DAS WACHSENDE HAUS

Nr. 176

Am Anfang war das Wort. Aber dann kam schon die Hütte. Wir Menschen brauchen immer ein Obdach und oft auch einen Mentor, aber da wir fast immer nach der trial and error Methode vorgehen, müssen wir manchmal dutzende oder hunderte von Jahren mit unseren Irrtümern leben und lernen dabei auch Widerstand und Geduld. Vielleicht ist dies auch ein Generationenkonflikt: am Anfang leisten wir Widerstand und später folgen wir den Mentoren, die schon alt waren als sie uns den Rat gaben, Geduld zu lernen und zu üben.

So kann man die Geburt der Renaissance, was ja Wiedergeburt heißt und somit wunderbar den Ausschnitt aus dem uns unendlich erscheinenden Zyklus von Werden und vergehen beschreibt, in das Florenz des ersten Drittels des 15. Jahrhunderts (italienisch Quattrocento) datieren. Masaccio, der Schüler, der schon Meister war, gestaltet in seinem Fresco Dreifaltikgkeit die Dreidimensionalität und sein Lehrer Brunelleschi vollendet 1436 die Kuppel des Doms, erfindet dabei den Rückwärtsgang eines Getriebes und überholt die Byzantiner, die kurz darauf den Osmanen unterliegen, die dann weiter Kuppeln bauen, die ihren Gipfel in Mimar Sinan erreichen. Die Weltgeschichte kann man in einem Satz einzufangen versuchen.

In Berlin wurde einst ein komplexes Nahverkehrssystem für eine Weltstadt entwickelt. Berlin leistete sich früher auch Stadtbaudirektoren, die Meilensteine der Baugeschichte setzten. Ludwig Hoffmann überzog die Stadt mit einem Netz wunderbarer Bildungseinrichtungen, Gemeindeschulen, deren kathedralartige Elemente den unterprivilegierten Schülern wenn schon nicht Perspektiven aufzeigen, so doch Raum für Trost bieten konnten. Indessen nahm das Elend nicht in dem Tempo ab, wie es notwendig gewesen wäre. So gesehen kann man den ersten Weltkrieg auch als ein großes Ablenkungsmanöver von den Nöten der Zeit sehen, wahrscheinlicher aber ist er das erste gescheiterte Rückzugsspektakel des Konservatismus. Man wird nicht behaupten können, dass mit dem sozialen Wohnungsbau auch tatsächlich alle sozialen Probleme gelöst werden können. Das Gegenteil, dass man nämlich mit einer Wohnung einen Menschen wie mit einer Axt erschlagen könne, ist sowohl behauptet (Heinrich Zille) als auch lange Zeit zitiert worden.

Dagegen trat nun der Stadtbaudirektor Martin Wagner mit seiner Idee des sozialen Wohnungsbaus an. In Ernst Reuter fand er seinen Senator, in einer ganzen Phalanx von hervorragenden Architekten und Landschaftsarchitekten kongeniale Mitarbeiter. Poelzig bezeichnete Wagner als Regisseur des Bauens. Einige der damals gebauten Wohnsiedlungen gehören heute zum UNESCO-Weltkulturerbe (Schillerpark, Hufeisensiedlung, Wohnstadt Carl Legien, Siemensstadt, Weiße Stadt). Viel später verkam der soziale Wohnungsbau zu einer urbanen Subkultur, zu den berüchtigten Plattenbauten an den Rändern schnellwachsender Großstädte, suburbs, banlieus, gecekondus, Vorstädte, Wohnsilos. Das moderne Ghetto fand hier seine Heimat.

Martin Wagner wurde von den Nazis entlassen. Er lebte noch einige Jahre in Berlin wie ein Flüchtling. Weil er es nicht ertragen konnte, ohne Arbeit, ohne Einkommen, ohne die Fortführung seiner großen Ideen zu sein, setzte er sich jeden Morgen in die S-Bahn und fuhr von seinem Reihenhaus im Eichkamp in Charlottenburg an die Stätte seines einstigen Wirkens, das Rote Rathaus. Sein Freund Hans Poelzig verschaffte ihm einen Beraterauftrag in Istanbul, wo allerdings keines seiner geplanten Häuser gebaut wurde. Wieder ein paar Jahre später wurde er Harvardprofessor, fand noch einmal seine Bestimmung als Stadtplaner und entwickelte etwas, das wir heute im doppelten Sinn gut gebrauchen könnten: das wachsende Haus.

Schon in Istanbul muss Wagner beim Anblick der vielen Moschee- und Marktkuppeln (Bedestan) die Idee seines Igloo Hauses gekommen sein, das größte Variabilität auf kleinstem Grundriss ermöglicht. Über dem kreisrunden Grundriss erhob sich eine vorgefertigte Kuppel, außen aus Stahl, innen aber mit Sperrholz ausgeführt. Diese Igloo-Elemente konnten beliebig kombiniert werden. Ebenfalls vorgefertigte Fundamente aus Stahlbeton zeigen die Herkunft Wagners aus dem deutschen Wohnungsbau, der eben auch die Vorfertigung (Schinkel) und den Plattenbau hervorgebracht hat. Die erste deutsche Plattenbausiedlung hatte Wagner selbst entworfen, sie befindet sich in Friedrichsfelde, im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg. Der heutige Name der Splanemann-Siedlung ehrt einen kommunistischen Widerstandskämpfer, der alte Name ‚Kriegerheim-Siedlung‘ war nach zwei Kriegen für die Bewohner und den Erbauer unerträglich geworden.

Martin Wagner wurden zwar von General Motors die Patentkosten bezahlt, aber sonst fand sich kein Investor für seine großartige Idee, die für den normalen Wohnungsbau, für schnell erforderlichen Wohnraum, für Wochenend- und Zweitwohnungen, auch für den militärischen Unterkunftsbau geeignet gewesen wäre. Er stand im Briefwechsel mit seinem berühmten Kollegen Richard Buckminster Fuller, der auch schon ökologische Gedanken mit seinem ganz ähnlichen Projekt, dem Dymaxion, verband. Beide waren zu früh gekommene Denker und Konstrukteure.

Warum nun eine so großartige Stadt wie Berlin sich weder auf die in ihr geborenen Ideen besinnt noch diese Ideen überhaupt erinnert, statt dessen ein Bild des hilflosen Durcheinanders bietet, gerade auf den Gebieten, wo sie schon einmal weltweit führend war, bleibt unverständlich. Knapp hunderttausend Flüchtlinge kamen in den letzten Wochen und Monaten nach Berlin. Teils sind sie in komfortablen Containerbauten untergekommen, teils in vorhandenen Heimstätten, aber eben auch in konfiszierten Turnhallen und anderen unwürdigen Massenunterkünften. Jeder weiß, dass es dort zu Stress und Hysterie kommen muss. Warum weiß niemand Verantwortliches, dass der bedeutendste Berliner Stadtplaner einst Häuser ersann, um genau so eine Krise zu meistern. In schneller und doch ökonomischer und ökologischer Bauweise hätten Wohnstätten entstehen können, die Lücken gefüllt und die Menschen menschenwürdig und sogar komfortabel dezentral untergebracht hätten. Zudem sind diese Kuppeln ein wunderbares Architekturzitat, eine hochsignifikante Metapher für das Himmelszelt, dessen moralisierende Funktion zwar in Königsberg beschrieben, aber gleichwohl in Deutschland und anderswo vergessen wurde. Schon lange fragen sich viele Menschen, wann endlich von Berlin wieder Gedanken ausgehen von der Größe der Relativitätstheorie, Ideen verwirklicht werden von der Art des wachsenden MW-Hauses, übrigens befand sich auch das erste Kraftwerk der Welt in Berlin. Auch andere Obdachlose, denn was sind Flüchtlinge?, kann man auf diese Weise unterbringen. Überhaupt müssen wir endlich darüber nachdenken, dass es zwischen Sesshaftigkeit und Nomadentum keine Hierarchie gibt, es ist die eine Lebensweise nicht der anderen überlegen. Es ist überhaupt keine Lebensweise einer anderen überlegen. Trotzdem und gerade deswegen können und müssen wir voneinander lernen. Das wird im täglichen Kleinleben auch nicht so sehr bezweifelt, im großen Leben dagegen prallen immer wieder einmal Ideen aufeinander, darunter auch solche, die längst vom Leben widerlegt wurden. Andere, gute, wichtige dagegen stehen in der Warteschlange.

 

 

Für meine zahlreichen österreichischen Leser bemerke ich noch, dass Martin Wagner aus einer nach Ostpreußen ausgewanderten Salzburger Familie stammte. Das MW-Haus habe ich den Aufzeichnungen seines Sohnes, ‚Martin Wagner – Leben und Werk‘, Hamburg 1985 entnommen. Zwei nicht unbedeutende Quellen, Dehio und Wikipedia, geben für das Weddinger Rathaus einen anderen Architekten, einen Mitarbeiter Wagners, an.

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