OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT

 

Nr. 298

Die Episoden können sich nicht schnell genug in Anekdoten verwandeln. Die Erzähler bleiben zurück, nicht weil die Ereignisse schneller und tiefer würden, sondern weil alles sofort und weltweit berichtet wird. Nicht die Welt ist aus den Fugen, sondern alles Ungefügte ist im Moment des Geschehens schon auf den Monitoren der Welt, dann einen Tag in einer schnellen und weitgehend unreflektierten Diskussion, aber dann wird schon die nächste Episode gesendet. Die Welt, wir Menschen und unsere Ereignisse werden zu einer TV-Serie des lieben Gottes, Folge 5962. Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen, sondern wir haben keine Zeit, mit den guten Geistern zu sprechen oder auch nur auf sie zu hören. Als noch ein einziger Philosoph aus Königsberg seine Kommentare zum Weltgeschehen sandte HANDLE SO, DASS NICHT NUR DAS GUTE GESCHIEHT, SONDERN ANDERE SICH NACH DIR RICHTEN KÖNNEN, hatte man fünfzig Jahre Zeit, diese Botschaft zu bedenken und für sich anzunehmen oder abzulehnen. Keinesfalls haben früher alle Menschen alle Botschaften blindlings angenommen. Der Widerstreit der Botschaften ist so alt, dass unsere Vorväter ihn sogar in den Gründungsmythos der Welt aufgenommen haben: Gott machte zwei Brüder, einer sesshaft, der andere nomadisch, einer Ackerbauer, der andere Viehzüchter, einer sanftmütig, der andere jähzornig, einer nachdenkend, der andere handelnd, einer nach den Maximen handelnd, der andere sie durchbrechend, und dann schlägt der eine den anderen tot. Und als wäre das noch nicht genug Schaden entwickelt der Mörder eine Theorie des Mordes, nach der Mord zur Leitkultur gehört, nach der es genügt, sich um sich zu kümmern und nach der es  erlaubt sei, sich zu schütteln und zu fragen: SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN? Und im Jubel über diese Unverfrorenheit, diese Schnoddrigkeit, diese vermeintliche Freiheit von Moral und Ketten, hört er die Antwort nicht, die im Weltall widerhallt: oui, yes, ya.

Diese Schnelligkeit der Nachrichten, die eigentlich nur übermittelte Episoden sind, verringert auch die notwendige Distanz zu den Mitmenschen. Wem ich helfen will und muss oder wen ich lieben will oder muss, zu dem brauche ich Nähe. Wen oder was ich verstehen will, zu dem brauche ich auch Distanz. Respekt als Sonderform dieser Distanz reicht von soldatischer oder höfischer Unterwerfung bis zu einem Aspekt der eigenen Würde. Der Begriff der Würde ist wie der Begriff des Souveräns sozusagen umgedreht worden, von einer auserwählten Elite, für die sie früher nur galten, auf alle Menschen übertragen. Ein einzelner Herrscher herrschte souverän, er musste niemanden fragen, wenn er für sich und für alle entschied. Heute muss sozusagen das Volk niemanden fragen. Es entscheidet, von wem es regiert werden will. Dieser Vorgang, dass ein ganzes Volk sich eine Ordnung und eine Regierung gibt, ist derart kompliziert, dass er ohne ständiges Stolpern nicht zu meistern ist. Die Würde wurde früher durch Insignien, sichtbare Kennzeichen meist der Macht und erblicher oder elitärer Stellungen ausgedrückt. In der Umkehrung heißt es nun, dass die Würde jedes Menschen unantastbar sei. Für die universelle Verbreitung dieser komplexen Botschaft und dieses umfänglichen Imperativs reichen natürlich siebzig Jahre nicht aus. Immer wieder gab es lange Kainsperioden, waren Kainsmale die Epauletten der Macht. Der Krieg wurde zur Natur des Menschen erklärt. Der Wolf, der Babies aufgezogen, Städte gegründet und der beste Gefährte des Menschen und der Hüter seiner Brüder wurde, wurde zu Symbol, zum Emblem der Grausamkeit, Mordlust und Falschheit gemacht, wenn er nämlich im Schafspelz daherkam. Dass wir Menschen Schafe züchten, um sie zu ermorden und nicht weniger zu fressen als der Wolf, wird vergessen und verdrängt. Die heutige Massentierhaltung der westlichen Leitkultur ist weitaus grausamer als alles, was Wölfe je Vegetariern antun konnten. Dieselbe westliche Leitkultur konstatiert bei den Afrikanern ungenügenden Respekt vor der Kreatur. In dem Wort ‚Kreatur‘ begegnen sich religiöser Sozialdarwinismus, Unterordnungsfantasien und Segregationswahn, und die Würde der Wesen in schöpferischen Prozessen. Wir sagen heute, dass die Kreatur kein niederes Tier ist, weil es keine niederen Tiere gibt, die Ameise, die schon paradigmatisch in der Bibel und im Koran erwähnt wird, ist nicht schlechter eingefügt als der Mensch, sondern eben Produkt, Schöpfung eines höheren Willens, ob er nun anthropomorpher Gott, hegelscher Weltgeist oder Evolution heißt, ist.

Die heutigen Insignienträger sind nicht mehr omnipotent, allmächtig, sondern omnipräsent, immer da. Wir blicken auf unser Smartphone und sehen Bundeskanzlerin Merkel und ihre Widersacher. Dieser falsche Fokus, auf den einst Richard Milhous Nixon, der tricky Dick genannt wurde, zum eigenen Nutzen mit der brillanten Formulierung der ’schweigenden Mehrheit‘ hinwies, derselbe Nixon, der auch die Ausnutzung der Wohlfahrt durch die Armen erfand, dieser falsche Fokus führt dazu, dass alle Nichtereignisse ausgeblendet werden. Es passiert nur das, was auf den Monitoren zu sehen ist. Das ist keine allzu neue Erkenntnis. Aber: wir sehen also die Bundeskanzlerin und ihre Widersacher, aber wir sehen nicht ihre Befürworter und wir sehen nicht uns. Aber: wir hängen zum Schluss von Kreaturen ab, die wir machten. Damit sind nicht, wie in Goethes FAUST unsere Kinder gemeint, sondern unsere Produkte. Der Mangel an Respekt folgt aus der mangelnden Distanz, diese wieder, weil das Ereignis zu wenig reflektiert, statt dessen vom nächsten Ereignis eingeholt wird. Reflexionen reduzieren sich allzu oft auf einen einzigen Satz.

So ist es möglich, dass eine Opposition, die sich national und sozial glaubt, in völliger Verkehrung der Verhältnisse ständig mit Obszönitäten und Absurditäten das eigene Land und dessen Würdenträger beschimpft und beschmutzt. Denn, obwohl die Würde jetzt bei jedem Menschen zuhause ist, gibt es in einer repräsentativen Demokratie trotzdem noch die herausgehobene Würde. Ständig präsent ist nur, wer ständig repräsentiert. Allerdings wird kaum ein Unterschied zwischen Fußballstar, Rockstar, TV-Star und Politstar gemacht. Die Leuchtkraft jener Sterne hat demzufolge eine geringe Halbwertzeit: wer kennt noch Richard M. Nixon?

Der französische Präsident Emmanuel Macron war vor ein paar Tagen bei einer Gedenkveranstaltung. Ein Junge, offensichtlich links, langhaarig und respektlos, begrüßte ihn nicht unfreundlich, aber flapsig: CA VA MANU?, was geht, Mann? Und Macron, der sowohl seine Würde als auch seine Insignien zurecht in Gefahr sah, antwortete dem Jungen sinngemäß etwa so: Das ist hier eine Zeremonie und du benimmst dich gefälligst so, wie man sich hier benimmt. Und zu mir sagst du gefälligst MONSIEUR LE PRESIDENT. Und die Antwort des Jungen ist es, die uns allen, allen voran aber diesen rechten und linken, nationalistischen, nationalbolschewistischen, segregationistischen, verlogenen und populistischen Widersachern fehlt. Die Antwort, die wir mit unserer Würde nicht so gerne vereinbaren wollen, die uns zu konservativ, zu respektvoll, zu unterwürfig, zu undemokratisch, zu unmodern erschiene, die uns aber fehlt, zu der wir uns erneut aufschwingen müssen, lautete:

OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT.  

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IDEAL IST KEINE WIRKLICHKEIT

 

Nr. 248

 

Das Gestern wird schon deshalb keine Wirklichkeit sein, weil es nur als Narrativ existieren kann. Die Menschen erzählen sich nicht, was gestern war, sondern was gestern hätte sein können, vielleicht gewesen war, hätte sein sollen. Der Erzähler dramatisiert seinen Beitrag entweder in Richtung des handelnden Täters oder des leidenden Opfers. Niemand gibt gerne zu, dass er zwar als Täter erscheint, aber nicht wirklich etwas getan hat (Kohl-Syndrom). Auch als Opfer kann man seinen Statut durchaus erhöhen, wenn man zu einer demonstrativ leidenden Gruppe zu gehören scheint oder gehören will oder auch tatsächlich gehört. In einem Krieg sind aber tatsächlich alle Seiten Opfer. Selbst über gravierende Fehler spricht es sich leichter, wenn man zum Schluss obsiegt hat oder so tun kann, als hätte man genau das gemeint, was schief gelaufen war (Schabowski-Tag). Die Politik bietet sich als Beobachtungsfeld für diese allgemein menschlichen Schwächen an, seit wir die Politik Tag und Nacht rund um die Uhr beobachten können. Politiker bieten sich als Projektionsfläche unserer Kritikfreudigkeit an, weil sie etwas tun oder nicht tun, was viele Menschen betrifft, weil der Bildungsgrad und die Freizeit zugenommen haben, weil Politiker sich meist nicht auf ein so hohes oder sogar hehres Ideal stützen können, wie beispielsweise Kirchenmänner oder Fußballprofis. Selbst solche offensichtlich bösen und unsolidarischen Kirchenmänner wie Meisner (und sein Schützling Tebartz mit dem goldenen Klo), Mixa und Müller konnten jahrzehntelang ihr Unwesen treiben, weil sie durch ihre Berufung auf Yesus, den selbst Atheisten achten, geschützt waren. Welcher Politiker sieht sich so von seinem Ideal, wenn er überhaupt eins hat, umfangen? Es ist keine Beschimpfung, wenn man sagt, dass es Politiker mit und solche ohne Ideal gibt. Kohl war ein Konservativer, aber er hat ohne Gewissenskonflikte die Brandtsche Ostpolitik bis zu Vereinigung Europas fortgeführt. Adenauer hätte, von seinem Geburtsjahr her, noch Nationalist sein können, war aber ein nach Westen offener Konservativer, der aber als erster westlicher Staatsmann in die Sowjetunion reiste. Angela Merkel ist so erfolgreich, dass ihre Wiederwahl immer wahrscheinlicher wird, aber hat sie eine Vision oder ist sie, wie ihr Lehrmeister und Ziehvater, eine Pragmatikerin? Zudem hat sie das Glück, dass es eine Reihe wirklich engstirniger und unfähiger Politiker gibt, die als projizierter, manche glauben auch projektierter Schrecken auf die Welt wirken. Da reicht es schon, einfach nur pragmatisch gut zu sein. Die Strahlkraft eines Trudeau oder eines Macron geht ihr ab.

Die älteste Partei in Deutschland, die Sozialdemokratie, hat ein ebenso altes und auch ziemliches hohes Ideal. Aber taugt es noch für eine zerrissene Welt, in der, obwohl Maschinen für uns arbeiten, immer noch ein Siebtel der Menschen hungert und im Elend lebt? Wenn es stimmt, was Justin Trudeau sagt, dass die Rechte Angst und die Linke Wut verbreitet, und wenn es stimmt, dass die Welt sich heute mehr in geschlossene und offene Gesellschaften teilt und es gar nicht mehr um links und rechts geht, dann ist auch der Gedanke der Parteien überlebt. Dann ist die AKP als Schutz- und Trutzgemeinschaft eines Autokraten genauso richtig wie Emanuelle Macrons En Marche-Bewegung eines Demokraten. Solche Auffangbecken des Protests sind aber auch die AfD und die Trump-Wählerschaft. Die Wirklichkeit kann sich nicht am Gestern orientieren, das wäre in einem doppelten Sinne die falsche Richtung. Von Ingeborg Bachmann stammt der schön-traurige Gedanke, dass die Geschichte zwar lehrt, aber keine Schüler finden kann. Der Mensch, der sich im Alltag gern mit hohen Geschwindigkeiten bewegt, seit Tamerlans Zeiten vom Gestern fortzujagen glaubt, sehnt sich am Sonntag gerne ins Vorgestern zurück. An dieser Haltung zur Bewegung kann man das dilemmatische und ambivalente Wesen von uns Menschen sehen. Wer nur das Gestern und nicht das Ideal erhalten will, muss für das Heute Wut und für das Morgen Angst verbreiten. Dass es trotzdem große Konservative gab, liegt daran, dass bei ihnen zwar Ideal mit dem Gestern zusammenfiel, sie aber wenigstens einmal in ihrem Leben den Schalter in Richtung der Zukunft umgelegt haben (Bismarck, Churchill, Adenauer).

Bleibt das Ideal. Das vor über zweihundert Jahren formulierte Programm der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit würden wir heute eher mit dem archaischen Begriff der Gerechtigkeit wiedergeben, der als religiöses Heilsversprechen noch mehr ins Gestern weist. Aber diese Sicht übersieht den technischen Fortschritt, der den Kampf ums Überleben immerhin stark erleichterte. Nur wird gerne technischer Fortschritt mit Menschlichkeit oder Gerechtigkeit verwechselt. Mit dem Fahrrad verbindet sich kein Heilsversprechen. Sein Anteil am Menschheitsfortschritt würde sich, unter Abzug der Umweltfolgen der Mobilität, nur sehr mühevoll berechnen lassen, obwohl er offensichtlich ist. Schon allein, dass bis zum zwanzigsten Jahrhundert jede technische Neuerung zunächst elitär war, heute aber universell ist, zeigt den Riesensprung, den die Menschheit gemacht hat. Zeitgleich änderte sich auch, ebenfalls durch die verbesserten Lebensumstände, die Gesamtzahl der Menschen so dramatisch, dass auch dies eher Ängste als Freude auslöste.

Jedem Sozialdarwinismus muss, mit welchem Ideal auch immer, die Stirn geboten werden. Seit es Menschen gibt, sind sie solidarisch. Wettbewerb ist immer nur die Ergänzung der Solidarität. Die Ausnahme hierbei ist der Krieg, aber seit dem zwanzigsten Jahrhundert wissen wir, dass der Krieg keine positiven Aspekte hat. Nichts am Krieg ist gut, es gibt keinen Sieger. Jeder vermeintliche Sieg ist pyrrhisch. Auch der sagenhafte Krieg um Theben endete mit dem folgenschweren Tod sowohl des Angreifers als auch des Verteidigers. Es bleibt eine seltsame Frage, warum die Menschheit, obwohl sie seit den Tagen von Polyneikes und Etokles oder Pyrrhos oder Hanibal weiß, dass Kriege nie mit Siegen enden, den Gedanken so spät, jetzt erst, gegen den Gedanken des freien Handels vertauscht hat. Und auch jetzt tun sich Abgründe von Widersprüchen auf. Gerade auf dem möglichen Höhepunkt der neuen Erkenntnisse, fallen ganze Völker, vielleicht aus dem Mangel an Erfolg, in die Zeit düsterer Autokratie zurück. Allerdings können wir ganz sicher sein: das Licht bleibt das Ideal und nicht die Finsternis. Ob wir an Erleuchtung glauben oder auf Aufklärung schwören, nur das Licht kann die Richtung vorgeben. Wenn man aus dem erdnahen Raum auf die Erde blickt, sieht man nicht nur die Ungerechtigkeit, nicht nur die Energieverschwendung der reichen Länder, sondern auch die Vision des Echnaton: die Sonne als Ideal und Wirklichkeit.