DER WERT EINES APFELS

Nr.  338

Im Fernsehen beißt ein Mann oder eine Frau in einen Apfel und als Text hört man, dass man sich krankenversichern oder prophylaktisch behandeln lassen soll, damit man später auch noch so kraftvoll in Äpfel beißen kann. Unsere liebsten Äpfel kommen aus Neuseeland und Israel. Dagegen ist nichts einzuwenden. Das sind die neuen Eckdaten für ein einstiges fundamentales Lebenssymbol.

Durch den Überfluss der Dinge haben sich sowohl das Ranking als auch der Fokus verschoben. Der Mensch entfremdete sich erneut von seinen Lebensgrundlagen. Die erste Entfremdung war bekanntlich die Industrialisierung, die Arbeiten wurden – aus handwerklichen oder bäuerlichen Produzenten – zum Teil des Arbeitsprozesses oder sanken sogar zum Maschinenteil herab. Ein Arbeiter bei VW, der die Setzung von 400 Schweißstellen pro Minute sowohl am Monitor als auch analog verfolgt, erhält einen Teil seiner Selbstständigkeit zurück: er kann die ganze Arbeit verwerfen und verschrotten. Die zweite Entfremdung lässt uns genetisch manipulierte, aus Massentierhaltung stammende oder über eine Entfernung von mehr als 18.000 Kilometern herbeigeholte Lebensmittel verzehren, zu denen wir kein Verhältnis entwickeln können. Gleichzeitig erklärt sich der Bauer im Nachbardorf, der mit computergesteuerten Systemen 2000 Hektar bearbeitet, zum wichtigsten Beruf. Als Gipfel dieser unheilvollen Phase sieht man immer wieder eine geschälte Mandarine, die in Plastik eingeschweißt ist. Eins unserer Hauptprobleme heißt Verpackung, die auch ein Teil der Entfremdung ist. Eine einfache Influenza-Diagnostik beschäftigt heute eine ganze Phalanx von Maschinen, die den Ärzten jedes empirische Denken und Handeln buchstäblich aus der Hand nimmt.

Immer wieder gibt es Versuche, unser Leben zu reformieren, auf den Boden der Natur zurückzuführen. Vor hundert Jahren blühte eine vielschichtige Reformbewegung, die auf Obsternährung, Sport und Genossenschaften gründete. Nackte, langhaarige Prediger zogen durch Europa und ermahnten die Menschen zur natürlichen Lebensweise. Fünfzig Jahre davor warb der viel gelesene Graf Tolstoi für Bildung und Einfachheit, allerdings in extrem christlicher Ausprägung. Wieder hundert Jahre zurück glaubte Rousseau, dessen Einfluss man nicht überschätzen kann, dass die damals so genannten Wilden das eigentliche Leben repräsentierten, während jede Zivilisation notwendig rückwärts geht.

Wie zwei Lavaströme aus dem Eyjafjallajökull laufen also die Rationalisierung genannte Entfremdung und die Reformierung genannte Rückkehr zur Natur nebeneinander. Eine Maschine nach der anderen wurde erfunden, heute redet man fast ausschließlich von Künstlicher Intelligenz, also von Maschinen, die Maschinen und Technologien ohne weiteres Zutun des Menschen herstellen. Der Alptraum dieser Entwicklung sind Milliarden von Menschen, die weder verhungern noch etwas tun.

Der Apfel muss als Tatsache und als Symbol wieder in unser Bewusstsein und in unsere Jackentasche zurückkehren. Nicht nur vor dem Weltuntergang und nicht nur jeder Mann sollte einen Apfelbaum selbst pflanzen und nutzen. Schon allein die dann entstehenden Gespräche wären eine ungeheure Bereicherung. Dabei wäre die autarke Ernährung auf dem Land nur ein abstraktes und ideales, der Vitamin und Sauerstoffreichtum das konkrete Ziel.

Bildung sollte weniger als staatliche, oft widerwillige wahrgenommene Aufgabe gesehen werden, sondern als kollektive und vor allem aktive Aneignung der äußeren, der maschinellen und der inneren Welt. Als Fächer genügen Fußball, Theater und Scouting. Alle notwendigen Abstraktionsprozesse würden sich unterwegs ergeben. Vorbild ist nicht nur der katechetische und maschinengestützte europäische Bildungstyp, sondern auch der afrikanische Ubuntukreis mit fünfzig Schülern als Gegenmittel zu allzu ausgeprägtem Individualismus.

Arbeit muss wieder als Wertschöpfung wahrgenommen werden können, das heißt, sie muss es auch sein. Die beiden größten Errungenschaften, das Handwerk und die Landwirtschaft, müssen von jedem Menschen auf der Erde verstanden und praktiziert werden. Wir können nicht mit dem Wahn weitermachen, immer nur die letzte Erfindung als größte und einzige Möglichkeit zu verstehen. Der gegenwärtige Preisunterschied zwischen industriellen und handwerklichen Produkten würde sich durch eine Verschiebung der Anzahl der Produzenten ausgleichen. Wie die Lebensreformbewegung vor hundert Jahren setzen wir auf Genossenschaften als Organisationsform. Aber auch die vor zwanzig Jahren eher ironische gemeinte ICH-AG sollte ernsthaft gedacht werden.

Der Lebenssinn ergibt sich aus den neuen und überdimensionierten Möglichkeiten der Kunst als Antikonsum. Durch die milliardenfache Reproduktion ist Kunst einerseits zum Konsumartikel herabgesunken, andererseits aber durch die Inflation von Zeit und Geld für jeden machbar. Es fehlen – als Bindeglied – oft nur die Fertigkeiten. Fiktion ist längst Teil der Wirklichkeit geworden, aber viele glauben noch und nur an die Kraft der immer wackliger werdenden Fakten. Die Menschen sehnen sich sowohl nach Sinn, der sich aus Kunst, als auch nach einem Übervater oder einer Übermutter, die sich aus entzerrter Religion ergeben. Jede Institution trägt den Keim der Spaltung und des Wahns in sich. Vielleicht und hoffentlich eröffnen die online-Vernetzungen neue Möglichkeiten.

Zwei Irrwege der Industrialisierung sind die großen Städte und das Automobil. Die Konzentration von Menschen als Arbeitskräfte war nur eine historische Etappe, ist heute überflüssig. In den nichtindustriellen Ländern ist dieser Irrweg ohne Industrie, aufgrund der bloßen Hoffnung auf ein besseres Leben nachgeahmt worden. Allein die Slums von Lagos, der 22-Millionen-Stadt in Nigeria, mit ihrer eigenen Lebens- und Produktionsweise, teilweise auf dem Wasser, ihrer Kunst und ihrem Leid und hunderttausendfachem Tod auf Megatonnen Müll, sollte ein schnelles Umdenken von den Städten aufs Land bewirken. Fragt man alte Menschen in dünnbesiedelten Gegenden, warum sie ein Auto – in Australien und Island auch gerne ein Flugzeug – benutzen, dann zeigt sich die Grundversorgung als Hauptgrund. Aber jede Ware ist heute online bestellbar und mit Elektroautos am nächsten Tag lieferbar. Die medizinische Versorgung muss ebenfalls einfach neu organisiert werden.

Es geht also nicht um einen neuen Maschinensturm – silesian weaver’s like -, sondern um den Unterschied von Renaissance und Konservatismus. Während der Konservatismus zwangläufig auch schädliche Traditionen – wie zum Beispiel die Wehrpflicht oder das Robbentöten – bewahrt, kann die Renaissance diejenigen Elemente der Vergangenheit wiedergebären, die jetzt einen völlig neuen Sinn oder einen Zweck für alle – omnibus, ubuntu -, eine neue Dimension oder eine ungeahnte Vernetzung haben.

Globalisierung – seit 1444! – ist auch angstbesetzt, die einen fürchten eine Islamisierung, die andern eine Anglisierung. Diese Ängste mögen verständlich sein, nachvollziehbar sind sie zum Glück nicht. Mit dem Wohlstand sinkt nicht nur die Kinderzahl, sondern auch die Notwendigkeit institutionellen Glaubens. Statt also Angst zu kultivieren, sollten wir lieber – freiwillig – einen Weltramadan einführen und uns freuen, dass wir mit jedem Menschen, welcher Muttersprache auch immer, in Englisch online – und natürlich auch analog – reden können.

Lasst uns lieber Gedanken importieren als Äpfel.

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SPIEGELVERWERTUNGSGEMEINSCHAFT

 

Nr. 212

Das Wort TEILEN erlebt nach einem Jahrhundert des SAMMELNS eine Renaissance, wenn nicht eine Hochkonjunktur. Das müsste uns nicht beruhigen oder beunruhigen, weil wir seit langem wissen: Steine sammeln, Steine zerstreuen, und man kann es auf den Feldern tatsächlich beobachten. Ein Traktor mit Arbeitsleiste und einem Arbeiter zieht seine Runden und sammelt die Steine, die die Eiszeit zuvor verstreut hatte. Manche Steine wurden zu Häusern oder Schlössern oder auch Straßen verdichtet, andere liegen in Söllen, jenen Wasserlöchern der Eiszeit, wieder andere bedecken Gräber, und man fragt sich, wie haben unsere Vorfahren vor dreitausend Jahren derart schwere Steine bewegen können. Die Antwort ist seitdem: mit ihrem Geist. Vielleicht schalteten sie auch zwischen ihren Geist und die Aufgabe eine Megamaschine. Das Auf und Ab des Lebens fand schon immer seine Metapher in solchen symbolischen, aber gleichzeitig auch nützlichen Tätigkeiten.

Während im Westen schon immer der Grundsatz galt: eine Zeitschrift ist eine Zeitschrift ist eine Zeitschrift, war hinter dem Eisernen Vorhang klar: eine Zeitschrift aus dem Westen ist der verdichtete, ja komprimierte Blick in den Westen, also in die Welt, durch ein zufälliges Fenster. Das zufällige Fenster konnte ein Kofferraum sein, der sich aus ganz anderem Grund geöffnet hatte, aber neben Sandwiches und Klopapier eben auch den Spiegel enthielt. Die Tasche eines Westverwandten konnte es sein, der keine Angst vor der Zollkontrolle gehabt hatte, die natürlich keine Zollkontrolle, sondern eine verlängerte Zensurmaßnahme war. Westeuropäer und Ostrentner teilten sich damals in die absolut ängstlichen, die nichts schmuggelten, und die mutigen, die ein Buch oder eine Zeitschrift nicht als verboten anerkannten. Es ist immer wieder lächerlich zu sehen, wie Diktatoren oder Potentaten sich vor dem Wort und dem Witz fürchten. Sie können nicht ohne Groll regieren. Alles Schlechte wird einem imaginären Feind zugeschrieben und alles Gute dem ebenso imaginären Freund angelastet.

In den osteuropäischen Großstädten gab es deutschsprachige, vor allem jüdische Sprachinseln, aber auch die deutschen Minderheiten, die außer in Rumänien zu Miniminderheiten geschrumpft waren, hatten Kulturräume, in denen der SPIEGEL auslag. Meist waren es alte und zerlesene Exemplare, aber manchmal war auch ein ganz neuer darunter. In Warschau und Bukarest gab es noch jüdische Gemeinden und  Theater, und in deren Lesestuben konnte man sich einfinden. Tee erhielt der Exot aus Ostdeutschland umsonst. Von daher kommt unsere Vorstellung, dass eine Zeitschrift mehr ist als eine Zeitschrift, dass die Komprimiertheit des Wissens, aber auch der Luxus einer eigenen Meinung etwas Bewahrenswertes ist. Im Osten wurde ohnehin vielmehr gesammelt, legendär war unser Plastiktütenwahn, die Ansicht, dass Verpackung selber eine bewahrenswerte Qualität sei. Da wir Brutto nicht verstanden, konzentrierten wir uns auf Netto und Tara. Der Mangel erzeugt immer eine Art ansaugendes Vakuum. Diebstahl wird toleriert, wenn er einen  staatlich gelenkten Mangel ausgleicht. Dass man  damit das Gesamtsystem noch mehr schädigt, war uns nicht bewusst. Aber wenn es uns bewusst war, dann wurden wir für verrückt gehalten. Zum Beispiel fand mein Aufruf ‚Wer sich nicht anstellt, muss nicht anstehen.‘ kein Gehör. Im Westen wurde zur gleichen Zeit die Losung eines ebenfalls kaputten Dichters bevorzugt: ‚Macht kaputt, was euch kaputt macht.‘ Die gesamtdeutsche Antwort auf beide zerrissenen Teilthesen kann nur lauten: MACHT, WAS EUCH KAPUTT MACHT, GANZ.

Eine kompakte Zeitschrift erzeugt nicht nur kompaktes Wissen, sondern auch Altpapierberge. Diese kann man sammeln wie ein Mensch von damals, diesseits des Eisernen Vorhangs, man kann sie recyceln wie ein Bürger diesseits des nur noch fragmentarisch vorhandenen eisernen Vorhangs, oder aber man kann ein geistig-materielles Recycle-Programm mit einer Teilhabe mehrerer genossenschaftlich verbundener Personen ins Leben rufen. Das haben wir getan.

Durch ein Abonnement statt bisher teils sehr aufwändiger und sogar unsinniger Einzelkäufe wird der Arbeitsplatz des Verteilers gesichert. Das ist keine so leichte Aufgabe. Ich kenne einen Informatikstudenten, der ein paar Monate lang nicht nur die Zeitungen und Zeitschriften in Berlin-Kreuzberg verteilte, sondern die dazugehörigen Datensätze im Kopf hatte und auf den Wegen zwischen den Abonnenten an einer App arbeitete, die das alles verarbeitete. Sodann haben wir den Abonnenten, das bin ich für den Printteil, für den elektronischen Zugang, der rabattgestützt daranhängt, konnte ein Student der Volkswirtschaft an einer Eliteuniversität gewonnen werden. Die Printhefte gehen dann in ein weiteres uckermärkisches Dorf, wo sie zweitgelesen werden. Nach einer gewissen Zeit der Sammlung werden die Hefte dann nach Berlin-Reinickendorf zu einem Studenten der Sozialwissenschaften befördert, der damit seinen Rückstand des Lesens im allgemeinen und der Politik im Besonderen aufholen will. Das macht er seit Jahr und Tag sogar mit freiwilliger Kontrolle.

Warum kann man nun nicht, so fragen die Befürworter von Genossenschaften und Teilgemeinschaften schon mehrere Jahrhunderte lang, auch andere Güter so teilen und einer Gemeinschaft nutzbar machen? Dem steht offensichtlich das künstlich, durch Aufklärung, Wohlstand und Demokratie, vielleicht auch nur durch die industrielle Massenproduktion geschaffene Individuum gegenüber, das Ideale und Teilideale von Besitz und Unabhängigkeit in sich trägt, die nicht zu verwirklichen sind. Es macht gerade den Reiz des Lebens aus, dass einerseits unverwirklichbare Ideale den andererseits nicht zu beseitigenden Widersprüchen, deshalb heißen sie so, gegenüberstehen. Wie Vater und Sohn oder Mutter und Tochter sich gegenüberstehen, obwohl sie zu einem hohen Prozentsatz identisch sind, so sehen sich Ideal und Wirklichkeit unversöhnlich an. Der Sohn wird zum Kompromiss, wenn er Vater wird. Der Wohlstand hat nicht nur zur Hungerfreiheit geführt, sondern auch zur Sammelleidenschaft. Das ist keineswegs neu, steht schon im AltenTestament, aber neu ist seine Inflation. Wir haben zum ersten Mal Gesellschaften, in denen die Menge und sogar Mehrheit der Menschen mehr als satt ist.

Und so könnte eine neue Zeit des Teilens und der Genossenschaften gekommen sein. Es wird immer wieder behauptet, dass der Mensch an sich böse, egoistisch oder gewaltbereit sei. Wäre das so, sage ich seit langem, wären wir seit langem schon nicht mehr. Der Impuls das Kind zu schützen war immer größer als der, das Kind zu verwerfen. Das ist der Grund, warum die Menschheit, seit wir uns selbst reflektieren, wächst. Dieses Wachsen empfindet sogar wieder eine Minderheit als bedrohlich. Angst ist eine Tatsache, aber keine Entschuldigung für das Böse. Das Fremde ist sicher oft mit Angst besetzt, aber es ist auch immer die Quelle des Fortschreitens.