NIEMAND HAT DIE ABSICHT EINE BRÜCKE ZU BAUEN

 

Nr. 358

Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zerfiel der zweimalige Versuch eines südslawischen Völkerbunds in einem blutigen und archaischen Krieg. Religion wurde als Grund des Krieges vorgeschoben und Massaker verübt, die gewachsene Strukturen durch Mord beenden sollten. Der Krieg ging von Serbien aus, das seine Vormachtstellung behalten wollte, und schließlich wurden die unterlegenen, angegriffenen Gebiete von der NATO unterstützt. Die damaligen Altlinken und die heutigen Neurechten feiern den Nationalbolschewisten Milošević als Märtyrer, während einige europäische Länder Kriegsflüchtlinge aufnahmen. Einer dieser Kriegsflüchtlinge, eine Junge namens Božidar*, der seine Eltern in diesem Krieg verloren hatte, war in meiner Klasse, um sein Fachabitur zu machen. Allein das ist schon erstaunlich, aber außerdem war er noch ein herzensguter junger Mann und ein sehr guter Schüler, vor allem auch im Fach Deutsch. Solche sprachbegabten Menschen sind in der Minderheit, aber sie erfreuen uns besonders. Damals gab es in Berlin noch kein Zentralabitur und die Lehrer konnten die Lektüre und die Prüfungsthemen selbst bestimmen. Bei mir war das ein demokratischer Prozess, in dem Schüler ihre Lieblingsbücher vorstellen konnten und dann wurde das Prüfungsbuch gewählt. In dieser multiethnischen Klasse schlugen die Osteuropäer AUFERSTEHUNG von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi vor, die Eingeborenen wollten DIE BLECHTROMMEL von Günter Grass lesen. Božidar aber benannte ein Buch, das niemand kannte, DIE BRÜCKE ÜBER DIE DRINA von Ivo Andrić. Alle drei Bücher waren gleich gut geeignet, wenngleich alle drei sehr dick, und hatten alle drei ein äußerst hohes, für eine Fachabiturklasse sogar ungewöhnlich hohes Niveau. Božidar war aber auch ein äußerst geschickter Politiker, er verstand es, zuerst mich für sein Projekt zu gewinnen, dann die Osteuropäer und zum Schluss müssen auch einige autochthone Deutsche für ihn gestimmt haben, aus pure love. Niemand verstand damals das nationale Chaos – so wie heute kein Reisender versteht, dass er sich in Bosnien, aber in der serbischen Entität befindet und plötzlich die Ortsschilder nicht mehr lesen kann.  – niemand verstand den Krieg. Berlin internationalisierte sich weiter, aber im ehemaligen Jugoslawien wichen sich die Brüder und Schwestern gewaltsam aus. Selbst die Sprache war nun nicht mehr eine gemeinsame, wie in Novi Sad beschlossen, sondern über Nacht gab es drei verschiedene Sprachen: serbisch, kroatisch und bosnisch.

Wir lasen den Roman, hielten uns gegenseitig Referate über die schwierigen Zusammenhänge und Probleme, lernten eine Geschichte voller Widersprüche. Božidar moderierte den ganzen Prozess und lehrte uns die Aussprache der Namen. Der Roman erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Brücke über ein halbes Jahrtausend. Ein buntes Gemisch von fast hundert Personen zieht am Leser vorbei, die Spannung entsteht nicht durch die Entwicklung einer Person, sondern durch die Episoden auf der Brücke. Die Brücke ist nicht an sich außergewöhnlich, es gibt solche Brücken überall in Südeuropa, zum Beispiel sind die ebenso berühmte halbe Brücke von Avignon oder die römische Brücke in Trier sehr ähnlich, sondern die Brücke an genau dieser Stelle ist außergewöhnlich. Erbaut wurde sie von dem berühmtesten und bedeutendsten Architekten des osmanischen Reiches, Mimar Sinan, gestiftet vom ungewöhnlichsten Großwesir (das ist der Premierminister) Mehmed Sokolović, auf türkisch Sokollu Mehmed Paşa, der aus einer wichtigen bosnischen Familie aus einem Dorf unweit von Višegrad, wo die Brücke die beiden Drinaufer verbindet. Außergewöhnlich ist, dass die Drina, ein reißender, äußerst schneller Fluss, schon 1571 überbrückt wurde, und dass die Ideen zweier großer Gestalten des osmanischen Reiches hier in diesem Tal, an diesem winzigen Ort verwirklicht wurden. Dass sie sich in der wunderschönen Sokollu-Mehmed-Paşa-Moschee in Istanbul ein weiteres architektonisches Kleinod als Denkmal setzten, mag dagegen weniger verwundern. Außergewöhnlich ist weiter, dass hier das oströmische an das weströmische Reich stießen, die katholische an die orthodoxe, die christliche an die muslimische Welt, der Orient also an den Okzident. Das kleine Nest Višegrad, in dem vor dem ersten Weltkrieg Juden, Christen und Muslime mehr oder weniger friedlich zusammenlebten, bildete also die Diversität der Welt, die dann von Ivo Andrić auf diese Brücke, sogar auf die Mitte dieser Brücke projiziert wurde. Dort war der Treffpunkt dieser multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Welt, der sich zum Gegenteil von Babel entwickelte: trotz unterschiedlicher Sprachen verstand man sich immer besser. Andric sparte aber die Widersprüche nicht aus: eine der eindrücklichsten Szenen ist die Pfählung eines widersetzlichen christlichen Bosniers, angeordnet durch die türkische Obrigkeit, ausgeführt aber durch einen willigen, unterwürfigen Zigeuner. Der Konflikt mit der Roma-Minderheit ist in ganz Europa immer noch nicht gelöst!

Die Klasse von Božidar hatte damals verstanden: Überall begegnen sich Menschen. Menschen kann man nicht auf ihre Sprache, ihre Religion, ihre Herkunft, ihr Geschlecht, ihre sexuelle Orientierung, ihre politische Richtung, ihre Leistungen in der Schule reduzieren, sondern jeder Mensch ist so komplex wie damals der Mittelpunkt, die Kapija, das Tor, der berühmten Brücke. Jeder Mensch ist diese Brücke, ob wir es wollen oder nicht, da wir ohne Kommunikation nicht leben können, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Kommunikation ist allerdings kein Automatismus, sondern setzt den guten Willen voraus. Jedes Wort kann verstanden oder missverstanden werden, jedes Wort kann auch zum Unwort werden. Während also in Berlin eine Schulklasse um Verständnis rang, wurden in  Višegrad und anderswo die Denkmäler von Ivo Andrić gestürzt, weil jede Seite ihm vorwarf, dass er auf der anderen Seite stünde. Andrić, der einen serbischen Vater und eine kroatische Mutter hatte und in Bosnien aufwuchs, Botschafter und Verfechter der jugoslawischen Idee war, in seiner Jugend Mlada Bosna-Mitglied wie Gavrilo Princip, den er auch kannte, Andrić war da schon lange tot. Man hätte ihn nur lesen müssen.

Es gibt in Višegrad zwei große Friedhöfe: einen schwarzen serbischen und einen weißen bosnischen. Die dort liegen, wurden kaum älter als zwanzig. Die Synagoge ist jetzt ein Feuerwehrdepot mit einer Gedenktafel. Auf der Landzunge zwischen Rzav und Drina, kurz vor der Brücke, wartet das von Kusturica initiierte Andrićgrad, ein Disneylandverschnitt ohne Moschee, auf Touristen, die den Streit nicht nachvollziehen können, der auch darüber wieder entstanden ist.

Während also in Berlin eine Schulklasse um Verständnis rang, ging in Heidelberg ein weiterer bosnischer Kriegsflüchtling ins Gymnasium, der, wie Božidar, nicht nur mit guten Deutschkenntnissen glänzte, sondern dessen schriftstellerisches Talent vom Deutschlehrer im Biologieraum entdeckt wurde: Saša Stanišić, dessen erster Roman WIE DER SOLDAT DAS GRAMMOFON REPARIERTE ebenfalls in Višegrad spielt, sozusagen unter der Brücke ausgeheckt wurde.

Nach der Überlieferung wurde in die ersten Brückenpfeiler auf jeder Seite der Drina ein Zwilling eingemauert, Stoja und Ostoja, Halte und Bleibe, ein Junge und ein Mädchen. Damit liefert die Brücke auch, über die Romane hinaus, eine der großen Erzählungen der Menschheit von der Aufopferung, aber auch von der Auferstehung: Man muss nicht verstehen, was soeben passiert; man darf hoffen, dass alles besser wird. Wissen schafft Glauben.

*Name geändert

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