische** Form I AM MY BROTHER’S KEEPER, nicht ohne hinzuzufügen: I AM MY SISTER’S KEEPER. Vielleicht ist es so, dass wir diesen Welt- und Zeitgrundsatz vergessen haben, weil wir gar keine Brüder und Schwestern mehr haben. In Deutschland herrscht Pflegenotstand, in Japan bringen sich die steinalten Menschen reihenweise um, überall im Westen und Norden ist der goalkeeper oder sogar der bookkeeper wichtiger als der Bruder- und Schwesternhüter.  Dann erst, wenn wir alle, und allen voran die Philosophen und Politiker, wieder erkannt  – und vielleicht aus Afrika gelernt – haben werden, dass unsere erste menschliche Pflicht und Freude DAS HÜTEN UND BEWAHREN DER MITMENSCHEN ist, wird der Frieden zu einem way of life, zu einer labor of love, wie nicht John Lennon, sondern Abiy Ahmed in Oslo sagte.

Schön ist es, wenn die Preise der Welt auch an Menschen gehen, die der Welt etwas zu sagen haben, die potenzielle Weltenlenker UND Zeitendenker sind, von denen wir alle lesen und lernen können.

Lasst uns alle dieses lernen, aus einer kleinen ostafrikanischen Siedlung in Westäthiopien und aus dem Saal voller Honoratioren in Oslo:

LET’S ALL BE EACH OTHER’S KEEPERS.

*Apostelgeschichte 826

**Genesis 49

VERPASSTE UMVOLKUNG. FUTUR II

 

Nr. 377

Die Argumente, wenn man sie überhaupt als solche zählen will, der neurechten Bewegungen tänzeln nicht nur auf sehr dünnem Eis, sondern werden auch kampagnenmäßig verbreitet, oft auch nicht ganz leise, so als fürchte man, überhört zu werden. Aber es ist ja gerade umgekehrt: große Teile der Medien und mit ihnen der entsprechend größere Teil der Bevölkerung wartet auf die nächste Runde. Zum Beispiel könnte die AfD einen Vorschlag zu einem neuen Rentensystem machen. Der Bismarcksche Generationenvertrag, der die familiäre Obhut ersetzte, geriet durch den demografischen Wandel, den es in allen wohlhabenden Ländern seit etwa hundert Jahren gibt, ins Wanken. Das ist also nicht die Schuld einer aktuellen Bundesregierung. Überhaupt ist die ahistorische Sicht, das Starren auf den Augenblick, ein merkwürdiges Kennzeichen des neurechten Diskurses.

In den allerdings umstrittenen Gesprächen Adolf Hitlers mit dem später abtrünnigen Danziger Senatspräsidenten Rauschnigg heißt es denn auch, dass Hitler sehr wohl bewusst war, dass der Begriff der Rasse aus der Tierzucht stammte und er, Hitler, versuchen würde, dem deutschen Volk eine ahistorische Sicht aufzudrängen. Am meisten verwundert dabei die Verwendung des Begriffes ‚ahistorisch‘, denn bekanntlich hatte sich Hitler in seiner Schulzeit lieber mit Kriegsspielen und Opernpfeifen beschäftigt und seine Bildung später aus antisemitischen Broschüren im Obdachlosenasyl (‚Männerheim‘) nachgeholt.

Statt uns also mit – beispielsweise, denn es gibt noch weit mehr Probleme – einem neuen Rentenmodell zu erfreuen, statt also konstruktive Politik zu betreiben, verdrießt uns die AfD, von NPD und anderen Splittergruppen ganz zu schweigen, mit immer weiteren möglichen Dekonstruktionen. Selbst in der Kommunalpolitik glänzen diese neurechten Gruppen nur durch dekonstruktive Ausfälle. So gibt es Anfragen zu Inzest, Kriminalität und Einwanderung, obwohl das keine der drängenden Probleme unserer Zeit sind.

Die Einwanderer könnten, so wird immer wieder unterstellt, sei es durch ihre fremde Kultur, durch ihre Religion oder durch ihre traditionelle Fortpflanzungshaltung, die deutsche Bevölkerung sozusagen unterwandern, aushebeln und schließlich austauschen. Diese archaische Angst vor dem Verlust der sexuellen Oberhoheit, davon abgesehen, dass sie zutiefst frauenfeindlich ist, entspricht einem alten antisemitischen Stereotyp. Wahrscheinlich ist dieser Stereotyp noch älter und überhaupt xenophob. Es beruht auf einem ganz einfach zu durchschauenden Denkfehler, der bis in den Jugoslawienkrieg hinein als mörderisches Politikelement verwendet wurde. Der Denkfehler besteht in der Umkehrung der weiblichen und männlichen Rolle bei der Fortpflanzung. Eine Frau kann praktisch pro Jahr ein Kind bekommen, theoretisch weicht die Zahl etwas ab. Ein Mann kann in einer Nacht tausend Kinder zeugen. Wenn man also einem Volk durch Nichtfortpflanzung schaden will, muss man die Frauen von der Fortpflanzung fernhalten, nicht die Männer. Da aber dieses biologische Phänomen durch das kulturelle Rollenverständnis des dominanten Mannes überlagert wurde und ohnehin fast nur im männerdominierten Krieg wirksam war, konnte man von den biblischen Zeiten her, dem nordamerikanischen Rassismus, über Himmlers sexuelle Germanisierungsfantasien bis hin zum versuchten Genozid in Bosnien und Ruanda diese schrecklichen ‚Umvolkungs‘pläne und -taten beobachten. Da von neurechter Seit immer wieder auf den Genozid an den Ureinwohnern Amerikas hingewiesen wird, muss man deutlich sagen, dass die Rassisten die Mörder waren, während heute Rassisten versuchen, die Einwanderung zu stoppen. Der Goldschatz der Azteken wurde aus Goldgier und rassistischer Verachtung eingeschmolzen.

Jedoch kann man eine Kultur nicht auslöschen, so wie das Weihnachtslicht der Abglanz aller Lichtkulturen, also aller Kulturen ist. Eine einmal aufgestoßene Tür kann man nicht wieder schließen. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit sieht – alle Jahre wieder, seit 2000 Jahren – das sinusförmige Hin- und Herwanken der Kulturen, das eben kein Kampf im Sinne von clash* ist. Die verschiedenen Kulturen streben zueinander, weil sie den gleichen Kern haben. Alle Versuche der Segregation, der Hierarchie und der Hegemonie im kulturellen Sinn sind daher gescheitert und werden auch weiter scheitern. Globalisierung, wie böse sie auch angefangen haben mag – wir schreiben hier immer: 1444 mit dem ersten Sklavenschiff – ist weder rein wirtschaftlich zu begreifen noch ist sie die Fortführung der alten Politik mit neuen Mitteln. Vielmehr wird Globalisierung die neue Qualität des menschlichen Zusammenlebens sein, wenn es gelingt die Probleme der Menschheit weiter zügig zu lösen. Während die drei Kernprobleme: Krieg, Hunger, Pest fast überwunden sind, tun sich neue Probleme auf, indem viele technische Problemlösungen unabsehbare Kollateralschäden hatten, allen voran das Energieproblem, besonders mit fossilen Brennstoffen.

Der von Spengler** vorausgesagte Untergang des Abendlandes tritt genauso wenig ein wie der immer wieder von den Zeugen Jehovas prognostizierte, zuweilen auch mit Datum versehene Weltuntergang. Beide beruhen auf dem Denkfehler der Definition. Eine Definition hält einen Wissensfluss an und ist demzufolge nur didaktisch wahr, nicht aber wirklich. Sie ist eitel und vergänglich. Aber die Welt ist sozusagen nicht die Definition eines noch so Hegelschen Demiurgs, man kann sie nicht anhalten. Vielmehr wissen wir seit 1862, als Clausius mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ein lineares Welt- und Naturbild decodierte und stattdessen erkannte, dass die energetische Hauptgröße der Natur die Entropie ist: ‚Denn alles, was entsteht. ist wert, dass es zugrunde geht.‘***

Einige Jahre zuvor, 1822, decodierte Champollion die Hieroglyphen und erkannte damit die Banalität des Göttlichen, das man zuvor in jeder Schrift gesehen hatte. Der umgekehrte Vorgang, die Codierung komplexer und immer komplexerer Zusammenhänge und Prozesse in einem banal-dualen Zeichensystem ist die Grundlage dafür, dass sich die Kulturen, die ohnehin aus einem Punkt in Afrika stammen, weiter und schneller einander annähern werden. Ohnehin waren sie nie gegensätzlich, und der ideologisch nicht deformierte Mensch, der früher seltener war als heute, hat das auch immer schon so gesehen.

Von solchen Gedanken ist das ahistorische und detailverliebte Geschwafel der neurechten Argumonteure weit entfernt. Aber selbst ihr selbsternannter Oberschreiber, Spengler, intellektuell weit über Kubitschek und seinesgleichen stehend, singulär auf weiter Flur, ungeheuer belesen und bewundernswert eloquent, konnte nicht aus dem Schatten seiner eigenen ideologischen Beschränktheit treten. Ein fast formelhaft geschnitzter Satz, der daraus seinen Wahrheitsgehalt ziehen zu können glaubte, erweist sich als Bumerang: ‚Die Judengasse‘, schreibt er auf Seite 950, ‚ist der gotischen Stadt um tausend Jahre voraus.‘ Das klingt einleuchtend und objektiv und ist doch nicht nur der Gipfel pseudowissenschaftlicher Verlogenheit, sondern auch eine tragische Verkehrung der Tatsachen. Wenn es tatsächlich ein Voraus und ein Hinterdrein einer linear vorgestellten Geschichte in gut Hegelscher Tradition geben sollte, dann hätte die Schlussfolgerung aus der Spenglerschen Formel heißen müssen: dann lasst uns die vorauseilenden Kenntnisse der Judengasse schnellstmöglich in die gotische Stadt integrieren.

In tausend Jahren werden wir gesehen haben, was aus dem afrikanischen Dorf zu lernen war.

 

*Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations, 1996

**Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1923

***Goethe, Faust I, Vers 1339f.

VERNUNFTVERDROSSENHEIT

Nr. 376

Als wir kleine Kinder waren, erklärten uns unsere Eltern mit Vernunftgründen, warum wir frühzeitig ins Bett gehen sollten. Wir haben es nie eingesehen und später eine gute Mischung aus Rationalem und Irrationalem für uns gefunden. Der eine sieht Fantasy-Filme, der andere zockt, der nächste glaubt an den Weihnachtsmann.

Die Politiker seit den siebziger Jahren erklärten alles mit Vernunft, seit der Wiedervereinigung war sogar die Geschichte selbst vernünftig geworden. Die Welt war in den Fugen und brauchte niemanden, der sie hätte einrichten müssen. Denn der kalte Krieg endete nur mit der Schmach der einen Seite, und das war eigentlich nur die Sowjetunion. Jetzt erst, dreißig Jahre danach, zeigt sich, dass die Schmach des sowjetischen Diktats nachwirkt in dem als Diktat wahrgenommenen europäischen Einigungsprozess. Populisten aller Richtungen betonen immer wieder, dass bei der deutschen und bei der europäischen Vereinigung Fehler gemacht wurden. Es sieht aber eher danach aus, dass es keiner besser wusste. Nach der Tat wissen auch die Narren Rat.

Der rhetorische Tiefpunkt der rationalen und Konsensepoche war die Floskel von der Alternativlosigkeit bestimmter Politikansätze oder Entschlüsse. Es ist jedem klar, dass es immer Alternativen gibt, genauso klar dürfte aber sein, dass Politiker sich immer richtig finden und in eingeübten Floskeln reden. Jeder Mensch muss sich notwendigerweise immer richtig finden, sonst könnte er nicht leben. Die ganze Smalltalk-Welt besteht aus Floskeln. Aber während noch vor vierzig Jahren die Politker nur eingedampft zu hören waren, eingehaust in Nachrichtensendungen vom Tagesschau- und Heuteformat, die Aktuelle Kamera war die Perversion davon, weil sie absoluten Personen- und Thesenkult betrieb, sind die Politiker von heute allgegenwärtig. Die Schnipsel ihrer Satzteile geistern jeweils tagelang durch das Internet. Und die andere Seite der Politik, wir, die Wähler, sind allkompetent geworden wie ein Glasfaserkabel. Vielen Wählern und Medienkonsumenten reicht schon das Stichwort, um alles besser zu wissen. Vor ein paar Wochen hat die Bundesbank ein Rechenmodell vorgelegt, das den Generationenvertrag mit dem Renteneintrittsalter hochrechnete, wohlgemerkt, die Bundesbank, es hätte auch die Bundesbahn gewesen sein können. Es war jedenfalls nicht die Regierung oder eine Regierungskommission, trotzdem schlug die Empörung wieder große Wellen. Wer so kleinteilig denkt, kann die Bedrohung der Menschheit durch den Klimawandel scheinbar nur schwer nachvollziehen.

Die Kohlepoche endete in dieser Politikverdrossenheit, die fortan fast zwanzig Jahre lang beklagt wurde. Die Wähler wandten sich von der Politik ab. Das war aber kein abstrakter, sondern ein sehr konkreter Prozess. Die Wahlbeteiligung sank dramatisch. Die Mitgliederzahlen und die Wahlergebnisse der beiden großen Volksparteien sanken ebenfalls, aber von ihnen nicht bemerkt. Das Konzept der Volksparteien, wenn es jemals gestimmt hat, stimmte nicht mehr. Die alte Zentrumspartei stand zwar auch, schon dem Namen nach, in der Mitte, vertrat aber eindeutig konservative und auch nur katholische Interessen. Schon allein die in Deutschland nie ganz aufgehobene Allianz zwischen Kirche und Staat war in der Zeitspanne des Wirkens der Zentrumspartei rückwärtsgewandt, denn die beiden großen Glaubensgemeinschaften waren schon lange keine Volkskirchen mehr. Die eigentliche Volkspartei war immer die Sozialdemokratie. Allerdings änderte sich seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch der Charakter der Arbeit. Fast unbemerkt verschwand die Arbeiterklasse. Sie stieg zur angeblich verschwindenden Mittelschicht auf oder sank zum neu benannten Prekariat ab.

Wenn das Leben, wie oft beschrieben, ein Fluss ist, so bemerken seine Schiffer zunächst nicht, wann und wie der Strom reißend oder zu flach wird. Die Sandbank stört erst, wenn man aufgefahren ist. Selbst erfahrene Kapitäne, wie der der Titanic, auf der Wilhelm Gustloff waren sogar vier, die alle, entgegen den Grundsätzen und neun Zehnteln der Passagiere überlebten, können nicht in jedem Fall der Katastrophe ausweichen. Die Beherrschung des Sturms und der Wellen durch Yesus auf dem See Genezareth ist entweder Wunschtraum oder Paradigma.

Die Politiker, die diese Zeiten der Umbrüche zu meistern hatten, waren schlechte Kapitäne, die man aber nicht verurteilen kann, weil sie, nicht wie die späteren Populisten meinten, nicht vermeidbare Fehler machten, was nicht heißt, dass es vorher keine Alternativen gegeben hätte. Nur war scheinbar niemand da, der sie gesehen hätte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hat sich am heutigen Sonnabend (30. 11. 2019) eine deutliche Mehrheit von jener Art des Parteiestablishments abgewandt, das über die unvermeidlichen Fehler hinaus einfach an der Macht klebten. Sein Motto war einfach: ‚Solange ich im AUDI A8 sitze, ist die Welt in Ordnung.‘

Die CDU hatte dagegen nie eine Ideologie oder unaustauschbare Wählerschaft. Sie galt jahrzehntelang als reine Wirtschafts-, ehrlicher gesagt Lobbypartei. Sie musste also, das hatte nicht mit dem oder der Vorsitzenden zu tun, immer dem Volk hinterhereilen, um der Wirtschaft – wir meinen das noch nicht einmal negativ – zu dienen. Denn in all diesen Jahren steigerte sich der Wohlstand, wenn auch vielleicht nicht so schnell und vor allem nicht so eindeutig wie das Bruttosozialprodukt. Aus Trotz und jugendlicher Frische hat der damals erst siebzehnjährige König Jigme Singye Wangchuk von Bhutan einem italienischen Jounalisten geantwortet, dass künftig das Bruttonationalglück mehr zählen wird. Damit hat er recht behalten. Volkspartei wäre identisch mit Bruttonationalglück, aber hier klafft die Wunde. Es kann in einer Gesellschaft, in der eine Schulklasse ein halbes Jahr braucht, um das Ziel einer Klassenfahrt zu bestimmen, keine Volkspartei geben, auch keine, die ‚jetzt aber wirklich‘ die Interessen des Volkes vertritt. Und der Grund ist ganz einfach: nach über zweihundert Jahren der Säkularisierung und Urbanisierung gibt es 83 Millionen Individualisten, die sich, wenn es hochkommt, noch in Gruppen ordnen lassen. Das AfD-Geschwafel vom Volk ist der inkompetente Wunschtraum einer Minderheit: an diesem Wochenende würde sie 13% der Wählerstimmen erhalten, die Mehrheit halten im Moment CDU/CSU und Grüne. Dass es die AfD und ihre Schwesterparteien in fast allen europäischen und weiteren Ländern überhaupt gibt, liegt daran, dass doch recht viele Menschen, nachdem sie ihr Vertrauen in Politik und Kirchen aufgegeben haben, das Vertrauen in die Vernunft gleich hinterherschickten. Es scheint ihnen so, als dass manche Ereignisse nicht mehr anders als mit Soros (ehemals Rothschild), Chemtrails, Bevölkerungsaustausch zu erklären sind. Darin bestärkt werden sie von ihren Gruppen im Internet, von ihren Politikern, und von einer Fantasywelt, die auf riesigen Displays überall gegenwärtig ist. Sie verstehen die Welt nicht mehr. SIE VERSTEHEN DIE WELT NICHT MEHR. Und das ist auch schwer, aber gegenwärtig 87% von uns bemühen sich wenigstens darum.

DAS PARADOX DER DEMOKRATIE

Nr. 375

 

Je demokratischer ein Land ist, desto lauter sind die Undemokraten, ja, schlimmer noch desto mehr Undemokraten gibt es. Aber ist das überhaupt ein Paradox? Tatsächlich ist es eine notwendige Folge, aber da wir meist in Evidenzen denken, erscheint es uns nicht nur als Paradox, sondern auch als grobe Ungerechtigkeit. Demokratie setzt Wohlstand voraus, Bildung und Freiheit als Ideal. Aber nicht jeder empfindet seinen Zustand als Wohlstand, viele mögen sogar erinnerungsmäßig in einem vorhergehenden Zustand verharren. Nicht alle haben die Bildung, die sie haben könnten und haben sollten. Wir dürfen nicht vergessen, dass es eine inzwischen in zwei oder drei Generationen fortgesetzte Folge von Sozialhilfe- und Hartzvierempfängerinnen und -empfängern gibt. Bildung ist auch nicht das einzige Ideal unserer Gesellschaft, wenn es auch nicht die krasse Intelligenzverachtung wie in den USA gibt. Schließlich empfinden recht viele Menschen die Freiheit nicht als höchst erstrebenswertes Monopol. Vielmehr glauben viele, dass Verbrechen und Unordnung zunehmen und  führen selbst die Todesstrafe  immer wieder als Argument vor. Das Bauparadox, die Tatsache, dass Großbauten wie der Berliner Flughafen, die Elbphilharmonie Hamburg, der Stuttgarter Bahnhof oder die Oper in Köln neuerdings unter der Last der Normen und Verordnungen zusammenzubrechen drohen, wird der Demokratie angelastet, weil es das früher, als die Demokratie noch nicht so ausgeprägt war, angeblich nicht gegeben hat. Früher gab es auf den Großbaustellen mehr Tote als Verzögerungen.

Vielleicht ist es auch immer wieder schwer, zwischen Systemimmanenz, Politik und Bürokratie zu unterscheiden. Die meisten von uns kommen nicht täglich mit Politik in Kontakt, wohl aber mit Bürokratie. Wer sein Leben nach Strafzetteln und Steuernachzahlungen bemisst, kann auch weder die große Leistung der Bürokratie – im Vergleich zu so vielen chaotischen Ländern – ermessen oder etwa die Richtungsvorgaben der Politik bewerten. Merkwürdigerweise wird von den gegenwärtigen Protestbewegungen und –parteien der angebliche Ordnungsfaktor der chaotischen Länder hervorgehoben. Zum Beispiel wird Saudi-Arabien, ein Land, indem es fast täglich willkürliche Auspeitschungen und Vollstreckungen von Todesurteilen, zudem einen grausamen und dennoch nicht erfolgreichen Krieg gibt, als Vorbild für Grenzkontrollen und Polizeistaatlichkeit erwähnt. Im Iran tobt seit Tagen ein erbitterter Kampf um die wegen der Zahlungsunfähigkeit der Regierung verdoppelten Benzinpreise, schon weit über 100 Tote sind zu beklagen, aber unsere selbst ernannten Realisten sehen darin Stärke und Ordnung.

Andererseits ist es legitim, in einer Demokratie jede Meinung laut und deutlich vorzubringen. In Deutschland sind nur ganz wenige Begriffe und Symbole davon ausgenommen, die man aber auch nicht benötigt, um seine gegenwärtigen Ansichten zu formulieren. Vielmehr gelten Hakenkreuz, Hitlergruß oder Holocaustleugnung als gezielte Provokationen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus schien ein Optimum an Demokratie und Konsens erreicht. Niemand wollte daran denken, dass es Optima nicht geben kann. Wohl kann man etwas optimieren, aber man wird dabei kein Optimum erreichen, weil jeder Zustand ein Vektor ist. Auf dem Gipfel dieser mehr herbeigesehnten als tatsächlichen vorhandenen Konsensgemeinschaft erschien das schöne Buch DAS ENDE DER GESCHICHTE, ein Hegelsches Konstrukt, geschrieben vom Stabschef des Weißen Hauses, Francis Fukuyama. Hegel meinte mit Ende natürlich nicht den Schluss, sondern den Zustand höchsten Glückes, den die Menschheit dann nicht wieder verlassen muss. Hegel passt aber trotzdem sehr gut in unsere Zeit, indem er sowohl als gedanklicher Vater des Marxismus (Linkshegelianismus) wie auch als preußischer Staatsphilosoph (Rechtshegelianismus) gilt, was sich an sich [auch ein Hegelianismus] ausschließt, aber durch seine ideale Konstruktion, dass alles, was wirklich auch vernünftig, und alles, was vernünftig auch wirklich sei, doch zusammengeht. Vernunft, oder besser Verstand und Vorstellungskraft, gleichen tatsächlich den Mangel an Wirklichkeit aus. ‚Der Unwissende ist unfrei‘, schreibt Hegel, ‚denn ihm gegenüber steht eine fremde Welt, … von welcher er abhängt, … ohne dass er sie … gemacht hätte.‘*

Das gilt auch für die Demokratie, von der wir alle abhängen, ohne dass wir sie immer wieder gemacht hätten. Politiker sollten mehr zum Dialog mit ihren Wählern übergehen, etwa so, wie im neunzehnten Jahrhundert in den USA die Präsidentschaftswahlkämpfe veranstaltet wurden. Dabei ist es nicht nötig, den Anteil der direkten Demokratie zu erhöhen, weil damit gleichzeitig die Unübersichtlichkeit zunimmt. Außerdem verdeckt die direkte Demokratie, die Abstimmung vieler über alle Fragen, den Mangel an Beteiligung. So werden die neuen Parteivorsitzenden der SPD in Wirklichkeit nur von zehn Prozent der Mitglieder gewollt sein.

Indes ist das Paradox der Demokratie wie unter ein Lupe durch die neuen Medien verstärkt worden. Die Möglichkeit, alles und jederzeit kommentieren zu können, lässt den eigenen Mangel an Wissen und Denken immer mehr in den Hintergrund treten. Zwar hat es auch im Mittelalter schon den Glauben an Demiurgen und Verschwörungen gegeben, aber sie haben noch lange Zeit gebraucht, um große Wegstrecken zurückzulegen. Vielleicht, aber das ist wirklich nur eine vage Vermutung, bringen immer neue Medien den Glauben an Verschwörungen erneut hervor.

Weltweit, und wir haben es schon oft betont, nimmt, fast möchte man sagen: im Gegensatz zur Monotonie sozialer Medien, die Bildung zu. Fast nirgendwo gibt es Häufungen von gleichermaßen analphabetischen und hungernden Menschen. Diese ungeheure Dynamik des zwanzigsten Jahrhundert, das bekanntlich auch ein Jahrhundert der Zerstörung und des Massenmords war, setzt sich offensichtlich fort, selbst wenn es im Moment beträchtliche Rückschritte durch Autokraten gibt. Repressivmaßnahmen können gegen die Freiheit und gegen die Demokratie eingesetzt werden, nicht aber gegen Bildung. Auch die stärksten Wasserwerfer können einmal gedachte Zusammenhänge nicht mehr aus den Köpfen der Menschen spülen. Die Situation für die Autokraten hat sich enorm verschlechtert, woran sowohl die Bildung als auch die schon sehr weit verbreitete Demokratie schuld sind.

Es klingt immer ein wenig schamanisch oder jedenfalls fatalistisch, wenn man das Leben überhaupt als sinusförmig oder zyklisch erklärt. Der am wenigsten systematische Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts hat gleich das ganze Wort der Ewigkeit mit dem Bade ausgeschüttet: die ewige Wiederkehr des Gleichen, nicht das Aggregat ist ewig, sondern seine Wiederkehr. Nur das individuelle Leben ist endlich, es kennt Wiederholungen, und es lebt in Frieden mit dem Tod, weil es nicht an ihn glaubt.

Jedoch lehnen die Menschen sich nicht zurück und hoffen auf Automatismen, sondern sie gehen auf die Straße oder klappen die Laptops auf:

Je undemokratischer ein Land ist, desto lauter werden die Demokraten.

*Hegel, Ästhetik, Bd. 1, S. 105

DAS KALKUTTA PARADOX

Nr. 374

Polybios, der erst ein griechischer Gelehrter, dann ein römischer Sklave und darauffolgend ein römischer Gelehrter war und demzufolge wohl wusste, dass jeder Zustand ein Vektor ist, beschrieb die Gesellschaften, die sich selbst oft als Höhe- und Endpunkt sehen, als Passagen. Seit es seine Schriften gibt, warnen Befürworter wie Kritiker einer Gesellschaft vor dem Übergang zur Ochlokratie. Und tatsächlich verfällt jede Gesellschaft, je mehr sie sich auf Regeln statt auf selbstbewusste und aufgeklärte Bürger stützt, in einen Zustand der sich selbst verwaltenden Bürokratie. Und aus dieser Gerinnung erwächst der Wille zur Veränderung entweder in die Richtung noch rigiderer Regeln und eines handlungsfähigen Führers oder in die Freiheit des Lernens und Vereinbarens, wobei allerdings jede Handlung vom Willen der Mehrheit bei gleichzeitigem Schutz der Minderheiten abhängt. Daher wirken diese Gesellschaften fast handlungsunfähig, ihre Bewegungen wie in Zeitlupe. Ein Krieg erscheint so gesehen als eine kräftige Vorwärtshandlung, die Installation eines Sozialsystems dagegen wie der Lauf einer Sisyphos-Schnecke. Der Vergleich der Vereinbarung mit dem Deal ist nicht nur eine grobe Verkürzung, sondern geht am Wesen vorbei. Aber auch der Deal will – im besten Fall – eine win-win-Situation. Die Vereinbarung schließt – in ihrem besten Fall – das Verlieren aus.

Möglicherweise entstand die Segregation in der neolithischen Revolution und möglicherweise wird sie in der Bibel mit der Kain-Abel-Geschichte symbolisiert. Solange wir zurückdenken können, und das ist nicht nur die Zeit der Schrift, gibt es diese Abwehr des Fremden, Neuen, Anderen. Das muss nicht der Feind, das kann auch der Aussätzige sein, der Veitstänzer oder der Verlierer. In späterer Zeit mag jede Segregation mit einer ideologischen Vorbereitung einhergehen, aber der Grundimpuls, das Urmotiv ist der Neid, ist die Angst vor dem Verhungern, die auch nicht nachlässt, wenn der allgemeine Wohlstand ein Verhungern gar nicht mehr zulässt. Der Neid scheint sogar noch zuzunehmen. Leider kann man auch noch in einer wohlständigen Gesellschaft verhungern, aber dann wurden die Bedingungen dazu mutwillig herbeigeführt.

Bei dieser Betrachtung übersieht man leicht, dass mit dem Wohlstand und der Freiheit zwar die Probleme nicht nur gelöst werden, sondern auch anwachsen, aber die Wohlfahrt sich ebenfalls steigert. Das heute teils heftig kritisierte Rentensystem wurde eingeführt, als die Relationen der Generationen einen solchen Vertrag zwischen ihnen zuließen: es müssen natürlich mehr Beitragszahler als Rentner vorhanden sein. Wir selbst haben den Vertrag verlassen, den wir jetzt kritisieren.

Wenn nun also fast das ganze zwanzigste Jahrhundert, und in der AfD und anderen rückwärtsgewandten Gruppen erneut in der Gegenwart, vor Gefahren gewarnt wird, die es offensichtlich nicht nur nicht gibt, sondern nicht geben kann, dann wird dieses Urmotiv beschworen und wir können – wie in der Natur – nicht fragen ‚warum‘, sondern nur wozu? Und es scheint fast so, als gäbe es nur ein einziges Motiv für diesen aber- und abermals wiederholten Versuch – und bisher sind sie alle gescheitert -, nämlich, dass es funktioniert. Es gibt immer wieder, vielleicht sogar periodisch, Menschen, die auf solche Führer warten, um von ihnen bestätigt und verführt zu werden.

Immer wieder wird die Aufnahme von Flüchtlingen zum Streitpunkt zwischen denen, deren Führer und Sprecher Angst schüren und jenen, die glauben, dass Barmherzigkeit zur Grundausrüstung des Menschen aller Ecken und Enden der Welt, aller Religionen und Philosophien gehört. Wer also halb Lagos, würde man heute statt Kalkutta sagen, aufnimmt, glauben jene, die an Barmherzigkeit glauben, tut erst einmal das beste: er oder sie ist barmherzig. Natürlich kann jemand, der nicht schwimmen kann, niemanden aus den Fluten des Rheins retten. Aber Deutschland könnte sehr wohl die Hälfte von Lagos, also zehn Millionen Menschen, aufnehmen. Der lange als Experte gefeierte, später als Medien-Scharlatan wohl besser titulierte Autor des inkriminierten Satzes hat Migrationsbewegungen schlecht beobachtet. Wer in den Slums von Kalkutta oder Lagos lebt, hat keine Chance nach Europa zu kommen. Um dem Elend zu entfliehen, bedarf es einiger Intelligenz und Lebenshärte, einer intakten Familie und auch etwas Geld. Der Sinn der Migration bestand selten und besteht auch heute nicht darin, das eigene Leben zu retten oder zu verbessern. Weltweit, vielleicht mit Ausnahme von Europa, Japan und Nordamerika, wird noch in Familienkategorien gedacht. Die Situation der Gesamtfamilie verbessert sich durch das Familienmitglied, das es nach Nordamerika oder Europa geschafft hat. Aber auch die Situation des Gastlandes verbessert sich, allerdings nicht gleich nach Eintreffen des Migranten. In Israel kann der Flüchtling sofort, ohne Sprach- und Integrationskurse arbeiten. Im Libanon gibt es vor allem sehr viele weibliche Flüchtlinge, die in sklavenähnlichen Verhältnissen leben [siehe Blog Nr. 329  ‚Kapernaum‘]. Wen wundert es, dass man in Deutschland als Flüchtling, damit man die Chance hat, Neubürger zu werden, eine menschenwürdige Unterkunft bekommt, Sprach- und Integrationskurse besuchen und sich eine Ausbildung oder Arbeit suchen muss.  Wer also halb Kalkutta oder halb Lagos aufnimmt verbessert in jedem Fall – sogar berechenbar – die Gesamtsituation der Welt. Das ist seit sehr langer Zeit wohlbekannt.

Die andere Seite ist noch interessanter, weil quantitativ größer und qualitativ bedeutender: Wer glaubt, dass er von masseneingewanderten Slumbewohnern selbst zum Slumbewohner wird, der hat, leger gesagt, nicht alle Tassen im Schrank. Selbst die zehn Millionen Menschen aus Lagos, die nicht kommen können, könnten unseren überdimensionierten Reichtum nicht aufessen. Bedenken wir bitte dazu nur drei Zahlen: ein Kalb kostet bei uns im Moment weniger als ein Kanarienvogel (unter 9 €), wir schreddern pro Jahr 50 Millionen männliche Küken und wir werfen elf Millionen Tonnen Lebensmittel weg. Die nächste Gefahr nach den Slumbewohnern, auch von Scholl-Latour geschürt, ist der Islam. Es gibt nichts weniger als den Islam. Es ist die zerstrittenste Religionsgruppe. Der politische Islam ist praktisch zerfallen, selbst seine bisher hochpotenten und natürlich rivalisierenden Protagonisten, Saudi-Arabien und Iran, sind am Erliegen. Es mangelt ihnen an Geld, unfassbar. Ein islamistischer und gleichzeitig militaristischer Diktator, Generalmajor Dr. Omar Al Bashir im Sudan, wurde von seinem Volk gestürzt und die Militärclique, die ihn beerben wollte, in wenigen Tagen zum Einlenken gezwungen. Der politische Islam ist weiter unberechenbar, aber so gut wie unwirksam. Es ist schrecklich, was in einigen Ländern geschieht, in Niger herrscht der Hunger, in Nigeria das Chaos, aber gefährlich für uns ist da nichts. Gegen den islamistischen Terror in Mali reichen einige wenige französische Miragebomber und die dazu passende deutsche Logistik. Selbst das Hocharabische, als gemeinsame Sprache und religiöse Klammer, verfällt zugunsten nationaler Dialekte. Die gesamte arabisch-islamische Region ist arm, zerstritten und unfähig.

China kann mit seiner merkwürdigen Kombination aus Liverpoolkapitalismus und kommunistischer Einpartei- und Einmannherrschaft nicht gewinnen. Es wird zusammenbrechen. Nach wie vor exportiert Deutschland mit knapp 40 Millionen Arbeitskräften gerade einmal ein Drittel weniger als China mit mindestens 600 Millionen Arbeitskräften (1.560:2.487 Milliarden US-$).

Weder aus unserem Wertesystem, das noch grundlegender ist als unsere Verfassungen, noch durch Gefahren aus ärmeren Ländern lässt sich begründen, warum wir unsere endlich gefundenen kombinierten Moral- und Marktvorstellungen ändern sollten, wenn Medienscharlatane den Weltuntergang proklamieren.

DAS PARADOX DER SPRACHE. WORTE.

Nr. 373

 

Fünfundsiebzig Jahre nach dem letzten großen Krieg sprechen die Enkel und Urenkel immer noch die Sprache der Täter, ihrer Ahnen, obwohl sie deren Ziele und Taten verurteilen, ablehnen und schon lange nicht mehr nachvollziehen können. Dabei ist der Streit um den Antisemitismus höchst aktuell, nicht nur, weil es erneut antisemitische Gesinnungen gibt, die Taten ermutigen und erlauben, sondern weil es inzwischen auch andere Menschengruppen in unserer Gesellschaft gibt, die ausgeschlossen und angegriffen werden. Sowohl die Angreifer als auch die Angegriffenen sind kleine Minderheiten, vielleicht deshalb glaubt eine große Mehrheit, schweigen zu dürfen. Den Begriff und die Vorstellung der schweigenden Mehrheit zu Rechtfertigung erfand der irrationale Amtsvorgänger von Trump, Richard M. Nixon, auch Tricky Dick genannt. Nixon hat es mit seinen üblen Tricks nicht geschafft, die amerikanische Gesellschaft zu entdemokratisieren. Man kann optimistisch sein, dass es auch Trump nicht schaffen wird, sicher ist es nicht.

Die Sprache der Täter ist sicher nicht die Ursache für Angriffe auf Menschen, und die meisten europäischen Länder sind in einem Maße sicher und lebenswert, das im Kongo oder in Honduras, wo pro Jahr und auf 100.000 Menschen bezogen achtundfünfzig >Mal mehr Menschen durch Mörderhand sterben, unvorstellbar ist. Trotzdem ist es merkwürdig, dass wir es nicht lassen können, nach Rechtfertigungen für die Untaten unserer Vorväter ausgerechnet bei ihnen selbst, den Tätern zu suchen.

So heißt es noch heute: diese Menschen wurden ‚aus rassischen Gründen‘ ermordet. Vielleicht schleppen wir diese Formulierung schon seit den ersten Nachkriegsjahren mit uns herum, aber das rechtfertigt sie nicht. Es gibt keine ‚rassischen Gründe‘, weil es keine Rassen und keine Gründe gibt, Menschen zu töten. Die Juristen schlagen für dieses Phänomen einen Sammelbegriff vor, nämlich ‚niedere Beweggründe‘, zu den Mordmerkmalen zählen noch das Naziwort ‚Heimtücke‘ und die sehr relative ‚besondere Grausamkeit‘. Aber alle diese Begriffe sind besser als die ‚rassischen Gründe‘, die selbst das Bundespräsidialamt benutzt.

Wenn wir uns in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhundert zurückversetzen, dann sind die damals lebenden Menschen insofern entschuldigt, als dass sie in der Schule lernten, dass es drei verschiedene, auch qualitativ differente menschliche Rassen gibt. Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er im Lexikon nachsieht, um zu überprüfen, ob das, was der Lehrer sagt und an den Schautafeln im Klassenzimmer steht, auch wirklich gut ist. Hätte er jedoch im Meyers Konversationslexikon von 1907 nachgelesen, so hätte er zumindest eine differenziertere Sicht gefunden. Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er in der Bibel nachliest, ob das, was seine Lehrer sagen, wenn schon nicht wissenschaftlich haltbar, so doch moralisch unanfechtbar ist. Weder im alten noch im neuen Testament gibt es ausdrückliche Segregation. Der Satz des Kain ‚Soll ich meines Bruders Hüter sein‘ bezieht sich zwar in der Geschichte auf einen leiblichen Bruder, aber die Geschichte steht symbolisch für die neolithische Revolution, meint also den jetzt gefährdeteren Mitmenschen. Yesus hat nicht nur alle Menschen, die er kannte, für gleich erachtet, sondern Gleichnisse dafür geliefert, so das vom barmherzigen Samaritaner, das einem ganzen Berufungszweig den Namen gab (Samariter), oder das von der Ehebrecherin, in dem er sich zu einem der größten Sätze der Moralgeschichte aufschwang.

Die ständige Betonung der Herkunft ändert nichts an der in allen Religionen und Philosophien betonten Gleichheit der Menschen. Die Menschen unterscheiden sich, ‚nur von Seiten ihrer gründe nicht‘, könnte man einen der großen Gedanken der Aufklärung hier anwenden. Was ist die Form einer Nase (oder was Sie wollen) gegen einen Gedanken oder gegen die seit altersher überlieferte Gastfreundschaft. Diese Gastfreundschaft ist doch die freundliche Aufnahme eines unbekannten Menschen auf die Vermutung und Gewissheit hin, dass er ein Mensch wie du und ich ist. Der urbane Mensch hat diese Spontanfreundschaft auch auf domestizierte Tiere übertragen. Erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das Kindchenschema entdeckt. Jetzt wissen wir, dass die böse Wölfin unser Baby versorgt, das wir im Wald liegenließen.

Die Betonung der Herkunft dient sehr oft als Rechtfertigung für das Böse. Deshalb ist es nicht besonders praktikabel, dass wir zwar das Wort ‚Rasse‘ geächtet, ‚Rassismus‘ aber beibehalten haben. Den Gebrauch der Worte kann man nur schwer ändern, das ändert nichts an der Weisheit des Laotse, dass das Übel in den Worten seinen Ursprung hat. Mein Vorschlag für die Ablösung von ‚Rassismus‘ ist das etwas sperrige Segregation, das sowohl im anglophonen Raum als auch in der Wissenschaft schon lange verwendet wird. Für das Gegenteil, die empathische Gleichstellung aller Menschen, die oft mit der Zerschlagung ihrer Ketten einherging, bietet sich das historische Wort Abolitionismus an, das man englisch und lateinisch aussprechen kann und das ursprünglich die Befreiung der Sklaven meinte, dann aber überhaupt die Befreiung der Menschen. Man ist noch lange nicht frei, lässt Lessing sagen, wenn man seiner Ketten spottet.

Nicht ganz so grundlegend ist die sprachliche Rechtfertigung des Krieges, weil Krieg oder nicht Krieg nicht so sehr vom Willen des einzelnen abhängt wie die Diskriminierung anderer Menschen. Der zweite Weltkrieg, hier oft wörtlich zu verstehen als der letzte große Krieg, wird von der Seite des Angreifers her einmütig missbilligt, bis auf ein paar Neonazis auch von den meisten Deutschen.  Trotzdem kann man beiläufig lesen, dass jemand am ‚Polenfeldzug‘ teilgenommen hat, das ist die euphemistische Nazibezeichnung für den Überfall auf unser Nachbarland, für den das schon erwähnte Wort ‚Heimtücke‘ besonders zutrifft, weil mit dem gefakten Überfall auf den Sender Gleiwitz ein Rechtfertigungsgrund geschaffen worden war: Seit fünf Uhr, sagte Hitler im Reichstag, wir ZURÜCKgeschossen. In den lexikalischen Biografien der Nazigeneräle stehen übrigens minutiös alle Auszeichnungen und Orden aufgelistet, die sie bekanntermaßen für gigantische und monströse Untaten erhielten. Hier dürfte die Grabsteinfrage WARUM? angebracht sein, denn diese Praxis könnten wir ganz leicht ändern. So schön das Wort ‚Heeresluftschifffahrt‘ auch sein mag, es bezeichnete eine ebenso grausige Tatsache wie das vom Schlachten herkommende Wort Schlacht. Und übrigens dauerte der Krieg gegen Polen keinesfalls nur siebzehn Tage, wie die Nazipropaganda bis heute glauben machen will. Polnische Einheiten kämpften auch in der Befreiung von Berlin mit, die nicht nur die letzte große Schlacht des zweiten Weltkrieges, sondern der Menschheit war.

Aber auch den Siegesfeiern etwa in Russland, Frankreich und Kanada, so verständlich und berechtigt die Freude über den Sieg auch ist, haftet ein Quäntchen Nostalgie des Krieges, der Uniformen, Orden und nicht zuletzt Waffen überhaupt an. Es ist viel schwerer auf eine berechtigte Siegesfeier zu verzichten, als auf der Rechtfertigung eines noch dazu unsinnigen und heimtückischen Angriffs zu bestehen. Die Gleichberechtigung der Nationen, die den Krieg begonnen und die ihn gewonnen haben, wäre durch den Verzicht auf Waffen wiederhergestellt, und zwar auf die menschlichste und religiöseste Weise, die überhaupt denkbar ist.

Die Herstellung und der Verkauf von Waffen ist nicht die Ursache des Streits, wohl aber die Verlängerung eines äußerst falschen, in das Grunddilemma des Lebens führenden und immer kontraproduktiven Versuchs der Konfliktlösung.

Der Grundimpetus menschlichen Daseins ist die Fürsorge, und die Freude sollte ihr ständiger Begleiter sein. Für beide braucht man keine Waffen, auch nicht als Metapher.