SOLOMONs GRIME

 

Nr. 364

Man wünscht sich spätestens ab Seite 600 einen Mozartschluss: dam-dam-da-di-da. Statt dessen geht es aber so weiter wie bisher, als ob ein geklonter Franz Liszt immerfort artifizielle Permutationen desselben genialen Gedankens generierte, ein fortwährendes prestissimo und fortissimo als Ritardando eines asymptotischen Untergangs. Das andere Buch dagegen ist wie ein langsamer Beethovensatz, vierhundert Seiten lang: der Mensch ist nicht so politisch wie er sein könnte oder sollte.

Sibylle Bergs Buch GRIME stand als Neuerscheinung sozusagen auf dem Plan, während Toni Morrisons SOLOMONs LIED sich durch einen Zufall ergeben hat, noch dazu lieferte Amazon eine DDR-Lizenzausgabe, die ein Papier-dejá-vu bescherte: das schwerfällige, dicke und den Fingern unfreundliche Papier aus Schwedt, als es noch Großstadt sein oder werden wollte. Aber dann stellte sich doch die Frage: was schreiben zwei so angesagte Frauen anders als die immer noch zahlenmäßig überwiegenden Männer?

Nur als Frau kann man die Jagd, seit sie nicht mehr – vor der neolithischen Revolution – unmittelbares Existenzmittel ist, als das denunzieren, was sie ist: blutrünstiges Machogehabe, nicht so weit vom Mord entfernt. Vom Landgericht Stralsund wurden vorgestern zwei junge Monster verurteilt, die eben einmal sehen wollten, wie ein Mensch stirbt. Als Opfer hatten sie sich ein schwangeres Mädchen aus ihrem Freundeskreis ausgesucht. Zwar bekamen beide die jeweils mögliche Höchststrafe und werden wahrscheinlich nie wieder in Freiheit kommen, aber das versöhnt uns nicht mit dieser Tat und solchen Taten überhaupt. Die beiden Großschriftstellerinnen jedenfalls kritisieren die Jagd jeweils aus der Sicht des gezwungenen weichen Teilnehmers, für den das Erlebnis traumatisch ist. Wie weit Männlichkeit immer noch mit Härte identifiziert wird, kann man in einer eigenartigen Inschrift auf dem Bahnhof Wriezen lesen: Kevin Anders ist eine Pussy, steht da, und das soll heißen, dass dieser Kevin zu weich für diese Welt ist, wie jedenfalls der Graffiteur oder die Graffiteuse meint.

Toni Morrisons Buch handelt ausdrücklich vom Verhältnis der Männer zu den Frauen. Der Protagonist heißt Milchmann, weil er von seiner ungeliebten Mutter gestillt wurde, bis er zweieinhalb Jahre alt war. Nicht nur seine Mutter war ungeliebt, auch er selber sollte mit Schlägen und Stricknadeln aus dem Bauch getrieben werden, was seine Mutter verhinderte. Erst als Milchmann schon erwachsen ist, erkennt er seine Mutter und bewahrt sie einmal vor den Schlägen des sich omnipotent glaubenden Vaters, der es tatsächlich geschafft hat, aus dem Ghetto herauszuragen. Er besitzt Immobilien und lebt von den Mieten und Rückständen. Die zweite Frau im Leben Milchmanns ist seine Tante Pilate, von der er lange glaubt, dass sie einen Goldschatz verwahrt. Erst zum Schluss erkennt er sie als eine Traditionshüterin an, und da stirbt sie auch schon. Beinahe noch tragischer ist sein Verhältnis zu seiner Cousine Hagar, die er nicht liebt, mit der er aber über ein Dutzend Jahre ein Verhältnis hat. Sie nimmt sich das Leben, als er sie verlässt. Anders als die biblische Hagar ist Milchmanns Cousine selbstbewusst und liebt den, der sie nur als Verhältnis missbraucht, wenn auch nicht etwa bösartig, sondern eher gleichgültig. Morrisons Figuren haben alle eine tiefe Bindung an ihre Vorfahren, die Sklaven waren, davon handelt eigentlich der Roman. Die Schattierungen der Hautfarbe, als Projektion der Verachtung durch die weißen Sklavenhalter und durch den weißen Trash, spielen eine große Rolle, obwohl die beiden Großväter Milchmanns erfolgreich und reich waren. Milchmann, schon durch seinen Spitznamen an die Frauen gebunden, emanzipiert die drei wichtigen Frauen in seinem Leben spät, zu spät. Im Land seiner Vorfahren trifft er auf eine Schönheit, mit der es vielleicht sogar echte Liebe geben könnte. Eine andere Schlüsselszene ist die fast tödliche Prügelei, die nur deshalb ausbricht, weil Milchmann in der Kneipe sich verhält wie ein weißer, reicher Fremder, jedenfalls glauben das seine Kontrahenten. Darin liegt auch die Aktualität des Romans nicht nur für Amerika, sondern auch für unsere zu früh friedlich geglaubten und gehofften Gesellschaften, in denen immer wieder aus Hass und Angst Mord und Totschlag wird. Wir sind, so könnte wohl die Botschaft dieser liebenswerten, ein wenig verschnörkelt erzählten Geschichte lauten, wir sind, obwohl wir es nicht wollen, im Gestern vernetzt, aber selbst, wenn uns das Böse treibt, schleppen wir das Gute mit uns.

GRIME erzählt dagegen, dass wir, obwohl wir es nicht wollen, immer schon im Morgen angekommen sind, und alles das Gute scheint all das Böse nicht verhindern zu können. ‚Das ist keine Dystopie‘ steht auf der Rückseite des Umschlages, sondern ein brillanter Report einer selbst ernannten Realistin. Es ist ziemlich unrealistisch, sich für einen Realisten oder eine Realistin zu halten. Der ganze lange Roman tut so, als ob unser Leben schon jetzt und vor allem in naher Zukunft in jenem Schmutz stattfinden würde, nach dem die im Buch vorherrschende Musikrichtung heißt, nach der der Roman heißt. Tatsächlich sind viele Menschen jetzt schon in der virtuellen Welt abgetaucht. Sicher kann man besonders viele junge Menschen sehen, deren Leben fast ganz im Internet, in ihrem Endgerät, wie es im Roman heißt, spielt, sozusagen ohne sie. Und wir können sogar glauben, dass die beiden Mörder, die wir vorhin erwähnten, reales Leben auf die perfideste, schändlichste, böseste Weise ausprobieren wollten, fühlen wollten, was sie schon oft auf dem Monitor sahen. Aber diese eben doch dystopische Sicht übersieht aus stilistischen Gründen, dass das Internet, das Smartphone, der Computer, die Navigation, die AI für Milliarden Menschen eben auch Bildung, Teilhabe, Rettung, Kunst, Unterhaltung, Sprache, Kommunikation bedeuten. Milliarden Menschen reisen im wahrsten Wortsinn durch die Weltgeschichte, Dutzende Millionen Menschen können den Ort politischen oder wirtschaftlichen Elends verlassen und finden sich mit zusammengesuchten Brocken Englisch zurecht und den Weg zur nächsten Polizeistation. Ein Roman ist keine Universalenzyklopädie, aber ein Mentalatlas schon. Echt dagegen scheint die Angst vor der neuen Versklavung zu sein, die noch dazu mit vollständiger Überwachung einherzugehen scheint. Wir alle wissen jedoch noch nicht, ob es wieder Staatswesen geben wird, die – ähnlich wie die derzeitige chinesische Regierung – an einer solchen Kontrolle interessiert sein werden. Die Wirtschaft ist an uns als Konsumenten interessiert, und das beschreibt Berg in ihrem kunstvoll konstruierten Stil, der manchmal – bis in die generierten Pejorative hinein – von AI inspiriert ist. Die Wirtschaft ist an uns interessiert – ‚wir sind die verdammte Zukunft‘ [S. 509] -, aber wir müssen nicht bestellen. Es gibt eben keine Plus- oder Minuspunkte für Verhalten, wenn sich auch die Wähler von Trump, Putin, Bolsonaro, Erdoğan, Orban und wie sie alle heißen das wünschen. Mugabe ist schon gestorben, Strache und Salvini sind hinweggewischt und Erdoğan wackelt. China wird mit dieser Ordnung nicht triumphieren können.

Die fast entpersönlichten Figuren sind wahrlich traurige Gestalten, deren Vorbilder in der Wirklichkeit nicht bestritten werden können, aber sie sind, genauso wie der Schmutz der Städte, singulär, beherrschbar, sekundär. Übersehen wird der Sozialstaat als Bindemittel, dagegen wird seine Entmündigungstatsache in den Vordergrund geschoben. Dass wir uns in einer schwierigen Phase, in einer Krise sowohl der Demokratie als auch der Arbeitswelt befinden, heißt doch nicht, dass wir in dieser Krise verbleiben oder gar vergehen.

Die Hoffnung bei Morrison ist das Finden einer neuen Identität und vor allem Individualität. Die Hoffnung bei Berg bleibt aus. Und unter diesem Aspekt sind die 600 kunstvollen Seiten dann 500 zu viel. Die entpersönlichten Figuren entwickeln sich nur zum Schmutz hin. Zwar sterben auch bei Morrison wichtige Protagonisten, aber dass Thome erst sein ungeliebtes und ungeborenes Geschwisterchen mit den Knien tottritt, dann seine gehasste Stiefmutter ermordet und in Säure auflöst, dann den Vater, der nicht zum neuen Premierminister gewählt worden war, auf dessen Bitten hin – in ausdrücklicher Erinnerung an die Jagdszene –  erschießt, um sich dann selbst zu entseelen oder zu entleiben, das geht doch sehr weit in einen abgrundtiefen Pessimismus hinein. Es gibt in GRIME keine großartigen Momente, aber großartige Sentenzen und Erkenntnisse. Eine dieser guten Ideen ist es, die Weltbevölkerung gegen eine neue Weltbevölkerung auszutauschen. Einer der großen Sätze ist: ‚Emotionen, Hass und Wut, sie sind wie Saurier in einem kleinen Reisebus.‘ oder ‚Kaufen. Das hat sich bewährt. Es war noch einfacher als ein Glaube.‘ Darüber kann man natürlich streiten.

Die zerbrochene Welt, die dann nur noch der Schmutz zusammenhält, wird durch eine gebrochene und zerbrechende Syntax dargestellt. Das geht beinahe bis zum Exzess, allerdings auch auf Kosten des Lesers. Morrisons Stil dagegen wird durch die Übersetzung aus dem Slang heraus in eine gewisse Piefigkeit hineingezogen, liest sich aber überwiegend konventionell.

Die beiden großen Frauen setzen zu einem grandiosen Schluss an, beinahe wie Mahler in der dritten Sinfonie. Was aber bei Morrison Spannung bis zur letzten Zeile ist, ist bei Berg keine Entspannung, auch keine Entwarnung, wenn auch ganz zum Schluss, auf den allerletzten Seiten dann doch noch die Notbremse gezogen wird: die Welt geht vielleicht nicht unter. Davon nicht. Jetzt.

1000 Seiten, von zwei Frauen geschrieben, sind doch eine andere Sicht auf die Welt. Sie hat früher gefehlt: Stillen aus der Sicht des Kindes (Morrison) oder Sex aus der Sicht einer achtjährigen Nutte (Berg). Beide zeigen auch, dass das Unten der Frau und der Schwarzen nur ein Unten aus der Sicht der weißen alten Patriarchen war. Vielleicht hat Freud das mit seinem Übervater gemeint. In beiden Büchern wird auch das altväterliche Element der Namen und ihrer Bedeutung dekonstruiert. Die Namen der ehemaligen Sklaven sind fast genauso Beinahe-Karikaturen – übrigens auch der Bibel – wie die HipHop-Namen der Postpostpostmoderne, der angeblich nahen Zukunft. But: what’s in a name, wusste schon Shakespeare. Auf der einen Seite, das können wir bei Morrison lesen, wird eine neue Menschlichkeit geboren werden, wo sie früher gerade am wenigsten vermutet wurde. Auf der anderen Seite lesen wir bei Berg nicht, dass die Welt nicht nur digitaler, sondern auch komplexer und vielleicht ein bisschen besser wird. Wir hoffen es jedenfalls.

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