LOKSCHUPPEN

Nr. 299

Nicht zu toppen ist der Bahnhof von Halbe. Zunächst denkt man an maurischen Stil, aber dann sieht man, dass es eindeutig Tudor-Gotik ist, in der er bröckelt. Denn, wieviel Mühe sich unsere Vorfahren auch immer gegeben haben, wir wissen sie oft nicht zu schätzen. Die Reichspost, von der Familie Thurn uns Taxis gekauft, und die Reichsbahn, beide mit der Reichseinigung von 1871 entstanden, waren einst nicht nur kommunikative Unternehmungen, sondern auch der Ausfluss eines paternalen Staates. Was man heute Service nennt, war einst die Fürsorge des monarchischen Staates für seine zwar Untertanen genannten, aber doch streng und gut behandelten Bürger. Die Unterdrückungsmechanismen dieses Staates sollen hier nicht verniedlicht werden, es geht nur um die Gebäude.

Das ganze große Land wurde mit einem Netz von Post-, Bahnhofs-, Forst- und Schulgebäuden, leider auch Kasernen überzogen. Während die Kasernen wegen ihrer oft gigantischen Ausdehnung gut umgenutzt werden können, die Schulen noch bestehen, verfallen die Bahnhöfe und Postgebäude.

Die Mobilität ist von einem kollektiven und klassifizierten Spaß zum Individualverkehr heruntergesunken. Die Autobahnen, die kongenial die Eisenbahnen imitierten, haben den Wettlauf gewonnen. Zwar gibt es immer noch bedeutenden Güterverkehr auf der Schiene, aber der Personenverkehr ist zum Kummerkasten der Nation verkommen. Statt seine gigantischen Ausmaße zu beachten, wird jede Verspätung so gezählt und multipliziert, als hinge von ihr das weitere Leben der Reisenden ab.

Obwohl die Post täglich siebzig Millionen Briefe befördert, beklagen Verbraucherschützer den Verlust von siebzigtausend Briefen pro Tag, was die Post als absurd bezeichnet, und wir alle beklagen, dass wir keine Briefe mehr erhalten, sondern nur noch Rechnungen, Mahnungen und Strafbefehle. Der Grund dafür liegt aber eindeutig darin, dass wir keine Briefe mehr schreiben. Unsere falsche Optimalvorstellung geht davon aus, dass alles so bleibt wie früher, aber auch gleichzeitig so wird wie morgen. Wir wollen Briefe erhalten, obwohl wir selbst keine mehr schreiben. Wir wollen keine Mahnungen, obwohl wir die Rechnungen nicht bezahlen. Wir regen uns über Fahrpreis- und Portoerhöhungen auf, obwohl wir mit dem Auto fahren und telefonieren statt Briefe zu schreiben. Das Unbehagen an der Kultur ist vielmehr ein Unbehagen an der Innovation. Wir trauen, mangels Ganoven, uns selbst nicht über den Weg. Die Zeitungen berichten, mangels Ganoven, von abgerissenen Zweigen in Pfaffenhofen und der Rettung einer Katze aus dem siebenten Stockwerk eines Hauses in Bochum. Das mag aber alles unter ‚gefühlte Temperatur‘ gezählt werden, die, damit wir nicht selber fühlen müssen, auf unserem Telefon angezeigt wird.

Tatsache ist aber der Verfall der schönen Gebäude aus der zweiten Hälfte des neunzehnten und ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. So wie die Errichtung dieser Gebäude, lange bevor Lord Keynes Gedanken wirkmächtig wurden, ein Beispiel für antizyklische Investitionen waren, könnten sie es erneut werden. Statt die schwarze Null im Staatshaushalt wie das Goldene Kalb zu feiern, sollten zügig entschuldet und investiert werden. Regulierend kann der Staat aber auch eingreifen, indem er statt ständig Papphäuschen für prosperierende Discounter zu genehmigen, Altimmobilien anpreist und ausweist.

Mit dem Satz ‚Der Hauptbahnhof von Osnabrück sieht aus wie ein Zitat der Kalenderhane-Moschee in Istanbul.‘ kann man nicht nur Deutschtürken und Rechtsradikale erschrecken, er zeigt auch, wie gelungene Kontinuität aussehen kann. Denn die genannte, eher kleine Moschee war vor 1453 eine Kirche gewesen und Mehmed II. soll sie persönlich und ausdrücklich zur Moschee mit Suppenküche für die Armen bestimmt haben. Umnutzung kann also den Wertewandel begleiten, es ist dabei gleichgültig, ob es vielleicht umgekehrt ist. Etwas bewahren, sagen wir an die Adresse des Konservatismus gerichtet, kann ja nicht heißen, seine Bewegung aufzuhalten. Die Bewegung anhalten heißt töten. Eine lohnende Aufgabe für Konservatismus und Nationalismus wäre es also, diese beiden Gefühlsrichtungen aus ihrer provinziellen Enge zu befreien. die Beschränkung auf sich selbst kann nie Vorteile für sich selbst bringen. Wenn man aber gleichzeitig bewahrt und ehemals der Kommunikation dienende Gebäude einer neuen Bestimmung zuführt, nützt man sich und gleichzeitig anderen. Statt also in Angst zu vergehen, dass ‚Umvolkungen‘ und ‚Islamisierungen‘ stattfinden, sollte man seinen Mut zusammennehmen und Vereine zur Rettung autochthonen Kulturguts gründen, Wettbewerbe ausschreiben,  Schulklassen begeistern. Tun ist immer besser als lamentieren.

Als Übungsaufgaben kann man damit beginnen, einer sechsten Klasse im Rahmen des Musikunterrichts die Nachhaltigkeit einer Orgel gegenüber einem Keyboard oder einem Smartphone zu erklären, ohne aber diese zu verteufeln. In einem nächsten Schritt könnte man einen Briefklub in der ortsansässigen Grundschule gründen. Briefe gehören zu den fundamentalen Kulturtechniken. Sodann kann man einen Verein zur Umwertung örtlichen Post oder des Bahnhofs gründen. Während sich für die Post immer Wohnungen als Umwidmung anbieten und meist kein Problem bereiten, muss über den Bahnhof, schon wegen seiner oft exklusiven Lage, besonders wenn die Bahnlinie noch intakt ist, lange nachgedacht werden. Der lokale Raumbedarf ist meist gut abschätzbar. Viele Orte in Europa benötigen nicht zwei Kulturhäuser oder noch nicht einmal einen Jugendklub. Aber auswärtige Investoren kennen die Vorzüge der speziellen Immobilie nicht. So gibt es Bahnhöfe von außerordentlich schöner Architektur, von besonderer Lage, mit niedrigem Kaufpreis, großen Räumen. All das kann der Verein durch Veranstaltungen, Broschüren, Bücher, Filme und Webseiten bekanntmachen.

Allen Utopien wird immer wieder Realitätsverweigerung unterstellt, jedoch vergessen die selbst ernannten Realisten, dass alle Realität aus der Utopie geboren wurde und dann erst den Umständen angepasst wird: am Anfang war das Wort. Aber das Wort, die Idee ist nicht identisch mit einem omnipotenten Demiurgen. Deshalb wir zum Schluss auf den Gebäudetyp verwiesen, der am schwersten integrier- und umdeutbar ist. Seine Lage hat er mit dem Bahnhof gemeinsam, von dem ihn aber die fehlende humane Dimension  trennt. Von vornherein ist er wegen seiner Herkunft gemieden. Die industrielle Revolution – das ist seine Herkunft – wird sogar von vielen Kulturkritikern als der Sündenfall, als Keimzelle des Untergangs angesehen, ohne dabei zu beachten, dass dieser Sündenfall gleichzeitig der Ursprung von Wohlstand und Freiheit ist. Die menschlichen Verhältnisse sind immer ambivalent, was dazu geführt hat, dass wir in bipolaren Krankheiten versinken und dichotomischen Paradigmen anhängen. Das Gebäude, mit dem wir den Schatten jedes Segregationismus ablegen könnten, wenn wir in der Lage wären, es in die moderne Welt zu integrieren, obwohl es von seiner Zweckbestimmung her nicht mehr gebraucht und von vielen noch nicht einmal mehr erkannt wird, ist der Lokomotivschuppen.

 

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OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT

 

Nr. 298

Die Episoden können sich nicht schnell genug in Anekdoten verwandeln. Die Erzähler bleiben zurück, nicht weil die Ereignisse schneller und tiefer würden, sondern weil alles sofort und weltweit berichtet wird. Nicht die Welt ist aus den Fugen, sondern alles Ungefügte ist im Moment des Geschehens schon auf den Monitoren der Welt, dann einen Tag in einer schnellen und weitgehend unreflektierten Diskussion, aber dann wird schon die nächste Episode gesendet. Die Welt, wir Menschen und unsere Ereignisse werden zu einer TV-Serie des lieben Gottes, Folge 5962. Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen, sondern wir haben keine Zeit, mit den guten Geistern zu sprechen oder auch nur auf sie zu hören. Als noch ein einziger Philosoph aus Königsberg seine Kommentare zum Weltgeschehen sandte HANDLE SO, DASS NICHT NUR DAS GUTE GESCHIEHT, SONDERN ANDERE SICH NACH DIR RICHTEN KÖNNEN, hatte man fünfzig Jahre Zeit, diese Botschaft zu bedenken und für sich anzunehmen oder abzulehnen. Keinesfalls haben früher alle Menschen alle Botschaften blindlings angenommen. Der Widerstreit der Botschaften ist so alt, dass unsere Vorväter ihn sogar in den Gründungsmythos der Welt aufgenommen haben: Gott machte zwei Brüder, einer sesshaft, der andere nomadisch, einer Ackerbauer, der andere Viehzüchter, einer sanftmütig, der andere jähzornig, einer nachdenkend, der andere handelnd, einer nach den Maximen handelnd, der andere sie durchbrechend, und dann schlägt der eine den anderen tot. Und als wäre das noch nicht genug Schaden entwickelt der Mörder eine Theorie des Mordes, nach der Mord zur Leitkultur gehört, nach der es genügt, sich um sich zu kümmern und nach der es  erlaubt sei, sich zu schütteln und zu fragen: SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN? Und im Jubel über diese Unverfrorenheit, diese Schnoddrigkeit, diese vermeintliche Freiheit von Moral und Ketten, hört er die Antwort nicht, die im Weltall widerhallt: oui, yes, ya.

Diese Schnelligkeit der Nachrichten, die eigentlich nur übermittelte Episoden sind, verringert auch die notwendige Distanz zu den Mitmenschen. Wem ich helfen will und muss oder wen ich lieben will oder muss, zu dem brauche ich Nähe. Wen oder was ich verstehen will, zu dem brauche ich auch Distanz. Respekt als Sonderform dieser Distanz reicht von soldatischer oder höfischer Unterwerfung bis zu einem Aspekt der eigenen Würde. Der Begriff der Würde ist wie der Begriff des Souveräns sozusagen umgedreht worden, von einer auserwählten Elite, für die sie früher nur galten, auf alle Menschen übertragen. Ein einzelner Herrscher herrschte souverän, er musste niemanden fragen, wenn er für sich und für alle entschied. Heute muss sozusagen das Volk niemanden fragen. Es entscheidet, von wem es regiert werden will. Dieser Vorgang, dass ein ganzes Volk sich eine Ordnung und eine Regierung gibt, ist derart kompliziert, dass er ohne ständiges Stolpern nicht zu meistern ist. Die Würde wurde früher durch Insignien, sichtbare Kennzeichen meist der Macht und erblicher oder elitärer Stellungen ausgedrückt. In der Umkehrung heißt es nun, dass die Würde jedes Menschen unantastbar sei. Für die universelle Verbreitung dieser komplexen Botschaft und dieses umfänglichen Imperativs reichen natürlich siebzig Jahre nicht aus. Immer wieder gab es lange Kainsperioden, waren Kainsmale die Epauletten der Macht. Der Krieg wurde zur Natur des Menschen erklärt. Der Wolf, der Babies aufgezogen, Städte gegründet und der beste Gefährte des Menschen und der Hüter seiner Brüder wurde, wurde zu Symbol, zum Emblem der Grausamkeit, Mordlust und Falschheit gemacht, wenn er nämlich im Schafspelz daherkam. Dass wir Menschen Schafe züchten, um sie zu ermorden und nicht weniger zu fressen als der Wolf, wird vergessen und verdrängt. Die heutige Massentierhaltung der westlichen Leitkultur ist weitaus grausamer als alles, was Wölfe je Vegetariern antun konnten. Dieselbe westliche Leitkultur konstatiert bei den Afrikanern ungenügenden Respekt vor der Kreatur. In dem Wort ‚Kreatur‘ begegnen sich religiöser Sozialdarwinismus, Unterordnungsfantasien und Segregationswahn, und die Würde der Wesen in schöpferischen Prozessen. Wir sagen heute, dass die Kreatur kein niederes Tier ist, weil es keine niederen Tiere gibt, die Ameise, die schon paradigmatisch in der Bibel und im Koran erwähnt wird, ist nicht schlechter eingefügt als der Mensch, sondern eben Produkt, Schöpfung eines höheren Willens, ob er nun anthropomorpher Gott, hegelscher Weltgeist oder Evolution heißt, ist.

Die heutigen Insignienträger sind nicht mehr omnipotent, allmächtig, sondern omnipräsent, immer da. Wir blicken auf unser Smartphone und sehen Bundeskanzlerin Merkel und ihre Widersacher. Dieser falsche Fokus, auf den einst Richard Milhous Nixon, der tricky Dick genannt wurde, zum eigenen Nutzen mit der brillanten Formulierung der ’schweigenden Mehrheit‘ hinwies, derselbe Nixon, der auch die Ausnutzung der Wohlfahrt durch die Armen erfand, dieser falsche Fokus führt dazu, dass alle Nichtereignisse ausgeblendet werden. Es passiert nur das, was auf den Monitoren zu sehen ist. Das ist keine allzu neue Erkenntnis. Aber: wir sehen also die Bundeskanzlerin und ihre Widersacher, aber wir sehen nicht ihre Befürworter und wir sehen nicht uns. Aber: wir hängen zum Schluss von Kreaturen ab, die wir machten. Damit sind nicht, wie in Goethes FAUST unsere Kinder gemeint, sondern unsere Produkte. Der Mangel an Respekt folgt aus der mangelnden Distanz, diese wieder, weil das Ereignis zu wenig reflektiert, statt dessen vom nächsten Ereignis eingeholt wird. Reflexionen reduzieren sich allzu oft auf einen einzigen Satz.

So ist es möglich, dass eine Opposition, die sich national und sozial glaubt, in völliger Verkehrung der Verhältnisse ständig mit Obszönitäten und Absurditäten das eigene Land und dessen Würdenträger beschimpft und beschmutzt. Denn, obwohl die Würde jetzt bei jedem Menschen zuhause ist, gibt es in einer repräsentativen Demokratie trotzdem noch die herausgehobene Würde. Ständig präsent ist nur, wer ständig repräsentiert. Allerdings wird kaum ein Unterschied zwischen Fußballstar, Rockstar, TV-Star und Politstar gemacht. Die Leuchtkraft jener Sterne hat demzufolge eine geringe Halbwertzeit: wer kennt noch Richard M. Nixon?

Der französische Präsident Emmanuel Macron war vor ein paar Tagen bei einer Gedenkveranstaltung. Ein Junge, offensichtlich links, langhaarig und respektlos, begrüßte ihn nicht unfreundlich, aber flapsig: CA VA MANU?, was geht, Mann? Und Macron, der sowohl seine Würde als auch seine Insignien zurecht in Gefahr sah, antwortete dem Jungen sinngemäß etwa so: Das ist hier eine Zeremonie und du benimmst dich gefälligst so, wie man sich hier benimmt. Und zu mir sagst du gefälligst MONSIEUR LE PRESIDENT. Und die Antwort des Jungen ist es, die uns allen, allen voran aber diesen rechten und linken, nationalistischen, nationalbolschewistischen, segregationistischen, verlogenen und populistischen Widersachern fehlt. Die Antwort, die wir mit unserer Würde nicht so gerne vereinbaren wollen, die uns zu konservativ, zu respektvoll, zu unterwürfig, zu undemokratisch, zu unmodern erschiene, die uns aber fehlt, zu der wir uns erneut aufschwingen müssen, lautete:

OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT.