AUCH MIT DEN STEINEN

 

Achter Hauptsatz

Auch mit den Steinen

die einem in den Weg gelegt werden

kann man Schönes bauen

Goethe

 

Nr. 269

Der Zorn ist groß: wie die Ameisen finden wir unsere Wege verstellt. Der große Baumeister will uns prüfen, ist eine der gängigen Erklärungen. Und wer will nicht Prüfungen bestehen? Man braucht ein ganzes Leben, um herauszufinden, dass das Leben selbst die Prüfung ist. Sodann gibt es natürlich den Zufall: da wo wir gehen, geht schon jemand anders. Man kann sich einigen oder sich aus dem Weg räumen. schließlich aber, und das ist der Grund, warum wir uns von fremden Mächten eher verfolgt als geborgen fühlen, schließlich glauben wir oft, dass es jemand oder etwas direkt darauf angelegt hat, uns zu stören. Denn wir wissen, als wir ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen waren, haben wir gottgleich im warmen Sand gesessen und Ameisen und Käfern Wege versperrt. Einer Ameise kann man übrigens keinen Weg versperren. Ihre Navigation ist untrüglich, sie lässt sich weder durch Hindernisse noch durch übergroße Lasten aufhalten. Man könnte sie mit einem Menschen vergleichen, der mit einem Klavier auf der Schulter geradewegs durch eine Kleinstadt geht: geradewegs, über Häuser, Bäume und Mitbewohner.

Die Schubkraft des Zorns ist groß. Wir wollen nicht verletzt oder aufgehalten werden, weil wir aus einem ganz einfachen Grund glauben müssen, dass wir Recht haben, dass unser Weg der richtige ist, und dieser einzige Grund ist, dass er unsere einzige Möglichkeit ist, unserem Leben einen Sinn zu geben. Das ist gleichzeitig der fragilste Grund, den es geben kann, denn für die meisten von uns gibt es keinen Sinn, trotzdem müssen wir ihn uns einreden oder einreden lassen. Es ist auch keinesfalls etwa eine Frage des bloßen Willens, den Weg trotz Hindernissen weiterzugehen. Es fehlt vielen Menschen tatsächlich an Kraft und an Navigation. Es gibt dafür die Gruppe und die Gruppentherapie.

Aber zuletzt ist es doch immer am besten, wenn man den Weg selber gefunden, die Steine selbst aus dem Weg geräumt hat. Es geht nicht nur um die Ergebnisse, die von außen zu sehen sind: wir sind angekommen, wir haben eine Mission erfüllt. Es geht vor allem um unsere eigene Stärkung. Wir gehen aus dem Abenteuer, aus der Unternehmung kräftiger hervor, als wir hineingegagngen sind. So haben viele Religionen Prüfungen für ihre Angehörigen, wie zum Beispiel den Fastenmonat Ramadan. Es besteht die halbe alte Weltliteratur aus den Geschichten von Helden, die auszogen, um wiederzukommen. Aber auch die Trägodien handeln von Steinen im Weg: die nicht überwunden wurden. Vielleicht brauchen wir die Hälfte unserer Zeit zur Auffrischung unserer Kräfte: wenn wir jung sind durch Geschichten und Ablenkung, wenn wir alt sind, durch Schlaf und Hinlenkung.

Das beste jedenfalls, was man aus seinem Zorn machen kann, ist Kraft. Zorn vergeht zwar auch von allein, aber das dauert sehr lange und verbraucht sehr viel Kraft.

Sodann gibt es durch die Steine, die uns in den Weg gelegt werden, neues Material. Das kann man sich ganz bildlich vorstellen. Aber es ist oft nicht das eigentliche Material, das uns fehlt, sondern die Verknüpfung. Ein Weg, den wir schon oft gegangen sind, erhält eine neue Perspektive. Ein Weggefährte, den wir schon lange kennen, wird vom Freund zum Helfer, vom Helfer zum Retter, vom Retter zum Gott. Leider geht das auch oft umgekehrt. Deshalb brauchen wir den Trost und die Richtschnur, dass aus jedem Stein etwas zu machen sei.

Ein heiterer Trotz ist ist eine wunderbare Folge der Steine, die uns scheinbar oder wirklich in den Weg gelegt werden. Rache, Zorn oder gar still in sich gekehrte Wut und Resignation, das sind alles selbstzerstörerische Kräfte. Selbst wer es geschafft hat, seinen Nachbarn, der ihn zerstören wollte, zu zerstören, findet sich selbst am Boden, mindestens mit seinem Gewissen. Trotz zeugt von Eigenwillen und Selbstbehauptungskraft, Heiterkeit ist zusammen mit ihrer Schwester, der Freundlichkeit, der Wohlfühlkatalysator und die beste Umgangsform.

Auch mit der besten Laune hingegen ist noch kein Haus gebaut, wenn nicht Kreativität und Konstruktion hinzutreten.

Wir würden viel weniger über uns und unsere Steine grübeln, wenn es uns gelänge, uns immer in kreativen und konstruktiven Prozessen zu befinden. Wenn wir also, statt zu glauben, dass wir einen Weg nur gehen müssen, an seinem Rand Bäume pflanzen und Häuser bauen würden. Viele Lehren der Vergangenheit beziehen sich auf einen existenziellen Lebenskampf oder sogar Lebenskrampf. Dagegen könnte ein Großteil der Menschheit längst aufhören zu glauben, dass das Leben nur dazu da ist, das Leben zu erhalten. Man kann, ohne selbstlos sein zu müssen, für andere wirken. Endlich haben wir die Zeit und das Geld und die Kraft, nicht nur ein Haus zu bauen und einen Nutzgarten anzulegen, sondern ein Labyrinth daneben zu stellen, einen Rosengarten, der andere erfreut. Wir können für andere schreiben, für uns und andere singen oder rappen. Flohmärkte schärfen den Blick für das Vergangene. Feuerwehren erzeugen Mut und Entschlusskraft. Integrationsvereine zeigen uns, dass das Fremde machbar ist. Das Internet ist keine bittere Last, sondern eine Möglichkeit, die man auch immer wieder abschalten kann, so wie man sich selber abschaltet, wenn man es anschaltet.

Natürlich gibt es wirkliche Schwierigkeiten, Krankheiten, Schicksalsschläge. Aber das meiste, was uns aufhält, ist Angst vor dem Neuen. Deshalb machen wir aus den Steinen im Weg Dämonen. Sie hießen früher Vampire oder Teufel, heute Sachzwang und Datenklau.

Statt das zu glauben, sollte man lieber heiter seinen Weg gehen. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg, der für uns bestimmt ist, den wir finden müssen, den wir freiräumen von gefallenen Steinen und Menschen. Diese Sicht hindert ganz bestimmt nicht, Häuser und überhaupt Schönes zu bauen.

Auch die Tradition in uns ist nicht unüberwindlich. Sie ist ein Stein, den wir oft nicht erkennen oder sogar nicht erkennen können, der uns mitgegeben wurde, um mit ihm unterzugehen oder mit ihm wegzufliegen.

Ab heute wollen wir die Steine besingen, die uns im Weg liegen, fröhlich lächeln, wenn etwas nicht nach Plan geht, uns freuen, wenn etwas Unerwartetes passiert, nach links sehen, wo wir bisher immer rechts das Böse vermutet haben, über irische Segenswünsche nicht mehr lachen und selbst die Lokalzeitung als einen Blickwinkel wahrnehmen.

EXKURS: Katastrophen

Am 1. November 1755 zerstörte ein Erdbeben, ein Tsunami und ein daraus folgender Großbrand Lissabon, die Hauptstadt eines Weltreiches und des Katholizismus. Sechs Minuten Katastrophe töteten 100.000 Menschen, zerstörten 85% der Wohngebäude und den hundertprozentigen Glauben an das alleinige Wirken eines allgütigen Gottes. der Pragmatismus der Aufklärung fand seinen Ausdruck in dem berühmten Satz des Ministerpräsidenten: ‚Und nun? Beerdigt die Toten und ernährt die Lebenden.‘ Das war die Geburtsstunde des Widerstands gegen religiösen Fatalismus, der Beginn der Aufklärung. Auch die Seismologie und die wissenschaftlichen Umfragen nahmen durch die Initiativen des Marques de Pombal, jenes denkwürdigen Ministerpräsidenten, hier ihren Anfang.

Am Nikolaustag des Jahres 1917, während in Europa die Urkatastrophe des bösen zwanzigsten Jahrhunderts wie ein Stummfilm, wie eine in die Tat umgesetzte Ballade Strophe für Strophe ablief, erschütterte die gewaltigste bis dahin von Menschen erzeugte Explosion die kanadische Kleinstadt Halifax. Zwei Schiffe mit tödlichen Ladungen kollidierten und töteten tatsächlich knapp 2000 Menschen. Zahlreiche Häuser und Straßen wurden zerstört. Ein Bahnbeamter warnte einen einfahrenden Zug und rettete 300 Menschenleben, wusste aber, dass das seine letzten Worte waren. Die beginnenden Aufräumarbeiten wurden durch eine Blizzard behindert. Ein Welle der Solidarität der Wohltätigkeit breitete sich über der Stadt aus. Sogar die Fremdheit zwischen evangelischen und katholischen Menschen wurde, nicht durch die Toleranzaufforderungen der Bibel, sondern durch dieses katastrophale Großereignis aufgehoben.

Von 1933 bis 1945 herrschten in Deutschland, von 1924 bis 1953 in der Sowjetunion Schreckensregime mit vielen Millionen Toten. Zurecht wird immer wieder daran erinnert, wie Menschlichkeit durch unerlaubte und völlig sinnlose Klassifizierung zeitweilig aufgehoben werden kann. Sowohl in den deutschen Konzentrationslagern als auch in den russischen GULAGs töteten Menschen ihre Mitmenschen, weil sie der Propaganda glaubten, dass es keine Mitmenschen wären. Demografisch hatten diese beiden Schreckensregime allerdings keine Auswirkungen. In dem Jahrhundert des Massenmords verdoppelte sich die Zahl der Menschen zweimal: von zwei auf vier und von drei auf sechs Milliarden Menschen. Und obwohl das wieder Angst und Hysterie auslöste, konnten die Demokratie, die Bildung und die Globalisierung nicht mehr aufgehalten werden. Die Globalisierung zeigt sich einerseits als Bewegung von Gedanken und Dingen, also Waren, andererseits als Migration. Nie war Kants Satz wahrer, dass im Reich der Zwecke alles entweder einen Preis oder eine Würde habe, als im Jahrhundert des Schreckens und des Aufblühens.

Während viele Menschen 1989 als den Schlusspunkt von Tyrannei und Krieg gesehen haben, zeigt sich keine dreißig Jahre später mit dem Aufkommen des Rechtspopulismus eine ernste Krise. Wer diese Krise als Katastrophe sieht, sollte bedenken, dass am Emde dieser Phase dann ein neuer Schub von Demokratie, Bildung und Pazifismus kommen wird.

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FRAG NICHT

 

Nr. 268

Siebter Hauptsatz

Ask not what your country can do for you

Ask what you can do for your country   

Kennedy

 

Der zweitberühmteste Satz von Kennedy spricht nicht dafür, dass das Verhältnis der Bürger zum Staat in Amerika sich so sehr von dem der Deutschen unterscheidet. Vielmehr scheint es das Erbe der Aufklärung zu sein, den Staat, dessen Souverän man selber ist, zu lieben und zu überschätzen. (Überschätzt man nicht alles, was man liebt, und unterschätzt man nicht, was man nicht liebt?). Zwar ist die alte Steuerangst uns geblieben, die Angst, die Steuern könnten nur den Regierenden nutzen, und sie wird geschürt, wenn ein großer Tanklaster mit der Aufschrift Bundesbranntweinmonopol als friderizianisches Fossil durch die Straßen rollt, aber auf der anderen Seite wird die vormals plakative Fürsorge mehr oder weniger korrupter und selbstherrlicher Souveräne, nun als wirkliche Fürsorge des Staates wohl angenommen. Dass wir sie weniger den Aufklärern als vielmehr einem scheinbar so unaufgeklärten, will sagen despotischen Kanzler, der das Parlament verachtete, verdanken,  trägt zu ihrer Widersprüchlichkeit bei. Fürsorge ist immer widersprüchlich, weil man viel zu sehr über ihre Motive spekuliert als ihre Segnungen zu schätzen weiß und danach trachtet, ihrem Einfluss zu entfliehen. Das gute soll man immer tun und annehmen, ganz ungeachtet seiner Motive.

Man könnte dieses beschriebene Phänomen auch die uterale Staatsfunktion nennen. Das Elend und der Hunger, die noch bis ins neunzehnte Jahrhundert die bestimmenden gesellschaftlichen Bedingungen waren und in Kennedys Inauguralrede zu den vier Feinden der Menschen gezählt werden, Hunger und Elend sind durch staatliche Fürsorge bekämpfbar und auch erfolgreich bekämpft. Dadurch entsteht jedoch eine neue Bevölkerungsschicht, die ohne den uteralen Schirm des Staates nicht mehr existieren kann. Und es entsteht eine Verwaltungshierarchie, die die ohnehin beschlossenen Wohltaten des Staates wie Gnadenakte vormaliger Souveräne verteilt. Dadurch wird durch die Lösung eines elementaren Problems gerade das alte Staatsverständnis des sich bereichernden, korrupten und selbstherrlichen Führertums am Leben gehalten. Würde dadurch nur der selbstwert der linken Partei gestärkt, so wäre das hinnehmbar, ja sogar durch die Stärkung der Opposition der Demokratie förderlich. Aber es entsteht auch eine subproletarische Schicht, die, da sie noch nicht einmal ihren eigenen Unterhalt sichern kann, ganz auf Konsumtion orientiert ist. Ihre Würde wird also gleich zweifach angegriffen: durch ihre Abhängigkeit von der staatlichen Versorgung wie vom eigenen maßlosen Konsumtionsstreben. Maßlos ist es deshalb, weil die Werbung sich an einen Durchschnitt wendet (Haribo-Effekt), nicht speziell an die Gruppe mit dem wenigsten Geld, die aber weil sie immer noch zuviel Geld und noch mehr Zeit, aber zu wenig Sinn hat, ein Maximum an Werbung aufnehmen kann.

Alle Lösungen sind dilemmatisch. Es muss uns also nicht wundern, dass wir zwar eines der größten Probleme der Menschheit gelöst, nämlich die Teilnahme aller am Markt, aber dabei neue mentale und ökonomische  Probleme geschaffen haben. Es ist auch zu bezweifeln, dass die von uns im Moment favorisierte Lösung langfristig ökonomisch haltbar ist.

Hier nun setzt erstaunlicherweise der frühe Satz kennedys ein. Er bringt jenen Gedanken auf eine formelhafte Prägnanz, der das Denken der Menschen von altersher beschäftigt: das Paradox von nehmen und geben. Eine Gemeinschaft, hier Land genannt, kann nur durch die Aktivität ihrer Mitglieder bestehen. Vielleicht sind alle Paradiesvorstellungen Wunschwahn ewigen Nehmens, Tatsache ist, dass geben weitaus befriedigender als nehmen ist, was auch die alten Schriften schon wissen.

Wo zwei oder drei Menschen zusammen sind, entsteht sofort so etwas wie Gemeinschaftsgeist. Noch jede Religion und Ideologie hat das als nur für sie typisch erklärt. Einzelgänger sind Genies oder Verbrecher.

Wir vermuten hinter jedem Verbrechen Talent, Sinn und Gewinn.

Wir vermuten hinter jedem Talent Verbrechen, Sinn und Gewinn.

Wir vermuten hinter jedem Sinn Verbrechen, Talent und Gewinn.

Wir vermuten hinter jedem Gewinn Verbrechen, Talent und Sinn.

 

Dieser Gemeinschaftsgeist, mag er nun aus der instinktiven Welt herüber gerettet, mag er – im Gegenteil – Frucht der Transzendenz, hier wieder himmlischen oder irdischen Ursprungs sein, dieser Gemeinschaftsgeist ist das Bindemittel der Gemeinschaft. Das ist keine Tautologie, sondern das immer gleiche Paradox: wo gegeben wird, kann auch genommen werden. Der Gemeinschaftsgeist entsteht aus dem Zusammensein und er erhält es auch gleichzeitig. Alle Lebewesen sind ganz selbstverständlich auf diese Kooperation angewiesen. Die Konkurrenz ist übrigens der Komplementär, nicht der Gegner der Kooperation. Wir brauchen das Bindemittel, den Konsumtionsfonds natürlich genauso wie den Katalysator. Er war es auch, der all diese Probleme der Menschheit gelöst hat. Zwar hat es Opfer gegeben, aber die Menschheit hat entgegen aller Voraussagen der sich selbst so nennenden Realisten überlebt.

Auch das reine Nehmen ist in einer als Arbeitsteilung verstandenen Menschenwelt erlaubt: für Kinder und solche Behinderten, die sich nicht selbst erhalten können. Sie sind aber nur von der Frage befreit ‚Was kannst du für dein Land tun?‘, nicht von der Antwort. Die Antwort ist schon gegeben: wer für Behinderte sorgen kann, ist stärker als derjenige, der sich gerade mal selbst behilft. Er stärkt nachweislich nicht nur die Kraft der Gemeinschaft, das wäre schon viel, sondern auch seine eigene. So gesehen sind Behinderte, entgegen ihrer eigenen Sicht, auch ein Katalysator der Gesellschaft.

Für Kinder gilt im Prinzip das gleiche. Allerdings ist hier der stärkende Aspekt mehr auf die Weltsicht gelegt. Wer mit Kindern umgeht, weiß nicht nur mehr vom Leben, er hat auch mehr vom Leben. Nur wer als Erwachsener in der Konsumstionsstarre verharrt, kann Kinder als Last empfinden. Deshalb – das ist eine Nebensicht unserer Betrachtung – deshalb ist es verkehrte Welt, wollte man, und das wollen immer noch zuviele, in der Schule nur die Weltsicht der Erwachsenen auf die Kinder übertragen. Schule ist eine Transformationsinstitution, die genau so der Verjüngung und Dynamisierung der Gesellschaft wie der Erfahrungsübergabe dient. Wir würden einen Riesenschritt vorankommen, wenn es uns gelänge, das den Kindern zu vermitteln: dass sie in der Schule etwas für uns alle tun, nicht Sätze eingetrichtert bekommen!

Etwas für sein Land zu tun, wie es Kennedy in seiner wunderbaren, wenn auch höchst pathetischen Rede gefordert hat, heißt also zum Beispiel Kinder haben und Kindern folgen. Es heißt, in einem unendlichen Geld-, Güter- und Gedankenkreislauf immer mehr zu geben als zu nehmen. Man sollte das wenigstens als Ziel haben und versuchen. Genauso wichtig ist es aber, die eigenen Beiträge nicht zu unterschätzen. Wer zum Schluss mehr für die Menschheit, also den kleinen Kreis, getan hat, kann niemals die rezente Menschheit, schon gar nicht der kleine Kreis, entscheiden. Wenn man auch meist mehr denkt, als man tut, so kann man doch auch viel mehr tun, als man denkt.

ES GIBT NICHTS GUTES

Nr. 267

Sechster Hauptsatz:

Es gibt nichts Gutes,

außer man tut es.

Erich Kästner

 

 

Dieser bestechend kurze, konsistente und prägnante Satz, der nur aus acht Wörtern in einer symmetrischen Konstruktion besteht, weist uns auf zwei Hauptfehler menschlichen Lebens hin und gibt gleich noch zwei Richtungen für unser moralisches Handeln vor, hat also bei einer minimalen Form ein Maximum an Inhalt. Er kann auch rhetorisch als Vorbild dienen.

I

Zunächst richtet er sich gegen unsere Neigung, anderen die Schuld zu geben und wieder  andere vorzuschieben, weil wir angeblich nicht in der Lage sind, dieses oder jenes zu tun. Nun sind wir ja tatsächlich nicht zu allem fähig. Wir brauchen also die Gemeinschaft, die anderen, um durch die Fährnisse des Lebens zu gelangen und um das Leben, da wo es nicht schwer ist, zu genießen. In eine funktionierende Gemeinschaft kann man aber nur mit Taten eintreten, die anderen helfen oder die andere erfreuen. Auf Dauer nur Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist nur wirklich Hilfsbedürftigen erlaubt und muss ihnen erlaubt bleiben. Daran zeigt sich gerade die Stärke einer Gemeinschaft, wieviel Hilfsbedürftige sie durchzubringen vermag. Merkwürdigerweise ist es nicht eine der großen Religionen, die uns hier die praktikabelste Hilfe an die Hand gibt, sondern es sind die von Lord Baden-Powell gegründeten boy scouts, die die einfachste Spur gelegt haben: wenn du jeden Tag eine gute Tat vollbringst, kannst du nichts falsch machen. Es ist natürlich erlaubt, mehr zu tun, aber man muss sich auch nicht übernehmen. Hielte man sich tatsächlich an die Regel, So würde man im Jahr 365 gute Taten vollbracht haben, im Leben, bei neunzig Lebensjahren, immerhin  32.850 gute Taten.

II

Eine andere Hauptschwäche von uns Menschen ist es, Situationen zu zerreden. Natürlich kann man auch Ereignisse zertun, und das wird auch häufig getan, aber am meisten werden sie zerredet. Wer jetzt daraus einen Angriff auf die Demokratie vermutet, irrt. Denn zunächst ist das Redenkönnen eine große Gabe. Wir interpretieren die Makrowelt und wir deuten die Mikrowelt, wir blicken vor unsere Haustür genau so wie auf andere Kontinente. Mit vermehrter Freizeit und verbesserten kommunikativen Hilfsmitteln können wir unseren Blick erweitern, vertiefen und schärfen. Allerdings liegt hier auch die Gefahr der Verwechslung: mancher hält das Mittel für den Blick, das Medium schon für die Botschaft (MacLuhan). Indem wir reden, können wir Aktionen vortäuschen und imaginieren. Das beruhigt unser Gewissen, aber es ist noch nichts getan. Die Ritualisierung, zu der wir naturgemäß auch neigen, erleichtert uns das wegschauen, die Ausrede: ‚Wir haben zu tun‘. Zur Ritualisierung und zur Überinterpretierung gehört allerdings auch der Alltag. Die Kraft, die unsere Vor- und Nebenfahren in den ärmeren Gegenden und Zeiten für die Nahrungsbeschaffung brauchten, geben wir für Ritualisierung, Verwaltung und Rechtfertigung aus. Das wird sich auch weder ganz vermeiden noch grundsätzlich verbessern lassen, aber wenn wir uns wenigstens beim Zerreden erinnern würden, was wir tun sollten und was wir auch tun wollten, dann wäre schon viel getan. Dieses zerreden kann gemeinschaftlich stattfinden, und dazu bietet die Demokratie, deren Alternativen wir im Moment alle aus gutem Grund ablehnen, einen schönen Nährboden, es kann aber auch ein Zergrübeln im eigenen Kopf sein. So etwas macht krank oder Literatur. Die Mahnung gegen das Zerreden ist also auch ein individuelles Heilmittel.

III

Zu tun haben wir, so suggeriert uns völlig zu recht unser Satz, das Naheliegende, das, was jetzt und hier zu tun ist. Man kann viele Witze darüber machen, was wohl das Richtige sein mag [wenn du an einer Weggabelung stehst, wähle den richtigen Weg], aber das ist auch nur wieder bewusste Fehlinterpretation. Denn sowohl die Menschheitsgeschichte als auch die Geschichten, die großen und kleinen Erzählungen geben uns so viel Beispiele des Guttuns, dass wir in uns ein Navigationssystem zu errichten vermögen, das wir Moral nennen können, Religion, Goldene Regel, guter Pfad, Säulen, Fundamente, die Hauptsache ist, dass wir so oft wie möglich so viel wie möglich Gutes tun. Denn die Male, die wir das Gute nicht getan haben, wo wir es hätten tun können oder sollen, belasten unser Gewissen, die Kehrseite unserer Navigation, so stark, dass diese dann aber auch wieder angetrieben wird. Unser Versagen darf uns nicht vernichten. Wir müssen uns immer wieder und so schnell wie möglich aufrichten. Deshalb ist die Einteilung der Menschen in Gewinner und Verlierer nicht nur falsch und entmutigend, sondern sie würde, konsequent angewandt, uns alle zu Verlierern machen. Viel einfacher und viel erfolgbringender ist es, sich den sechsten Hauptsatz über die Tür zu nageln und sich so oft wie möglich, mindestens aber einmal pro Tag, nach ihm zu richten. Wer das schnell wieder vergisst, sollte sich vom nächsten boyscout, den er etwa auf dem Markt trifft, dessen Halstuch geben lassen und es mit Knoten versehen als Erinnerungsstütze benutzen. [nicht vergessen: für das Halstuch eine Spende zu überweisen!]

IV

Die Arbeitsteilung, der dadurch erreichte Wohlstand, der Sozialstaat, die Spendenfreudigkeit, das alles bringt uns dazu, weniger zu tun. Es reicht für viele und vielleicht für immer mehr, zu gaffen, zu konsumieren, zu lamentieren, glaubt man. Denn blickt man in die alten Bücher, dann liest man dort die gleichen Klagen. Es liegt also in der Natur des Menschen, tun vorzutäuschen, Täter zu verurteilen, über die Untaten der anderen herzuziehen, das eigene Nichttun zu verharmlosen und zu rechtfertigen, sich in der Masse der Nichttäter oder gar Untäter zu verstecken, mit den Achseln zu zucken, sich zu ducken anstatt sich zu recken. Solange wir reflektieren, reflektieren wir auch darüber.

Wie freuen wir uns, wenn jemand zu uns sagt: dich schickt der Himmel. Also sollten wir doch versuchen, immer so zu handeln, als schickte uns tatsächlich der Himmel, das Gute, das Richtige, das Notwendige. Natürlich sind dabei viele falsche Wege, Rückschläge und Fehler möglich. Bei deren Analyse darf man sich auf keinen Fall so lange aufhalten, dass man die nächste Tat verpasst, nicht die nächste mögliche, sondern die nächste notwendige, für uns unumgängliche. Aber man muss, auf der anderen Seite, nicht suchen. Es gibt so viel zu tuendes, dass man fast willkürlich, zufällig zupacken kann und es wird das richtige sein, wenn wir unseren filter aus Großmutterweisheiten, Wissenschaft, Kunst und Religion angelegt haben.

obwohl uns hamlet widert, ziehn uns faust/jesus/gandhi nicht genügend an. obwohl uns faust/jesus/gandhi anziehen, widert uns hamlet nicht genügend.

MAN SIEHT NUR MIT DEM HERZEN GUT

Nr. 266

Fünfter Hauptsatz

Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Antoine Vicomte de Saint Exupery

 

Wir Menschen glauben alle und gerne, dass wir sehen, was wir sehen. Wir schwören auf unsere Beobachtungsgabe, Objektivität, Erkenntnisfähigkeit und unseren Wahrheitswillen. In dem Wort Scharfsinn verknüpft sich diese vermeintlich exakte Sicht mit der optimalen Verarbeitung unseres nie ausgelasteten und immer überforderten Gehirns. Bestärkt werden wir in dieser Selbstüberschätzung von falschen Propheten und Lehrern, die ihre kleinteiligen Weisheiten als empirisch nachvollziehbare religionsähnliche Wahrheiten verbreiten. Aber auch die Wirklichkeiten der alten Religionen predigen Abgeschmacktes, Heruntergezoomtes und als Geburtstagsgeschenke verpacktes, was wir in unser Wohnzimmer neben den Fernseher stellen können. Und der tickt auch Wahrheiten am laufenden Band, Nachrichten, nach denen man sich nicht richten kann, nach Sendern sortierte so genannte Fakten, mehr oder weniger manipulierte Bilder. Bilder sind insofern immer manipuliert, indem unsere Kameras einen Teil der von uns gewünschten Sichtweisen technisch herstellen, indem wir in bestimmten Situationen auch vorhersehbare Erwartungen haben, indem wir gewissenlos bereit sind, jede Veränderung als technisch bedingt und notwendig zu erklären. Darin bestärken uns die Politiker, die einerseits von Sachzwängen reden, denen man nicht ausweichen könne, und andererseits von alternativlosen Vorschlägen, diesen Sachzwängen auszuweichen. Die meisten Sachzwänge sind jedoch soziale Artefakte des Zeitgeistes. Wenn auch der Zeitgeist die Summe aller Interpretationen zu einem bestimmten Zeitpunkt ist, so lädt er doch eher zum Verharren ein als zum Weiterschreiten. Insofern ist Erkenntnis auch die berühmte Entscheidung zwischen Freiheit und Sicherheit. Sie führt so oft dazu, dass wir uns von den Mächten der Welt bestimmen lassen, die wir selbst sind. Und dann erschrecken wir vor uns und zeigen mit dem Finger auf die anderen. Zwar ermöglicht eine ‚mea culpa‘ Haltung auch Märtyrertum, aber erstens ist es ethisch vertretbarer Märtyrer statt Tyrann zu werden, obwohl wir alle vielleicht aus Bequemlichkeit das zweite wählen würden, wie wir aus Bequemlichkeit auch den Zweiten wählen, aber zweitens leuchten Märtyrer in die Zukunft hinein, weshalb die Demokratie oft so verzweifelt versucht, Märtyrertum zu verhindern. Märtyrer sind natürlich nicht nur Rechtsextreme und Linksextreme, Christextreme und Islamextreme, sondern auch Yesus, Gandhi, Korczak und King. Ziel einer eigentlichen Erkenntnis wäre eine mit Freiheit kombinierte Geborgenheit.

Wie elitär Verschlüsselung und Entschlüsselung sind, kann man gut aus der Geschichte der Decodierung der Wehrmachtsbefehle durch den polnischen, britischen, französischen und amerikanischen Geheimdienst erfahren. Die Wehrmacht benutzte eine elektromechanische Chiffriermaschine ‚Enigma‘, die Arthur Scherbius erfunden hatte, die wie eine Schreibmaschine bedient wurde, jedoch nicht den getippten Buchstaben als Ergebnis entließ, sondern einen nach dem Zufallsprinzip von drei unabhängigen Rollen ermittelten. Der chiffrierte Text war jedenfalls so kompliziert, dass die Wehrmacht bis an das Ende des Krieges an die Bewahrung seines Rätsels glaubte, obwohl die Alliierten jeden Tag viele tausend Befehle decodierten. Allerdings ging dem ein äußerst langwieriger mathematischer Prozess voraus, in dem versucht wurde, hinter den rotierenden Walzen mit je 26 Buchstaben Algorithmen zu entdecken. Die Deutschen verbesserten ihre elektromechanische Maschine, die Polen, Franzosen, Engländer und  Amerikaner decodierten die Codierung immer aufs neue.  Alan Turing und anderen gelang es dann später, aus diesen Arbeiten die Grundlagen der Simulation menschlichen Denkens im Computer zu gewinnen, ohne dass wir genau wüssten, wie Denken oder besser gesagt Bewusstsein funktioniert.

Mathematik und Empirismus lassen uns glauben, dass alle unsere Erkenntnisse schon decodiert sind. Wir übersehen dabei die tiefe Verwurzelung auch elementarer Signale in unserem emotionalen Gedächtnis, was nicht nur viel größer und umfassender, sondern vor allem auch viel wichtiger für uns ist. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen ist so gesehen noch viel eingeschränkter anzunehmen als wenn wir, wie bisher, von einer Freiheit des verstandesgesteuerten Willens ausgehen. Da aber gleichzeitig und parallel die Zahl und die Qualität der Erkenntnisse rasant gestiegen ist, kann sich eigentlich niemand mehr auf die gefühlsmäßige Bremsung einer verstandesgelenkten Entscheidung berufen. Eher ist es umgekehrt. Die Zahl der Verbrechen, vor allem auch der Kapitalverbrechen, nimmt ab, in großen Teilen der Welt hat kaum noch jemand Gelegenheit zu Taten, die früher gang und gäbe waren: Progrome, Lynchjustiz, Blutrache.  Um so mehr stört uns, ganz zu recht, jeder einzelne Mord, und ganz zu Unrecht, jeder einzelne Tod.

Die eigentliche Erkenntnis ist Vertrauen. Die religiösen Grundlagen unserer Gesellschaft verbunden mit der Emanzipation von Freiheit und Individuum durch die Aufklärung, die Überschätzung des Verstandes einschließlich der Mathematik und das schließliche Verständnis für das Gefühl haben aus uns eine Gemeinschaft von im Vertrauen verbundenen Menschen gemacht, die es so vielleicht, im viel kleinerem Maße nur im Neolithikum gegeben hat. Die Jahrtausende dazwischen haben wir mit patriarchalischem Unfug, Krieg, nationalistischem Getümmel, Kampf gegen harmlose Minderheiten und dergleichen verbracht, eine grausame, vielleicht notwendige Übergangszeit.

Es ist keine Vision anzunehmen, dass sich das jetzt grundlegend ändert. Es muss sich gar nicht ändern. Wir hätten nicht überlebt, wenn nicht ein Großteil der Menschen, sagen wir etwa die Hälfte, schon immer vom Gefühl ausgegangen wäre. Durch die Zunahme an aufgeklärter Sicherheit kann sich aber immer mehr Freiheit ausbreiten, so dass wir heute beobachten können, wie sich immer kleiner werdende Minderheiten auf den Abwegen des vergangenen verlaufen. Zwar verharren andererseits große Bevölkerungsanteile in Bildung, die nur aus Bildern und Symbolen besteht, aber durch die repräsentative Demokratie ist der Einfluss solchen Nichtdenkens unter Kontrolle. Es hat sich also nicht so sehr die Teilung der Gesellschaft in Eliten und Massen geändert, sondern die Eliten können freier und transparenter entscheiden. Die Bindungen der Eliten bestanden einerseits in nichtabstrakten Traditionen, wie zum Beispiel Wörtlichkeiten oder Fundmentalismen des Christentums, die aber vor allem auch institutionalisiert waren. Wem das zu verschlüsselt klingt, der kann sich als vereinfachte Formel merken: Gewissen gleich Beichte gleich Inquisition; und umgekehrt: statt Inquisition Beichte, statt Beichte Gewissen.

Auf der anderen Seite waren den Eliten durch handfeste Lebensnotwendigkeiten die Hände gebunden: Hunger, Krankheiten, Naturgewalten, kurz: geringe Lebenserwartung. Das Vertrauen der Massen stieg natürlich mit der Lösung dieser Probleme durch die Eliten und damit die Entscheidungsfreiheit der Eliten gegenüber den Massen, gebremst nur noch durch eine, noch dazu repräsentative, Demokratie.

Wenn Erkenntnis also Vertrauen heißt, dann heißt Vertrauen auch Verantwortung. Die Entdeckung und mögliche Entfaltung des Individuums darf auf keinen Fall seine Vereinzelung bedeuten. Vielmehr hat die zugenommene Freizeit nicht nur mehr Freiheit gebracht, sondern auch mehr Kommunikationsmöglichkeiten, die nun zu einer Vernetzung der Gefühle führen können, die sich leider oft zuallererst in kollektiver Empörung zeigt. Die Angst vor Oberflächlichkeit wird vielleicht auch gerade von denen geschürt, die glaubten, dass Entfesselung des Menschen unverantwortlich sei, weil sie unverantwortlich mache.

Anmerkung:

Alle in diesem Text erwähnten bedeutenden Menschen starben eines gewaltsamen Todes, bis auf Scherbius gemäß Goethes Vision im Faust: Die wenigen, die was davon erkannt…hat man von je gekreuzigt und verbrannt. [Faust I, Vers 590ff.]

Antoine de Saint Exupery:  auf einem Flug über dem Mittelmeer verschollen

Yesus: gekreuzigt

Mahatma Gandhi: erschossen

Janusz Korczak: mit seinen Waisenkindern in der Gaskammer ermordet

Martin Luther King: erschossen

Arthur Scherbius: fuhr mit einem Pferdewagen gegen eine Wand

Alan Turing: starb an einem [selbst] vergifteten Apfel infolge seiner Bestrafung als homosexueller

 

 

NEUE WELT PRENZLAU

Nr. 265

 

Die Welt mischt sich immer wieder einmal neu. In Prenzlau befand sich wenige Meter von der Marienkirche entfernt, ungefähr da, wo die immer noch vom letzten Krieg gezeichnete Jakobikirche heute eine Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge aus der ganzen Welt unterhält, ein slawisches Heiligtum. Mal nahm man an, dass die Slawen sich dem einwandernden Deutschtum willig assimilierten, weil sie es als technisch überlegen erlebten, dann wieder überwog die Ansicht, dass sich die Slawen erbittert der deutschen Ostexpansion und der damit verbundenen Zwangschristianisierung widersetzen. Kein Mensch kam bisher auf die Idee, dass es weder die Slawen noch die Deutschen gegeben hat. Es gab ganz sicher Slawen, die mit den Deutschen kooperierten, es gab die Anführer des großen Slawenaufstandes von 948 sowie die weinenden Mütter am Straßenrand, und es gab ganz sicher Slawen, denen alles ganz egal war. Es gab Deutsche, die den Osten kolonisieren und christianisieren wollten, was sich nach christlicher Ansicht ausschließt, es gab Deutsche, die einfach vor ihrem gewalttätigen Vater geflohen sind, andere wieder fanden die Mädchen der Slawen attraktiv, es gab Deutsche,die waren gar keine Christen, andere wieder waren gar keine Deutschen. Das war die Lage vor tausend Jahren.

Am Ende des zweiten Weltkriegs brennt die Marienkirche, einer der wuchtigsten Kirchenbauten Nordeuropas, nieder, nicht von alliierten Bombern getroffen, sondern sozusagen mit diffuser Täterschaft entzündet. So wie auch viele Dorfkirchen in der Umgebung kann die einheimische Bevölkerung, ähnlich wie die Massenselbstmorde vor allem von Frauen in Demmin, in einer Mischung aus Angst und Selbstbestrafung, die Kirche als mächtigstes Symbol der gesamten Vergangenheit (außer der slawischen) selbst in Brand gesteckt haben. Wahrscheinlicher ist natürlich, dass SS oder HJ oder beide die Kirche als letzte Selbstverteidigung geopfert haben. Das wäre sinnlos gewesen, aber der ganze Krieg war sinnlos. Anklam wurde am selben Tag von der Nazi-Luftwaffe zerstört, weil es sich kampflos ergeben wollte wie die Nachbarstadt Greifswald, warum soll nicht Prenzlau von der SS geopfert oder bestraft worden sein? Jahrzehntelang wurde behauptet, dass die ankommenden Russen die Kirche und die Stadt nicht ertragen konnten und sie deshalb sinnlos (sinnlos?) zerstört haben. In der Zwischenzeit lebten in Prenzlau neben der assimilierten ehemaligen slawischen Bevölkerung natürlich die Deutschen, aber auch zeitweilig fast ein Viertel Juden, dann aber im achtzehnten Jahrhundert auch ein Drittel Franzosen. Immer gab es viele Polen, denn Polen war nicht nur nie verloren, sondern immer auch ganz nah, ob nun mit oder ohne Grenze. 1929 kam eine große Gruppe von wolgadeutschen Mennoniten, die auf dem Roten Platz in Moskau solange demonstriert hatten, bis sie nach Deutschland ausreisen konnten. Sie kamen ausgehungert und verwahrlost in Prenzlau an und die Überlebenden wanderten weiter nach Paraguay aus. Nach dem letzten Krieg kamen viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, zu Fuß auch solche aus der Batschka, der deutschen Insel in Kroatien. Bevorzugt kamen auch Siebenbürger Sachsen und Rumänen nach Prenzlau. In den neunziger Jahren gab es soviele Russlanddeutsche in Prenzlau, dass der Zeitungskiosk im Kaufland zwölf russischsprachige Zeitungen führte. Im Jahr 2015 hat Prenzlau ziemlich geordnet und fast vorbildlich etwa 1000 Flüchtlinge aus aller Welt aufgenommen, untergebracht, in der deutschen Sprache unterrichtet und ihnen den einen oder anderen Sinn für ihre Freizeit und Freiheit gegeben.

Wer definiert jetzt bitte, wer oder was ein Prenzlauer oder ein Deutscher ist? Jedes Land ist ein ständiges Auf und Ab, ein Kommen und Gehen, so wie es in einer Familie auch ist.

Viel merkwürdiger als die verschiedenen Gruppen der Alt- und Neubürger – inzwischen sind die Stettiner und Batschkadeutschen Altbürger und Salinger, eine Familie auf dem vorbildlichen jüdischen Friedhof im Süßen Grund, das klingt gut, ist aber zwischen der Bahnlinie und der Bundeswehrkaserne, die – ich finde es falsch, das so zu nennen – laut Uckermarkkurier – eine transsexuelle Kommandeurin hat, Salinger ist ein weltberühmter, toter, äußerst skurriler Dichter in den USA, viel merkwürdiger sind die neuen Nationalisten, die ständig auf ihr Land kotzen möchten. Es ist zu vermuten, dass sie sich auf das berühmte Zitat eines berühmten Berliner Juden beziehen, der, als die Nazis die Macht übernahmen, gesagt hat, dass er nicht soviel essen könne, wie er kotzen möchte. Er hat es wohl eher als Berliner gesagt, aber vielleicht als Jude gedacht. Es ist schwer zu glauben, dass er ein jüdischer Maler war, denn er hat keine jüdischen Sujets gemalt. Die Bundeswehrkommandeurin ist auch nicht in Prenzlau, um sexuelle Abenteuer zu erleben – das dürfte auch sehr schwer werden -, sondern um die NATO-Dienststellen in Stettin mit Nachrichtentechnik zu versorgen. Es werden neuerdings Attribute verteilt, die nicht mitteilungsrelevant sind.

Die neuen Nationalisten, die ihr Land nicht lieben, sondern die Vergangenheit, haben genau die tausend Jahre als Richtschnur gewählt, die auch Hitler und Himmler vorschwebten. Wie wir alle wissen, haben sie diese Ziel verfehlt. Der Krieg ging verloren, wir sagen zum Glück, aber selbst wer es als Unglück empfindet, muss es eingestehen. Demzufolge muss man doch fragen dürfen, welche Vergangenheit sich die Nationalisten, die ihr Land nicht lieben, zurückwünschen. Im Kaiserreich gab es bittere Not, Hunger und Kinderreichtum, von dem die neuen Nationalisten annehmen, dass er ein Geschäftsmodell der Flüchtlinge sei. Die Neudeutschen haben nicht nur keine Kinder mehr, einige von ihnen halten Kinder auch nicht für etwas beglückend Schönes, einen Lebenssinn vor allen anderen, sondern für ein Geschäftsmodell. Gleichzeitig schimpfen sie auf den Kapitalismus. Sie halten uns – als Deutsche – für dumm. Ständig preisen sie Polizeistaaten mit ihren Unrechtssystemen und fordern strenge Bestrafungen nach dem Vorbild Saudi Arabiens und Chinas, obwohl sie und wir alle in einem der sichersten Länder der Welt mit sinkender Kriminalität leben. Die Kriminalität sank auch 2015 und vor allem 2016 weiter, obwohl angeblich so viele potenziell kriminelle Neubürger hinzukamen.

Nach der neuerlichen Aufzählung der Menschen, die in einer relativ kleinen Stadt wie Prenzlau in den letzten tausend Jahren hinzukamen und wegwanderten – ich erinnere an New Prenzlau in Queensland und Familie Salinger -, kommt man eher zu dem Schluss, dass die ständige neue Mischung von Menschen normal und wünschenswert ist, jedesmal aber mit Vehemenz von einer winzigen verbohrten Minderheit bekämpft wird. Natürlich kann man Nörgeln nicht verbieten, Polizeistaaten versuchen es immer wieder, aber man kann es als lästig empfinden. Die mutigen Menschen leben in den Flüchtlingsheimen, nicht draußen.

 

Neue Prenzlauer vor den slawisch-deutsch-christlich-jüdisch-französisch-polnischen-russland- und batschkadeutschen Orten, deren Ururenkel womöglich einst Meier heißen werden.

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DEFORMATION UND REFORMATION

 

Wenn Martin Luther Kardinal geworden wäre, gäbe es heute keine Waschmaschine. Aber an der Waschmaschine klebt ein kleines Schild: wer den Papst, die Juden und die Türken zu Feinden erklärt, hat Yesus nicht verstanden. Denn nur wer seine Feinde liebt, hat keine. Das Argument, dass man stürbe, wenn man sich nicht verteidigte, gilt ja wohl noch viel mehr, wenn man sich verteidigt. Der dreißigjährige Krieg, auch eine Folge von Luther, ist aber zugleich auch der Beginn der Diplomatie und Europas. Schade, dass es wieder einer Wahrheitssekte bedurfte, um zu mehr Freiheit zu kommen. Aber gilt das gleiche nicht für das Automobil, das auch gleichzeitig Weg und Unweg ist? Weder ist Gott eine Burg noch ist das Automobil die Freiheit, wenn es auch noch so viele glauben wollen. Solche Jubiläen wie ‚500 Jahre Reformation‘ verstärken auch immer die Inflation der Begriffe und führen dazu, dass man glaubt, die nächsten 500 Jahre nichts mehr davon hören zu können. Das Schicksal aller Innovatoren, selbst zu veralten und selbst zur Ikone zu werden, teilt Luther seit er auch Symbol bittersten Nationalismus wurde. Das beste Buch über Luther schrieb übrigens Feridun Zaimoğlu aus Kiel. Veränderungen sind weder gut noch böse, sondern haben tausend Seiten.

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ALL YOU NEED IS LOVE

Nr. 264

Vierter Hauptsatz

[John Lennon/Paul McCartney]

Die Allgemeingültigkeit dieses wunderbaren Satzes besteht darin, dass er nicht etwa nur passiv, sondern vor allem auch aktiv gilt. Man könnte leicht verstehen: ich hatte es schwer, alles, was ich noch brauche, ist Liebe und Verständnis, Zuwendung und Solidarität meiner Mitmenschen. Vielmehr ist es umgekehrt: da die Welt Liebe braucht, muss ich sie ihr geben. Liebe entsteht durch geben. Es ist nur da, was ich und meinesgleichen produzieren. Der Neid produziert nichts als Missstimmung und Zerstörung, und zwar nicht nur beim Beneideten, sondern vor allem auch beim Neider. Ein ganz ähnliches, fast arithmetisch zu nennendes Verhältnis zeigt uns, dass durch Rache das Leid zu- und nicht abnimmt, durch Neid die schlechte Laune befördert wird, nicht die Gerechtigkeit.

Überhaupt: der Markt mag ergebnisorientiert sein, das Leben ist erlebnisorientiert. Wenn man Liebe als Investition ansehen wollte, so darf man doch nicht erwarten, dass sie das gewünschte Ergebnis hat. Das wird schon dem Pubertierenden klar: seine Sehnsucht sucht sich einen Gegenstand, der für ihn unerreichbar bleibt. Die Lösung ist ein entstehendes Idol oder Ideal.

Die Botschaft des Satzes erreichte die Welt zu einem Zeitpunkt, als sie glaubte, alles mögliche zu brauchen. Die Massenkonsumgüterproduktion lief zwar schon mehr als sechzig Jahre, aber war immerhin und immer wieder von der massenhaften Produktion von Waffen und Rettungsgerät unterbrochen worden. Erst die großen Konjunkturen, in Deutschland als dem an sich gläubigsten Land Wirtschaftswunder genannt, brachten die Botschaft, dass und was man alles braucht, um glücklich zu sein. Diese Annahme, dass wir vom Pappbecher bis zur Atombombe (Jean Luc Goddard) alle diese überflüssigen Gegenstände benötigen, führte zu der umfassendsten Produktionskrise, die die Menschheit bisher erlebt hat, denn sie entstand auf dem Boden der größten Produktion und Verfügbarkeit von Dingen. Es wird nicht abwegig sein zu vermuten, dass auch die Überhandnahme von Geld, und damit sein vermeintlicher Mangel, zusammenhängt. Gleichzeitig schritt aber die Säkularisierung mit einer fast total zu nennenden Informierung und Kommunikation einher, so dass die bisher professionellen Wertebewahrer, also Religionen und Staaten einschließlich ihrer Bildungssysteme, ebenfalls in eine tiefe Krise gerieten, zumal sie sich innerlich nicht von ihrer bisherigen Monopolstellung befreien können.  Keinesfalls sind die alten Werte wie Liebe, Solidarität oder Kooperation überholt. Dagegen ändern die Sekundärtugenden so schnell ihre Bestimmungen, wie sich die hinter ihnen liegende reale Welt wandelt. War eine zwar kohärente, aber auch starrsinnige Welt an Konditionierung, an Lohn und Strafe, gebunden, die auch in das Verhältnis zu Gott hineinprojiziert wurde, so konnte die darauffolgende Arbeitsgesellschaft als einzige und Höchststrafe die Arbeitslosigkeit anbieten. Diese hat im fast religiös anmutenden und funktionierenden Sozialstaat ihre Wirksamkeit verloren. Eine ganze Generation kann das Leben ohne Arbeit ausprobieren, ohne zu verhungern. Auch in den hungernden Regionen, die glücklicherweise schrumpfen, träumen viele Menschen nicht von Arbeit, sondern zum Beispiel von Fußball und Musik.

Liebe ist nur zu erlangen, als Konsum und als Instrument, durch Liebe. Das ist keine Tautologie, sondern ein Hinweis darauf, dass es keiner weiteren Bedingungen bedarf. Man muss nicht noch einem Verein zur Verbreitung der Liebe beitreten, damit die Liebe sich verbreite. Es reicht, wenn man sie verbreitet. Das ist natürlich immer auch institutionalisiert möglich, vor allem aber auch individuell. Gegen das Institut spricht dessen Abhängigkeit vom Zeitgeist, der Summe aller Interpretationen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wo Menschen zusammenkommen streben sie nach Konsens, sie vergleichen ihre interpretativen Ausgangspunkte, und so entsteht eine neue Abteilung des Zeitgeistes. Das Wunder der Menschheit vollzieht sich im Verständnis. Zum Missverständnis bedarf es keiner Anstrengung. Jähzorn, Vorurteil, Neid, Missgunst, Wahrheit (also die Monopolisierung einer einzigen Interpretation), deren Folge dann oft der Hass ist (also ist Hass das organisierte Gefühl einer so genannten Wahrheit), das alles sind die gewöhnlichen Hinderungen der Liebe. Sie muss man im täglichen Leben einfach überwinden. Das ist alles sehr schwer. Viele von uns können sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass es keine ‚Wahrheit‘ gibt, also keine längerfristig gültige Interpretation. Vertrauen in die Welt entsteht, man will es nicht glauben, durch die Liebe unserer Eltern zu uns, nicht dadurch, dass jemand die Teilbarkeit der Teilchen voraussetzt oder nicht voraussetzt. Der Unterschied zwischen einem Gleichgewicht und einem stabilisierten Ungleichgewicht ist im Alltagsleben gleich null. Die Wissenschaft einschließlich der Evolutionstheorie, das ist inzwischen ein ebenso legendärer wie trivialer Vorwurf, hat sich einfach an die Stelle der alten ‚ewigen‘ Wahrheiten gesetzt und ein ganzes Jahrhundert ist ihr willig gefolgt. Man kann den Alltag bestehen, ohne an Gott zu glauben, ohne die Relativitätstheorie zu kennen oder auch ohne Shakespeare. Wieviel Shakespeare, Relativitätstheorie und Gott allerdings in den vorhandenen Interpretationen und Dingen steckt, das wiederum  vermag niemand zu bestimmen. Wer Shakespeare nicht kennt, wird ihn auch nicht entdecken können. Das ist das einfache Paradoxon der Bildung, nicht des Lebens.

Wenn man nun alle Lebenserleichterungen, vom Eisenerzabbau (physisch) über die Espressomaschine (psychosomatisch) bis hin zur Psychotherapie (psychisch), auf den berühmten Nenner (eine der wunderbarsten mathematischen Metaphern) zu bringen versucht, so kommt entweder Gier heraus oder Liebe. Die Gier ist ein Erzeugnis der Sattheit und des daraus sich ergebenden Überdrusses, weshalb Völlerei schon zu den antiken sieben Todsünden zählt. In der Sattheit zu erkennen, was einem fehlt, ist auch schon seit der Antike diskutiert worden. Wir suchen einen Sinn unseres Lebens. Die einen sagen, der Sinn des Lebens ist nichts als das Leben selbst. Die Existenz kann nicht über sich hinausdenken, wohl aber über sich hinaus handeln. Den Folgen meines Handelns folgen meine Nachfolger. Die anderen sagen, der Sinn des Lebens besteht in einem Leben nach dem Leben, in einer fortdauernden Existenz, die bilderbuchhaft vorgestellt werden kann. Beides ist hilfreich. Hilfreicher ist es aber, zu einem Pool der Liebe beizutragen. Hilfreicher ist es, wie Kinder immer wieder zu einer Unvoreingenommenheit zu gelangen. Es spricht nichts dagegen, sich dabei von denjenigen helfen zu lassen, die das auch schon so gesehen haben, die großen Religionsstifter, die großen Künstler und die großen Sätzeschreiber. Aber es ist andererseits nicht nötig, immer nach dem Großen und Alten zu sehen. In deiner Nachbarschaft, bei den so genannten schlichten Menschen entsteht genau so viel Menschlichkeit durch Liebe wie Liebe durch Menschlichkeit, wie in den großen Religionen, Philosophien und Kunstwerken. Sie alle sind Liebeswerke.