NEUE WELT PRENZLAU

Nr. 265

 

Die Welt mischt sich immer wieder einmal neu. In Prenzlau befand sich wenige Meter von der Marienkirche entfernt, ungefähr da, wo die immer noch vom letzten Krieg gezeichnete Jakobikirche heute eine Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge aus der ganzen Welt unterhält, ein slawisches Heiligtum. Mal nahm man an, dass die Slawen sich dem einwandernden Deutschtum willig assimilierten, weil sie es als technisch überlegen erlebten, dann wieder überwog die Ansicht, dass sich die Slawen erbittert der deutschen Ostexpansion und der damit verbundenen Zwangschristianisierung widersetzen. Kein Mensch kam bisher auf die Idee, dass es weder die Slawen noch die Deutschen gegeben hat. Es gab ganz sicher Slawen, die mit den Deutschen kooperierten, es gab die Anführer des großen Slawenaufstandes von 948 sowie die weinenden Mütter am Straßenrand, und es gab ganz sicher Slawen, denen alles ganz egal war. Es gab Deutsche, die den Osten kolonisieren und christianisieren wollten, was sich nach christlicher Ansicht ausschließt, es gab Deutsche, die einfach vor ihrem gewalttätigen Vater geflohen sind, andere wieder fanden die Mädchen der Slawen attraktiv, es gab Deutsche,die waren gar keine Christen, andere wieder waren gar keine Deutschen. Das war die Lage vor tausend Jahren.

Am Ende des zweiten Weltkriegs brennt die Marienkirche, einer der wuchtigsten Kirchenbauten Nordeuropas, nieder, nicht von alliierten Bombern getroffen, sondern sozusagen mit diffuser Täterschaft entzündet. So wie auch viele Dorfkirchen in der Umgebung kann die einheimische Bevölkerung, ähnlich wie die Massenselbstmorde vor allem von Frauen in Demmin, in einer Mischung aus Angst und Selbstbestrafung, die Kirche als mächtigstes Symbol der gesamten Vergangenheit (außer der slawischen) selbst in Brand gesteckt haben. Wahrscheinlicher ist natürlich, dass SS oder HJ oder beide die Kirche als letzte Selbstverteidigung geopfert haben. Das wäre sinnlos gewesen, aber der ganze Krieg war sinnlos. Anklam wurde am selben Tag von der Nazi-Luftwaffe zerstört, weil es sich kampflos ergeben wollte wie die Nachbarstadt Greifswald, warum soll nicht Prenzlau von der SS geopfert oder bestraft worden sein? Jahrzehntelang wurde behauptet, dass die ankommenden Russen die Kirche und die Stadt nicht ertragen konnten und sie deshalb sinnlos (sinnlos?) zerstört haben. In der Zwischenzeit lebten in Prenzlau neben der assimilierten ehemaligen slawischen Bevölkerung natürlich die Deutschen, aber auch zeitweilig fast ein Viertel Juden, dann aber im achtzehnten Jahrhundert auch ein Drittel Franzosen. Immer gab es viele Polen, denn Polen war nicht nur nie verloren, sondern immer auch ganz nah, ob nun mit oder ohne Grenze. 1929 kam eine große Gruppe von wolgadeutschen Mennoniten, die auf dem Roten Platz in Moskau solange demonstriert hatten, bis sie nach Deutschland ausreisen konnten. Sie kamen ausgehungert und verwahrlost in Prenzlau an und die Überlebenden wanderten weiter nach Paraguay aus. Nach dem letzten Krieg kamen viele Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, zu Fuß auch solche aus der Batschka, der deutschen Insel in Kroatien. Bevorzugt kamen auch Siebenbürger Sachsen und Rumänen nach Prenzlau. In den neunziger Jahren gab es soviele Russlanddeutsche in Prenzlau, dass der Zeitungskiosk im Kaufland zwölf russischsprachige Zeitungen führte. Im Jahr 2015 hat Prenzlau ziemlich geordnet und fast vorbildlich etwa 1000 Flüchtlinge aus aller Welt aufgenommen, untergebracht, in der deutschen Sprache unterrichtet und ihnen den einen oder anderen Sinn für ihre Freizeit und Freiheit gegeben.

Wer definiert jetzt bitte, wer oder was ein Prenzlauer oder ein Deutscher ist? Jedes Land ist ein ständiges Auf und Ab, ein Kommen und Gehen, so wie es in einer Familie auch ist.

Viel merkwürdiger als die verschiedenen Gruppen der Alt- und Neubürger – inzwischen sind die Stettiner und Batschkadeutschen Altbürger und Salinger, eine Familie auf dem vorbildlichen jüdischen Friedhof im Süßen Grund, das klingt gut, ist aber zwischen der Bahnlinie und der Bundeswehrkaserne, die – ich finde es falsch, das so zu nennen – laut Uckermarkkurier – eine transsexuelle Kommandeurin hat, Salinger ist ein weltberühmter, toter, äußerst skurriler Dichter in den USA, viel merkwürdiger sind die neuen Nationalisten, die ständig auf ihr Land kotzen möchten. Es ist zu vermuten, dass sie sich auf das berühmte Zitat eines berühmten Berliner Juden beziehen, der, als die Nazis die Macht übernahmen, gesagt hat, dass er nicht soviel essen könne, wie er kotzen möchte. Er hat es wohl eher als Berliner gesagt, aber vielleicht als Jude gedacht. Es ist schwer zu glauben, dass er ein jüdischer Maler war, denn er hat keine jüdischen Sujets gemalt. Die Bundeswehrkommandeurin ist auch nicht in Prenzlau, um sexuelle Abenteuer zu erleben – das dürfte auch sehr schwer werden -, sondern um die NATO-Dienststellen in Stettin mit Nachrichtentechnik zu versorgen. Es werden neuerdings Attribute verteilt, die nicht mitteilungsrelevant sind.

Die neuen Nationalisten, die ihr Land nicht lieben, sondern die Vergangenheit, haben genau die tausend Jahre als Richtschnur gewählt, die auch Hitler und Himmler vorschwebten. Wie wir alle wissen, haben sie diese Ziel verfehlt. Der Krieg ging verloren, wir sagen zum Glück, aber selbst wer es als Unglück empfindet, muss es eingestehen. Demzufolge muss man doch fragen dürfen, welche Vergangenheit sich die Nationalisten, die ihr Land nicht lieben, zurückwünschen. Im Kaiserreich gab es bittere Not, Hunger und Kinderreichtum, von dem die neuen Nationalisten annehmen, dass er ein Geschäftsmodell der Flüchtlinge sei. Die Neudeutschen haben nicht nur keine Kinder mehr, einige von ihnen halten Kinder auch nicht für etwas beglückend Schönes, einen Lebenssinn vor allen anderen, sondern für ein Geschäftsmodell. Gleichzeitig schimpfen sie auf den Kapitalismus. Sie halten uns – als Deutsche – für dumm. Ständig preisen sie Polizeistaaten mit ihren Unrechtssystemen und fordern strenge Bestrafungen nach dem Vorbild Saudi Arabiens und Chinas, obwohl sie und wir alle in einem der sichersten Länder der Welt mit sinkender Kriminalität leben. Die Kriminalität sank auch 2015 und vor allem 2016 weiter, obwohl angeblich so viele potenziell kriminelle Neubürger hinzukamen.

Nach der neuerlichen Aufzählung der Menschen, die in einer relativ kleinen Stadt wie Prenzlau in den letzten tausend Jahren hinzukamen und wegwanderten – ich erinnere an New Prenzlau in Queensland und Familie Salinger -, kommt man eher zu dem Schluss, dass die ständige neue Mischung von Menschen normal und wünschenswert ist, jedesmal aber mit Vehemenz von einer winzigen verbohrten Minderheit bekämpft wird. Natürlich kann man Nörgeln nicht verbieten, Polizeistaaten versuchen es immer wieder, aber man kann es als lästig empfinden. Die mutigen Menschen leben in den Flüchtlingsheimen, nicht draußen.

 

Neue Prenzlauer vor den slawisch-deutsch-christlich-jüdisch-französisch-polnischen-russland- und batschkadeutschen Orten, deren Ururenkel womöglich einst Meier heißen werden.

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DU MUSST DICH ENTSCHEIDEN: WILLST DU GLÜCK ODER UNGLÜCK

I

Nr. 255

Solche Fragen: ob die Bundesregierung uns 2015 über die Flüchtlinge belogen hat oder ob sie selber planlos vorgegangen ist, kann keiner von uns beantworten. Aber schlimmer noch: trotz sehr guter Quellenlage kann sie überhaupt niemand je beantworten.  Sich durchkreuzende Motivationen und Intentionen, sich widersprechende Nachrichten und Rechtslagen, allzu unterschiedliche Protagonisten lassen einen argumentativen Jungle entstehen, den niemand je wird lichten können. Allein die einzige Frage, ob die CDU eine christliche oder pragmatische Partei ist, lässt sich nicht beantworten.

In diese peinliche Lücke der Antwortlosigkeit stoßen seit Jahrtausenden die Besitzer von allerlei Wahrheiten, unumstößlichen Fakten,

Es ist also scheinbar so, dass unsere Antworten auf die Frage nach der Lüge oder der Planlosigkeit ganz unabhängig von allen Wirklichkeiten bei uns schon durch unsere Lebenseinstellung feststehen. je länger wir leben, desto schlechter sind wir beraten, bei allen neuen Problemen die Einstellungen unserer Eltern zur Lösung heranzuziehen. Dies geht nur im Kleinkindalter. Später ist die Differenz zwischen dem elterlichen, bewährten Lösungsansatz und den Bedingungen des Problems zu groß, als dass der konservative Lösungsansatz richtig sein könnte.

Schon in die richtige Richtung, ins Gestern, verweist die erste Quelle, die einen sehr großen Einfluss auf uns hat. Das müssen nicht die Eltern, das können auch Lehrer gewesen sein, bei Studierten ein charismatischer Professor, ein sehr gutes Buch. Immer größer wird der Einfluss populärer und populistischer Literatur. Unendlich groß ist die Zahl zum Teil sehr gut gemachter Zeitschriften und Magazine. Das Paradox besteht darin, dass wir unserer ersten oder bevorzugten Quelle desto mehr glauben, je größer die Zahl der Medien insgesamt wird, dass also gleichzeitig unser fast blindes Vertrauen und unsere aggressive Ablehnung steigen.

Vielleicht wehren sich die von uns ‚Rechten‘ genannten gegen den Begriff ‚rechts‘, mit dem sie sich nicht beschrieben finden, weil sie in Wirklichkeit im Gestern stöbern, statt im Morgen. Im Morgen kann natürlich niemand suchen, aber das Heute ist dem Morgen jedenfalls näher das das Gestern.  Das Festhalten am Gestern muss also nicht unbedingt rechtslastig, sondern kann auch ganz einfach zukunftsängstlich sein. Und es ist ja wirklich so, dass wir nicht nur das nächste Jahr nicht planen können, sondern auch nicht die nächste Woche oder Stunde. Die Planbarkeit erhöht sich auch nicht mit der Planerfüllung, denn jeder weiß, dass jedes Leben, jedes Land, jeder technische Prozess unvorhersehbar und jäh gestört, unterbrochen oder beendet werden kann. Das Merkwürdige ist, dass schon einer der großen Denker der Bibel, der legendäre König Salomon, diese Vergänglichkeit zum Ausgangspunkt seines oft pessimistischen Weltbildes gemacht hat. Er war wohl wie sein Vater kein law-and-order-Mann, schon wegen ihres Lebenswandels kommen sie beide dafür nicht in Frage, aber andererseits war Salomon auch kein blauäugiger Optimist, er hätte auch gut ein so genannter rechter werden können, wenn nicht sein kontraproduktives verhalten besonders den Frauen gegenüber gewesen wäre. Wir wollen damit nicht sagen, dass Rechte die Gesetze einhalten (Kanther-Syndrom), sondern  nur, dass sie Wert darauf legen für gesetzeskonform gehalten zu werden. Hitler hat seinen angeblichen Vegetarismus, Frauke Petry ihre fünf vernachlässigten Kinder in die Waagschale gelegt. Hitler gilt heute als der Inbegriff, das Synonym für Unmoral, Petry wird auch nach dem fünfzehnten Kind nicht Bundeskanzlerin. Sophie Charlotte, das ist jene mecklenburgische Prinzessin aus Mirow, die mit Georg III. von England verheiratet war und eine immer gut gelaunte und sehr gebildete Königin wurde, befand sich nach ihrem fünfzehnten Kind auf dem Gipfel ihrer Beliebtheit. erst als ihre großen Söhne auf dem Heiratsmarkt mit Gold und Geld um sich warfen, sank ihr Stern so tief, dass ihre Kutsche mit Steinen beworfen wurde.

Ebenso wie im Gestern bleiben viele Menschen bei der gegenständlichen Kunst stehen. Sie wollen Abbildungen. Auch bei Fotos verstehen sie eigentlich nur sich. Die Auflösung der Kunst begann aber mit der Inflation der Dinge. Es gibt so viele Dinge, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen können. Und deshalb begann die Kunst uns Eindrücke, Verpixelungen, geometrische Formen, Farben und gänzlich neue Zusammenhänge von Elementen als Mischung von Traum und Wirklichkeit uns vorzuführen. Die Fasslichkeit jedoch bleibt in der Diktatur und der gegenständlichen Kunst scheinbar erhalten und findet ihren konzentriertesten Ausdruck im Selfie: Ich kann die Welt nur durch mich selbst festhalten.

Die abstrakte  und expressionistische Kunst hatte aber die lange Steinzeit hindurch schon einmal Hochkonjunktur, so dass man sagen kann, dass die gegenständliche Kunst eher die Ausnahme ist. Eigentlich beginnt Kunst bei der Nichtgegenständlichkeit. Die Elemente der Kunst sind auf der einen Seite die Metapher, auf der anderen das Ornament, beide stehen nicht gerade für buchstäbliche oder fotografische Detailtreue.

Es gibt noch eine weitere Argumentengruppe, die keinesfalls außer acht gelassen werden darf. Die Regierung handelt immer fürsorglich, schon um die nächste Wahl zu überstehen. Sie versucht also alle Ereignisse auch im Sinne der Konjunktur zu verstehen und möglichst auch zu beeinflussen. Zwar wird der Einfluss der Politik auf die Wirtschaft oft überschätzt, aber andererseits gibt es bekannte und hochwirksame Beispiele für das Eingreifen der Politik in den Markt, wie New Deal in den USA und die Stützung der Großindustrie durch Aufrüstung im Dritten Reich. Diese Beispiele dienen als Vorlage für den Glauben an die ökonomische Kompetenz und Wirkmacht der Politik. Es kann also sein, dass die Bundesregierung in der Flüchtlingskrise sogleich die keynsianische Chance der Umlenkung staatlicher Geld zur Konjunkturbelebung gesehen hat, was von der traditionell und bekanntermaßen wirtschaftlich inkompetenten Rechten sofort als ‚Flüchtlingsindustrie‘ diskreditiert wird.

Politiker haben zwar oft eine akademische Bildung, sind aber selten wissenschaftlich tätig. Politik ist wohl eher die Kunst nur der Kompromisse, sondern auch der Balance zwischen den verschiedenen Interessen. Hätte die Bundesregierung im Sommer 2015 gegen die Flüchtlinge optiert, wäre die Zahl der Gegner ungleich größer gewesen. Die Rechten hatten ein comeback, das zwar medienwirksam war, aber sich nirgendwo mit  ernstzunehmenden Mehrheiten kreuzte.

Die Wahl oder besser die Vorwahl besteht also darin, dass ich von vornherein die optimistische oder die pessimistische Sicht wähle. So sehen wir dann die Welt, meist ein Leben lang. Und so agieren wir solange wir können. Und dann werden wir einst tagsüber auf eine Parkbank gesetzt und bleiben immer noch das, was wir waren: offen oder verschlossen, verkniffen oder freundlich.

Die wirkliche oder wahre Antwort heißt Liebe oder wenigstens Vertrauen, heißt Traum und Kunst und Gunst statt Hass und Verbitterung und Mord und Totschlag.

 

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KOHL UND STEINBACH

 

Nr. 247

 

Manche Dinge verkehren sich in ihr Gegenteil. Andere bewirken ihr Gegenteil. Menschen widersprechen sich und anderen. Andere hassen und bekämpfen sich. Das liegt daran, dass wir zur Vereinfachung der Welt ein dichotomisches Weltbild haben: gut und böse, warm und kalt, oben und unten,  Mann und Frau, man kann nicht ein bisschen schwanger sein, das war immer so, das sind die Fakten. Die katholische Kirche zum Beispiel, die gerade wieder vor der Ehe für alle warnt, warnte einst vor den Antipoden, von denen die meisten schon gar nicht mehr wissen, wer oder was das war.

Erika Steinbach war nicht vertrieben, sie war gar nicht aus Westpreußen. Sie ist dort geboren, weil ihr Vater nahe Danzig Soldat und ihre Mutter Flakhelferin war. Trotzdem war sie lange Zeit Präsidentin des Verbandes der Vertriebenen.  Als Vertriebenenchefin  hat immer wieder das Unrecht betont, das Polen angeblich über Deutschland gebracht hat. Irgendetwas in ihrem Leben hat sie dazu gebracht, die ganze Welt immer von gestern aus zu betrachten. Als schließlich die ganze CDU an ihr vorbeigezogen war, trat sie aus ihrer Partei und hielt am vorigen Freitag ihre letzte Rede, die ihr keinen Beifall und stattdessen eine Rüge des Bundestagspräsidenten einbrachte. Beifall erhielt sie, als sie sagte, dass sie aus dem Bundestag ausscheidet.

Konservatismus ist eine politische Richtung, aber Politik ist die Kunst der Kompromisse. Steinbach kollidierte nicht mit Merkel, sondern mit Kohl. Kohl hatte als Oppositionsführer und Kanzlerkandidat ähnlich vollmundig wie Trump die Rücknahme der Politik seiner Vorgänger angekündigt. Gemeint war der Ausgleich mit dem Osten und die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Das war die spektakuläre und visionäre Außenpolitik Brandts. Sie hat letztlich zu deutschen und europäischen Vereinigung geführt. Schmidt dagegen bekämpfte dem ultralinken Terror der RAF und erfand den NATO-Doppelbeschluss. Da gab es für Kohl, der Schmidt 1982 mit einem konstruktiven Misstrauensvotum, ermöglicht durch den Seitenwechsel der FDP, ablöste, nichts zurückzunehmen. Das alles muss Steinbach verschlafen haben. Kohl hat dann während seiner sechzehn Jahre als Kanzler den Nationalstaatsgedanken zugunsten der europäischen Union samt gemeinsamer Währung aufgegeben. Der Grund dafür war sicher nicht die deutsche Wiedervereinigung, die niemand ahnte. Später aber zeigte sich, dass die europäische Einigung die Kompensation für das vereinte und erstarkte Deutschland verstanden werden könnte. Das Rathenau-Modell, zu produzieren und nur durch die Qualität und Quantität der Produkte Absatzmärkte zu sichern, ist letztlich durch den konservativen Kohl durchgesetzt worden.

Kohl war kein Ideologe. er verstand sich als Machtmensch und Politik als pragmatisches Handeln. Kohl polarisierte in seiner Partei, konnte Menschen gewinnen und wegbeißen. Nur einmal hat er auch außenpolitisch polarisiert, aber diesen krassen Fehler sofort korrigiert. Nach dem Machtantritt Gorbatschows hielt er dessen Reformkurs für einen propagandistischen Trick und verglich ihn mit Goebbels. Diese Korrektur zeigt, dass Kohl die Größe hatte, die weit über die Verspottungsbegriffe hinausging, mit denen er gerne belegt wurde. Größe bewies er auch, als er im dichotomischen Wettstreit mit dem zwergenhaften Kanzlerkandidaten der SPD auf die Währungsunion setzte und damit die DDR mit einem Federstrich wegschob. Das wiederum verletzte die letzten verteidiger der DDR, und das waren erstaunlicherweise ehemalige Bürgerrechtler und Widerstandskämpfer auf der Seite und Betonköpfe der SED auf der anderen Seite. Das war eine winzige Minderheit. Angst dagegen hatten viele. Steinbach scheint auch das verschlafen zu haben. Vielleicht kam sie 1990 in den Bundestag nur durch die Konjunktur der CDU. Jedoch setzte sie ihren Marsch rückwärts fort. Sie trat aus der evangelischen Kirche, die ihr zu modern war, und schloss sich jener Splittergruppe* an, die sich um 1850 gegen die Modernisierungsversuche des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gebildet hatte.

Kohl dagegen konzentrierte sich in den nächsten Jahren auf ein neues Ziel: die europäische Einigung, deren eine Dimension er zusammen mit dem CSU-Führer Theo Waigel erreichte, die gemeinsame Währung. Die zweite notwendige Dimension, die Aufgabe der nationalen Souveränität zugunsten eines funktionierenden europäischen Parlaments und der dazugehörigen Regierung, bleibt weiter umstritten. Einleuchtend ist es aber, dieses Europa der Regionen, denn die Nationalstaaten sind Konstrukte des neunzehnten Jahrhunderts und seiner Kriege bis hin zum zweiten und letzten Weltkrieg.

Auch Kohl war ein Konservativer. Er hielt sein Ehrenwort höher als die Gesetze. darin steckt eine letztverbliebene konservative Verachtung der Demokratie. Sie hat ihm und der CDU nur geschadet. Überhaupt ist Kohl mit seinem eigenen Erbe schlecht umgegangen. Während Adenauer und Brandt zurecht kultisch verehrt werden, und Schmidt sich ein Leben als elder statesman erarbeitet hat, nach dem er hochgeachtet starb, hat Kohl, und darin zeigt sich seine Kleine, seinen Ruf auf lange Zeit verdorben. Groß war er ohnehin nicht, aber ein bedeutender Pragmatiker, den die zeit mit Erfolg verwöhnt hat und dem wir in Europa demzufolge viel verdanken.

Wenn es für Kohl eine Gnade war, so spät geboren zu sein, dass er nicht mehr schuldig werden konnte, er war fünfzehn Jahre alt, als der Krieg zuende ging, so war es für Steinbach scheinbar eine Strafe, zu spät geboren zu sein, um all das verantworten zu dürfen, für das sie sich später einsetzte. Warum hat sie Polen beschimpft? Warum hat sie sich immer gegen Versöhnung ausgesprochen? Wir sollten nicht nur nicht gegen Versöhnung sein, sondern unsern Nachbarn danken, dass sie uns verziehen haben. Aber auch das ist ein Satz von gestern. Denn in Wirklichkeit ist die Gegenwart des letzten Krieges zum Glück im Nebel der nachfolgenden Generationen und eingewanderten Mitbürger verschwunden.

Steinbach glaubte, wegen Merkels humanitärer Flüchtlingspolitik nach rechts ausweichen zu müssen. Aber sie landete im Orkus der Unmenschlichkeit und damit des Verbrechens. So hart kann Dichotomie sein.

 

 

* die altlutherische oder selbstständige lutherische Kirche

DEUTSCHE GRUNDSUPPE

 

Nr. 230

Ringelpietz mit Anfassen war schon in meiner Jugend der verächtliche Ausdruck für sinnlose Treffen älterer Menschen, auf denen es um das Essen ging. Deshalb stand vorsorglich auf der Einladung: für das leibliche Wohl ist gesorgt. Diese Formulierung stammt aus der Zeit, da die Menschen in den Alpentälern oder in der Uckermark einmal im Jahr zu einem Fest ins Nachbardorf gingen, das soweit entfernt war, dass sie, als sie ankamen, schon wieder Hunger hatten. Überhaupt war der Hunger im neunzehnten Jahrhundert noch weit verbreitet. Damals war also das leibliche Wohl gefährdet, wenn man zwanzig Kilometer lief. Heute dagegen sitzen dicke alte Menschen herum, die Kuchen, gegrillte Schweine, Bier und Kaffee liter- und kiloweise in sich hineinschütten. Fast jede Veranstaltung, auch wenn sie Gottesdienst oder Konzert oder Bürgerdialog heißt, ist mit Fressen und Saufen verbunden. Die meisten Teilnehmer sehen auch so aus, als ob ihr leibliches Wohl bald in Überfressung und Unwohl umschlüge.

Das ist einer der Gründe, warum jede Gesellschaft nicht nur der Erneuerung durch die nächste Generation bedarf, sondern auch durch die sogenannten Fremden, die – aus welchen Gründen auch immer – ein und auswandern. Es ist geradezu lustig, mit heutigen Refugès durch Dörfer zu fahren, in denen vor dreihundert Jahren ebenfalls Refugés ankamen. Damals waren es vor allem Glaubensgründe, die aber schnell in wirtschaftliche Argumente umschlugen, denn die Flüchtlinge brachten Kenntnisse, Handwerke und Initiativen mit, die hier nicht bekannt waren. Noch heute sieht man die französischen Tabakscheunen aus den gewöhnlichen Scheunen wegen ihrer Größe herausragen. So wie heute die türkischen Einwanderer waren damals die französischen weitaus selbstständiger, hatten mehr Unternehmen  als die vergleichbaren Alteinsitzer. Das hängt sicher damit zusammen, und dafür ist natürlich die Einwanderung in Amerika das beste Beispiel, dass nicht gerade die initiativarmen und mutlosen Söhne gehen. Die Flüchtlinge sind ja die Fortschreitenden. Der Fortschritt kommt nicht vom Beharren auf Sätzen und in Orten.

Meine ostafrikanischen Flüchtlinge wollten schon ein Jahr lang ins benachbarte Polen, weil sie gehört hatten, dass dort alles billiger ist als hier. Jetzt endlich haben sie den lang ersehnten Reiseausweis und dürfen in fast alle Länder, mit Ausnahme ihres Heimatlandes, reisen. Denn erstens kämen sie dort ins Gefängnis und zweitens würden sie hier ihren Schutzstatus verlieren. Der Hauptmann von Köpenick lauert überall. Die lustigste Begegnung, die wir in Stettin hatten, war beim Essen. Stettin ist bekanntlich eine polnische Großstadt. Davor war sie siebenhundert Jahre lang eine deutsche Großstadt und davor war sie mindestens vierhundert Jahre lang eine  slawische Burg und Stadt. Meine Ostafrikaner sind koptische Christen, die aber viel genauer die Vorschriften und Rituale einhalten. Wir mussten also im katholischen Polen etwas zu essen suchen, das sowohl kein Fleisch als auch keine Milchprodukte enthielt. Im Einkaufszentrum Galaxy gibt es vielleicht ein Dutzend Restaurants, neben dem polnischen, wo nichts vom Fasten zu sehen war, ist das türkische. Dort gaben wir in Englisch unsere nicht ganz leichte Bestellung auf. Die jungen Verkäufer und Verkäuferinnen können übrigens alle sehr gut Englisch. Es gibt kein Problem. Das ist überhaupt auch der lieblingssatz meiner Flüchtlinge. Problematisch ist eher, aber die Gründe liegen in der Politik, wie wir alle wissen, dass es im katholischen, also christlichen, also nächstenliebenden Polen keine Flüchtlinge gibt. Damit ist einerseits der Mut meiner Flüchtlinge bewundernswert, in dieses Land zu wollen und auch zu fahren. Andererseits war es auch ein versuch. Wir sind überall gut aufgenommen worden. Die meist jungen Verkäuferinnen waren keinem Flirt und Witz abgeneigt. Jedenfalls gab es also einen wunderbaren türkischen Salat mit Oliven und scharfer (‚spiced‘) Sauce in einem amerikanischen Einkaufzentrum in der polnischen Stadt, die lange deutsch war, für ostafrikanische (‚Habesha‘) Flüchtlinge und ihren Betreuer und Paten, der von französischen Refugés abstammt. Amtssprache ist hier Englisch. Wir sind hier in Europa. Europa ist genauso wie Amerika ein Einwanderungsgebiet, schon einmal weil es auch ein Auswanderungsgebiet ist.

Die Grundsuppe muss nicht nur gut gerührt werden. Sie darf uns nicht anbrennen. Sie wird aber auch langweilig, wenn sie immer nur die gleichen Bestandteile hat (‚krauts‘). Die refugees kommen alle aus Familien mit vielen Kindern. Es wird keiner geopfert, sondern einer vorgeschickt. Aber er erkundet nicht nur, sondern schickt Geld nach Hause. Er bleibt Mitglied der Familie. Vielleicht war er nicht nur der wendigste, sondern auch der offenste.

Bei dieser Fahrt, es war nicht unsere erste, aber unsere erste ins Ausland, für sie die erste legale Auslandsreise überhaupt, wurde streng darauf geachtet, dass ich genügend Kaffee bekam, den sie bezahlten. Da sie sich aber nicht trauten zu bestellen, ging ich mit und bestellte auf polnisch. Am Tisch fragte dann B., der bezahlt hat, ob es in Polen Menschen gibt, die tigrinisch können. Er hatte das Wort ‚herbata‘ gehört, das es, was wir alle nicht wussten, sowohl in Tigrinisch gibt, da heißt es vier, und in Polnisch, da heißt es Tee. Das kann man sich am Herbarium merken, dem getrockneten Kräutergarten, dem Vorläufer des Gewächshauses oder der Darre. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und heißt Kraut, siehe oben. Globalisierung kommt auch aus dem Lateinischen und heißt rund, Erdenrund. Globalisierung ist nicht das, was man machen oder verhindern kann, sondern das, was passiert, wenn man keine Kriege und Grenzen mehr hat, sondern nur noch Handel und Wandel treibt, wenn man die Eisenbahn erfindet, das Automobil und das Smartphone. All das führt dazu, dass aus den vielen verschiedenen Menschen die Menschheit wird. Die Regierung in Warschau hinkt hinterher, die Menschheit in Stettin ist da weiter.

Niemand sollte einem anderen die Suppe versalzen. Aber wir sollten schon für neue Gewürze offen sein. Das Wort Grundsuppe habe ich direkt aus dem sechzehnten Jahrhundert importiert. Luther bezeichnete das Papsttum, so heißt auch ein Dorf in Mecklenburg, als Grundsuppe des Teufels. Müntzer dagegen, der gevierteilte Sympath, nannte den Besitz die Grundsuppe des Wuchers, den wir alle ablehnen, auch jene, die das Geld und den Geiz lieben. Für den Geiz gibt es immer gute Gründe, die Güte steht dagegen grundlos da.

DIE GEGNER SIND ALLE IM INTERNET

Nr. 227

Ein Brief

 

Liebe D.T.,

endlich habe ich nun das von dir geschenkte Buch gelesen und verstehe, warum du es mir geschenkt hast. Viele Schreibende – bei den Lesenden erfährt man es nicht – sind in dieser uns so schnell erscheinenden Zeit – aber ein Blick in den Salomon, Shakespeare und die Barockdichtung zeigt: die fanden die Welt auch zu schnell, bloody tyrant time – fasziniert von der Gleichzeitigkeit der Menschen und Dinge. Wir erleben als nebeneinander stehend, was unsere Vorfahren noch schön sortiert nacheinander erfuhren. Genossen haben sie es auch nicht, sie litten unter dem, was sie sahen, wir leiden an der heutigen Welt und eines unserer klagenden Lieblingsworte ist deshalb auch ‚heutzutage‘, was immer so klingt, wie ein resignierender Greis im Kreis seiner technikbegeisterten Enkel.

Einen alternde Professor, der mit der plötzlich vorhandenen Zeit und dem leeren Raum um ihn her hadert, beschreibt Jenny Erpenbeck aus der Pankower Erpenbeck-Literatur-Dynastie in ihrem jüngsten und hochaktuellen Roman GEHEN, GING, GEGANGEN. Modellhaft stellt er unsere vielfach zerrissene und auf wundersame Weise Gleichzeitigkeit repräsentierende Welt dar. Er kann auch nach fünfundzwanzig Jahren nicht so recht fassen, dass er im vereinten Deutschland nicht nur lebt, sondern hochangesehen und wohlhabend ist. Zwar wurde das Orchester, in dem seine Frau einst Bratsche spielte, abgewickelt, aber sie hatte, wie wir auf den letzten Seiten erfahren, noch drei weitere Probleme, nämlich dass sie nach einer Abtreibung keine Kinder mehr bekommen konnte, dass ihr Mann eine Klischeegeliebte hatte, nämlich eine Studentin, und dass sie deshalb dem Alkohol in diesen kleinen billigen Chantréfläschchen, die es an der Kasse gibt, verfallen war. Dieses Vakuum füllt der alternde Professor mit seiner Beschäftigung, denn zunächst ist es mehr Interesse als Engagement, für eine Gruppe westafrikanischer Flüchtlinge, die er auf dem Oranienplatz zufällig gesehen hat. Am meisten wundert er sich darüber, dass wir als aufgeklärte, höchstmoderne, mit schnellster Informationstechnik ausgerüstete Menschen nicht in der Lage sind zu unterscheiden, ob wir etwas wollen oder etwas uns will. Würden wir mehr auf die Afrikaner hören, so wäre die Antwort schnell gefunden: Wer das Mittelmeer in lecken Schlauchbooten ohne Steuermann überlebt, mit dem hat Gott etwas vor. Wer kurz vor dem Verhungern ist, dem zeigt das Schicksal einen Ring, der in einer für einen einzelnen Menschen viel zu großen Villa sinnlos herumlag, wie der Leser weiß, schon seit Jahrzehnten. Aber da begibt sich der Dieb, obwohl er sein Überlebensproblem kurzfristig gelöst hat, in ein unlösbares moralisches Dilemma, das mit seinen kindlichen Thesen und unserem übertriebenen Rechtsverständnis kollidiert. Er tritt, obwohl die Erzählerin die Schuldfrage letztlich offen lässt, nach dem möglichen Diebstahl nicht mehr auf und muss sich selbst verleugnen. Wir lehnen aber diese einfachen klaren Denkstrukturen ab und nennen sie kindlich. Wenn wir bei Verstand geblieben sind, lehnen wir aber auch die Produkte eines kranken, bürokratischen Ungeistes ab, der zum Beispiel Duldung als Aussetzung der Abschiebung definiert. Demnach wäre Leben auch nur die Aussetzung des Todes und der Bürokrat in einem üblen Sinne allmächtig. Vielmehr ist der Professor in seiner Ostvilla das Sinnbild, nach dem wir handeln könnten und nach dem er auch im letzten, fast utopisch zu nennenden Kapitel handelt: er füllt sein Sinnvakuum mit Menschenliebe und seine Bibliothek mit lieben Menschen. Um das als richtig, machbar und notwendig zu erkennen, muss er aber erst eine Berliner Odyssee durchlaufen, vom Altersheim, das jetzt ein Flüchtlingsheim ist, aber dann umgebaut wird, nach Spandau und von da in das Kirchen- und Wohnzimmerasyl.

Und genau dort in Spandau, liebe D.T., du hast es vielleicht geahnt, kam auch ich in der ersten Flüchtlingskrise vor zwanzig Jahren zu meinem Interesse an der Verwandlung von Papierfetzen in Menschen. Genau wie damals in Spandau, sind auch hier die Flüchtlinge in einer ehemaligen Kaserne untergebracht, und das ist allemal besser als in einer Turnhalle, die noch dazu gebraucht wird. Die Kaserne dagegen braucht niemand mehr. In ihren großen, für Appelle und hallige, louisarmstrongmäßige Befehlsschreie gedachten Fluren stehen noch die russischen Bezeichnungen aus der Besatzungszeit. Wenn ich noch länger dorthin gehe, entdecke ich im Keller vielleicht auch noch die Uniform eines toten Wehrmachtshauptmannes. Oben kochen meine Ostafrikaner ihre scharfen Saucen und brutzeln deutsche Hühner zu äthiopischen Kostbarkeiten um. Wie der Professor aus dem Buch erhalte ich als einziger Besteck, ich kann die Suppe nicht mit dem Brot, das injera heißt, essen. Eine weitere schöne Parallele sind die Autofahrten. Die Menschen, die uns an der Kreuzung stehen sehen, vier Schwarze und ein verrückter weißer alter Mann, verstehen die Welt nicht mehr. Und damit haben sie recht: es ist schwer zu verstehen, dass die Welt sich gerade wieder, vielleicht wirklich aller fünfzig Jahre, in einem Umbruch befindet. Wir wissen es nicht, aber vielleicht bringt dieser Umbruch wieder einen Schub Gerechtigkeit. Der fiktive Professor und der reale Dorfschullehrer hören jedenfalls die gleichen Geschichten aus West- und aus Ostafrika: jeder Cent, der hier durch Sparen und billigstes Essen übrig bleibt, wird nach Hause geschickt. Dort muss eine Schwester aus dem Gefängnis in Libyen freigekauft werden, hier wird ein Stück Land für die ganze Familie in Ghana gekauft.

Im Roman, den ich nicht gleich gelesen habe, weil mein Vorurteil gegen dokumentarische Literatur manchmal Zeit haben will, wird ganz deutlich der Gewinn gezeigt, den wir alle von den Flüchtlingen und überhaupt von allen Migranten haben: die Welt, die wir als Erfahrung brauchen, kommt zu uns. Migration ist so gesehen ein Pizzadienst der Weisheit. Unser Sinnvakuum füllt sich langsam, nicht ohne Rückschläge auf.  Das überflüssige (ich hoffe, dass die mitlesenden Ökonomen das leicht verachtende Wortspiel erkennen) Geld wird sinnvoll unter die Menschheit gebracht. Die Umweltkatastrophe, die durch unsere maßlose Energieverschwendung beschleunigt wird, kann durch die Aufnahme von Menschen aus anderen Weltgegenden abgebremst werden. Die Besinnung auf traditionelle Techniken könnte dies noch unterstützen, zum Beispiel Fahrräder aus Bambus, die in Ghana hergestellt werden. In Westafrika gibt es begnadete professionelle Autobastler, die aus von uns aufgegebenen Ruinen keine Nobelkarossen, aber doch fahrtüchtige Flitzer machen. Aus Ostafrika kam einst der Kaffee und kommt er noch, aber wir, die wir ihn lieben, verachten seine Erfinder. Vielleicht war der Finder des Kaffees wirklich ein Ziegenhirt in der äthiopischen Provinz Kaffa, der beobachtete, dass seine Ziegen munterer waren, wenn sie von einem bestimmten Strauch gefressen hatten. Auch er konnte in der Mittagssonne eine Aufwachdroge gut gebrauchen.

Gestern war ich im Heim verabredet, aber es war niemand da. Später wird eine Botschaft nach der anderen bei Facebook eingehen. In der Küche brutzelte ostafrikanische Köstlichkeit und ein Baby schrie. Und zum zweiten Mal merkte ich, dass sich schwarze Babies (a boy or a girl?) von alten weißen (stupiden?) Männern gern und gut beruhigen lassen. Die Mutter freute es.

Unsere Welten sind offensichtlich nicht nur kompatibel, sondern komplementär. Wenn jeder einen Flüchtling aufnähme, gäbe es keine mehr. Und in noch einem Punkt geht es mir und sollte es uns allen wie dem alternden Professor in dem Roman gehen: Ich kenne nur Sympathisanten. Die Gegner haben sich alle ins Internet verzogen.

 

Jenny Erpenbeck, GEHEN, GING, GEGANGEN, Roman, Knaus 2015

DIE WEIHNACHTSMASCHINE

 

Nr. 170

Selbst wenn die Weihnachtsmaschine nur Lametta herstellen könnte, wäre sie Teil von dem, was in der gesamten christlichen Welt von Weihnachten erwartet wird, und das ist zu viel. Die Weihnachtsmaschine, wenn es sie gäbe, wäre so etwas wie die Turingmaschine, nur eben zur Lösung aller emotionalen Probleme aller Menschen. Schlaf, Drogen, Depressionen, aber auch Kunst und Religion helfen uns, das zu schwere Leben auszuhalten. Vom Lametta erhoffen wir uns die Lösung unserer unlösbaren Probleme. Im Weihnachtsbaum, der zur christlichen Metaphorik in keinem Zusammenhang steht, erhoffen wir uns die Reproduktion unserer Kindheit, genauer gesagt die widerspruchsfreie Katharsis, die auch in unserer Kindheit nur zu Weihnachten und vielleicht noch partiell in den Sommerferien eintrat, wenn der Sommer heiß und schön war. Genauso ist die hundertprozentige Erfüllung unserer Wünsche oder Ausführung unserer Pläne eben nicht möglich. Insofern ist jeder Weihnachtswunsch Illusion. Noch schlimmer ist es, dass die Erfüllung eines Wunsches ein noch größeres Bedürfnis erschafft, als es mit diesem Wunsch vorhanden war.

Die Kritik, dass Weihnachten einfach eine Verstärkung von Frustrations- und Konsumverhalten ist, ist so alt wie dieses Verhalten selbst. Deshalb wurde die Geburt von Jesus mit Weihnachtbäumen, Engeln und Christkindern, Nikoläusen und schließlich Weihnachtsmännern verstärkt, aber auch sie haben ihre Höhepunkte überschritten und verblassen gerade.

Wir wollen gleichzeitig eine Atempause und einen moralischen Ansporn, den wir aber mit Absicht jedes Jahr überhören, weil wir immer die Welt durch Kritik an den andern verbessern wollen. Auch die Pause füllen wir uns mit einem Kalender voller Termine zur angeblichen, tatsächlich aber weit verfehlten Besinnung. Auch diese Kritik ist schon sprichwörtlich.

Wahrscheinlicher fällt die wachsende Verkultung von Weihnachten eher mit der Sinnkrise der wohlhabenderen Menschheit zusammen. Ein fehlender Sinn wird aber immer noch nicht als Defizit empfunden. Statt dessen wird weiterhin das Wohlstandsdefizit als eigentliches Problem benannt, so als würde das neunzehnte Jahrhundert fortdauern. Hunger lässt sich einfacher und himmelschreiender beschreiben als Leere.

Dabei stehen der Sinn des Lebens und die Weihnachtsbotschaft in engstem Zusammenhang: die Lösung kommt nicht von außen. Wer auf den Sinn des Lebens wie auf ein Weihnachtsgeschenk wartet, kann lange warten. Man kann den Sinn des Lebens nicht bei Amazon bestellen. Wer auf einen Erlöser wartet, kann ebenso lange warten. Vielmehr ist die Weihnachtsbotschaft eine Metapher der Selbstbefreiung. In jedem neugeborenen Kind ist die Hoffnung auf Sinn und Sinngebung, nicht auf Sinnerlangung.

Jeder hat es schon einmal erlebt, dass ein langes Gespräch Licht in das Dunkel bringen kann. Das muss und kann nicht die Lösung des Problems sein, falls es ein Problem gibt, sondern eine neue Sichtweise, eine Ermutigung. Wer schon einmal in einer verzweifelten Lage war, weiß, dass die Ermutigung mehr wert ist als die fertige Lösung oder der richtige Weg. Denn es gibt keinen richtigen Weg, es gibt keine widerspruchsfreie Lösung. Das ist das Paradox des Weihnachtsgeschenkes: wenn man es endlich hat, ist man schon wieder unbefriedigt und in Erwartung des nächsten Weihnachten. Wenn wir uns die Welt als einen tiefen dunklen Wald vorstellen, etwa wie bei Rotkäppchen, dann ist der Wegweiser eher eine Falle, unsere Hoffnung ist zu einem Drittel Misstrauen und zum dritten Drittel Verzweiflung. Sieht man umgekehrt die Welt als Metapher für einen dunklen unwegsamen Wald, dann sind am Ende mehr verführte als frohe Menschen zu sehen.

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Die Weihnachtsbotschaft ist Freude, aber die meisten Menschen sind gar nicht froh. Sie leiden an sich, an ihren Widersprüchen oder Pickeln, an ihren Wünschen oder Hoffnungen oder Geschenken. Der Sieg über den Hunger hat mehr Probleme geschaffen, als er gelöst hat, woraus nicht folgt, dass das Leben mit dem Hunger leichter gewesen wäre. Nur fielen damals Sinn und Hungerbeseitigung – oder Essenbeschaffung – zusammen.  So gesehen sind die Flüchtlinge, die derzeit zu uns kommen, nicht nur eine demografische Chance, sie lösen nicht nur ein Problem, das wir noch nicht einmal als Problem erkannt haben.

Sie zeigen vielmehr, dass Ermutigung immer Mut voraussetzt. Man muss seine kaputte Hütte und sein verzweifeltes Leben verlassen, durch die Wüste und das Meer zu neuen Ufern und Orten aufbrechen. Man muss die petrifizierten Metaphern wieder verwirklichen. Dann erst können sie zu einem neuen Narrativ erstarren, was wieder, wer weiß, wie lange, Leuchtkraft und Beispiel sei.

Allerdings dürfen wir uns nicht nur unserem klapprigen Smartphone anvertrauen, sondern müssen dem Menschen auf der anderen Seite der Kommunikation ins Auge blicken, wenn wir schon nicht ins Herz sehen können.

 

Es gibt keine Turingmaschine, die alle Probleme berechnen und berechnend lösen kann, wenngleich ein Smartphone oder ein Personalcomputer fast wie Wunder sind. Trotzdem ist der Traum dieses obersympathischsten Träumers und Nerds aller Nerds, Alan Turing, Ansporn und sinnloses Weihnachtsgeschenk, Hoffnung und Enttäuschung zugleich. Unser meistgesprochener Satz am Computer ist: Warum macht er das jetzt nicht. Und nicht: Ein Wunder, was er alles kann! Übrigens ist der Nerd of Nerds ganz ähnlich zu Tode gekommen wie der Lord of Lords: man war befremdet von seinem Anderssein.

Es gibt keine Weihnachtsmaschine, die alle unsere Kindheitsgefühle reproduzieren könnte. Ein dickes Märchenbuch mit 2002 Geschichten, eine fantastischer als die andere, käme dieser ersehnten Maschine noch am nächsten. Die verzweifelte Hoffnung auf die Zernichtung des Hoffens, die reine Rationalität also, war ein Irrweg. Dagegen ist der Irrweg durch die Märchen und Geschichten, durch die Legenden und Gleichnisse, der einzig wichtige Weg zur Ermutigung, zur Hoffnung, zur Lichtung durch Licht und nicht durch fadenscheinige Argumente. Nicht das Medium ist die Botschaft, sondern die Geschichte selbst ist die Botschaft, die Geschichte, die sich jetzt vor unseren Augen abspielt. Die Lösung ist das Naheliegende, was in diesem Moment bei dir anklopft.