ALLE BESCHRÄNKUNG BEGLÜCKT*

 

Nr. 343

Das Talent gleicht dem Schützen, der ein Ziel trifft, welches die Übrigen nicht erreichen können; das Genie dem, der eines trifft, bis zu welchem sie nicht einmal zu sehen vermögen… SCHOPENHAUER, Die Welt als Wille und Vorstellung, Kapitel 31, Großherzog Wilhelm Ernst Ausgabe, Leipzig 1917, S. 1157

Man kann jeden Satz zur Rechtfertigung seiner eigenen Beschränktheit missbrauchen, aber dadurch heben sich die Schranken nicht auf. Vielmehr sehen wir das ganze neunzehnte Jahrhundert  damit beschäftigt, die Schranken der dichotomischen Betrachtungsweisen zu überwinden. Schranken und Hürden werden so mobil wie der Mensch selbst. Mit dem Pferd verschwindet auch das Joch als realer Gegenstand und als Metapher. Allerdings darf man sich den Fortschritt nicht linear vorstellen, als einen sanften Hügel, auf dessen Spitze der Olymp wartet und das Ende der Geschichte. Hegel, dem wir das so ausgearbeitete Fortschrittsmodell verdanken, wohnte am Kupfergraben, während Schopenhauer um die Ecke in der Dorotheenstädtischen Straße versuchte, der hegelschen Dominanz dadurch zu entgehen, dass er seine Vorlesungen auf den gleichen Zeitpunkt legte. Da konnte man nun hören, dass der Mensch nicht zu seinem Glück geboren ist. Nur wer von einer solchen Glücksvorstellung ausgeht, und sei sie auch nur am Ende des Berges erreichbar, wird die Welt voller unüberwindbarer Widersprüche finden. Und was ist dann leichter, als zu einfachen Gegensatzpaaren zurückzufinden.

Schopenhauer und später auch Nietzsche sind als Zeitgenossen missverstanden worden. Nietzsche verdankte diesem Missverständnis seinen Ruhm und seinen Wohlstand als Bestsellerautor. Beide fanden sich in den Tornistern der Leichen von Langemarck und Verdun. Aber beide meinten nicht, dass es zwischen den Eigentlichen und den Übrigen eine Entscheidung oder gar eine Entscheidungsschlacht geben würde oder auch nur geben könnte. Unter den Eigentlichen, von Schopenhauer Genie im Sinne des Sturms und Drangs seiner Lehrer genannt, von Nietzsche gar Übermensch, sein Vater, der schwächliche Pfarrer schwärmte vom preußischen Leutnant als gewissermaßen gezüchteter Idealfigur, verstanden die beiden wohl eher den fitten Leser.

Sowohl Fitness als auch Bildung durch Lesen sind unendliche, universale und multiple Tätigkeiten. Man ist zwar Leser, aber jeder Leser weiß von der unendlichen und jeden Tag wachsenden Menge Lesestoff. Mit jedem neuen gelesenen Buch erschließen sich tausend ungelesene. In jedem Buch steckt eine ganze Welt. So wie der Leser vor einem Berg Wissen, Deutung und Erzählung steht, so muss der Sportler jeden Morgen neu anfangen, seinen einerseits perfekten, andererseits nie fertigen Körper zu trainieren und zu formen. Jeder Dorfschullehrer weiß, wie schwer die beiden zu vereinen sind. Schopenhauer und Nietzsche haben sozusagen die letzte Elite beschrieben, um sie zu überwinden.

Der neue Mensch ist nicht zu konstruieren, schon gar nicht im Rückgriff auf die Vergangenheit. Die Beschränkungen sind zu durchbrechen oder wenigstens mobil zu gestalten, wie eine Bahnschranke, auch sie ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Allerdings müssen wir mit dem Unglück leben, das wir uns selbst geschaffen haben, indem wir als Ideal das Unendliche sehen, nicht das beschränkte Endliche.

Es ist völlig unverständlich, wie die Partei der Staatsgläubigen und Zeitungszitierer sich ausgerechnet auf Schopenhauer und Nietzsche berufen will, die das Gegenteil dessen waren, was jene anstreben. Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen, schreibt Schopenhauer in den Aphorismen zur Lebensweisheit, ist der Nationalstolz. Er ist das Substitut einer gewesenen oder nie gewordenen Persönlichkeit, das Glück der Beschränkten. ‚Jede Nation spottet über die andere, und alle haben Recht.‘ Das schlimmste Unglück ist es aber, nicht weiter zu lesen. Die meisten berühmten Zitate haben eine Fortsetzung: Ein Deutscher, schreibt Nietzsche, ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass er sie tut. Doch dann fährt er fort: denn er gehorcht, wo er kann.** Er gehorcht den Regeln und Führern, den Traditionen und Gesetzen, den Vätern und den Müttern; und wenn der Schutzmann sagt: gibs auf!***, dann trollt er sich in sein selbst verschuldetes Gefängnis. Und diesen hässlichen Deutschen gibt es überall auf der Welt. Aber es gibt, zum Glück, wenn schon nicht glücklichmachend, auch Schopenhauer .

 

*Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, Leipzig 1918,  V, 6

** Nietzsche, Morgenröte, § 207

*** Kafka

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DER WÄRE 1933 MITMARSCHIERT (2)

 

Nr. 307

Die Rechten wollen nicht mehr Rechte sein, die Linken nicht mehr Linke. Die Reichstagsmetaphern haben ausgedient. Zwei Linien scheinen sich zu kreuzen, deren Wirkung wir noch nicht ganz verstehen: auf der einen Seite haben Bildung, Demokratie, Wohlstand und Freiheit zu einer Individualisierung geführt, die früher und für manche heute noch nicht vorstellbar war und ist; auf der anderen Seite gibt es ein Überangebot von meist überflüssigen Informationen, so dass sich zwar jeder ein Urteil bilden könnte, aber wir alle sind gehindert durch unsere wachsende Inkompetenz.

Als Information oder Nachricht werden viertelstündlich auch Absichtserklärungen von Hinterbänklern der Parlamente verbreitet. Minderheiten, rechts und links der immer wieder beschworenen Mitte der Gesellschaft, werden überdurchschnittlich oft zitiert. Wir wissen genau, was Gauland und Wagenknecht gestern gesagt haben, aber wir verstehen immer weniger, dass Politik ein äußerst kompliziertes Geflecht von Versuchen und Kompromissen ist. Trump gibt mit seinem fortwährenden Getwittere sogar bessere Einblicke in dieses Kontinuum von Widersprüchlichkeiten als mancher seriöse Politiker, der noch alte Vorstellungen von Diskretion hat. Auf der anderen Seite müssen die Bilder eines betrunkenen Kommissionspräsidenten der EU für deren Schwächen herhalten.

Die ganze Menschheitsgeschichte hindurch, also lange vor rechts und links, zeigen sich zwei Tendenzen, die deshalb auch in den alten Schriften stehen: dass nämlich jegliches seine Zeit hätte und dass uns die Übel, die wir haben, leichter zu ertragen sind als die unbekannten kommenden. Formuliert haben das der weise König Salomo, in der Antike wurde das Buch Kohelet, Sammler, genannt, der andere Sammler ist Shakespeare in seiner Tragödie über den Zauderer, im berühmten Monolog. Die andere Seite der Vergänglichkeit ist jenes: Turn! Turn! Turn! To everything there is a season. Dieses Zitat ist aus dem Lied eines Linken und meint sicher die Aufforderung, die Welt zu verändern. Dass diese Veränderungen keine Verbesserungen waren, wissen wir heute. Aber bei dieser Kritik wird leicht übersehen, dass jenes turn, turn, turn einfach auch eine Beschreibung der Welt ist: alles ändert sich. Unsere Interpretation will dagegen, dass vieles so bleibt wie es ist. das beschreibt Shakespeare im Hamlet und das ist wohl der Grund, warum das Drama seit vierhundert Jahren auf der Bühne und das Zitat in aller Munde ist. Wie eine Illustration dazu wirkt das eigenartige Verhalten der Politiker, die sowohl die Ausreise als auch die Einreise verhindern wollen. Alles soll so bleiben. Die Menschen aber gehen den Veränderungen der Natur, der Kultur, der Politik, des Marktes nach und verändern sich mit ihnen. Das kann man mit Beharren, aber auch mit Wandern. Als Millionen Deutsche oder Iren ihr Land verließen, gab es hilflose Versuche der Politik, dies zu verhindern. Als Millionen Deutsche 1945 ihre Heimat verließen, gab es hilflose Versuche, ihre Ankunft genau in dieser Stadt oder in diesem Dorf zu verhindern. Der Vorwurf: ihr seid Zigeuner, geht dahin zurück, woher ihr kamt. Allerdings griff hier die Politik moderierend ein. Die Industrialisierung wurde als grundstürzende Veränderung verstanden, Millionen Menschen wurden heimatlos und zogen in die Städte. Grenzen verschoben sich, Völker wurden zwangsumgesiedelt. Aber am Rand des Geschehens steht immer eine kleine Gruppe mit einem Deutschlandhütchen auf dem Kopf oder einem roten Fähnchen in der Hand und ruft STOP. Im Raum kann man anhalten und sogar rückwärts fahren, in der Zeit geht das nicht. Obwohl fast nichts gestern besser war als heute, inzwischen gibt es eine schöne Buchserie dazu, sehnen wir uns nach einem scheinbar sicheren Gestern. Weil es nicht so schön ist zu altern, sehnt man sich nach seiner Jugend zurück, nicht weil man deren Unsicherheit und Unfreiheit plötzlich höher schätzt. In Russland sehnen sich viele Menschen nach der Sowjetunion, nicht weil sie plötzlich wieder nach Lebensmitteln anstehen wollen, sondern weil sie sie besser kannten. Es gibt Menschen, die von der DDR träumen, weil sie die Wundräder nicht verstehen. Andererseits gibt es erstaunlich viele Menschen, welche noch im hohen Alter nach vorne sehen und keinesfalls die Stillstandspartei oder die Zwangsfortschrittsparteien wählen. Erstaunlich viele Menschen verstehen, dass die Welt täglich komplexer und damit weniger evident wird. Das hindert die anderen vielen nicht, es umgekehrt zu sehen.

Die Welt ist nicht logisch, alle Versuche, sie in ein Schema des Verstandes allein zu zwängen, sind gescheitert. Allen voran ist es Hegel gewesen, der das Werden mit Fortschritt und das Unverständliche mit dem Mangel des Verstandes erklärte. Aber kaum war Hegel ein ‚toter Hund‘, wurde schon im sächsischen Dorf Röcken der kleine Nietzsche geboren, der schon als Schüler die Welt in Erstaunen versetzte: „Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn, der Telegraph sind Prämissen, deren tausendjährige Konklusion noch niemand zu ziehen gewagt hat.“ Nicht Reiche währen tausend Jahre, sondern unabsehbare Konklusionen, und deshalb lohnt es, den alten weisen König Salomo immer wieder zu lesen, Shakespeare ist uns ohnehin nah.

Wer die Welt anhalten will, hat schon verloren. Überall werden solche Parteien gewählt, weil viele Menschen an die einfachen Lösungen glauben wollen. Aus ihrem täglichen Leben wissen sie es besser, aber sie versuchen es zum wiederholten Mal: vielleicht ist der US-Imperialismus schuld, oder Rothschild oder Rotfront, die Immigranten oder die Auswanderer, die Politiker oder die politikverdrossenen Wähler, die Kirche oder die Ungläubigen, der Werteverlust oder die Konservativen.

Die Frage ist falsch gestellt. Es ist niemand schuld. Und wenn jemand schuld wäre, würde seine Erschießung auch nichts am Lauf der Welt ändern. Obwohl Tuchatschewski erschossen wurde, hat Russland im zweiten Weltkrieg gewonnen, obwohl Rathenau erschossen wurde, ist Deutschland Exportweltmeister geworden, obwohl Martin Luther King und Kennedy erschossen wurden, wurde ein Afroamerikaner Präsident der USA. Die Schuldfrage ist die personalisierte Warumfrage. Auch sie kann man nicht beantworten. Wir wissen meist noch nicht einmal, was gestern war, aber diskutieren die Steinzeit. Das Gedächtnis ist exorbitant, aber selektiv. Der amerikanische Präsident, der die falscheste und nationalistischste These aufgestellt hat, vergaß gestern, wie die amerikanische Flagge aussieht. Das ist auch nicht schlimm, denn eine Fahne ist ein Stückchen Tuch, das morgen verweht und vergangen sein wird.