DIE WELT, DIE ICH MIR WÜNSCHTE

Nr. 213

Als ich ein kleiner Junge war, gab es wenige Autos und wenige Autofahrer, und sie hatten noch den Grundsatz gelernt, dass Motorkraft vor Muskelkraft geht. Autos hatten Vorfahrt. Die Muskelkraft wurde auch dem Geist vorgezogen, und so wurden wir Kinder, je nach der Kraft unserer Erziehungsberechtigten und weniger Berechtigten mit Ohrfeigen, Kopfnüssen, Ohrendrehen und auch mit der einen oder anderen ‚Tracht Prügel‘ zur vermeintlichen Ordnung gerufen. Aber was war das für eine Ordnung? Die Erwachsenen hatten gerade den zweiten Krieg ihres Lebens verloren, aber sie konnten und wollten nicht einsehen, dass damit auch alle ihre wirklich falschen Ordnungs- und Gedankengebäude zusammengebrochen waren. Ruinen waren nicht nur die Kirchen und Schulen, die Fabriken und Wohnhäuser, sondern auch die Pfarrer und Lehrer, Fabrikdirektoren und Hausbesitzer. Einmal waren sie Ruinen im wörtlichen Sinne: ihnen fehlten Arme, Beine, Augen… Vielleicht kommt daher das Wort Elternteil. Zum anderen aber verstanden sie die Welt nicht mehr und brüllten daher ihre Gedankenfragmente in die Ruinen, in denen wir, die Kinder jener Zeit, geduckt saßen. In die beiden deutschen Länder hinein, die allerdings am Anfang noch viele Klammern, wie etwa Verwandte und Radiosender, hatten, wurde die Vision des jeweiligen Siegers verbreitet. Dass der Kommunismus nur aus mehr oder weniger epigonalen Textbausteinen bestand, so wie vor ihm der Nationalsozialismus auch, war schon deshalb nicht gleich erkennbar, weil über den Kommunismus eine Folie des Antifaschismus gelegt wurde. Die Volksweisheit, dass man die Kleinen hängt und die Großen laufen lässt, galt in beiden Deutschländern. Auch im Westen ist die Demokratie erst angenommen worden, als wir schon mitten im Generationskonflikt feststeckten.

Als ich ein kleiner Junge war, träumte ich von einem Fahrrad und von fernen Ländern. Mit dem Fahrrad fuhren die sich langsam wieder einordnenden Väter zur Arbeit. Es hatte keinen sportlichen Aspekt, sondern diese Schwerfälligkeit und Langsamkeit der Väter und Großväter, die für die Arbeit zuständig waren und nicht für das Vergnügen. Trotzdem lernte ich früh Fahrradfahren, ohne Hoffnung auf ein eigenes. Von fernen Ländern zu träumen war leicht. Noch war die grüne Grenze, so wurde sie genannt, offen. Mein Taschengeld dagegen reichte noch nicht einmal für eine Bahnsteigkarte. Ich hatte kleine Stapel von Briefmarken und Geldnoten geerbt, die materiell nichts wert waren, aber meinen Horizont erweiterten. Mit meinem ältesten Freund habe ich Landkarten in den Sand gemalt. Figuren und Wörter in den Sand zu malen, ist nicht nur ein Ausdruck von Abwesenheit, sondern auch von Vision, Traum, Fantasy, die man damals noch mit PH und IE schrieb. Wir haben damals von Ländern geredet, die niemand kannte und die es auch gar nicht mehr gab: Montenegro, Bosnien, Estland und San Marino, das es zwar gab, das faktisch im Schutz seiner Unbekanntheit lag, gegen die aggressive Kirche aber auch ein Heer ausgebildet hatte. Die letzte Todesstrafe wurde in San Marino 1468 vollzogen. Österreich erklärte San Marino den Krieg und Großbritannien warf trotz Neutralität und Grenzkennzeichnung durch riesige weiße Kreuze Bomben ab, und allein daran kann man die Unsinnigkeit und den Nichtsnutz von Aggression, Militär und Macht sehen. Demokratie und Kommunismus waren in San Marino sogar zeitweilig vereint, als kommunistische Kapitänregenten gewählt worden waren. Mit solchen Problemen haben wir uns beschäftigt, als wir kleine Jungen waren.

Als ich ein kleiner Junge war, waren Männer noch Männer und Frauen noch Frauen, rechts war rechts und links war links, Schwarze waren Schwarze und Weiße Weiße, und so weiter, das ganze dichotomische Lexikon herauf und herunter. Aber jeder in meiner brandenburgischen Kleinstadt kannte die Katzenfresserin und den alten Mann in Frauenklamotten. Jeder wusste, dass der Oberkommunist früher Nazi war. Später kannte jeder den berüchtigten Satz von Filbinger: Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein. Der erste Schwarze, den ich gesehen habe, wurde von einer Kindergruppe freundlichst begrüßt: Neger, Neger, Schornsteinfeger sangen sie oder waren es wir, die so sangen? Der erste Schwarze, mit dem ich befreundet war, wurde von den Konkurrenten seiner Leute erschossen, weil er in der falschen Befreiungspartei war. Der Befehlsgeber der Mörder ist der heute absurdeste Führer eines afrikanischen Landes. Heute kommt mir selbst die politisch korrekte Bezeichnung colored nations oder Schwarze inkorrekt vor, weil es keine Unterschiede gibt.

Als ich ein kleiner Junge war, träumten wir von Maschinen, die die Straßen fegen würden, denn die Straßen wurden von Losern gefegt und der Beruf galt als das allerletzte, was man erreichen konnte, wenn man nichts erreicht hatte. Der Müll wurde von Pferdewagen abgeholt, auf denen dreckige schlechtbeleumdete alte Männer saßen, die direkt aus den Geschichten aus der Murkelei von Hans Fallada entstiegen zu sein schienen. Hans Fallada ist der Dichter, der nicht so hieß, wie er hieß, der drogensüchtig und hochbegabt, Mörder ohne Abitur und Kreator ohne Studium gleichzeitig war, und obwohl er in der bürgerlichen Gesellschaft als ‚dauernd untauglich‘ galt, ist er bis heute äußerst erfolgreich. Wir träumten von Maschinen, die die Teller wüschen und die Dinge bauten, die wir verbrauchen würden, wenn wir so reich wären, wie wir heute sind. Wir träumten solange von Maschinen, sie waren auch in unseren Lesebüchern abgebildet und entsprangen der Fantasy von Fantasten gleich uns, bis wir von Maschinen umstellt, in Maschinen eingeschlossen, Gefangene unserer Fantasy waren. Wer sich schon einmal in einem Gebäude befand, nachdem die Alarmanlage eingeschaltet hatte, weiß, wovon hier die Rede ist. Wieder sind es die Romanschreiber und Filmemacher, die Maler und Fantasten, die uns die Alternative einer nie alternativlosen Welt zeigen: Jean Tinguely baute mit seinen absurden Maschinen die absurde Welt nach. Lange Zeit ist die Musik, die aus Geräuschen und Krach besteht, missverstanden worden: auch sie malt, wie Rembrandt, die Welt ab und nach: laut und sinnlos zieht sie ihren Umweg. Was uns früher als reine Dichotomie erschien, zeigt heute sein wahres Gesicht als Unschärfe.

Warum ist denn das Leben falsch? Es ist falsch, weil es nicht richtig sein kann. Es kann nur gut sein, wenn du aus der Maschinenwelt hinaustrittst, wenn du auf das falsche, aufgezwungene, vorgeschriebene, aus Text- und Legobausteinen bestehende Leben der anderen verzichtest, wenn du aufhörst, über den Verzicht der anderen zu lachen. Du musst dich selber nach dem Weg fragen, nicht deine Navigationsmaschine, du musst dich selber bewegen, nicht nur auf das Gaspedal deines Selbstbewegermaschine genannten Semiautomaten drücken, das Selbstbewegende bezog sich auf den Verzicht auf Pferde, die so schön und schnell und treu sind. Die Renaissance des Fahrrads in Amsterdam und Kopenhagen und Münster und Berlin, die Renaissance des Gesprächs, wenn die Geräte abgeschaltet sind, die Renaissance der maschinenlosen Welt jenseits der Schlachthöfe und jenseits der Betonvorstädte ist vielleicht die Alternative, die Zukunft der Menschheit, der Menschheit, nicht der weißen absurden stupiden Automateneuropäer in ihren fliegenden und sausenden kohlenstoffdioxiderzeugenden und energieverbrauchenden Kisten mit Monitoren und Kopfhörern und Telefonen, die alles können außer Espresso und Liebe. Glaubt mir, unser Leben ist ein Sinus, kein Kreuz.

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STORDEUR: Der indische Junge in der TINGUELY-Maschine. Amsterdam 2016

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MENSCHEN KANN MAN NICHT WÄHLEN

Nr. 168

Dass man sich seine Eltern nicht aussuchen kann, dürfte allen bekannt sein. Man ist hineingeworfen in ein Elternhaus, und daraus sind ganz sicher die Begriffe von Schicksal, Vorbestimmtheit, aber auch Geborgenheit und behüteten Wege entstanden. Trotzdem ist es nicht sinnvoll, sich einen anderen Vater, weil er im Familienverband oft die fragile Rolle hat, oder eine andere Mutter zu wünschen, weil dieser Wunsch der Selbstverneinung gleichkommt. Es ist so, als wollte man seine Eltern umbringen, bevor man selbst gezeugt wurde. Man muss sich selbst anzunehmen lernen.

Die Kinder wurden früher so lange geprügelt oder gedemütigt, bis sie so wurden oder so zu sein vorgaben, wie es die Eltern als Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft wollten. Sicher hat es immer schon Eltern gegeben, die sich dem Mainstream widersetzt hatten und bei ihren Kindern alle Fünfe gerade sein ließen. Das wird immer eine Minderheit gewesen sein, genauso wie die traumatisierende Erziehung durch die Schwarze Pädagogik Ausnahme blieb. Gewalt wird heute in der Erziehung mehrheitlich abgelehnt, und langsam dämmert uns, wie sehr wir von anderen Menschen lernen können. In Afrika gibt es das schöne Bonmot, dass man zur Erziehung eines Kindes immer ein ganzes Dorf braucht. Das will sagen, selbst die besten Eltern sind Versager, weil das wahre oder wirkliche Wesen eines Menschen nicht erkennbar ist. Das Wesentliche kann nur erahnt werden. Keinen Menschen, noch nicht einmal uns selbst, können wir genau kennen. Es bleibt immer ein Lernen, und auch deswegen ist lernen immer besser als regeln. Als bestes Instrument der Erkenntnis erweist sich die Liebe oder wenigstens die Empathie.

Daraus folgt, dass man sich seine Kinder auch nicht aussuchen kann. Sie suchen sich selbst ihren Weg. Aber auch das Suchen muss man erst einmal finden. Mit jedem Fund entfernen sich die Kinder von den Eltern, aber nur um sie dann ganz wiederzufinden. Bis auf wenige Ausnahmen ist es uns nicht gegeben, uns weit von unseren Ursprüngen zu entfernen. Wir bleiben immer der Apfel, wenn wir vom Apfelbaum stammen, selbst wenn wir ihn oder uns reformieren, deformieren, programmieren, revolutionieren, zur Mutation oder Konversion zwingen oder bringen.

Genauso evident ist die Zufälligkeit von Nachbarn, Kollegen, sogar Freunden und Geliebten, die mathematisch und von ihrem Ergebnis her gesehen mit der Vorbestimmtheit zusammenfällt: wir können sie uns nicht aussuchen. Erkenntnisse kann man drehen und wenden, um einige kommt man nicht herum, im Gegenteil, sie breiten sich über die Dinge aus, die nicht voraussehbar war: zunächst hielt man die Antipoden für Ungeheuer, dann entdeckte man durch den berühmten Apfel die Gravitation, schließlich die Massenanziehung und dann die Äquivalenz von Masse und Energie. Einstein ist viel berühmter als seine Lehre. Und so ist es auch mit der Erkenntnis über den Menschen: zunächst ging man von einer universellen, generalisierten aus, doch je tiefer wir eindrangen, umso mehr erkannten wir, das wir nicht erkennen können. Wir waren oder sind füreinander bestimmt, sagen zwei Liebende, und das heißt doch nichts anderes, als dass es gestimmt hat. Über die Ursache sagt das nichts. Auf die Verwandtschaft von Bestimmung und Stimmung hat schon Shakespeare hingewiesen, von dem auch die mathematischste aller Liebesdefinitionen und Weisheiten über den Menschen stammt, die sicher nicht zufällig in seiner größten und schönsten Liebestragödie steht: the more I give the more I have [Romeo and Juliet II2] .

Da das Skript nicht erkennbar ist, müssen wir uns mit den Narrativen behelfen. Und all die Narrative der ältesten und entferntesten, aber auch der nahen und nächsten  Kulturen sagen eigentlich nur zweierlei: geben ist besser als nehmen, tu einem anderen nur an, was du dir selbst antust. Das setzt die mögliche Anonymität des anderen voraus und es lässt Raum für Transzendenz, denn das andere kann auch gut ein höheres sein, der Lenker aller Dinge, wie es in der Barockdichtung und im Koran so schön heißt. Jedoch: ein Narrativ ist endlich, die Natur dagegen ist unendlich, auch die Natur des Menschen.

Wir müssen in der und mit der Natur leben, die wir vorfinden. Alle Rechthaberei führt uns nur ins Leere. Alle Menschenmäkelei – und auch dieses Wort ist ein barockes Zitat – ist sinnlose Menschenfeindschaft. Ein Menschenfeind ist immer auch ein Feind von sich selbst, ein Opfer also, kein fröhlicher Sucher. Das Leben besteht aus suchen. Allerdings sollten wir keine Antworten suchen, sondern nur Fragen. Allerdings sollten wir nicht die Welt infrage stellen oder unsere Mitmenschen, sondern uns selbst und unsern Weg. Mit den Navigationsgeräten, vom Kompass bis zum Tomtom, ist uns eine schöne Metapher für das Irregehn gegeben. Wir gehen notwendig in die Irre, aber das Lächeln eines Mitmenschen kann uns in unserer Sackgasse trösten. Wer mir ein Wort beibringt, dem diene ich tausend Jahre [Ali ibn Abi Talib]. Das ist ein dem Apfelbaum ganz ähnlicher Gedanke. Der Apfelbaum mag sogar von Unwissenden und Irrenden gefällt worden sein, aber längst hatte der Geschmack der Äpfel Mensch und Tier erfreut, hatte die Kerne die Botschaft des Apfelbaums in alle Welt getragen.

Immer wieder hört man. Der ist schlecht, jener böse, dieser versteht mich nicht, der ist unwissend und rachsüchtig. Immer wieder muss man dagegen andenken: ich will das Gute, warum tue ich es nicht, ich war böse, lass mich das nächste mal besser sein, lass mich so reden, dass man mich versteht, lass uns wissen verbreiten wie Apfelkerne, lass uns Rache auch nur als Ahnung ablehnen und ablehnen. All diese wunderschönen Metaphern oder Wahrheiten – wer weiß es? – von der engen Pforte und dem schmalen Weg, von dem Pfad, der schmal wie ein Haar und scharf wie ein Messer ist, aber allein zum Guten führt, alle anderen fallen siebzig Jahre tief, lasst sie uns endlich beherzigen und glauben. Der Glaube an Gott ist immer auch der Glaube an Menschen. Der Glaube an Menschen ist immer auch der Glaube an Gott. Das ist der Kern.