OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT

 

Nr. 298

Die Episoden können sich nicht schnell genug in Anekdoten verwandeln. Die Erzähler bleiben zurück, nicht weil die Ereignisse schneller und tiefer würden, sondern weil alles sofort und weltweit berichtet wird. Nicht die Welt ist aus den Fugen, sondern alles Ungefügte ist im Moment des Geschehens schon auf den Monitoren der Welt, dann einen Tag in einer schnellen und weitgehend unreflektierten Diskussion, aber dann wird schon die nächste Episode gesendet. Die Welt, wir Menschen und unsere Ereignisse werden zu einer TV-Serie des lieben Gottes, Folge 5962. Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen, sondern wir haben keine Zeit, mit den guten Geistern zu sprechen oder auch nur auf sie zu hören. Als noch ein einziger Philosoph aus Königsberg seine Kommentare zum Weltgeschehen sandte HANDLE SO, DASS NICHT NUR DAS GUTE GESCHIEHT, SONDERN ANDERE SICH NACH DIR RICHTEN KÖNNEN, hatte man fünfzig Jahre Zeit, diese Botschaft zu bedenken und für sich anzunehmen oder abzulehnen. Keinesfalls haben früher alle Menschen alle Botschaften blindlings angenommen. Der Widerstreit der Botschaften ist so alt, dass unsere Vorväter ihn sogar in den Gründungsmythos der Welt aufgenommen haben: Gott machte zwei Brüder, einer sesshaft, der andere nomadisch, einer Ackerbauer, der andere Viehzüchter, einer sanftmütig, der andere jähzornig, einer nachdenkend, der andere handelnd, einer nach den Maximen handelnd, der andere sie durchbrechend, und dann schlägt der eine den anderen tot. Und als wäre das noch nicht genug Schaden entwickelt der Mörder eine Theorie des Mordes, nach der Mord zur Leitkultur gehört, nach der es genügt, sich um sich zu kümmern und nach der es  erlaubt sei, sich zu schütteln und zu fragen: SOLL ICH MEINES BRUDERS HÜTER SEIN? Und im Jubel über diese Unverfrorenheit, diese Schnoddrigkeit, diese vermeintliche Freiheit von Moral und Ketten, hört er die Antwort nicht, die im Weltall widerhallt: oui, yes, ya.

Diese Schnelligkeit der Nachrichten, die eigentlich nur übermittelte Episoden sind, verringert auch die notwendige Distanz zu den Mitmenschen. Wem ich helfen will und muss oder wen ich lieben will oder muss, zu dem brauche ich Nähe. Wen oder was ich verstehen will, zu dem brauche ich auch Distanz. Respekt als Sonderform dieser Distanz reicht von soldatischer oder höfischer Unterwerfung bis zu einem Aspekt der eigenen Würde. Der Begriff der Würde ist wie der Begriff des Souveräns sozusagen umgedreht worden, von einer auserwählten Elite, für die sie früher nur galten, auf alle Menschen übertragen. Ein einzelner Herrscher herrschte souverän, er musste niemanden fragen, wenn er für sich und für alle entschied. Heute muss sozusagen das Volk niemanden fragen. Es entscheidet, von wem es regiert werden will. Dieser Vorgang, dass ein ganzes Volk sich eine Ordnung und eine Regierung gibt, ist derart kompliziert, dass er ohne ständiges Stolpern nicht zu meistern ist. Die Würde wurde früher durch Insignien, sichtbare Kennzeichen meist der Macht und erblicher oder elitärer Stellungen ausgedrückt. In der Umkehrung heißt es nun, dass die Würde jedes Menschen unantastbar sei. Für die universelle Verbreitung dieser komplexen Botschaft und dieses umfänglichen Imperativs reichen natürlich siebzig Jahre nicht aus. Immer wieder gab es lange Kainsperioden, waren Kainsmale die Epauletten der Macht. Der Krieg wurde zur Natur des Menschen erklärt. Der Wolf, der Babies aufgezogen, Städte gegründet und der beste Gefährte des Menschen und der Hüter seiner Brüder wurde, wurde zu Symbol, zum Emblem der Grausamkeit, Mordlust und Falschheit gemacht, wenn er nämlich im Schafspelz daherkam. Dass wir Menschen Schafe züchten, um sie zu ermorden und nicht weniger zu fressen als der Wolf, wird vergessen und verdrängt. Die heutige Massentierhaltung der westlichen Leitkultur ist weitaus grausamer als alles, was Wölfe je Vegetariern antun konnten. Dieselbe westliche Leitkultur konstatiert bei den Afrikanern ungenügenden Respekt vor der Kreatur. In dem Wort ‚Kreatur‘ begegnen sich religiöser Sozialdarwinismus, Unterordnungsfantasien und Segregationswahn, und die Würde der Wesen in schöpferischen Prozessen. Wir sagen heute, dass die Kreatur kein niederes Tier ist, weil es keine niederen Tiere gibt, die Ameise, die schon paradigmatisch in der Bibel und im Koran erwähnt wird, ist nicht schlechter eingefügt als der Mensch, sondern eben Produkt, Schöpfung eines höheren Willens, ob er nun anthropomorpher Gott, hegelscher Weltgeist oder Evolution heißt, ist.

Die heutigen Insignienträger sind nicht mehr omnipotent, allmächtig, sondern omnipräsent, immer da. Wir blicken auf unser Smartphone und sehen Bundeskanzlerin Merkel und ihre Widersacher. Dieser falsche Fokus, auf den einst Richard Milhous Nixon, der tricky Dick genannt wurde, zum eigenen Nutzen mit der brillanten Formulierung der ’schweigenden Mehrheit‘ hinwies, derselbe Nixon, der auch die Ausnutzung der Wohlfahrt durch die Armen erfand, dieser falsche Fokus führt dazu, dass alle Nichtereignisse ausgeblendet werden. Es passiert nur das, was auf den Monitoren zu sehen ist. Das ist keine allzu neue Erkenntnis. Aber: wir sehen also die Bundeskanzlerin und ihre Widersacher, aber wir sehen nicht ihre Befürworter und wir sehen nicht uns. Aber: wir hängen zum Schluss von Kreaturen ab, die wir machten. Damit sind nicht, wie in Goethes FAUST unsere Kinder gemeint, sondern unsere Produkte. Der Mangel an Respekt folgt aus der mangelnden Distanz, diese wieder, weil das Ereignis zu wenig reflektiert, statt dessen vom nächsten Ereignis eingeholt wird. Reflexionen reduzieren sich allzu oft auf einen einzigen Satz.

So ist es möglich, dass eine Opposition, die sich national und sozial glaubt, in völliger Verkehrung der Verhältnisse ständig mit Obszönitäten und Absurditäten das eigene Land und dessen Würdenträger beschimpft und beschmutzt. Denn, obwohl die Würde jetzt bei jedem Menschen zuhause ist, gibt es in einer repräsentativen Demokratie trotzdem noch die herausgehobene Würde. Ständig präsent ist nur, wer ständig repräsentiert. Allerdings wird kaum ein Unterschied zwischen Fußballstar, Rockstar, TV-Star und Politstar gemacht. Die Leuchtkraft jener Sterne hat demzufolge eine geringe Halbwertzeit: wer kennt noch Richard M. Nixon?

Der französische Präsident Emmanuel Macron war vor ein paar Tagen bei einer Gedenkveranstaltung. Ein Junge, offensichtlich links, langhaarig und respektlos, begrüßte ihn nicht unfreundlich, aber flapsig: CA VA MANU?, was geht, Mann? Und Macron, der sowohl seine Würde als auch seine Insignien zurecht in Gefahr sah, antwortete dem Jungen sinngemäß etwa so: Das ist hier eine Zeremonie und du benimmst dich gefälligst so, wie man sich hier benimmt. Und zu mir sagst du gefälligst MONSIEUR LE PRESIDENT. Und die Antwort des Jungen ist es, die uns allen, allen voran aber diesen rechten und linken, nationalistischen, nationalbolschewistischen, segregationistischen, verlogenen und populistischen Widersachern fehlt. Die Antwort, die wir mit unserer Würde nicht so gerne vereinbaren wollen, die uns zu konservativ, zu respektvoll, zu unterwürfig, zu undemokratisch, zu unmodern erschiene, die uns aber fehlt, zu der wir uns erneut aufschwingen müssen, lautete:

OUI, MONSIEUR LE PRESIDENT.  

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WIR SCHAFFEN DAS NICHT

 

Nr. 294

Merkwürdigerweise kollidieren Gruppenzugehörigkeit und Sendungsbewusstsein nicht miteinander.  Jeder, der eine Gruppe gefunden hat, wird ihr Sprecher und fühlt sich berufen, die Unwissenden aufzuklären. Es stört die Gruppenmitglieder nicht, dass es schon unzählige Sprecher gibt. Jede Gruppe muss dennoch notwendigerweise von der Realität abweichen, kein Spiegel, über die Wirklichkeit gelegt, ist mit dieser deckungsgleich. Man kann noch so viele Kleists und Hegels zitieren, Gruppenmitglieder lassen sich nicht von der Richtigkeit und Einzigartigkeit ihrer Mission abbringen. Alle anderen Menschen werden in der anderen, falschen Gruppe der Unwissenden verunglimpft, es sei denn, sie lassen sich überzeugen.

Aber das erklärt noch nicht, warum lieber Katastrophen vorausgesagt werden als Idyllen oder Paradiese. Den steinigen Weg allein gegangen zu sein, erscheint uns heroischer als an Mutters Hand die asphaltierte Lüge zu erleiden. Wer will nicht gerne Held sein? Je mehr Menschen es gibt, desto mehr teilen die von Andy Warhol vorausgesagte Sucht nach dem Fünfzehn-Minuten-Ruhm. Nicht jeder kann selber Hitler sein, so erschien und erscheint es vielen wünschenswert, wenigstens eine zeitlang das gleiche gesagt zu haben. Hitlers, übrigens durchweg epigonale Prognosen waren nicht nur alle falsch, sondern auch zerstörerisch. Immer wieder werden Bomben entschärft, die einst gegen Hitler und seine vorausgesagten Katastrophen deponiert wurden. ‚Die Toleranz baut die Tempel wieder auf, die der Fanatismus zerstörte‘ steht in der Hauptstadt der Toleranz in eine Tordurchfahrt gesprüht. Die Konsequenz der Miesmacherei dagegen ist das Miese.

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Ganz nah verwandt mit dem Heldentum ist die Wichtigtuerei. Deshalb wird das wirklich wichtige lächerlich gemacht. Menschen, die das Gute und die Liebe voraussagen, werden als Naive und Träumer hingestellt. Kein Realist kann mehr sehen als die Realität auf seinem Teller oder in seinem Kleingarten. Noch jeder Entdecker muss ein Ikarus sein und das Scheitern einkalkulieren. Realisten, die tatsächlich glauben, dass man ohne zu scheitern gewinnen kann, können nur kopieren und konsumieren. Das aber ist der Inhalt der Langeweile, nicht der Innovation. Zwar spricht für die Diktatur, die die Regierungsform der Realisten ist, die Schnelligkeit der Entscheidungen. Aber gegen die Diktatur brüllt der Mangel an Richtigkeit, wie man an den Kreuzen in Verdun und den Ruinen in Berlin sehen kann. Wäre Rosa Parks Realistin gewesen, würde sie heute noch im Bus auf den Plätzen für die Abgesonderten sitzen und Obama wäre nicht Präsident und Michael Curry nicht Prediger auf der königlichen Hochzeit gewesen. Die Einteilung der Menschen in qualitativ unterschiedliche Gruppen ist wirklich die Voraussetzung für Katastrophen und Untergang.

Wer bestimmt weiß, dass die Welt bald untergehen wird, kann mit seinem Wissen drohen. Wir dagegen wissen, dass wirkliches Wissen zum Drohen nicht geeignet ist. Wen bedroht die Evolutionstheorie? Ein Denksystem, das auf Strafe und Belohnung beruht, vielleicht sogar weil es glaubt, dass die Welt hierarchisch funktioniert, kann nicht anders als auch zu glauben, dass die Drohung mit der Strafe die Menschen letztlich zu allem bringt. Zeitweilige Erfolge, wie der zweite Weltkrieg, geben ihnen recht. Aber jedes Kind weiß, dass und wie man den Drohungen entkommt: durch Mut. Wer hundertmal feige war, und wer war das nicht, wird beim mutigen hundertersten Mal belohnt. Trotzdem sind Drohungen leider wirkungsvoll. Drohungen sind kein Nullsummenspiel. Ihre Opfer säumen die Irrwege wie die Verkehrstoten die Landstraßen.

Apokalypse ist zudem die Projektion der eigenen Auflösung. Wir können uns nicht wirklich wundern, dass es Apokalypsen seit dem Beginn des Denkens gibt. Denn der Mensch erfährt sich als ein äußerst fragiles Wesen. Er ist von Tod und Auflösung umgeben. Der Humus ist gleichzeitig  Ende und Quelle des Lebens, so wie die Liebe gleichzeitig Sehnsucht nach Bindung und Ausschluss der Bindung ist. So gesehen ist die Voraussage des Untergangs des eigenen System oder sogar der Welt immer richtig. Jede Apokalypse hat recht. Der Streit geht um die Zeit.

Natürlich gibt es wirkliche Angst und wirklich Angst. Als wir Kinder waren, wimmelte die Welt von giftigen Insekten und Spinnen, die dann im Lichte der Aufklärung als selbst gefährdete Wesen erschienen, nicht als Gefährdung. Natürlich kann Einwanderung wirklich Angst machen: das war bei den Juden so, bei den Franzosen, bei den Polen, bei den Italienern, den Türken, den heutigen Flüchtlingen. Aber nach einer gewissen verständlichen Angst muss sich doch auch wieder der Verstand melden und  der Blick auf die Geschichte: erstens haben wir jede Einwanderung überlebt und zweitens wer ist wir? Niemand und nichts ist auch nur mit sich selbst identisch, gerade auch, weil alles vergeht und Angst und Mut uns verändern.

Ein von mir sehr geschätzter Kolumnist, Harald Martenstein, ist soeben unter Anführung aller möglichen Gründe auf die Seite der Angst übergetreten, obwohl er, wie er sagt, ein liberaler Mensch ist. Er möchte nicht, dass sein kleiner Sohn einst unter einer intoleranten, gegen die Freiheit gerichteten Herrschaft der Islamisten leben soll. Das will sicher niemand, aber wir können es nicht ausschließen. Aber Martenstein wohnt, wie ich, in der Uckermark. Bei allen Nachteilen, die wir hier hinnehmen müssen, haben wir doch einen großen Vorteil: sollten die Islamisten in Europa die Macht übernehmen, so haben wir hier in der Uckermark noch fünfzig Jahre Freiheit. Die Freiheit vom Lärm und Aktionismus haben wir jetzt schon. Und: sollte Martensteins kleiner Sohn, der so wunderbar frei in der Uckermark aufwächst, tatsächlich eines Tages von Islamisten beherrscht werden, so müsste er mindestens fünfhundert Jahre alt werden. So lange brauchen große Reiche, um unterzugehen. Im Gegensatz zu Hitler und Höcke können wir keine tausend Jahre voraussagen. Mensch, Martenstein, sprechen sie in deinem Dorf französisch?

ASYL ZEIGT DEN GLAUBEN AN BARMHERZIGKEIT

 

L’ÉTAT C’EST MOI

 

Nr. 257

Wir wissen nicht, was genau der französische König Ludwig XIV. mit diesem legendären Satz meinte, aber wir haben die wohl allgemeingültige Interpretation, dass er meinte, er sei nicht nur der Souverän, sondern geradezu identisch mit dem Staat. Aber viele Historiker meinen, er hätte den Satz nicht gesagt. Wenn es so ist, würde ein Satz, der zu einem Menschen passt, ihm deshalb zugeschrieben, weil wir wollen, dass er ihn gesagt hätte. Das würde in unser Bild passen. Wir haben also vor den Fakten ein Bild fertig, in das die Fakten passen müssen. Ludwig XIV. war aber nicht nur der Inbegriff des Absolutismus, sondern auch der Kunstförderung. Besser als den falschen Satz sollte man sich vielleicht Merkantilismus, die Förderung des Handels, und den Bau des Schlosses Versailles merken, das dazu beitrug und beiträgt, dass Frankreich damals das reichste Land der Welt und heute das besucherreichste Land ist.

Theoretisch wurde der Absolutismus, die absolute Alleinherrschaft, vor allem in Frankreich abgeschafft, praktisch auch in Preußen, Österreich, Russland und natürlich England, und dann im Rest der Welt. Rousseau erklärte das Volk zum Souverän und den Staat zur Vereinbarung. Das ist mehr als zweihundert Jahre her.

Merkwürdig ist nur, dass so viele Menschen diese Veränderung noch nicht bemerkt haben. Sie scheinen zu glauben, dass Demokratie eine neue Art der Diktatur sei, bei der man zwar wählen kann, aber diese Wahl habe keinen Einfluss auf ihr Leben. Sie gehen lieber auf die Straße und benutzen Trillerpfeifen und Sprechchöre, um zum Ausdruck zu bringen, was sie wollen. Und was sie wollen, scheint direkt dem absolutistischen Staat entnommen: sie wollen, so wie die Menschen damals in Frankreich,  nur eine andere Führung. Unter Führung stellen sie sich jemanden vor, der ihnen Geld gibt. Auch wollen sie sich in der Zeitung lesen.  Als es noch keine Medien gab, hätten sie objektiv sein können, jetzt teilen sie unser Schicksal der Subjektivität. Eine Zeitung  nur für die Trillerpfeifenleute würde sich wohl schlecht verkaufen. Fernsehsender dieser Art gibt es zwar, aber in ihnen dominiert die Unterhaltung. Die Gegenkandidaten der gegenwärtigen Sonnenkönigin, wir bleiben in unserem Vergleich, müssen also Gegenwörter finden: Gerechtigkeit statt Wohlstand. Sicher weiß Schulz aus seiner Zeit als Bürgermeister, dass es keine Gerechtigkeit gibt. So läuft er durch das Land, wie damals durch Würselen, und sagt: Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.  Der FDP-Spitzenkandidat dagegen hat erkannt, worum es wirklich geht: einen gutaussehenden Menschen, der ständig etwas sagt, was man sich aber nicht merken muss. Die Linke Partei dagegen setzt auf eine Ikone, die immer das gleiche sagt, so dass man schon vorher weiß, dass sie auf jede Frage, auch auf die nicht gestellte, die Antwort weiß. Auch sie ist für die Abschaffung des Merkelismus, ist aber auch gegen Schulz. Wahrscheinlich träumt sie auf ihrem Fahrrad vom dritten Führer aus dem Saarland, und das wäre dann sie.  Die Grünen setzen weiter auf Sachthemen, die niemanden interessieren. Man kann ihren Niedergang fast körperlich wahrnehmen. Einzig die Rede Özdemirs im Bundestag, wo er die zornigen Trittin und Fischer (wie lange ist das her) imitiert, wurde kurz bemerkt und überzeugte Frau Martha Kienschwarz, 78, aus Bochum.

Die AfD dagegen ist eine Gruppe von Menschen, in der es plötzlich erlaubt ist, unanständige, ungebräuchliche und auch sogar unerlaubte Wörter zu sagen. Wenn man aber ernsthaft überlegt, wofür oder wogegen sie sind, fällt einem nichts ein. Vom Euro ist schon lange nicht mehr die Rede. Auch Flüchtlinge sind als Thema irgendwie weg. Bleiben nur noch die eigentlichen Nazibegriffe: völkisch, überfremdet, Untergang, Volksverräter, Volksaustausch.

Wir müssen uns endlich neu orientieren. Wir sind der Souverän: in unserem Land wird gemacht, was die Mehrheit von uns will. Wir sind, wie damals König Ludwig, auf Handel und Wandel angewiesen. Wir verdienen damit so gut, dass es fast egal ist, wer hier regiert, mit Ausnahme der AfD. Selbst Frau Wagenknecht droht ja wohl nur mit der Enteignung ihres Fahrradherstellers.

Unsinnig ist es wohl der Nation nachzutrauern, die ein temporäres Konstrukt des achtzehnten Jahrhunderts war, an dessen fast permanenter Umstrukturierung eigentlich nur die Rechten gearbeitet haben. Der erste Staat in Deutschland, der langsam und zögerlich genug die Diskriminierung des Andersseins beendete und auf den überholten Nation- und Ehebegriff langsam, sehr langsam verzichtete, war die Bundesrepublik unter Führung eines steinalten konservativen Mannes.

Die Technik unterliegt einem ungeheuren Innovations- und Geschwindigkeitswahn, unsere Begriffe stolpern mit unerlaubter Langsamkeit hinterher. Schon allein auf die Formulierung ‚Wie kann es sein…‘ fehlt uns die passende Antwort, dass nämlich, wo Menschen aufeinandertreffen, immer alles sein kann. Die Empörung ist schneller als der Fakt und jede Meinung braucht eine Mehrheit, wenn sie Wirklichkeit werden will.

Meine Wahlempfehlung lautet deshalb: erinnern wir uns, dass wir der Staat sind. L’État c’est nous!

IDEAL IST KEINE WIRKLICHKEIT

 

Nr. 248

 

Das Gestern wird schon deshalb keine Wirklichkeit sein, weil es nur als Narrativ existieren kann. Die Menschen erzählen sich nicht, was gestern war, sondern was gestern hätte sein können, vielleicht gewesen war, hätte sein sollen. Der Erzähler dramatisiert seinen Beitrag entweder in Richtung des handelnden Täters oder des leidenden Opfers. Niemand gibt gerne zu, dass er zwar als Täter erscheint, aber nicht wirklich etwas getan hat (Kohl-Syndrom). Auch als Opfer kann man seinen Statut durchaus erhöhen, wenn man zu einer demonstrativ leidenden Gruppe zu gehören scheint oder gehören will oder auch tatsächlich gehört. In einem Krieg sind aber tatsächlich alle Seiten Opfer. Selbst über gravierende Fehler spricht es sich leichter, wenn man zum Schluss obsiegt hat oder so tun kann, als hätte man genau das gemeint, was schief gelaufen war (Schabowski-Tag). Die Politik bietet sich als Beobachtungsfeld für diese allgemein menschlichen Schwächen an, seit wir die Politik Tag und Nacht rund um die Uhr beobachten können. Politiker bieten sich als Projektionsfläche unserer Kritikfreudigkeit an, weil sie etwas tun oder nicht tun, was viele Menschen betrifft, weil der Bildungsgrad und die Freizeit zugenommen haben, weil Politiker sich meist nicht auf ein so hohes oder sogar hehres Ideal stützen können, wie beispielsweise Kirchenmänner oder Fußballprofis. Selbst solche offensichtlich bösen und unsolidarischen Kirchenmänner wie Meisner (und sein Schützling Tebartz mit dem goldenen Klo), Mixa und Müller konnten jahrzehntelang ihr Unwesen treiben, weil sie durch ihre Berufung auf Yesus, den selbst Atheisten achten, geschützt waren. Welcher Politiker sieht sich so von seinem Ideal, wenn er überhaupt eins hat, umfangen? Es ist keine Beschimpfung, wenn man sagt, dass es Politiker mit und solche ohne Ideal gibt. Kohl war ein Konservativer, aber er hat ohne Gewissenskonflikte die Brandtsche Ostpolitik bis zu Vereinigung Europas fortgeführt. Adenauer hätte, von seinem Geburtsjahr her, noch Nationalist sein können, war aber ein nach Westen offener Konservativer, der aber als erster westlicher Staatsmann in die Sowjetunion reiste. Angela Merkel ist so erfolgreich, dass ihre Wiederwahl immer wahrscheinlicher wird, aber hat sie eine Vision oder ist sie, wie ihr Lehrmeister und Ziehvater, eine Pragmatikerin? Zudem hat sie das Glück, dass es eine Reihe wirklich engstirniger und unfähiger Politiker gibt, die als projizierter, manche glauben auch projektierter Schrecken auf die Welt wirken. Da reicht es schon, einfach nur pragmatisch gut zu sein. Die Strahlkraft eines Trudeau oder eines Macron geht ihr ab.

Die älteste Partei in Deutschland, die Sozialdemokratie, hat ein ebenso altes und auch ziemliches hohes Ideal. Aber taugt es noch für eine zerrissene Welt, in der, obwohl Maschinen für uns arbeiten, immer noch ein Siebtel der Menschen hungert und im Elend lebt? Wenn es stimmt, was Justin Trudeau sagt, dass die Rechte Angst und die Linke Wut verbreitet, und wenn es stimmt, dass die Welt sich heute mehr in geschlossene und offene Gesellschaften teilt und es gar nicht mehr um links und rechts geht, dann ist auch der Gedanke der Parteien überlebt. Dann ist die AKP als Schutz- und Trutzgemeinschaft eines Autokraten genauso richtig wie Emanuelle Macrons En Marche-Bewegung eines Demokraten. Solche Auffangbecken des Protests sind aber auch die AfD und die Trump-Wählerschaft. Die Wirklichkeit kann sich nicht am Gestern orientieren, das wäre in einem doppelten Sinne die falsche Richtung. Von Ingeborg Bachmann stammt der schön-traurige Gedanke, dass die Geschichte zwar lehrt, aber keine Schüler finden kann. Der Mensch, der sich im Alltag gern mit hohen Geschwindigkeiten bewegt, seit Tamerlans Zeiten vom Gestern fortzujagen glaubt, sehnt sich am Sonntag gerne ins Vorgestern zurück. An dieser Haltung zur Bewegung kann man das dilemmatische und ambivalente Wesen von uns Menschen sehen. Wer nur das Gestern und nicht das Ideal erhalten will, muss für das Heute Wut und für das Morgen Angst verbreiten. Dass es trotzdem große Konservative gab, liegt daran, dass bei ihnen zwar Ideal mit dem Gestern zusammenfiel, sie aber wenigstens einmal in ihrem Leben den Schalter in Richtung der Zukunft umgelegt haben (Bismarck, Churchill, Adenauer).

Bleibt das Ideal. Das vor über zweihundert Jahren formulierte Programm der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit würden wir heute eher mit dem archaischen Begriff der Gerechtigkeit wiedergeben, der als religiöses Heilsversprechen noch mehr ins Gestern weist. Aber diese Sicht übersieht den technischen Fortschritt, der den Kampf ums Überleben immerhin stark erleichterte. Nur wird gerne technischer Fortschritt mit Menschlichkeit oder Gerechtigkeit verwechselt. Mit dem Fahrrad verbindet sich kein Heilsversprechen. Sein Anteil am Menschheitsfortschritt würde sich, unter Abzug der Umweltfolgen der Mobilität, nur sehr mühevoll berechnen lassen, obwohl er offensichtlich ist. Schon allein, dass bis zum zwanzigsten Jahrhundert jede technische Neuerung zunächst elitär war, heute aber universell ist, zeigt den Riesensprung, den die Menschheit gemacht hat. Zeitgleich änderte sich auch, ebenfalls durch die verbesserten Lebensumstände, die Gesamtzahl der Menschen so dramatisch, dass auch dies eher Ängste als Freude auslöste.

Jedem Sozialdarwinismus muss, mit welchem Ideal auch immer, die Stirn geboten werden. Seit es Menschen gibt, sind sie solidarisch. Wettbewerb ist immer nur die Ergänzung der Solidarität. Die Ausnahme hierbei ist der Krieg, aber seit dem zwanzigsten Jahrhundert wissen wir, dass der Krieg keine positiven Aspekte hat. Nichts am Krieg ist gut, es gibt keinen Sieger. Jeder vermeintliche Sieg ist pyrrhisch. Auch der sagenhafte Krieg um Theben endete mit dem folgenschweren Tod sowohl des Angreifers als auch des Verteidigers. Es bleibt eine seltsame Frage, warum die Menschheit, obwohl sie seit den Tagen von Polyneikes und Etokles oder Pyrrhos oder Hanibal weiß, dass Kriege nie mit Siegen enden, den Gedanken so spät, jetzt erst, gegen den Gedanken des freien Handels vertauscht hat. Und auch jetzt tun sich Abgründe von Widersprüchen auf. Gerade auf dem möglichen Höhepunkt der neuen Erkenntnisse, fallen ganze Völker, vielleicht aus dem Mangel an Erfolg, in die Zeit düsterer Autokratie zurück. Allerdings können wir ganz sicher sein: das Licht bleibt das Ideal und nicht die Finsternis. Ob wir an Erleuchtung glauben oder auf Aufklärung schwören, nur das Licht kann die Richtung vorgeben. Wenn man aus dem erdnahen Raum auf die Erde blickt, sieht man nicht nur die Ungerechtigkeit, nicht nur die Energieverschwendung der reichen Länder, sondern auch die Vision des Echnaton: die Sonne als Ideal und Wirklichkeit.

KOHL UND STEINBACH

 

Nr. 247

 

Manche Dinge verkehren sich in ihr Gegenteil. Andere bewirken ihr Gegenteil. Menschen widersprechen sich und anderen. Andere hassen und bekämpfen sich. Das liegt daran, dass wir zur Vereinfachung der Welt ein dichotomisches Weltbild haben: gut und böse, warm und kalt, oben und unten,  Mann und Frau, man kann nicht ein bisschen schwanger sein, das war immer so, das sind die Fakten. Die katholische Kirche zum Beispiel, die gerade wieder vor der Ehe für alle warnt, warnte einst vor den Antipoden, von denen die meisten schon gar nicht mehr wissen, wer oder was das war.

Erika Steinbach war nicht vertrieben, sie war gar nicht aus Westpreußen. Sie ist dort geboren, weil ihr Vater nahe Danzig Soldat und ihre Mutter Flakhelferin war. Trotzdem war sie lange Zeit Präsidentin des Verbandes der Vertriebenen.  Als Vertriebenenchefin  hat immer wieder das Unrecht betont, das Polen angeblich über Deutschland gebracht hat. Irgendetwas in ihrem Leben hat sie dazu gebracht, die ganze Welt immer von gestern aus zu betrachten. Als schließlich die ganze CDU an ihr vorbeigezogen war, trat sie aus ihrer Partei und hielt am vorigen Freitag ihre letzte Rede, die ihr keinen Beifall und stattdessen eine Rüge des Bundestagspräsidenten einbrachte. Beifall erhielt sie, als sie sagte, dass sie aus dem Bundestag ausscheidet.

Konservatismus ist eine politische Richtung, aber Politik ist die Kunst der Kompromisse. Steinbach kollidierte nicht mit Merkel, sondern mit Kohl. Kohl hatte als Oppositionsführer und Kanzlerkandidat ähnlich vollmundig wie Trump die Rücknahme der Politik seiner Vorgänger angekündigt. Gemeint war der Ausgleich mit dem Osten und die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Das war die spektakuläre und visionäre Außenpolitik Brandts. Sie hat letztlich zu deutschen und europäischen Vereinigung geführt. Schmidt dagegen bekämpfte dem ultralinken Terror der RAF und erfand den NATO-Doppelbeschluss. Da gab es für Kohl, der Schmidt 1982 mit einem konstruktiven Misstrauensvotum, ermöglicht durch den Seitenwechsel der FDP, ablöste, nichts zurückzunehmen. Das alles muss Steinbach verschlafen haben. Kohl hat dann während seiner sechzehn Jahre als Kanzler den Nationalstaatsgedanken zugunsten der europäischen Union samt gemeinsamer Währung aufgegeben. Der Grund dafür war sicher nicht die deutsche Wiedervereinigung, die niemand ahnte. Später aber zeigte sich, dass die europäische Einigung die Kompensation für das vereinte und erstarkte Deutschland verstanden werden könnte. Das Rathenau-Modell, zu produzieren und nur durch die Qualität und Quantität der Produkte Absatzmärkte zu sichern, ist letztlich durch den konservativen Kohl durchgesetzt worden.

Kohl war kein Ideologe. er verstand sich als Machtmensch und Politik als pragmatisches Handeln. Kohl polarisierte in seiner Partei, konnte Menschen gewinnen und wegbeißen. Nur einmal hat er auch außenpolitisch polarisiert, aber diesen krassen Fehler sofort korrigiert. Nach dem Machtantritt Gorbatschows hielt er dessen Reformkurs für einen propagandistischen Trick und verglich ihn mit Goebbels. Diese Korrektur zeigt, dass Kohl die Größe hatte, die weit über die Verspottungsbegriffe hinausging, mit denen er gerne belegt wurde. Größe bewies er auch, als er im dichotomischen Wettstreit mit dem zwergenhaften Kanzlerkandidaten der SPD auf die Währungsunion setzte und damit die DDR mit einem Federstrich wegschob. Das wiederum verletzte die letzten verteidiger der DDR, und das waren erstaunlicherweise ehemalige Bürgerrechtler und Widerstandskämpfer auf der Seite und Betonköpfe der SED auf der anderen Seite. Das war eine winzige Minderheit. Angst dagegen hatten viele. Steinbach scheint auch das verschlafen zu haben. Vielleicht kam sie 1990 in den Bundestag nur durch die Konjunktur der CDU. Jedoch setzte sie ihren Marsch rückwärts fort. Sie trat aus der evangelischen Kirche, die ihr zu modern war, und schloss sich jener Splittergruppe* an, die sich um 1850 gegen die Modernisierungsversuche des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. gebildet hatte.

Kohl dagegen konzentrierte sich in den nächsten Jahren auf ein neues Ziel: die europäische Einigung, deren eine Dimension er zusammen mit dem CSU-Führer Theo Waigel erreichte, die gemeinsame Währung. Die zweite notwendige Dimension, die Aufgabe der nationalen Souveränität zugunsten eines funktionierenden europäischen Parlaments und der dazugehörigen Regierung, bleibt weiter umstritten. Einleuchtend ist es aber, dieses Europa der Regionen, denn die Nationalstaaten sind Konstrukte des neunzehnten Jahrhunderts und seiner Kriege bis hin zum zweiten und letzten Weltkrieg.

Auch Kohl war ein Konservativer. Er hielt sein Ehrenwort höher als die Gesetze. darin steckt eine letztverbliebene konservative Verachtung der Demokratie. Sie hat ihm und der CDU nur geschadet. Überhaupt ist Kohl mit seinem eigenen Erbe schlecht umgegangen. Während Adenauer und Brandt zurecht kultisch verehrt werden, und Schmidt sich ein Leben als elder statesman erarbeitet hat, nach dem er hochgeachtet starb, hat Kohl, und darin zeigt sich seine Kleine, seinen Ruf auf lange Zeit verdorben. Groß war er ohnehin nicht, aber ein bedeutender Pragmatiker, den die zeit mit Erfolg verwöhnt hat und dem wir in Europa demzufolge viel verdanken.

Wenn es für Kohl eine Gnade war, so spät geboren zu sein, dass er nicht mehr schuldig werden konnte, er war fünfzehn Jahre alt, als der Krieg zuende ging, so war es für Steinbach scheinbar eine Strafe, zu spät geboren zu sein, um all das verantworten zu dürfen, für das sie sich später einsetzte. Warum hat sie Polen beschimpft? Warum hat sie sich immer gegen Versöhnung ausgesprochen? Wir sollten nicht nur nicht gegen Versöhnung sein, sondern unsern Nachbarn danken, dass sie uns verziehen haben. Aber auch das ist ein Satz von gestern. Denn in Wirklichkeit ist die Gegenwart des letzten Krieges zum Glück im Nebel der nachfolgenden Generationen und eingewanderten Mitbürger verschwunden.

Steinbach glaubte, wegen Merkels humanitärer Flüchtlingspolitik nach rechts ausweichen zu müssen. Aber sie landete im Orkus der Unmenschlichkeit und damit des Verbrechens. So hart kann Dichotomie sein.

 

 

* die altlutherische oder selbstständige lutherische Kirche