DAS IST ES. KAPITALISMUS, DAS SIND WIR SELBER.

 

Nr. 369

Je größer das Vehikel, desto größer ist auch die Neigung, sich dahinter zu verstecken. Die abstruse Ansicht, dass mit der Abschaffung der Zinsen auch die Ungerechtigkeit verschwände, hat Millionen Menschen vom Nationalsozialismus überzeugt. Trotzdem empfindet der Betroffene die Zinsen, den Kaufpreis des Geldes, als ungerechtfertigt (hoch), auch wenn sie extrem niedrig sind. In Deutschland verging kein halbes Dutzend Jahre, als die schräge These, dass die Abschaffung des Eigentums nun aber wirklich und endgültig Gerechtigkeit brächte. Diese These fand sogar ihren Weg in das Programm der soeben gegründeten neuen konservativen Partei, der CDU. Wenn heute jemand Enteignung, die im Grundgesetz vorgesehen ist, fordert, schrecken alle auf, in Berlin sollten damit aber die Fehler des SPD-geführten Senats kaschiert werden, der seinerzeit städtische Wohnungen an private Investoren verscherbelt hatte. Und dabei war Berlin einst, mit so großen Sozialdemokraten wie Ernst Reuter und Martin Wagner, die Geburtsstätte des sozialen Wohnungsbaus als architektonische Meisterleistung.

Das alles kann und sollte gewusst werden. Trotzdem lassen sich immer wieder viele Menschen mit dem tröstlichen Gedanken einlullen, dass an allen Schwierigkeiten der Kapitalismus schuld sei. Wir wollen nicht schon wieder den berühmten Bäcker von Adam Smith herbeizitieren, obwohl wir uns gerne an dem Erstaunen ehemals nur linker, neuerdings auch rechtskonservativer Leser weiden: ach, es gibt gar keinen Versorgungsauftrag? Der Staat macht gar keine Preise? Adam Smith‘ Bäcker bäckt nur, um selber satt zu werden?

Es scheint schwer vorstellbar, dass aus dem Chaos von blinden Akteuren so schöne Produkte wie der Faustkeil, die Dampfmaschine und das Smartphone geboren werden können. Dasselbe ungläubige Erstaunen haben die Gegner der Evolutionstheorie vorzubringen, die am Kreationismus festhalten, weil er evident ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit gibt es keinen Bauplan, sondern die Ordnung gebiert sich aus dem Chaos. Dasselbe Chaos ist der Markt. Nassim Nicholas Taleb schreibt sich die Finger wund und die Kasse voll mit seiner nun wahrlich nicht neuen These, dass nichts vorhersehbar und der Markt chaotisch ist. Wir tun gut daran, uns ausnahmsweise dieses Autoritätsbeweises, der natürlich keiner ist, zu bedienen. Dadurch dass es Mode geworden ist, dass jeder Kommentare zu allem absondern kann, dadurch entsteht keine Kompetenz. Und so wie die Physik sich seit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zur Relativität aufschwingen musste, bis sie bei der Heisenbergschen Unschärferelation ankam, so musste sich auch die ökonomische Lehre von den naturwissenschaftlich erscheinenden Gesetzen abwenden und der soziologisch verbrämten Spekulation zuwenden.

Man hätte es beim Televisor ahnen können: ganze Völker und Kontinente ziehen Information und Unterhaltung der primären Bedürfnisbefriedigung vor. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat Europa noch gelächelt, als afrikanische Dörfer gezeigt wurden, die einen Fernsehapparat mittels dieselbetriebenen Notstromaggregats unterhielten und sich köstlich über, beispielsweise, Schnee und Eis auf europäischen und nordamerikanischen Straßen amüsierten, weil es zwar Endgeräte, aber keine eigenen Programme gab. Gleichzeitig, aber nicht kausal verbunden mit dieser Informationsrevolution ist auch der Hunger zurückgedrängt worden. Übrigens übersehen das gerne diejenigen Argumenteure, die vor einer, bis vor kurzem islamischen, jetzt plötzlich afrikanischen Invasion in Europa warnen. Sie glauben, das sei ein mathematisches Problem. Mathematische Probleme sind beispielsweise Gleichungen, aber nicht Invasionen. Die Lösungen der afrikanischen Probleme sind ebensowenig durch Migration zu finden, wie die europäischen, fast identischen Probleme in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch Migration zu lösen waren, obwohl es riesige Migrationsströme vor allem nach Amerika gab. Hunger und Bevölkerungswachstum als Problem haben eigentlich nur eine Lösung: Wohlstand. Der war in Europa damals ziemlich wohlfeil, weil die Industrialisierung, noch nicht aber die Massengüterproduktion und die Sozialversicherung angeschoben war. Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion hat aber auch heute erst sichtbare Nachteile. Wir werden nicht weiter so viel Fleisch essen können wie bisher. Der Fokus auf die tatsächlich nicht unbeträchtlichen Probleme Afrikas vergisst aber, dass gleichzeitig der Westen, nämlich nicht nur Europa, ebenfalls anwachsende Probleme hat. In Japan kann man das demografische Problem des Westens am besten studieren, in den USA ist es durch die Einwanderung abgeschwächt, in Europa stehen wir an der Schwelle: eine Gesellschaft ohne Kinder reproduziert sich auch geistig nicht, erstarrt und verkalkt im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn. Der Sinn des Lebens geht ohne Kinder verloren, denn er kann nun und nimmermehr im Konsum bestehen. Das gilt übrigens nicht nur nur auf der materiellen Ebene. Wir befinden uns vielleicht auf dem Zenit der Reproduzierbarkeit von Kunst. Aber die Euphorie wird in Langeweile umschlagen. Letztlich befriedigend ist, genügend Zeit und Geld vorausgesetzt, nur die Produktion. Noch nie haben soviele Menschen geschrieben, musiziert, fotografiert. All das bedarf aber auch der kontinuierlichen Innovation.

Afrika wird nicht den Weg der Industrialisierung gehen können, wie ihn einst Europa ging, aber wir müssen gemeinsam Lösungen zum Wohlstand finden, natürlich außerhalb der Migration. Migration ist enorm wichtig für den von den Konservativen so sehr verteufelten Kulturaustausch, sollen sie bei ihrem Theoretiker Ernest Renan nachlesen. Aber Migration löst selbstverständlich nicht die Probleme einer noch wachsenden Bevölkerung.

Das alles ist der Kapitalismus. Das alles sind wir. Die Konzerne kommen und gehen. Sie streben nach Maximalprofit, den sie aber nur erlangen können, wenn wir alle maximal konsumieren. Und das tun wir, je mehr Freizeit und Geld wir zur Verfügung haben, desto lieber und desto mehr. Auf Facebook, einem kapitalistischen Goliath, der Spielwiese des Lords Zuckerberg, krächzen manche gegen den Kapitalismus. Das ist ebenso hilflos wie lächerlich. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wanderte ein seltsamer Apostel der Umkehr durch Europa, mit dem passenden Namen Gusto Gräser, barfuß und ohne jedes Eigentum. Er wurde verhaftet, für verrückt erklärt, verlacht und verschmäht. Zurück-zur-Natur-Apostel gab es auch in Siedlungen wie Eden, Gildenhall oder Monte Verita, genützt haben sie nichts oder nicht viel. Die europäische Menschheit schlitterte blind und ohnmächtig in einen Konsumrausch nicht nur ohnegleichen, sondern wie er nie und nimmer vorstellbar war, es sei denn im absurden Märchen vom Schlaraffenland.

Wir machen den Fehler aller Diktaturen und Diktatoren: wir häufen Fehler auf Fehler, mit denen wir uns selbst schaden, bis wir untergehen. Ungeachtet dessen, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht, sollten wir auf zwei Dinge in der Zukunft verzichten, weil die Lebensqualität durch sie sinkt und nicht etwa steigt: auf Fleisch aus Massentierhaltung und auf große Städte. Man kann natürlich nicht zuerst den Menschen in Lagos oder Mumbay empfehlen, aufs Land zurück zu gehen, weil sie nur die Wahl zwischen Scylla und Charybdis haben. Wir müssen damit anfangen, wir, die wir es uns leisten können. Die Erwerbsarbeit darf dann natürlich nicht auf Pendeln, sondern muss auf Digitalisierung beruhen. Auch der Fleischkonsum muss vom Westen und vom Wohlstand aus zurückgedrängt werden. Das wäre ein Lackmustest zur Abschaffung des Kapitalismus von seiten der Konsumenten. Keine noch so steile These ersetzt den handfesten Boykott.

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DIE ELENDEN SOLLEN ESSEN

Nr. 353

Die Ungerechtigkeit der Welt zu beklagen ist nicht nur richtig, sondern bringt auch viel Zustimmung. Aber es ist höchst ungerecht, die Fortschritte der Menschheit in den Strudel des Populismus zu werfen. Neid ist ein böses Kleid, aber wer es anzieht, beschmutzt sich selbst. Es gab noch nie so viel Geld, soviel Reichtum, aber es gab auch noch nie so wenig Hunger, Pest und Krieg[1]. Es gab noch nie so viel Freizeit, Kunst und Unterhaltung, es gab noch nie so viel Wissen für alle. Die Elenden der Welt leiden weiter unter der Ungerechtigkeit, aber sie hungern nicht mehr und sie sind keine Analphabeten. Sie sind nicht abgeschnitten vom Wissen der Welt. Im Gegenteil, sie erfahren täglich Dinge, die nichts mit ihrem Leben zu tun haben, die aber immer auch Lösungsmöglichkeiten für Probleme enthalten, die wir alle haben. Die Kluft mag größer werden, aber es muss heute daraus kein Dissens mehr konstruiert werden. Gleichzeitig muss man aber auch bedenken, dass die Sicht, die Kluft würde größer, vielleicht selbst veraltet ist. Wenn es auf der Seite der Armen so viel weniger Elend gibt, dass selbst die verbohrtesten Marxisten auf die Verelendungstheorie ihres Begründers verzichten mussten, dann sollte man einen neuen Blick auf die Welt wagen.

Ist es nicht vielmehr so, dass auf der einen Seite der Welt die Menschen sich nach dem scheinbar omnipotenten Konsumismus sehnen, den sie auf der anderen Seite der Welt in ihren Fernsehapparaten und Smartphones sehen? Der Konsumismus ist der neue Kommunismus. Die reiche Seite der Welt verzehrt sich währenddessen an ihrem schlechten Gewissen, ihrem Überdruss, leidet an dem Wachstum, das sie nicht stoppen kann. Verlustängste werden zu Alpträumen. Aber das Leid der unablässig wachsenden Welt ist schon ein Alptraum, weil er vom ebenfalls zunehmenden und unübersehbaren Tod der Natur begleitet wird.

Die Lösung dieser Menschheitsprobleme sind also weder neue Parteien, die einfache Antworten in Unterschichtsprache zu geben versprechen, noch alte Parteien, die in ihrem Parteikauderwelsch so sehr erstarrt sind, dass sie sich selbst vergessen.

Vielleicht gibt es keine Lösung. Man muss das Scheitern nicht nur für Personen und Ideen denken können, es kann sich auch auf die Menschheit oder das Universum ausdehnen. Pflanzen- und Tierarten sind ausgestorben, Kulturen, Imperien und Nationen sind untergegangen, Menschen und Ideen haben sich selbst ad absurdum geführt. Byzanz wurde am 29. Mai 1453 von Mehmet II. erobert, aber das Sowjetimperium ist an seiner Hybris zerbröckelt. An Apokalypsen hat es nie gefehlt, und dass bisher keine in Realität umschlug, heißt nicht, dass das so bleibt. Was wahrscheinlich ist, muss nicht wahr werden, und was wahr wird, muss nicht wahrscheinlich gewesen sein. Andererseits ist mit Apokalypsen immer auch Stimmung gemacht, sind Ängste instrumentalisiert worden. Das Scheitern der Zeugen Jehovas beim Voraussagen des Endes der Welt zeigt nur, dass niemand die Zukunft voraussagen kann. Geheimdienste mögen erfolgreich sein in der Ausforschung der Vergangenheit, zum Beispiel bei der Verfolgung Eichmanns, aber die Zukunft können auch sie nicht voraussagen. Hier zeigt sich, dass der Konsumismus nur scheinbar omnipotent ist: Weisheit kann man nicht kaufen.

So wie die Schallplatte Emil Berliners das gesamte Universum der Information und Unterhaltung, Konservierung und Reproduktion revolutionierte, ohne dass irgendjemand diese Umwälzung vorher ahnte, obwohl alle Elemente dieser Technologie schon vorhanden waren, so wird auch innerhalb der bereits bekannten Systeme, Prozesse, Ideen oder Menschengruppen eine Vision entstehen, deren langsame Verwirklichung ein Weiterleben ermöglicht.

Die Probleme sind nicht leicht zu lösen. Wir müssen eine bis vielleicht 2050 wachsende, dann schrumpfende Weltbevölkerung ernähren, ohne das heute übliche extensive oder intensive Wachstum. Das gleiche gilt für den Energiebedarf, der völlig ohne fossile Träger reduziert und gedeckt werden muss. Die Verträglichkeit mit der Natur ist nicht nur Naturschutz um seiner selbst willen, auch nicht nur um den Menschen als Teil der Natur zu schützen, sondern er dient genauso auch der Förderung und dem Schutz der menschlichen Empathie. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er die Natur lieben, die er nicht sieht?[2]

Wir müssen eine Ordnung finden, die gleichzeitig offen und geschlossen ist. Der Diskurs ist umständlich und langwierig, jedes seiner fragilen Ergebnisse wird sofort angezweifelt. Der Zweifel mag das Automobil und das Smartphone gebären, für das Zusammenleben der Menschen ist er toxisch. Charisma neigt nur selten zur Demut, deshalb sind Führer, so beliebt sie auch zeitweilig sein mögen, schädlich für das Zusammenleben. Trotzdem wird in der Zukunft vielleicht eine Symbiose aus Charisma und Diskurs den Rahmen einer Ordnung bilden, die heute nicht vorstellbar ist. Vor kurzem war auch die Emanzipation der Frauen und der Elenden und der Kinder noch nicht denkbar. Was heute nicht denkbar ist, ist deshalb nicht undenkbar. Wir müssen vielmehr historisch denken und dürfen nie den Beitrag Einsteins zum Weltdenken vergessen: Es gibt keine Gleichzeitigkeit, und was nicht synchron ist, ist deshalb noch lange nicht ahistorisch.

Der Sinn unseres Daseins erschöpft sich indessen nicht im Essen. Je weniger sich Ernährung als Problem zeigt, je weniger also reine Reproduktion als Sinn des Lebens gesehen werden kann, desto mehr muss für eine dann wieder kleiner werdende Menschheit ein Sinn jenseits der Arbeit gefunden werden. Das Senftenberger-See-Syndrom führt dabei, selbst wenn es im Moment als richtig und sogar richtungweisend empfunden wird, in die falsche Richtung: man kann nicht einfach reparieren, was man vorher zerstört hat. Man muss stattdessen aufhören zu zerstören. Der Weg zu einem erfüllten Leben für alle Menschen liegt also nicht in der Reproduktion ihrer selbst, sondern in der Reproduktion des Lebens selbst: in der Kunst und Wissenschaft. Wissen schafft Glauben. Glauben wird immer weniger anthropomorphe Wesen wie Götter oder Gott hervorbringen, sondern Lebensmodelle. Wer durch seine Taten behindert ist, wird durch seine Herkunft nicht beschleunigt.[3] Auch auf dem geistigen Gebiet muss also der omnipotent erscheinende Konsumismus durch Produktion, also durch Denken, ersetzt werden. Dieses Denken ist auch das Durchdenken schon vorhandener Gedanken. Die Erziehung muss von der Dressur zum Fakt wieder zur Kultivierung des Denkens zurückfinden. Dieses Denken bricht sich nicht nur in der Wissenschaft Bahn, sondern auch in der Kunst. Das Ergebnis kann eine an sich selbst glaubende Menschheit sein. Dann muss es keine Elenden mehr geben.

 

 

 

 

 

 

 

[1] die apokalyptischen Reiter, Johannes-Apokalypse 6, 1-8

[2] 1. Johannesbrief 4,20 [für ‚Gott‘ wurde ‚Natur‘ eingesetzt]

[3] Hadith 36 von an-Nawawi [1233-1277]