GO TELL IT ON THE MOUNTAIN

Eine Rezension

Nr. 286

Was bei uns wie ein Weihnachtslied klingt, kann man auch so verstehen, dass jemand den Leuten hinter den Bergen sein Leben erzählt, damit sie sehen, dass er ein Mensch wie sie ist und dass er seinen Weg gefunden hat. Seit der Antike und in Wellen auf und ab schwappt die Angst vor dem Ertrinken im Fremden und riskiert, dass die Fremden ertrinken. Die menschlichen Botschaften werden scheinbar nur auf den Bergen gehört, in den Tälern der Ahnungslosen herrscht dagegen die Angst. Aber der Wanderer kennt beides: auf dem Gipfel die Begeisterung, im Tal die Verzweiflung.

Anfang der fünfziger Jahre, 1951 und 1953, erschienen zwei Bücher, deren Protagonisten östlich und westlich vom Central Park in New York in scheinbar zwei verschiedenen Völkern oder Kulturen aufwuchsen. Aber darum geht es in beiden Büchern nicht. Sie beschreiben vielmehr die Menschwerdung eines Kindes und Jugendlichen, coming of age, als eine Geschichte, die sich zwar unter konkreten, oft widrigen Umständen entfaltet, aber dabei einem geheimen Programm oder Plan zu folgen scheint. Dabei ist es leider fast genau umgekehrt: das Leben und die Geschichte verlaufen plan- und sinnlos, aber wir versuchen ihnen nachträglich einen Sinn  zu geben durch Tradition, Religion, Interpretation und auch durch Vergessen.

Das erste Buch ist DER FÄNGER IM ROGGEN von Jerome David Salinger, das eine zeitlang jeder Jugendliche kannte. Es war und ist ein Kultroman, der seinem an sich schon reichen Verfasser gestattete, fortan ein Leben ohne Menschen und ohne Arbeit in einem abgeschotteten Grundstück zu führen. Er wurde der sprichwörtliche alte Amerikaner, der mit seiner Schrotflinte auf jeden ungebetenen Besucher schoss, und jeder Besucher war ungebeten.

Das zweite Buch ist GO TELL IT ON THE MOUNTAIN von James Baldwin, das soeben in neuer deutscher Übersetzung und mit neuem, zum Karfreitag passenden Titel VON DIESER WELT erschienen ist. Auch dieses Buch, obwohl weit weniger bekannt, ermöglichte seinem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Verfasser ein Leben in Luxus an der Côte d’Azur und in Paris. Aber dann wurde er in der Bürgerrechtsbewegung von seinen Freunden Malcolm X., Medgar Evers und Martin Luther King gebraucht und kam zurück und wurde einer der zurecht bewundertsten amerikanischen Intellektuellen.

Das Buch erzählt die Geschichte und Vorgeschichte eines intelligenten Jungen namens John Grimes, eingebettet in die Geschichten seiner Mutter, seiner Tante, seines Stiefvaters, seines Vaters, seines Stiefstiefbruders, seines Stiefbruders. Mit alle diesen Menschen muss er leben und aus all diesen Leben holt er sich seinen Lebensstoff. Während seine Mutter einfach ein lebenslustiges Mädchen ist, versucht sein Vater aus dem unfreiwilligen Leben voller Armut und Demütigung durch Bildung herauszukommen. Er liest nicht nur viel, wie dann  später sein Sohn, der das Abbild des Verfassers ist, sondern er geht mit seiner Freundin auch in die großen Museen in New York, ins Kino, ins Theater. Sein Weg war richtig, bis sich in einer nächtlich leeren U-Bahn-Station drei flüchtige Einbrecher neben ihn stellen. Er wird verhaftet, gefoltert, aber er kommt frei und nimmt sich das Leben. In einer solchen Skizze zeigt Baldwin, dass der Mensch nicht nur durch die Tatsachen des Lebens gefährdet ist, sondern auch durch seine Vision vom Leben, mag sie positiv sein, wie die Bildung, mag sie negativ sein, wie die Angst, durch ein rein äußerliches und zufälliges Merkmal sterben zu können.

Sein Stiefvater dagegen ist ein äußerst jähzorniger, gewalttätiger und heuchlerischer Christ, ein scheinheiliger Hausmeister, beinahe muss man sagen ein Fundamentalist. Trotzdem ist das Leben in der immer größer werdenden Familie nicht nur schrecklich, denn John liebt seine Mutter und seine Stiefgeschwister, vor allem seine kleine Schwester, der er flüsternd rät, sobald sie auf ihren Beinen stehen kann, sie in die Hand zu nehmen und abzuhauen. John liebt auch seine Bücher und den wegen seiner Mädchengeschichten kritisierten Hilfsprediger. Überhaupt wird die Geschichte nicht ein bisschen selbstmitleidig oder larmoyant erzählt, schon gar nicht belehrend. Das Leben der Familie ist eigenartig auf und um den Sonntag und den Stiefvater zentriert. Aber gerade da liegt auch der Spielraum für John. Die Sprache des Erzählers und der kongenialen Übersetzerin Miriam Mandelkow gibt äußerst präzise die Mischung des Tons als die Mitte aus Gospel und Gosse wieder. Auch der Geist der Familie, all ihre Geschichten, sind aus der Bibel gespeist. Aber dann dringt die Straße mit ihrem Mord und Totschlag ein und übertönt die Bibel mit deren Mord und Totschlag. Weiter jedoch gibt es ganz lange und niemals langweilige meditationsartige Innenkommentare, die uns zeigen, wie jede Figur des Romans, so wie jeder Mensch im Leben, aus den Ereignissen Geschichten macht. Baldwin selber nennt das an anderer Stelle: aus der Unordnung des Lebens die Ordnung der Kunst machen.

Zu den erstaunlichen Eigenschaften des Romans gehört seine Präzision, mit der er die Verhältnisse und die Seelen, die Sprache und die geheimsten Gefühle der Menschen zu beschreiben vermag. Auch formal ist es Baldwin gelungen, eine überzeugende, fast adäquate Übereinstimmung zwischen den Geschichten und dem brillanten Stil zu finden. Die Vorgeschichten werden ohne Perspektivwechsel am selben Tag in Form von langen Gebeten den Figuren selbst in den Mund gelegt, ohne dass sie etwas, zum Beispiel ihre Geheimnisse, aussprechen müssen. Das Geheimnis des Stiefvaters, dass er schon einmal einen Sohn hatte, der aber statt von Gott berufen gewesen zu sein an seiner Wildheit zugrunde ging, wird virtuos als Spannungsmoment sowohl in seiner ersten tragischen Ehe als auch in bezug auf seine Schwester, zu der er ebenfalls eine sehr problematische Beziehung hat, benutzt. In dem selben Zeitraum und Maßstab, in dem das Geheimnis anschwillt, vermehrt sich aber auch die Fähigkeit des Stiefvaters, sein verlogenes Christentum als Selbstverteidigung einzusetzen.

Und langsam, beim Weiter- und Immerweiterlesen, dämmert dem faszinierten Leser auch, warum das Buch einen neuen deutschen Titel hat. Denn der amerikanische Titel beinhaltet sowohl die christliche Weihnachtsgeschichte, als auch, in einer älteren Textversion, das Suchen eines Menschen, der dann über die Berge und Hügel seinen Weg findet. Das bleibt dem deutschen Leser vielleicht verschlossen. Dagegen kennen wir alle, ob Christen oder Unchristen, die Karfreitagsantwort des weisen Yesus auf die Frage des bornierten Beamten Pontius Pilatus: dass er nämlich, im Gegensatz zu James Baldwin, nicht von dieser Welt sei. Baldwin hat sich viel später, nach diesem Roman, mit seiner berühmten Formel zur Welt bekannt: ‚I’m not a nigger. I’m a man.‘ Das scheint ein bisschen die neue Losung der gegenwärtigen Bürgerrechtsbewegung auszuschließen: BLACK LIVES MATTER. Aber beide gehören zusammen: erst wenn wir nicht mehr schwarze Leben extra zählen müssen, und wir alle sagen können: ich bin ein Mensch und nicht Mitglied einer Sorte Mensch, die sich für besser hält oder schlechtgeredet wird, erst dann wird die Welt besser geworden sein.

VON DIESER WELT ist nicht nur eins der besten Bücher, das ich je gelesen habe, sondern beginnt auch mit einem der besten ersten Sätze, mit denen je ein Roman begann: ‚Everyone had always said that John would be a preacher when he grew up, just like his father.‘ Man ahnt sofort: sein Vater ist nicht sein Vater, und John will auch nicht sein wie sein Vater, und er will ihn auch nicht zum Vater haben, sein Vater will einen göttlichen Sohn, der ihm dreimal verwehrt wird, deshalb beschimpft und verprügelt er John, der ganz gewiss kein Prediger, und der genauso gewiss nicht nur erwachsen wird, sondern wahrlich groß. Wir alle sind der Stiefsohn.

Und fast zum Schluss des Buches kommt ein noch besserer Satz, der zwar konkret von einer Romanfigur über eine andere Romanfigur geschrieben ist, aber für uns alle, für die ganze Menschheit gilt, auch für diejenigen, die nicht wissen, dass jedes Leben mit einer Bilanz, ob nun mit oder ohne Posaune des Jüngsten Gerichts, für das Jericho ein guter Ort geworden ist, endet: ‚Von allen Menschen … solltest du am heftigsten hoffen, dass die Bibel lügt – weil wenn die Posaune erschallt, brauchst du die Ewigkeit für deine Erklärungen.‘

 

 

James Baldwin, Von dieser Welt, dtv München; 2018

Raoul Peck, James Baldwin, I am not your negro, Edition Salzgeber, 2018                                                                                                                                                   oscarnominiert, berlinaleausgezeichnet

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MOONLIGHT*

 

Nr. 235

Kafkas dekonstruierende Kinder

Wir sind ohne Vater schon beschnitten genug, aber die Sucht der Mutter – und sei es Selbstsucht – lähmt uns vollständig. Romane und Filme des coming of age gibt es viele, und einige sind sehr gut und weltberühmt. Aber oft enden sie ‚draußen vor der Tür‘, so ein berühmter coming of age Titel, zeigen den Weg aus der verrotteten Welt der Eltern, aber weiter wissen sie auch nicht. Der Leser ahnt dann, dass der Protagonist der Autor wurde, der sich eben nicht erschossen hat, sondern mit der story in der Satteltasche floh.

Chiron, ein schwarzer Junge in einer ausschließlich von Schwarzen bewohnten Gegend, wird schon als Kind Schwuchtel genannt. Auch seine Mutter, die ihm ein Leid nach dem anderen zufügt, findet ihn zu weich. Der aus Kuba eingewanderte Dealer Juan nimmt sich seiner an, als er wieder einmal von einer Meute verfolgt wird. Chirons Problem ist nicht, dass er schwarz oder Schwuchtel ist. Er ist zu weich für diese Welt und er hat zu wenige Menschen, die ihn mögen, aber Juan und seine offensichtlich ebenso kinderliebe wie kinderlose Freundin gehören ab sofort dazu. Und von Anfang an hat er einen einzigen Freund, Kevin, der ihn nicht für ein Weichei hält. Chiron erleidet die Pubertät mehr als dass er sie erlebt. Der einzige Hinweis, dass er in sexueller Hinsicht anders sein könnte, ist der zärtliche Sex, den er mit Kevin am Strand hat, aber der geht von Kevin aus und Kevin, der mit seinen Mädchengeschichten prahlt, bemerkt die Unerfahrenheit Chirons, sein fast ängstliches Suchen mit den Lippen und Händen. Und eben dieser einzige Freund Kevin wird von der ebenso bösen wie hässlichen Schulgang gezwungen, Chiron niederzuschlagen.

Chiron, auch von der Sozialarbeiterin gedemütigt, die es gut mit ihm meint, greift zu der Abwehr, die er kennt, zu der Gewalt, die ihn umgibt, zu dem einzigen Ausweg, den er in die Ecke gedrängt sehen kann, wenn er weiterleben will: er zerschlägt im Klassenraum der Highschool einen Stuhl und den Schädel des Anführers.

Kann sich der Mensch selbst erschaffen? Von Religionen und Realisten wird das vehement bestritten. Die Literatur der letzten hundert Jahre versucht dagegen den Umgang des Menschen mit sich immer konstruktiver zu zeigen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sich parallel dazu Geschlechtsumwandlungen und Wandlungen vom Tod zum Leben ereignen. Orhan Pamuk hat uns gerade einen Roman** geschenkt, der einen sehr einfachen, aber desto lieberen Menschen, den Straßenhändler Mevlut Karataş in Istanbul, in eine falsche Familiengeschichte hineingeraten lässt. Er schreibt an die richtige Schwester Liebesbriefe, die aus Textbausteinen bestehen, und entführt und heiratet dann die falsche Schwester und liebt sie. Um ihn herum wird eine falsche Stadt aus Gecekondus gebaut, Hütten, die in einer Nacht errichtet werden und deshalb keiner Baugenehmigung bedürfen. Paul Auster schreibt dagegen einen, seinen, Roman*** über die Varianten des Lebens, die wir alle mehr oder weniger tatsächlich erleben. Jedes Denken ist Wunsch. Jede Biografie ist auch Traum und Zerstörung. Keineswegs benötigt man, wie ein Kritiker schrieb, eine Tabelle, um sich alle Varianten merken zu können, vielmehr wird die Persönlichkeit des kleinen Archibald  Ferguson um die Nuancen reicher und reicher, die seine Träume, Varianten und Verstellungen ausmachen. Paul Auster beruft sich schließlich auf das literarische Programm: die Verwandlung eines Menschen in einen Käfer****.

Das Problem des Jungen Chiron ist nicht so sehr, dass er vom Bösen umgeben ist. Auch als er im Gefängnis ist, es bleibt offen, ob der offen böse Gangleader überlebt, ist anscheinend nicht das Böse sein Problem. Er ist so still und verschlossen, dass er zwar das typische Opfer zu sein scheint, aber er ist auch nicht offen für den breiten Weg und die breite Pforte. Überall sind die Gefängnisse voller Menschen, die schon in ihrem Unglück gefangen sind. Das Böse heute ist nicht böser, als es schon immer war, aber das Gute ist auch genauso unsichtbar wie schon immer. Das Ideal des harten Dealers ist nicht weich zu sein, wie Juan, als er den verfolgten zarten und weichen Knaben entdeckt, sondern ein Auto, das allein mit seinem Motorgeräusch die Gasse erschüttert. Der Dealer wird nicht zum Leader, obwohl das ein Anagramm und demzufolge eine wunderbare Lösung wäre. Statt dessen steckt der dealer selbst in einem zu Tränen rührenden Dilemma, wenn ihm eines seiner Opfer plötzlich statt als Schlampe als Mensch, als Mutter und eben als Opfer bewusst wird. Die Mutter hingegen mag sich lange nicht damit abfinden, dass jemand anderes, jemand besseres sich um ihr geliebtes Kind kümmert. Erst in der altersweisen Schlussszene, und das ist eine der größten Leistungen des Films, die so genannten einfachen Menschen, die Opfer der Drogen und der Gesellschaft, als weise und milde zu zeigen, obwohl sie auch hart und gewalttätig sein könnten und auch oft genug sind, erst in der altersweisen Schlussszene in der Drogenklinik bekennt sich die Mutter zu ihren Fehlern und damit zu dem notwendigen Ersatzvater Juan. Chiron fehlt, wo das höchste Ideal der Deal ist, das röhrende Auto, der Dealer als Leader, der Sinn. Ein Sinn steckt nur in tiefer Menschlichkeit, die verschiedene Quellen haben kann, Vorbild, Philosophie, Religion, Leid, Verlust, selten Gewinn. Nicht die Anwesenheit des Bösen, sondern die Abwesenheit des Guten ist das Problem für Menschen in unbehüteten Verhältnissen. Die Sinnleere ist die schlimmste Lehre, die ein Mensch erfahren kann.

Auch filmisch ist MOONLIGHT ein Meisterwerk. Besonders stark sind die inszenatorischen Stanley Kubrick Zitate. Die Gewaltszenen dehnen sich unendlich, unaushaltbar, teilweise ohne Ton, teilweise mit klassischer Musik oder hip hop unterlegt. Die Taufszene, Chiron lernt in den Armen von Juan schwimmen, ist der Schlüssel zum Verständnis des Lebens: nur, wer schwimmen kann, kann das schmutzige feindliche Meer des Lebens überstehen. Irgendwann, sagt Juan zu Chiron, musst du dich entscheiden, wer du bist. Es gibt ein kleines Castingproblem, in dem weder Chiron noch Kevin als Erwachsene richtig gut zu erkennen sind. Die erwachsenen Schauspieler haben das aber mit großem darstellerischen Können überspielt: sie ahmen die Gesten, die Mimik, die Bewegungen ihrer jüngeren Kollegen meisterhaft nach. Wir Menschen bestehen in der Tat nicht nur aus Aussehen, sondern auch aus Charakter und Taten. Der hart-weiche Drogendealer Chiron mit dem noch größeren Auto ist immer noch das sensible motherless child aus dem Blues und aus dem griechischen Mythos, zu Tränen fähig und trotzdem im Leben verankert, wenn auch im falschen. Mit Paul Austers Protagonisten Ferguson könnte er sagen: ‚Ich bin du. Wer sollte ich denn sonst sein?‘ Das ist deshalb kein Film über Schwule oder Schwulsein, sondern über die Konstruktion des Menschen, der immer eine Dekonstruktion vorausgehen muss. Es gibt wohl doch ein richtiges Leben im falschen.

 

 

*          MOONLIGHT von Barry Jenkins, nach dem Theaterstück von Terell Alvin                           McCraney, 2016

**        Orhan Pamuk, DIESE FREMDHEIT IN MIR, 2014

***       Paul Auster, 4321, 2017

****     Franz Kafka, DIE VERWANDLUNG, 1912