TAUFE

 

Nr. 301

Wir leben nicht nur in der Wirklichkeit, sondern auch in einer Traumwelt aus Märchen, Ritualen und Symbolen. Genauso wie viele sich gegenseitig vorwerfen, die besseren oder die schlechteren Menschen zu sein, werfen sich die Kulturen auch ihre Riten vor: die einen finden Taufen albern, die nächsten finden Beschneidung grausam. Gegen das rituelle Fußwaschen gehen weniger Aktivisten vor, obwohl es auch seinen Ursprung im Orient hat, wie fast alle monotheistischen Gebräuche. Die diesjährige Bachmannpreisträgerin, Tanja Maljartschuk, lässt ihre demente Protagonistin Ostereier suchen, obwohl niemand welche versteckt hat und ihr passloser Parkloser hilft ihr dabei, eins zu finden. Die orientalischen Riten haben sich mit den nördlichen und westlichen vermischt, und würde man heute ein beliebiges Kind auf einer beliebigen Straße in Deutschland fragen, was Ostern ist, so würde es Eier antworten. Es war ein Kardinalfehler, die Deutungshoheit sich so krass aus den Händen nehmen zu lassen. Weiß Gott, worüber die Kardinäle diskutieren, Ostern ist es jedenfalls nicht.

Zweihundert Menschen kamen an einem sehr frühen Sonntagmorgen zusammen, um ein kleines Kind zu begrüßen, das wenige Wochen vorher geboren worden war. Weit mehr als eine Stunde lang wurde aus der Bibel rezitiert, also die rhythmische Schönheit eines oft starken, manchmal aber auch widersprüchlichen Textes deutlich gemacht. Der Unterschied zwischen zitieren und rezitieren verwischt sich im genieren über das laute Bekenntnis. Hinter einem Zitat kann man sich notfalls auch verstecken. Dann wurde das Kind von der Mutter ausgezogen und dem Paten übergeben, der es wiederum dem Priesterhelfer weiterreichte, der es fest in seinen beiden Händen hielt. Nach der taufe ging der Weg des Kindes umgekehrt zurück zur Mutter. Für seine Entwicklung braucht jeder Mensch von klein auf mehr liebevolle Fürsorge als nur durch die Mutter und den Vater, so wichtig diese beiden auch sein mögen. Dann erst nimmt der Priester das Kind und taucht es fast ganz in das symbolische Wasser, das sich in einem schwarzen Maurertuppen befindet. Man könnte hier an dieser Stelle eine Kulturgeschichte der Taufbecken aus Stein und Gold, hochgotisch, renaissant oder expressionistisch einfügen. Aber das würde nichts daran ändern, dass man an diesem frühen Morgen, die Menschen strömten immer noch in die kleine, moderne Kirche am Rand Berlins, die wahre Bedeutung dieses Symbols ahnen konnte. Wir Menschen machen Fehler, beschmutzen uns mit Neid und Gier, mit Gift und mit Galle. Handlungen und Wörter kann man auch nicht zurücknehmen oder zurückgeben, weil die Zeit irreversibel ist, aber man kann es in Zukunft besser machen, man kann es wieder gut machen, als Kinder sagten wie ‚heile machen‘, man kann es ab jetzt besser machen. Und es schadet nichts, wenn man ab und zu seine Seele wäscht oder sich in einen solchen Maurertuppen tauchen lässt, um diesen Beginn, Neubeginn oder Wiederbeginn symbolisch abzubilden.

In gibt in der Weltliteratur zwei starke Taufszenen. Die eine beschreibt, wie die Frau des Pontius Pilatus, der gerade überlegt, ob er dem Wunsch der Priester und des Pöbels nachgeben und Jesus verurteilen soll, ihm eine Schüssel mit Wasser schickt und ihn auffordert, seine Hände in Unschuld zu waschen. Wir wissen: das geht nicht, aber wir hoffen, es ginge. Wir hoffen auf die reinigende und motivierende Kraft solcher Gesten. Die zweite Szene zeigt den machtgierigen Macbeth, den Politiker, der über sprichwörtliche Leichen geht, er lässt sogar Kinder, die ihm, wenn sie groß sind, gefährlich werden könnten, auf offener Bühne ermorden, das erinnert an die Sultane des Osmanischen Reiches, die jahrhundertelang ihre vielen, vielen Brüder ermorden ließen, bis einer von ihnen auf die Idee kam, sie in goldene Käfige zu sperren und uns damit eine weitere Metapher zu liefern, dieser Macbeth versucht vergeblich, das Blut von seinen Händen zu waschen, und sein Schöpfer beschreibt hier einen klassischen Waschzwang in seiner Sinn- und Ersatzlosigkeit. Unsere Politiker gehen nicht mehr über Leichen, aber der medialen Aufmerksamkeit oder einem einträglichen Posten können sie auch nur schlecht ausweichen.

Den Maurertuppen gegen das güldene Taufbecken kann man aufrechnen, um sich zu verdeutlichen, wie eine symbolische Handlung hinter ihrem Symbol verschwindet. Die Mütter, denen ich nach der Taufe erzählte, dass europäische Babies ein kleines Kreuz mit einem feuchten Finger aufgehaucht bekommen, fanden das aus pragmatischen Gründen – so war das Wasser im Tuppen zu kalt –  richtig, über das Ritual aber konnten sie nur ihre reich geschmückten Köpfe schütteln. Meinen rechten Lesern, die jetzt schon wieder ihre Köpfe über den soeben beschriebenen Reichtum schütteln, sei diese Anmerkung um die Ohren gehauen: das ist alles geborgte Requisite, in nächtlicher Handarbeit hergestellt.

Warum machen wir das, uns mit geborgtem Reichtum uralten Symbolen zu unterwerfen? Vermutlich tun wir das aus dem selben Grund, warum wir es kritisieren: wir brauchen zu allem, was wir tun, einen Spiegel und wir wissen, dass jeder Spiegel verdreckt ist und verzerrt. Wir brauchen das Bad in der Menge und den Revolutionär, der das Kind mit dem Bade ausschüttet. Wir brauchen den Bruder und die Schwester, den Lehrer und die Priesterin, manchmal auch den Neider und die Zweiflerin, damit wir unser Verhalten immer wieder neu orientieren können. Und das Wort kommt vom Orient, wo so viele unserer Sitten und Gebräuche, unserer Religionen und Kulturen, und immer wieder auch die Menschen herkommen.

Gestern Nacht haben wir die Taufe gefeiert. Es wurde zusammen eine Nacht lang gekocht, in der zweiten Nacht zusammen gegessen und getanzt. Dann haben wir, wieder zusammen, aufgeräumt. Der Dienst ist identisch mit der Leistung. Am meisten gelacht haben wir über einen langen, schmalen Jungen, der, als er die Tanzfläche wischte, mit dem Leifheit-Wischmopp tanzte und immer weitersang. Um so etwas zu sehen, buchten andere Menschen, als es noch ging, eine teure Reise nach Istanbul und ebenso teure Tickets für die zurecht berühmten Sufi-Derwische.

Ein anderer sagte währenddessen zu mir: In meinem Heimatland haben wir immer viel Spaß, auch ohne Arbeit.

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