DAS HÖLTERLEIN-ZIMMER

 

Nr. 285

1

Wir öffnen das Fenster und sehen hinaus. Draußen steht ein Baum. Wir sehen ihn, aber gleichzeitig fällt uns ein, was wir über den Baum und die Bäume wissen. Der Baum hat also eine eigene Erzählung. Der Fachbegriff dafür heißt Narrativ, von lateinisch narrare = erzählen. Gleichzeitig und unabhängig von den Begriffen gibt es auch große Menschheitserzählungen, mit und in denen wir uns besser erkennen können. In allen Kulturen gibt es Erzählungen von der Entstehung des Menschen, zum einen, weil niemand wissen kann, wie der Mensch entstand, zum anderen, weil Prozesse über Millionen Jahre nur in einer symbolhaften Erzählung verstanden werden können. Die Geschichte von der Zerstörung der Stadt Sodom wegen des unmoralischen Lebenswandels ihrer Bewohner mag uns kindisch vorkommen, aber Tatsache ist, dass es unmoralische Menschen, zerstörte Städte und die ständige Verwechslung von Ursache und Wirkung  gibt. Diese Geschichte, so kindisch sie die Vernunft auch verurteilen mag, kennt jeder.

2

Schelling, Hegel und Hölderlin lebten für kurze Zeit im selben Zimmer im Evangelischen Stift Tübingen, zwei künftige Philosophen und ein unglücklicher Dichter sollten Pfarrer werden, wurden es aber zum Glück nicht. Wenn Hölderlin, dessen Namen Goethe sich nicht merken konnte oder wollte und in Hölterlein verhunzte, nichts neues vorzutragen hatte und nichts zu lernen war, gab es vielleicht Gespräche. Schelling mag gesagt haben: Ich lerne nur, um selbst zu schaffen, nur durch dieses göttliche Vermögen der Produktion ist man wahrer Mensch, ohne dasselbe nur eine leidlich klug eingerichtete Maschine.* Hölderlin erwiderte vielleicht: O, ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Haus stieß und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.** Hegel überlegte lange und stieß dann hervor, indem er heftig in seinem Heft blätterte: Ist erst das Reich der Vorstellungen revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.***

3

Es ist möglich, dass Kafka mit seiner vor hundert Jahren entstandenen Erzählung über die Metamorphose des Handlungsreisenden Gregor Samsa die Entstellungen des Menschen durch den ersten Weltkrieg vorwegnahm. Im Gegensatz zu seiner trostlosen Figur Samsa, dem summenden Käfer, war Abteilungsdirektor Dr. Franz Kafka in seiner Versicherungsgesellschaft hochgeschätzt und galt als fast unersetzbar, er wurde weder für den Krieg noch für seine 1917 mit einem Blutsturz beginnende schreckliche Krankheit freigestellt. Aber auf seinen Wegen wird er die verstümmelten Opfer des Krieges gesehen haben. Im Hungerwinter mag dies besonders kafkaesk gewesen sein.

Der erste Weltkrieg hat sowohl die schrillste Kriegsbegeisterung hervorgerufen als auch den stillsten Pazifismus. Die Kriegsbegeisterung wurde von vielen Intellektuellen nicht nur geteilt, sondern auch begründet und befördert. Die lange Friedensperiode in Europa verband man kausal mit der Entfremdung und Erstarrung, statt dass die Ursache dieser Entfremdung in der Industrialisierung und Säkularisierung gesehen wurde. Der Abschied der europäischen Menschen von der Natur, dem Dorf, der Familie, dem Handwerk und der Staatsreligion hat über ein Jahrhundert gedauert, wurde aber von den um 1913 lebenden Menschen auf den Überdruss des Friedens verortet. Im Krieg erwartete man die große Seelenreinigung, die man zu brauchen glaubte. Nur wenige Fachleute werden das tatsächliche Skript des Krieges geahnt haben: die Mechanisierung des Tötens mit dem Ergebnis seiner Potenzierung. Der Aufschwung von Chirurgie und Prothetik ist, genau wie die Weiterentwicklung von Kettenfahrzeugen und U-Booten, allein dem Krieg als Katalysator zugerechnet worden. Indessen führte die Seelenreinigung (Katharsis) des Krieges zu einer Sinnentleerung und einer zeitweiligen Aushöhlung des Tötungsverbots, die in Auschwitz und in den Gulag ihren Höhepunkt fand. Erst die Abschaffung der Todesstrafe und die theoretische und praktische Ächtung des Krieges haben zur vollständigen Wiedereinsetzung des Tötungsverbotes, merkwürdigerweise aber nicht zur Renaissance der christlichen Kirchen als moralischer Instanz geführt.

Die Entstellung durch das Alter findet sich schon in antiken Sagen, in denen Blindheit mit Weisheit gekoppelt werden, wie bei Teiresias oder Ödipus. Bei Teiresias, dem blinden Seher, wird auch die Vermännlichung der alten Frau und die Verweiblichung des alten Mannes dargestellt. Der unbekannte Dichter Anton Kuh sagte über den berühmten Dichter Stefan George, dass er wie eine alte Frau aussehe, die wie ein alter Mann aussieht. Und das sieht man häufiger! Bei den Brüdern Grimm taucht ein durch Tremor entstellter Alter auf, dem erst durch das Verständnis des Enkels seine Würde zurückgegeben wird. Die signifikante Erhöhung des Durchschnittsalters durch den allgemeinen Wohlstand führt zu der gerne als Vergreisung beschriebenen Deformation der Bevölkerungsstruktur. Oft übersehen wir dabei die damit einhergehende Entstellung zum Beispiel der Mobilität, aber auch der Sinneswahrnehmungen. Das Straßenbild wird zunehmend von Rollator genannten Gehhilfen bestimmt, Krücken, Stöcke, Hörgeräte, Brillen und Prothesen gehören zum Standardequipment des modernen Menschen in den Industrienationen, besonders in Japan und Deutschland. Dagegen ist in einem bitterarmen Land wie Niger die quicklebendige Hälfte der Menschen jünger als fünfzehn Jahre. Das Dilemma des Alterns ist die Wandel der körperlichen Gestalt und Funktion bei gleichzeitiger geistiger Wahrnehmung und Gestaltungskraft. Der Kern des Menschen, sein Wesen, seine Psyche bleibt unverändert, unbenommen. Das zeigt der zum Käfer geronnene Gregor Samsa aus Abteilungsdirektor Dr. Franz Kafkas heilloser fantasy. Die Idee der Entstellung als Folge der Entfremdung, als Ausdruck des Widerstands nach der Unterwerfung, der Freiheit also nach der Sklaverei der Arbeit, führte zu einem neuen Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit, das von Kafka vielleicht erahnt oder erhofft und in der ‚Verwandlung‘ versucht wurde.

4

Kafka ging gerne ins Kino. Das Kino war mit der Schallplatte, dicht gefolgt vom Radio und Fernsehen, der zweite Schritt der Reproduktionsfähigkeit von Information und Kunst. Weder Hegel noch Kafka konnten das erzählende (narrative) Zeitalter voraussehen, ihre Vorahnungen waren aber höchst erstaunlich. Tatsächlich gibt es eine bemerkenswerte Differenz zwischen der Realität und der Vorstellung. Kinder leben in einer parallelen Spielwelt, aber das Theater gibt es auch schon seit altersher. Nachahmung ist das Gegenstück von Seelenreinigung****, wie die Klageweiber des Orients die Umkehr und die Mütter seiner Helden sind. Der Hass über den autoritären Lehrer entlädt sich am besten in seiner Parodie. Die Tragödie beschrieb schon Nietzsche als einen Zwilling der Musik als Bewusstseinserweiterung. Aber auch Drogen erzeugen parallele Inhalte, Vergrößerungen, Minimierungen, Mobilisierungen, Omnipotenzierungen der phantastischsten Art. Die Flugfähigkeit des Menschen, auch sie eine der antiken Ursagen, nämlich Ikarus und sein Erfinder und Vater Daidalos, der auch das Labyrinth und seine Lösung fand, den roten Faden, wurde noch im sechzehnten Jahrhundert im Bereich der Magie gesehen, so dass der vermutlich erste Mensch, der mehr als wenige Meter flog, Ahmed Celebi, zunächst kurz gefeiert, dann aber verbannt wurde. Im Verbannungsort, der maghrebinischen Wüste, starb er dreißigjährig und allein.

Zunächst erscheint es so, als ob all die Technik der Informations- und Kunstreproduktion die Entfremdung vertiefen oder ein neue Entfremdung erzeugen würde. Millionen tief in ihre Geräte versenkter Jugendlicher lassen uns glauben, dass sie für die Realität verloren sind. Auch die parallel entstandene HipHopKunst handelt von der Flucht aus der Welt, wie schon vor ihr die Romantik oder das Barock. Statt also ein apokalyptisches Verschwinden zeigt die Gegenwart vielmehr ein katalytisches Verwandeln, einerseits zyklisch, andererseits progressiv. Dass der Bruch mit der Vergangenheit diesmal tief und vor allem schnell sei, daran hegt niemand Zweifel, nur das heißt bei weitem nicht, dass er auch zerstörend oder gar endgültig sei.

Das Reich der Vorstellungen ist technisch so radikal revolutioniert, dass auch der Inhalt sich zu verwandeln beginnt. Was mit Edgar Allan Poe und Jules Verne als science fiction begann, hat eine ganze fantasy-Industrie hervorgebracht, einen Komplex aus Filmen, Spielen, Musikproduktionen, Verbundnetzen, die thematisch festgelegt oder generalisiert sind. Zwar bleibt es eine Illusion, dass man zum Beispiel bei facebook mit mehr als zwei Milliarden Menschen kommuniziert, davon abgesehen, dass es nach wie vor keine Botschaft für sie gäbe, aber die Illusion hat die Möglichkeit an die Seite bekommen und das Minimalmodell: mit den uns bekannten Menschen können wir über Raum und Zeitgrenzen hinweg kommunizieren. Das hilft nicht nur bei der Bewältigung der komplexen Realität, sondern erweitert auch fortlaufend die Vorstellung. Der heutige Mensch muss sich nicht in einen Käfer verwandeln, er kann sich selber zu jeder Zeit und überall jede nur vorstellbare Gestalt geben, ohne entstellt zu werden. Seine Vorstellungskraft wächst mit der Zahl seiner Verwandlungen.

5

Es gibt auch immer die Angst, all das Neue könnte die Intimität zum Beispiel der Familie oder der Liebe zerstören, eine solche produktive Gedankenbrutstätte wie das Hölterleinzimmer würde es gar nicht mehr geben. Das Gegenteil scheint wirklicher zu sein: das Ende des achtzehnten und der Beginn der neunzehnten Jahrhunderts war für Jugendliche die Hölle. Man glaubte, dass man den Kindern das Gute und das Wissen einbläuen könnte, mit dem Stock das verstärken, was der Geist nicht vorstellen konnte. Das Böse erzeugt immer nur das Böse, aber das Gute erzeugt eben auch das Gute. Das wissen wir erst seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg dank der Geistesriesen Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King und John Lennon, die übrigens Menschen waren. Dass drei von ihnen von ihren Gegnern erschossen wurden, bestätigt das bittere Faustwort, dass, wer etwas davon erkannt, seit je gekreuzigt und verbrannt wurde. Es gibt immer auch die Angst. Natürlich steht auch Goethe mit seinem vielzitierten Faust in der Ahnenreihe des narrativen Zeitalters. Das Silicon Valley ist sechshundert Kilometer von der alten Traumfabrik Hollywood entfernt, aber direkt aus ihr geboren. Das Silizium, der elementare Grundbaustein des Computers, ist das Gegenteil von dem alten verhängnisvollen Silentium (SCHWEIGE!!!), das Generationen disziplinieren sollte. Der alte Traum, den Staat, den man einerseits als Strukturfaktor braucht, der sich aber immer, auch in seiner bürokratischsten Form, der Demokratie, verselbstständigt und zur Ordnungsmacht wird, der in so vielen Utopien – Nirgendwoen – zerstört wurde, um sich immer wieder zu erheben, scheint erst im berühmten Tal von San Francisco sein wohlverdientes Grab zu finden. Fast unbemerkt hat sich die Romantik (= ‚die Welt poetisieren!‘) verwirklicht und Besitz von den meisten Menschen ergriffen. Selbst im  ärmsten Land Afrikas, in Niger, kann man sich fast leichter eine Geschichte beschaffen als eine warme Mahlzeit. Die Vorstellung wurde revolutioniert, und das ist wohl nach der Freiheits-, Gleichheits- und Brüderlichkeitsrevolution die größte und noch größere. Es ist wunderbar – im wahrsten Sinne des Wortes -, dass das Denken nach dem Fliegen die größte Errungenschaft und das schönste Vergnügen, die beste Verwandlung und tiefste Revolution der Menschheit geworden ist. Was zählt, ist das Erzählte, nicht die Zahl.

 

6

So wie die Romantik der Reflex und die Abwehr der Industrialisierung und Säkularisierung war, eine Anti-Technik-Bewegung, die mit dem Gedicht gegen die Lokomotive vorging,  eine Flucht in den Traum, so ist vielleicht das Heraufbeschwören des Nationalismus oder auch nur der Nation der letzte Reflex des bedrängten Menschen, der seine letzte Identität schwinden sieht, die seiner nationalen Herkunft.

Wahrscheinlicher ist hingegen, dass der Mensch, so wie bei Kafka vorausgeahnt, zu Verwandlungen fähig ist, die sich in den großen Erzählungen, inzwischen meist Filmen oder Spielen, spiegeln. Und wer Herr über alle Geschichten wird, muss und wird nicht mehr schweigen. Neben die Inflation des Geldes und der Dinge tritt die Inflation des Wortes, auch des Schimpfwortes. Aber man darf sich nicht täuschen: Was zählt, ist das Erzählte. Geschichten machen nicht satt, aber besser. Satter als satt kann man nicht sein, aber besser als gut.

 

 

 

*SCHELLING, Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums

**HÖLDERLIN, Hyperion

***HEGEL an Niethammer 28.10.1808

****Mimesis ist das Komplement der Katharsis.

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DEUTSCHE GRUNDSUPPE

 

Nr. 230

Ringelpietz mit Anfassen war schon in meiner Jugend der verächtliche Ausdruck für sinnlose Treffen älterer Menschen, auf denen es um das Essen ging. Deshalb stand vorsorglich auf der Einladung: für das leibliche Wohl ist gesorgt. Diese Formulierung stammt aus der Zeit, da die Menschen in den Alpentälern oder in der Uckermark einmal im Jahr zu einem Fest ins Nachbardorf gingen, das soweit entfernt war, dass sie, als sie ankamen, schon wieder Hunger hatten. Überhaupt war der Hunger im neunzehnten Jahrhundert noch weit verbreitet. Damals war also das leibliche Wohl gefährdet, wenn man zwanzig Kilometer lief. Heute dagegen sitzen dicke alte Menschen herum, die Kuchen, gegrillte Schweine, Bier und Kaffee liter- und kiloweise in sich hineinschütten. Fast jede Veranstaltung, auch wenn sie Gottesdienst oder Konzert oder Bürgerdialog heißt, ist mit Fressen und Saufen verbunden. Die meisten Teilnehmer sehen auch so aus, als ob ihr leibliches Wohl bald in Überfressung und Unwohl umschlüge.

Das ist einer der Gründe, warum jede Gesellschaft nicht nur der Erneuerung durch die nächste Generation bedarf, sondern auch durch die sogenannten Fremden, die – aus welchen Gründen auch immer – ein und auswandern. Es ist geradezu lustig, mit heutigen Refugès durch Dörfer zu fahren, in denen vor dreihundert Jahren ebenfalls Refugés ankamen. Damals waren es vor allem Glaubensgründe, die aber schnell in wirtschaftliche Argumente umschlugen, denn die Flüchtlinge brachten Kenntnisse, Handwerke und Initiativen mit, die hier nicht bekannt waren. Noch heute sieht man die französischen Tabakscheunen aus den gewöhnlichen Scheunen wegen ihrer Größe herausragen. So wie heute die türkischen Einwanderer waren damals die französischen weitaus selbstständiger, hatten mehr Unternehmen  als die vergleichbaren Alteinsitzer. Das hängt sicher damit zusammen, und dafür ist natürlich die Einwanderung in Amerika das beste Beispiel, dass nicht gerade die initiativarmen und mutlosen Söhne gehen. Die Flüchtlinge sind ja die Fortschreitenden. Der Fortschritt kommt nicht vom Beharren auf Sätzen und in Orten.

Meine ostafrikanischen Flüchtlinge wollten schon ein Jahr lang ins benachbarte Polen, weil sie gehört hatten, dass dort alles billiger ist als hier. Jetzt endlich haben sie den lang ersehnten Reiseausweis und dürfen in fast alle Länder, mit Ausnahme ihres Heimatlandes, reisen. Denn erstens kämen sie dort ins Gefängnis und zweitens würden sie hier ihren Schutzstatus verlieren. Der Hauptmann von Köpenick lauert überall. Die lustigste Begegnung, die wir in Stettin hatten, war beim Essen. Stettin ist bekanntlich eine polnische Großstadt. Davor war sie siebenhundert Jahre lang eine deutsche Großstadt und davor war sie mindestens vierhundert Jahre lang eine  slawische Burg und Stadt. Meine Ostafrikaner sind koptische Christen, die aber viel genauer die Vorschriften und Rituale einhalten. Wir mussten also im katholischen Polen etwas zu essen suchen, das sowohl kein Fleisch als auch keine Milchprodukte enthielt. Im Einkaufszentrum Galaxy gibt es vielleicht ein Dutzend Restaurants, neben dem polnischen, wo nichts vom Fasten zu sehen war, ist das türkische. Dort gaben wir in Englisch unsere nicht ganz leichte Bestellung auf. Die jungen Verkäufer und Verkäuferinnen können übrigens alle sehr gut Englisch. Es gibt kein Problem. Das ist überhaupt auch der lieblingssatz meiner Flüchtlinge. Problematisch ist eher, aber die Gründe liegen in der Politik, wie wir alle wissen, dass es im katholischen, also christlichen, also nächstenliebenden Polen keine Flüchtlinge gibt. Damit ist einerseits der Mut meiner Flüchtlinge bewundernswert, in dieses Land zu wollen und auch zu fahren. Andererseits war es auch ein versuch. Wir sind überall gut aufgenommen worden. Die meist jungen Verkäuferinnen waren keinem Flirt und Witz abgeneigt. Jedenfalls gab es also einen wunderbaren türkischen Salat mit Oliven und scharfer (‚spiced‘) Sauce in einem amerikanischen Einkaufzentrum in der polnischen Stadt, die lange deutsch war, für ostafrikanische (‚Habesha‘) Flüchtlinge und ihren Betreuer und Paten, der von französischen Refugés abstammt. Amtssprache ist hier Englisch. Wir sind hier in Europa. Europa ist genauso wie Amerika ein Einwanderungsgebiet, schon einmal weil es auch ein Auswanderungsgebiet ist.

Die Grundsuppe muss nicht nur gut gerührt werden. Sie darf uns nicht anbrennen. Sie wird aber auch langweilig, wenn sie immer nur die gleichen Bestandteile hat (‚krauts‘). Die refugees kommen alle aus Familien mit vielen Kindern. Es wird keiner geopfert, sondern einer vorgeschickt. Aber er erkundet nicht nur, sondern schickt Geld nach Hause. Er bleibt Mitglied der Familie. Vielleicht war er nicht nur der wendigste, sondern auch der offenste.

Bei dieser Fahrt, es war nicht unsere erste, aber unsere erste ins Ausland, für sie die erste legale Auslandsreise überhaupt, wurde streng darauf geachtet, dass ich genügend Kaffee bekam, den sie bezahlten. Da sie sich aber nicht trauten zu bestellen, ging ich mit und bestellte auf polnisch. Am Tisch fragte dann B., der bezahlt hat, ob es in Polen Menschen gibt, die tigrinisch können. Er hatte das Wort ‚herbata‘ gehört, das es, was wir alle nicht wussten, sowohl in Tigrinisch gibt, da heißt es vier, und in Polnisch, da heißt es Tee. Das kann man sich am Herbarium merken, dem getrockneten Kräutergarten, dem Vorläufer des Gewächshauses oder der Darre. Das Wort stammt aus dem Lateinischen und heißt Kraut, siehe oben. Globalisierung kommt auch aus dem Lateinischen und heißt rund, Erdenrund. Globalisierung ist nicht das, was man machen oder verhindern kann, sondern das, was passiert, wenn man keine Kriege und Grenzen mehr hat, sondern nur noch Handel und Wandel treibt, wenn man die Eisenbahn erfindet, das Automobil und das Smartphone. All das führt dazu, dass aus den vielen verschiedenen Menschen die Menschheit wird. Die Regierung in Warschau hinkt hinterher, die Menschheit in Stettin ist da weiter.

Niemand sollte einem anderen die Suppe versalzen. Aber wir sollten schon für neue Gewürze offen sein. Das Wort Grundsuppe habe ich direkt aus dem sechzehnten Jahrhundert importiert. Luther bezeichnete das Papsttum, so heißt auch ein Dorf in Mecklenburg, als Grundsuppe des Teufels. Müntzer dagegen, der gevierteilte Sympath, nannte den Besitz die Grundsuppe des Wuchers, den wir alle ablehnen, auch jene, die das Geld und den Geiz lieben. Für den Geiz gibt es immer gute Gründe, die Güte steht dagegen grundlos da.

DIE MAUER WIRD NOCH IN HUNDERT JAHREN STEHEN…

Nr. 177

 

 

Es gibt einen kleinen Film, mag es nun ein Fake oder wirklich ein Experiment der Universität Duisburg-Essen sein, in dem in öffentlichen Verkehrsmitteln erneut die Segregation eingeführt wird, deren Abschaffung einst Martin Luther King und die ungeheuer mutige Rosa Parks im Montgomery Busboykott initiiert hatten. In Essen oder in dem Fake weigert sich nun die Mehrheit der Menschen oder der Schauspieler  in eine solche widersinnige und anachronistische Unordnung einzutreten. Was soll daran schlecht sein? Die Mehrheit der guten Menschen versichert sich von Zeit zu Zeit ihrer Mehrheit. Diese schweigende Mehrheit des Guten ist nur durch Demagogen und auch nur zeitweise zu beeinflussen. Demagogen nannte man früher die Populisten. Der eigentliche Mut des Busboykotts lag bei Rosa Parks, denn sie wusste ziemlich genau, dass ihre harmlose Aktion – nämlich auf dem Platz für Weiße einfach sitzen zu bleiben – für sie tödlich enden konnte. Für die Bewohner von Montgomery und die Besitzer der Busgesellschaft dagegen verwirklichte sich nur, was in der Bibel und in der amerikanischen Verfassung geschrieben steht. Deren Frage war falsch gestellt: woher nehme ich die Garantie, dass, wenn einmal die Schwarzen die Mehrheit haben, ich noch einen Platz im Bus bekomme. Die Frage ist ungefähr so sinnvoll wie die Frage des alten Mannes in Georg Kreislers Lied ‚Der Hund‘, was nämlich macht, wenn ein Krieg kommt und Welt untergeht, mein Hund.

Hamlet ist auch ein Fake und keine Wirklichkeit, wir lernen daraus trotzdem, dass wir uns mit überlanger Prokrastination nur schaden. Aber wir lernen aus Hamlet auch, dass es schwer ist, über seinen Schatten zu springen. Deshalb ist Veränderung ein ungeheuer langsamer Prozess, der hin und wieder von traumatischen Ereignissen durchbrochen wird. Die Ergebnisse von beiden Entwicklungslinien sind nicht voraussehbar, die Zeit ist andererseits irreversibel, unumkehrbar. Davon träumen die Fiktionen, an denen wir uns mehr und mehr erfreuen. Es gab einmal eine Zeit, wo viele Menschen Angst hatten, dass die Märchen durch ihre Grausamkeit den Kindern schaden könnten. Man nahm vielleicht an, dass jedes kleine Mädchen, das nicht schnell genug in seine neuen Schuhe zu schlüpfen imstande wäre, sich die Hacken abhacken würde. Der vielleicht berühmteste Märchenforscher und Kinderpsychologe Bruno Bettelheim fand heraus, dass Kinder Märchen brauchen und die Grausamkeiten als Fake oder Fiktion erkennen. Kinder wollen immer wieder hören und sehen, dass das Gute siegt, so wie in dem Essener Bus.  Die alten Griechen, von denen wir die ersten großen Erzählungen auf der Bühne haben, unterschieden auch schon in Komödien, in denen man über die Fehler der Protagonisten lachen kann, und Tragödien, wo sie sterben und wir mit geläuterter Seele nach Hause gehen. Die große Erzählung von David und Goliath weiß nichts vom falschen Triumph der Schwachen, sondern von der Erneuerung der Eliten. Bekanntlich wird der siebte Sohn des Hirten, der seinen Brüdern nur das Essen bringen soll, König und Begründer einer Dynastie, und zwar nur weil er die bessere Technologie hat.

Globalisierung beginnt nicht mit Kolumbus, der übrigens weder Amerika entdecken wollte noch sonderlich über die Zukunft der Menschheit nachdachte, sondern der einfach reich und glücklich werden wollte, wie wir alle. Besonderen Wert legte er auf den Titel Vizekönig von Indien. Trotzdem kann man das Ignorieren der Globalisierung mit dem Ignorieren der Kartoffelgestalt der Erde vergleichen und als präkolumbianisches Denken bezeichnen. Genau genommen ist es aber auch gar kein Denken, sondern ein Beharren.

Manche Menschen behaupten, dass sie, wie in der Diktatur, bestimmte Dinge nicht mehr sagen oder eben fragen dürften, sie nennen das dann Meinungsdiktatur, Lügenpresse, Gutmenschenfaschismus. Aber sie fragen jedes Mal das gleiche: ob jemand ihnen die Garantie geben könnte, dass im Essener Busfake, wenn die anderen die Mehrheit haben, sie sich dann für uns genauso einsetzen wie wir jetzt für sie. Dieser merkwürdige Gedankengang unterstellt, dass jemand die Zukunft voraussagen könnte oder dass politische Konstrukte, wie Staat, Sozialversicherung oder LAGESO, eine größere Halbwertzeit als hundert Jahre haben könnten. Letztlich ist die Frage eine Variation des berüchtigten Honecker-Satzes vom 19. Januar 1989, der übrigens auch stark tautologisch und demagogisch war, dass nämlich die Mauer noch fünfzig oder hundert Jahre bestehen bliebe, wenn sich die Bedingungen nicht änderten. Bekanntlich änderten sich die Bedingungen schneller, als Honecker denken konnte.

Von der Globalisierung profitieren wir alle, indem wir unsern Reichtum dem Export verdanken. Dabei spielen Waffen zum Glück zahlenmäßig nur eine untergeordnete Rolle von unter einem Prozent. Hauptsächlich exportieren wir Autos, Maschinen, Chemie- und Pharmaziewaren sowie Elektronik. Von der Globalisierung profitieren wir aber auch ganz persönlich, indem wir ein Handy benutzen, in dem Seltene Erden verwendet werden, das ist die etwas irreführende Kurzbezeichnung für gar nicht einmal so selten auftretende Metalle, die aber schwer zu gewinnen sind.

Globalisierung ist aber auch die Reise in den Hotelkomplex irgendeines Landes, dessen Bewohner viel ärmer sind als wir, die aber auch, indem sie uns bedienen oder Seltene Erden fördern, von der Globaliserung Nutzen haben und nicht etwa nur an den Folgen des Kolonialismus leiden. Wir leiden übrigens auch an den Folgen des Kolonialismus, indem manche Menschen immer noch nicht wissen, dass alle Menschen Brüder und Schwestern sind. Damals war Verbrüderung verboten, weil man Verkafferung befürchtete, ein Wort, das in den Köpfen einiger Menschen als archaische Angst herumspukt.

Schließlich aber ist die Globalisierung die Hauptursache dafür, dass die großen und wichtigen Länder der Welt keinen ernsthaften und großen Krieg mehr führen. Zwar gibt es noch Bürgerkriege, in denen auch Interessen der Nachbarländer oder sogar der Großmächte oder Möchtegerngroßmächte kollidieren. Aber alle diese bedauerlichen und überflüssigen Konflikte sind nicht mit dem Dreißigjährigen Krieg des siebzehnten Jahrhunderts (1618-1648) oder gar mit dem dreißigjährigen Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts (1914-1945) vergleichbar.

Obwohl Nietzsche sich selbst eher als scharfsinniger Beobachter gesehen haben wird, weniger als Konstrukteur einer neuen Gesellschaft, hat er zur Konstruktion der Zukunft, also unserer Gegenwart, doch einige Bauteile geliefert: die Umwertung aller Werte und Abschaffung restriktiver Moral etwa und eben die notwendige Beseitigung der Grenzen.

 

Ihr führt Krieg?

Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn?

So nehmt doch die Grenzsteine weg –

so habt ihr keinen Nachbarn mehr.

FRIEDRICH NIETZSCHE, Nachlass 1883, KSA Band 10, S. 137

Angst und Verachtung sind die eigentliche Katastrophe. Die Lösung aller Katastrophen aber ist Zuversicht.